Der Kategorische Imperativ bei KANT und FICHTE – eine Notiz in der SITTENLEHRE 1812.

Fichte erwähnt in seiner höheren SL 1812, die eine materiale Sittenlehre sein will, sehr markant und präzise den „Kategorischen Imperativ“ (abk.=KI) KANTS.

FICHTE betont und würdigt einerseits diese Hervorhebung bei KANT, andererseits haften seines Erachtens dem KI erhebliche Mängel an: a) Es fehlt ihm die gebührende Auszeichnung und Hervorhebung auf der Ebene des formalen Systems der Transzendentalphilosophie überhaupt und b) die Form der Anschauung von darin enthaltener Materie, sprich von Interpersonalität, sodass er nicht als Brücke und in einer Form der Mediatisierung von Selbstbestimmung mit inhaltlichen Vorstellungen erfüllt werden kann.

1) Zuerst zu dieser Stelle bei FICHTE, SL 1812, fhs 3, S 294:

Die Grundthese vorausgeschickt lautet: Der Begriff ist der Grund der Welt, d. h. die im Denken der WL gefundene Einheit des Sich-Wissens/derIchheit/des Sich-Bildens kann analysiert werden

a) als begriffliches Denken des Zweckes und des Wollens auf der Erscheinungsebene: Ich finde und erschaffe mich bestimmend unter dem Gesichtspunkt des Bestimmens, so ergibt sich die Erscheinung des Zwecksubjekts, und Ich finde mich als mich bestimmend unter dem Gesichtspunkt des Bestimmtseins, das ergibt das Bild des Wollens, meiner als Wollender, aber bestimmt durch den Inhalt einer reinen Sittlichkeit in einer interpersonalen Gemeinschaft. Ich kann als einzelner nur wollen, indem ich zugleich mich als individuelles Teil eines Ganzen verstehe.

b) Der Begriff als Grund der Welt führt zur Faktizität des Sittengesetzes, allerdings von FICHTE anders gesehen als bei KANT: Die unableitbare Faktizität des Sittengesetzes beruht bei KANT auf einem unableitbaren Faktum im individuellen Vernunftvollzug; bei FICHTE liegt sie in der sittlichen Gemeinschaft der Menschheit in einem universalen Vernunftvollzug – evidiert und intelligiert aus der Erscheinung des Absoluten.

Nach der Grundthese, der Begriff ist der Grund der Welt, heißt es dann im Text:

(…) Der Begriff sezt sich ab in einem idealen Bilde seiner selbst, nebst einer realen aber freiem Kraft der Vollziehung, [als] erstes [Glied]: Dieses Glied muss wieder als Grund zusammenhängen mit dem folgenden der sich Bestimmung der freien Kraft oder des Wollens. Dieses Grundseyn tritt ins Bewußtseyn ein, heißt: diese Glieder alle, als in der aufgezeigten Folge befindlich, treten ein ins Bewußtseyn.“ (J. G. Fichte, Sittenlehre 1812, fhs, Bd. 3, 2012, ebd. S 294)

Das Grundsein des Begriffes ist also ein „ideales Bild“ einer sittlichen, interpersonalen Gemeinschaft.

Es folgt daraus zweierlei 1.) der vorausgesezte Begriff tritt unmittelbar durch sein Seyn ein ins Bewußtseyn mit der hinzugefügten Foderung an das Ich, daß es soll: (mit dem begleitenden Merkmale eines kategorischen Imperativs, um Kants treffender Bezeichnung? mich zu bedienen.) denn in der That u. Wahrheit ist dieser Begriff Grund eines Ich, dadurch daß er Grund, real Grund ist, lediglich damit dieses Ich sich vollziehe. So ists. Nu<n> muß sein Grundseyn eintreten in das Bewußtseyn: dieses Soll muß drum nothwendig eintreten, und tritt ein, so gewiß der Begriff ein begründender ist.“ (ebd. S 294,295)

2) Kommentar jetzt meinerseits: Die wunderbaren Stellen in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) zum KI wären hier alle heranzuziehen (I. Kant, Werkausgabe, Bd. VII, S 50ff), ich zitiere aber hier nur zwei Stellen aus KpV (1788) (ebd., Bd. VII, S 55f, weil dort die grundsätzliche Auseinandersetzung um das Vernunftverständnis läuft:

KpV:, S. 56: „Reine Vernunft ist für sich allein practisch, und giebt (dem Menschen) ein allgemeines Gesetz, welches wir das Sittengesetz nennen.“
ebd., S. 56/57: „Dieses Princip der Sittlichkeit nun, eben um der Allgemeinheit der Gesetzgebung willen, die es zum formalen obersten Bestimmungsgrunde des Willens, unangesehen aller subjectiven Verschiedenheiten desselben, macht, erklärt die Vernunft zugleich zu einem Gesetze für alle vernünftige Wesen, so fern sie überhaupt einen Willen d.i. ein Vermögen haben, ihre Causalität durch die Vorstellung von Regeln zu bestimmen, mithin so fern sie der Handlungen nach Grundsätzen, folglich auch nach practischen Principien a priori […] fähig seyn. Es […] geht auf alle endliche Wesen, die Vernunft und Willen haben, ja schließt sogar das unendliche Wesen, als oberste Intelligenz, mit ein. Im erstern Falle aber hat das Gesetz die Form eines Imperativs, weil man an jenem, als vernünftigem Wesen, einen REINEN, aber, als mit Bedürfnissen und sinnlichen Bewegursachen afficirtem Wesen, keinen HEILIGEN Willen, d.i. einen solchen, der keiner dem moralischen Gesetze widerstreitender Maximen fähig wäre, voraussetzen kann. Das moralische Gesetz ist daher bey jenen ein IMPERATIV, der categorisch gebietet, weil das Gesetz unbedingt ist“. (Hervorhebung von mir)

Das Wort „Imperativ“ wird bei KANT im Zitat KpV S 56 in einer Art nominaler Definition eingeführt. Es wird verstanden als Abgrenzung gegenüber einem göttlichen, heiligen Willen, der nicht von „Bedürfnissen und sinnlichen Bewegungsursachen“ affiziert wird, wir ihn (den KI) hingegen irgendwie psychologisch spüren.

Schon die Nominaldefinition unterscheidet sich gewaltig von dem bei FICHTE so genannten „Soll“, woran das theoretische und praktische Sich-Wissen der Reflexion in transzendentaler Weise der Begründung und Rechtfertigung anknüpft.

Sowie einerseits FICHTE öfter die zeitliche Vorstellung einer Schöpfung durch Gott ablehnt, ferner jede Emanation Gottes u. a. begriffliche Konstruktionen, um Gott und Vernunft zu verknüpfen, so kennt er andererseits doch klar eine Erkenntnis und einen Begriff der Vermittlung: Das Soll, worauf die Freiheit antwortet. (Siehe Blog zu einem Artikel von Marco Ivaldo).

3) FICHTE knüpft mit seinem Verweis auf den KI historisch an KANT an, S 254, doch merkt man sofort, dass hier ein lebendiges Prinzip angesprochen ist, denn das Soll ist „real Grund des Wissen und des Wollens.

Es folgt unmittelbar danach die Kritik FICHTES an diesem oft nur formalen Verständnis des „Kategorischen Imperativs“: (….) „Der in sich bestimmte Begriff trägt diesen formalen Charakter. Bei Kant sieht es zuweilen aus, wie er selbst darüber gedacht, <möchte> schwer auszumitteln seyn) auch ist es fast allenthalben also verstanden worden, als ob jener Begriff eben ein kategorischer Imperativ sey, u. damit vollendet.? Dies ist ganz unrichtig, u. wenn man tiefer nachsieht, ohne Sinn. Drum wurde es nach dieser sehr richtigen formalen Bestimmung die Aufgabe der Ph[ilosophie). auf eine reale S[itten].L[ehre]. zu denken, jenem leeren Begriffe einen Inhalt zu verschaffen; u. Die W[issenschafts]L[ehre] hat seit ihrer Entstehung, sich diese Aufgabe gestellt, u. Sie bearbeitet.“ (fhs, ebd. S 295)

Die in der KpV, siehe Zitat oben, angesprochene „Allgemeinheit“ des Kategorischen Imperatives hat m. E. eine logifizierende Form der Zuordnung eines Begriffes zu einer Menge vernünftiger Wesen.

Aber damit handelt sich KANT viele Probleme einer transzendentalen Begründung der Logik ein: Es fehlt in diesem Denkakt a) die Methode der Zuordnung und der Mediatisierung, der Vermittlung eines Freiheitsgesetzes für alle vernünftigen Wesen und b) das anschauliche Denken, was vernünftige Wesen sind, woran sie zu erkennen sind. Geht nicht ein formaler Anerkennungsbegriff den vernünftigen Wesen vorher? Und nochmals grundlegender: Gibt es nicht erst Anerkennung durch ein vorhergehende Aufforderung zu einem freien Handeln? Und noch höher hinauf: Muss es nicht ein überzeitliches, göttliches Aufgefordert- und Konstituiertsein geben, damit ich eine Aufforderung als solche Freiheitsäußerung verstehen kann?

Ich muss für den Begriff anderer vernünftiger Wesen schon einen Begriff von Freiheit und Interpersonalität voraussetzen, ferner einen sittlichen Begriff für diese Interpersonalität. (Es würde dann weiter folgen: ich muss Leiblichkeit voraussetzen, eine Rechtsbegriff, lesbare Zeichen)

Bis heute ist das m. E. ein Problem der Auslegung bei KANT: Ob eine Methode der Universalisierung, eine logische Verallgemeinerung, schon das formale Gesetz eines Kategorischen Imperatives rechtfertigt? Weiteres, ob aus dem Kategorischen Imperativ eine inhaltliche Wertethik abgeleitet werden kann? Ob die Freiheit als Erkenntnisprinzip auch für den theoretischen Bereich des Denkens anerkannt werden muss?

4) FICHTE gelingt m. E. eine Kombination a) einer transzendentalen Pflichtenlehre der Selbstbestimmung mit b) einer materialen Wertethik:

Durch seinen transzendentalen Standpunkt kann er a) aus dem synthetischen Denken von begrifflichen Zweckdenken und realem Sich-Bestimmen im Wollen – „Der Begriff ist Grund der Welt“ – sowohl eine freie Selbstbestimmung denken, er kann aber auch b) aus der Position der WL und der Voraussetzung des Sich-Wissens – aus der Position eines analytischen Denkens heraus – , die notwendigen Schematisierungen und Anwendungen der Selbstbestimmung mitbedenken: Wie und wann kann ein Vernunftwesen wirklich frei sein: dies schließt viele Bereiche der Wirklichkeit mitein: sinnliche Natur, Moralität, Gesellschaft, Ökonomie, Bildung, Religion, Geschichte u. a. m.

Die konkrete Anwendung und Umsetzung der reinen apriorischen Sittenlehre auf alle Wirklichkeitsbereiche – das findet sich sehr ausführlich in der SL 1798 (siehe einen Blog dazu); in der SL 1812 sind nur die apriorischen Grundlagen einer prinzipiellen SL gelegt.

KANT reflektiert mit dem „Kategorischen Imperativ“ einerseits genial den „formalen obersten Bestimmungsgrunde des Willens“, gibt aber vor, in der logischen Allgemeinheit die „vernünftigen Wesen“ schon zu erreichen. (Manche KANTforscher können das vielleicht anders sehen?) Wunderbar beschreibt er ferner die Freiheit und den Willen der vernünftigen Wesen, „ihre Causalität durch die Vorstellung von Regeln zu bestimmen“, aber wo liegen die Anschauungsbedingungen?

Es fällt ihm nicht auf, dass er a) von einem apriorischen Wissen anderer Personen bereits ausgehen muss und b) von einer faktischen Mediatisierung und faktischen Kommunikabilität, wenn er z. B. sagt „einer Regel folgen“ und c) letztlich von einem apriorischen Vorwissen, was Selbstbestimmung heißen kann.

5) Ich zitiere weiter FICHTE im Zusammenhang mit dem „Kategorischen Imperativ“ und kommentiere in Klammer (rot): 

Wir haben oben einen Unterschied gemacht zwischen dem, was in dem hier entstehenden Ich ist durch sein bloßes Seyn (sc. das Ich, die Ichheit, die vollendete Gemeinschaft als Idealgrund gedacht als Begriff) , u. dem, wozu es einer Selbstbestimmung bedarf innerhalb des gegebnen Seyns (der freien Kraft der Vollziehung, des freien Zweckdenkens). In Absicht des ersten (fanden wir]: es hat den Begriff: ist seine freie synthetische Einheit: dem Inhalte nemlich nach. (sc. weil dem intelligiblen Konstituiertsein nach von einem ursprünglichen, vor-zeitlichen Aufgefordertsein des Ichs ausgegangen werden muss; siehe Blogs von mir zur Interpersonalität. Das göttliche Aufgefordertsein gehört konstitutiv zum Begriff einer autonomen Selbstbestimmung; es liegt im Ich/der Ichheit das Vermögen der Freiheit und die Aufforderung zur Selbstbestimmung, weil es sich in einem überzeitlichen Aufgefordertsein finden kann. Das Ich setzt sich selbst die Zwecke, erschafft sich im Sinne des projizierenden Denkens, und so findet es sich durch göttliches und interpersonales bestimmt.)

Jezt tritt hinzu: u. dieser Begriff ist begleitet u. durchdrungen von dem Charakter des Soll, schlechthin damit vereinigt: auch durch das blosse Seyn, ohne alles weitere im Bewußtseyn erscheinende Zuthun des Ich. Dies zur vollkomnen Deutlichkeit.

(sc. Das Faktum der postulierten Sittlichkeit in der vollendeten Gemeinschaft ist analytisch geeint mit dem Begriffe des Solls; das Soll ist nicht eine Nominaldefinition wie der formale „Imperativ“ bei KANT, sondern evidierte und intelligierte Einheit in und aus und durch die Erscheinung des Absoluten; das Soll ist transzendentale Bedingung der Möglichkeit freien Vernunftvollzuges.)

6) KANT hat ja geradezu einen Horror vor „materialen Prinzipien“ einer Sittenlehre:  Critik der practischen Vernunft“, S. 71.72: „[…] daß, weil materiale Principien zum obersten Sittengesetz ganz untauglich sind, […] das FORMALE PRACTISCHE PRINCIP der reinen Vernunft, nach welchem die bloße Form einer durch unsere Maximen möglichen allgemeinen Gesetzgebung den obersten und unmittelbaren Bestimmungsgrund ausmachen muß, das EINZIGE MÖGLICHE sey, welches zu categorischen Imperativen, d.i. practischen Gesetzen (welche Handlungen zur Pflicht machen), und überhaupt zum Princip der Sittlichkeit, sowohl in der Beurtheilung, als auch der Anwendung auf den menschlichen Willen, in Bestimmung desselben, tauglich ist.“

Bei FICHTE kommt es ganz anders heraus: es wird die Schematisierung und Veranschaulichung der Prinzipien der reinen Sittlichkeit, d. h. eine materiale Anschauung von Werten, explizit gefordert, damit von Sittlichkeit und Moralität überhaupt gesprochen werden kann. Dazu wäre jetzt wieder viel weiter auszugreifen: Siehe diverse Blogs zur Praktischen Philosophie, zum synthetisch-absteigenden Denken einer Versinnlichung des Strebens, der Verrräumlichung und Verzeitlichung des Ichs, der Versinnlichung der reinen Kraft der Intelligenz zur Naturkraft als zielbezogene dynamis des Handelns… usw.

Ich möchte schließen mit einem Hauptsatz christlicher Lehre, obwohl KANT und FICHTE die Gleichwertigkeit des SOHNES GOTTES mit dem VATER im HL. GEIST wohl nicht akzeptiert hätten:  Im Licht der Erscheinung des Absoluten muss eine Inkarnation folgen,  wenn die Erscheinung als wahrhaft realisiert werden soll, als Begriff. 

© 21. 3. 2020 Franz Strasser

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser