Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen. 3. Teil

1. Exkurs zum Begriff der Repräsentation.

Im Rückbezug auf einen absoluten Bestimmungsgrund, einer unerschöpfliche Quelle des Wertes und der zu realisierenden Existenz wird die Generierung einer zeitlichen Reihe und die Generierung einer kirchlichen Hierarchie für mich verständlich. Trotzdem fließen noch viele andere Wissensbedingungen ein, die ich bei weitem nicht alle jetzt erkenne. Doch ein Begriff scheint mit in diesem Zusammenhang bedeutsam zu sein. Der Begriff der Repräsentation.

Die kirchliche Hierarchie soll ja etwas repräsentieren, ebenso die christliche Kirche als Ganze bzw. jeder getaufte Christ, ob Mann oder Frau.

Was ist die transzendentale Wissensbedingung, um korrekt von „Repräsentation“ reden zu können?

1) Das innere Gesetz der Freiheit wurde von Kant durch das „Sittengesetz“ als Freiheit deklariert.1 Das Sittengesetz bedingt die Sichtbarkeit der Freiheit und bringt sie zur Darstellung. Da Kant keine explizite transzendentale Interpersonalität  kannte, kann sein Sittengesetz bloß formal verstanden werden – zumindest in mancher Auslegungsrichtung. 2 Das Sittengesetz darf andere Freiheit nicht behindern.

Anders die Sitten- und Wertlehre aus dem absoluten Bestimmungsgrund der apriorischen und positiven Offenbarung: die Bildungsakte der so bestimmten Vernunft sind Bildungsakte, die die Freiheit des anderen inhaltlich befördern und bewirken wollen. Bilden ist stets eine positive Freiheitsbeschränkung, eine Selbstbeschränkung der Freiheit im Hinblick auf andere Personen und im Hinblick auf eine geschichtliche Bestimmtheit, damit die höchste Sinnidee als göttliche Manifestation in einer religiösen Sinnordnung gefühlt und intelligibel erkannt werden kann. Dem Hl. Ignatius/oder dem anonymen Autor schien die religiöse und sakramentale Sinn- und Weltordnung durch eine kirchliche Hierarchie, durch die geschwisterliche Gemeinschaft, durch die Sakramente, notwendig zu sein, damit Freiheit gefördert würde. Dass die kirchliche Hierarchie nur durch Männer dargestellt war, ist im Vergleich zur Aufgabe der Sakramentalisierung und Repräsentanz überhaupt, sekundär, wenn auch notwendiges, hermeneutisches Mittel, weil sonst die Repräsentanz vielleicht überhaupt nicht verstanden worden wäre. Selbstzweck war die Förderung sittlicher Gemeinschaft (wie in einem säkularen Staat) und darüber hinaus die Darstellung und Sichtbarmachung der unabhängigen Tätigkeit einer religiöser Sinnordnung. Insofern die religiöse Sinnordnung sein sollte, so der pragmatische Schluss des Heiligen, bedarf es einer Hierarchie. Da alle Werte im Lichte des absoluten Wertes bestimmt werden, muss die kirchliche Hierarchie eine heilige Hierarchie (dem griechischen Wortlaut nach) sein. Aber damit wollte er nicht ein patriarchales Herrschaftssystem errichten!

Gibt es den Wissensbedingungen nach den Begriff der „Repräsentation“, der bei dieser und jener Gelegenheit gerne benutzt wird, auch in säkularen Formen, aber m. E. kaum erforscht ist? 3

Exkurs:

1) Im wörtlichen Sinn können die Titeln der Hierarchen nicht geglaubt werden, im bloß metaphorisch-symbolischen Sinn wären sie unterinterpretiert, aber in einem performativen Sinn als Voraussetzung eines Handelns und zwecks Erreichung eines sittlichen Endzweckes gewinnen sie eine Bedeutung: (…) Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; … den Diakonen wie Jesus selbst usw….)

Der Sinn- und Erkenntniszusammenhang der übertriebenen Metaphern und Begriffen liegt nicht in der Gegenständlichkeit des schwachen, sündigen, sterblichen Menschen, sondern im Rückbezug auf den absoluten Bestimmungsgrund und durch Rückbezug auf die positive Offenbarung soll der Sinn sichtbar werden: die schwachen Hierarchen sollen so handeln wie der gütige Vater-Gott, der hingebungsvolle Jesus Christus, die lehrenden Aposteln.
Die schwachen menschlichen Gestalten, aber auch die ganze christliche Gemeinde, die gültige Feier der Sakramente, sie sollen etwas sichtbar machen und zur Darstellung bringen, dass es sonst nicht gäbe: diese religiöse Sinnordnung, dieses Vorbild des dreifaltigen Gottes, die Ordnung der Erlösung in der Nachfolge Jesu. Vergebung, Barmherzigkeit, Hoffnung,  Auferstehung, ewiges Leben, das ist eine plurale Aufgabe der ganzen Gemeinde – man lese hier viele Paulusbriefe – aber im Besonderen auch Aufgabe von Hierarchen in individuo. Die ganze Gemeinde soll „geweiht“ (siehe z. B. Deutung bei Offb 1, 6) erscheinen, aber speziell auch der einzelne Amtsträger. Sie sind nicht bloß Funktionäre.
Die kirchlichen Hierarchen im besonderen, die Gemeinde im Ganzen, die Sakramente sollen etwas repräsentieren. Wir das Wort „repräsentieren“ hier korrekt angewandt?

2) FICHTE hat wiederholt den Begriff der Repräsentation gebraucht. Ich lese hier exemplarisch zwei Vorlesungsstunden aus der WL 1805 (12. u. 13. Vorlesungsstunde, Erlangen).4

Das Absolute als Grund des Lichtes ist „im Grundseyn“ des Existentialaktes formal gewusst. Sobald es aber reflektiert und projiziert und objektiviert wird, kann es nicht mehr das Absolute sein. „Dies gilt nicht, u. dies nicht gelten lassen ist eben der Glaube, durch welche allein die W.L. zum Absoluten kommt, u selber wird.“ (13. Vorlesungsstunde, ebd. 238, Z 15, Hervorhebung von mir )

Fichte kommt am Schluss der 12. Vorlesungsstunde auf den Existentialakt des Wissens zurück: Die höchste, oberste Einsicht in das Absolute ist sein „existieren, als existieren, in der sich selber aufgehenden Form des Intelligierens“ (Ende 12. Vorlesungsstunde, GA II, 9, S 237, Z 12).

Wenn es diese Existentialform des Absoluten gibt, so existiert das Lichtsein ebenfalls in einer Selbstständigkeit des Grundseins.

denn das Existiren ist ja selbst Licht: Licht aber ist Grundseyn, u. So bringt allerdings das Licht, aber nicht das verborgene der W. L., sondern das ihr offenbare des göttlichen Existieren den Grund mit. – Sie die W. L. kann nichts mitbringen, denn sie vernichtet sich, u. wird erst durch diese Selbstvernichtung.“ (ebd. Z 22ff)

Fichte analysiert das Lichtsein in seiner Existentialform des Absoluten näher:

Innerhalb A. (=Absolutes) ist a/a x1 (ich lese: gesetztes Wissen, Wissen als Wissen, einmalig gesetzt. In anderen WL spricht Fichte einfachhin von der „Erscheinung“ des Absoluten in a) nothwendig zufolge des innern WesensGesetzes des Lichts. Offenbar sezt diese Argumentation «es» , daß das Licht sey, stehend und ruhend auf sich selber (wirklich u. an sein Seyn gebunden), u. in diesem stehen eben sey nach seinem Gesetze.“ (ebd. S 239, Z 10ff, Hervorhebung)

Es scheint hier auf, dass, falls die glaubensmäßige Freiheit des Wollens und Erkennens und des Vollzuges gewahrt wird, zugleich eine transzendentale, notwendige Wesensgesetzlichkeit dieses Vollzuges gedacht werden muss. Eine zwingende Notwendigkeit (im transzendentalen Wissen) muss auffindbar sein, damit die Freiheit des Vollzuges und der glaubensmäßigen Realisierung von Wahrheit, Rechtheit und Lichtheit ebenfalls möglich und kompatibel sein kann.

Nun ist das göttliche Existiren allerdings Licht; aber es ist dadurch noch nicht unmittelbar ges<ag>td, daß das Lichte ist, in äusserer, in sich selbst geschloßner ExistentialForm. Darauf haben wir gestern schon gedeutet, sagend, dieses göttliche Grundseyn ist ein geschloßenes, u. vollendetes, also nicht bloß Existiren, sondern Existenz zugleich: die äussere Existenz des Existirens also wäre erst das selbstständige Seyn des Lichtes.“ (ebd. S 239, Z 13ff)

Beim Stichwort Existieren fällt sofort auf, dass selbst die selbstständige, tragende Existentialform des Lichtes nicht aus sich, von sich, durch sich, sein kann, sondern vom Absoluten her bedingt (geschaffen) ist. Wie dieses Verhältnis der Lichtform/Existentialform des Lichts zum Absoluten denken?

Fichte erlaubt einen Einwurf, dass diese äußere Existentialform des Wissens tout court auch „Bewußtseyn“ bezeichnet werden kann. (ebd. Z 19)

Die Wurzel und der Träger der Existentialform des Lichtes, die in Abgrenzung zum Absoluten eine äußere Existentialform sein muss, ist und bleibt offenbar das Absolute! Aber damit ist eine neue Bestimmung der Lichtform möglich: das Licht/die Lichtform ist ein „Zustand“.

Das leztere ist innerhalb des ersten, heißt daher: es hat darin die Wurzel seines Seyns, u. Beruhens auf sich, seinen lezten Hälter, u. Träger; u. ist nu«r>Zustand da<ran). Zustand; sage ich mit Bedacht: keinesweges Akt: Ist nur das Licht, so ist dies mit; denn dies ist seine Weise zu seyn, seine Form.“ (ebd. S 239, Z 22ff, Hervorhebung)

Fichte möchte in diesen Zustand der äußeren Existentialform des Lichtes eindringen, die einerseits doch nur eine bloße Form ist, andererseits begründet und gerechtfertigt allein in ihrem Lichtsein im und durch das Absolute doch von Wahrheit und Richtigkeit sein muss. Es soll diese Form nicht bloßer Exponent und Verobjektivierung des Absoluten sein, denn dann wäre das Absolute realistisch oder idealistisch relativiert – und das ganze Niveau der bis jetzt transzendental eingesehene Einheit in der Lichtform (von Absolutem und Licht) wäre überhaupt wieder am Boden bzw. fallen gelassen. Die bloße Faktizität begründet und bewährt noch nicht.

Fichte beschreibt diesen kritische Punkt so: „2.). Innerhalb a/a x1 ist A. – denn das erstere ist die intelligirende Exposition des Wesens des letzterns, u. schaut es in dieser Exposition objectivirend hin. Wie nennen wir dieses objectivirte Seyn, zum Unterschiede?i existirt eben als existent, und bloß existent. Daß daher das ganze Verhältniß sich also ausdrüken liesse: innerhalb a existirt A, ohnerachtet das erstere (selber in diesem existent machen,) innerhalb des indem a «in> A. ist, und dadurch, daß dieses in ihm ist, in absoluter Untheilbarkeit des Zustandes.
Das Innerhalb des ersten Satzes redet realistisch, u. von einer realistischen Folge: das des zweiten idealistisch, u von einer solchen Folge. Die Blindheit verfällt nothwendig in irgend einen Idealismus, eine bloße Existenz, welche sie aber, eben drum weil sie blind ist‘ (,) für Realismus hält
. (ebd. S 239.240, ab Z 26ff) 5

Der modus essendi der Wissensform/Existentialform (im weiteren Sinne der Zustand des Bewusstseins) ist nicht eine einseitige Supposition eines realistisch gesetzten Wissens „a“ oder idealistisch gedachtem Absoluten – wie sich Schelling bzw. Hegel das ausdenken (ebd. Z. 12) – sondern ist vielmehr eine gesuchte „vollendete Klarheit“ (ebd. Z 13).

Falls man in diesen Gegensätzen von Realismus und Idealismus verbleiben möchte, könnte ohne Glaube an die Begründung und Rechtfertigung im Absoluten nichts entschieden werden. Wenn aber schon in diesem Zusammenhang der realistisch/idealistischen Suppositionen gedacht würde – wobei es aber nicht bleiben kann! – nähme der Glaube die realistische Seite ein. Aber das wäre, wie vermutet und intendiert, eigentlich  nicht die transzendental eingesehene und gesuchte Lösung.

Dem sehenden, die absolute Reflektirbarkeit erblikendem Auge, müste, ohne Glauben, beides gleich gelten, u. er könnte nie zwischen ihren entgegengesezten Ansprüchen entscheiden; das Resultat wäre ein absoluter Skepticismus. (Ich habe mehrmals den Vorsatz gefaßt pp um unsre seyn wollenden Philosophen recht in die Irre hineinzuführen.— . Historische Anwendung. Schelling. pp was aus einem nicht in der Tiefe durchdringenden Studium der W.L. – seitdem er selber speculiren will, etwas untergeordneters) Der Glaube erst, der nur der vollendeten Klarheit möglich ist, unterordnet auf immer, u entschieden die idealistische Ansicht unter die realistische.“ (ebd. S 240, Z 6ff)

Sehr fein beschreibt Fichte jetzt die erreichte Höhe des Denkens: Die Anschauung der Erscheinung „a“, des absoluten Wissens, der äußeren Existentialform des Lichtes, enthält in sich ein „substantielles Licht, sich selber unsichtbar, intuitiv, sich selber unbegreiflich, intelligibel.“ (ebd. S 240, Z 20)

Sobald es aber begriffen wird, „in absoluter Einheit des Intuierens und Intelligierens, welche hier erst erzeugt werden“ (ebd. Z 22) ist es schon schon in einem einseitigen modus des Als-Erkennens und reflektierenden Erkennens. M. a. W. , auf die Aussage hin, „das Licht ist“, wird zwar der Ausdruck und die Aussage eines Grundsein des Absoluten mit behauptet, aber ipso facto ist diese getätigte Aussage gerade nicht mehr das Grundsein des Absoluten, es ist bereits verobjektiviert und reflektiert und ist nicht die völlige Möglichkeit der Aussage in der realisierten Wirklichkeit. Das Gesagte fällt nicht zusammen mit der gedachte Möglichkeit, sondern ist bereits deren ausgesagte Form mit Mitteln der Einsicht und der Intellektion.

Fichte hat in vielen WL auf diesen Widerspruch von Denken und Tun hingewiesen: Man kann das nicht sagen, was gedacht wird, weil es dann nicht mehr die Möglichkeit des Gedachten selbst ist. Man kann das wahre Bildsein im Gesagten nur umgekehrt vom gedachten wahren Sein her selbst verifizieren lassen, ob es dessen wahres Bildsein ist oder nicht, sobald es eben gebildet und vollzogen wird (getan wird.)

Die Frage ist jetzt von grundsätzlicher und von viel fundamentalerer Bedeutung, als es im Einzelfall oft zutrifft (der Widerspruch von Denken und Tun): Wie kann dann prinzipiell noch ein Grundsein in der äußeren Existentialform des Lichts (=des Wissens) in und aus dem Absoluten behauptet werden? Fichtes Antwort hier – und in den weiteren Vorlesungsstunden der WL 1805 wird er dies weiter erklären und deduzieren, wie das übergehende Licht der Rechtheit und Lichtheit im Intelligieren selbst festgehalten werden kann – ist, der Akt des Intuierens und Intelligierens ist ein selbstständiges Bilden und Begreifen der Möglichkeit nach, sobald aber diese Möglichkeit realisiert wird, ist ein bestimmter Wissensbezug zum Absoluten realisiert.

Dies erzeugt, weil einerseits das Absolute selbst nicht projiziert und objektiviert werden kann, andererseits doch ein bestimmtes Realisieren geschieht und das Licht der Rechtheit eines durch sich selbst bestimmten Willens glaubensmäßig mitgenommen wird, notwendig eine Form der Repräsentation des Absoluten.6

Nicht allgemein repräsentiert sich das Absolute in einer Art gedachter Emanation zweiter Ordnung hinein, sondern, wie in der 10. und 11. Vorlesungsstunde der WL 1805 vorbereitet, in der konkreten, existentialen Lichtform. Die Projektionsform des Lichtes ist unmittelbar Gottes Existenz oder „Existentialakt“. Wenn Gott sich projiziert, dann trägt die göttliche Existenz schlechthin notwendig die Lichtform an sich (vgl. ebd. 10. Stunde, S 224, Z 14ff), und diese wiederum schließt notwendig Gottes Aufnahme in die Ichform ein.7

Kraft existentialer Lichtform ist das Absolute in der Ichform, und kraft dieser Ichform, in vollendeter Interpersonalität und in persona und in individuo des Glaubenden, kann das Absolute in Erscheinung treten. Das, was zur Erscheinung kommt, ist kein bloßes Etwas, sondern das aus der Rechtheit und Lichtheit des Absoluten in einem substantiellen Selbstbestimmungs- und Denkakt eines Ichs übergehende Soll

Unmittelbar vermittelt sich das Absolute nicht in einem Existentialakt des Lichtes, aber vermittelt (in Differenz) vermag der Repräsentant der Lichtform, die interpersonale sittliche Gemeinschaft eines Wir, und die sittliche Vervollkommnung in individuo, die werthafte Forderung des Absoluten, den durch sich selbst bestimmten Willen zu realisieren. Der Begriff der Ichform ist dabei apriorische Wissensbedingung sowohl einer im sittlichen Endzweck zu denkenden interpersonalen Gemeinschaft, wie Wissensbedingung eines Ichs in individuo und in persona.

Die Gebrochenheit und Differenz einer nur vermittelten Realisierung liegt an der Notwendigkeit einer nur glaubensmäßig zu erreichenden Qualität der Rechtheit und Lichtheit. (Siehe oben beschrieben im Begriff des Maßes gegenüber dem Absoluten). Dass der Form nach vermittelt werden kann, wenn auch in Differenz, liegt an der Existentialform des Lichtes, in die sich das Absolute schon veräußert haben muss. Es fällt das m. E. großartige Wort: „Existieren ist Repräsentieren“.8 Damit ist nicht automatisch das Repräsentieren das vollkommene und vollendete Leben des Absoluten, sondern erst im wahren Bildsein, in der Bewährung des wahren Bildseins vom Sein, wird das Absolute repräsentiert, andernfalls wird es verdunkelt und verleugnet.

Die Repräsentation des Absoluten im „Ich“ (in der pluralen Ichform und in individuo) ist dadurch einerseits fähig, rückbezüglich zu sein im Wissen auf einen durch sich selbst bestimmten Willen, andererseits kann sie sich nur so rückbeziehen auf sich selbst, indem es diese Forderung auch realisiert und in Differenz zum Absoluten sich setzt. Das „Ich“ ist repräsentativ, weil es das Absolute zur Erscheinung zu bringen vermag – in einer Form der „angehobenen“ Möglichkeit nach.

M. a. W.:
a) D
er durch die Philosophie geläuterte Glaube zeigt sich so: Das Produkt der Glaubensform, das, unterschieden von der äußeren Existentialform des Wissens und des Lichtes ein unabhängiges Dasein des Absoluten voraussetzt, ist nicht ein allgemeines, unbestimmtes Produkt, sondern ist im repräsentierenden Vollzug, ein „ichhaftes“ Produkt; der Glaube glaubt nicht an die Form des Produzierens, d. h. an die Wissensform, aber wenn er die Rechtheit und Lichtheit des Absoluten dem Inhalte nach glauben und realisieren will – was sonst? – , ist er auch genötigt, diese in der bestimmten Form einer ichhaften und interpersonalen wie individuellen Repräsentation festzuhalten und zu glauben, d. h. in einer qualitativen Rechtheit und Lichtheit, als Vernunft, die Liebe will und Liebe bejaht (in pluralis und in individuo). Die ichhafte Form der qualitativen Rechtheit und Lichtheit ist sozusagen das privilegierte Wissen des Glaubens. Unter zeitlichen Bedingungen ist dieses Wissen nicht erreichbar, in einer religiösen Sinnordnung aber zeitlich antizipierbar und, da ja die Realisierung in pluralis und individuo zu Bedingungen der Freiheit gewollt ist, repräsentierbar.

b) Das geläuterte Wissen zeigt sich so: Die intuitive und intelligierende Einsicht in das Dass des Existentialaktes/Lichtaktes des Absoluten der Form nach, das transzendental weder bloß realistische Supposition noch idealistische Spekulation sein kann, hat die Produktionsform eines Lichtes, d. h. einer repräsentierenden Ichform, sodass in allen fünf Bereichen des Denkaktes, d. h. der sinnlichen Natur, der Moralität, der Legalität, der religiösen Ordnung und des Sich-Wissens, ein absoluter, werthafter Bezug aufleuchtet. Die in diesen Bereichen gefühlten, werthaften Bestimmungen haben einen relativen Wert, kausiert aus dem absoluten Wert der Produktionsform des Lichtes.

M. a. W.: Das Absolute kann nur so innerhalb des Wissens gedacht werden, dass es nicht nur via negativa (durch begriffliche Negation, apophatisch), aber auch nicht nur via positiva (durch Glauben, kataphatisch) erfasst werden kann, sondern in jedem Erkenntnisvollzug wird die innere Wesensgesetzlichkeit des Wissens negativ wie positiv gleichzeitig, in dauernder Differenz und dauernder Einheit zugleichzeitlos und geschichtlich, gewusst. Das Absolute wird aufsteigend wie absteigend zu erreichen gedacht, im differentiellen Denken bei dauerndem Glauben an den Inhalt einer qualitativen Rechtheit und Lichtheit. Das Wissen differenziert seine Form des Wissens ex negativo zum Absoluten, in Abgrenzung zur Totalität des Absoluten, kann dies aber nur bei gleichzeitigem Standpunkt des Glaubens, ex positivo, kataphatisch, tun, weil das Absolute repräsentativ in der Wissensform und Lichtform (Existentialform) geglaubt wird.

Schließlich die Auflösung dieses allgemeinen Begriffes der Repräsentation:

Ferner: was ist, d<a>s“ dieses Formgeben unabtrennlich, als sein Neben, u. Wechselglied mitbringt, oder von ihm mitgebracht wird? Antw. Die absolute Reflektirbarkeit, das Wir, oder Ich: und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/] W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten.“ (ebd. S 242, Z 6ff Hervorhebung von mir)

Noch zwei Abgrenzungsbedingungen möchte ich andeuten:
a) Keinesfalls liegt in der repräsentativen Wissensform eine bloß intuitionistische Erkenntnisform, wie es vielleicht ein Jacobi gern gehabt hätte, der dann den Glauben über das Wissen stellen musste, sondern intelligierend wird die Existentialform des Wissens durchdrungen. Das Wissen spaltet sich infolge dieses Ursprungs erst nachfolgend in einen intuierenden und reflexiven Akt – und dadurch kommt es zu einer verobjektivierten Form des Wissens.

b) Die analytisch-synthetische Erkenntnis der Erscheinung des Absoluten in der Wissensform und im Glauben ist auch nicht eine bloße realistische oder idealistische Supposition eines gedachten Absoluten, wie sich Schelling und Hegel das ausgedacht haben. Dadurch würde sowohl die transzendentale Einheit des Wissens nicht erfasst, als auch der Sinn der glaubensmäßigen Bejahung der Rechtheit und der Lichtheit des Absoluten (in seiner Erscheinung) verfehlt. Der Erkenntnisprozess würde durch Realismus und Idealismus vorzeitig abgebrochen und durch Machtentscheid, nicht durch Freiheit, müsste entschieden werden, was den von dem realistischen/oder idealistischen Absoluten (in seiner Erscheinung) zu glauben sei. Das würde ganz der biblischen und christlichen Tradition widersprechen, wonach Gott sich lebendig, im freien Nachvollzug, im genetischen Hervorgehen geoffenbart hat und sich weiter offenbart.9

Die Teilhabe am göttlichen Leben in der höchsten Form der Repräsentation kann berechtigt wohl „mystisch“ genannt werden, ist aber keine irrationale oder romantische, intuitionistische oder idealistische Teilhabe, sondern differenzierte Teilhabe an der Lichtform des Absoluten (als Als-Erkenntnis, als Wissensform und Glaube) und wesentlich bezogen auf ein zeitliches Werden, also auf eine geschichtlich zu realisierende religiöse Sinnidee. Religion muss früher oder später sich läutern können zu einem zeitlichen Werden einer Sinnidee, und kann nur im Rückbezug zu einer positiven Offenbarung begründet werden. Die anderen Formen der Religion sind vergebliche Versuche, die Gottheit zu gewinnen. Sie bieten vielleicht einen gewissen Trost, aber sind vernunftkritisch nicht haltbar. Deshalb wohl die scharfen Ablehnungen der gnostischen Irrlehren in der apostolischen Zeit, die Ablehnung dieser Schein-Religion ohne geschichtlichen Rückbezug und ohne Kirche.

Den Aufstieg zu einer Begründung des Wissens aus dem Absoluten zu erreichen (in transzendentaler Analyse und negativer Theologie), ist deshalb nur die halbe Wahrheit; genauso entscheidend, und in gewissem Sinne schwieriger, ist der Abstieg und die synthetische Anwendung des genetischen Anspruches von Wahrheit auf die real-geschichtlichen Freiheits- und Sinnbildung in repräsentativer Form.

© Franz Strasser

25. 3. 2019

——

1Kant, KpV, § 6, Anmerkung: „Freiheit und unbedingtes praktisches Gesetz weisen also wechselsweise auf einander zurück. Ich frage hier nun nicht: ob sie auch in der That verschieden seien, und nicht vielmehr ein unbedingtes Gesetz blos das Selbstbewußtsein einer reinen praktischen Vernunft, diese aber ganz einerlei mit dem positiven Begriffe der Freiheit sei; sondern wovon unsere Erkenntniß des unbedingt Praktischen anhebe, ob von der Freiheit, oder dem praktischen Gesetze. Von der Freiheit kann es nicht anheben; denn deren können wir uns weder unmittelbar bewußt werden, weil ihr erster Begriff negativ ist, noch darauf aus der Erfahrung schließen, denn Erfahrung giebt uns nur das Gesetz der Erscheinungen, mithin den Mechanism der Natur, das gerade Widerspiel der Freiheit, zu erkennen. Also ist es das moralische Gesetz, dessen wir uns unmittelbar bewußt werden (so bald wir uns Maximen des Willens entwerfen), welches sich uns zuerst darbietet und, indem die Vernunft | jenes als einen durch keine sinnliche Bedingungen zu überwiegenden, ja davon gänzlich unabhängigen Bestimmungsgrund darstellt, gerade auf den Begriff der Freiheit führt.“

2Dass KANT im kategorischen Imperativ die Interpersonalität impliziert habe – siehe dazu die Auslegungen von Bernward Grünewald. Form und Materie der reinen praktischen Vernunft. 2004.

3 Bei meiner sporadischen Lektüre von Husserl fiel mir der Begriff der „Repräsentation“ ebenfalls auf. Aber inwiefern mir Husserl eine Hilfe wäre, würde ich bezweifeln. Das Korrelations-Apriori von Bewusstsein und Gegenständlichkeit, die eidetische Reduktion, das „transzendentale Bewusstsein“, der Sinn-Begriff selbst, die „genetische“ Erklärung etc., diese, wie er sie nennt, „phänomenologischen“ Grundlagen, sie sind für mich erkenntniskritisch nicht haltbar. Ein intentionales Gerichtetsein auf eine unbekannte Gegenständlichkeit und ein vorstellendes Ich, wodurch die Ähnlichkeit zwischen einem Bild und einer Sache geschaffen sein soll, das ist und bleibt dualistisch. Das subjektive Reflektieren in diesem Analysieren und die Gegenständlichkeit sind ewig getrennt. Die von Husserl eingeführte Klassifizierung der Vorgänge des Bewusstseins oder eingeführten Begriffe wie z. B. „Noema“ etc., das ist für mich abstrakte Einschau in das Ding an sich. Es wird die Einheit von Denken und Sein und der einheitliche Akt von Erkennen und Handeln beschworen, kann aber nicht mehr eingeholt werden, weil von vornherein der Denkakt getrennt ist von der angeschauten Gegenständlichkeit. Wie sollte das Denken oder Wissen dann noch etwas „repräsentieren“ können?

Repräsentation“ könnte vielleicht in einem weiten Sinne einer verklärten, verwandelten Weltsicht gesehen werden, im Sinne von „res et signum“, wie es der Hl. Bonaventura beschrieben hat. Ich meine es hier in einem juridischen Rahmen.

4J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, WL 1805 in Bd. II, 9: Nachgelassene Schriften 1805-1807. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993. Aus dem Einleitungstext der GA: „Für philosophisch Fortgeschrittene las Fichte Wissenschaftslehre (1805); diese Ausarbeitung wollte er als die vierte und abschließende, vom Winter 1804 an zählend, verstanden wissen. In dieser Wissenschaftslehre stellt Fichte die Transzendentallehre Schritt für Schritt in Auseinandersetzung mit Schellings Position in „Philosophie und Religion“ (1804) und als Überwindung der spekulativen Metaphysik dar.

5 Analog könnte ich sagen: Wie Heidegger das Denken in ein  Verhältnis zum Sein stellte – und so dogmatisch wurde – so steht bei Fichte das Wissen im Verhältnis zur Existenz; aber dieses fragliche Verhältnis ist nicht dogmatisch oder relativistisch angesetzt, sondern nochmals höhererseits bedingt durch die daseiende Erscheinung des Absoluten, das implizit in jedem Wissensakt/Lichtakt mit ausgesagt wird, negativ wie positiv.

6 Zum Begriff der „Repräsentation“ siehe z. B. Gaetano Rametta, Der Begriff „Repräsentation“ in der Wissenschaftslehre 1805. In: Fichte-Studien Bd, 34, 2009, 153 – 170.

7 Gaetano Rametta, ebd. S 163.

8Gaetano Rametta, ebd. S 167.

9 Ein Islam, der sich auf die mediatisierte Form eines Buches verlassen muss, kann qua dieser faktischen Vermittlung nicht die genetische Vermittlung in und aus der Erscheinung des Absoluten erreichen, d. h. falls die Gläubigen nur diese faktische Vermittlung haben sollten. Sie kennen auch das Gebet, den Gesang, die Kunst, das sind andere Formen der Vermittlung und mögliche transzendentale Vermittlungsformen. Ein Buch oder mediatisiertes Zeichen als solches muss sich inkarnieren. Die Bewährung eines Wortes kann nur eine geistige Einschauung sein, eine ständige und bleibende Realisierung in und aus dem absoluten Bestimmungsgrund. „Der Begriff ist der Grund der Welt“ (Fichte, SL 1812). Das Johannes-Evangelium hebt in besonderer Weise sogar die Rückbezüglichkeit des Wissens JESU selbst hervor und lädt in performativer Weise ein, diese begriffliche Erkenntnisweise einzulernen und zu übernehmen. (Z. B.: Johannes 8,54–55 u. a. „Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so gilt meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich ehrt, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest….“

Leider, möchte ich hier sagen, hat FICHTE diese lebendige Erinnerung und die kirchlich-sinnliche, religiöse Sinnordnung im Berlin seiner Tage nur sehr rudimentär kennengelernt. Er quält sich z. B. in der SL 1812 mit der Legitimierung eines „Symbols“ des Glaubens usw. Er hätte die begrifflichen Grundlagen einer repräsentativen Sinnordnung geschaffen, aber sie leider nicht selber erleben und erfahren dürfen.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser