Ignatius von Antiochien – oder die transzendentale Repräsentation, 3. Teil

1) Zurückblendend auf die genetische Erkenntnis des heiligen Ignatius: Fürs erste wirken die Ansprüche des Gehorsams dem Bischof, den Presbytern, den Diakonen gegenüber reichlich überzogen. Bedenkt man aber jetzt die genetische Herleitung einer kirchlichen Hierarchie und die angezielte sittliche Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, die nochmals überboten wird von einer „civitas dei“, einer religiösen Sinnordnung, gewinnen die Bilder und Begriffe einen Kontext, der vorallem einen intelligierten und geschichtlichen Sinn offenbart – jenseits einer gewissen Schwere übertriebener Metaphern. Ich würde literarisch die „Briefe“ so zusammenfassen: Es geht um eine positive (kataphatische) Rede von Gott, weil a) eine repräsentierende Form des Wissens und des Glaubens in den konkreten Personen des Bischofs/der Presbyter(Priester)/des Diakons für möglich gehalten wird und b) das Kriterium der Titeln und Machtbefugnisse gewisser Ämter strikt rückbezogen und beschränkt bleibt auf die positive Offenbarung und das Bild des dreifaltigen Gottes. Nie wird eine überirdische Macht in irdischer Gestalt an sich usurpiert!
Dem Bischof gehorchen wie Christus Gott-Vater; der Bischof vertritt die Stelle Gottes, die Presbyter vertreten das Apostelkollegium usw…. Siehe nochmals Igantiustexte –  im wörtlichen Sinn können sie nicht geglaubt werden, im bloß metaphorisch-symbolischen Sinn werden sie nichtssagend, nur in einem auf die unsichtbare Wirklichkeit Gottes hin  interpretierbaren Sinn gewinnen sie eine bestimmte, epistemische Bedeutung. Der Sinn- und Erkenntniszusammenhang der hierarchischen Gestalten liegt nicht in der sichtbaren Wirklichkeit ihre schwachen, sterblichen, sündigen Menschennatur,  sondern in der übersinnlichen Bestimmung, die positive Offenbarung einer Ur-Erscheinung, einer Ur-Repräsentation Gottes weiterzugeben und zu bewahren.  Die ganze Würde und „Weihe“ erfließt aus dem überirdischen Begründungs- und Erkenntniszusammenhang eines apriorischen Wissens um die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Ohne dieser gedachten Rückbezüglichkeit auf die Vorstellung der apriorischen Vernunftoffenbarung und positiven Offenbarung wäre auch die Vorstellbarkeit der kirchlichen Ämter nicht möglich – und diese ganze, für uns überschwenglich anmutende Prädikation ihrer Eigenschaften.

M. a. W., die Repräsentanten mögen so vom Wissen des dreifaltigen Gottes, vom Beispiel Jesu Christi und von der Überlieferung der Apostel durchdrungen sein, dass sie selbst in ihrem Amt ein einziges Zeugnis  für das sind, was sie repräsentieren.  Oder auch bezogen auf das Verhalten der ganzen christlichen Gemeinde (nicht nur ihrer Hierarchen) und der Feier der Sakramente: In ihr möge das eingesehen werden, was die oben kurz beschriebene, religiöse Sinnordnung ausmacht: Vergebung, Barmherzigkeit, Hoffnung,  Auferstehung, ewiges Leben. gehört. Die Gemeinde als Ganze hat somit ebenfalls eine Repräsentationspflicht, ist in diesem Sinne ebenfalls bestimmt und „geweiht“ zu einem allgemeinen Priestertum.

Mit dem Amt und dem Zeugnis der Repräsentation in den Herzen der kirchlichen Hierarchen wie im Leben der ganzen Gemeinde, schließlich mit dem Sinn der Feier der Sakramente und aller kirchlichen Vollzüge (Liturgie, Verkündigung, Caritas), ist a) eine moralische Selbstverpflichtung im Innersten verbunden – analog zum obigen, gewissenhaften Befolgen des formalen, positiven Rechts bei den Abgeordneten einer repräsentierenden Demokratie, und b) eine Verpflichtung zur Interpersonalität, für die anderen da zu sein –  ebenfalls analog zu den Repräsentanten in einem demokratischen System, die ebenfalls dem „Volke“ dienen sollen.

Da wie dort (Kirche, Staat) müssen die Repräsentationsformen idealiter ähnlich sein, insofern von Vernunftbedingungen überhaupt gesprochen wird.  Der Unterschied liegt wohl darin, dass das Postulat der religiösen Sinnordnung in ihrer ganzen universalen und totalen Geltung bei einem „Gottesstaat“ von oben gegeben werden kann, hingegen eine rechtliche und sittliche Utopie in der Zeit unerfüllt, tlw. sogar widersprüchlich bleibt.

2.) Damit ist bis jetzt aber nur eine historische Beschreibung des Begriffes der „Repräsentation“ geleistet worden. Ich komme zur epistemologischen Begründung – die in mehreren WL Fichtes zu finden wäre. Exemplarisch nehme ich die WL 1805 (Erlangen).1

Das Absolute als Grund des Lichtes ist „im Grundseyn“ des Existentialaktes formal erweisbar, aber sobald es projiziert und objektiviert wird, kann es nicht mehr das Absolute sein. „Dies gilt nicht, u. dies nicht gelten lassen ist eben der Glaube, durch welche allein die W.L. zum Absoluten kommt, u selber wird.“ (13. Vorlesungsstunde, ebd. 238, Z 15, Hervorhebung von mir )

Fichte kommt am Schluss der 12. Vorlesungsstunde auf den Existentialakt des Wissens zurück: Die höchste, oberste Einsicht in das Absolute ist sein „existieren, als existieren, in der sich selber aufgehenden Form des Intelligierens“ (Ende 12. Vorlesungsstunde, GA II, 9, S 237, Z 12).

Wenn es diese Existentialform des Absoluten gibt, so existiert das Lichtsein ebenfalls in einer Selbstständigkeit des Grundseins.

„denn das Existiren ist ja selbst Licht: Licht aber ist Grundseyn, u. So bringt allerdings das Licht, aber nicht das vorborgene der W. L., sondern das ihr offenbare des göttlichen Existieren den Grund mit. – Sie die W. L. kann nichts mitbringen, denn sie vernichtet sich, u. wird erst durch diese Selbstvernichtung.“ (ebd. Z 22ff)

Fichte analysiert das Lichtsein in seiner Existentialform des Absoluten näher:

„Innerhalb A. (=Absolutes) ist a/a x1 (ich lese: gesetztes Wissen, Wissen als Wissen, einmalig gesetzt. In anderen WL spricht Fichte einfachhin von der „Erscheinung“ des Absoluten in a) nothwendig zufolge des innern WesensGesetzes des Lichts. Offenbar sezt diese Argumentation «es» , daß das Licht sey, stehend und ruhend auf sich selber (wirklich u. an sein Seyn gebunden), u. in diesem stehen eben sey nach seinem Gesetze.“ (ebd. S 239, Z 10ff, Hervorhebung)

Es scheint hier auf, dass, falls die glaubensmäßige Freiheit des Wollens und Erkennens und des Vollzuges gewahrt wird, zugleich eine transzendentale, notwendige Wesensgesetzlichkeit dieses Vollzuges gedacht werden muss. Eine zwingende Notwendigkeit (im transzendentalen Wissen) muss auffindbar sein, damit die Freiheit des Vollzuges und des glaubensmäßigen Realisieren von Wahrheit, Rechtheit und Lichtheit ebenfalls möglich und kompatibel sei bzw. umgekehrt, die Höhe der Erkenntnis einer formalen Wesensgesetzlichkeit des Wissens durch Freiheit und Glauben ermöglicht werden kann.

Nun ist das göttliche Existiren allerdings Licht; aber es ist dadurch noch nicht unmittelbar ges<ag>td, daß das Lichte ist, in äusserer, in sich selbst geschloßner ExistentialForm. Darauf haben wir gestern schon gedeutet, sagend, dieses göttliche Grundseyn ist ein geschloßenes, u. vollendetes, also nicht bloß Existiren, sondern Existenz zugleich: die äussere Existenz des Existirens also wäre erst das selbstständige Seyn des Lichtes.“ (ebd. S 239, Z 13ff)

Beim Stichwort Existieren fällt sofort auf, dass selbst die selbstständige, tragende Existentialform des Lichtes nicht aus sich, von sich, durch sich, sein kann, sondern vom Absoluten her bedingt (geschaffen) ist. Wie dieses Verhältnis der Lichtform/Existentialform des Lichts zum Absoluten denken?

Fichte erlaubt einen Einwurf, dass diese äußere Existentialform des Wissens tout court auch „Bewußtseyn“ bezeichnet werden kann. (ebd. Z 19)

Die Wurzel und der Träger der Existentialform des Lichtes, die in Abgrenzung zum Absoluten eine äußere Existentialform sein muss, ist und bleibt offenbar das Absolute! Aber damit ist eine neue Bestimmung der Lichtform möglich: das Licht/die Lichtform ist ein „Zustand“.

Das leztere ist innerhalb des ersten, heißt daher: es hat darin die Wurzel seines Seyns, u. Beruhens auf sich, seinen lezten Hälter, u. Träger; u. ist nu«r>Zustand da<ran). Zustand; sage ich mit Bedacht: keinesweges Akt: Ist nur das Licht, so ist dies mit; denn dies ist seine Weise zu seyn, seine Form.“ (ebd. S 239, Z 22ff, Hervorhebung)

Fichte möchte in diesen Zustand der äußeren Existentialform des Lichtes eindringen, die einerseits doch nur eine bloße Form ist, andererseits begründet und gerechtfertigt allein in ihrem Lichtsein im und durch das Absolute doch von Wahrheit und Richtigkeit sein muss. Es soll diese Form nicht bloßer Exponent und Verobjektivierung des Absoluten sein, denn dann wäre das Absolute realistisch oder idealistisch relativiert – und das ganze Niveau der bis jetzt transzendental eingesehene Einheit in der Lichtform (von Absolutem und Licht) wäre überhaupt wieder am Boden bzw. fallen gelassen. Die bloße Faktizität begründet und bewährt noch nicht.

Fichte beschreibt diesen kritische Punkt so: „2.). Innerhalb a/a x1 ist A. – denn das erstere ist die intelligirende Exposition des Wesens des letzterns, u. schaut es in dieser Exposition objectivirend hin. Wie nennen wir dieses objectivirte Seyn, zum Unterschiede?i existirt eben als existent, und bloß existent. Daß daher das ganze Verhältniß sich also ausdrüken liesse: innerhalb a existirt A, ohnerachtet das erstere (selber in diesem existent machen,) innerhalb des indem a «in> A. ist, und dadurch, daß dieses in ihm ist, in absoluter Untheilbarkeit des Zustandes.
Das Innerhalb des ersten Satzes redet realistisch, u. von einer realistischen Folge: das des zweiten idealistisch, u von einer solchen Folge. Die Blindheit verfällt nothwendig in irgend einen Idealismus, eine bloße Existenz, welche sie aber, eben drum weil sie blind ist‘ (,) für Realismus hält
. (ebd. S 239.240, ab Z 26ff) 2

Der modus essendi der Wissensform/Existentialform (im weiteren Sinne der Zustand des Bewusstseins) ist nicht eine einseitige Supposition eines realistisch gesetzten Wissens „a“ oder idealistisch gedachtem Absoluten – wie sich Schelling bzw. Hegel das ausdenken (ebd. Z. 12) – sondern ist vielmehr eine gesuchte „vollendete Klarheit“ (ebd. Z 13).

Falls man in diesen Gegensätzen von Realismus und Idealismus verbleiben möchte, könnte ohne Glaube an die Begründung und Rechtfertigung im Absoluten nichts entschieden werden. Wenn aber schon in diesem Zusammenhang der realistisch/idealistischen Suppositionen gedacht würde – wobei es aber nicht bleiben kann! – nähme der Glaube die realistische Seite ein. Aber das wäre, wie vermutet, eigentlich auch nicht die transzendental eingesehene und gesuchte Lösung.

„Dem sehenden, die absolute Reflektirbarkeit erblikendem Auge, müste, ohne Glauben, beides gleich gelten, u. er könnte nie zwischen ihren entgegengesezten Ansprüchen entscheiden; das Resultat wäre ein absoluter Skepticismus. (Ich habe mehrmals den Vorsatz gefaßt pp um unsre seyn wollenden Philosophen recht in die Irre hineinzuführen.— . Historische Anwendung. Schelling. pp was aus einem nicht in der Tiefe durchdringenden Studium der W.L. – seitdem er selber speculiren will, etwas untergeordneters) Der Glaube erst, der nur der vollendeten Klarheit möglich ist, unterordnet auf immer, u entschieden die idealistische Ansicht unter die realistische.“ (ebd. S 240, Z 6ff)

Sehr fein beschreibt Fichte jetzt die erreichte Höhe des Denkens: Die Anschauung der Erscheinung „a“, des absoluten Wissens, der äußeren Existentialform des Lichtes, enthält in sich ein „substantielles Licht, sich selber unsichtbar, intuitiv, sich selber unbegreiflich, intelligibel.“ (ebd. S 240, Z 20)

Sobald es aber begriffen wird, „in absoluter Einheit des Intuierens und Intelligierens, welche hier erst erzeugt werden“ (ebd. Z 22) ist es schon schon in einem einseitigen modus des Als-Erkennens und reflektierenden Erkennens. M. a. W. , auf die Aussage hin, „das Licht ist“, wird zwar der Ausdruck und die Aussage eines Grundsein des Absoluten mit behauptet, aber ipso facto ist diese getätigte Aussage gerade nicht mehr das Grundsein des Absoluten, es ist bereits verobjektiviert und reflektiert und ist nicht die völlige Möglichkeit der Aussage in der realisierten Wirklichkeit. Das Gesagte fällt nicht zusammen mit der gedachte Möglichkeit, sondern ist bereits deren ausgesagte Form mit Mitteln der Einsicht und der Intellektion.

Fichte hat in vielen WL auf diesen Widerspruch von Denken und Sagen hingewiesen: Man kann das nicht sagen, was gedacht wird, weil es dann nicht mehr die Möglichkeit des Gedachten selbst ist. Man kann das wahre Bildsein im Gesagten nur umgekehrt vom gedachten wahren Sein her selbst verifizieren lassen, ob es dessen wahres Bildsein ist oder nicht, sobald es eben gebildet und das Wissen vollzogen wird.

Aber die Frage ist jetzt von grundsätzlicher und von viel fundamentalerer Bedeutung, als es im Einzelfall oft zutrifft (der Widerspruch von Denken und Sagen): Wie kann dann prinzipiell noch ein Grundsein in der äußeren Existentialform des Lichts (=des Wissens) in und aus dem Absoluten behauptet werden? Fichtes Antwort hier – und in den weiteren Vorlesungsstunden der WL 1805 wird er dies weiter erklären und deduzieren, wie das übergehende Licht der Rechtheit und Lichtheit im Intelligieren selbst festgehalten werden kann -: Der Akt des Intuierens und Intelligierens ist ein selbstständiges Bilden und Begreifen der Möglichkeit nach, sobald aber diese Möglichkeit realisiert wird, ist ein bestimmter Wissensbezug zum Absoluten realisiert.

Dies setzt aber notwendig, weil einerseits das Absolute nicht projiziert und objektiviert werden kann, andererseits doch ein bestimmtes Realisieren geschieht und das Licht der Rechtheit und des durch sich selbst bestimmten Willens glaubensmäßig mitgenommen wird, eine Form der Repräsentation des Absoluten voraus. 3

Nicht allgemein repräsentiert sich das Absolute in einer Art gedachter Emanation zweiter Ordnung hinein, sondern, wie in der 10. und 11. Vorlesungsstunde der WL 1805 deduziert, in der konkreten, existentialen Lichtform. Die Projektionsform des Lichtes ist unmittelbar Gottes Existenz oder „Existentialakt“. Wenn Gott sich projiziert, dann trägt die göttliche Existenz schlechthin notwendig die Lichtform an sich (vgl. ebd. 10. Stunde, S 224, Z 14ff), und diese wiederum schließt notwendig Gottes Aufnahme in die Ichform ein. 4

Kraft existentialer Lichtform ist das Absolute in der Ichform, aber nur kraft dieser Ichform, in persona des Glaubenden, kann das Absolute in Erscheinung treten. Das, was zur Erscheinung kommt, ist kein bloßes Etwas, sondern die aus der Rechtheit und Lichtheit des Absoluten in einen substantiellen Selbstbestimmungs- und Denkakt eines Ichs übergehende Soll.

Unmittelbar vermittelt sich das Absolute nicht in einem Existentialakt des Lichtes, aber vermittelt (in Differenz) vermag der Repräsentant der Lichtform, die Interpersonalität eines Wir, Ich und Du, die werthafte Forderung des Absoluten, den durch sich selbst bestimmten Willen, zu realisieren.

Die Gebrochenheit und Differenz einer nur vermittelten Realisierung liegt an der Notwendigkeit einer nur glaubensmäßig zu erreichenden Qualität der Rechtheit und Lichtheit; dass aber überhaupt vermittelt werden kann, wenn auch in Differenz, liegt an der Existentialform des Lichtes, in die sich das Absolute schon veräußert haben muss. „Existieren ist Repräsentieren“ 5. Aber nicht automatisch ist das Repräsentieren das vollkommene und vollendete Leben des Absoluten, sondern erst im wahren Bildsein, in der Bewährung des wahren Bildseins vom Sein, wird das Absolute repräsentiert, andernfalls wird es verdunkelt und verleugnet.

Die Repräsentation des Absoluten im „Ich“ ist dadurch einerseits fähig, rückbezüglich zu sein im Wissen auf einen durch sich selbst bestimmten Willen, andererseits kann sie sich nur so rückbeziehen auf sich selbst, indem es diese Forderung auch realisiert und somit in Differenz zum Absoluten sich setzt. Das „Ich“ ist repräsentativ, weil es das Absolute zur Erscheinung zu bringen mag – in einer Form der „angehobenen“ Möglichkeit nach – , die folgende Realisierung ist aber bedingt, sowohl a) durch die Freiheit des Repräsentanten wie b) durch die Mannigfaltigkeit der in der Realisierung entstehenden Welt der Anschauungs- und Raumordnungen.

Das „Ich“ (die Ichheit, das Wir und Ich und Du, die Vernunft) ist qua Rückbezüglichkeit des Wissens und der in dieser Rückbezüglichkeit aufscheinenden Existentialform des Lichts, gnadenhaft!, repräsentativ, substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt, und als solcher Akt kann es auf die innere Wesensgesetzlichkeit des Existentialaktes des Lichtes vertrauen, bzw. mit der 12./13. Vorlesungsstunde der WL 1805 gesprochen, daran glauben.6 Durch die wesentliche, notwendige Form des Glaubens ist die repräsentative Form des Sich-Wissens im Absoluten begründet und gerechtfertigt.

Sowohl das Wissen hat in seiner bloß formalen Form der Wissensprinzipien  seinen konkreteren Anknüpfungspunkt ans Absolute gefunden (= der Repräsentant desselben in der Ichheit, als Ichheit) als auch der Glaube in seiner Verwiesenheit auf inhaltlich Absolutes, auf eine qualitative Rechtheit und Lichtheit, findet seinen konkreten Inhalt. Das Wissen ohne Glaube wäre leer, der Glaube ohne Wissen wäre blind.

Die Glaubensform wie die Lichtform/Wissensform sind durch diese Analyse nochmals näher bestimmt: a) Das Produkt der Glaubensform, das, unterschieden von der objektiven, äußeren Existentialform des Wissens und des Lichtes, ein unabhängiges Dasein des Absoluten voraussetzt, ist nicht ein allgemeines, unbestimmtes Produkt, sondern ist immer schon im repräsentierenden Vollzug, ein „ichhaftes“ Produkt; der Glaube glaubt zwar nicht an die Form des Produzierens, d. h. an die Wissensform, aber wenn er die Rechtheit und Lichtheit des Absoluten dem Inhalte nach glauben und realisieren will, ist er auch genötigt, diese in einer bestimmten Form einer ichhaften und überindividuell wie persönlichen Repräsentation festzuhalten und zu glauben. Die ichhafte Form kann der Glaube wissen.

b) Das geläuterte Wissen zeigt sich so: Die intuitive und intelligierende Einsicht in das Dass des Existentialaktes/Lichtaktes des Absoluten der Form nach, das transzendental weder bloß realistische Supposition, noch idealistische Spekulation sein kann, muss die Produktionsform eines dieses Licht repräsentierenden Ichs haben, d. h. in allen vier Bereichen der Natur, der Moralität, der Legalität und der religiösen Ordnung muss es auffindbare Sinn- und Lichtvollzüge geben. Extra wäre noch die Geschichte zu nennen, die sich in allen vier Bereichen des Wissens findet. M. a. W.: Das Absolute kann nur so innerhalb des Wissens gedacht werden, dass es nicht nur via negativa (durch begriffliche Negation, apophatisch), aber auch nicht nur via positiva (durch Glauben, kataphatisch) erfasst werden kann, sondern in jedem Erkenntnisvollzug wird die innere Wesensgesetzlichkeit des Wissens negativ wie positiv gleichzeitig, in dauernder Differenz und dauernder Einheit zugleich,  zeitlos und geschichtlich, gewusst. Das Absolute wird aufsteigend wie absteigend erreicht im differentiellen Denken bei dauerndem Glauben an einen möglichen göttlichen Inhalt in der Einheit einer Wissensform.

Der Glaube verschafft Klarheit im Unterschied zwischen absolutem Wissen und dem Absoluten, und bindet zugleich die Wissensform/Lichtform zurück auf die vorausgehende,  unmittelbare Ur-Erscheinung und Ur-Repräsentation des Absoluten.

Schließlich die Auflösung dieses allgemeinen Begriffes der Repräsentation:

„ Ferner: was ist, d<a>s“ dieses Formgeben unabtrennlich, als sein Neben, u. Wechselglied mitbringt, oder von ihm mitgebracht wird? Antw. Die absolute Reflektirbarkeit, das Wir, oder Ich: und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/] W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten.“ (ebd. S 242, Z 6ff Hervorhebung von mir)

3) Ich habe im 1. Teil  die genetische Erkenntnis des Heiligen – und in gewissem Sinne war die ganze christliche Gemeinde darin ihm ähnlich und darin „eingeweiht“ -, als Begründung und Rechtfertigung der kirchlichen Hierarchie und der sittlichen und religiösen Ordnung der christlichen Gemeinde behauptet. Welche Kriterien sollten sonst angelegt werden! Eine historische Begründung wäre ein Zirkel, d. h. ein Ereignis verweist auf ein anderes.  Vielmehr nur aus der Ableitung eines Erkenntnis- und Denkzusammenhangs und Geschichtszusammenhangs – von mir im Begriff der  Repräsentation zu fassen versucht – kann die sakramentale Wirklichkeit einer irdischen, kirchlich wie weltlichen  Hierarchie und einer sittlich-religiösen Gemeinschaft der Kirche begründet werden.

Das Existieren als solches zu erfassen (in Wissensform) ist bereits eine Repräsentation, und die Glaubensform bindet die Ichform (die Wissensform/Lichtform/Repräsentationsform) zurück auf den Inhalt einer unerschöpflichen Wertfülle eines durch sich selbst bestimmten Willens.

Noch zwei Abgrenzungsbedingungen seien besprochen: a) Keinesfalls liegt in der genetischen Erkenntnis eine bloß intuitionistische Erkenntnisform, wie es vielleicht ein Jacobi gern gehabt hätte, den Glauben über das Wissen zu stellen, sondern intelligierend wird die Existentialform des Wissens durchdrungen von der Ur-Erscheinung des Absoluten. Das Wissen spaltet sich infolge dieses Ursprungs erst in einen intuierenden und reflexiven Akt – und dadurch kommt es zu einer verobjektivierten Form des Wissens.

Die genetische Erkenntnis ist auch nicht eine bloße realistische oder idealistische Supposition eines gedachten Absoluten, wie sich Schelling und Hegel das ausgedacht haben, womit sie sowohl die formale Geschlossenheit des Wissens, wie den glaubensmäßigen Inhalt der Erscheinung des Absoluten verfehlten, sondern lebendige Genesis einer Erkenntnis der Gewissheit des Absoluten und Erkenntnis der Erkenntnis durch die Lichtform des Wissens und des Glaubens.

Die mystische Teilhabe am göttlichen Leben ist in der höchsten Form der Repräsentation des Absoluten keine irrationale oder romantische, intuitionistische oder idealistische Teilhabe, sondern differenzierte Teilhabe an der Lichtform des Absoluten (als Als-Erkenntnis, als Wissensform) und wesentlich bezogen auf die geschichtliche Sinnidee einer positiven Offenbarung.

Den Aufstieg zu einer Begründung des Wissens aus dem Absoluten zu erreichen (in transzendentaler Analyse und negativer Theologie), ist deshalb nur die halbe Wahrheit; genauso entscheidend und in gewissem Sinne schwieriger ist der Abstieg und die synthetische Anwendung des genetischen Anspruches von Wahrheit auf die real-geschichtlichen Freiheits- und Sinnbildungen in repräsentativer Form!

Dazu der 4. Teil. 7

(c) Dr. Franz Strasser
20. 9. 2019
————–

1J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, WL 1805 in Bd. II, 9: Nachgelassene Schriften 1805-1807. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993. Aus dem Einleitungstext der GA: „Für philosophisch Fortgeschrittene las Fichte Wissenschaftslehre (1805); diese Ausarbeitung wollte er als die vierte und abschließende, vom Winter 1804 an zählend, verstanden wissen. In dieser Wissenschaftslehre stellt Fichte die Transzendentallehre Schritt für Schritt in Auseinandersetzung mit Schellings Position in „Philosophie und Religion“ (1804) und als Überwindung der spekulativen Metaphysik dar.

2  Analog könnte ich sagen: Wie Heidegger das Denken in ein  Verhältnis zum Sein stellte – und so dogmatisch wurde – so steht bei Fichte das Wissen im Verhältnis zur Existenz; aber dieses fragliche Verhältnis ist nicht dogmatisch oder relativistisch angesetzt, sondern nochmals höhererseits bedingt durch das  daseiende Absolute, das implizit in jedem Wissensakt/Lichtakt mit ausgesagt wird, negativ wie positiv.

3Zum Begriff der „Repräsentation“ siehe z. B. Gaetano Rametta, Der Begriff „Repräsentation“ in der Wissenschaftslehre 1805. In: Fichte-Studien Bd, 34, 2009, 153 – 170.

4Gaetano Rametta, ebd. S 163.

5Gaetano Rametta, ebd. S 167.

6 Im Duktus dieser zwei Vorlesungen heißt Glaube nicht blindes Wissens, sondern wie herausgearbeitet, das transzendentale Sehen der Rechtheit und des Guten des durch sich selbst bestimmten Willens. Gäbe es hier kein Vertrauen und keinen Glauben, könnte diese Lichtform und Existentialform des Wissens zwar als Denknotwendigkeit eventuell festgestellt werden, aber diese Faktizität wäre zu wenig. Deshalb der Glaube zwecks Begründung und Rechtfertigung.

7 Der Glaube wurde als dialektischer Gegensatz eingeführt, um die materiale Wahrheitserkenntnis des Wissens als Wissen zu garantieren. Die intelligible Bedingung des Glaubens wirkt zurück auf das notwendige Wesensgesetz des Wissens: Bei aller auffindbaren Notwendigkeit des hervorgehenden Wissens aus der Lichtform der Ur-Erscheinung Gottes muss die Freiheit des Glaubens trotzdem erhalten bleiben, andernfalls käme das Wissen selbst zu keiner letztgültigen und begründeten und gerechtfertigten Erkenntnis, weil es einem metaphysischen Zweifel nicht stand hielte. Die WL mit ihren notwendigen Denk- und Wissensformen ist erst gültig und wahr, wenn sie zugleich im Glauben und in Freiheit realisiert werden kann. Die Aufforderung zum freien Nachvollzug ist konstitutive Bedingung der reflektierenden Analyse. Deshalb aber auch die unendliche Mannigfaltigkeit der vorgegebenen Welt, der Moralität und der Subjekte und der religiösen Ordnung – im ablaufenden Bewusstsein.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser