Ignatius von Antiochien – oder die Priesterweihe von Frauen? 4. Teil

„(….) es liegt schlechthin im göttlichen Existiren, daß in ihm das absolute als absolutes vorkomme. ..- . Nur müste freilich die faktische Erscheinung der Freiheit, u. Zufälligkeit des Glaubens dabei bestehen können‘, daß wir daher nur einen andern Begriff der Nothwendigkeit, als den gewöhnlichen anzuschaffen hätten. Wie dies alles <aus einan>der gehen wird pp.“ (WL 1805, GA II, 9, S 242, Z 16)

Da die WL 1805 (oder auch anhand der WL 1804/1; 1804/2 u. 3 wäre das darlegbar) mit ihrem problematischen „Soll, so muss“ zu einer geschlossenen Einheit der Wissensprinzipien einerseits, aber zu einer offenen Bestimmung der erscheinenden Wirklichkeit in ihrem qualitativen Wertcharakter mittels Glauben andererseits kommt, ist es jetzt an der Zeit, das Repräsentationsvermögen der Ichheit praktisch und theoretisch zu konstituieren. Andernfalls würden zwar die apriorischen Wissensformen wie die glaubensmäßig zu erkennende Wert- und Sinnhaftigkeit eine Gewissheit des Absoluten behauptet, aber die aus der Gewissheit abzuleitende Erkenntnis der Erkenntnis (im göttlichen Lichte) fehlt noch total. (Analog dazu ist die WL 1804/2 genau so zweigeteilt: I – XV, XVI – XXVIII)

Zur den theoretischen Konstitutionsleistungen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft – siehe die GWL § 4 oder Blog „Kritische Husserllektüre 2. Teil“ oder Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 2. Anfrage

Zu den praktischen Konstitutionsleistungen wären die großartigen Ableitungen der GWL (1794/1795) ab § 5 heranzuziehen: (Siehe dazu z. B. 2. Teil v. „Kritik einer  Bildtheorie – zu Dieter Mersch

1) Dass das Ich (der Repräsentant) intelligieren soll, realisiert sich unter der intelligiblen Bedingung des Glaubens in der faktischen Konstitution einer Grundtendenz, die im Triebgefühl zuerst bewusst wird, das, aufgenommen ins Ich, als Selbstgefühl, reflektiert als Selbstbewusstsein in Interpersonalität, auftritt. Das Ich fasst dabei frei reflektierend Zwecke und verfolgt Absichten – und kann als solches auch das glaubenmäßig gefasste, kategorisch Gesollte realisieren (nicht gezwungen). Der Repräsentant, das Ich, ist nicht ein leeres Schema, sondern aktive Vorstellung, Fühlen, Wollen und Handeln, getrieben in dem Sinne, dass es notwendig nach der absoluten Wertfülle verlangt im gehemmten Gefühl. Im höchsten Sinne ist dieser Trieb natürlich kein Zwang mehr, sondern freie Realisierung einer im Absoluten begründeten Wertfülle, „Trieb“ im metaphorischen Sinne.

Wie beginnt die Realisierung dieser Wertfülle, erkenntniskritisch vorstellbar im sinnlichen Bereich? Wie geschieht ein Übergehen einer geistigen Vorstellung in eine praktische Handlungsweise? Wie kann die in Ichform deduzierte Repräsentation des Absoluten übertragen werden auf einen Akt sinnlicher, moralischer, interpersonaler, religiöser und geschichtlicher Realisierung?

Die Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität in der Natur, in der Moralität und im Leib, in der Realisierung einer Rechtsordnung und in einer Religion, muss im zeitlichen Werden ihren Ausgangspunkt nehmen. Dies ist ein vorgestelltes Linienziehen, welches wiederum nur innerhalb einer absoluten Quantitabilität möglich gedacht werden kann. Die hinzukommende Empfindung als konkreter Ausgangspunkt verwandelt sich in eine Empfindbares in ihrer Ausdehnung in Zeit und Raum.  Die Linie wird in ihren Punkten ständig erneuert, anfangs noch nicht in alle Richtungen hin, aber durch die reflektierende Urteilskraft wird die Vorstellung der Wechselfolge in eine unendliche Deklinationsmöglichkeit von Raumpunkten aufgebaut. Es ergibt sich die Vorstellung des Körpers, in dem die Totalität aller Deklinationserstreckungen vorgestellt ist.

Durch die unumkehrbare Nachfolgeordnung des zeitlichen Werdens bleibt das Ich an den Punkt gebunden, von dem aus es zuerst bestimmend fortgeht – und so kann nicht überall zugleich im Raume wechselweise übergegangen werden. Jeder fortgehende Raumbestimmung hängt von einer absoluten ab, in Bezug auf die sie erfolgt. Dadurch setzt das Ich nicht eine bloß willkürliche, beliebige Ordnung, sondern eine feste objektive Ordnung voraus.

Die Einbildungskraft sondert in weiterer Folge den Raum von dem Dinge, das ihn wirklich erfüllt, ab und entwirft versuchsweise einen leeren Raum, der aber sogleich mit anderen Substanzen gefüllt ist.1 Dies bedeutet zugleich eine Setzen von gleichzeitig vorhandenen Kraftäußerungen in einer gemeinsamen Sphäre. Intensität und Extensität werden synthetisch notwendig vereint.

Wie die weitere Grundlegung des Raumes verläuft, überspringe ich hier – und verbleibe im Bereich des Werdens und der Zeit: Wir bauen ebenfalls stets zeitliche und geschichtliche Entscheidungsreihen auf, im natürlichen Bereich, im moralischen und leiblichen, im gesellschaftlichen  und geschichtlichen Bereich, und ordnen sie nach einer Hierarchie der Sinnordnung.

Wenn schließlich von einer positiven Offenbarung in der genetischen Erkenntnis gesprochen worden ist, so deshalb, weil eine höchste, alles andere an Wert übertreffende Sinnidee vorausgesetzt wird, die wir in uns tragen, und nicht eher in unserem Streben uns zufrieden geben, bis sie geschichtlich gefunden ist. Die Geschichtserkenntnis hängt dabei nochmals mit allen transsubjektiven Bereichen der Reflexion des Ichs zusammen (mit der Natur, in der wir eine „Evolution“ hineinlegen können, in der Moralität, die sich als Leib äußert, in der Legalität, die sich als Gesellschaft äußert, in der Religion, die sich in einem sakramentalen Kult äußert), steht aber auch unabhängig zu dieser transsubjektiven Objektivität, weil eben das zeitliche Werden und das Linienziehen hier spezifische, dynamische Sinneinheiten zu einer geschichtlichen Reihe zusammenfassen.

Für den Heiligen war es in seiner genetischen Erkenntnis unmittelbar klar, dass sowohl apriorische wie positive Offenbarung im Begriff eins sind, vom implikationslogischen  Denken her, aber auch appositionell. Weder eine rein  historische, noch eine nur begriffliche Erkenntnis könnte diese genetische Erkenntnis erreichen, wenn nicht im Denken selbst logische und erinnernde Einsicht zusammengingen. Die logische Erkenntnis bezog sich auf das repräsentative Licht einer apriorischen Vernunftoffenbarung, die geschichtliche Erkenntnis (mit der ganzen Vorschule der Hl. Schrift und der auf den Heiligen einwirkenden Tradition) auf die Erscheinung Jesu Christi. Beides gingen für den Heiligen in einer genetischen Erkenntnis zusammen – und musste auch so zusammengehen, wollte er selbst und die ganze christliche Gemeinde an eine gegenwärtige und zukünftige Repräsentation der göttlichen Idee glauben können, voll bewusst und im Wissen legitimiert.  

Ohne geschichtliche Rückbindung und Erinnerung wäre eine apriorische Erkenntnis  Gottes eventuell ein Wahngebilde, bloße Phantasie und Poesie. Die Einbildungskraft verfährt aber nicht ohne Reflexion. Die Kunst der Philosophie ist es, die natürlichen Handlungen der Einbildungskraft zwischen einer empirischen und transzendentalen Perspektive zu unterscheiden,  aber sie auch wieder zusammenzuhalten –  und die entsprechenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen der Vernunft in ein implikationslogisches wie appositionelles  System der Vernunftrealisation  zu bringen.

2) Gemäß der Reflexion der WL 1805 muss die Reflexion auf die Undarstellbarkeit des Absoluten beharren, andererseits beharrt sie gerade dann auf dieser Differenz, wenn sie zugleich die Darstellbarkeit und Repräsentanz des Absoluten so genau und deduktiv wie möglich zur Darstellung (zur Erkenntnis der Erkenntnis) in der Erscheinungswelt bringt. Keine Dekonstruktion ohne gleichzeitige differentielle Bestimmung alles Seienden in der Erscheinung. 

Der Begriff der genetischen Erkenntnis soll genau diesen Übergang, diesen Mittelpunkt einer in die Erscheinung tretenden Ur-Erscheinung des Absoluten fassen. Die Vernunft kann gar nicht anders als sich selbst in genetischer Einsicht verstehen: Sobald sie die konstitutiven Grenzen ihrer selbst beschreibt, ist sie aber schon faktisches Sein, Sichtbarkeit, Licht, und in weiterer Folge fixiert sie diese Erscheinung begrifflich. Dies gilt für alle Bereiche der Wirklichkeit.  So ist z. B. die juridische Beschreibung einer Anerkennung von anderer Freiheit in Formen einer repräsentativen Demokratie oder die Beschreibung einer heiligen Hierarchie von dieser Seite her gesehen selbst nur ein eingeschränkter Bereich einer repräsentativen Vermittlung einer Erkenntnis der Erkenntnis. Oder ein anderes Beispiel: Die Naturwissenschaft hat wieder eigene Naturgesetze des Begreifens einer physikalischen oder biologischen Welt; die sittliche Welt kommt z. B. zu einer universalen Deutung des menschlichen Leibes usw. 

Alle dialektischen Bestimmungen der Natur, der Moralität, der Legalität und der Religion sind innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und werden durch die verstandlich-implikativen und appositionellen, d. h. geschichtlichen Setzungen der Vernunft, bestimmt.
Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt,  d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte,  S 402) (Interessant wäre hier: J. G. Fichte, Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, Studientexte, fhS III, 2012)  – siehe Link zu einer Kommentierung der 1. Vorlesung

3) Ich möchte zum Abschluss kommen: Vom Begriff der Repräsentation her könnte zu allen Wirklichkeitsbereichen der Bestimmung übergegangen werden (in der Natur, Moralität, Legalität, Religion). Mir sollte es hier nur um den Bereich der Repräsentation in den rechtlichen Formen des kirchlichen Zusammenlebens gegangen sein.  Wie es Repräsentation in den repräsentativen Demokratien braucht, gewissenhafte Verantwortung gegenüber einem sittlichen Gesetz und gegenüber den anderen Personen, so braucht das kirchliche Zusammenleben, mit der Zielsetzung einer moralisch-sittlichen und religiösen Sinnordnung, gewisse Formen der Repräsentation, damit die Differenz (der Erscheinung Gottes) in Einheit dargestellt und geschichtlich vermittelt  werden kann. 2

Repräsentative Formen in einer Religion zu kennen, ohne sie aber auf einen Wissens- und Glaubensakt rational zurückführen zu können,  würde eine Vielgötterwelt  alten Zuschnitts, oder einen Hinduismus oder einen säkularen, naturalistischen Polytheismus herbeiführen, mit der Konsequenz, dass u. a. auch keine genaue Differenzierung zwischen geistlicher und weltlicher Repräsentation und Macht nicht mehr getroffen werden kann. Das führt zu vielen juridischen und politischen Macht-Unklarheiten, zu staatlicher Unterdrückung, zu religiöser Dikatatur.  Es kommt  zu ständigen Machtüberschreitungen, zu willkürlicher, autoritärer weltlicher und geistlicher Macht, zu  feudalen und patriarchalen Verhaltensmustern, zu  kapitalistischen Ausbeutung. Ohne klaren, rationalen, legitimierten Repräsentationsbegriff folgt das gesellschaftliche Chaos und die religiöse Diktatur. 

Deshalb, so lese ich den ganzen Tonfall der Briefe des Heiligen, bei allen moralischen Appellen und juridischen Gehorsamsansprüchen, bei allen Mängel einer historisch bedingten, männerspezifischen, patriarchalen Hierarchie – es sind Aussagen einer positiven Gottesrede. In Differenz und doch transzendentaler  Repräsentation wird über die apriorische und positive Offenbarung Gottes und die geschenkte Sinnidee zentral etwas ausgesagt. Sie klingen in vielen Wendungen noch autoritär, patriarchal,  aber der Fokus ihres Wahrheitswertes liegt ganz woanders. Es gibt eine revolutionäre Idee der religiösen SInnordnung, eine revolutionäre Idee einer „katholischen“ Einheit und Gleichheit aller Menschen. Zum Begriff des „katholisch“ siehe ebenfalls eine Besprechung eines Artikels von R. M. Hübner – Link.)   

Sobald eine prinzipielle Einsicht zu einem bestimmten Wahrheitsanspruch übergeführt werden soll, ist der Autor (der Heilige, der anonyme Autor) auf die hermeneutischen Bedingungen seiner Zeit angewiesen – und es beginnt die hermeneutische Relativität zeitlicher Bedingtheit aller Aussagen. Es beginnt die Fehlerhaftigkeit des synthetischen Zusammenhangs von realer Hemmung und idealer Bestimmung. Dass eine prinzipielle Repräsentanz in einem substantiellem Denk- und Selbstbewusstsein möglich sein muss, ist der historische Fortschritt der Aussagen eines Ignatiusbriefes (oder Klemens könnte ähnlich zitiert werden, oder die Didache), weil die genetische Erkenntnis von sich her überleitet zu einer naturalen, moralischen, rechtlichen und religiösen und geschichtlichen Erkenntnis. Die Frage ist nur, wie die applizierte Anwendung auf diese Erkenntnisgebiete  geschehen soll? Hier beginnt eine gewisse Relativität der unfehlbaren genetischen Erkenntnis, weil die Hemmungskonstellationen nicht ableitbar sind und die hermeneutischen Grenzen zu achten. So lag es wohl für den Heiligen außerhalb seiner Weltsicht, dass Frauen genauso in einem kirchlichen Amt eine göttliche (religiöse) Sinnidee repräsentieren könnten. Es lag aber nicht eine ausdrückliche Ausschließlichkeit der Männer im Gegensatz zu den Frauen in seinem Denken von Repräsentation vor. (Ich fand keine explizite Ablehnung von Frauen!?)


Die Rezeptionsgeschichte der Ignatianischen Briefe viele Jahrhunderte später, das wird dann das Problem werden, wenn explizit autoritäre, patriarchale Herrschaftsmuster in sie hineingelegt werden, die als solche damals nur hermeneutisch bedingt waren. Hier beginnt die Ideologie und der hermeneutische Missbrauch. Bliebe der Rückbezug auf die Ignatianen, oder generell auf die noch ursprünglicheren Texte der Hl. Schrift, nur historisch- traditionell, rezeptionell, ohne lebendigen und rationalen Nachvollzug  einer genetischen Erkenntnis, erstirbt die lebendige Weitergabe der Sinnidee. Ein nur hermeneutisch-historisches Prinzip, z. B. als „apostolische Sukzession“ oder „sola scriptura“, metaphysisch festgehalten,  ist per se nicht mehr historisch verständlich, wenn der überzeitliche, geschichtliche Zusammenhang fehlt. 

M. a. W., in der menschlichen Lebens- und Schöpfungsordnung scheint mir die Geschlechterunterscheidung Mann und Frau wesentlich und von einem tiefen Sinn zu sein. Dieser Sinn kann nicht leichtfertig umgedreht werden. Dies betrifft aber nur die naturale und sittlich-moralische Seite des Mannseins  und Frauseins.
In diesem von mir ausgewählten Zusammenhang der Repräsentation religiöser Sinnerkenntnis aber: W
arum soll die genetische (transzendentale) Erkenntnis, die wesentlich Akt-Erkenntnis  in und aus der apriorischen und positiven Offenbarung ist, zu  apriorisch notwendigen,  geschlechterspezifischen Unterschieden in der juridischen und religiösen Repräsentationsphäre führen?  Warum nur eine männliches Repräsentationssystem von Bischof/Presbyter/Diakon? Das Geschlecht ist für mich  eine abgeleitete Eigenschaft leiblichen und moralischen Seins, nicht eine des rechtlichen und religiösen Seins.  

Der Übergang zu einem Subjekt in einer Rechtsgemeinschaft und zu einer rechtlich verfassten Kirche – welcher Übergang natürlich ein objektivierender, fehleranfälliger Akt des Wissens wird, – setzt primär andere Maßstäbe der Realisierung als geschlechterspezifische Unterschiede. Die Gleichheit der Geschlechter, die Berufung aller Völker und Sprachen, diese ungemeine Befreiung der Menschen aus der damaligen Sklavenhaltergesellschaft, das ist doch die kataphatische, positive Gottesrede des Heiligen, der Fokus seiner Briefe?!

Die patriarchal erscheinenden Repräsentationsformen sind  historisch-relativ und hermeneutisch verständlich. Die aus der transzendentalen Sinnidee gefolgerten Formen der Repräsentation überhaupt, der Bedeutung der Taufe und Eucharistie, die Gleichheit aller Menschen u. a. m., das sind für mich ungleich höhere Realisationen der Sinnidee, mithin der eigentliche Kern der Repräsentationsidee. (Man findet im Neuen Testament auch kaum Aussagen Jesu gegen die Sklavenhaltergesellschaft, und trotzdem leitet man zurecht aus den anderen Aussagen und dem Tun Jesu die Gleichheit aller Menschen ab.) Die geschlechts- und standes- und altersunabhängige Realisationen der Sinnidee sind prioritär zu werten verglichen mit geschlechterdifferenzierte Realisationen – in denen der Heiligen auf die Frauen „vergisst“.  

M. a. W., es hat die geschlechterspezifische und anthropologische Differenzierung von Mannsein und Frausein  hinsichtlich Lebensformen und Lebensweisen, hinsichtlich sinnlicher und leiblicher Schönheit etc. einen tiefen Sinn, aber gilt das auch für die rechtliche und religiöse Sinnidee? Die Ikonographie zur Anastasis-Ikone, in der Christus den Adam und die Eva aus dem Grab gleichseitig heraufholt, drückt für mich diese differentielle Einheit aus: Beider werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt, und sind doch spezifisch dargestellt. Unter zeitlichen Bedingungen realisiert sich die religiöse Sinnordnung und die apriorische Sinnidee logisch-konsequent und appositionell nur unter der Anschauung beiderlei Geschlechts, das berührt aber nicht die rechtliche Geschlechtergleichheit.  

Der heilige Ignatius, so scheint mir, war von der genetischen Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung so gepackt und ergriffen, dass es außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Vermittlung auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen, denen aber selbstverständlich ebenfalls eine  genetische Erkenntnismöglichkeit eröffnet ist. M. a. W., diese Nicht-Erwähnung und stillschweigende Nicht-Einbeziehung der Frauen in ein kirchliches Amt ist kein ausdrücklicher Ausschluss der Frauen vom kirchlichen Amt, sondern ein zeitbedingtes Verhaltens- und Verstehensmuster des Heiligen. Bekanntlich bedarf es aber eines langen Lernprozesses, ein verfestigtes Verhalten neu zu affizieren und anders auszurichten.  

Das Ziel der kirchlichen-männlichen Hierarchie, die der Heilige verhaltens- und zeitbedingt aufstellte, war  nicht Selbstzweck, sondern Ziel war die lebendige Weitergabe und die lebendige Nachvollziehbarkeit der genetischen Erkenntnis für Männer wie Frauen,  gleich welchen Standes, welcher ethnischen Zugehörigkeit, welchen Alters, welcher Nation.  Ziel war die sittlich-moralische Einheit der Gemeinde, die lebendige Repräsentation einer religiösen Sinnordnung. Seine männlich-dominierte, von uns vielleicht „patriarchal“ apostrophierte Hierarchie war nicht Selbstzweck, sondern Repräsentationspflicht einer neuen, revolutionären, religiösen Sinnordnung.  

Sollten die damaligen hermeneutischen und gesellschaftlichen Determinanten (wie Christenverfolgung) wegfallen sein, was hindert uns, die differentielle Erkenntnis der apriorischen wie positiven Offenbarung, deren unwandelbarer Gehalt feststeht, auch in neuen Formen der Repräsentation zu fassen? Oder umgekehrt gefragt: Was rechtfertigt  noch die geschlechterspezifische Unterscheidung, wenn es um die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt geht, wenn ausdrücklich nur rückbezogen auf die apriorische wie positiven Offenbarung die Repräsentation einer Ur-Erscheinung Gottes gedacht werden kann – und nicht in Rückbezug auf hermeneutische Bedingheiten? In die genetische Erkenntnis einer apriorischen und positiven Offenbarung mit allen ihre Implikationen von Rettung, Erlösung, Wiedergutmachung, Auferstehung, ewiges Leben, leuchtet eine alles andere an Wert übersteigenden Sinnidee auf, die den Sinn und den Wert einer geschlechterspezifischen Unterschiedenheit wohl übertrifft!?  

Die Frage und das Problem ist vielmehr, wie die differentielle Sicht der alles leitenden Sinnidee als Aufgabe der Erziehung, Bildung, als Kultur, als Form der Gerechtigkeit, auf das gesellschaftliche Leben (und auf die Natur, die Moralität, die Feier der religiösen Sinnordnung) glaubwürdig und geschichtlich, geschlechtergerecht und wohl auch geschlechterspezifisch!, übertragen werden kann.

Man kann geschichtlich viel versäumen, wenn man nicht geschichtlich selbst die Schlüsse zieht und die hermeneutischen Bedingtheiten ins Kalkül zieht. Ein heiliger Ignatius gab zu seiner geschichtlichen Stunde, geprägt von einem hermeneutischen Vorverständnis,  eine genetische, leidenschaftlich geprägte Antwort. Dass nach außen hin, 1800/1900 Jahre später,  viele Aussagen sich  „patriarchal“ anhören, mag uns nicht verwundern. Das liegt an der Wandelbarkeit der hermeneutischen Erkenntnisse, aber nicht an der Unwandelbarkeit der  apriorischen und positiven Offenbarung. Vielleicht habe ich mich in meiner Ableitung einer kirchlichen Hierarchie und kirchlichen Repräsentation (von Amtsträgern und die ganzen christlichen Gemeinde) aus einer genetischen Erkenntnis getäuscht, habe vielleicht ein Zwischenglied der Erkenntnis übersehen, dann fiele mehr oder minder die ganze Ableitung zusammen. Nur historisch oder metaphysisch aber etwas behaupten, das begründet nichts, wie mir das in den Diskussionen um das Priesteramt der Frauen oft vorkommt. 

M. a. W., ein Heiliger Ignatius ist von seiner Umwelt patriarchal und psychisch geprägt gewesen, aber er hat in seiner Argumentation primär nicht patriarchal motiviert geredet. Es ging ihm und der christlichen Gemeinde um viel mehr und anderes: Um das geistige Überleben und das kostbare Glaubensgut. Der Enthusiasmus ist aus seinen Briefen deutlich herauszuhören. Da spricht nicht ein von der Vernunft frustrierter Rousseau, der an keine Repräsentation glaubt, siehe oben 2. Teil,  kein von der bösen  Natur des Menschen ausgehender Hobbes, der nur eine autoritäre Repräsentation kennt, siehe ebenfalls oben 2. Teil, und kein Systemtheoretiker unserer Zeit, der das Recht aus einem Verfahren der Unterscheidung ableitet.
Hätte eine apriorische oder überlieferte göttliche Botschaft gezwungen aufgenommen werden müssen (à la Hobbes), hätte es keine Wahlfreiheit gegeben; hätte es keine positiven Offenbarung Gottes gegeben (à la Rousseau, also keine Ur-Erscheinung Gottes), hätte es auch kein Nachbilden (Repräsentieren) und keine in der Geschichte sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee gegeben. Diese gewusste und gefühlte Freiheit überstieg alle Geschlechter-, Standes-, Völkerdifferenz und repräsentierte eine sittlich-moralische und religiöse Sinnordnung. An keine Repräsentanz und geschichtliche Weitergabe und geschichtliche Konkretisierung der Erkenntnis der Erkenntnis zu glauben, sozusagen alle göttliche Repräsentanz in juridischen Machtstrukturen überhaupt zu leugnen, wäre ein tiefer Unglaube und führte zu rechtlich ungeregelter Freiheit: denn es würde dann implizit behauptet, es gäbe gar keine Ur-Erscheinung Gottes, die in der Ichform nachgebildet werden kann. Ohne göttliche Rückbindung wird aber alle repräsentative Machtausübung und repräsentative Rede von Gott unbegründet und autoritär.  Es bleiben dann nur irdische Scheinformen von „Repräsentation“, die aber letztlich ein Widerspruch sind – siehe dazu die Argumentation oben 2. Teil, von R. Schottky zu Rousseau und Hobbes.

(c) Dr. Franz Strasser

21. 9. 2019
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1Ich verweise zur näheren Erklärung z. B. auf R. LAUTH, Naturlehre, 1984, ebd. S 63f.

2Wenn ich kurz die WL 1805 verlassen darf: Fichte wurde die geschichtliche Vorgegebenheit der Offenbarung immer bewusster: „[…] das ins unendliche fortbildende Leben ist es, das Vermögen selbst des Bildens ist das UrBild, u. nichts anderes. Wie nun ein solches Vermögen? Princip, Grundlage, u. was ist in ihm. Es ist nur im Bilde, habe ich erweisen wollen. Aber es ist auch ausser dem Bilde, dem wirklichen u. als Bedingung desselben“ {FICHTE, Diarium, 175, Anmerkung 2)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser