Einleitung

In einer einerseits säkularisierten, andererseits von religiösem Fanatismus geprägten Welt, ferner in Zeiten des Naturalismus und des praktizierten Positivismus bzw. umgekehrt des Konstruktivismus und Rationalismus, erscheint die Philosophie FICHTES wie eine große Ausnahme.

FICHTE steht ganz in der Tradition des höchsten Anspruchs der Philosophie, Erkenntnis der Wirklichkeit in und aus Prinzipien zu leisten und diese auszuführen und darzustellen.1 Wenn die Propheten wie ELIJA oder ein PAULUS zu Verkündern der einen göttlichen Wahrheit auf ihre Weise geworden sind, so muss es der Philosoph auf seine Weise tun. Prophet und Philosoph sind verschieden. Ersterer verkündet das Prinzipielle im Konkreten eines sittlichen Handelns, letzterer formuliert es im Allgemeinen und abstrakt. Beide sind sich aber in ihrem Anliegen gleich: Sie sind Künder des EINEN.

Nun haben die Philosophen aller Zeiten und natürlich die Theologen das allererste Prinzip stets gesucht und angegeben. Eine „prima philosophia“ (DESCARTES) zu haben, ist die Grundlage alles gewissen und systematischen Wissens. Die grundlegende Durchdringung des Wissens nannte FICHTE „Wissenschaftslehre“. Da sie den Geltungsanspruch von Wahrheit erhebt, es gibt Wahrheit und wir können sie erkennen, kann sie nicht als bloßer Lernstoff vorgetragen werden, sondern verlangt deren lebendigen Nachvollzug. Gemäß dem schönen Wort von FICHTE: „Wir sind nicht Gesetzgeber des menschlichen Geistes, sondern seine Historiographen; freilich nicht Zeitungsschreiber, sondern pragmatische Geschichtsschreiber. ( GA I,2,147). In „Über den Unterschied des Geistes und des Buchstabens in der Philosophie“ bezeichnet Fichte die Philosophie als „die systematische Geschichte des menschlichen Geistes in seinen allgemeinen Handlungsweisen.“ (GA II,3,339-340). „Die ganze Sache liegt auch darin, dass man immerfort annimmt, es solle in jeden eine Überzeugung hinein gebracht werden. Ist unmöglich. Es soll bloß die pragmatisch-historische Frage beantwortet werden: was ist durch die Vernunft im Menschen.“ (GA II, 4,222)

Ich fand zufällig bei dem amerikanischen Philosophen DANIEL BREAZEALE eine Würdigung der Fichteschen Transzendentalphilosophie, die ich hier kurz an den Anfang meiner Blogs stellen will.2

1) Eine erste Antwort auf die Frage, wozu die „Wissenschaftslehre“ (abk.= WL) gut sein kann, betrifft das Wesen der menschlichen Freiheit. Die Debatte geht heute wie vor 200 Jahren zwischen Moralphilosophie und Determinismus hin und her. Freiheit ist einerseits etwas Unbedingtes, andererseits ist gerade die Unentbehrlichkeit von Begrenzung und Notwendigkeit für die Möglichkeit jeder wirklichen Freiheit zu sehen. Die WISSENSCHAFTSLEHRE ist eine Philosophie der Freiheit, aber der menschlich-endlichen Freiheit. Was gehört notwendig an interpersonaler Aufforderung und sinnlichem Gefühl dazu, um Freiheit verwirklichen zu können? Freiheit ist nach FICHTE sowohl im theoretisch-vorstellenden wie praktisch-handelnden Sinne konstitutiv. Genauer genommen ist sie konstitutiv und regulativ zugleich – in der Sphäre der Bestimmbarkeit und der mannigfaltigen Zweckbegriffe und Bestimmtheiten.

2) In einem Großteil der heutigen Sozial- und Politikwissenschaften wird der Mensch in seiner Einheit und in seinem Selbst zusammengestückelt aus einer Vielzahl von historischen und sozialen und soziologischen Bedingungen. Es bleibt von einem personalen und freien Selbst nicht mehr viel übrig. Nach den politischen Weltbildern der Denker der Antike hatte das Individuum seinen festen Platz in der Gesellschaft. Heute tobt eine lebhafte Debatte zwischen Kommunitarismus und Liberalismus. Der Mensch wird entweder nur durch die sozialen Bezüge definiert, oder er  hat doch unveräußerliche Rechte und Pflichten! Bei FICHTE sind beide Bezüge von Bedeutung. Er argumentierte im Naturrecht so: Der Mensch hat individuelle Rechte, aber seine individuelle Freiheit ist  ebenso durch das Soziale konstituiert. Der Mensch ist weder ein atomistisches Individuum,  noch wird er erst durch das Kollektiv definiert, vielmehr bedingen sich Individuelles und Soziales wechselseitig aus einer  höheren sittlichen Einheit heraus. (Zur Interpersonallehre – siehe dann diverse Blogs).

3) Die Idee der Gerechtigkeit ist nach FICHTE ebenfalls prominent vertreten und ist unmittelbare Konsequenz des Rechtsverhältnisses und seiner damit einhergehenden Vorstellungen von Eigentum, Arbeitsrechten etc. Gerechtigkeit kann nicht nach positivistisch festgesetzten, liberalistischen Besitz- und Eigentumsrechten definiert werden oder ergibt sich nicht von selbst durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung (quantitativ). Gerechtigkeit und Menschenrechte verlangen  eine dynamische Form der liberalen Rechtssprechung und der gerechten Politik. (Siehe Blogs zur Rechtsphilosophie)

4) Eine weitere Frage, die ebenfalls mit der politischen Theorie der Freiheit und der Gerechtigkeit zusammenhängt, ist die Frage der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit. Die freie Gesellschaft befindet sich ständig im Ringen: a) Freiheit zu ermöglichen, b) sie für alle Menschen zu gewinnen und c) sie schließlich zu bewahren. Keinesfalls kann diese Freiheit auf Kosten anderer Freiheit errungen werden, aber auch nicht in Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der anderen einhergehen. KANT sprach von Tugendpflichten sich selbst gegenüber und moralischen Pflichten anderen gegenüber. FICHTE führt den transzendentalen Standpunkt des allgemeinen Gesetzes und der Menschenrechte in einer dynamischen Vorstellung der Gerechtigkeit weiter. Das Sittengesetz als allgemeines Gesetz verlangt nicht nur allgemeine Menschenrechte (Grundrechte), sondern ganz konkret auch Bürgerrechte und soziale Rechte, worin sich der freie Wille auf materiale Werte  beziehen kann.

5) FICHTE hat den Begriff der Philosophie als Erkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen (abstrakt, in und aus Prinzipien) nicht aufgegeben, wie es praktisch die Analytische Philosophie und  jeder Naturalismus getan haben. Das Ideal einzelner Philosophen der Antike und die Einheitsvorstellung des christlichen Kosmos kam durch ihn nochmals zu einer einheitlichen Schau einer Letztbegründung und zu einer systematischen Entfaltung.3

6) D. BREAZEALE zählt verschiedene Strömungen der Philosophie  auf, die das Thema einer Letztbegründung ablehnen oder sogar ins Lächerliche ziehen. In Zeiten der existentiellen Hermeneutik und des „linguistic turns“ bzw. auch „pictorial turn“  kann, so scheint es, über die alltäglichen Standpunkte und deren relativen Bezugssystem nicht mehr hinausgegangen werden? Aber ipso facto ist jede Aussage eine Standpunktaussage und müsste, wenn man konsequent philosophiert, mitbedacht werden. Man kann nicht frühzeitig den philosophischen Diskurs bzw. das Postulat einer Letztbegründung abweisen – wenn man nicht irrational und autoritär werden will.

7) BREAZEALE weist hin auf den heute allmächtig scheinenden Anspruch der Naturwissenschaft. Selbst die Philosophie müsse sich dem Kriterium einer Natur anpassen und zurückverwandelt werden in eine evolutionäre Erkenntnistheorie bzw. müsse den „natürlichen“ Ursprung aller Anschauungen und Werte anerkennen. Er zählt dann verschiedene Formen des Naturalismus auf, beginnend beim Pragmatismus usw. Aber selbst die sogenannten „Naturphilosophen“ der ersten Stunde der Philosophie in Griechenland fragten nach Prinzipien, die vor der Vernunft gerechtfertigt werden konnten. Kann sich eine Evolutionstheorie vor der Vernunft rechtfertigen? Siehe meine Anfragen zur Evolutionstheorie. Die Teilerkenntnisse der Naturwissenschaften können ipso facto selbst nur expliziert und begründet werden aus den höheren Gesetzen des Erkennens. FICHTE hat hier ein Gesamtgefüge der transzendentalen Teilprinzipien geschaffen, aufeinander bezogen und letztlich zurückbezogen auf einen Grundakt des transzendentalen Wissens.

8) Meine Sicht von FICHTE stellt sich dahingehend dar: FICHTE hat öfter, zuletzt auch  systematisch in der WL 1801/02 oder in der WL 1804 und späteren Wln, die möglichen realistischen und idealistischen Einseitigkeiten im hermeneutischen Zirkel durchgespielt, sodass, wie er sinngemäß einmal sagt, sogar den  Skeptikern das Fürchten kommen müsse, würde man seine  cartesianischen Zweifeln mitvollziehen. 

Philosophie geht nach ihm von der Tathandlung bzw. der intellektuellen Anschauung des Schwebens zwischen Denken und Anschauung aus, um sowohl die sinnlichen wie intelligiblen Gegebenheiten zu verstehen und in ihrer Wertanschauung (Bedeutung) erkennen zu können. Es gibt eine höchste, in genetischer Evidenz zu bewährende Grundeinheit des Wissens, und dadurch begründet und weiterbestimmt eine Totalität der Teildisziplinen des Wissens (Wissenschaftlehre in specie und Naturbegriff, Rechtsbegriff, Sittenbegriff und Religionsbegriff.) Die Entfaltung des Ganzen der Prinzipien des Wissens ist sozusagen der zweite, für einen einzelnen Menschen kaum schaffbare Teil der Ausführung des Philosophie; der erste Teil ist die Begründung und Sicherung des Begriffs der Philosophie überhaupt, „philosophia prima“ (DESCARTES).

Die Ausführung des zweiten Teils in Evidenz stellt dann den Beweis der Möglichkeit der Philosophie dar. Alle Aussagen sind Behauptungen, Urteile, und der Erkenntnisakt ist stets einzubeziehen im Urteil. Die Erkenntnis des Sehens und Gesehenen ineins, aufgeschlüsselt und appliziert nach den möglichen Objektivierungen des Wissensaktes, ergibt die Teilprinzipien der Erkenntnis des Wirklichen, die aufeinander verweisen und rückbezogen auf das höchste Erkenntnisprinzip legitimiert sind.

Alles Wirkliche ist immer eine Einheit von Objekt und Subjekt – und die Teildisziplinen müssen aus einer transzendentalen Einheit konstruiert werden können. Bewusstsein als Bilden ist ein Leben, das sich notwendig zur Synthesis der Subjektivität und Objektivität aufschließt und zusammennimmt. Das Ganze der Weiterbestimmungen des Grundgesetzes des Bewusstseins in geschlossener und begrenzter Totalität erkennen – das gewährt in der unüberschaubaren Menge der Wissenschaften für unseren begrenzten Verstand eine gewisse Sicherheit und Ruhe, wofür ich der Transzendentalphilosophie FICHTES nur dankbar sein kann!

9) Ziemlich viel Verwirrung im akademischen Betrieb stiftet m. E. die Sprachphilosophie: Es gibt nach FICHTE weder einen Sensualismus des Erkennens, noch einen unendlichen hermeneutischen Zirkel des Verstehens, noch gibt es ein unzähliges, vorgegebenes Reservoir von sprachlichen Sinngestalten bzw. Sprachspielen, wie es manche linguistische Theorien gläubig  voraussetzen, sondern nur kraft der Schematisierung der Einbildungskraft und der sittlich-praktischen Performanz der Aussagen werden die Sinngestalten sprachlicher Gebilde und die Erkenntnisbilder des Seins geschaffen.  Jenseits der sonst üblichen realistischen oder idealistischen Einseitigkeiten gibt es eine  Evidenz einer uns ergreifenden Wahrheit, sprich, eine göttliche Wahrheit, die sich reflexiv in allem Erkennen und Wollen und in allen Begriffen und Sinngestalten der Sprache durchzuhalten vermag, wenn wir konsequent von der Einheit des Wissens ausgehen und dieses Licht der Erkenntnis in den reflexiven Bestimmungen durchhalten. (Siehe dann diverse Blogs zur Sprachphilosophie.)

Weil wir moralisch defiziente Wesen sind – durch Freiheitsentscheidung – , ist es leider so, dass wir nicht gleich überall und jederzeit die richtigen Begriffe haben und uns die Applikation der Vorstellung und des Willens auf die Wirklichkeit oft nicht gelingen will. Das ist ein schwerwiegendes Problem, aber deshalb soll es ja die Philosophie geben, wie FICHTE sinngemäß einmal sagt, dass wir nach der Vertreibung aus dem Paradies uns wieder zurückkämpfen.  

10) Das unverbindliche Geplaudere mancher Philosophie, die ewigen komparativen Vergleiche – das könnte vielleicht Menschen aufwecken, wie BREAZEALE im Schlussteil meint, nach einer „prima philosophia“ zu fragen und zu suchen. Er spricht die Hoffnung aus, dass begeisterungsfähige Menschen von keinem Klischee sich leiten lassen, sondern originär bei Kant und Fichte bzw. den alten Klassikern neu zu fragen beginnen. Meine Meinung: Es geschehen bis heute unverzeihliche Fehler, wenn von Kant nicht zu Fichte weitergegangen wird, so als  hätte es letzteren nicht gegeben.

11) Nach  FICHTE muss die Natur aus einem nicht-naturalistischen Grund erklärt werden können, wenn überhaupt etwas erklärt werden kann. Ferner ist alle wissenschaftliche Begriffsbildung in den Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften, ferner in den Sprach- und Geisteswissenschaften, auf eine transzendental-philosophische Ableitung im Rahmen einer Interpersonalität und deren notwendigen Formen der Kommunikation zurückzuführen. Schließlich ist auch geschichtliches und religiöses Denken und das Denken einer positiven Offenbarungsreligion auf die Bedingungen der Wissbarkeit angewiesen, damit es vernünftig legitimierbar und vertretbar sein kann. Ein religiöser Fundamentalismus (und darin enthalten Klerikalismus, Patriarchalismus u. a.) ist unerträglich. 

12) Noch eine sehr wichtige und bedrängende Frage ist meines Erachtens nur durch eine angemessene Transzendentalphilosophie zu lösen. Es ist die Sinnfrage auf dem Hintergrund des Bösen und der vielen Sinnwidrigkeiten des Daseins und der menschlichen Geschichte. Wer diese Frage nicht löst, kann keinen allgemeinen Geltungsanspruch von Wahrheit und Sinnhaftigkeit in allem Erkennen und Wollen und Handeln erheben.

Die Sinnfrage ist eine zutiefst  philosophische, auf die transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit eines ganzheitlichen Wissens zurückgehende Frage: Gibt es einen letzten Sinn des Ganzen trotz der nicht zu leugnenden Sinnwidrigkeiten und dem Bösen in der Welt – und kann vernünftig daran geglaubt werden?   „Die Idee der Sinnfülle ist in uns, und solange wir überhaupt wollen, verlangen wir nach ihrer Realisierung. Wir werden nicht sagen, etwas sei sinnvoll, solange es nicht die volle Erfüllung unseres Wollens bringt.“ (R. LAUTH, Die Frage nach dem Sinn des Daseins, München 1953, 186.) Die Sinnfrage kann natürlich deformiert, substituiert und verdrängt werden, aber sie ist unhintergehbar und unleugbar im Setzen des Ichs grundgelegt. „Du kannst nichts von deiner inneren Sinnidee aufgeben, ohne die Wahrheit zu verlieren; du kannst auch nichts von den furchtbaren Sinnwidrigkeiten, vor die dich deine Erfahrung führt, verleugnen, ohne wiederum die Wahrheit zu verlassen….“ (R. LAUTH, ebd. 339.)

13) Meinen  Zugang zu J. G. FICHTE, das möchte ich eingangs stark und dankend erwähnen, fand ich in den Vorlesungen und Schriften R. LAUTHS in den 80-er Jahren und in der originäre Weiterführung bei F. BADER (in den Jahren 2007 – 2009) und bei einigen Philosophen wie HAMMACHER, IVALDO, GERTEN, WILDENBURG u. a.
Der Zugang zur PLATON verdanke ich F. BADER. In aller Bescheidenheit möchte ich deshalb meine philosophischen Übungen unter den Homepagetitel „
platonjgf“ stellen. Was „jgf“ heißen soll, darf gefolgert werden.

Franz Strasser, 26. 10. 2009

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1Philosophie ist eine freie geistige Tätigkeit, in der vollkommene Erkenntnis der Prinzipien des Ganzen der Wirklichkeit erstrebt und in der diese Erkenntnis gewonnen und vollzogen wird.“ R. Lauth, Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, München 1967, 35.

2Zum ganzen Aufsatz siehe D. BREAZEALE, Zurück zur Zukunft. Über die Relevanz der Wissenschaftslehre(n) für das Einundzwanzigste Jahrhundert, in: FUCHS ERICH / IVALDO MARCO / MORETTO GIOVANNI [Hrsg.], Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Spekulation und Erfahrung. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 589-613.

3Das gesamte Anliegen FICHTES wird bis heute verkannt. Ich hörte z. B. ein paar Sendungen  zum 200. Geburtstag von FICHTE, 19. Mai 2012, im Rundfunk Österreich 1: Ein Schelling-Vertreter durfte reden – genau in dem Stil und der Interpretation, als lebe der Abschreiber von damals heute noch.