Zur Deduktion des Rechtsbegriffes, Hegel, Sartre, Luhmann, Habermas – 3. Teil

Wie ich im 1. u. 2. Teil bei der Begründung des Rechtsbegriffes  nach HANS GEORG v. MANZ vorgegangen bin, möchte ich kursorisch ein paar andere Rechtsbegründungen noch anführen, um die transzendentale Begründung rein aus den Bedingungen der Wissbarkeit um so heller – und in gewissem Sinne leichter, einsichtiger – erscheinen zu lassen.

Im obigen 2. Teil klang das Anerkennungsverhältnis an, Anerkennung durch Handeln, wohlgemerkt aber aus der logischen Konsequenz eines Aufforderungsverhältnisses, d. h. Interpersonalitätsverhältnisses ! Hier ist kein Kampf oder sonstige hinterlistige Absicht oder Angst im Spiele, sondern höchste Anpassung und Schematisierung an das endliche Vernunftwesen Mensch. Anerkennung und Aufforderung ist eine Frage der Liebe und Erziehung! „Zur Deduktion des Rechtsbegriffes, Hegel, Sartre, Luhmann, Habermas – 3. Teil“ weiterlesen

Zur Deduktion des Rechtsbegriffes in der GNR – 2. Teil

Transzendentale Interpersonalitätslehre in Überleitung zum Rechtsbegriff – nach HANS GEORG von MANZ – 2. Teil.
FICHTE geht in der Schilderung des Anerkennungsverhältnisses sehr detailliert vor (siehe MANZ unter dem Titel: „Der Intersubjektivitätsschluss als der transzendentale Rechtsbegriff“, Fairneß und Vernunftrecht, a. a. O. S.99 – 103):

  1. In einem ersten Schritt wird die Möglichkeit der Anmutung auf Anerkennung dargelegt.(GNR, § 4, S 44)
  2. Im zweiten Schritte wird die Notwendigkeit der Anmutung auf Anerkennung in universeller Geltung bewiesen; d. h. ohne sie wäre ein Selbstbewusstsein nicht denkbar. (ebd. S 45)
  3. Aus der Struktur der Anerkennung und der Notwendigkeit ihrer Anmutung folgt die Notwendigkeit des Anerkennungsverhältnisses überhaupt. Jemanden anerkennen heißt aber, „d. i., dass ich ihn als ein solches (freies, vernünftiges Wesen) behandelte – denn nur Handeln ist ein solches gemeingültiges Anerkennen.“ (ebd. S 47)

„Zur Deduktion des Rechtsbegriffes in der GNR – 2. Teil“ weiterlesen

Transzendentale Interpersonalitätslehre nach M. Ivaldo

Bei MARCO IVALDO fand ich auf wenigen Seiten (10) eine schlüssige Wiedergabe der Interpersonalitätslehre bei FICHTE – hauptsächlich nach der GRUNDLAGE des NATURRECHTS (abk.=GNR von 1796), aber auch mit weiteren Verweisen auf diverse WLn. Ich zitiere hier ein paar Auszüge aus diesem Aufsatz und füge ein paar zusätzliche Bemerkungen hinzu.1KHM-Wien

1) Warum muss es andere Personen zur Konstitution des Selbst- und Weltbewusstseins notwendig geben? „Transzendentale Interpersonalitätslehre nach M. Ivaldo“ weiterlesen

Freiheit als Ursprung des Rechts – eine Anfrage

Ich hörte kürzlich einen Vortrag in Linz zu diesem Thema von Thomas Sören Hoffmann. 1

Ich möchte eingangs  dankend hervorheben, dass a) der Referent eine Zusammenfassung seines Vortrags austeilen ließ; ferner b) dass der Vortrag online gestellt worden ist, sodass man nochmals dieses so dichte Referat nacharbeiten konnte.

Ich finde das Thema hochaktuell, umso mehr ist es auch löblich, dass die KU Linz damit einem gewissen Öffentlichkeitsauftrag nachkommt. Hochaktuell ist wohl einleuchtend, weil ja bis heute die Menschenrechte (Grundrechte) und bürgerlichen Freiheiten keineswegs durchgesetzt sind – und Millionen Menschen unter ungerechten Wirtschaftsverhältnissen und autoritären Regimen leiden, ausgebeutet, eingesperrt, gefoltert, verfolgt werden.

Freiheit des einzelnen und Gerechtigkeit für alle zu erreichen, dazu Frieden und Sicherheit zu garantieren – das müsste doch anerkanntes Staatsziel aller Regierungen und Ziel aller Rechtsgesetzgebung und Rechtssprechung und Durchsetzung derselben sein. Aber auch die Philosophie oder die Einrichtung einer Universität ist dazu verpflichtet, die Freiheit des einzelnen herauszuarbeiten und  zu garantieren. Die Auslegung des Rechtsbegriffes nach Kant reicht m. E. dafür aber leider nicht hin, schon gar nicht in dieser von T. S. Hoffmann präsentierten hegelschen Weise einer „Idee“.

T. S. Hoffmann lobte Kant über alle Maßen und meinte, durch seine freiheitlichen Momenten (der Rechtsbegründung) eine ganze andere Form als eine z. B. theologische oder teleologische Form der Begründung des Rechts gefunden zu haben. Ich kann es aber KANT – und damit T. S. Hoffmann – nicht nachsehen, dass er gerade keinen klaren Naturrechts- oder Vernunftrechtsbegriff von Recht formulieren konnte.

Die Argumentation von Hoffmann schilderte Kant überschwenglich, geradezu revolutionär. Hier deshalb ein paar skeptische Anmerkungen. (Ich schaute bei Kant selber nochmals in der „Metaphysik der Sitten“ I Teil und in den „metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre“ v. 1797/17982. nach. Siehe dazu Blog „Zum kantischen und fichteschen Rechtsbegriff„.

1) Zuerst eine kurze Wiedergabe von T. S. Hoffmann, was mir aber gar nicht leicht fällt, denn seine überblendete, hegelsche  Sicht von Recht ist letztlich undenkbar bzw. unterscheidet sich nicht von empirischen Rechtsbegründungen.

Die Frage nach dem Ursprung des Rechts geschieht bei KANT, im Unterschied zu anderen Rechtsbegründungen,  durch Freiheit. So die These bei S. T. Hoffmann.2 Es geht um den  Gesamthorizont der  Realisierung einer volonté générale . Der allgemeine Wille ist dabei kein empirischer, unmittelbar instantiierbarer Wille, sondern in der Ethik wie in der Rechtsphilosophie geht es um einen rein rationalen Willen, der das Selbstverhältnis einer reinen praktischen  Vernunft darstellt. Durch dieses Selbstverhältnis der praktischen Vernunft ist der Rechtsbegriff ein Begriff a priori. Der Begriff des Rechts vermittelt eine Synthesis zwischen einer überempirischen und empirischen Ebene und bringt sie zur Darstellung.

Was ist hier genau gemeint? Kommt das noch? Es ist  m. E. deshalb ungenau,  weil die Ebenen hier vermischt sind: Es ist von vornherein von „Darstellung“ und Synthesis der Ebenen die Rede, anstatt a)  mit rein reflexiven Bedingungen des Wissens auskommen, was Recht formal heißen kann, um  dann b) die Darstellung des formalen Rechtsbegriffes auf der empirischen Ebene der Anwendung zu zeigen.
Weiters, wenn etwas zur Darstellung oder Schematisierung gebracht werden soll, so müsste zusätzlich c) die Verfahrensmethode angegeben werden, wie der Rechtsbegriff schematisiert wird.
T. S. Hoffmann bringt das Beispiel des Eigentumsbegriffes:  Der Rechtsbegriff des Eigentums fordert dazu auf, angesichts eines empirischen Gegenstandes ein reflexives Selbstverhältnis zu aktualisieren, das für den Eigentümer/oder Nichteigentümer wesentlich in einer Selbstbeziehung bezüglich der eigenen Handlungsweise besteht, der eigene Freiheit eine Schranke zu setzen – falls die Versuchung käme, fremdes Eigentum an sich zu reißen. Weder der Gegenstand als solcher, noch mein kontingenter Wille, ihn ausschließlich zu besitzen , d. h. auch physisch zu verteidigen, konstituiert die Rechtswirklichkeit, vielmehr gründet sie in einer durch praktischer Vernunft geleiteten Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit eines Freiheitsgebrauches überhaupt. Was leitet hier die praktische Vernunft? Die Redeweise eines „Selbstverhältnisses“ verschleiert ja total die empirischen Gründe. Den Egoismus, das Zwangsgesetz, die Furcht, die  Angst u. a. m.  kann hinter der Selbsteinschränkung durch Freiheit stehen?!

Es wird sogleich mit einem inhaltlichen Rechtsbegriff begonnen, dem Rechtsbegriff auf Eigentum, aber bitte, worin liegt hier noch das großartig angekündigte apriorische Selbstverhältnis praktischer Vernunft? Es fehlt die apriorische Konstruktionsregel, warum das Recht auf Eigentum überhaupt gelten soll (formal), und welche prinzipiellen Darstellungsmittel das braucht.

Die Argumentation bei T. S. Hoffmann verläuft dann dahingehend, dass er den Rechtsbegriff durch den für mich sehr mehrdeutig klingenden „Freiheitsgebrauch“ begründet sehen will. Was ist damit gemeint? Eine Erkenntnisvorstellung ? Oder Erkenntnis des „Rechts“  erst nachträglich, relativ nach seiner Durchsetzbarkeit und Kompatibilität mit anderer Freiheit?  Soweit ich den „Freiheitsgebrauch“ als Begründung des Rechts bisher verstanden habe: Die Aufgabe einer selbstgewählten Freiheitseinschränkung – wie oben z. B. die  Achtung des Eigentums – ist begründet durch die äußere Wahrnehmbarkeit, dass Diebstahl dem Freiheitsgebrauch schadet. Wenn ein Freiheitsgebrauch sich verträgt mit einem anderen Freiheitsgebrauch, dann ist das recht und begründet Recht, andernfalls nicht. Also, von vornherein, rein apriorisch im Denken, noch ohne empirischer Überprüfbarkeit, kann Recht nicht deduziert werden? 3

2)  Die spezifische Aufgabe des Rechts im Unterschied zur Moral ist die Aufgabe einer Koordination von Handlungsfreiheiten auf den Gesamtzweck der Freiheitserhaltung hin. Dass der Gesamtzweck des Rechts die Selbsterhaltung wirksam praktischer Vernunft, d. h. der Freiheitserhalt,  ist, wird nicht mehr durch ein teleologisch Gutes begründet, auf das hin es zu transzendieren wäre, sondern in dem empirisch mannigfaltigen Gebrauch, den empirische Subjekte von ihrer Freiheit machen, ist der Gesamtzweck in einer Idee präsent. (Man höre die hegelsche „Idee“ heraus und den darin enthaltenen Totalitarismus.) Es geht um die Schaffung der Realmöglichkeit der Selbsterhaltung des Rechts der Freiheit in der unabsehbaren Mannigfaltigkeit möglicher Freiheitsrealisierungen.

Im Vortrag weiter: Man kann in diesem Sinne nach Kant Freiheit nicht denken, ohne sich als frei zu verstehen, d. h. ohne der Idee, der Freiheit auch unmittelbare praktische Realität zu geben. In diesem Sinne setzen alle Rechtsbegriffe ein Verständnis wirksamer Freiheit voraus. Wir wissen, was es heißt, mit jemanden einen Vertrag zu schließen, nämlich eine wechselseitige Selbstdetermination im Freiheitsgebrauch vorzunehmen, die bestimmte Handlungen begründen, andere ausschließen …… Alles dies zu wissen ist Inhalt unseres praktischen reflexiven Selbstbewusstseins, zu dessen Inhalt der Begriff einer in Handlungen wirksamen Freiheit gehört.

Hier würde ich zurückfragen: Liegt das Selbstverständnis wirksamer Freiheit letztlich in einer unabhängig von äußerem Erfolg oder äußerer Gesetzeslage evidenten Gewissheit und Sicherheit, oder bemisst sich dieses Selbstverständnis nach äußeren Bedingungen des Verstehens, der praktischen Wirksamkeit?

Was soll ich z. B. von einer bloßen „Idee“ einer Freiheit in einer Diktatur halten, worin momentan das Einsperren als legitime Sicherung der Freiheitshandhabung gesehen wird – und das wird als „Idee“ der Freiheit kommuniziert?  Die Ausgangsposition eines empirisch feststellbaren Mittelgebrauches vermengt m. E. a) die formale Sicherung der Freiheit durch das Recht mit b) inhaltlicher Gesellschaftstheorie, was ein zulässiges oder schon verbotenes Mittel sei, Freiheit zu leben und lässt c) die Aufgabe einer idealen Gesellschaftsform und idealen Gerechtigkeitsform als Postulat vermissen. Die Gesellschaft, der Mainstream, der Staat fungieren als sanktionierende Macht und Verstehenshilfen, was Freiheit heißt und wie sie gebraucht werden soll (darf.)

Für mich klingen die folgenden Ausführungen totalitär: der Freiheitsgebrauch soll aus dem regulativen Mittelgebrauch abgelesen werden, wie Freiheit mit anderer Freiheit sich verträgt. Aber wer bestimmt diese Kompatibilität und Leseart?

Nach T. S. Hoffmann: Die spezifische Aufgabe des Rechtes ist es, die in Handlungen wirksam werdende Freiheit im Sinne einer allgemeinen Freiheitserhaltung zu etablieren. Wer bestimmt die allgemeine Freiheitserhaltung? Welche Gerechtigkeitsvorstellungen liegen dahinter?

Im Unterschied zu einer im Begriff des Guten begründeten Rechtslehre – von T. S. Hoffmann als überholt angesehen – geschieht dies nicht durch eine Kritik der Zwecke der Handelnden, sondern durch eine Regulierung ihres Mittelgebrauches. Der Mittelgebrauch wird nach einer regulativen Idee geprüft, ob er rechtens ist oder nicht. Wenn das Tun des einzelnen sich verträgt mit anderem Tun, ist es rechtens und legal, sonst nicht.

Die Legalitätsfrage ist im Blick auf den Mittelbegriff (nicht Zweckbegriff) zu stellen (nach T. S. Hoffmann)
a) Das Recht achtet nur auf die empirisch auftretende Handlung und nicht auf die vermutete oder erklärte Willensmeinung der Person; b) das Recht ist mit der Fokussierung auf das Mittel auf eine Instanz bezogen, in der die Zwecksetzungen aufeinanderprallen, sodass dann Freiheiten zu koordinieren sind.

Ich deute das so: Gerade in Beziehung auf die Kompatibilität oder Nicht-Kompatibilität mit anderer Freiheit ist die Rechtlichkeit und Moralität des Mittels zu ermitteln. Also erst im Nachhinein, post festum einer Tat oder eines Verbrechens lässt sich die Rechtlichkeit und Moralität ermitteln?

Personen dürfen sich durch ihren Freiheitsgebrauch nicht gegenseitig beeinträchtigen und in ihrer Personalität treffen. Die fundamentale Aufgabe des Rechts ist deshalb: Es hat freiheitserhaltend zu sein, indem es den Mittelgebrauch dahin reguliert, dass sich Freiheit  als empirisch konkret werdende Freiheit mit anderer Freiheit realisieren kann.

Ich sehe darin eine arge Vertauschung der Ebenen: der formale Rechtsbegriff, eigentlich eine Deduktion aus Subjektivität, Leiblichkeit, Interpersonalität, Kommunikabilität, wird inhaltlich abgeleitet von seiner Anwendungspraxis und seiner Schematisierung.

T. S. Hoffmann rühmt sogar diese moralfreie Ableitung eines Rechtsbegriffes: Anders als bei der Moral findet durch das Recht keine unmittelbare Zweckkritik statt, sondern die spezielle Aufgabe des Rechts im Unterschied zur Moral ist die Aufgabe einer Koordination von Handlungsfreiheiten auf den Gesamtzweck der Freiheitserhaltung hin.

3) Meine Anfragen weiter: Wenn der einzelne seine Freiheitsrealisierung versucht, sozusagen „testet“, kann er jemals sicher sein, ob sie rechtens ist, und wenn sie ausgeführt wurde, rechtens war? Oder auf das Ganze übertragen: Kann der Staat überhaupt als rechtssichernde Instanz des einzelnen fungieren, wenn erst nachträglich die Erkenntnis möglich ist, ob ein Freiheitsgebrauch mit anderer Freiheit sich vertragen hat, ob sie rechtens war oder nicht?

Oder noch schlimmer gedacht, könnte der Staat nicht selbst korrupt sein, wenn er als notwendiger „Bewahrer des Rechts“ – wenn ich diese staatstheoretische Sicht eines Carl Schmitts zitieren darf – ja selbst den „regulativer Mittelgebrauch“ der Erkenntnis von Freiheit festlegen darf?

Das Recht, wenn ich meine Kritik an T. S. Hoffmann so zusammenfassen darf, kommt in der Befragungen der zulässigen Mittel und der ständigen Koordinierung von Freiheiten immer schon zu spät im Vergleich zu gerissenen Personen, die für sich längst das „Recht“, nämlich die Mittel dazu, entdeckt haben? A fortiori gibt es überhaupt kein Recht des einzelnen vorab zur allgemeinen Tauglichkeitsprüfung der Kompatibiltät von Freiheit und vorab zur staatlichen Sanktionsgewalt, was Freiheit und Recht heißen darf?

Wenn die Ermittlung von Recht bloß eine Koordinierungsfrage von Handlungsfreiheiten ist, eine Frage besonderer Schlauheit und Raffinesse, der angepassten Mittel und der Macht, wie ich mir diese Koordinierungsfrage eben einrichten kann, wie kann überhaupt aus dieser Vermengung von formalem Rechtsbegriff und inhaltlichen Vorgaben zu einer weiteren Explikation des Begriffes fortgeschritten werden, zu einem Positiven Recht von Grundrechten, Bürgerrechten, sozialen Rechten, Zivilrecht, Strafrecht, Wirtschaftsrecht, Staatsrecht, Umweltrecht?

M. a. W., wenn nicht von prinzipiellen Freiheitsrechten jedes Individuums ausgegangen werden kann, wie sollten diese Freiheitsrechte durch eine Koordinierungsfrage von Handlungsweisen nachträglich gefunden werden? Diese  hegelsche „Idee“ von Recht ist nichtssagend und leer – und gegebenenfalls zu jedem Autoritatismus neigend.

(In einem dritten Teil ging T. S. Hoffmann auf das „Missverständnis“ des Liberalismus ein, sich durch bloße Raffinesse die Koordinierung der Freiheit zu sichern. Ja, bei einer bloßen Interpretationsdialektik der Freiheit kann freilich dieses „Missverständnis“ leicht eintreten, denn es gibt ja kein Recht des einzelnen a priori auf Sicherung von Grundrechten und Menschenrechten. Ich fragte mich überhaupt, wieso in diesem dritten Teil eine Abgrenzung des Freiheitsbegriffes gegenüber dem Liberalismus folgen musste; ich hörte psychologisch erhebliche Selbstzweifel heraus, dass diese Selbstbezüglichkeit von Freiheit durch praktische Vernunft keine Begründung haben könnte. Da helfen aber moralische Appelle und die Bitte um richtiges Verständnis der Koordinierung von Freiheit nichts.)

Gott sie dank, möchte ich sagen, ist die Rechtsentwicklung nach dem 2. Weltkrieg im Westen nicht nach dieser kantischen, logischen Rechtsbegründung und dieser hegelschen Idee gelaufen, sonst hätten wir keine Abwehrrechte gegenüber dem Staat, hätten wir keine Menschenrechte etc.
In den kommunistischen Staaten und Diktaturen wird aber m. E. gerade nach diesem Rechtsbegriff argumentiert, dass nach der Kompatibilität des  Freiheitsgebrauchs gefragt und  entschieden wird, halt so verstanden, was ist kompatibel mit den Interessen einer Partei oder eines Herrschers.  

Dankend möchte ich allerdings erwähnen, dass der Vortrag ins Internet gestellt wurde – abgerufen Juli 2019 – Link mp 3

[audiomp3=“https://www.platonjgf.net/wp-content/uploads/2019/08/Vortrag_Hoffmann-FReiheit-als-Usprung-des-Rechts-.mp3″][/audio]

© Franz Strasser, 30 7. 2019

 

1Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (FernUniversität in Hagen): Freiheit als Ursprung des Rechts und der Sinn des Begriffs ‚Liberalismus‘ , 27. 5. 2019.

2 T. S. Hoffmann grenzte Kants Begründung ab:

a) von einer ontologischen Begründung. Alles Seiende ist gut, es initiiert eine Hinordnung auf das Gute. Ergo gibt es ein Naturrecht, das vom Guten herkommt und zum Guten hinführt.

b) Der Rechtsursprung sei der menschlichen Praxis entsprungen und läge in der Faktizität äußerer Macht. Die Sophisten begannen das, ebenso Machiavelli, Derrida u. a. . Voluntaristisch oder sogar theologisch von Gottes Willen her wurde das Recht begründet.

c) Die weitere Rekonstruktion der Rechtsbegründung ginge in Richtung eines utilitaristischen Nutzens zwecks Errichtung eines öffentlichen Friedens z. B. Mill, Hobbes.

d) Schließlich sprach T. S. Hoffmann ein sogenanntes „selbstbewusstseinstheoretisches“ Modell an. Der Rechtsgedanken sei ein notwendiges Moment des rationalen praktischen Selbstverhältnisses. Das leitete nach seiner Ansicht das transzendentale Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Aufrechterhaltung eines originären Freiheitsbewusstsein in Beziehung auf die Sphäre äußerer Handlungen ein.

e) Schließlich kann eine positivistisch Begründung des Rechts gesehen werden, wobei zwei Hauptvarianten zu unterscheiden sind: Der Positivismus des Normativen (z. B. Hans Kelsen), wobei der letzte Geltungsgrund unhinterfragt vorausgesetzt wird. Diese dominierender Rechtspositivismus entfaltet dann eine spezifische Logik der Anwendung und Entfaltung gegebener Normativität in der Praxis. Diesem Positivismus des Normativen steht auf der anderen Seite ein Positivismus der Faktizität gegenüber, wie ihn die Rechtssoziologie oder die historische Rechtsschule kultivieren, die die Rechtswirklichkeit deskriptiv betrachten. Normative oder legitimatorische oder delegitimatorische Ansprüche werden damit nicht verbunden.

3 Nur eine kleine historischer Korrektur an dieser Stelle: Nach FICHTE ist die apriorische Notwendigkeit der Interpersonalität auch die Begründung eines apriorischen Rechtsbegriffes. Freiheit und Recht kommt jedem Menschen zu, ehe es zu einem „Freiheitsgebrauch“ der praktischen Vernunft kommt. Die in weiterer Folge des interpersonalen Verhältnisses entstehende Anerkennung mittels positivem Rechtsbegriff – das ist nicht ein Weiterdenken KANTS, wie T. S. Hoffmann die originäre Interpersonalitäts- und Naturrechtstheorie nach FICHTE interpretiert und herunterspielt, vielmehr gerade das Gegenstück zu KANT, der so etwas gar nicht kennt! Die neuartige Lehre Kants sei die Grundlage für die Anerkennungslehre FICHTES gewesen; die Anerkennung erwächst aus dem vermittelten Freiheitsgebrauch der praktischen Vernunft …. Gerade umgekehrt argumentiert FICHTE: Alles, was apriorisch zu einem Vernunftwesen gehört, Sinnlichkeit, Leiblichkeit, Interpersonalität führt notwendig zu Recht und Anerkennung – und ist nicht bloße eine zufällige Explikation des Freiheitsgebrauches. Anerkennung erwächst nicht nachträglich aus der Beobachtung des gegenseitigen Freiheitsgebrauches, ist nicht Folge eines Klassenkampfes (Hegel), sondern ist a priori eine praktischer Schluss.

Zum kantischen und fichteschen Rechtsbegriff

Zum kantischen und fichteschen Rechtsbegriff

1) Kant, MdS, 㤠B Was ist Recht?

Der Begriff des Rechts, sofern er sich auf eine ihm correspondirende Verbindlichkeit bezieht, (d.i. der moralische Begriff desselben) betrifft erstlich nur das äußere und zwar praktische Verhältniß einer Person gegen eine andere, sofern ihre Handlungen als Facta aufeinander (unmittelbar oder mittelbar) Einfluß haben können. Aber zweitens bedeutet er nicht das Verhältniß der Willkür auf den Wunsch (folglich auch auf das bloße Bedürfniß) des Anderen, wie etwa in den Handlungen der Wohlthätigkeit oder Hartherzigkeit, sondern lediglich auf die Willkür des Anderen. Drittens, in diesem wechselseitigen Verhältniß der Willkür kommt auch gar nicht die Materie der Willkür, d.i. der Zweck, den ein jeder mit dem Object, was er will, zur Absicht hat, in Betrachtung, z.B. es wird nicht gefragt, ob jemand bei der Waare, die er zu seinem eigenen Handel von mir kauft, auch seinen Vortheil finden möge, oder nicht, sondern nur nach der Form im Verhältniß der beiderseitigen Willkür, sofern sie bloß als frei betrachtet wird, und ob durch die Handlung eines von beiden sich mit der Freiheit des andern nach einem allgemeinen Gesetze zusammen vereinigen lasse. Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann. (I. Kant, Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Bd. 8, hrsg. v. Wilhelm Weischedl, 19782, 336.337 = A 31.32) (Hervorhebungen von mir).

„Zum kantischen und fichteschen Rechtsbegriff“ weiterlesen