Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 4. Teil

2. Exkurs zur Repräsentation im juridisch-politischen Bereich.

Die religiöse Sinnordnung, die IGNATIUS/der Autor etablieren wollte, in einer sakralen, repräsentativen Ordnung, ist transzendental-reflexiv begründbar in einem Denken von apriorischer und positiver Offenbarung. Die Erscheinungsweise des Absoluten in Ichform ist wissbar und im Glauben erreichbar – und, was in der WL 1805 noch nicht bearbeitet ist, in einem geschichtlichen Rückbezug auf eine positive Offenbarung.

Der Begriff der „Repräsentation“ scheint mir jetzt noch weiterer Erklärungen und Explikationen bedürftig, vor allem, was die schwierige Frage der Applikation und Konkretisierung betrifft. Wenn ich mich anfangs noch an die WL 1805 (12. u. 13. Vorlesung) halte:

Als Repräsentation ist dort a) die Ichform zuerst in der interpersonalen Form eines sittlicher Endzweck angesprochen. Die sittliche Idee als Ganze, in der vollendeten Sittlichkeit einer interpersonalen Gemeinschaft, ist und soll Erscheinung des Absoluten werden,  idealiter;

b) da aber dieses zweckgerichtete Denken und begriffliche Wissen zuerst nicht anders erscheinen und beginnen kann als in individuo einer Person, vermag  ein einzelnes Vernunftwesen zwar Teil-Repräsentant des Sittengesetzes und Teil- Repräsentant einer sittlichen und religiösen Ordnung zu werden, aber immer mit dem Auftrag einer Universalisierung dieser Idee;

c) und nochmals differenziert: für beide Denkmöglichkeiten gilt, dass der Wechsel von interpersonaler und individueller Realisierung der Repräsentation  ermöglicht und getragen sein muss von der unabhängigen Tätigkeit der Erscheinung des Absoluten, theologisch gesagt, von der Gnade bzw. bewirkt durch den Hl. Geist.

Die Kraft der unmittelbaren Vermittlung der Repräsentation des Heiligen und der Erscheinung des Absoluten müsste selbst in einer Form erfolgen, die bedingend einer individuellen wie universalen Form der Realisierung vorausgeht. (Das lasse ich hier offen, aber muss die reflexologische und glaubensmäßige Vermittlung der Vernunft als Licht und Gnade begleiten.)

1) Zwecks Verständlichkeit und leichterer Gegensatzbestimmung möchte ich jetzt zwischen säkularer und kirchlicher Ordnung unterscheiden, aber im Wissen, dass Gegensatzbestimmungen selbst aus einer Einheit hervorgehen. Eine nur! moralisch-sittliche, säkulare Staatsordnung ist nicht möglich denkbar, ein sozusagen rein laizistische Staat,  denn es entfiele darin der Begriff des Transzendenten in den pseudo-repräsentativen Strukturen und Ämtern eines Staates.  Ebenso ist aber eine rein theokratische Herrschaft, die sich nicht auf die Vernunftform einer freien Realisierung des göttlichen Anspruchs berufen will, nicht denkbar.  Man denke nur an die islamischen „Republiken“, ein Widerspruch in sich. 1

Die explizit  individuell und universal gelebte, kirchliche Sinnordnung unterscheidet sich – abgesehen jetzt von einer radikalen Form eines laizistischen Staates – in ihrem Denken material von einer säkularen Gesellschaftsordnung, insofern a)  der Rückbezug zu einer apriorischen und positiven Offenbarung explizit gemacht wird und b) die religiöse Sinnordnung unabhängig nochmals von moralisch-sittlichem Zweckdenken mit gewissen Affekten und Werten einher geht, die eine bloß säkulare Ordnung nicht bieten kann: Ich denke hier an Gebet, Liturgie, Hl. Schrift, sakramentale Zeichen u. a. m. Die performativen Sprechakte des Hl. Ignatius legen nicht nur Zeugnis ab von einem formalen absoluten Bestimmungsgrund und einem abstrakten Denken einer idealen Gemeinschaft, sondern müssen auf konkrete Erfahrungen und  affektive Erlebnisse (Gefühle) Bezug genommen haben, sonst  hätte er nicht so begeistert und emotional schreiben können –  und hätte auch kein sympathisches Gehör gefunden.

Ein 2. Exkurs zum Begriff der „Repräsentation“, hier in der Absicht einer juridisch-politischen Betrachtung, sei hier deshalb angeschlossen.

Es ist ein weites Themengebiet – und alles muss hier leider sehr fragmentarisch bleiben. Ich berufe mich hier auf eine rechtstheoretische Lektüre bei R. Schottky, 2 und in einem zweiten Punkt auf eine grundlegende Ableitung des Begriffes der Repräsentation in FICHTES „GNR“ v. 1796 im Bereich der Rechtslehre. 3

Schließlich noch eine dritte Variante einer „repräsentativen“ Ordnung der Rechts und der Gesellschaft – die arbeitsteilige und systemtheoretische Sicht einer Repräsentation.

2) Der Einfachheit und Kürze halber darf ich zitieren zum Begriff einer „repräsentativen Demokratie“: wikipedia: „In der Herrschaftsform der repräsentativen Demokratie (auch indirekte Demokratie oder mittelbare Demokratie genannt) werden politische Sachentscheidungen im Gegensatz zur direkten Demokratie nicht unmittelbar durch das Volk selbst, sondern durch Abgeordnete getroffen. Die Volksvertreter werden gewählt und entscheiden eigenverantwortlich. (Hervorhebung von mir) Da die Volksvertretung meist ein Parlament ist, nennt man das System häufig auch parlamentarische Demokratie. Davon zu unterscheiden ist das parlamentarische Regierungssystem.“

Gewählte Abgeordnete repräsentieren das Volk, sind aber zugleich unabhängig vom Volk in ihrer Entscheidung, weil sie auch individuo und vor ihrem Gewissen handeln müssen.

2. 1) Ein J. J. Rousseaus (28. Juni 1712; † 2. Juli 1778) kennt in seinem „Gesellschaftsvertrag“4 eine vertragliche Autorisierung eines Herrschers, aber prinzipiell ist die Volkssouveränität, als Kollektivwesen, unteilbar, unrepräsentierbar, unvertretbar und unveräußerbar.5

Träger legitimer Herrschaft kann nur das ganze Volk als Kollektivwesen sein, dieses kann, wie Kap. II/1 proklamiert, „nur durch sich selbst dargestellt werden“

(…) le souverain […) ne peut être représenté que par lui-même“, formuliert Rousseau und macht so von vornherein deutlich. dass er zusammen mit jeder Veräußerung oder Abtretung der Souveränität auch den Gedanken ablehnt, die Gesamtheit könne oder solle ihre Souveränität durch Repräsentanten, z.B. durch gewählte, ihr verantwortlich bleibende Vertrauensleute, ausüben bzw. ausüben lassen. Folgerichtig heißt es dann in III/15: „La souveraineté ne peut être représentée, par la même raison qu’elle ne peut être aliénée“ (96). Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten bedeutete für Rousseau eben, dass das Volk die Souveränität, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, an die Repräsentanten veräußerte. Aber nur die Bürgergesamtheit selbst darf die Souveränität ausüben, weil nur ihr Wille sich mit innerer Notwendigkeit auf „le bien commun“ richtet.“ 6

2. 2.) Vor Rousseau, bei T. Hobbes (5. April 1588; † 4. Dezember 1679), wird der Herrscher zu einer unumschränkten Machtinstanz aufgewertet, weil er nur so gesetzgebende und richterliche und strafende Funktion ausüben kann. Aufgrund der feindschaftlichen Natur des Menschen ist zwecks Friedenssicherung und Schutz des Menschen voreinander eine solche Souveränität notwendig. Anfangs ist der Herrscher in gewisser Weise vertraglich vom Volk autorisiert, aber die einmal abgetretene Macht und Gewalt ist dann uneingeschränkt gültig und geltend und kann nicht mehr abgesetzt werden. Er ist nicht mehr direkt dem Volk verpflichtet, er „repräsentiert“ es nicht mehr. Die untergeordnete Exekutive des Herrschers könnte im übertragenen Sinn „Repräsentant“ des Herrschers genannt werden, insofern sie dessen Exekutiv- und Strafvollmacht ausüben. Diese untergeordnete Charge ist aber nicht im ontologischen Sinn selbstständig, frei, verantwortlich, denn ihre ganze Machtbefugnis und „Repräsentation“ ist ja ganz von der Machtausübung und dem Belieben des obersten Herrschers abhängig.7

Sowohl bei Rousseau als auch bei Hobbes kann summarisch festgestellt werden, dass beide sich deshalb gegen eine Gewaltenteilung aussprechen, weil der Begriff des Souveränität keine aufgeteilte, veräußerbare, repräsentierbare Gewalt zulässt. 8

Inwieweit in etwas späterer Zeit KANT ebenfalls noch autoritäre Züge aufweist in der Rechtstheorie – siehe meinen Blog zum „Freiheit als Ursprung des Rechts“.

2. 3) In der französischen Verfassung 1791, die noch wesentlich Bezug nimmt auf Rousseau, kommt seltsamerweise der Begriff der „Repräsentation“ bereits wieder vor (den Rousseau ja ablehnte): „La Nation de qui seule émanent tous les pouvoirs, ne peut les exercer que par délégation. La constitution française est représentative; les représentants sont le Corps législatif et le Roi.9

Nochmals zurückgeblendet auf Rousseau: Nach dem II Kapitel des „Gesellschaftsvertrages“, kann nur die Bürgergesamtheit die Souveränität ausüben, weil nur sie das „Gemeinwohl“ („le bien commun“) wollen kann, während ein einzelner, denkbarer Repräsentant auch seine privaten Interessen mit dem Gemeinwohl vermischen würde. Deshalb ist und muss der „Gesellschaftsvertrag“ („contrat social“) unteilbar und unveräußerlich und unrepräsentierbar sein. Die repräsentative Veräußerung widerspräche dem Begriff des „contrat social“. Das Volksganze kann seine Gewalt nicht abgeben.10

Dies führt natürlich bei Rousseau selbst zu mannigfaltigen Problemen und Widersprüchen, „die Regierung kämpft (…) ständig gegen die Souveränität“ (Kap III/10). Seine normative Sichtweise der Herrschaftsbegründung und die tatsachengesetzliche, soziologische und historische Wirklichkeit kommen sich ständig in die Quere – und das fundamentale Problem der begrifflichen Anwendung der legitimen Herrschaft kann er letztlich nicht lösen. 11

Um der normativen Begründung des Rechts willen (durch den Gesamtwillen des Volkes) nimmt er die drohenden Widersprüche in der Anwendung und Realisierung des Rechts in Kauf. Die Volksgesamtheit ist sogar so souverän und unvertretbar, dass selbst ein hypothetisch in einem Naturzustand vorgestelltes Naturrecht eines einzelnen, welches es historisch nicht gab und gibt, dem staatlichen Recht untergeordnet werden müsste.

Denn wenn einem einzelnen (beim Abschluß des contrat social) Rechte verblieben, so wäre er, da kein gemeinsames Oberhaupt zwischen ihm und der Gemeinschaft entscheiden kann, diesbezüglich sein eigener Richter in seinen eigenen Belangen und bald in allen anderen Angelegenheiten auch. Der Naturzustand würde fortbestehen […].“ (Kap. 1/6)

3) Ableitung des Begriffes der Repräsentation bei Fichte in der GNR (GA Bd. I, 3)

Bei Fichte bekommt der Begriff der Repräsentation  hohe Priorität. Dies nicht nur, wie z. B. gezeigt anhand der WL 1805, sondern bereits auch 1796 in der GNR. Kurz gesagt, er kennt nicht bloß eine formale Rechtsregel des Freiheitsgebrauches, sondern von vornherein wird die Rechtsregel schematisiert und konkretisiert auf ein Handeln hin gedacht, sprich, auf die Anerkennung anderer Freiheit hin.

Nach den Reflexionsprinzipien der Vernunft kann das Selbstbewusstseins eines Menschen nur in Interpersonalität existieren, deshalb ist die transzendentale Bedingung der Möglichkeit der Einsicht in die eigene Freiheit und Selbstbestimmung, mithin in das eigene Wesen und Existieren, andere Personen mit gleicher Freiheit anzuerkennen.
Das Postulat der Anerkennung anderer Freiheit ist eine ideell wirksame Realität –  mit dem Ideal einer zu erreichenden sittlichen Interpersonalität und Liebe.
Die bei Rousseau und Hobbes nur logisch abstrahierte Idee der
Volkssouveränität ist bei FICHTE aus transzendentalen Gründen notwendig,  vom Sittengesetz und der Interpersonalität her gesehen eine postulierte, gemeinsame Wirksamkeit des Willens.

Letztlich würde das telos einer vollständigen juridischen und moralischen Anerkennung anderer Freiheit sogar die Aufhebung eines Staates bedeuten, weil er mit seiner potentiellen Zwangsgewalt seine Funktion verloren hat. 12
M. a. W., Fichte kennt den Begriff der „Volkssouveränität“ wie Rousseau, aber diese Volkssouveränität nimmt seinen Ausgang nicht von einem bloß formalen Gesetz, sondern umgekehrt vom konkreten, einzelnen Freiheitsrecht des Wollens und einem materialen Gesetz sittlicher Vollkommenheit.13 Der individuelle Wille ist in seiner Wirksamkeit – in intellektueller Anschauung – ein allgemeiner sittlicher Wille. „Einen Willen zu finden, der nur dann, dann aber auch unfehlbar eine Macht ist, wenn er das Gesez will“ (GA I/3, 399).

Diesen angestrebten, individuell wie universell gedachten „Gemeinwillen“ nennt Fichte den Willen der Bürgergesamtheit:
Das Einzigmögliche […), worüber ihr Wille sich vereinigt, ist […] das Recht in Anwendung auf sie, d.h. ihr positives Gesez.“ (GA I/3 400)

In der „Bürgergesamtheit“ wird intentional die rechte Gesetzgebung von allen für alle zu allen Zeit gewollt, sodass alle Bürger im Willen motiviert sind, diesen gemeinsamen Willen anzustreben und zu einer gemeinsamen Kraft des Staates zu vereinen. Sie sollen den allgemeinen Staatswillen als ihren eigenen Willen finden und verstehen können und der jeweilige Eigenwille – ebenfalls als rationaler Eigennutz verstehbar – konstituiert die „Bürgergesamtheit“ des Staates und umgekehrt der Gesamtwille das einzelne Wollen.14

Diese in der Natur des Vernunftwesen angelegte Verschränkung von individuellem Eigenwillen und allgemeinem Willen erlaubt es, eine repräsentative Herrschaft zu denken. R. Schottky zieht den Schluss:  „Gerade diese Annahme, das apriorische Gesetz lasse sich rein logisch durch ’Anwendung’ der formalen Rechtsregel auf die zufällig-faktischen Gegebenheiten des jeweiligen Volkslebens deduzieren, macht es Fichte möglich, im Gegensatz zu Rousseau die Gesetzgebung den Regenten, den Trägern der Exekutive, anzuvertrauen.“15(Hervorhebung von mir.)

Durch die persönliche, subsumptionslogische Anwendung des Rechts unter ein positives Gesetz, d. h. unter einer lebendigen Idee des Gesamtwillens der Bürger und der Förderung individueller Freiheit, kann und muss sogar FICHTE das Recht im Hinblick auf die sein sollende, verwirklichende Anwendung einem Regenten und einer verantwortlichen Exekutive anvertrauen, denn welche Form gäbe es sonst, einen Gesamtwillen zum Ausdruck zu bringen als mittels freier, individueller Realisierung?

Während Rousseau die volonté générale (wie den Willen überhaupt) einer wahren Repräsentation nicht für fähig hält – Repräsentation bedeutet gegenüber jedem Willen potentielle, ja wahrscheinliche Verfälschung – glaubt Fichte gerade die absolute (juridische) Notwendigkeit der Repräsentation einzusehen, glaubt, „aus reiner Vernunft“, in strenger Deduktion, zeigen zu können, dass Repräsentation „eine durch das Rechtsgesetz absolut geforderte Einrichtung ist“ (GA I, 3, 449). 16

4) Repräsentation und Bild
Unabhängig jetzt von staatsrechtlichen Argumentationen nach Rousseau, Hume oder
Schottky bietet sich die Begriff der Repräsentation für den sakramentalen Bereich einer religiösen oder kirchlichen Ordnung an: Neben der prinzipiellen Repräsentationsvollmacht eine juridischen und moralischen Norm kann von einem Repräsentationsvermögen in einer kirchlichen Organisation gesprochen werden, sofern explizit a) das ganze Wesen des ohnmächtigen, schwachen und sündigen Menschen miteinbezogen wird und b) das Geschenk der Erlösung und Rettung in einem Glauben an die positive Offenbarung mitbedacht wird.

Die Repräsentation in einem religiösen Kontext schließt a) ein freies und aktives Verhältnis zwischen dem Repräsentanten und dem Repräsentierten (d. h. Gottes) ein. Eine solche Freiheit ist eben Folge des auf-sich-selbst-reflektierenden Charakters des Repräsentierens – und ist sozusagen Ergebnis eines rein begrifflichen Denkens.

Diese Repräsentation schließt aber auch b) die konkrete Erfahrung des ohnmächtigen, schwachen, sündigen Menschseins mit ein, sodass die Repräsentation des zu Repräsentierenden auf diese anthropologische und geschichtliche Erfahrung Bezug nehmen muss. Der Hl. Ignatius sah klar diesen Bestimmungsgrund des zu Repräsentierenden in der positiven Offenbarung JESU CHRISTI, seiner Botschaft, seinem Kreuzestod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, seiner Geistsendung. Die Repräsentation hat einen spezifischen Charakter des Begriffes der Repräsentation angenommen – und deshalb seine ganze Leidenschaft, eine religiöse und sakramentale Sinnordnung zu schaffen.

Das Repräsentationsvermögen in einer religiösen Sinnordnung kann und darf die Differenz zur Erscheinung des Absoluten nicht verwischen oder aufheben, als könnte in fertiger, unwandelbarer Weise, in einem metaphysischen Begriff festgehalten werden, was entspricht dem Leben Gottes und was nicht.

Die Philosophie Fichtes hat stets die Differenz zum Absoluten zu wahren versucht, weil andernfalls ein freies Repräsentieren gerade nicht möglich wäre. Dies gilt a fortiori für eine religiöse, sakramentale Repräsentation. Es kann weder philosophisch noch religiöse eine vollständige und für immer vollendete Übereinstimmung mit dem göttlichen Leben erreicht werden. Das wäre hypertroph und geschichtslos. Die menschliche Existenz kann sich vielmehr als effektive Repräsentation nur in dem Maße verwirklichen, in dem sie die Differenz zum Absoluten, das doch durch seine Repräsentation erscheint, ersieht, – und, wenn man jetzt den absoluten Bestimmungsgrund der positiven Offenbarung einbezieht, das ganze Wesen des Menschen in seiner Verfasstheit und Ohnmacht und Sünde miteinbezieht.

Deshalb diese offensichtliche Demut und Bescheidenheit des Heiligen (des Autors), trotz aller überschwenglichen Metaphern für den Dienst der Hierarchen und der übrigen Gemeindemitglieder.

Der Begriff der Repräsentation trägt die eigentümliche Einheit-in-Differenz zum Absoluten in sich. Diese Einheit-in-Differenz bleibt erhalten auch in der geschichtlichen Überlieferung einer positiven Offenbarung – allerdings mit dem Selbstbewusstsein und dem Vertrauen und Glauben, dass der Menschen zu einem gemeinschaftlichen Leben mit Gott und untereinander bestimmt ist.

Nochmals zurück zum säkularen Bereich. Schottky schließt aus der Notwendigkeit der Kontrolle der Macht auf die notwendige Form einer repräsentativen Machtausübung: „Rousseau musste Gewaltenteilung ablehnen, weil sie logisch die Ausübung der Volkssouveränität durch Repräsentanten impliziert und diese ihm die Überfremdung des Gemeinwillens durch Privatinteressen wahrscheinlich machte. Fichte dagegen fasst in der „Grundlage des Naturrechts“ den Gemeinwillen eben nicht als situationsbezogene, momentanen, kontingenten Willen eines je besonderen Verbandes auf,  sondern als überzeitliche, feste allgemeine Norm von allen, für alle, zu aller Zeit. Fraglich aber scheint ihm – und darin bewährt er mehr Realismus als Rousseau – dass von irgendeinem empirischen Willen angenommen werden könnte, er werde das richtig abgeleitete positive Recht auch mit Sicherheit immer (ohne Ausnahme, ohne Abweichungen, ohne Nachlässigkeit, vgl. GA I, 3, 436-439) von sich aus in der sozialen Realität durchsetzen. So leitet er aus dem Grundsatz, dass das Handeln der Staatsgewalt einer Kontrolle auf seine Rechtlichkeit hin bedarf, die Unumgänglichkeit von Repräsentation her. Nur wenn das souveräne Volk seine Souveränität normalerweise nicht selbst ausübt, steht es für die Aufgabe der Kontrolle zur Verfügung, kann es mit seiner Übermacht der Rechtsaufsicht über das Staatshandeln den nötigen Nachdruck verleihen.17

Das Argument zurückübertragen auf eine religiöse Ordnung: Gegen einen Machtmissbrauch religiöser Hierarchen ist das christliche Volk berechtigt, die Repräsentation auf ihre aus der apriorischen und positiven Offenbarung kommende Legitimation zu überprüfen. Wie könnte es das legitim sonst, wenn eine religiöse Herrschaftsausübung keine repräsentative Ausübung wäre? Und umgekehrt gesagt, würde der Repräsentationsbegriff aufgegeben, welche Form der Legitimation bliebe übrig?

5) In der heutigen Diskussion der Rechtsbegründung wird die Gewaltenteilung gerne aus einer systemtheoretischen Perspektive betrachtet. Da wir in einer hoch differenzierten Gesellschaft leben, in der keiner/keine mehr jede Arbeit für das Gemeinwohl gleich gut erfüllen kann, muss es für diesen oder jenen Bereich eine delegierte „Repräsentation“ geben. 18

Wenn die durch Arbeitsteilung bewirkte und systemtheoretische Begründung von Repräsentationsvollmachten und Repräsentationspflichten tatsächlich aber nur durch Arbeitsteilung zustande käme, mithin ohne allen Transzendenzbezug bliebe, bekäme der Begriff eine starke determinative Prägung: Es entscheidet der Repräsentant aufgrund dieser oder jener Sachzwänge, aber nicht mehr frei in seinem Gewissen und nach keiner überzeitlichen von allen für alle gültigen Norm. In einer systemtheoretischen Perspektive mag die Wahlmöglichkeit des Bürgers noch als Grundrecht verankert sein, aber man weiß ja, wie Wahlen geschlagen werden, welche Manipulationsapparate dahinter stecken, wie die Delegation in ein Parlament oder in eine  Regierung geschieht, wie Gesetze eingeführt oder wieder abrogiert werden ……. in solcher systemtheoretischer Perspektive schwindet m. E. der Freiheitsbegriff auf ein Minimum einer (manipulierten) Wahlmöglichkeit.
Wenn der Bezug auf Transzendenz in den systemtheoretisch zustande gekommenen Verträgen und formalen Verfahren entfiele, in den Ausführungen der Legislative, Exekutive, Administrative, hätte der Begriff „Repräsentation“ auch in einer Systemtheorie keine ideelle Bedeutung mehr.

Oder noch ein anderes Gedankenspiel – was mit Systemtheorie nichts mehr zu tun hat: Wenn das Recht und Gesetz ungerecht geworden und die begriffliche Rückbindung an die Bürgergesamtheit nicht mehr erkennbar ist, z. B. in einer Diktatur, vermag der Abgeordnete oder Beamte weiterhin den Gesamtwillen zu „repräsentieren“? Mindestens er/sie persönlich gerät in Gewissenskonflikte. Wie sollte noch ein individueller, gewissenhafter Vollzug der Repräsentation möglich sein? Ein Abgeordneter oder Machtbefugter eines bloßen Machtapparates, oder ein Funktionär eines Klientels, einer Partei, „repräsentiert“ im transzendentalen Sinne nur mehr das gewalttätige System.  (Schottky hat den Widerspruch eines Repräsentationsbegriffes in einem totalitären Staat  bei T. Hobbes gut herausgearbeitet – siehe dort.)19

6) Abschließend die Frage: Die Begriffe der kirchlichen Ämter, als Repräsentanten einer neuen, religiösen Sinnordnung,  die der Heilige/der Autor  in den IGNATIUSBRIEFEN installiert haben will,  sie erhalten ihre Repräsentationskraft einerseits durch die apriorische Vernunftoffenbarung, d. h. durch einen moralisch-sittlichen Repräsentationsanspruch, andererseits durch die positive Offenbarung, dass in und aus dem pertinenten Bestimmungsgrund der Erlösung eine sakramentale, religiöse Ordnung in der Zeit und Geschichte realisiert werden kann. Die „Bischöfe“, „Priester“, „Diakone“ repräsentieren nicht eine systemtheoretische Notwendigkeit, repräsentieren nicht (nur) eine moralische sittliche Ordnung (wie bei der „Bürgergesamtheit“), sondern repräsentieren, eine ganz konkrete Logoshaftigkeit und Sinnhaftigkeit, die sich von JESUS CHRISTUS herleitet. Sie repräsentieren nicht sich, repräsentieren nicht ein formales Gesetz des Staates, repräsentieren nicht nur einen allgemeinen Religionsbegriff, sondern einen konkreten, bestimmten Religionsbegriff, der sich von der positiven Offenbarung (innerhalb der apriorischen Vernunftoffenbarung) herleitet.20

Es sei mir der Gedanke erlaubt: Vielleicht ging der Heilige/der Autor deshalb gar nicht auf das Problem einer nur männlichen Hierarchie ein, weil die Frauen ihrerseits schon genug repräsentierten?! Dazu kamen die hermeneutischen Verständigungsschwierigkeiten, hätte er Frauen als Bischöfinnen und Priesterinnen und Diakoninnen eingesetzt.

Die säkularen Ordnungen des Zusammenlebens, erst recht der kirchlichen Ordnungen, sie sind beide in ihrer Begründung auf die trans-immanente Erscheinungsweise des Absoluten verwiesen, sonst entfiele jede Sinnhaftigkeit und Legitimation von Repräsentation. Sie müssen sich für die transzendente Begründung ihrer selbst ständig offen halten, für die Einheit-in-Differenz.

 

© Franz Strasser

10. 9. 2019

 

 

1Könnte die sakrale Ordnung der Kirche sogar von der repräsentativen Demokratie lernen, insofern dort das formale Sittengesetz und die juridische Gleichheit durch die „Repräsentanten“ des Staates befolgt werden soll, d. h. auch unabhängig vom Geschlecht? Und umgekehrt gefragt: Bedarf der säkulare Staat und die Form einer repräsentativen Demokratie letztlich doch einer religiösen und kirchlichen Sinnordnung mit materialen Erfahrungen, andernfalls alle juridischen und moralisch-sittlichen Ziele zwar geboten, aber nicht gefühlt und  erreicht werden könnten?

2Richard Schottky, Untersuchungen zur Geschichte der staatsphilosophischen Vertragstheorie im 17. und 18. Jahrhundert: Hobbes, Locke, Rousseau, Fichte : mit einem Beitrag zum Problem der Gewaltenteilung bei Rousseau und Fichte, 1995.

3J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. I, 3 für die „Grundlage des Naturrechtes“ (abk.=GNR) in: Band 3: Werke 1794-1796,
hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob unter Mitwirkung von Richard Schottky. 1966

4Jean-Jacques Rousseau: Du contrat social ou Principes du droit politique. Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Französisch/Deutsch. (1762) In: Reclams Universal-Bibliothek. Philipp Reclam jun., Stuttgart 20

5Wie das freilich gehen sollte, dass der allgemeine Volkswille herrsche und regiere , das sagt uns Rousseau nicht und ist praktisch unmöglich. Die Rede vom „volonté générale“ ist eine „Chimäre.“ (R. Schottky)

6Zitiert nach R. Schottky, ebd., S 325.

7Siehe zur Darstellung des Vertragsinhaltes des autoritären Staates bei Hobbes, R. Schottky, ebd., S 10 – 17; zum Begriff der Repräsentation des Souveräns bei Rousseau und Hobbes, R. Schottky, ebd., S 325, Anm. 8.

8Nach Rousseau muss sowohl das Postulat unveräußerlicher, jedem Staatseingriff entzogener Menschenrechte als auch das Postulat der Gewaltenteilung im Gegensatz zum Gesamtwillen (Allgemeinwillen) niedergeschlagen werden; vgl. R. Schottky, ebd. S 332. Ähnlich, vielleicht noch potenzierter, bei Hobbes.

9Zitiert nach R. Schottky, ebd. S 325, Anm. 9.

10Dem Wortlaut nach wird allerdings in Kap. III/1 diese „unrepräsentierbare“ Sicht des Volksganzen wieder etwas zurückgenommen, indem Rousseau neben der Legislative des Volkes doch einen Zwischenkörper einer eigenständigen Exekutive einschiebt. Also gibt es doch eine repräsentative Macht des Souveräns? R. Schottky führt das Verständnis Rousseaus dahingehend aus, dass jener die eigenständige Macht der Exekutive nur als logisch-praktische und mechanische Fortsetzung der Legislative sehen will. Sie hat im Grunde doch keinen Eigenwillen und repräsentiert deshalb nicht eine andere Macht. (R. Schottky, ebd., S 327f) Generell wird die Legislative des Volkswillens über jede Regierung gestellt, die jederzeit vom Volk abgesetzt werden könnte.

11R. Schottky, ebd. S 329-331.

12Vgl. R. Schottky, ebd. S 350. 351.

13M. a. W., Rousseau fehlt das transzendentale Mittelglied und die Synthese zwischen dem abstrakten Allgemeinwillen und der Anwendung des Allgemeinwillens, die intellektuell anschaubare Interpersonalität, die interpersonale Bestimmtheit der Selbstbestimmung.

14Vgl. R. Schottky, ebd. S 356

15R. Schottky, ebd. S 356.

16Ebd., S 357.

17bd. S 357.

18Link aus wikipedia „repräsentativen Demokratie“: „Da in der Praxis das Staatsvolk jedoch nicht über jedes Detail des politischen Tagesgeschäftes entscheiden kann, haben sich alle bestehenden Demokratien dergestalt organisiert, dass – meist auf mehreren Ebenen wie Gemeinde, Land, Staat etc. gestaffelt – Einzelentscheidungen an gewählte Volksvertreter delegiert werden. Das Volk gibt dann in Wahlen durch Personalentscheidungen die „grobe Linie“ vor, an der sich die gewählten Vertreter idealerweise orientieren, da davon ihre Wiederwahl abhängt. Diese Vertreter sollen als Repräsentanten der Wählerschaft agieren, von der sie gewählt wurden und deren Interessen und Ziele sie in den entsprechenden Gremien im Interesse ihrer Wähler durchsetzen sollen. Insofern ist die repräsentative Demokratie eine Ausprägung von Arbeitsteilung infolge wachsender Sachentscheidungskomplexität.“

19Siehe bei ihm in „Rechtsstaat und Kulturstaat“, Fichte-Studien Bd. 3, 1991. 118-153. „Mir scheint es aber aus vielen Stellen bei Hobbes unzweifelbar hervorzugehen, daß dessen natürliches Gesetz im unstaatlichen Zustand keine Gültigkeit hat. Vgl. z. B. De Cive,§§1, 3, 5, 6. Wenn es dort in § 3 heißt, dass zur Befolgung der natürlichen Gesetze »eine Sicherheit notwendig ist«, und wenn diese Sicherheit nach §§ 5 und 6 nur durch Errichtung einer gemeinsamen Macht geschaffen werden kann, die einem einheitlichen Herrscherwillen gehorcht, so entspricht das (….) der gerügten Auffassung, dass die Gültigkeit des konkretisierten Rechtsgesetzes davon abhängt, dass es faktisch befolgt wird; denn die Sicherheit schaffende Macht kommt eben nur zustande, wenn die überwiegende Mehrheit der Bürger der Herrscherautorität tatsächlich gehorcht; der Gehorsamsanspruch des Herrschers aber ist durch den staatskonstituierenden Vertrag zum Recht des Herrschers geworden, ist Teil des für Hobbes einzig möglichen positiven Rechtssystems. So kann ja auch Hobbes ausdrücklich sagen, daß die Gehorsamspflicht des Untertanen endet, wenn die Macht des Herrschers, ihn zu schützen, endet (Leviathan, Vol. III von The English Works of Th. Hobbes, ed. Sir W. Molesworth, London 1839, 208 f. und 279, Chapter 21 und 27). In einer Situation der Krise, des inneren Aufruhrs z.B., bedeutet das, dass der bisher als Teil der Rechtsordnung gültige Gehorsamsanspruch, damit aber auch die ganze vom Herrscher gesetzte Rechtsordnung, mich nicht mehr binden (also die Gültigkeit verlieren), sobald ich urteile, dass nicht mehr genug Mituntertanen loyal dessen bisher rechtskräftiger Autorität gehorchen, um seine Macht hinreichend (für Schutzgewährung) erscheinen zu lassen. Auch bei Hobbes »hängt« also das Rechtsgesetz »in seiner Gültigkeit […] davon ab, daß es befolgt wird« (90) – denn ohne Herrschaft ist ja bei ihm auch das natürliche Gesetz nicht praktisch verbindlich. (…)“, ebd., Anm. 11, S 121.122.

20Frage: Kann es einen Religionsbegriff außer den begründeten aus einer positiven Offenbarung überhaupt geben?

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser