Der Trieb bei J. G. FICHTE und S. FREUD – 4. Teil

Der Trieb scheint eine anthropologische Grundkonstante unseres Seins zu sein. Aber was meint „Trieb“ genauerhin? Ist er eine naturale Kraft, die sich bio-chemisch in unseren Nervenzellen in einem Reiz-Reaktionsschema abspielt, oder ist er eine geistige Kraft, die hinter allem Lebendigen angesetzt werden muss? Es ist eine Frage der Erklärung (den Wissbarkeitsbedingungen nach), was das Phänomen „Trieb“ eigentlich ausdrücken soll. Da Sigmund FREUD sowohl von der empirischen Richtung der medizinischen Beobachtung wie auch von einer impliziten,  philosophischen Gesamtdeutung der Wirklichkeit des Menschen ausgegangen ist, hat er psychische Phänomene auf dem Hintergrund vieler philosophisch-metaphysischen Grundannahmen gemacht,  die als solche gerade nicht aus neurologischen Messungen oder empirischen Beobachtungen und sensorischen Gefühlen stammen konnten.

1) Apriorische Grundbedingungen

Allein jede Theorie, die aus induktiver Messung hervorgeht, bedarf wissenschaftstheoretisch allgemeiner Aussagen und Axiome, die gerade nicht empirisch sind. Selbst auf der untersten, basalen Ebene der sinnlichen Wahrnehmungen und Beobachtungen liefern die Sinne selbst bereits ein apriorisches Muster und eine deduktiven Form des Verstehens. 1

Die sinnliche Erfahrung könnte keine Erfahrung sein, wenn nicht transzendentallogisch die Sich-Bezüglichkeit des Wissens und damit die Mannigfaltigkeit der Anschauungs- und Denkformen (Kategorien, Reflexivformen, Ideen) vorhergingen, um die Qualität  und Quantität der sinnlichen Erfahrung überhaupt wahrnehmen und bestimmen zu können. Jede Wahrnehmung ist bereits ein Komplex vieler apriorischer Faktoren, ist apriorisch geformt und gebildet von den
a) individuellen Sinnesvermögen (z. B. Temperatursinn, Tastsinn, Geschmacksinn, Geruchsinn, Gesichtssinn, Gehör),
b) dem hierarchischen Zusammenhang der Sinne und
c) der sich in ihnen zeigenden Strukturen des theoretischen Vorstellens und praktischen Strebens in ihrer Zweckgerichtetheit. 2

Offensichtlich war Ende des 19. Jhd. in Wien der transzendentale Ansatz des Erkennens, d. h. dass zuerst die (idealen) Vorstellungsweisen des Wissens reflektiert werden müssen, ehe zu naturwissenschaftlichen Beschreibungen übergegangen werden kann, hinlänglich vergessen und verdrängt. (Man lese diverse historische Literatur, welche philosophischen Schriften S. FREUD  gelesen hat oder reflektiere die künstlerische und politische Situation, um das geistige Klima ein wenig zu verstehen. 3

Ich möchte nur ein paar Anmerkungen aus persönlichem Interesse hier bringen, da es m. E. kein Wunder ist, dass sich schnell die Psychonanalyse in verschiedene Deutungen der Wirklichkeit des Menschen aufgespaltet hat – weil eben grundlegende Begriffe (wie z. B. der Triebbegriff) epistemologisch nicht hinlänglich bestimmt waren. Eine nur sexualisierter Triebbegriff verträgt sich nicht mit einem gesellschaftlichen Triebbegriff (Alfred Adler) oder einem kollektiven Unbewussten (C. G. Jung).

2) Methodische Verwandtschaft

Nach außen hin ist das Vorgehen einer Transzendentalphilosophie, die nach den Erkenntnisweisen selber fragt bzw. zurückgeht auf eine reflexive Struktur des Wissens, mit einer Psychoanalyse insofern verwandt, als beide von „innen“ heraus die Phänomene beschreiben und ihnen ihre Realität zuweisen. Freilich bleibt die Psychoanalyse, sofern das „Innen“ wieder objektivistisch materiell vorgestellt wird, in einem unerklärlichen Realismus befangen, während umgekehrt die Transzendentalphilosophie in Gefahr steht, die triebhafte Struktur des Handelns und Erkennens zu übersehen und  ihre Theorie nicht wirklich anwenden zu können. Sagen wir einmal, dass äußerlich gesehen die Transzendentalphilosophie wie die Psychoanalyse einen Innenbereich der Erkenntnis zum Gegenstand haben, und diesen durch  Introspektion und Innenschau  erhellen möchten – einmal a) den Innenbereich des Denkens (im weitesten Sinne), dann b) den Bereich eines psychischen Innenlebens, dass sich bei einem triebhaftem Ungleichgewicht in zu bedauernden Krankheiten wie  Hysterie, Neurose, Psychose, Zwangsvorstellungen, Wiederholungszwängen äußert. Was ist beidemale der Erklärungsgrund des Denkens bzw. der psychischen Phänomene? Die offensichtlichen Phänomene des Denkens (Vorstellens, Wollen, Handeln) und die Phänomene psychischer Krankheiten, sie müssen einen erkennbaren Grund haben!?

Besonders für den so wichtigen Begriff des Triebes, der bekanntlich bei S. FREUD wie J. G. FICHTE eine große Rolle spielt, kann insofern eine gemeinsame Basis gefunden werden, als beidemale nach dem Bestimmtsein des (freien) Handelns gefragt wird, d. h. dass beidemale eine Triebstruktur vorausgesetzt wird, einmal als Notwendigkeit für das theoretische und praktische Vermögen (Transzendentalphilosphie), dann als Form sensorischen Empfindens bzw. als krankhafte Formen eines nicht-natürlichen Empfindens.
FICHTE hat für die transzendentale Erkenntnis des Vorstellens, Wollens und Handelns die dialektische Methode des reflexiven Setzens innerhalb einer Triebstruktur  entwickelt, FREUD die Methode psychoanalytischen Gesprächs, um die verborgenen Triebstruktur zu erhellen. (Seine drei Ebenen des Unbewussten, des Ich und des Über-Ich, sind ja hinlänglich bekannt, und bieten das äußere Schema eines dahinterliegenden Triebbegehrens.)

3) Naturphilosophie allgemein

Die große Entfremdung zwischen Transzendentalphilosphie und Naturwissenschaft hat wohl Anfang der 19. Jhd. begonnen, als die abstruse Dialektik der Idealisten SCHELLING oder HEGELS   sich nicht mehr durchsetzen konnte.4 Aus den quantitativen und reflexiologischen Bestimmungen des Denkens, wie KANT und FICHTE noch die Philosophie verstanden haben, wurden qualitativen Bestimmungen der Phänomene selbst. Aus dem denkerischen Reflexionsgrund wurden materiale Daseinsgründe, aus der transzendental-logischen Analyse der Anschauung begriffliche Interpretationen der Realität.

Mir geht es hier nur um (höchst unvollständige) Anmerkungen einer  geistigen Verwandtschaft von Transzendentalphilosophie und Psychoanalyse, zumindest von der Intention her: das Bestimmtsein des Menschen auf Ursachen zurückzuführen und sich seiner Bestimmtheit voll und ganz  bewusst zu werden.  Philosophie ist ein System der prinzipiellen Erkenntnis der Wirklichkeit und will dies begrifflich entfalten  – und Psychoanalyse ist ein System der besonderen Erkenntnis der psychischen Verdrängungen, Zwänge, Neurosen, Psychosen, und will diese begrifflich durch Therapie erkennen und aufarbeiten. M. a. W., die Freiheit des Menschen soll bewusst gemacht  bzw. wiederhergestellt werden.

4) Ideengeschichte zum Triebbegriff

a) Nach Klaus Hammacher wurde traditionell die „Affektenlehre“ in der deutschen, schulphilosophischen Tradition in der Ästhetik behandelt. 5Eine Ausnahme bildet aber bereits MOSES MENDELSSOHN, und wiederum in seiner Tradition SALOMON MAIMON. In dessen „Streifereien im Gebiete der Philosophie“ (1793) orientiert S. MAIMON sich an der Empfindsamkeit. Die Schönheit beziehen wir auf die Empfindsamkeit „durch die produktive Einbildungskraft“ (Über die Ästhetik, in: Salomon Maimon, Gesammelte Werke, Bd. IV, S 81-198) und einen durch sie „hervorzubringenden Gemüthszustand“.

Die in der KdU KANTS beschworene Angemessenheit oder Harmonie im Geschmacks- und Schönheitsempfinden wird nicht durch die Angemessenheit in den Verstandesformen erzeugt, sondern „nach den Gesetzen des Willens“. Die „sinnliche Darstellung einer Verstandesregel“ in den „schönen Künsten“ ist auf die „Reflexionseinheit“ in der Selbstätigkeit zurückzuführen.6

Damit ist bereits eine starke anthropologische und praktische Komponente in die Urteilskraft und generell in die Philosophie eingebracht. Die Empfindungen können durch die schönen Künste – wenn wir die KdU im Hintergrund sehen – zwar nicht direkt hervorgebracht, aber modifiziert werden, weil sie ja auf die geistige Selbsttätigkeit des Menschen zurückbezogen und nach der Angemessenheit mit dem Willen koordiniert werden. Das ist jetzt keine Kleinigkeit, das erstmals aus den Phänomenen des Handelns und des Beobachtens (im weiteren Sinne) nachgewiesen wird, sozusagen in einer erneuten Grundbesinnung auf philosophische Begriffe, dass der Wille ein geistiges Vermögen und ein Streben (als inneres Handeln) darstellt.

b) FICHTE knüpft teilweise an S. MAIMON (siehe auch im Zusammenhang der Gebhard-Rezension) an – und deutlich ist das in der 2. Auflage der OFFENBARUNGSCRITIK in der „Theorie des Willens“ (1793) bereits fassbar. (In weiterer Folge in den Urformen der WL in den EIGNEN MEDITATIONEN und der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1793/1794) und natürlich in allen späteren WISSENSCHAFTSLEHREN (abk.=WL).

Fichte argumentiert wie folgt: Es gibt die synthetisch bestimmte Bestimmbarkeit eines sowohl beschränkten wie freien Wollens – den sinnliche Trieb. (J. G. FICHTE, OFFENBARUNGSCRITIK, 1791/92, SW V, S 17)
Der Wille, aufgenommen in eine bestimmte sinnliche und durch seine Spontaneität auch übersinnliche, geistige Form, ist im Trieb eine eingeschränkte (beschränkte) Form des Wollens. Dies ist jetzt keine vollständige Determination des Willens oder der Freiheit, vielmehr deren naturale Ausgangsbasis weiterer Freiheitsbestimmungen in einem praktischen und theoretischen Streben. Die Form des Triebes ist geradezu die anthropologische Bedingung der Freiheit – und auf‘s Erste gesehen würden sich hier FICHTE und S. FREUD ganz ähnlich sein.

In der Diktion Fichtes:

Es muss nemlich ein Medium seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung, gegen welche das Subject sich bloss leidend verhält, von der anderen durch Spontaneität, deren Bewusstseyn der ausschliessende Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey; und dieses Medium nennen wir den Trieb. (….) Der Trieb ist also, in|sofern er auf eine Sinnenempfindung geht, nur durch das Materielle derselben, durch das in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundene, bestimmbar. Was in der Materie der Sinnenempfindung von der Art ist, dass es den Trieb bestimmt, nennen wir angenehm, und den Trieb, insofern er dadurch bestimmt wird, den sinnlichen Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für nichts weiter, als für Worterklärungen geben. (Sc. Anmerkung [1] Es sind nemlich, bei der charakteristischen Beschaffenheit endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und durch Spontaneität sich zu bestimmen, bei jeder Aeusserung ihrer Thätigkeit Mittelvermögen anzunehmen, die von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden, von der anderen der Bestimmbarkeit durch Thun fähig sind. (SW V 17.18)

Wie nebenbei kommt Fichte hier zu einer neuen Bestimmung der Urteilskraft, dass die Weiterbestimmung des Triebes nach notwendigen Verstandesregeln erfolgen soll, d. h. „das gegebene Gesetz auf gegebenen Stoff anwendet.“ Die Weiterbestimmung des Triebes nach Gesetzen hört sich nach der Diktion FICHTES in dieser frühen Schrift der OFFENBARUNGSCRITIK von 1792 so an:

Soll von der anderen Seite dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar seyn, so geschieht diese Bestimmung entweder nach gegebenen Gesetzen, die durch die Spontaneität auf ihn bloss angewendet werden, mithin nicht unmittelbar durch Spontaneität; oder sie geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar durch absolute Spontaneität.

Für den ersteren Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebene Gesetze auf gegebenen Stoff anwendet, die Urtheils|kraft: folglich müsste die Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des Verstandes gemäss bestimmte. — Dies kann sie nun nicht so thun, wie die Empfindung es thut, dass sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt überhaupt nicht, sondern sie ordnet nur das gegebene Mannigfaltige unter die synthetische Einheit.“ (SW V 18.19)

Die erste synthetische und mediale Bestimmtheit des Triebes auf der Ebene der Rezeptivität führt somit zum Begriff des (qualitativ-empfindbaren) Angenehmen (ebd. S 19) (bzw. dessen Mangel als Unangenehmen). Diese Bestimmung als angenehm/unangenehm (beglückend, störend etc.) kann nur als Befriedigung oder Ausfall oder Mangel an Erfüllung auf Seiten der Intention des Ichs gesehen werden. Nach Gesetzen der Reflexion wird die Ursache auf das Nicht-Ich übertragen und folglich als nicht effiziente Wirkung gedacht und fixiert als Trieb. (Genauere Ableitung folgt dann in der GWL, in § 7) 7

Die gehemmte Spontaneität kann im weiteren in eine natürliche, spontane Reaktionsweise des Willens (der sinnliche Trieb) und in eine freie Reaktionsweise des Willens (der übersinnliche, geistige Trieb) unterschieden und synthetisiert durch eine „absolute“ (ebd. S 25) und „rein geistige“ (ebd. S 26) Wirksamkeit (Tätigkeit) werden, weil ja das Setzen des Ichs aus dem absoluten Bereich selber kommt und nicht aufgehoben werden kann.

Die Form des Strebens führt  zu Empfindungsformen der Zeit und des Raumes. Hier findet sich sogar zufällig eine Parallele bei S. FREUD im „Jenseits des Lustprinzips.“ (Abschnitt IV).

S. FREUD spekuliert: „Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der Kant’sche Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich »zeitlos« sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W-Bw. hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutungen beschränken.“ (S. FREUD, Jenseits des Lustprinzips, Reclam-Ausgabe, ebd. S 33.34) Man kann sich wundern über diese verblüffenden Parallelen, aber auch nicht, denn offensichtlich hat der transzendentale Gedanke beide Philosophen von selbst weitergeführt und nach einer Letztbegründung fragen lassen, woher die Anschauungsformen Zeit und Raum kommen. Der Genuss als sinnliche Erfahrung, als sinnliches Gefühl ist „Erfüllung einer einzigen Zeit durch einen gewissen Stoff, als Modification des empfindenden Ich“ (FICHTE, PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II, 3, 197; das könnte genauso auch FREUD formuliert haben!?) )

5) Schlussbemerkungen

Leider wird  S.FREUD bei einer dogmatischen Behauptung eines „Seelenvorgangs“ stehen bleiben, weil er keine höhere Ableitung des Triebbegriffes und keine Ableitung der Zeitform kennt. Eine Analyse, wenn sie philosophisch ist, kann aber nur nach transzendental-logischen Wissbarkeitskriterien erfolgen, d. h. die Anschauungsformen (Zeit und Raum), die Verstandesformen und die Denkformen der Vernunft sind erst dann als konstitutiv zu behaupten, wenn deren Ursache der Vorstellung aus einer Sich-Bezüglichkeit des Wissens abgeleitet werden kann.

Grosso modo gesagt, es kommt sowohl bei FICHTE wie bei FREUD zu einem sehr „realistischen“ Menschenbild, begrifflich festgehalten im Triebbegriff des Strebens und Wollens.
FICHTE kennt logischerweise sogar ein größeres Spektrum von Affekten und Trieben als eine Deutung eines bloß sinnlichen Triebes. In der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE spricht er von  Furcht und Hoffnung, Lachen, Staunen, Neugier, Liebe, Hass, Sympathie, Mitleid, Gutsein, Traurigkeit, Abscheu, Freude (GA II,3, 197f); er kennt viele gesellschaftlich bedingte Triebe – wie sie dann manche Nachfolger S. FREUDS herausgearbeitet haben.
Die  erkenntniskritische Herleitung der Phänomene verläuft aber bei FICHTE und FREUD konträr anders:  Aus einer dialektische Bestimmung von Mangel und Erfüllung, sowohl natural-spontan wie gesellschaftlich-geistig, fällt die Beurteilung der Triebbefriedigung (bzw. eine Nicht-Erfüllung) dahingehend aus, dass der Trieb eine offenbarende Funktion hat, nämlich die autonome Manifestation der einen Grundtendenz der Vernunft nach einem allgemeinen Vernunftziel (Vollkommenheit, höchstes Gut) 8 ans Licht zu bringen. Die dialektische Bestimmung bei S. FREUD lässt m. E. aber bei aller Sublimierung und Kunst und Kultur doch eine deutlich andere Richtung erkennen, gerade in Richtung Reduktionismus auf einen biologisch-organischen Vorgang hin!? Außer man erkennt, wie bei Pieringer eine transzendierende Kraft im Trieb.  (Siehe zum Triebbegriff 2. Teil)  

Wenn der Trieb bereits auf das Angenehme hingeordnet ist, mithin ein sinnliches Gefühl aus dem „Dürfen“ eines höheren Wollens darstellt, – nach der Methode der „negativen Bestimmung“ und einer analytisch-synthetischen Dialektik -, so ergibt sich ein stufenartig aufgebautes, sinnliches wie intelligibles Selbstwertgefühl der Sinn- und Freiheitsverwirklichung, das mit den vorreflexiven Sinnerfüllungen in den Gefühlen beginnt und in einer materialen „Synthesis der Geisterwelt“ endet. Endliche und unendliche Sinn-Erfüllung in der Zweiheit eines sinnlichen und eines geistigen Sinns, sind in dynamischer Weise einander zugeordnet und durcheinander wechselseitig bestimmt in der Einheit und Verträglichkeit einer formalen wie materialen Sittlichkeit.

Ein S. FREUD, wenn ich es allgemein richtig einschätze, wollte das „Realitätsprinzip“ des Menschen wiederherstellen, weil es durch verschiedene organische und gesellschaftliche Triebunterdrückung deformiert und verloren gegangen war. Durch Gesprächsarbeit und Traumarbeit sollte die Triebunterdrückung und Verdrängung offenbart werden. Die leiblich-seelische Gesundheit wiederherzustellen, das ist bereits ein hoher sittlicher praktischer Anspruch, aber welche Sinnerklärung soll die Gesundheit finden? Deckt sie sich mit der Freiheit der Selbstbestimmung in der grundsätzlichen Vernunftrealisation? Die leiblich-seelische Gesundheit ist zwar transzendental gesehen notwendige Stufe der Freiheit, aber alles verlangt hier nach einer höheren Aufgabe und Begründung.

 

Freyheit kann (der) Trieb, den wird der Zweckmäßigkeit unterlegen, nicht seyn, aber „auch nicht Naturmechanismus“ (Coll über d. Moral GA IV, 1, S 45) „ Ich trage, laut der W. L. auf die Natur den Begriff einer selbst über, soweit ich es kann, ohne die Natur selbst zu vernichten, d. i. ohne sie zur Intelligenz (…) zu machen“ (Wesen der Thiere, GA II, 5, S 421; zit. n. R. Lauth, ebd. S 107)

 

© Dr. Franz Strasser 2. 3. 2018
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1Literatur: A. MUES, Die Einheit unserer Sinnenwelt, München 1979, 13 – 16.

2Wie sinnliche Qualitäten im Wissen bestimmt werden können, siehe dazu FICHTES GRUNDLAGE (1794), und zwar unter Voraussetzung der Deduktion der Vorstellung im § 4, in den §§ 8 – 11.

3Siehe z. B. Internet-download: Günter Gödde, Schopenhauer und die Psychoanalyse. Siehe dortige Literaturliste – Link zum Download – abgerufen 25. 2. 2018

4 Siehe dazu K. HAMMACHER, Fichtes transzendentale Dialektik und Hegels phänomenologische Dialektik. Eine transzendentale Rekonstruktion. In: Transzendental Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte. Fichte Studien, Supplementa. Atlanta 1996, 49-65

5K. Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre. Eine ungenutzte Chance. Fichte-Studien Nr. 11, 379 – 396.

6S. Maimon, ebd., Bd, IV, S 157. zitiert nach K. Hammacher, ebd. Vgl. dort Anm. 7, S 381.

7M. a. W., aber dem Text entlang, die einschränkende Bedingung eines sinnlich Angenehmen ist eine „negative Affection — eine Niederdrückung, eine Einschränkung desselben“ (ebd. S 25) und mithin wird der Trieb (und die Triebkraft) selber dadurch differenziert in einen „sinnlichen Trieb“ und einen, nennen wir ihn kurz und allgemein, geistigen Trieb. Mit der späteren GRUNDLAGE (1794) gesprochen: Das Ich soll sich durch die Aufgabe als durch sich selbst gesetzt gegeben sein. Das geschieht durch dialektisches Gegensetzen. Dafür muss es aber einen, zumindest der Denkvoraussetzung nach, einen realen Grund mit innerem Streben angeben, den Trieb. (GA, I/2 411; SW I, 280).

8Man könnte jetzt noch viel weiter den Trieb differenzieren; auf den ästhetischen Trieb bin ich hier noch gar nicht eingegangen – Vgl dazu sehr gut: M. Ivaldo, Einbildungskraft als Geist der Philosophie und der Kunst bei Fichte. In: Fichte-Studien, Bd 41, 125- 144, 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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