Die Schöpfungserzählung 3. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten, die Interpersonalität.

Die Schöpfungserzählung 3. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten. Die Interpersonalität.

Wie in Teil 2 kurz beschrieben, muss die Erkenntnis des Aufgefordertseins zu einem freien Handeln innerhalb eines gegenseitigen Aufforderns transzendental-deduktiv, überzeitlich gedacht werden, also einer zeitlichen Aufforderung vorausgehen. Das „Im Anfang“ („bereschit“) ist ohne transzendental-kritische Reflexion auf die Bedingungen der Wissbarkeit, d. h. hier, der Wissbarkeit von Zeit- und Raumanschauung, nicht zu erfassen.

Es liegt diesem substantiellen, personalen Aufforderungsakt wesentlich auch eine interpersonale Komponente zugrunde, ein Ich-Du-Wir-Verhältnis, durch das eine mitlaufende Realisierungs- und Sinnforderung gedacht wird: Diese Sinnforderung kann ich poetisch und liturgisch nicht genug würdigen. Nur ganz mager umschrieben: Ich würde sie als vollendeter Gottesdienst, als „Ausruhen“ von allen Turbulenzen und Sinnwidrigkeiten, als Restitution des Guten, als vollendete Sittlichkeit, als interpersonale Gemeinschaft, als Idee einer Konvergenz unterschiedlicher Interessen, als Vereinigung der Individuen mit ihren unterschiedlichen Sinnentwürfen und Bildern zu einem einheitlichen geistigen Austausch, als Wohnen in der Herrlichkeit Gottes, umschreiben.

Ich meine die Zielperspektive des ganzen Textes am Ende, Gen 2, 1-3;

1 So wurden Himmel und Erde und ihr ganzes Heer vollendet. 2 Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.

1) Das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein schon kennt und ist – siehe oben 2. Teil .1

Es ist jetzt der interpersonale Aspekt des Aufrufs gleichfalls in den Blick zu nehmen. Dieser interpersonale Aspekt konstituiert auf der Erscheinungsebene in gewissem Sinne sogar den substantiellen Denk-und Selbstbestimmungsakt des einzelnen Individuums wesentlich mit, sofern dort kein individuelles Ich ohne anderes Ich denkbar wäre.

Der Sich-Bezug, der in jedem Wissen liegt, bedingt durch die Einheit des Wollens, individuiert und universalisiert sich in einer gemeinsamen Überlieferungskette und verbindet zugleich die Individuen zu einer gemeinsamen Sinnidee und Geisteskraft. Der Schöpfungsbericht Gen 1 ist, neben anderen Beispielen gelungener Gemeinsamkeit – oder auch erzählter Uneinigkeit und Zwistigkeit – ein höchster Ausdruck gemeinsamer Überzeugung und Willensabsicht, Sinn- und Realisierungsforderung einzelner wie kollektiver Vollendung.


Vom historischen und hermeneutischen Standpunkt der durch Sprache und Schrift mediatisierten Wirklichkeit des jüdischen Volkes her gesehen hätte es keinen solchen Hymnus (Gedicht, Erzählung) geben können, wäre dem erfahrungsgemäß nicht schon eine rudimentäre, gemeinsame Gottesdienstfeier und Befreiungsfeier vorausgegangen. Der „Schöpfungsbericht“ beruht auf vielfache Erfahrungen der Gemeinsamkeit und der Befreiung: Beruht auf der Erfahrung der Befreiung aus der Knechtschaft „Ägyptens“, beruht auf der Feier der Bundesgesetzgebung am Sinai, beruht auf den Verheißungen der Patriarchen und Propheten.
Es sind doch offenkundig die  zehnmal vorkommenden Worte „gut“ und „sehr gut“ ein Bezug zu den Zehn-Worte vom Sinai.
Es wäre, mit einem Wort, dieser Hymnus ohne Inspiration aus vergangenen Erfahrungen nicht möglich gewesen, ohne vorausgehenden reichen Schatz eines intelligiblen und kommunikativen  Traditionszusammenhangs.

Die Interpersonallehre FICHTES ist schon mannigfaltig rezipiert worden. Auffallend ist, dass diese Interpersonallehre in einem kommunikativen und triadischen! Bezug zur apriorischen Vernunftoffenbarung, wie sie die Autoren im Genesistext 1 zum Ausdruck bringen, ausgelegt werden kann.

Das reine Ich wird in der Wlnm als Vollzugsprinzip der Aufgabe zugleich beschränktes Ich. Sein Sollen wird relativ zu einer Ich-Individuierung ein versinnlichendes Sollen und ein angeschautes, „versinnlichtes“ Sollen (WLnm GA IV, 2, 251.Zeile 6)2

Oben war das Bestimmte, die INDIVIDUALITÄT, das reine Sollen, hier erscheint diese INDIVIDUALITÄT versinnlicht, sie ist also nichts anders als eine Versinnlichung meines reinen Sollens, eine Auffoderung zu einer freyen Thätigkeit als FACTUM in der Sinnenwelt. Das reinen Sollen war Beschränktheit meiner selbst durch Freyheit, sonach ist auch das versinnlichte SOLLEN, eine Beschränktheit meiner selbst auf eine gewiße Sphäre oder bestimte Bestimmbarkeit meiner selbst.(…)“ GA IV, 2, 251.

Nur vermittels der Erscheinungsform des Absoluten wird ein Nicht-Ich, zuerst im ichlichen Sinn eines anderen Ichs, für das Ich gesetzt, und im weiteren Sinn ist alles Nicht-Ich der verobjektivierten Welt von diesem Inkarnationscharakter der Erscheinung des Absoluten bedingt. Es wird einerseits auf die Person des anderen geschlossen,

Ich finde mich aufgefodert zu einem freyen Handeln. Diese Auffoderung ist die versinnlichte Aufgabe sich selbst zu beschränken. Von dieser Auffoderung schließe ich auf ein sie bestimmendes Vernunftwesen außer mir, nun ist dies Auffoderung sein sinnliches Handeln, ich schließe also auf eine sinnliche Kraft des Vernunftwesens außer mir, realisire das Vernunftwesen in der Sinnenwelt“ (WLnm § 19, GA IV, 2, 255)

andererseits wird die Person des anderen im transzendental-reflexiven Nachvollzug im Begriff des anderen bereits gewusst, nicht erst erschlossen. Es heißt im § 16:


„Sieht man dass diese (apriorische) Auffoderung von einem freyen Wesen außer mir herkomme, so muß der Begrif dieses INDIVIDUUMS von dem die Auffoderung herrührt, in dieser Auffoderung selbst liegen“ (GA IV, 2, 179).

Ich möchte auf die lange Schlussreihe bei F. BADER verweisen:3 Das endliche Ich kann sich nicht nachträglich eine es selbst und das Du umgreifende Wechselbestimmung (oder Anerkennung)4 erschleichen, in einer Art petitio principii, ohne das methodisch anzugeben, wenn es nicht schon als substantielle Icheinheit, zusammen mit anderen, vorausgesetzt wird dank der Selbsteinschränkung des reinen Willens bzw. des absoluten Ichs.

Transzendental gewusst geht ein Individuiertsein von Gott her dem wechselseitigen, sekundärreflexiven Individuiertsein durch andere Personen voraus, aber das schließt nicht aus, dass geistig und sinnlich eine Person für die andere Person mit-konstitutiv ist im Individuiertwerden und im Erwachen des Bewusstseins.
Das absolute Ich setzt sich selbst innerhalb der Sphäre der Selbst-Aufgabe in Erscheinungsform in ein Verhältnis des
Sich-Relationierens und darin Sich-Individuierens und Sich-Inkarnierens, weil sonst die gesamte Relation nicht konstituiert wäre. Es ist eine Selbstaufgabe gegenüber einem ermöglichten Ich in einem Ich-Du-Wir Verhältnis.

Auf bloß objektivistischen Wege, als außer der Relation bleibend, als sozusagen an seinem Produkte unbeteiligtes Handeln ad extra, bzw. als nur (überdisjunktiv) in der universalen Selbstaufgabe verharrend, ist dies nicht möglich. (….) Das absolute Ich steht quantitiert selbst in der Relation und ist an ihr beteiligt. Es verendlicht sich. Es ist selbst in dieser Individuation sein erst-konstituiertes als endliches und erst darin Konstitutionsprinzip des bloß Endlichen.“5

Gott selbst ist in jeder geistig-personalen Individuation konstitutiv mit-beteiligt und inkarniert und verendlicht sich in dieser Individuation und Interpersonalität in sinnlicher wie geistiger Weise zu einem bestimmten Zweckbegriff sittlicher Gemeinschaft.

Das aus der absoluten Einheit hervortretende Sollen in Erscheinungsform schematisiert und inkarniert sich in einer Ich-Du-Wir Einheit, und ohne dieses Sich-Schematisieren und Sich-Inkarnieren des absoluten Prinzip in die erscheinende Form des Sollens wäre ein Ich und Du und ein Miteinander zu eigenen Bedingungen des Vollzugs nicht denkbar. 6

Die in Teil 1 und 2 behauptete Realisierungs- und Sinnforderung mit der Zielperspektive eines ewigen Sabbats, zeigt sich so wesentlich als eine personale und interpersonale Sinnerfüllung. Der Sabbat der Verherrlichung Gottes muss eine universale Verherrlichung sein. Wie dies wiederum vorstellbar wäre, das würde uns zu den Bedingungen der Wissbarkeit des Wirkens des HEILIGEN GEISTES führen.

Mit der Erwartung und dem Zweckbegriff einer idealen sittlichen Gemeinschaft rückt aber noch eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Was geschieht mit den mannigfaltigen Verfehlungen und Sünden gegen die von Gen 1 so ideal geschilderte Schöpfungsordnung? Wie könnte ein Sabbat möglich sein ohne Auferstehung von Toten und ohne Sinnrestitution, wie sie der christliche Glaube verheißt?

Erstes und Zweites Testament greifen deshalb ineinander in vielen Formen apriorischer und positiver Offenbarung. Es sind Erstes und Zweites Testament bereits verbunden in einer geschlossenen Überlieferungskette. Die Auferstehung JESU löst den Sinn des „Sabbats“ ein. Denn der durch sich selbst bestimmte reine Wille Gottes, der sich in der Schöpfung ausdrückt, kann nicht widersprüchlich sein, sondern führt sein Werk fort bis zur Auferstehung JESU und zur Vollendung im HEILIGEN GEIST. Apriorische Vernunftoffenbarung und positiven Offenbarung entspringen einer gemeinsamen Quelle genetischer, transzendental-kritischer Erkenntnis.

(c) Franz Strasser, 15. 10. 2015
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1 Es ist bei FICHTE hier zu bewundern, dass er ein göttliches Aufgefordertsein sogar angesprochen hat, aber aus gewissen Gründen hielt er 1796/97 das für nicht „aufzufassen“. “Die Gottheit ist auch solche reine Thätigkeit wie die Intelligenz, nur ist die Gottheit (/) etwas nicht aufzufassendes, die Intelligenz aber ist bestimmt, (…)“ (WLnm, ebd., 240) Dies ist im nachhinein zu kritisieren, denn damit behielt er einen gewissen transzendenten Objektivismus in seiner sonst so konsequenten transzendentalen Linie bei.

2Im Hintergrund habe ich einen Aufsatz von F. BADER, der formal-methodisch aus dem Begriff der „Selbstaufgabe“ eine Inkarnationslehre des Absoluten in Personalität und Interpersonalität ableitet. Die genaue Begründung siehe dort: FRANZ BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.

3 F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, a. a. O., S 91ff.

4Zum Stichwort „Anerkennung“ sei vielleicht folgende Abgrenzung zur späteren Anerkennungstheorie getroffen, wie sie bei Hegel und heutigen Philosophen gerne in Anspruch genommen wird. Die Anerkennungstheorie ist geradezu zu einem „Herzstück“  der Transzendentalphilosophie geworden, wie C. ASMUTH (Hrsg.), Transzendentalphilosophie und Person. Leiblichkeit – Interpersonalität – Anerkennung, transcript Verlag, Bielefeld 2007, 19, meint. In innovativer Rekonstruktion wird das Herr-Knecht-Verhältnis aus der PHÄNOMENOLOGIE Hegels zum Ausgangspunkt des Begriffs der  Anerkennung gemacht. Solche Anerkennungstheorie mag für den Begriff des Staates und der Gesellschaft ausreichend sein, einer transzendentalen Kritik hält diese Theorie  m. E. nicht stand. ZÖLLER kritisiert zurecht im besagten Buch v. C. ASMUTH, dass das durch interpersonalen Aufruf gekennzeichnete, zur Selbstbestimmung aufgeforderte Ich, durch ein „grundsätzliches Risiko der Nicht-Anerkennung“ (vgl. obiges Buch, S 142 ff) kontingent und gefährdet erscheint. Deshalb ist es m. E. in einem bis auf die letzten Ermöglichungs – und Wissbarkeitsbedingungen zurückgehenden Denken notwendig, zu einer offenbarungstheoretischen Begründung und Herleitung fortzuschreiten. Der Fortgang zu einem die Interpersonalität und damit Anerkennung erst begründenden absoluten Ich ist reflexiologisch zwingend notwendig. ZÖLLER gibt m. E. korrekt (in zitiertem Werk oben) die Position FICHTES wieder, ohne leider, was ich wieder an ZÖLLER kritisieren täte, über die Person FICHTES hinauszugehen. FICHTE kann zwar mit den  „Anerkennungslehren“ späterer Zeiten verglichen werden, d. h. steht über ihnen, aber deshalb wird Fichte durch diese abzugrenzenden Anerkennungslehren seiner Epigonen nicht zureichend charakterisiert. Er hat wohl mehr zu bieten. 

5F. BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre, a. a. O., S 91.

6Der Person-Begriff wird in der transzendentalen Reflexion nicht hineingetragen, sondern umgekehrt abgeleitet und bewährt sich in der Ich-Du-Beziehung. Zu einer transzendentalen Beschreibung der Interpersonalität vgl. E SIMONS, Philosophie der Offenbarung, a. a. O., 113ff. Zum Personbegriff siehe H. SCHMIDINGER, Der Mensch ist Person, Innsbruck 1994. K. FLASCH, Das philosophische Denken im Mittelalter, Stuttgart 2000. Oder Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. J. Ritter / K. Gründer / G. Gabriel (Hrsg.), Basel 2007. Nicht zuletzt hat das trinitarische Denken der Kirchenväter von den grammatikalischen und rhetorischen Formen des Sprechens ihren Ausgang genommen, um die Fülle Gottes auszudrücken. Der Personbegriff wurde so geboren – nicht umgekehrt wurde der Gottesbegriff antropomorphisiert.  

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser