Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen oder die Priesterweihe von Frauen; 4. Teil

Weil mich die Sache berührt, wollte ich nach den transzendentalkritischen Bedingungen fragen, die einen Begriff konstituieren. Ich setzte von vornherein voraus, dass solche kirchlichen Ämter wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ nicht bloß leere Begriffe sind, Relikte einer verworrenen Naturreligion, historisch undurchschaubar, oder umgekehrt, bloß gesatztes kirchliches Recht und beliebig eingeführte Begriffe von frühkirchlichen Kanonisten, sondern einen qualitativen, sakramentalen Gehalt der Erkenntnis in sich tragen können.

Aber trotzdem wird sofort klar, dass diese Begriffe der kirchlichen Ämter doch zeitlich entstanden sind. Die transzendental-kritische Frage zielt auf die epistemologische und genetische  Begründung und Bildung. Die falschen Alternativen wären: a) Dass der Sinngehalt metaphysisch gleichbleibend vorausgesetzt wird – was auch das Geschlecht miteinbezieht, d. h. dass nur Männer Bischof, Priester, Diakon werden können.  Aber bei metaphysischen Begriffen weiß man nicht, warum der Sinngehalt so ausfällt, wie er ausfällt, oder b) der Sinn ist überhaupt historisch und hermeneutisch wandelbar, dann weiß man aber nicht, warum überhaupt und warum gerade diese Ämter gewählt wurden, und ob man noch bei diesen Ämtern bleiben soll, geschweige bei dieser Fokussierung auf das männliche Geschlecht.  

Die viel später entstandene positive Rechtslehre des Kirchenrechts kann uns hier  nicht weiterhelfen, denn das wäre ja erst die differentielle Frage, mit welchem Recht die „Kirche“ den intelligiblen Gehalt der „Bischöfe“, „Priester“, „Diakone“ vergibt. Meine Sicht: Nicht aus Willkür, Patriarchalismus oder Machtinteresse drängte der Hl. IGNATIUS/der Autor zu einer kirchlichen Ämterstruktur, die respektiert werden sollte, sondern aus der Notwendigkeit der Realisierung der göttlichen Sinnidee  mussten Ämter geschaffen werden, die diese Repräsentanz konkretisierten. Warum es nur diese drei grundlegenden Ämter wurden, warum in dieser hierarchischen Stufenordnung diese bestimmte Dreier-Form, das ist wohl historisch zu verstehen und liegt nicht notwendig im Gehalt der Sinnidee selbst.  

Es liegt m. E. unbezweifelbar in den IGNATIANEN eine innere, transzendentale Dynamik der Begriffsbildung, die uns Einsicht gewährt, wie im Laufe der Geschichte des 2. Jdh. neue, gelebte Religionsformen entstanden sind. Dort verschmelzen historische Genese (der Begriffe) und Deutung (der Begriffe mittels Hl. Schrift) durch Projektion einer Sinnidee. Es kann wohl gesagt werden, in verantwortungsvoller Weise wurden neue Formen sakramentaler Darstellung der göttlichen Heils- und Sinnidee geschaffen.
Nur historisch-kritisch lässt sich die Frage nach einem Geltungsgrund dieser sakramentalen, neuen Ordnung nicht lösen, ebenfalls nicht a-historisch durch Schlagworte wie „Gleichberechtigung“, „Egalität“. Läge z. B. im Begriff der geforderten Egalität der Geschlechter automatisch schon die bessere Sinnidee der Repräsentation der göttlichen Gnade? Sicher nicht, weder für das männliche noch für das weibliche Geschlecht, denn der Begriff des Möglichen für eine göttliche Heils- und Sinnidee ist durch den Begriff der Egalität nur neu bestimmt, und das Gesetz der apriorischen und positiven Offenbarung kann dadurch weiter differenziert werden. Allgemein gesagt: Die Begriffsform der göttlichen Heils- und Sinnidee ist immer nur Nachkonstruktion der bloßen Gesetzesgenesis der apriorischen und positiven Offenbarung – und diese Idee lässt sich theoretisch ins Unabsehbare der Möglichkeiten erweitern. Ist aber damit den praktischen Voraussetzungen der Weitergabe der göttlichen Heils- und Sinnidee schon Genüge getan? Offensichtlich wollte der Heilige/der Autor den praktischen Bedingungen und Systemvoraussetzungen ebenfalls Genüge tun – und sprach deshalb wie selbstverständlich nur von einer männlichen Hierarchie. Paradigma der Konkretisierung und Applikation der Idee blieb aber die Erkenntnis der apriorischen und positiven Offenbarung, die diese theoretischen Idealformen praktischer Realisierung und Weitergabe schuf. Von irgendwelchen Druckmitteln, Sanktionen, Strafandrohungen bei Nicht-Beachtung der männlichen Hierarchie gegenüber den eigenen Leuten lese ich nichts. Die Gefahr und die Notwendigkeit der Schaffung neuer Ämter/Dienste kam von außen. Ob heute die (theoretische) Idealform der Weitergabe der Sinnidee neue Negationsunterscheidungen notwendig mache, das ist eben eine transzendentale und regulative Frage. Die Evidenz der Idee kommt bei diesem oder jener Deutung, ob eher dogmatisch wie früher, oder emanzipiert wie gefordert, aus dem Licht der Offenbarung selbst – und kann nicht direkt aus den Möglichkeits- und Rahmenbedingungen der praktischen Voraussetzungen herausgelesen werden. Die Deutungen der Gegenwart sind ja wiederum sehr relativ.

1) Es trat durch die Genesis Gottes in seiner apriorischen und positiven Offenbarung eine eindeutige Gerichtetheit und Verzeitung in die vom Vernunftwesen erkennbare Differenz von Einheit und Nichteinheit der Erkenntnis Gottes ein, eine interpersonale und zeitliche Schematisierung der Offenbarung. Es ist gerade die Schönheit der Transzendentalphilosophie, dass sie das Sichbegreifen des Begriffes zum Objekt macht und nicht im metaphysischen oder hermeneutischen Zirkel hängen bleibt. Da gibt es einerseits das vorausgesetzte Material, das Begriffene (die apriorische und positive Offenbarung), andererseits das freie Begreifen und den freien Umgang mit dem historischen Datenmaterial. Dieser Zirkel kann von da nach dort und umgekehrt aufgelöst werden, wenn die Einsicht sich selbst einzusehen vermag als das, was sie ist. 1

Wird ein mögliches Substrat für eine künftige Einsicht theoretisch angenommen, z. B. es muss sakrale Ämter geben, die aber nur Männern vorbehalten sind, wie der „dogmatische“ Weg behaupten will, oder es kann Bischöfe, Priester, Diakone geben für beiderlei Geschlechts,  wie der „emanzipatorische“ Weg sagt, so ist beide Male ein Substrat gesetzt, das aber noch nicht in der Einsicht begründet ist, wenn auch existent gedacht.
Eine Existenz, da sie noch nicht in der Einsicht ist, kann im strengen Sinne nicht eingesehen werden. Es existiert schlechthin kein Wissen von der Existenz dieses behaupteten Wissens, da es nur eingebildet ist. M. a. W., die Einsicht vermag nie unmittelbar das reine Substrat für eine bloß mögliche, aber noch nicht vollzogene Einsicht einsehen. Es vermag zwar etwas als möglich in der Einsicht behauptet werden, aber es kann nicht behauptet werden, es liegt außerhalb und vor der Einsicht.

Sobald die Potenz der Einsicht angesetzt wird, ist klar, dass sie sich nur als Bezug erkennen kann, sei es, dass das Substrat ihres aktualen Erkenntnisvollzuges wirklich existiert, oder sei es, dass es im aktualen Erkenntnisvollzug nur als möglich eingesehen wird. Der theoretische Ansatz der Möglichkeit von Selbst-Erkenntnis hat eine besondere Konsequenz. Setzt man Erkenntnis nur als Erkenntnis von Objekten an, die ihr gegenüber als selbstständig und unabhängig gefasst sind, so lässt sich theoretisch die Aktivität im Erkenntnisvorgang diesen Objekten zuschreiben. Wird aber angesetzt, dass Erkennen könne auch sich selbst erkennen, muss notgedrungen seine eigene Aktivität des Erkennens mit gesetzt werden.“ 2

Dass dieses Selbsterkennen, der Akt des Begreifens, sich selbst zum Objekt des Denkens und Einsehen machen könne, ist schlechthin Tradition seit Platon. Das Denken der Prämissen bedeutet auch deren Vollzug, das Denken der Freiheit bedeutet auch deren Sein (ihre Existenz), die Idee des Guten ist realiter Vollzug des Guten, das Begreifen ist ein Selbst-Begreifen, der Begriff ist selbstständiger Grund seines Sichbegreifens – und die Objektwelt steuert nur das materiale Substrat für den actus des Begreifens bei.

Aber, so jetzt in der Terminologie PLATONS oder in der WL FICHTES, diese genetische Lebendigkeit des Begreifens ist immer nur ein Bild, ein Bild einer materialen Qualität, letztlich ein Abbild des Vollzuges der Freiheit selbst mit notwendigen Begriffsfolgen.

Das Bild ist nicht selbst das, was es darstellt, es ist die Darstellung jenes anderen, das auch ohne Bild für sich besteht, des Abgebildeten.
Darstellung des absoluten Grundes im Begriff, aber auch differenzierte Nicht-Darstellbarkeit des absoluten Grundes der absoluten Einheit im Bilde.

Indem der Begriff sich selbst in seiner Mächtigkeit des Sich-Begreifens erkennt, aber hoffentlich auch in Selbsterkenntnis und Bescheidenheit seine Ohnmächtigkeit einsieht, von sich her den absoluten Grund seines Sich-Begreifens darzustellen, kann er, wie in meiner besagten Fragestellung, seinen Anteil in der Geschichte der Darstellung einer sakralen kirchlichen Ordnung erkennen und sich dessen bewusst sein: er hat die Funktion einer Folge, Folge des absoluten Grundes zu sein, Folge einer apriorischen wie positiven Offenbarung. Der Begriff durchschaut die genetischen Zusammenhänge seines Begreifens als ein Begreifen des einen durch ein anderes.

Der Heilige/der Autor begriff die (objektive) apriorische wie positive Offenbarung in seinem Akt des Erkennens, und zugleich seinen (subjektiven) Akt, der sich in metaphorischen Bildern und hohen Tönen und Vergleichen ausdrückt als das andere durch das Bestehende der apriorischen und positiven Offenbarung, d. h. durch den Geltungsgrund seines Erkennens und Bildens.

Warum begriff der Heilige/der Autor inhaltlich-qualitativ, so vehement und performativ, so metaphorisch und dann wieder wörtlich, so ursprünglich und genetisch, die apriorische und positive Offenbarung, dass er eine sakrale und sakramentale Ordnung der kirchlichen Gemeinschaft etablieren konnte? Diese Warumfrage ist natürlich so unbeantwortbar wie die Freiheit unableitbar ist. Das war seine Leseart der positiven Offenbarung, sein subjektiver Anteil am objektiven Bezugs- und Begriffsgeschehen der Etablierung einer sakramentalen Sinn- und Heilsordnung, seine Überzeugung, sein  Zeugnis und seine Glaubwürdigkeit – aber deshalb nicht der Geltungsgrund dieses Wissens selbst. Der Heilige/der Autor wusste wohl seinen subjektiven Anteil nochmals von der sich selbst begründenden und rechtfertigenden Wahrheit abzuziehen – sonst hätte er ja eine totale Täuschung vorführen wollen. 

Theoretisch ist dieser subjektive Anteil und diese Überzeugung und Glaubwürdigkeit vom Geltungsgrund zu  unterscheiden; in der praktischen Voraussetzung kommt dieser subjektive Anteil mit dem Geltungsgrund im Akt des Handelns allerdings zusammen: Der Akt des Grundes seiner Erkenntnis, der absolute, unzugängliche Grund, das Licht der absoluten Einheit in seinem Begreifen, diese  ganze Kraft zur märtyrerhaften Verkündigung,  realisiert und schematisiert sich hier beim Heiligen/beim Autor in einem Bild des Erkennens. Dieses Bild erscheint so, dass  es zugleich in Abhängigkeit von diesem absoluten Geltungsgrund nur gebildet werden kann, d. h. dass es kein bloß erdichtetes, fabuliertes Bild sein darf, sondern wirklich den göttlichen Erkenntnisgrund in eigener Weise nach-bildet und repräsentiert. Das Bild einer sakramentalen Sinn- und Heilsordnung soll so glaubwürdig und repräsentativ und anschaulich wie möglich erscheinen, weil es Begriffsfolge, Abhängigkeitsfolge einer genetischen Erkenntnis sein soll, cum grano salis der ganzen Fehlerhaftigkeit des Menschen. Es sollte eine so glaubwürdig wie mögliche Repräsentation der bildlichen Erkenntnis  der apriorischen und positiven Offenbarung geschaffen werden, sodass jeder Zeitgenosse, unabhängig von Stand, Volk, Sprache, Geschlecht, Alter das Heil- und  Sinnangebot verstehen und annehmen konnte.  Was vermittelt werden sollte, war nicht eine pseudo-religiöse Legitimation eines gewinnbringenden, kirchlichen Amtes, oder ein Reflex der Angst um den Verlust einer patriarchalen Herrschaftsstellung des Mannes. (Da hätte es wohl andere Instrumente und Traditionen gegeben.) Ein wahres Repräsentationsbild  war die Idee und die Absicht, die Schau einer Idee, die mit dem Begriff Gottes zusammengehen konnte. 

2) Die genetische Erkenntnis in diesem Akt des Re-präsentierens bringt die Realisierung einer Beziehung zutage, die Realisierung eines  individuellen wie universalen Erlöst- und Gerettetseins. Das lässt sich formal vergleichen mit FICHTES GRUNDLAGE DES NATURRECHTS von 1796, der Realisierung einer interpersonalen, neuen Gemeinschaft, eines „Staatsbürgervertrages“, an dem jeder/jede teilhaben kann, sobald er/sie sich aktiv daran beteiligt.

Im Unterschied zum säkularen Gebrauch der „Repräsentation“ in den juridisch-politischen Formen seit T. HOBBES, über die Naturrechtslehren bis zu ROUSSEAU und modernen „repräsentativen Demokratien“, muss  diese religiöse Repräsentation nicht zu einer inneren Aporie führen in dem Sinne: Einerseits braucht es zwar eine Repräsentation, wie sollte sonst regiert werden, andererseits,  je delegierter und juridischer die Repräsentation sich verselbstständigt hat, umso autoritärer und weniger repräsentativ ist sie. Im „Vereinigungsvertrag“ (ein säkularer Begriff) der gemeinschaftlichen Instanz „Kirche“  sollen alle gleichen rechtlichen Anspruch und Schutz dank der Gnade genießen können. Dies muss den Gläubigen aber zugänglich gemacht werden. Konkret wird dies z. B. auch so gesagt und deklariert, dass die Hl. Taufe das grundlegende Sakrament der Erlösung und Rettung ist, die Ur-Gnade, die unauslöschlich jedem Getauften (mit der Taufe) zukommt – und praktisch von der Instanz Kirche nicht mehr zurückgenommen werden kann. 

Der Exkurs in die säkulare Welt der Repräsentation bei FICHTE erbrachte den „Vereinigunsvertrag“. Intention und Leistung können in einem rein säkularen Sinne aber weit auseinanderfallen. Im „Vereinigungsvertrag“der Kirche  – analog gesprochen – können natürlich in den kirchlichen Vertretern ebenfalls Intention und Leistung weit auseinanderfallen, aber prinzipiell soll es nicht so sein und prinzipiell  verläuft die Begründung anders herum, vom Ideal her gesehen: Intention und die Leistung fallen in der göttlichen Gnade zusammen – wie bei heiligmäßigen Menschen ja zu sehen ist. 

Bis zu einer formalen Einheit von Intention und Leistung konnte es FICHTE auf der theoretischen Ebene des Rechtsdenkens bringen – und deshalb plädiert er 1796 in der GNR auch für eine repräsentative Ordnung im Staate – siehe oben 3. Teil zum Exkurs, oder siehe anderes Blogs zu GNR. In der Rechtslehre 1812 war er anscheinend selber aber nicht mehr in allen Dingen davon überzeugt. Es wiederholen sich zwar manche Begriffe und Ableitungen, aber z. B. das Werkzeug des Ephorats zur Machtkontrolle schien nicht mehr tauglich. Die Gesetzgebung, Rechtssprechung und Ausführung bedurfte anderer Parameter und Garantien, vorallem geschichtlicher Begründungen und geschichtlicher Bewährungen, um eine Repräsentation auf ihre Relevanz und Validität hin zu überprüfen.

3)  Analog zur GNR FICHTES und dem darin vorkommenden „Vereinigungsvertrag“ ist nachvollziehbar, dass für die Christen in der prekären Stunde der auftretenden Irrlehren und der Christenverfolgung (110 n. Chr. oder unter Marc Aurel 175 n. Chr.) rechtliche und sittliche Vorgaben praktisch und politisch und anwendungsbedingt notwendig wurden.

Der eigentliche Geltungsgrund  der Gesetzgebung und Rechtssprechung und der Einführung einer sakramentalen Heils- und Sinnordnung mit männlichen Bischöfen, Priestern, Diakonen, war aber weder bedingt a) durch die sittliche Auszeichnung – wiewohl ich am Grad der Heiligkeit des Ignatius oder des Autors nicht zweifeln möchte – noch war sie bedingt b) durch eine Art consensuale, „parlamentarische“ Einführung einer schnell einberufenen Kirchenversammlung, sondern in der analytischen Hypothese einer zu errichtenden sakramentalen Sinn- und Heilsordnung kraft „genetischer“ Einsicht und Erkenntnis war eine sakramentale Konkretisierung notwendig.

Welche bestimmten und konkreten, „politischen“  Schemata sich aus der göttlichen Sinnidee ergeben, das liegt logisch in den Reflexionsformen des Wissens selbst – und kann nicht direkt aus dem Geltungsgrund abgeleitet werden. Dass aber konkrete Schematisierungen und Konkretisierungen möglich sein müssen, liegt sehr wohl im Geltungsgrund begründet, sonst könnte überhaupt nicht von Erkenntnis und Rückbezug auf apriorische und positive Offenbarung gesprochen werden.

Der Heilige/der Autor hat sicherlich eine verantwortbare „Vereinigung“ angestrebt, und deshalb wählte er das für seine Zeit und ihm richtig erscheinende Dreier-Kollegium von Bischof/Priester/Diakon. Eingedenk, dass der lebendige Vollzug dieses „Vereinigungsvertrages“ zum Schutz und zur Garantie der Rechtlichkeit und Sittlichkeit a) nur vom einzelnen ausgehen kann  und von allen mitgetragen werden soll inklusiv der Frauen, und b) für den einzelnen und für  alle sein muss und c) die Sinnidee der Erlösung unwandelbar ist, weil ja in der Genesis der Erkenntnis der Sinnidee zugleich die Vollendung der Genesis antizipiert wird.

4) Wie die Begriffe in der systematischen Anwendung des Rechtsbegriffes bei FICHTE in der GNR erst gefunden und abgeleitet werden (Urrecht, Eigentumsrecht, Zwangsrecht, Schutzvertrag, Vereinigungsvertrag), so sind die historischen Begriffe „Bischof, Priester, Diakon“ ebenfalls abgeleitete Vermittlungen der religiösen Sinn-Idee, schematisierte, praktische Anwendungen in einer rechtlichen,  sittlichen und religiösen Gemeinschaft. Es sind transzendental abgeleitete, nicht konstitutive, aber transzendental-regulative Begriffe ohne geschlechtliche Vorgaben.

Das Pochen des Heiligen/des Autors auf die reine Lehre, auf Eintracht, Gehorsam, gültige Feier der Sakramente, zeigen die systematische Anwendung der Sinn-Idee, wie sie ihm sehr wichtig und  bestmöglich verwirklichbar schien. M. a. W. die performativen Aufforderungen sind logisch-praktische Schemata, einsehbar, nachvollziehbar, etwas patriarchal und paternalistisch für heutige Ohren, aber nicht unmöglich. Die differentielle Unterscheidung zwischen der eigentlichen, unrepräsentierbaren Transzendenz Gottes und der doch möglichen, aktiven Teilhabe daran, das macht diese schwebende Anschauung einer sakramentalen Heils- und Sinnordnung, inklusiv Hierarchie, eigentlich erst aus.
Nicht ein metaphysisches System „Kirche“ schafft die „Ämter“, sondern die „Kirche“ ist transzendental-logisch zuerst selbst ein noch ganz allgemeines Schema, „schwebend“ zwischen Universalität und Individualität der Sinnidee, und im weiteren in konkretere Institutionalität umformbar.3

Nochmals mit den Termini der säkularen Rechtsordnung bei FICHTE (nach v. MANZ) gesprochen: „Mit der Intention, dass jeder einzelne den einzelnen schütze, ergibt sich – da der konkret Betroffene zunächst unbestimmt ist – das Ganze zu schützen; dieses wiederum schützt den konkret Betroffenen; diese besondere Art von Vertrag, in dem der einzelne sich nicht mehr mit konkret anderen einzelnen, sondern mit unbestimmt einzelnen, die in ihrer Unbestimmtheit ein Ganzes bilden, verbindet, nennt Fichte den Vereinigungsvertrag« (GNR 198/204). Dieser erst versichert und schützt die beiden ersten Verträge (sc. „Urrecht“, „Zwangsrecht“). Jeder trägt zu dem Ganzen, das den Schutz ausübt, einen Teil bei. Er steuert nicht seinen ganzen Besitz bei, denn sonst bliebe nichts mehr, was ihm vom Staat zu schützen sei. Auf der anderen Seite schützt der Staat alles, was jeder besitzt. Inwiefern der einzelne seinen Teil beisteuert zum Ganzen, ist er Teil des Souveräns. In diesem Punkt, dem Beitrag des einzelnen zum Ganzen, sind die drei Aufgaben: Ausübung der Souveränität, des Vertragens und der Machtkonstitution in einem Ansatz (schematisiert durch den Begriff des Sozialvertrags) gelöst.“ 4

Wie FICHTE durch das von ihm angewandte transzendentale  Verfahren die Einheit des Gemeinwillens als formale und materiale Einheit  anzeigen kann, quantitativ als Gleichheit an Rechten,  in Sozialverträglichkeit aller Rechte, als immanente Idee der Gerechtigkeit ansatzweise ausgeführt (nicht vollständig politisch durchdacht), so möchte der Heilige/der Autor die Schematisierung der Sinn-Idee über formale und materiale Repräsentationsformen weiterführen, sprich in Sakramenten, in „geweihten“ Personen, in der Nächstenliebe, in neuer Sozialverträglichkeit und religiösem Leben.

In diesem Vollzugscharakter der repräsentierenden Darstellung der zugrundeliegenden, geltenden Offenbarung Gottes liegt der Kern der Gemeinschaft „Kirche“, jener Vorstellung, die alle zu einem Ganzen vereint. Das „Schweben der produktiven Einbildungskraft“ im „Vereinigungsvertrag“ eines Gemeinwesens ist analog die gedankliche Vorwegnahme, dass jeder Christ, jede Christin a) in seinem Recht bedroht und seelisch allein gelassen und b) von der Frohen Botschaft und der Sinnidee ausgeschlossen werden könnte, deshalb braucht es gewisse stabile, rechtliche und sakramentale Vermittlungen und Institutionen. 

Das „Schweben“, worin durchaus eine Assoziation zum Hl. GEIST mitschwingen kann, ist deshalb treffend, weil in der Vorstellung einer sakramentalen Ordnung verschiedene mögliche Situationen durchlaufen werden können und die Einbildungskraft sich von einer vorgestellten zukünftigen Situation zu einer anderen zu wenden vermag. 5 Warum könnte sich die Vorstellungskraft heute nicht auch geweihten Frauen zuwenden? Die partizipative Teilnahme an der Sinn-Realisierung – ist das nicht eine ständige praktische und politische Herausforderung und eine ständige Anpassung?

5) M. a. W.: Das Schweben der Einbildungskraft übernimmt beim Heiligen/dem Autor die Vermittlung zwischen der Bestimmtheit des einzelnen Christen/der Christin, der/die das Heilsangebot empfangen soll, weil er/sie sich in seinem/ ihrem Recht (seiner/ihrer Hoffnung) verlassen und vergessen sehen könnte oder auch entmutigt und geängstigt in der Vorstellung unbestimmter, drohender Gefahren, die möglicherweise noch kommen können oder schon gekommen sind.

Durch die Vorstellung einer hierarchischen gegliederten Kirche kann sowohl eine gewisse formale Willensgleichheit in einer einheitlichen Form der Gemeinschaft (ordo) erreicht werden, weil es eben repräsentative Formen braucht – freilich mit einer gewissen Problematizität und Aporie stets belastet –, als auch eine sittliche Einheit, dass jeder/jede nicht nur auf seine/ihre egoistische Sicherheit bedacht ist, sondern auch auf eine materiale Einheit in Liebe und Solidarität bzw. darauf vertrauen darf. Deshalb diese vielen Zusprüche des Heiligen/des anonymen Autors in den sieben Briefen. Die Hierarchen stehen dann für individuelle wie universale, delegierte Sinnvermittlung.

Der mit dem Rechtsbegriff bei FICHTE inkludierte Sozialvertrag und die Idee der Gerechtigkeit muss bereits in einem säkularen Modell eines Staates  in seiner Existenz ständig vollzogen werden. Analog dazu und a fortiori hängt auch der Bestand eines sakramentalen Modells des 2. Jhd. von dem Vollzug der einzelnen Mitglieder ab, gestärkt und getragen durch ausdrückliche Gnade.  In kontinuierlicher Schöpfung soll  die sakramentale Sinnordnung erzeugt werden, und eine ideelle Unterscheidung zwischen ursprünglicher Genese der Offenbarung Gottes und Fortbestehen der Repräsentation in einem rechtlichen und sozialen Gebilde lässt den „garstiger Graben“ der Geschichte kleiner werden, ja vielleicht überhaupt wegfallen, weil es keiner Generation erspart bleibt, stets in eigener Weise der Reflexion des Sich-Wissens den Geltungsgrund apriorischer wie positiver Offenbarung zu schematisieren. Wer sich auf die nicht mehr erkennbaren Tatsachen der Geschichte hinausredet oder auf mangelnde historisch-kritische Ergebnisse, verabsolutiert ipso facto seine eigene skeptische Ansicht.

6) In der Überlieferungsgeschichte des Ersten wie Neuen Testaments, in der ganzen Erfahrungswelt christlichen Lebens und Sakramente, erkennt der Heilige/der Autor ein Projektionsgesetz, aus dem die Erscheinung des absoluten Grundes selber spricht und deutlich erkennbar ist: Die Welt/der Mensch ist gerettet und erlöst, die Genesis Gottes ist vollkommen bei allen Unvollkommenheiten dieser Welt und jedes einzelnen Christen. Das Projektionsgesetz der Erscheinung Gottes lässt mich deshalb auch verstehen, warum der Heiligen/den Autor für mich zu relativ überzogenen Metaphern gegriffen hat: Der Bischof steht für Gott-Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der Presbyter für die Apostel, der Diakon für Christus. Die Vergleiche werden gewählt im Kontrast des Unvollkommenen zum Vollkommenen. Die eigene wie fremde Unzulänglichkeit wird dem Heiligen/dem Autor wohl bewusst gewesen sein, aber der Typos des Bezuges der Repräsentation, der Rettung, der Sinn-Idee soll dargestellt werden, damit jeder/jede selbst inspiriert wird zur aktiven und genetischen Erkenntnis dieser Erlösungs-Ordnung. Das begrifflich schwache Abbild der Vergleiche soll wenigstens metaphorisch auf das Telos der zu erreichenden Vermittlung hinweisen, auf das was potentiell existiert (in genetischer Erkenntnis).

Der Anfang und das Endziel des Genesis Gottes wird projiziert auf schwache, sündige Menschen und generell auf die ganze christliche Gemeinschaft mit ihren sündigen Mitgliedern, damit der Urbegriff der Erscheinung Gottes „in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor) vermittelt werden kann.

M. a. W., die Begriffe „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ sind begriffene Phänomene aus einem Prinzipiengrund der genetischen Selbsterkenntnis, Bilder in der Einsicht des Aktes, sakramentale Formen eines absoluten Geltungsgrundes – aber gerade deshalb auf den aktualen und inspirierenden Geltungsgrund ständig bezogen. Es sind nicht ein für alle Mal festgelegte metaphysische Begriffe, von selbst klar und epistemologisch begründet; es sind aber auch nicht beliebig historisch gemachte Begriffe und billig veränderbar,  als setzte eine kirchliche Versammlung selbst fest, was ein Bischof/Priester oder Diakon ist. Die formale wie materiale Einheit (Unwandelbarkeit) dieser Begriffe ist Vollzug, Intention und Leistung in einem, weil sie auf einen göttlichen Geltungsgrund verweist.

Die geschlechtliche Definition dieser kirchlichen Ämter fällt für mich nun nicht in das Schema einer transzendentalen Idealform, dass nur in Negation eines anderen Geschlechtes (des weiblichen) die Sinnidee der Erlösung und der eschatologischen Hoffnung dargestellt werden könnte.

Dabei ist für mich das Geschlecht anthropologisch gerade nicht sekundär, aber ich würde es in einem anderen Sinnhorizont deuten – als Ausdruck individueller Schönheit in einer Leib-Seele-Ordnung und als Ausdruck dialogischer Existenz. 6

Die dem Heiligen/dem Autor vorschwebende repräsentative und sakramentale, auf einen absoluten Bestimmungsgrund zurückreichende Sinnordnung und Sinnidee ist m. E. ungleich höher einzuschätzen als die hermeneutisch-relativen Konkretionen dieser Sinnordnung und Sinnidee in einer nur männlich vorgestellten Hierarchie.
Die Ikonographie der Anastasis-Ikone,
in der CHRISTUS Adam und Eva aus dem Grab heraufholt, drückt für mich diese transzendentale Sinnidee und diese neue religiöse Sinnordnung treffend aus: Beide Geschlechter werden gleichzeitig und gleichartig heraufgeholt und behalten selbstverständlich ihr spezifisches Aussehen und ihre spezifische Größe und Schönheit.  

Der Hl. IGNATIUS /der anonyme Autor,  so mein Schlussresümee, war so gepackt und ergriffen von der neuen religiöse Sinnordnung und Sinnidee, dass es noch außerhalb seines hermeneutischen Denkhorizontes lag, für die kirchlichen Geltungsformen auch Frauen einzubeziehen. Seine Worte stellen für mich aber keinen positiven Ausschluss der Frauen dar, sondern nur eine nicht vollständig zu Ende gedachte  Sicht der Realisierung einer Idee mit einer nicht ausdrücklichen, aber nicht ausgeschlossenen, Einbeziehung von Frauen in sakramentale Repräsentationsformen.

© Franz Strasser, 30. 9. 2019.

1Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens nach Joh. Gottl. Fichtes Wissenschaftslehre 1804/2, Hamburg 1977, S 60.

2J. Widmann, ebd., S 60.

3Ich empfinde manche Rechtsbestimmungen des „jus mere ecclesiasticum“ im kirchlichen Gesetzbuch des CIC geradezu als anmaßend und überheblich. Das Recht z. B. bestätigt das kirchliche Amt und das kirchliche Amt erzeugt das Recht. Was begründet hier was und wie? (CIC (1983)  can 145 § 2 „§ 2;  Pflichten und Rechte, die den einzelnen Kirchenämtern eigen sind, werden bestimmt entweder durch das Recht selbst, durch das ein Amt eingerichtet wird, oder durch Dekret der zuständigen Autorität, durch das es eingerichtet und zugleich übertragen wird.“ ) Die verschiedenen Geltungsbereiche, Geltungsformen, undeutliche und unwissenschaftliche Begriffe (hinter lateinischen Ausdrücken versteckt) hängen m. E. mit den nicht reflektierten Verobjektivierungen zusammen:  Sobald die Vermittlungsinstanz der Kirche selbst zur überindividuellen Person aufgewertet ist, kommt der eigentlichen, einzelnen Person nicht mehr die volle Freiheit und Position eines „Urrechtes“ im geistlichen Bereich zu – außer vielleicht im Denken der Taufgnade!, das möchte ich besonders positiv hervorheben. Aber sonst? Relativ unkontrolliert oder selbstmächtig kann das kirchliche Recht nach „Maßgabe des Rechts“ (ad normam juris) im gesatzten Sinne etwas festlegen. Man bedenke z. B. die Dispenspraxis bei den Eheschließungen. Der Bischof darf dieses oder jenes locker, ein kleiner Pfarrer nicht. Liegt das an der differentiellen Einsicht? An der Machtposition? Dann zum Begriff des „göttlichen Rechts“ selbst: Wer kann es zweifelsfrei feststellen? Eine historische Berufung auf Texte der Hl. Schrift reicht als Autorisierung wohl nicht, wenn man weiß, wie mehrdeutig und  historisch die biblischen Texte sind.  

4Hans Georg von Manz, Fichtes transzendentale Gerechtigkeitskonzeption, a. a. O., S 23. 24.

5Vgl. dazu ebenfalls auf der rechtlichen Ebene, v. Manz, ebd. S 25.

6Die Geschlechterunterscheidung von Mann und Frau transzendental-kritisch zu sehen, das übersteigt meine Kompetenz. Sie hat wohl einen tieferen, intelligiblen Sinn. Die Mystagogien vieler Ausführungen des „dogmatischen Weges“ fassen das m. E. sogar besser ein als bloß legalistische Forderungen nach Gleichheit, die ja sowieso durch das Sakrament der Taufe außer Frage gestellt ist. Der vom jetzigen Papst Franziskus immer wieder gerügte „Klerikalismus“ ist praktisch geschlechtsunabhängig.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser