Ignatius von Antiochien oder die Priesterweihe von Frauen – 5. Teil

Weil mich die Sache berührt, wollte ich nach den transzendentalkritischen Bedingungen fragen, die einen Begriff konstituieren. Ich setzte von vornherein voraus, dass solche kirchlichen Ämter wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ nicht bloß leere Begriffe sind, Relikte einer verworrenen Naturreligion, historisch undurchschaubar, oder umgekehrt, bloß gesatztes kirchliches Recht und beliebig eingeführte Begriffe von frühkirchlichen Kanonisten, sondern einen qualitativen, sakramentalen Gehalt der Erkenntnis in sich tragen.

Aber trotzdem wird sofort klar, dass diese Begriffe der kirchlichen Ämter doch auch zeitlich entstanden sind. Die transzendental-kritische Frage zielt auf die epistemologische Begründung und Bildung. Die falschen Alternativen wären: a) Dass der Sinngehalt metaphysisch gleichbleibend vorausgesetzt wird, was auch das Geschlecht miteinbezieht, d. h. also nur Männer können Bischof, Priester, Diakon sein. Aber bei metaphysischen Begriffen weiß man nicht, warum der Sinngehalt so ausfällt, wie er ausfällt, oder b) der Sinn ist überhaupt historisch und hermeneutisch wandelbar, dann weiß man aber nicht, warum gerade diese Ämter gewählt wurden und nicht andere, warum man noch bei diesen Ämtern bleiben soll, geschweige bei dieser Bestimmtheit des Geschlechts.

Die viel später entstandene positive Rechtslehre des Kirchenrechts kann uns hier  nicht weiterhelfen, denn das wäre ja erst die differentielle Frage, mit welchem Recht die „Kirche“ den intelligiblen Gehalt der „Bischöfe“, „Priester“, „Diakone“ vergibt. Meine Sicht: Nicht aus Willkür, Patriarchalismus oder Machtinteresse drängte der Hl. IGNATIUS/der Autor zu einer kirchlichen Ämterstruktur, die respektiert werden sollte, sondern aus der Notwendigkeit der Realisierung der Repräsentanz Gottes mussten Ämter geschaffen werden, die diese Repräsentanz konkretisierten. Warum es nur diese drei grundlegenden Ämter wurden, warum in dieser hierarchischen Stufenordnung diese bestimmte Dreier-Form, das ist wohl historisch zu verstehen und liegt nicht notwendig im Begriff der Repräsentation selbst.

Es liegt m. E. unbezweifelbar in den IGNATIANEN eine innere, transzendentale Dynamik der Begriffsbildung, die uns Einsicht gewährt, wie in statu nascendi etwas entstehen kann. Verlangt diese neue, innere Sinnbildung, die in der katholischen und orthodoxen Tradition mehr oder minder beibehalten wurde, noch immer den Ausschluss des weiblichen Geschlechts?

1) Es trat durch die Genesis Gottes in seiner apriorischen und positiven Offenbarung eine eindeutige Gerichtetheit und Verzeitung in die vom Vernunftwesen erkennbare Differenz von Einheit und Nichteinheit der Repräsentation Gottes ein, eine interpersonale und zeitliche Schematisierung der Repräsentanz. Es ist gerade die Schönheit der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht und nicht im metaphysischen oder hermeneutischen Zirkel hängen bleibt. Da gibt es einerseits das vorausgesetzte Material, das Begriffene (die apriorische und positive Offenbarung), andererseits das freie Begreifen und den freien Umgang mit dem historischen Datenmaterial. Diesen Zirkel kann von da nach dort und umgekehrt aufgelöst werden, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1

Wird ein mögliches Substrat für eine künftige Einsicht theoretisch angenommen, z. B. es muss sakrale Ämter geben, die aber nur Männern vorbehalten sind, wie der „dogmatische“ Weg behaupten will, oder es kann Bischöfe, Priester, Diakone geben für beiderlei Geschlechts,  wie der „emanzipatorische“ Weg sagt, so ist beide Male ein Substrat gesetzt, das aber noch nicht in der Einsicht begründet ist, wenn auch existent.
Die Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann im strengen Sinne nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz dieses behaupteten Wissens, da es nur eingebildet ist. M. a. W., die Einsicht vermag nie unmittelbar das reine Substrat für eine bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht einsehen. Es vermag zwar etwas als möglich in der Einsicht behaupten, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.

Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, dass das Substrat ihres aktualen Erkenntnisvollzuges wirklich existiert, oder sei es, dass es im aktualen Erkenntnisvollzug nur als möglich eingesehen wird, also dass der Bezug noch kontingent ist.

„Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“ 2

Dass dieses Selbsterkennen, der Akt des Begreifens, sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehen machen könne, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihre Existenz), die Idee des Guten ist realiter Vollzug des Guten, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist selbstständiger Grund seines Sichbegreifens – und die Objektwelt steuert nur das materiale Substrat für den actus des Begreifens bei.

Aber, so jetzt in der Terminologie PLATONS oder in der WL FICHTES, diese genetische Lebendigkeit des Begreifens ist immer nur ein Bild, ein Bild für die absolute Einheit.

Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die Darstellung jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten.
Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes der absoluten Einheit im Bilde.

Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbsterkenntnis und Bescheidenheit seine Ohnmächtigkeit erkennt, den absoluten Grund seines Sich-Begreifens selbst darzustellen, kann er, wie in meiner besagten Fragestellung, seinen Anteil in der Geschichte der Darstellung einer sakralen kirchlichen Ordnung erkennen und sich dessen bewusst sein: er hat die Funktion einer Folge, Folge des absoluten Grundes zu sein, Folge einer apriorischen wie positiven Offenbarung. Der Begriff durchschaut die genetischen Zusammenhänge seines Begreifens als ein Begreifen des einen durch ein anderes.

Der Heilige/der Autor begriff die (objektive), apriorische wie positive Offenbarung in seinem Akt des Erkennens, und zugleich seinen (subjektiven) Akt, der sich in metaphorischen Bildern und hohen Tönen und Vergleichen ausdrückt, als das andere durch das Bestehende der apriorischen und positiven Offenbarung, d. h. durch den Geltungsgrund seines Erkennens und Bildens.

Warum begriff der Heilige/der Autor inhaltlich-qualitativ, so vehement und performativ, so metaphorisch und dann wieder wörtlich, so ursprünglich und genetisch, die apriorische und positive Offenbarung, dass er eine sakrale und sakramentale Ordnung der kirchlichen Gemeinschaft etablieren wollte? Diese Warumfrage ist natürlich so unbeantwortbar als die Freiheit unableitbar ist. Das war sein Zeugnis. 

Theoretisch ist diese Dynamik aber erklärbar: Der Akt des Grundes seiner Erkenntnis, der absolute, unzugängliche Grund, das Licht der absoluten Einheit in seinem (hermeneutischen) Begreifen, dieser ganze Einsatz der Freiheit und der märtyrerhaften Verkündigung, erscheint zugleich in Abhängigkeit von diesem absoluten Grund – und das muss ihn so stark überwältigt haben (und seine Mitchristen), dass er diese genetische Erkenntnis schematisieren und repräsentieren musste – im Bild, versteht sich.
Was durch sein Begreifen vermittelt wurde, war selbst das Licht dieses Sich-Begreifens im Erkennen, war Repräsentations-Bild eines absoluten Bestimmungs- und Geltungsgrundes.

2) Die genetische Erkenntnis in diesem Akt des Re-präsentierens bringt die Realisierung einer Beziehung zutage, die Realisierung eines  individuellen Erlöst- und Gerettetseins und – formal gesprochen zur GNR v. 1796 –  die Realisierung einer interpersonalen, neuen Gemeinschaft, eines „Staatsbürgervertrages“, an dem jeder/jede teilhaben kann, sobald er/sie sich aktiv daran beteiligt. Welche verschiedenen Bedingungen der politischen Anwendung der genetischen Erkenntnis noch alle angeführt werden sollten, habe ich praktisch in ihrer Vielzahl nicht angegeben und bedürften näherer literarischer und hermeneutischer Forschungen. Ich wollte nur die transzendentale Dimension einer sein sollenden und sein könnenden repräsentativen Hierarchie ableiten. Sakrale, geweihte Amtsträger solle es geben, aus transzendentalen Gründen der Repräsentation überhaupt und in regulativer Anwendung politischer Weisheit und Klugheit.  

Im Unterschied zum säkularen Gebrauch der „Repräsentation“ in den juridisch-politischen Formen seit T. HOBBES, oder über die Naturrechtslehren bis zu ROUSSEAU und modernen „repräsentativen Demokratien“, muss  diese religiöse Repräsentation nicht zu einer inneren Aporie führen in dem Sinne:  je gesetzlicher umso herrischer, autoritärer, sondern im „Vereinigungsvertrag“ (GNR) der gemeinschaftlichen Instanz der „Kirche“  genießen alle gleichen rechtlichen Anspruch und Schutz dank der Gnade – später als „Taufgnade“ kanonisiert – und die besonders „geweihten“ Ämter sollen nicht nur formalrechtliche und regulative  Bedingungen erfüllen, z. B. gewählt sein, männlich sein, sondern zusätzlich in ihrer Urteilskraft den absoluten Werthorizont ihrer „Weihe“ und Bestimmung  repräsentieren. Die „geweihten“ Amtsträger haben nochmals zur allgemeinen Repräsentation der Sinnidee die individuelle, innere Verpflichtung, konstitutiv an dieser Repräsentation für den einzelnen Gläubigen wie für die Gemeinschaft mitzuwirken. Der Heilige/der Autor gibt auch von sich ein überzeugendes persönliches Beispiel – aber so versteht er die Aufgabe  für alle geweihten Amtsträger insgesamt.   

Der Exkurs in die säkulare Welt der Repräsentation bei FICHTE erbrachte bereits den „Vereinigunsvertrag“, worin Intention und Leistung zusammenfallen. In der  säkulare Welt stellt sich hier aber oft eine Asymmetrie ein. In der „Kirche“ soll es nicht so sein und muss es nicht so sein, weil die Repräsentation der Sinnidee ausdrücklich in der Transzendenz verankert ist. Dies könnte zwar kirchenpolitisch ebenfalls missbraucht werden, dass im Namen der Transzendenz die Freiheit des einzelnen und die individuelle und gemeinschaftliche Sinn- und Erlösungsidee aufgehoben würde, aber gerade dafür bietet die Begriff der Repräsentation auch eine innere Korrekturmöglichkeit an, ebenfalls nach der GNR FICHTES gesehen: Die Repräsentanten in einer säkularen Welt können kontrolliert und sogar abgesetzt werden, die Repräsentanten im kirchlichen Bereich – können sie abgesetzt werden, wenn sie im rechtlichen, sittlichen oder religiösen Bereich fehlen?  

Die Intention der zu realisierenden Sinnidee von Erlösung (Vergebung) bietet im religiösen Bereich zugleich die Leistung,  weil Intention und Leistung von Gott kommen und in Gott garantiert sind – die Intention der Hoffnung und die Leistung der Gewährung. M. a. W. der Geltungsgrund der intendierten Hoffnung und die Erfüllung dieser Geltung sind in Gott eins, deshalb kann von wahrer Repräsentation gesprochen werden.  (Selbst in der säkularen Repräsentation einer Rechts- oder Sittenidee besteht ein verborgener Transzendenzbezug, wenn auch nicht ausdrücklich genannt:  Die juridisch angestrebte Idee eines Urrechts, weiters eines Eigentumsrechts, eines Schutzrechtes, eines Vereinigungsrechtes kann vertraglich nur insoweit gesichert werden, als zugleich auch ein transzendenter, beständiger Wille angesetzt wird. Der Geltungsgrund einer vertraglichen Einheit ist nur in und aus einer materiellen Einheit eines göttlichen Willens gesichert, ob das ausdrücklich bewusst ist oder nicht. Der Wille des einzelnen bleibt immer kontingent.) 

Bis zu einer formalen Einheit von Intention und Leistung konnte es FICHTE auf der theoretischen Ebene des Rechtsdenkens bringen – und deshalb plädiert er 1796 in der GNR auch für eine repräsentative Ordnung im Staate – siehe oben 3. Teil zum Exkurs, oder siehe anderes Blogs zu GNR. In der Rechtslehre 1812 war er anscheinend selber nicht mehr in allen Dingen davon überzeugt. Es wiederholen sich zwar manche Begriffe und Ableitungen, aber z. B. die Notwendigkeit eines Ephorats entfiel. Die Gesetzgebung, Rechtssprechung und Ausführung bedurfte noch anderer Parameter und Garantien als die eines Mechanismus juridischer und sittlicher Folgerungen, vorallem geschichtlicher Überlieferungen. 

3)  Analog zur GNR FICHTES und dem darin vorkommenden „Vereinigungsvertrag“ sind für eine „Kirche“ rechtliche und sittliche Vorgaben politisch und anwendungsbedingt notwendig, weil für den einzelnen Christen die Sinnidee  individuell und personal erfahrbar und sakramental möglich und wirksam gemacht werden soll.  Der eigentliche Geltungsgrund  der Gesetzgebung und Rechtssprechung und der Verwaltung der Gnade liegt aber nicht in der Logik der wechselseitigen, rechtlichen Abgrenzung und Bestimmung von Freiheit, nicht in der sittlichen Perfektion und nicht in der positivistischen Gesetzgebung der Vereinigung „Kirche“, sondern ist unabhängig von rechtlichen und sittlichen und kirchlichen Rechtssprechungen in der konstitutiven Form der Offenbarung Gottes selbst begründet, die als unabhängige Tätigkeit und Gnade, abhängig von der Hl. Schrift und vom Hl. Geist,  die  einzelne wie gemeinsame Gnadenerfahrung ermöglicht.  

Nicht von sich her, kraft einmal getätigter Autorisierung, „repräsentiert“ die Kirche die göttliche Gnade – was ich oft als „metaphysische“ Begründung in kirchlichen Verlautbarungen lese – sondern genetisch ist die Autorisierung ermöglicht. Die „metaphysischen“ Aussagen kirchlicher Lehrautorität kommen mir hingegen oft wie die Anschauungen von T. HOBBES vor:  Ist der „Herrscher“ (der Papst, der Bischof, der Kleriker) einmal gewählt, d. h. „geweiht“, repräsentiert er nur mehr sich selbst. Ebenso metaphysisch finde ich manche Überschätzungen eines Bischofskollegiums oder Konzils, als könnte ein „allgemeiner Wille“ – oder wie manche Staaten in ihrer positiven Rechtslehre das ebenfalls praktizieren – das Recht und die Sittlichkeit und eine religiöse Wahrheit positiv festsetzen.

Als transzendentale Lösung der Hintergehung des metaphysischen oder hermeneutischen Zirkels möchte ich deshalb vorschlagen: In der feinen begrifflichen Dialektik der Transzendentalphilosophie gesprochen, d. h. im Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft,  vollzieht eine einzelner Gläubiger oder die Versammlung/Gemeinschaft der Christen den Geltungsgrund der göttlichen Sinnidee. Der Geltungsgrund bleibt dem schematischen Vollzug entzogen, aber trägt und erhält die individuell-rechtliche und gemeinsam-sittliche Realisierung der Sinnidee.  

Welche bestimmten und konkreten, „politischen“  Schemata sich die christliche Gemeinschaft (Kirche) gibt, das liegt in ihrem freien Ermessen, aber dass sie sich konkrete Bestimmungen und Repräsentationen gibt, ist ebenfalls vonnöten, wenn sie ihren Geltungsgrund nicht verleugnen will.

Der Heilige/der Autor hat sicherlich eine verantwortbare „Vereinigung“ angestrebt, und deshalb wählte er das für seine Zeit und ihm richtig erscheinende Dreier-Kollegium von Bischof/Priester/Diakon. Eingedenk, dass der lebendige Vollzug dieses „Vereinigungsvertrages“ zum Schutz und zur Garantie der Rechtlichkeit und Sittlichkeit a) nur vom einzelnen ausgehen kann  und von allen mitgetragen werden soll inklusiv der Frauen, und b) für den einzelnen und für  alle sein muss und c) für alle Zeit notwendig entworfen ist, weil der Zweckbegriff der göttlichen Heilsordnung sich nicht ändern kann und deshalb auf eine geschichtliche Vollendung drängt.  

4) Wie die Begriffe in der systematischen Anwendung des Rechtsbegriffes bei FICHTE in der GNR erst gefunden und abgeleitet werden (Urrecht, Eigentumsrecht, Zwangsrecht, Schutzvertrag, Vereinigungsvertrag), so sind die historischen Begriffe „Bischof, Priester, Diakon“ ebenfalls abgeleitete Vermittlungen der religiösen Sinn-Idee, schematisierte, praktische Anwendungen in einer rechtlichen,  sittlichen und religiösen Gemeinschaft. Es sind transzendental abgeleitete, nicht konstitutive, aber regulative Begriffe. 

Das Pochen des Heiligen/des Autors auf Einheit, Eintracht, Gehorsam, gültige Feier der Sakramente, der Einhaltung der Hierarchie, zeigen die systematische Anwendung der Sinn-Idee, wie sie ihm sehr wichtig schien und  bestmöglich verwirklichbar.  M. a. W. die performativen Aufforderungen sind logisch-praktische Schemata, die real vollzogen werden, etwas patriarchal und paternalistisch für heutige Ohren klingend, aber die feine differentielle Unterscheidung zwischen der eigentlichen Repräsentanz Gottes und der daran teilhabenden, lebendigen, aktiven Repräsentanz Gottes in jedem Christ/jeder Christin macht diese schwebende Anschauung einer sakramentalen Hierarchie aus.  Nicht die „Kirche“ schafft die „Ämter“, die „Kirche“ ist das Schema der Vermittlung göttlichen Repräsentation und der Erlösungs-Idee, an die jeder Christ/Christin durch Freiheit Anteil gewinnen kann. Freilich ein notwendiges Schema, sofern es zu einer realisierten, zeitlichen Repräsentation der Re-Präsentation Gottes kommen soll.3

Nochmals mit den Termini der säkularen Rechtsordnung bei FICHTE nach MANZ gesprochen: „Mit der Intention, dass jeder einzelne den einzelnen schütze, ergibt sich – da der konkret Betroffene zunächst unbestimmt ist – das Ganze zu schützen; dieses wiederum schützt den konkret Betroffenen; diese besondere Art von Vertrag, in dem der einzelne sich nicht mehr mit konkret anderen einzelnen, sondern mit unbestimmt einzelnen, die in ihrer Unbestimmtheit ein Ganzes bilden, verbindet, nennt Fichte den Vereinigungsvertrag« (GNR 198/204). Dieser erst versichert und schützt die beiden ersten Verträge (sc. „Urrecht“, „Zwangsrecht“). Jeder trägt zu dem Ganzen, das den Schutz ausübt, einen Teil bei. Er steuert nicht seinen ganzen Besitz bei, denn sonst bliebe nichts mehr, was ihm vom Staat zu schützen sei. Auf der anderen Seite schützt der Staat alles, was jeder besitzt. Inwiefern der einzelne seinen Teil beisteuert zum Ganzen, ist er Teil des Souveräns. In diesem Punkt, dem Beitrag des einzelnen zum Ganzen, sind die drei Aufgaben: Ausübung der Souveränität, des Vertragens und der Machtkonstitution in einem Ansatz (schematisiert durch den Begriff des Sozialvertrags) gelöst.“ 4

Wie FICHTE durch das von ihm angewandte transzendentale  Verfahren die Einheit des Gemeinwillens als formale und materiale Einheit  anzeigen kann, quantitativ als Gleichheit an Rechten,  in Sozialverträglichkeit aller Rechte, als immanente Idee der Gerechtigkeit ansatzweise ausgeführt (nicht vollständig politisch durchdacht), so möchte der Heilige/der Autor die Schematisierung der Sinn-Idee über formale und materiale Repräsentationsformen weiterführen, sprich in Sakramenten, in „geweihten“ Personen, in der Nächstenliebe, in neuer Sozialverträglichkeit und religiösem Leben.

In diesem Vollzugscharakter der repräsentierender Darstellung (der zugrundliegenden, geltenen Repräsentanz Gottes) liegt der Kern der Gemeinschaft „Kirche“, jener Vorstellung, die alle zu einem Ganzen vereint. Das „Schweben der produktiven Einbildungskraft“ im „Vereinigungsvertrag“ (sc. nicht selbst gemacht, sondern durch göttliche Gnade) eines Gemeinwesens ist analog die gedankliche Vorwegnahme, dass jeder Christ, jede Christin a) in seinem Recht bedroht sein könnte – wie es zur Stunde des Heiligen/des Autors ja massiv der Fall gewesen ist – und b) von der Frohen Botschaft nichts hören und erfahren könnte.

Das „Schweben“, worin durchaus eine Assoziation zum Hl. GEIST mitschwingen kann, ist deshalb treffend, weil in der Vorstellung einer sakramentalen Ordnung verschiedene mögliche Situationen durchlaufen werden und die Einbildungskraft sich von einer vorgestellten zukünftigen Situation zu einer anderen zu wenden vermag. 5

Warum könnte sich die Vorstellungskraft heute nicht auch geweihten Frauen zuwenden? Die partizipative Teilnahme an der Sinn-Realisierung – ist das nicht eine ständige politische Herausforderung und eine ständige Anpassung?

5) M. a. W.: Das Schweben der Einbildungskraft übernimmt beim Heiligen/dem Autor die Vermittlung zwischen der Bestimmtheit des einzelnen Christen/der Christin, der/die das Heilsangebot empfangen soll und sich in seinem/ ihrem Recht (seiner/ihrer Hoffnung) bedroht sehen konnte, als auch die Unbestimmtheit möglicher Szenarien, die möglicherweise noch kommen können. Durch die Vorstellung einer hierarchischen gegliederten Kirche kann sowohl eine gewisse formale Willensgleichheit in einer einheitlichen Form der Gemeinschaft (ordo) erreicht werden, weil es eben repräsentative Formen braucht (GNR), als auch eine sittliche Einheit, dass jeder/jede nicht nur auf seine Sicherheit bedacht ist, sondern auch auf eine materiale Einheit in Liebe und Solidarität schaut. Die Hierarchen stehen dann für individuelle wie solidarische Sinnvermittlung. 

Der mit dem Rechtsbegriff bei FICHTE inkludierte Sozialvertrag und die Idee der Gerechtigkeit muss bereits in einem säkularen Modell eines Staates  in seiner Existenz ständig vollzogen werden. Analog dazu und a fortiori hängt auch der Bestand eines sakramentalen Modells des 2. Jhd. von dem Vollzug der einzelnen Mitglieder ab, gestärkt und getragen durch ausdrückliche Gnade.  In kontinuierlicher Schöpfung soll  die sakramentale Sinnordnung erzeugt werden, und eine ideelle Unterscheidung zwischen ursprünglicher Genese der Repräsentation Gottes und Fortbestehen der Repräsentation in einem rechtlichen und sozialen Gebilde fällt zumindest als „garstiger Graben“ der Geschichte weg, muss sogar wegfallen, will die Begründung der Theorie einer Gemeinschaft im göttlichen Geiste sich nicht verselbstständigen und die Genese ihrer Existenz auf selbstgemachte und selbstermächtigte Ursprünge zurückführen.   Eine gewisser Rechtlichkeit in dieser Gemeinschaft ist aber ein notwendiger Vernunfteffekt und Vorbedingung einer sittlichen Gemeinschaft und religiösen Glaubensgemeinschaft.6

6) In der Überlieferungsgeschichte im Ersten wie Neuen Testament, in der ganzen erfahrenen christlichen Gefühls- und Lebenswelt, erkennt der Heilige/der Autor ein Projektionsgesetz, aus dem die Erscheinung des absoluten Grundes selber spricht und deutlich erkennbar ist: Die Welt/der Mensch ist gerettet und erlöst, die Genesis Gottes ist vollkommen bei allen Unvollkommenheiten dieser Welt und jedes einzelnen Christen.

Das Projektionsgesetz der Erscheinung Gottes lässt mich jetzt auch verstehen, warum der Heiligen/den Autor für mich relativ unbekümmert und relativ überzogen zu erhabenen Bildern der begriffenen Vermittlung greift: Der Bischof steht für Gott-Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der Presbyter für die Apostel, der Diakon für Christus. Die Vergleiche werden gewählt im Kontrast des Unvollkommenen zum Vollkommenen. Die eigene wie fremde Unzulänglichkeit wird dem Heiligen/dem Autor wohl bewusst gewesen sein, aber der Typos des Bezuges der Repräsentation, der Rettung, der Sinn-Idee soll dargestellt werden, damit jeder/jede selbst inspiriert wird zur aktiven und genetischen Erkenntnis dieser Erlösungs-Ordnung. Das begrifflich schwache Abbild der Vergleiche soll wenigstens metaphorisch auf das Telos der zu erreichenden Vermittlung hinweisen, auf das was nur potentiell existiert (in genetischer Erkenntnis).

Der Anfang und das Endziel des Genesis Gottes wird projiziert auf schwache, sündige Menschen und generell auf die ganze christliche Gemeinschaft mit ihren sündigen Mitgliedern, damit der Urbegriff der Erscheinung (der Repräsentanz) Gottes „in zerbrechlichen Gefäßen“ vermittelt werden kann.

M. a. W., die Begriffe „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ sind begriffene Phänomene aus einem Prinzipiengrund der genetischen Selbsterkenntnis, Bilder in der Einsicht des Aktes, sakramentale Formen eines absoluten Geltungsgrundes – aber gerade deshalb auf den aktualen und inspirierenden Geltungsgrund des einzelnen wie aller Mitglieder ständig bezogen. Es sind nicht ein für alle Mal festgelegte metaphysische Begriffe, von selbst klar und epistemologisch begründet, sind aber auch nicht beliebig historisch gemachte Begriffe und billig veränderbar,  als wandle sich der durch sich selbst bestimmte göttliche Wille in seiner Erlösungsordnung. Die formale wie materiale Einheit (Unwandelbarkeit) dieser Begriffe ist Vollzug, Intention und Leistung in einem, weil sie auf einen göttlichen Geltungsgrund verweist.

Die geschlechtliche Definition dieser kirchlichen Ämter fällt für mich nun nicht in die transzendentale Begrifflichkeit der Rechtlichkeit, der Sittlichkeit und der religiösen Erlösungsordnung. Das Geschlecht ist anthropologisch für das einzelne Vernunftwesen nicht sekundär, aber ich würde es in einem anderen Sinnhorizont deuten – als Ausdruck individueller Schönheit in einer Leib-Seele-Ordnung und als Ausdruck dialogischer Existenz. 7

Die dem Heiligen/dem Autor vorschwebende repräsentative und sakramentale, auf einen absoluten Bestimmungsgrund zurückreichende Sinnordnung und Sinnidee ist m. E. ungleich höher einzuschätzen als die hermeneutisch-relativen Konkretionen dieser Sinnordnung und SInnidee in einer männlichen Hierarchie.
Die Ikonographie der Anastasis-Ikone, wie sie gerne gezeigt wird,  in der CHRISTUS Adam und Eva aus dem Grab heraufholt, drückt für mich diese transzendentale Sinnidee und diese neue religiöse Sinnordnungtreffend aus: Beide Geschlechter werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt und behalten selbstverständlich ihr spezifisches Aussehen und ihre spezifische Größe und Schönheit.  

Der Hl. IGNATIUS /der Autor,  so mein Schlussresümee, war so gepackt und ergriffen von der neuen religiöse Sinnordnung, dass es noch außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die repräsentativen Formen der Hierarchie auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Repräsentation mit einer nicht ausdrücklichen Einbeziehung von Frauen in hierarchische Repräsentationsformen, den  Umständen der Zeit geschuldet. 

© Franz Strasser, 30. 9. 2019.

1Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

2J. Widmann, ebd., S 60.

3 Ich empfinde manche Rechtsbestimmungen des „jus mere ecclesiasticum“ im kirchlichen Gesetzbuch des CIC geradezu als anmaßend und überheblich, vorallem die moralischen Anweisungen. Haben nicht alle Menschen die gleiche apriorische Vernunft mit den gleichen ethischen Anschauungen und Werten, wenn man nur tief genug reflektiert? Müsste diese Werte nicht allgemein philosophisch und theologisch begründet werden – was suchen sie in einem Rechtsbuch? Die Legitimationen in den verschiedenen Bereichen des CIC sind sehr vielfältig und laufen m. E. kreuz und quer. Das Recht z. B. bestätigt das kirchliche Amt und das kirchliche Amt erzeugt das Recht. Was begründet hier was und wie? (CIC (1983)  can 145 § 2 „§ 2. Pflichten und Rechte, die den einzelnen Kirchenämtern eigen sind, werden bestimmt entweder durch das Recht selbst, durch das ein Amt eingerichtet wird, oder durch Dekret der zuständigen Autorität, durch das es eingerichtet und zugleich übertragen wird.“ ) Die verschiedenen Geltungsbereiche, Geltungsformen, undeutlichen und unwissenschaftlichen Begriffe (hinter den lateinischen Ausdrücken versteckt) hängen m. E. mit den nicht reflektierten Verobjektivierungen zusammen:  Sobald die Vermittlungsinstanz der Kirche selbst zur überindividuellen Person aufgewertet ist, kommt der eigentlichen, einzelnen Person nicht mehr die volle Freiheit und Position eines „Urrechtes“ im geistlichen Bereich zu – außer vielleicht im Denken der Taufgnade!, das möchte ich besonders positiv hervorheben – und relativ unkontrolliert oder selbstmächtig kann das kirchliche Recht nach „Maßgabe des Rechts“ (ad normam juris) im gesatzten Sinne etwas festlegen. Man bedenke z. B. die Dispenspraxis bei den Eheschließungen. Der Bischof darf es locker, eine kleiner Pfarrer nicht. Dann zum Begriff des „göttlichen Rechts“ selbst: Wer erkennt das? Die historische Autorisierung reicht wohl nicht, wenn man weiß, wie mehrdeutig die biblischen Texte sind. Wer legt das „göttliche Recht“ aus? Die Theologie. Welche? Die Philosophie. Welche?

4Hans Georg von Manz, Fichtes transzendentale Gerechtigkeitskonzeption, a. a. O., S 23. 24.

5Vgl. dazu ebenfalls auf der rechtlichen Ebene, v. Manz, ebd. S 25.

6 Insofern hätte das spätere ausgebildete Kirchenrecht sogar etwas Positives, sofern das Recht des einzelnen Christen damit wirklich geschützt und bestärkt wird.

7 Die Geschlechterunterscheidung von Mann und Frau transzendental-kritisch zu sehen, das übersteigt meine Kompetenz. Sie hat wohl einen tieferen, intelligiblen Sinn. Die Mystagogien vieler Ausführungen des „dogmatischen Weges“ fassen das m. E. sogar besser ein als bloß legalistische Forderungen nach Gleichheit, die ja sowieso durch das Sakrament der Taufe außer Frage steht.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser