Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes

Barnett Newman, Stockholm

Folgender Artikel ist ein Exzerpt eines Artikels von MAREK J. SIEMEK,1 der mir die TRANSZENDENTALE LOGIK von J. G. FICHTE näher brachte. In Fußnoten und zwischendurch darf ich wiederum meine persönlichen Anmerkungen einfließen lassen. Ich halte mich ziemlich genau an den Text von SIEMEK und FICHTE, nicht um sklavisch damit verbunden zu sein, sondern um grobe Vereinfachungen in meiner eigenen Diktion oder durch still sich einschleichende Übernahme anderer Vorstellungen mögliche Unklarheiten zu vermeiden. M. E. sind die Folgerungen aus dieser Bildlehre (oder Bildtheorie) noch gar nicht genützt.

I) Der Begriff des Bildes

Der Bildbegriff ist die kategorial-begriffliche Fassung dessen, was FICHTE in der platonisierenden Metaphorik des Lichtes und des Sehens das absolut erscheinende, selbsttransparente Wissen nennt. Ab der WL 1804 wird diese immanente Struktur der Bildlichkeit als Begriff (als Verstand) immer deutlicher in den Vordergrund gestellt. Ausdrücklicht thematisiert wird die Bildlichkeit und die Form der Sichtbarkeit in den zweimal vorgetragenen Vorlesungen zur TRANSZENDENTALEN LOGIK 1812/1813. 2

Bereits im 1. Vortrag heißt es: „Denken heißt ein Verbinden eines Mannigfaltigen von Bildwesen zur Einheit eines Bildes“ (LOGIK-II, SW IX, 110); noch klarer im 3. Vortrag: „Das Wissen ist Bild, setzen eines Seins. Das Denken ist: ein Bild, das schlechthin ein Bild seiner selbst setzt“. (ebd., SW IX, 124)

Wissen, Denken, Begreifen, Verstehen werden hier durchgehend als Darstellungsverhältnisse der Bildlichkeit und Darstellungsprozesse des Bildens aufgefasst.

Da jedes Bild wiederum Bild ist, wenn es als Bild aufgefasst werden soll, wird das bildende Wissen als ein „Flug“ bezeichnet, ein „Fortgetriebenwerden von einem zum anderen und sein in keinem. Dieser Flug muß aufgefaßt werden und zum Stehen gebracht in einem höheren Bilde eben des Bildens“ (ebd. 125)

Mit dem Bildbegriff wird das transzendentale Prinzip des „Ichs“ bzw. des „Selbstbewusstsein“ in eine neue Begrifflichkeit aufgenommen, die von unüberschätzbarem Wert ist, wie sich herausstellen wird. Die Vorteile liegen, wie MAREK J. SIEMEK herausarbeitet, darin, die sinnstiftende Bedeutung des Wissens, mithin die epistemische Bedeutung eines Begriffes, in einer epistemologischen Begründung ableiten zu können.

Dies wird von FICHTE in drei Schritten und auf drei Ebenen systematisch konstruiert, oder genauer nach seinem eigenen Ausdruck „nachkonstruiert“.

a) Der 1. Schritt und die erste Ebene stellen das Bild direkt in seinem Sein dar, d. h. In seiner unmittelbaren ontischen Beschaffenheit. Dies zeigt sich aber sogleich als durchaus nicht ontisch, sondern epistemisch; das Bild ist ja kein Sein, sondern eben nur dessen Bild. Anders gesagt: das Bild ist nur ein Abbild. Es zeigt nicht sich selbst, sondern sein Abgebildetes. Durch dieses Hinweisen auf ein Ursprüngliches außer ihm wird die durchaus epistemische Wesensart des Bildes klar und eindeutig bestimmt. Das Bild ist kein Sein gerade darum, weil es sein Sein immer und bloß zeigt, abbildet. Das Bildsein ist unterschieden vom Gegenteil, dem Sein schlechthin. SIEMEK beschreibt das als die semantische Relation. Das Bild weist auf das Sein als Abgebildetes hin und umgekehrt: jedes abgebildete Sein setzt das Bild voraus, in dem es abgebildet wird.3

Die Relation ist zweistellig, aber asymmetrisch und intransitiv. Das Sein des Abgebildeten könnte auch nicht abgebildet werden. Es liegt in seinem Begriff keine Beziehung auf etwas anderes. Nur wenn ein Bild als absolute Grundlage vorausgesetzt wird, wird in diesem Verhältnis von Bild und Abgebildetes eine asymmetische Beziehung hergestellt. Von einem Sein selber könnte nicht zu einem Bild übergegangen werden. Das Bild allerdings setzt schlechthin durch sein Wesen ein zweites Glied außer ihm, ein Gebildetes. Das Bild setzt in sich notwendig eine Zweiheit. Die Zweiheit ist gesetzt durch das eigene Wesen des Bildes in seiner Einheit. (Vgl. LOGIK-II, SW IX, 142)

II) Das Bild als Begriff

b) Damit haben wir aber schon einen zweiten Schritt der Rekonstruktion der Bildlichkeit erreicht. Das Bild, oder besser, das Bilden, das notwendig eine Zweiheit setzt, setzt zugleich auch eine höhere Einheit, worin es Bild und Gebildetes aufeinander bezieht und unterscheidet.

Das Bildsein wird dabei immer schon in seinem Sein als Bild dargestellt und verstanden. Das Bild „erhebt sich“ zu etwas anderem als es selbst ist, es ist ja nicht der Inhalt des Abgebildeten, es erhebt sich zum Bild des besonders hingestellten und abgesonderten Inhalts, den es dem Wesen nach bildet. (vgl. LOGIK – II, SW IX, 134)

Das Bild ist die Darstellung der Relation Bild-Abgebildetes qua Relation, d. h. deren Begriff. Es ist der Begriff in seiner ursprünglichen Form. Er tritt auf als Anschauung, und zwar als „absolute Anschauung dieses Unterschiedes (…) zwischen dem Seyn selbst und seinem bloßen Inhalte, ohne das Seyn.“ (ebd. 134f). Als solche Anschauung spricht das gebildete Bild keinen Inhalt aus, „sondern die Bedeutung und den Sinn des Inhalts, wie man ihn nehmen solle: ob als selbst Seyn, oder als bloßes Bild.“ (ebd., 30; 135).

Diese „absolut erkennende (intellektuelle) Anschauung“ ist die des Unterschieds vom Sein und Bild, und zwar durch beiderseitige Negation. Bild ist Nicht-Sein und Sein ist Nicht-Bild. Diese Differenz muss in jedem Bild sogleich erkennbar sein, wenn das Bild als Bild verstanden werden soll. FICHTE spricht deshalb von der „absoluten Anschauung“. Das Bild ist unmittelbar als solches ersichtlich und geht nicht aus einem anderen (erschlossenen) Sichtbaren hervor.

Das vorher auf Stufe 1 (a) gebildete Bild als Einheit von Bild und Abgebildeten ist ein unmittelbares Bild geworden. Die damalige Verschiedenheit von Bild und Abgebildeten ist aber offensichtlich wieder die absolute Differenz von Sein und Bild.4

Die Verschiedenheit oder Differenz kann eigentlich weder dargestellt noch angeschaut, sondern nur begriffen werden. Es ist Sache des Begreifens, d. h. des Denkens und Verstehens, überhaupt zu unterscheiden und Unterschiedenes aufeinander zu beziehen und das Eine durch das Andere zu erkennen.5

In diesem klassischen Begriff der Dialektik, das Eine durch das Andere zu erkennen, ergibt sich für FICHTE die Definition des „Urbegriffes“. Die zuerst genannte absolute Anschauung ist zugleich der „Urbegriff“: „Das Bild B vom Bilde A, wodurch dasselbe als Bild, nicht als das Sein selbst, schlechthin gebildet ist, = der Urbegriff, das absolute Beestandteil des absoluten Wissens in seiner reinen Form, ohne welche es zu gar keinem Wissen kommt“. (ebd, 135f)

Der Urbegriff verhält sich zu jener oben genannten „absoluten Anschauung“ wie das zuerst gebildete B zum Bilde A: Als Einheit durch Differenz und Entzweiung.6

Es muss ein Ur-Begriff der reinen und absoluten Form jedes Wissens und Verstehens vorausgesetzt werden, eine „absolut erkennende Anschauung des Seins selbst und seines Bildes“ (ebd., 136), sonst wäre eine Beurteilung des vorhergehenden A als bloßes Bild schon nicht möglich gewesen. Es gibt ein apriorisch vorausgesetztes Vermögen des Bildens. FICHTE nennt diese Bedingung hier „Denkform“. (ebd. 136)

c) Damit ist die dritte Stufe in der Struktur der Bildlichkeit erreicht. Das Bild ist selbst eine unhintergehbare Bedingung und Form jedes Denkens und Wissens. Die obige epistemische Relation Bild-Abgebildetes wird nicht nur als solche erfasst und verstanden, sondern auch auf sich selbst notwendig bezogen und in dieser Selbstbezüglichkeit unmittelbar dargestellt. Die Relation Bild-Abgebildetes wird dreistellig; sie wird zu einer Relation der Relation. Etwas wird durch etwas Anderes in einem Dritten dargestellt. „Wir haben eigentlich ein Dreifaches. Zwei Bilder – A und B – und eine höhere Einsicht, absolute Klarheit und Evidenz des Unterschieds von Sein und Bild.“ (ebd. SW IX, 140f, Hervorhebung von mir)

Das Wissen als Bild erkennt sich, so Siemek, in seiner sinnstiftenden und sinnverstehenden Bildlichkeit, die sich selbst bildet. Die epistemische Relation wird eine epistemologische, das Wissen wird zum Bild des Bildes. 7

III) Der Begriff als Bild des Bildes

Die Relation des Bildes zu einem Abgebildeten war die epistemische Relation; mit dem Verstehen der Möglichkeit dieser Relation in der Unterscheidung des Begriffes als Bild des Bildes ist die epistemologische Relation erreicht. Es kann auch so gesagt werden: aus der ontischen Beschaffenheit des Bildseins ist die ontologische Einsicht in das Wesen des Bildseins (als rückbezügliches Sich-Verstehen des Bildes) geworden.

Künftige Aufgabe nach FICHTE wird es sein, diese Selbst-Besinnung des Wissens auf seine ontologische Basis noch genauer zu erkennen, d. h. den Sinn dieser Selbstdarstellung des sich implizit im Bilden sich bildenden Sinnes zu erfassen. Was ist der Begriff, der Sinn des Bildes vom Bild? Es wird sich ergeben: Wenn erst im Bild des Bildes das Bild als solches erkannt wird, aber dann nicht mehr dargestellt werden kann, wie sich herausstellen wird, so wird auf der Suche nach dem Sinn das Bild verschwinden, so wie umgekehrt die bloße Darstellung des Bildes immer die Frage nach seinem Sinn aufwirft.

Intellektuelle Anschauung“, „Urbegriff“, „absolute Denkform“ – dies sind verschiedene Namen, unter denen diese epistemologische Einsicht in die Randbedingungen des Sinnes bei FICHTE auftritt.

Dieses Bilden bezieht sich im dreistelligen Bilden immer auf sich als auf ein Drittes, wodurch das Eine durch das Andere dialektisch dargestellt und gebildet wird. Jenes Dritte ist das Bilden selbst, die sinnstiftende Differenzierung zwischen dem Bild und dem Abgebildeten (dem Sein).

Die Denkform setzt hier „Sinn, Verstand und Bedeutung überhaupt alles Bildwesens; die Nehmbarkeit desselben überhaupt, in einem Höheren.“ (ebd. SW IX, 137)

Auf die Nehmbarkeit in einem Höheren kommt es an; nehmbar ist es aber nur in einem Dritten, dem Sinn überhaupt. Durch dieses höhere Dritte wird das Bildwesen bestimmt, durch ein anderes in einem höheren Dritten. FICHTE spricht vom „reinen Durch“, „als weder Bild des einen, noch des anderen, sondern Bild ihres Unterschiedes sowie ihrer Gleichheit, ist (…) ein innerlich lebendiges Bilden, ein Durch jedes der beiden durch das andere.“ (ebd., SW IX, 138)

Das „Durch“, das in der Form der Bildlichkeit waltet, ist aber das Vermögen des Verstandes. Das „Mittelschweben zwischen zweien“, wird wieder zu einer „stehenden Einheit“, die sich aber ihrerseits auch nur durch Fließen und Mittelschweben manifestiert. In diesem Sinne ist der Verstand beides zugleich: das Bild des Bildes als „stehende Einheit“ – und das Bilden selbst, als ursprüngliche Tätigkeit des reinen Durch. Der Verstand setzt ein Leben und Fließen und setzt es so, dass er ein Sein setzt; er ist eine Wechselseitigkeit der Einsicht, ein vollendetes und abgeschlossenes Durch.

Der Verstand als lebendiges Bilden bringt alle Bilder hervor, und zwar dadurch, dass er sie als Bilder verständlich macht. Im Verstand bildet sich das Bild des Bildes. Das ist aber ein Begriff, kein Bild mehr. Der Verstand ist das Vermögen der Sinngebung und des Sinnverstehens. In diesem Charakter, als „Sinn für den Sinn“, (ebd. SW IX, 137) ist er das Vermögen der philosophischen Erkenntnis.

Verstand – und die Form der Bildlichkeit, die Darstellung des Bildens – müssen dabei weiter unterschieden werden. Erst im Bild des Bildes wird das Bild selbst erkannt, aber nicht mehr dargestellt. Auf der Suche nach dem Sinn verschwindet das Bild, so wie die bloße Darstellung des Bildes immer die Frage nach seinem Sinn aufwirft.(SIEMEK, ebd., S 54)

(…) Der bildliche Inhalt der Erscheinung lässt durch keine Kunst der Darstellung sich herauf erheben zum Verstande, dem Sinne, denn beide sind durchaus verschieden.“ (ebd. SW IX, 137) 8

IV) Wissen und Bildlichkeit

Das Bild als solches in seiner Verständlichkeit, die Bildlichkeit, erweist sich als ursprüngliche, dem Wesen des Wissens schlechthin innewohnende Entzweiung des Sinnbildens, das immer darin besteht, ein Bild in seinem Sinn zu verstehen.

In einer Zweiheit werden zwei Glieder Bild und Sein (a) und Bild vom Bild (b) in einem Dritten vereinigt, aber nicht so, dass sie miteinander, sondern immer durch-einander, eines durch das andere, präsent sind.

Das Bild als Bild verstanden setzt das einfache Bild des Seins voraus, als dasjenige, was überhaupt zu verstehen ist; und umgekehrt, jedes einfache Bild vom Sein, oder die unmittelbare Anschauung, setzt das Bild des Bildes, d. h. den Begriff voraus. Das erste Bild A (Abschnitt a) kann nur insofern erkannt und verstanden werden, inwiefern es ein Bild schon von allem Anfang an tatsächlich ist (und nicht Sein, Abschnitt b). FICHTE drückt es so aus: den „Grundcharakter alles Bildes“ liegt schon in der „absoluten Sich-Äußerung und Darstellung“ (SW IX, 147)9

In einem einfache Bild von Etwas, FICHTE nennt es „das Bild A“, muss schon eine eigentliche Substanz des Bildseins vorausgesetzt sein. FICHTE nennt es weiter „Äußerung, absolutes fiens, Genesis“. „Genesis, Bild. Genesis der Genesis, Bild und Erkenntnis des Bildes“ (ebd. 149) Als solche Äußerung ist aber die Genesis immerhin ein „Factum“, kein ewiges und geschlossenes Sein. In A kommt schon die Anschauung und Hinschauung zustande, die auf „ein Leben“ (ebd. 152) gerichtet ist. Nur darum hat A einen bestimmten qualitativen Inhalt, es ist ein Bild von Etwas.10

Der Inhalt des Etwas „müsste als werdend und im Werden erscheinen, und angeschaut werden, in seinem Bilde“ (ebd. 154). Zum Wesen des Bildseins gehört also die Bewegung, das Werden. Der Inhalt ist nicht feststehend und gegeben, sondern er wird; er ist freilich abgebildet, in seiner völligen Bestimmtheit, als Inhalt, als ein So und durchaus nicht anders, „dieses Sosein aber ist abgebildet im Fluge und auf der Tat des Werdens“ (ebd. 154)11

Das immer „werdende“ Wesen der Bildlichkeit kann in jeder Vorstellung illustriert werden, wie es FICHTE in Beispielen schildert. Das Mir-Werden der Vorstellung von Etwas ist nicht ihr Inhalt selbst, der nicht wird. Durch das Faktum des Werdens entsteht also das Bild, als gesetzt in der Äußerung dessen, was FICHTE das Urbild bezeichnet. Es ist das im Bilde sich äußernde Leben, das allein dem Bild seinen Gehalt geben kann. Dieser Gehalt schöpft sein Sosein aus dem unmittelbaren Erscheinen des Seins und erscheint insofern als die Wahrheit im Wissen oder als unmittelbare Offenbarung, die das Sein von sich gibt. (M. SIEMEK, ebd., 56)

Zugleich ist aber diese Wahrheit nur in der Form der Anschauung, im bildlichem Medium der Sichtbarkeit überhaupt zugänglich. Es ist die Form und das Medium des Werdens, das Sich-Machen der Einheit vermittelst des oben beschriebenen lebendigen Durchs, das den Fluß der Mannigfaltigkeit verstandlich hält und in die Einheit des Bildes verwandelt.

Das Bild des Seins (A) und das Bild des Bildes (B) müssen sich somit gegenseitig ergänzen können und wechselseitig bestimmen im Wissen. In A wird ein Bild, sofern es durch die Faktizität der ursprünglichen Äußerung des lebendigen Seins gesetzt wird. In B wird es als Bild verstanden, indem es sich selbst sieht, sich objektiviert, zum Bild seiner selbst wird, im Unterschied zu dem von ihm gesetzten Sein. Ohne A wäre B nur eine gehaltlose Form der Bildlichkeit; ohne B ist A kein sich selbst verstehendes Bild, nur das Quale einer Äußerung, das von der unmittelbaren Erscheinung des Seins selbst herstammt, aber unsichtbar und damit unverständlich bleibt, wenn sie nicht in die Form des Werdens als Grundform des Bildseins aufgenommen würde. 12

FICHTE hat bekanntlich diese Form der Bildlichkeit, worin bildendes Wissen und gebildetes Wissen in einem sich-wissenden-Bilden vereint sind, „Ich“ oder „Ichheit“ genannt. (Siehe dann noch unten der Abschnitt IV).

In dieser Ichheit oder diesem Ich, in dieser ichlichen Selbstbeziehung, liegt die absolute Form und Grundstruktur der Erscheinung selbst, ein „genetisches Entstehenlassen“. Das Quale des Gehaltes kommt zwar vom absoluten Sein, aber nicht in der Form des objektiven Seins, sondern in ihrer eigenen Form des Bildes, des Begriffes seiner selbst, einer ichlichen Beziehung.

Die Ichheit beschrieb FICHTE stets als Einheit aus Zweiheit, als Sein in Beziehung, als Bild seiner selbst, als Verstehen und Verstandenes, als absolute Form, die aber damit nicht wieder selbst erst werden kann – sonst könnte kein Werden bestimmt werden – sondern ist. Das Bild der Ichheit, so immer deutlicher ab den Schriften der Jahre 1800, ist nur denkbar, wenn in dieser Bildlichkeit das Absolute erscheint. (Dies ist keine „Depotenzierung“ des Ich-Begriffes, wie JANKE in einem Aufsatz einmal meinte, sondern der Ich-Begriff ist darin tiefer begründet – und die Gottesidee ist trotz ihrer bleibenden, absoluten Transzendenz nicht mehr objektivistisch nach außen gesetzt.)

Wie das Verhältnis zum Absoluten gesetzt ist, verlangte jetzt weiterer Klarstellungen, ist aber in der Frage der Bildlichkeit noch nicht direkt gefragt; sicherlich muss aber das Absolute als unzertrennlich mit seiner Erscheinung (in der absoluten Form der Ichheit) gesetzt sein, als im Wesen seiner Erscheinung schlechtweg gegründetes Sein.13

Das „absolute Mittelseins“ des Ichs zwischen dem Fluß des bildenden Werdens und der Einheit des geschlossenen Bildes, ist ständig schwebend und als sich selbst erfassend gesetzt. Es ist eine überzeitliche Dauer, die in einem stehenden und bleibenden Bild wandelt, und die durch den Wandel hindurch gesehen und festgehalten wird. FICHTE kommt hier im Unterschied zu KANT zu einer analytischen Sicht der Einheit der Apperzeption. Auch die Folge der Erscheinungen der Vorstellungen des Ichs müssen in einem substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsakt in Einheit gesetzt werden können (analytisch geschlossen), sonst könnten sie in einer appositionellen Synthesis nicht aufeinander bezogen werden.

Es gibt eine formale Einheit des Bildseins, wodurch im stehenden Wandel des Ichs die Identität erzeugt wird – aber auch nur, inwiefern auf eine materiale Einheit des Bildseins, die in allem bildenden Werden unsichtbar immer vorausliegend gedacht werden muss, übertragen wird. Das formale Bilden in der Apperzeption ist ein Nachbilden einer materialen Einheit, es ist nicht selbst das Leben der materialen Einheit, ist nicht hypertrophe Bildlichkeit. Die materiale Einheit kann nie unmittelbar gesehen und angeschaut werden kann. Würde sie als solche gesehen, ist sie schon wieder Bild einer bildlichen Beziehung zu sich selbst. 14

V) Das „Unbildbare“ und die Reflexivität des Wissens.

FICHTE beschreibt dieses formale Bildsein der Ich-Einheit noch weiter. Er kommt damit zum Schlüsselpunkt seiner Epistemologie der Bildlichkeit. „Das Sein der Erscheinung im Bilde reisst hier ab, und es entsteht ein hiatus unzusammenhängenden Seins des Bildes (…) es findet sich ein nicht angeschautes Prinzip als Prinzip und Seinsgrund der Anschauung“ (ebd., SW IX, 185). Dieses Prinzip ist das Unbildbare als Bedingung der Bildform selbst, ist nur durch Subsumtion der Anschauung oder des Bildes unter das eigene Werden der Erscheinung möglich.

Was auf diese Weise entsteht, ist das eigenartige Bild der Identität des Anschauuenden und Angeschauten, „ein Bild dieses Verhältnisses der Erscheinung zu sich selbst, ein eigentliches Ich, ein formales Bild der Erscheinung.“ (ebd. SW IX, 187). Ein formales Bild ist aber kein Bild mehr, sondern ein Bild des Bildes, mithin ein Begriff, wodurch die im „Urbild“ enthaltene Notwendigkeit des Bildseins, alles, was es ist, im Bilde seiner selbst auszudrücken, als Gesetz des Bildens erfasst wird. Die „Ichheit“ als selbstbezügliche Form des Bildlichkeit ist nichts anderes als ein verdoppeltes Bild der gesetzmäßigen Notwendigkeit, wonach jedes Gebildete angeschaut, d. h. ins einheitliche System der „Bildwesen“ aufgenommen werden kann. „Die Anschaulichkeit=Erkennbarkeit ihrer eigenen inneren Gesetzmäßigkeit macht ein Bild ihrer selbst in dieser Gesetzmäßigkeit notwendig. (…) „ (ebd. SW IX, 193)

Das unbildbare Gesetz des möglichen Bildens ist die unhintergehbare Reflexivität, die das Wesen des bildenden Wissens als solches ausmacht – in doppelter Beziehung: a) einmal in Richtung auf das gebildete Sein, jenes Etwas, das oben epistemisch als Etwas-Wissen dargestellt wurde, und b) in Richtung der epistemologischen Relation der sich selbst verstehenden Darstellung, das ein immer negierendes nur-im-Bild-Sein des Etwas-Wissens ist.

In der ersten Richtung schaut das Wissen sein Gewusstes immer an und hin, d. h. als das „Leben“, als das „absolute Sein“, als das „Objekt“ und setzt es außer sich, ohne dabei sich als das Wissende direkt hinzubilden und damit anzuschauen „Sein Bild spricht ausdrücklich sich ab alles Hinbilden, und Erzeugen, dadurch, dass es in dasselbe selbst verlegt die Notwendigkeit des Bildens. Es erklärt sich selbst als sein bloßes Nachbild, und einen abgesonderten Reflex; und dieses zwar dadurch, dass es selbst bildet nach dem Gesetze, und bildet ein gesetzliches Sein.“ (ebd. SW IX, 194)

SIEMEK betont aber jetzt ebenfalls: „Indessen tritt jedes Bild nicht nur als „Nachbild“ und „Reflex“ des „Seins eines Gebildeten außer seinem Bilde, und unabhängig davon“ (SW, IX, 94) auf. Denn in der zweiten Beziehung stellt sich sogleich heraus, dass jenes „Sein außer dem Bilde“ zugleich erscheinen muss, mithin wiederum nur im Bilde möglich ist.“ (Siemek, ebd., S 61)

Wenn das erscheinende Bild ein bloßer „Reflex“ der selbstständigen und insofern nur „reflektierten“ Objektivität ist, so ist die “Erscheinung“ oder das Wissen selbst immerhin das Reflektierende in diesem Verhältnis. Das Sein außer dem Bilde ist einem „nicht außen“ untergeordnet, ist zugleich ein reflexiv gewusstes Außen, ein „innerliches Außen“ (ebd. 189).

(…) Es ist ein objektives Ich, zwar durchaus Bild; aber seiend, so gewiß das Absolute erscheint: und unter diesen Bedingungen nicht nicht sein könnend.“ (ebd. 194)

Die Erscheinung ist nach dem Gesetze schlechthin in ihrem Bilde, und nicht außer demselben; dieser ihre Seinsform ist eine gesetzliche. Da sie nun, schließen wir zurück, im Bilde ist, was sie ist, so muss auch dies ihre Gesetzlichkeit, als solche, sein im Bilde. Sie muss sich anschauen und hinschauen als ein Sein, in welchem Bild und Gebildetes schlechthin unabtrennlich ist, als ein Ich in einem absolut notwendigen Reflex ihrer selbst. Wohlgemerkt, als das, was ein Ich sein muss.“ (ebd, SW IX, 197).

Bilden aus dem Sein und Sein aus dem Bilde sind eine unüberschreitbare Reflexivität; kein Wissen ohne Gewusstes, ohne Etwas außer der bildenden Schöpferkraft des Denkens; aber auch kein Wissen ohne tätige Selbstbeziehung des Wissenden, ohne Setzen und Projizieren des innerlichen Außen, ohne Konstruieren. Das Konstruieren ist selbst eine ursprüngliche Konstruktion der Erscheinung, das Ich; (vgl. SW IX, 216)

Allerdings handelt es sich zugleich immer um eine „Konstruktion des Unkonstruierbaren“, um ein Bilden aus dem Unbildbaren, um die Überwindung eines dem Wissen selbst innewohnenden hiatus.

Diese Epistemologie der Bildlichkeit kann m. E. die sinnbildende Form des Verstandes, dieses Phänomen menschlichen Sinnbildens (Hermeneutik), auf den Begriff bringen.

Ebenso geht dieses Form der Reflexivität und Bildlichkeit jeder Sprachanalyse und Sprachphilosophie voraus, als der Akt der Erzeugung in seiner Evidenz und seinem Licht-Sein, der das spätere Resultat einer sprachlichen Äußerung und der diversen Sprachspiele erst begreifbar macht. 15

1MAREK J. SIEMEK, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: Erich Fuchs (Hrsg.), Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, 41-63. Weitere Literatur siehe dort.

2FICHTE begann einen ersten Teil der TRANSZENDENTALEN LOGIK am 20. 4. 1812 und las bis 14. 8. 1812. Am 22. Okt. 1812 folgte erneut der Vortrag der TRANSZENDENTALEN LOGIK bis Ende Dezember. Die im Sommersemester 1812 gehaltene Vorlesung „Vom Verhältniß der Logik zur wirklichen Philosophie“ wird erstmals in der GA II, Bd. 14 der Forschung zugänglich gemacht. Sie analysiert das empirische Begreifen, zeigt die gegensätzliche Auffassung des Denkens in der formalen und in der transzendentalen Logik, und weist nach, dass die formallogische Konzeption des Denkens unhaltbar ist. Vollendet wird dieser Gedankengang im Wintersemester 1812/13 mit dem Titel „Vom Unterschiede zwischen der Logik und der Philosophie selbst“; diese vollzieht das Begreifen des Begriffs und der Anschauung bis hin zur Deduktion des Raumes. Dieses Werk gilt als wissenschaftliches Hauptwerk Fichtes aus der Spätzeit und wird in den GA in einer wesentlich verbesserten Form vorgelegt. GA II, Bd 14. ( SW IX, 103 – 400).

3Ich denke an die mannigfaltigen Methoden der Rezeptionsästhetik in der Kunstwissenschaft; das Bild oder Kunstwerk ist auf ein Bilden im Rezipienten bezogen. Das Abgebildete eines Kunstwerk setzt das Bilden des Rezipienten voraus und umgekehrt der Rezipient in seinem Bild ein Abgebildetes.

4Beim sogenannten „Differenzdenken“ eines DERRIDA u. a. habe ich immer den Verdacht, wenn es über die Methode der Dekonstruktion hinausgeht, dass die Differenz selbst zum Bild erhoben wird, mithin verobjektiviert wird.

5Ich denke an PLATON, der einerseits die Metaphorik des Schauens und Erblickens (thean, idein, horan skopein, blepein) für die Ideen verwendete, damit aber nicht nur ein sinnliches Schauen meinte, sondern ein geistiges Schauen, wodurch wesentlich Verstand und Vernunft in das Erkennen der Ideen eingebunden wurden. Das geistige Schauen und Sehen der Ideen darf ja nicht die Ideen zum sinnlichen Ding hinzusetzen und quasi die Wirklichkeit verdoppeln, sondern mittels der diskursiv zu erkennenden Idee wird schematisch das Sosein des sinnlichen Dings erkannt. Wie PLATON zusätzlich zur Metaphorik des Schauens den Bereich des Wissens herausarbeitet, so beschreibt FICHTE klar eine zweite Stufe des Bildens als ein Begreifen, als ein Unterscheiden und Beziehen mittels der Dialektik der Gegensätze und mittels des Begriffes.

6Wiederum sind starke Konnotation mit PLATON zu erkennen, vor allem zum Liniengleichnis POLITEIA 509 d- 511 e. Ich zitiere nach F. RICKEN, Philosophie der Antike, 103/104, Abschnitt 131.

Der Abschnitt AC im Liniengleichnis hat eine zweifache Funktion: 1) Er symbolisiert zwei Erkenntnisweisen und zwei Gegenstandsbereiche. 2) Er symbolisiert das Verhältnis des Gegenstandsbereichs des Wissens zu dem der Meinung, d. h. das Verhältnis der Welt des Seienden zur Welt des Werdenden. Die Entsprechung CB:AC = DC:AD will also besagen: Die Welt des Werdenden ist ein Abbild der Welt des Seienden, sowie Schatten und Spiegelbilder Abbilder der sichtbaren Dinge sind. PLATON sieht eine Entsprechung zwischen den Bereichen der Abbilder und des Mathematischen einerseits und andererseits zwischen dem Bereich der sichtbaren Dinge und dem Bereich der intelligiblen Welt der Ideen. Nach FICHTE gilt analog: Wie das gewöhnliche Bild zum Abbild des abgebildeten Seins steht, so steht das Bild als Bild (2. Stufe) zum Ur-Bild des Begriffes.

7Es meldet sich hier die Rückbezüglichkeit des § 1 der GRUNDLAGE zu Wort, wenn auch hier momentan nur im theoretischen Bereich des Bildens. Im 1. Grundsatz liegt beides enthalten: Das Sichwissen ist immer auch ein Wollen-in-actu. Die Reflexion ist zugleich und immer auch Bedingung der Möglichkeit des Wollens selbst und umgekehrt. Das Wollen ist ein praktisch sich beziehendes Wollen auf ein anderes Wollen, wodurch es EIN Wollen wird, rückbezügliches Wollen in Zweiheit. Das Bilden als Verhältnis des Bildes zum Abgebildetes bzw. als Verhältnis des Begriffes zum Sein ist zugleich ein Selbst-Wollen, ein Verhältnis des Wollens zum eigenen Wollen in der Einheit eines gemeinsamen Willens.

8Es darf uns hier nicht irritieren, dass PLATON für den Bereich des Wissens noch den Bereich des Verstandes („dianoia“) vom höheren Bereich der Vernunft („nous“) unterschied. Nach FICHTE wäre der „Verstand“ die Vernunft; umgekehrt spiegelt das griechische „dia-noia“ das fichtesche „Durch“ wider.

9Für mich ist das wieder ein klarer Hinweis auf die Inkarnationsbedingung des Absoluten; nur insofern das Absolute sich schon entäußert hat und in einem Ur-Bild präsent ist, kann überhaupt etwas erkannt und kann ein Sinn gestiftet werden.

10Hier kommt m. E. FICHTE zu einer transzendental-philosophischen Erklärung der metaphysischen Grundkategorie des „Seienden als solchen“ (to on he on), wie es ARISTOTELES in der Form der logischen und einer prädikativen Aussage in seiner METAPHYSIK beschrieben hat. Jeder logischen Aussage liegt eine bildliche Form zugrunde. Diese logische Form kann nicht wieder logisch analysiert werden z. B. in die Form eines deduktives Kalküls (FREGE) oder auf eine andere Form sprachanalytisch zurückgesetzt werden. Alles bleibt letztlich eine Aussage, eine Behauptung, zumindest müsste im philosophischen Argument die sprachliche Vielfalt von Sätzen auf klare Aussagen zurückgeführt werden können.

Die analytische Philosophie im Anschluss an Wittgenstein wie J. McDowell, G. E. M. Anscombe, Ryle u. a., begeht hier m. E. eine ständige petitio principii und streut viel Verwirrung in die Theorie eines philosophischen Arguments. Die Sprachanalyse führt zu verschiedenen Formen der Sprechweise – was ich nicht leugnen möchte – doch der Vollzug dieser Sprachäußerungen, das ist das philosophische Argument und die darin liegende Differenz von Bild und Sein. Die Sprachanalyse kommt m. E. viel zu spät. Sie analysiert nicht ihren eigenen Vollzug, sondern bereits vorliegende Fakta.

S. RÖDL versucht in seinem Buch „Transzendentale Logik“ sozusagen eine transzendentale Ehrenrettung von ARISTOTELES, indem er die logische Form der prädikativen Aussage selbst auf eine Idee des Zeitlichen und auf einen materiellen Inhalt bezieht. Das Seiende wird logisch und zeitlich bestimmt. Fragt sich nur, wie kann das zeitliche Werden logisch verstanden werden, wenn es faktisch-wirklich zeitlich wäre und sich somit in seinem Sein ständig ändert?

Bei FICHTE entspringt das zeitliche Werden einem verstehenden Bilden und einer darin sich zeigenden Entzweiung des Sinnbildens, sobald das Bild zu verstehen versucht wird. Das Werden entspringt dem Bilden in actu, es liegt nicht objektivistisch im Bilden selbst. (Aber bitte, man höre hier FICHTE und nicht meine Wiedergabe!) Erst im Verstand wird das Werden ins Bildsein hinübergetragen und verobjektiviert, indem eine Differenz zwischen Bild und Sein gesetzt wird – und als solche werdend hervortritt. Das Wesen in diesem Bildsein kann nicht wiederum eine sich wandelnde Idee des Zeitlichen sein, denn dann könnte der Verstand nie ein begriffliche und sinnbildende Einheit setzen, wenn der Sinn sich ständig ändert.

Ein epistemisch zu verstehendes Seiendes, soweit ich ARISTOTELES verstehe, kann nicht anschaulich aus dem Fixsternhimmel abgeleitet werden, durch Rückbezug der Kategorien dorthin. Das ist wiederum nur epistemische Bildrelation eines Wissens (vom Sternenhimmel). Das Differenzdenken FICHTES erklärt hingegen epistemologisch, aus der Idee des unwandelbaren Logos, das sinngebildete Seiende. Dieser unwandelbare Logos erscheint in einer sich zeigenden unwandelbaren Evidenz. Das Sein wandelt sich nicht – erst im Bilden, initiiert im verstandlichen Sinnbilden, tritt eine Bewegung, ein Werden ein.

11Grundsätzlich und textkritisch ist die Ableitung der Zeit schon in der GRUNDLAGE (§ 4 SW I, 179f) und im GRUNDRISS des EIGENTHÜMLICHEN DER WISSENSCHAFTSLEHRE von 1795 (SW I, § 4, 391ff) geleistet worden, kommt aber nochmals deutlich in der WLnm (§ 12, GA IV, 2 124ff) für das empirische Bewusstsein vor. Hier in der LOGIK wird die Zeit im theoretischen Bereich des Bildens eingeführt. Der praktisch-sittliche Sinn der Zeit müsste anhand der WLn angegeben werden. Hier kurz gesagt: Die Verzeitung ist für die theoretisch und praktische Konstitutierung des Bewusstseins notwendig ist, ist aber nicht ein uneinholbarer, metaphysischer Grund, sondern durch die Selbstversinnlichung und Inkarnation des reinen Willens bzw. der Erscheinung des Absoluten deduktiv bestimmt. Es ist der reine Wille, der sich durch Aufforderung und Selbstbeschränkung personal und interpersonal ausschematisieren und inkarnieren will. Noch kürzer ausgedrückt: Das Absolute eröffnet mit seinem Erscheinen in der Form des Solls die Zeit.

12Sozusagen aus der Perspektive von oben her gesehen: Der absolute Gehalt der Erscheinung muss die Bildform, Bildlichkeit, Reflexivität als Form annehmen, wenn er verstanden werden will. HEIDEGGER hat bekanntlich objektivistisch das Sein selbst zum Werden erklärt; er schoß über das Ziel hinaus. Die Form des Werdens liegt in der Grundform des Bildens, nicht des Seins.

13Ich bin mit dem Konzil von Chalkedon 451 n. Chr. versucht zu sagen, dass die unzertrennliche Einheit von Absolutem und seiner Erscheinung „ungetrennt“, aber auch „unvermischt“ ist, wie damals die nicht-naturale Einheit JESU CHRISTI in seinen zwei Naturen ausgedrückt wurde. Vor allem im Zuge der christologischen Diskussion suchte man nach einem Symbol, das Menschheit und Gottheit JESU CHRISTI einerseits unterschied, andererseits verband. Die Transzendentalphilosophie FICHTES gibt hier entsprechenden Begriffs-Instrumentarien an die Hand. Die analytische Einheit eines materialen Bildseins (=die erscheinende Gottheit) und die synthetische Einheit einer formalen Einheit von zweierlei Willen (ein formales Bildsein) sehen wir in JESUS CHRISTUS vollendet und vollkommen erfüllt.

14Die unsichtbare materiale Einheit wird in der inkarnatorischen Sicht der Erscheinung des Absoluten als unerschöpfliche Quelle des HEILIGEN GEISTES beschrieben. In dieser Quelle ist der Vater im Aufruf des Sohnes und seiner Antwort präsent als Liebe – wie die Kirchenväter es beschrieben haben.

15 Bekanntlich fragt KANT in der KrV, wie synthetische Urteile a priori möglich sind. Sie sind a priori, insofern die Möglichkeit der Erfahrung erklärt werden soll, andernfalls eine Erfahrung nicht möglich wäre. Der sinnliche Gegenstandsbereich überhaupt in seiner Totalität ist aber bereits eine Eigenschaft oder Bestimmung (FOUCAULT würde das vielleich „Dispositiv“ nennen) des Gebrauches der apriorischen Begriffe, also sind die Urteile nur insofern synthetisch, als die sinnliche Anschauung dazukommt. Was ist aber das Rechtsurteil, dass die Urteile das so richtig aussagen, was in den sinnlichen Anschauungsformen erscheint – und umgekehrt, erscheint das, was sie aussagen? Es ist nur ein faktischer Beweis möglich. Aus den apriorischen Begriffen der Quantität, der Qualität, der Relation oder der Modalität kann für sich (wie z. B. in der Geometrie oder Mathematik) noch keine Anschauung abgeleitet werden. Sie erhalten ihre Begründung erst durch den Sinn der Erfahrung. (Eine Geometrie kann hingegen aus einem Begriffe unmittelbar die bestimmte Anschauung auf dem Papier oder in der Vorstellung hervorbringen.)

Im Unterschied zu KANT kann FICHTE die apriorischen Begriffe, wie sie KANT in der Kategorientafel vorgefunden und in Grundsätzen des Verstandes angewendet hat, aus der Gesetzlichkeit des Bildens ableiten und begründen. Dem synthetischen Gebrauch der apriorischen Begriffe in einem Urteil und in der Erfahrung lässt FICHTE eine intellektuelle Anschauung vorausgehen in dem Sinn, dass das Schweben der Einbildungskraft ein formales Bildsein erlaubt, das auf der Grundlage eines schlechthin möglichen materialen Bildseins ein faktisches Bildsein in einer faktischen und konkreten Anschauung aus einer apriorisch einsichtigen Bedingung, der der Reflexivität des Bildens, einsichtig werden lässt. Eine faktische Anschauung ist nur im Bilde zu haben, wie der obige Weg Abschnitt I bis III und bis zum verstandlichen Begreifen des sinnlichen Etwas erklärt haben soll. Die Stufe V offenbart schließlich die Gesetzlichkeit der intellektuellen Anschauung. Diesen Denkakt übersieht man gerne, weil er als solcher ja unbildbar bleiben muss. Er geht aber allem formalen Bilden als Gesetz voraus. FICHTE vermag gerade durch diese epistemologische Relation zu einer intellektuellen Anschauung die epistemische Relation von Denken und Sein des Bildes in ihrer Gesetzlichkeit zu begründen. In einer faktischen Anschauung ist bloß ein „Ich denke“ mit dem konkreten Etwas vereinigt; diese epistemische Relation muss genetisiert werden. Dies geschieht durch die intellektuelle Anschauung, die unmittelbar mit dem Denken in der Gesetzlichkeit der erscheinenden Reflexivität synthetisch vereinigt ist.

Im 26. Vortrag der LOGIK beschreibt FICHTE das Denken einmal so: Es gibt ein faktisches Denken, worin der Denkakt unreflektiert bleibt, und ein genetisches Denken, worin Denken und Anschauung noch vereinigt sind: „ (…) Ganz anders bei dem Sinnlichen, da legt sich das Sein nicht unmittelbar an das Denken an, sondern seine Anschauung stellt sich hin als ein Faktisches; darum muß das Denken hier bezeichnet sein mit dem Charakter des denkenden Ich; statt daß im Uebersinnlichen die Anschauung im Faktum des Denkens mit ihm synthetisch vereinigt aufgeht.“ (SW IX 352)

Den Zusammenhang zwischen faktischer und intellektueller Anschauung beschreibt er auch im Modell des Syllogismus. Damit wird der Syllogismus in seiner Genesis verständlich: Aus dem 24. Vortrag: Alles wirkliche Denken ist diese synthetische Einheit, darum ein Syllogismus. Es ist kein Begriff ohne Urtheil und Schluß, denn der Begriff ist nur im Begreifen, darum im Urtheilen, alles Urtheilen aber geht einher nach einem Gesetze, und ist darum ein Schließen aus dem Gesetze, ein Anwenden desselben auf den vorliegenden Fall. So ist umgekehrt auch kein Urtheil ohne Begriff, denn es ist ein Begreifen, dessen Weise eben Begriff genannt wird. Daß Urtheil nicht ohne Schluß ist, ist schon im ersten Gliede gesagt. So ist auch keine intellectuelle Anschauung eines Gesetzes, als das Wesentliche des Schlusses, ohne Urtheil und Begriff: denn, wie gezeigt worden, die intellectuelle Anschauung ist nicht ohne die faktische, den minor, die faktische nicht ohne die intellectuelle, den maior; beide sind wieder synthetisch vereint in der Subsumtion. Die faktische Anschauung ist eben das Dasein der intellectuellen für sich selbst, wie sattsam gezeigt worden ist. Keine Vorstellung irgend eines Etwas ist darum ohne die intellectuelle Anschauung des Ich, und die Subsumtion dieser Vorstellung unter das Ich, als Zustand desselben.“ (SW IX 330)

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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