Der Trieb bei J. G. FICHTE und S. FREUD – 4. Teil

Zum Triebbegriff – 4. Teil

Der Trieb ist eine anthropologische Grundkonstante unseres Seins, gut begründet aus dem Streben des Ichs, welches wiederum sich herleitet aus einem idealisierenden und realisierenden Tun.

S. Freud ging nicht von einer transzendentale Bestimmung des Triebes aus, d. h. dass das Streben und jede Kraft selbst nochmals von einer qualitativen Einheit von Denken und Sein abgeleitet werden müssen, sondern begann mit der faktischen und naturalen Ebene bio-physischer Vorgänge und Beobachtungen, d. h. auf der bereits disjunktiv vorausgesetzten Ebene eines naturalen Seins, das von einem Triebbegriff gesteuert wird. Es sind bio-chemische Vorgänge in unseren Nervenzellen, die den Trieb erzeugen, d. h. den Trieb in Reizaufbau und Reizabbau hervorbringen. Der Trieb ist theoretisch wie praktisch die Kraft des körperlichen/somatischen Lebens überhaupt – und in den Träumen offenbart sich diese „Lebenskraft“, die letztlich eine libidinöse, sexuelle Kraft ist, ein Wunschdenken, das  tagsüber durch die Kontrollinstanz des Bewusstseins und des Über-Ichs zu beherrschen getrachtet wird. (Inwieweit es einen Todestrieb gibt, lasse ich hier beiseite.)  Im Schlafen und Träumen darf dieser Trieb verschlüsselt und symbolisch auftreten, es werden die Emotionen „verarbeitet“, und in der anschließenden Traumdeutung werden die Gefühle und Bilder auf die ursprünglichen Körpergefühle zurückgeführt (nachkonstruiert). Die Traumdeutung (nicht der Traum selber) ist dann der „Königsweg“, die Wünsche und Bestrebungen des psycho-somatischen Körpers zu erkennen und zu verstehen.

Für die Traumdeutung musste S. FREUD viele Hypothesen annehmen, die heute anscheinend durch neurologische Experimente der Hirnforschung weiter bestätigt werden können Das Gehirn erzeugt einerseits die Wünsche und Triebregungen, mobilisiert andererseits die Ängste und deren Verschlüsselung, damit diese Wünsche und Triebregungen wieder eingedämmt werden; es erzeugt halluzinatorische Ersatzaktivitäten, virtuelle Realitäten usw.1

Nun fehlen mir zu diesen empirischen Forschungen die transzendentalen Wissensbedingungen: Jede Theorie, seien es die Theorien zur induktiven Forschungen des Gehirns, oder seien es die psychoanalytischen Deutungen bei S. FREUD, beruht seinerseits auf apriorischen, prinzipiellen Teilerkenntnissen, die für sich wiederum nur in einem Gesamtgefüge von transzendentaler Prinzipienerkenntnissen verstanden werden können.

Die Messungen der Reize in den Neuronen, die Messungen zum Gehirn im Schlaf, die im Träumen generierten Symbole, die ein unendlich weites Herkunftsfeld ihrer Entstehung haben können, sie sind in ihrer Gesetzlichkeit höheren, apriorischen Grundgesetzlichkeiten des Wissens unterworfen, damit sie als solche Teilerkenntnisse überhaupt verstanden werden können. Die basalsten Empfindungen wie Tastempfindungen, Warm-Kalt-Empfindungen, die höheren Sinne wie Geruch, Geschmack, schließlich Sehen, Hören, das ganze Erleben ist eine Übertragung des Wissens auf einen Teilbereich des somatischen Erlebens, „Leib“ genannt. 2

M. a. W. gesagt: Eine jede sinnliche Erfahrung, oder wenn wir im Traum verschlüsselte Bilder wahrnehmen (als Wunschdenken), setzt eine Sich-Bezüglichkeit des Wissens voraus, um die Qualität  und Quantität dieser sinnlichen Erfahrung bzw. die Deutung einer Verschlüsselung im Traum erkennen und bestimmen zu können.

Jede Wahrnehmung und Traumdeutung ist bereits ein hochkomplexes Gebilde mittels
a) individueller Sinnesvermögen (z. B. Temperatursinn, Tastsinn, Geschmacksinn, Geruchsinn, Gesichtssinn, Gehör),
b) dem hierarchischen Zusammenhang der Sinne und
c) der sich in ihnen zeigenden Strukturen des theoretischen Vorstellens und praktischen Strebens in ihrer Zweckgerichtetheit. 3

Offensichtlich war Ende des 19. Jhd. in Wien der transzendentale Ansatz des Erkennens, dass alles Erkennen ein Gesamtgefüge von Wissensprinzipien und der in ihnen auftretenden empirisch-historischen Erfahrungen ist, so weit verloren gegangen, dass den induktiven Messungen im neurologischen und generell im naturwissenschaftlichen Bereich und den daraus gefolgerten induktiven Allgemeinheiten mehr Glaubwürdigkeit zugetraut wurde als den im Geiste überprüfbaren apriorischen Wissensprinzipien.

Ich las kursorisch, welche philosophischen Schriften S. FREUD  gelesen hat. Das allgemeine geistige Klima reime ich mir aus den Theaterstücken und Romanen von A. Schnitzler, S. Zweig, J. Roth, R. Musil u. a. zusammen. 4

Ich möchte nur ein paar Anmerkungen aus persönlichem Interesse hier bringen, da es m. E. kein Wunder ist, dass sich schnell die Psychoanalyse quasi als a) neue Weltanschauung verbreitete, aber auch, dass b) die Psychoanalyse sich bald in verschiedenen Richtungen der Deutungen spaltete – weil eben der grundlegende Triebbegriff in seiner prinzipiellen Begriffsbestimmung nicht hinreichend geklärt gewesen ist bzw. bis heute nicht klar ist.

1) Ein nur libidinös bestimmter Triebbegriff S. FREUDS wurde bald zu einem gesellschaftlichen Triebbegriff (Alfred Adler) oder zu einem kollektiven Unbewussten (C. G. Jung) erweitert, weil die apriorischen Wissensbedingungen des Triebes wohl umfassender sind als nur libidinöse Wirkursachen.

2) Die zunehmende Entfremdung zwischen Transzendentalphilosophie und Naturwissenschaft, die im ganzen 19. Jhd. schon zu beobachten ist, hat in der Traumdeutung von S. FREUD (1900) sozusagen die letzte Zone des Bewusstseins, das Unbewusste, erreicht – und mittels Traumarbeit und diagnostischer Symptome von psychischen Phänomenen und bedauernswerten seelischen Krankheiten wurde aus einem Teilprinzip der Natur-Beobachtung eine prinzipielle Gesamterkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen abgeleitet. Der Mensch ist von einem libidinösen Wunschdenken beherrscht. Der sexuelle Trieb stellt dabei die erkenntnismäßige Letztbegründung in der Praxisbeobachtung der menschlichen Natur dar. 5

Dem will ich jetzt entgegenhalten: Philosophie ist ein System der prinzipiellen Erkenntnis der Wirklichkeit und will dies begrifflich entfalten  – und Psychoanalyse ist ein System der besonderen Erkenntnis der psychischen Verdrängungen, Zwänge und psychosomatischen Beschwerden. Sowohl durch prinzipielle wie durch besondere Erkenntnis und Aufklärung soll die Freiheit des Menschen bewusst gemacht  bzw. wiederhergestellt werden. Wäre das nicht eine gute, gemeinsame Intention gewesen von Transzendentalphilosophie und Tiefenpsychologie? 

2) Nach Klaus Hammacher wurde traditionell die „Affektenlehre“ in der deutschen, schulphilosophischen Tradition in der Ästhetik behandelt. 6 Eine Ausnahme bildet aber bereits MOSES MENDELSSOHN, und wiederum in dessen Tradition SALOMON MAIMON.
In seinen „Streifereien im Gebiete der Philosophie“ (1793) orientiert sich S. MAIMON an der Empfindsamkeit. Die Schönheit beziehen wir auf die Empfindsamkeit „durch die produktive Einbildungskraft“ (Über die Ästhetik, in: Salomon Maimon, Gesammelte Werke, Bd. IV, S 81-198) und einen durch sie „hervorzubringenden Gemüthszustand“.

Die in der KdU KANTS beschworene Angemessenheit oder Harmonie im Geschmacks- und Schönheitsempfinden wird nicht durch die Angemessenheit in den Verstandesformen erzeugt, sondern „nach den Gesetzen des Willens“. Die „sinnliche Darstellung einer Verstandesregel“ in den „schönen Künsten“ ist letztlich auf die „Reflexionseinheit“ in der Selbsttätigkeit zurückzuführen.7

Damit ist eine starke anthropologische und praktische Komponente in die Urteilskraft und generell in die Philosophie eingebracht worden, sodass FICHTE die praktische Seite des Bewusstseins (die Gefühle und Triebe) in die geistige Selbsttätigkeit des Erkennens viel stärker einbauen und betonen konnte als KANT oder andere Denker vor ihm. Die Erkenntnis ist letztlich selbst eine Modifikation der Freiheit – und das wollte er durch seine Wln beweisen.

3) FICHTE knüpft teilweise an S. MAIMON an – siehe Gebhard-Rezension –, und noch vor dem gefundenen Grundprinzip der späteren Wln (dem „Setzen“) erarbeitete er in der 2. Auflage der OFFENBARUNGSKRITIK (1792/1793) eine „Theorie des Willens“ mit bemerkenswerten Ergebnissen. Siehe auch sein Kommentar zur KdU KANTS! In weiterer Folge in den Urformen der WL in den EIGNEN MEDITATIONEN und der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1793/1794) ist das Thema gefunden: Alle Erkenntnis, alles Wollen und Handeln, auch alle naturale Grundlage dieser Vermögen, beginnend mit dem Gefühl, definiert eine gehemmte Kraft, den Trieb. Es folgt eine bemerkenswerte Kontinuität im Denken des Triebes bis zu seinen letzten Werken:


Fichte argumentiert wie folgt: Es gibt die synthetisch bestimmte Bestimmbarkeit eines sowohl beschränkten wie freien Wollens – –
den sinnlichen Trieb. (J. G. FICHTE, OFFENBARUNGSCRITIK, 1792/93, SW V, S 17)

Der Wille, aufgenommen in eine bestimmte sinnliche und durch seine Spontaneität auch übersinnliche, geistige Form, ist im (sinnlichen) Trieb eine eingeschränkte (beschränkte) Form des Wollens. Dies ist ist aber gerade keine nur einseitig zu sehende, determinierende Form des Lebens, sondern die naturale Ausgangsbasis der Freiheitsbestrebungen in einem theoretischen Vorstellen und praktischen Streben und Wollen.

In der Diktion FICHTES horcht sich das so an: „Es muss nemlich ein Medium seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung, gegen welche das Subject sich bloss leidend verhält, von der anderen durch Spontaneität, deren Bewusstseyn der ausschliessende Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey; und dieses Medium nennen wir den Trieb. (….) Der Trieb ist also, in|sofern er auf eine Sinnenempfindung geht, nur durch das Materielle derselben, durch das in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundene, bestimmbar. Was in der Materie der Sinnenempfindung von der Art ist, dass es den Trieb bestimmt, nennen wir angenehm, und den Trieb, insofern er dadurch bestimmt wird, den sinnlichen Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für nichts weiter, als für Worterklärungen geben. (Sc. Anmerkung [1] Es sind nemlich, bei der charakteristischen Beschaffenheit endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und durch Spontaneität sich zu bestimmen, bei jeder Aeusserung ihrer Thätigkeit Mittelvermögen anzunehmen, die von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden, von der anderen der Bestimmbarkeit durch Thun fähig sind. (SW V 17.18)

 

Die Urteilskraft erhält hier eine andere Funktion, oder genauer gesagt, erhält zur theoretischen Funktion eine sinnlich-praktische Fundierung und Funktion durch den Trieb. Sie steht in seinem Dienste.

Soll von der anderen Seite dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar seyn, so geschieht diese Bestimmung entweder nach gegebenen Gesetzen, die durch die Spontaneität auf ihn bloss angewendet werden, mithin nicht unmittelbar durch Spontaneität; oder sie geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar durch absolute Spontaneität. Für den ersteren Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebene Gesetze auf gegebenen Stoff anwendet, die Urtheils|kraft: folglich müsste die Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des Verstandes gemäss bestimmte. — Dies kann sie nun nicht so thun, wie die Empfindung es thut, dass sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt überhaupt nicht, sondern sie ordnet nur das gegebene Mannigfaltige unter die synthetische Einheit.“ (SW V 18.19)

4) In weiterer Folge einer allgemeinen Bestimmung des Triebes in der OFFENBARUNGSCRITIK (1792/93; immerhin noch vor der eigentlichen WL) folgen jetzt konkretere, synthetische und mediale Bestimmungen der Gefühle.
Die erste Bestimmtheit des Triebes auf der Ebene der Rezeptivität führt zum
Begriff des (qualitativ-empfindbaren) Angenehmen (ebd. S 19) (bzw. dessen Mangel als Unangenehmen).

Diese Bestimmung als angenehm/unangenehm (beglückend, störend etc.) ist eine Befriedigung oder ein Ausfall/Mangel an Erfüllung auf Seiten der Intention des Ichs. Nach Gesetzen der Reflexion wird die Ursache dabei auf das Nicht-Ich übertragen und – und dem Trieb, der Grundlage realen Lebens und Wirkens bleibt die Bestimmung einer Ursache, die an der Wirksamkeit gehindert wird.

Man beachte, eine wie starke Rolle der Trieb als reale Grundlage des Lebens hier schon hat; die spätere reflexologische Ableitung aus dem Setzen und der Tätigkeit des Ichs – siehe dann in der GRUNDLAGE“ von 1794/95 § 7 und allen späteren Wln – bestimmen immer genauer die Funktion des Triebes als Modifikation der Freiheit eines ursprünglichen Wissens.

M. a. W., die einschränkende Bedingung eines sinnlich Angenehmen ist eine „negative Affection — eine Niederdrückung, eine Einschränkung desselben“ (OFFENBARUNGSCRITIK, ebd. S 25) und mithin wird der Trieb (und die Triebkraft) selber dadurch differenziert in einen sinnlichen Trieb und einen, nennen wir ihn kurz und allgemein, geistigen Trieb. Mit der späteren GRUNDLAGE (1794) gesprochen: Das Ich soll sich durch die Aufgabe als durch sich selbst gesetzt gegeben sein. Das geschieht durch dialektisches Gegensetzen. Dafür muss es aber einen, zumindest der Denkvoraussetzung nach, realen Grund mit innerem Streben angeben, den Trieb. (vgl. GA, I/2 411; SW I, 280).

Die gehemmte Spontaneität kann mit anderen Worten a) in eine natürliche, spontane Reaktionsweise des Willens (der sinnliche Trieb) und b) in eine freie Reaktionsweise des Willens (der übersinnliche, geistige Trieb) und schließlich  c) in eine „absolute(ebd. S 25) und „rein geistige“ (ebd. S 26) Wirksamkeit (Tätigkeit) unterschieden werden – weil ja das Setzen des Ichs die Grundtätigkeit des Wissens und Bewusstseins ist, genetisch aus dem absoluten Bereich der göttlichen ERSCHEINUNG kommt.

5) Die Form des Strebens führt  zu Empfindungsformen der Zeit und des Raumes – so wäre das bei FICHTE nachzulesen – und zufällig las ich das auch bei S. FREUD in „Jenseits des Lustprinzips“ Abschnitt IV: „Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der Kant’sche Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich »zeitlos« sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W-Bw. hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu entsprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutungen beschränken.“ (S. FREUD, Jenseits des Lustprinzips, Reclam-Ausgabe, ebd. S 33.34) 

M. a. W. erkennt S. FREUD intuitiv, dass die Anschauungsformen selbst „unbewusste Seelenvorgänge“, zeitlose Empfindungsformen sind, um die Realität zu bewältigen.
Man kann sich wundern über Parallelen bei FICHTE und S. FREUD oder auch nicht, denn offensichtlich hat der transzendentale Gedanke beide Philosophen – S. FREUD darf wohl auch so genannt werden – von selbst weitergeführt und nach einer Letztbegründung fragen lassen. Bei FICHTE hört sich die zeitlose Erfüllung eines Seelenvorgangs so an: Der Genuss als sinnliche Erfahrung, als sinnliches Gefühl, ist „Erfüllung einer einzigen Zeit durch einen gewissen Stoff, als Modification des empfindenden Ich“ (FICHTE, PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II, 3, 197)

6) Leider wird  S. FREUD bei einer nur naturalen Bedingung der Gefühle und Triebe bleiben. FICHTE kennt hier eine höhere Ableitung der anthropologischen Grundkonstanten der Freiheit. Er zählt öfter, rein terminologisch, ein breites Spektrum der Triebe auf: In der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE v. 1794 ist die Rede von Furcht und Hoffnung, Lachen, Staunen, Neugier, Liebe, Hass, Sympathie, Mitleid, Gutsein, Traurigkeit, Abscheu, Freude, Mitteilungstrieb usw.  (GA II,3, 197f) – Gefühle, die triebbedingt reagieren.

Die  erkenntniskritische Begründung Herleitung der Phänomene, bei aller naturaler, gemeinsamer Grundbasis,  verläuft deshalb bei FICHTE und FREUD auseinander: Einmal immer reduzierter, reduktionistischer bei S. FREUD; das andere Mal immer differenzierter, vielfältiger. Aus einer dialektische Bestimmung von Befriedigung und Mangel, sowohl natural-spontan wie gesellschaftlich-geistig, gewinnt  der Trieb eine offenbarende Funktion, nämlich der Selbstbestimmung des Menschen zu dienen. Hatte das nicht auch S. FREUD im Sinne? 8 Ein S. FREUD, wenn ich es allgemein richtig einschätze, wollte das „Realitätsprinzip“ des Menschen stärken und wiederherstellen, weil es durch verschiedene gesellschaftliche Verbote deformiert worden war. Durch Gesprächsarbeit und Traumarbeit sollte die Triebunterdrückung und Verdrängung aufgedeckt und die Freiheit zurückgewonnen werden.

Wenn der Trieb bereits auf das Angenehme hin geordnet ist, mithin ein sinnliches Gefühl aus dem „Dürfen“ eines höheren Wollens darstellt, – nach der Methode der „negativen Bestimmung“ und einer analytisch-synthetischen Dialektik -, so ergibt sich ein stufenartig aufgebautes, sinnliches wie intelligibles Selbstwertgefühl der Sinn- und Freiheitsverwirklichung, das mit den vorreflexiven Sinnerfüllungen in den Gefühlen beginnt und in einer materialen „Synthesis der Geisterwelt“ endet. Endliche und unendliche Sinn-Erfüllung in der Zweiheit eines sinnlichen und eines geistigen Sinns sind letztlich in dynamischer Weise einander zugeordnet und durcheinander wechselseitig bestimmt. Die naturale Basis zeichnet beide Denker aus.

Freyheit kann (der) Trieb, den wird der Zweckmäßigkeit unterlegen, nicht seyn, aber „auch nicht Naturmechanismus“ (Coll über d. Moral GA IV, 1, S 45) „ Ich trage, laut der W. L. auf die Natur den Begriff einer selbst über, soweit ich es kann, ohne die Natur selbst zu vernichten, d. i. ohne sie zur Intelligenz (…) zu machen“ (Wesen der Thiere, GA II, 5, S 421; zit. n. R. Lauth, ebd. S 107)

© Franz Strasser 2. 3. 2018
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1(Siehe Literatur z. B. Dominic Angeloch: Den Traum denken. Traum und Traumdenken bei Sigmund Freud, Hanna Segal und Wilfred Bion, In: Marie Guthmüller, Hans-Walter Schmidt-Hannisa (Hrsg.): Das nächtliche Selbst, Traumwissen und Traumkunst im Jahrhundert der Psychologie. Band II: 1900-1950, Seite 77 – 108 (Wallsteinverlag).

2Literatur: A. MUES, Die Einheit unserer Sinnenwelt, München 1979, 13 – 16.

3Wie sinnliche Qualitäten im Wissen bestimmt werden können, siehe dazu FICHTES GRUNDLAGE (1794), und zwar unter Voraussetzung der Deduktion der Vorstellung im § 4, in den §§ 8 – 11.

4 Zur Lektüre S. FREUDS siehe z. B. Internet-download: Günter Gödde, Schopenhauer und die Psychoanalyse. Siehe dortige Literaturliste – Link zum Download – abgerufen 25. 2. 2018.

5Die Entfremdung zwischen Transzendentalphilosphie und Naturwissenschaft hat in der 1. Hälfte des 19. Jhd. begonnen. Beispielhaft wäre zu demonstrieren, wie in den Hörsälen Berlins um 1840 die Naturwissenschafter die spekulative Naturphilosophie eines SCHELLINGS zu belächeln begannen. In Aversion gegen den Neuhegelianismus begann mit MOORE, RUSSELL und der WIENER SCHULE die „Analytische Philosophie“.  Es konnte keine transzendentale Naturphilosophie mehr auf die Beine gestellt werden – und der idealistischen Spekulationen war man überdrüssig. Aus den reflexologischen Bestimmungen des Denkens, wie KANT und FICHTE noch die Philosophie verstanden, angewandt auf alle Bereich der Wirklichkeit, z. B. auch auf die sinnliche Natur, konnte nach SCHELLING oder HEGEL kein Haus mehr gebaut werden.

6K. Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre. Eine ungenutzte Chance. Fichte-Studien Nr. 11, 379 – 396.

7S. Maimon, ebd., Bd, IV, S 157. zitiert nach K. Hammacher, ebd. Vgl. dort Anm. 7, S 381.

8Man könnte jetzt noch viel weiter den Trieb differenzieren; auf den ästhetischen Trieb bin ich hier noch gar nicht eingegangen – Vgl dazu sehr gut: M. Ivaldo, Einbildungskraft als Geist der Philosophie und der Kunst bei Fichte. In: Fichte-Studien, Bd 41, 125- 144, 2014.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser