Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die Priesterweihe von Frauen – 3. Teil

1. Exkurs zum Begriff der Repräsentation.

Im Rückbezug auf einen absoluten Bestimmungsgrund, einer unerschöpfliche Quelle des Wertes und der zu realisierenden Existenz, wird die Generierung einer zeitlichen Reihe und die Generierung einer kirchlichen Hierarchie für mich verständlich. Trotzdem fließen noch viele andere Wissensbedingungen ein, die ich bei weitem nicht kenne. Ein Begriff scheint mir allerdings in diesem Zusammenhang bedeutsam zu sein. Es ist der Begriff der Repräsentation, um den Sinngehalt der vom Heiligen/dem Autor initiierten kirchlichen Hierarchie zu verstehen. Was ist die transzendentale Wissensbedingung, um von „Repräsentation“ überhaupt reden zu können? (Zur Repräsentation in der Kunst – siehe z. B. Blog „Bildtheorien 2. Teil“ – oder „Bestimmung der Gelehrten„) 

Das innere Gesetz des Wollens wurde von Kant durch das „Sittengesetz“ als Freiheit deklariert.1 Das Sittengesetz bedingt die Sichtbarkeit der Freiheit und bringt sie zur Darstellung. Da Kant keine explizite transzendentale Interpersonalität  kannte, bleibt das Sittengesetz ambivalent, zumindest wird es sehr kontrovers diskutiert. 2

Anders die Sitten- und Wertlehre aus der WL Fichtes: die Bildungsakte der bestimmenden und bestimmten Vernunft sind Bildungsakte, die die Freiheit des anderen inhaltlich befördern und bewirken wollen. Bilden ist stets eine positive Freiheitsbeschränkung, eine Selbstbeschränkung der Freiheit im Hinblick auf andere Personen und im Hinblick auf eine geschichtliche Idee, damit die höchste Sinnidee gefühlt und intelligibel erkannt und realisiert werden kann.

Dem Hl. Ignatius/oder dem anonymen Autor schien die religiöse und sakramentale Sinn- und Weltordnung durch eine kirchliche Hierarchie, durch die geschwisterliche Gemeinschaft, durch die Sakramente, notwendig geworden zu sein, damit, säkular ausgedrückt, Freiheit gefördert würde, bzw. eine  religiöse Sinnordnung etabliert werden konnte. Dass die kirchliche Hierarchie nur durch Männer dargestellt war, war im Vergleich zur Aufgabe der Repräsentation überhaupt sekundär, wenn auch notwendiges hermeneutisches Mittel der damaligen Zeit und Umstände. Insofern die religiöse Sinnordnung notwendig geworden war,  so der pragmatisch-prospektive Schluss des Heiligen, bedurfte es einer kirchlichen Ordnung und einer Form der gesellschaftlichen Ordnung bzw. sakramental gesehen, einer kirchlichen und repräsentativen Hierarchie.
Es ist eine komplizierte Sache, eine Repräsentation des Seins abzuleiten und zu behaupten, weil nur  durch und in der konkreten und praktischen Freiheitsrealisierung der Seinsgrund von allem eingesehen werden kann. Es ist nicht alles Repräsentation, was glänzt, wenn auch alles im Bildsein gefasst ist. Ich möchte hier die Notwendigkeit des Repräsentationsbegriffes aber begründet in Anspruch nehmen, weil ohne ihn eine gesellschaftliche und religiöse Wirklichkeit nicht gedacht werden kann. Wie rein philosophisch und formal vom Begriff der „Repräsentation“ gesprochen werden kann – siehe zwei Blogs anhand der
12. u. 13. Vorlesungsstunde der WL 1805. Siehe Link. 3.

Ich halte den Begriff der Repräsentation für sinnvoll,  weil ja in der sakramentalen Ordnung, wie sie z. B. dem Hl. Ignatius oder dem anonymen Autor vorgeschwebt ist, die Anspruchsgeltung und Gültigkeit einer Versinnlichung und Verzeitung der Manifestation Gottes in Zeit und Geschichte behauptet werden kann – ansonsten der ganze Gottesbegriff willkürlich und hinfällig würde. 

Im wörtlichen Sinn könnten die Beschreibungen eines Bischofs/Priesters/Diakon in den IGNATIUS-BRIEFEN nicht verstanden werden; aber auch in einem bloß metaphorisch-symbolischen Sinn wären sie missverstanden und wären dann unterbestimmt: (…) Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; … den Diakonen wie Jesus selbst usw….)
Meine Deutung: Sie repräsentieren einen
performativen Erkenntnis-Sinn, eine auf das Handeln abgestimmte Sinn-Bedeutung, einen  repräsentativen, sittlichen Zweck.
Die
menschlichen Hierarchen, sicherlich auch fehlerhaft, die ganze christliche Gemeinde, die gültige Feier der Sakramente, sie sollen etwas sichtbar machen, zur Darstellung bringen, dass es sonst nicht gäbe in der Welt: eine religiöse Sinnordnung, das Bild des dreifaltigen Gottes, die Ordnung der Erlösung in der Nachfolge Jesu, die Vergebung, die Barmherzigkeit, die Hoffnung,  die Auferstehung, das ewige Leben. Das ist eine plurale Aufgabe der ganzen Gemeinde und im Besonderen auch Aufgabe der Hierarchen in individuo. Die ganze Gemeinde wie jeder einzelne „Amtsträger“, sie sollen etwas repräsentieren, m. a. W., „geweiht“ (siehe z. B. Offb 1, 6) sein.

1) Kurzer Exkurs zum Begriff der „Repräsentation“ in der WL 1805.4 Fichte kommt am Schluss der 12. Vorlesungsstunde auf den Existentialakt des Wissens zurück, um ihn notwendig durch den Glaubensakt zu ergänzen

Das Absolute als Grund des Lichtes ist „im Grundseyn“ des Existentialaktes formal gewusst. Sobald es aber reflektiert und projiziert und objektiviert wird, kann es nicht mehr das Absolute sein. „Dies gilt nicht, u. dies nicht gelten lassen ist eben der Glaube, durch welche allein die W.L. zum Absoluten kommt, u selber wird.“ (13. Vorlesungsstunde, ebd. 238, Z 15, Hervorhebung von mir ). Die höchste, oberste Einsicht in das Absolute ist sein „existieren, als existieren, in der sich selber aufgehenden Form des Intelligierens“ (Ende 12. Vorlesungsstunde, GA II, 9, S 237, Z 12).Wenn es diese Existentialform des Absoluten gibt, so existiert das Lichtsein ebenfalls in einer Selbstständigkeit des Grundseins. denn das Existiren ist ja selbst Licht: Licht aber ist Grundseyn, u. So bringt allerdings das Licht, aber nicht das verborgene der W. L., sondern das ihr offenbare des göttlichen Existieren den Grund mit. – Sie die W. L. kann nichts mitbringen, denn sie vernichtet sich, u. wird erst durch diese Selbstvernichtung.“ (ebd. Z 22ff)

Fichte analysiert das Lichtsein in seiner Existentialform des Absoluten näher:Nun ist das göttliche Existiren allerdings Licht; aber es ist dadurch noch nicht unmittelbar ges<ag>td, daß das Lichte ist, in äusserer, in sich selbst geschloßner ExistentialForm. Darauf haben wir gestern schon gedeutet, sagend, dieses göttliche Grundseyn ist ein geschloßenes, u. vollendetes, also nicht bloß Existiren, sondern Existenz zugleich: die äussere Existenz des Existirens also wäre erst das selbstständige Seyn des Lichtes.(ebd. S 239, Z 13ff)

Fichte möchte in diesen Zustand der äußeren Existentialform des Lichtes eindringen, die einerseits doch nur eine bloße Form ist, andererseits begründet und gerechtfertigt ist in ihrer Wahrheit und Rechtheit. Es kann die Form des Lichtes nicht bloßer Exponent und Verobjektivierung des Absoluten sein, denn dann wäre das Absolute realistisch oder idealistisch skeptisierbar  – und das ganze Niveau der bis jetzt transzendental eingesehene Einheit in der Lichtform (von Absolutem und Licht) wäre überhaupt wieder am Boden. Die bloße Faktizität begründet und bewährt noch nichts, es muss eine weitere Form der Erkenntnis geben:  M. a. W. der modus essendi der Wissensform/Existentialform (im weiteren Sinne der Zustand des Bewusstseins) soll nicht eine einseitige Supposition eines realistisch gesetzten Wissens „a“ oder eines idealistisch gedachten  Absoluten sein – wie sich Schelling bzw. Hegel das ausgedacht haben (ebd. Z. 12) – sondern soll eine „vollendete Klarheit“ (ebd. Z 13) sein. 

Was kann prinzipiell im Grundsein und in der äußeren Existentialform des Lichtes (=des Wissens) in und aus dem Absoluten noch gesehen und gedacht werden? Fichtes Antwort hier – und in den weiteren Vorlesungsstunden der WL 1805 wird er dies weiter explizieren  und deduzieren – ist ein selbstständiges Bilden und Begreifen der Möglichkeit nach. Sobald diese Möglichkeit realisiert wird, ist zwar nur mehr ein bestimmter  und nicht mehr unmittelbarer Wissensbezug zum Absoluten realisiert, aber deshalb geht der Bezug selbst nicht verloren: Die Lichtform und die im Glauben erfasste Rechtheit und Wahrheit der Erscheinung des Absoluten wird in allen Konkretionen und Bestimmungen mitgenommen, sofern der Wahrheit und Rechtheit gemäß die Erscheinung des Absoluten gelebt wird.  Die Erscheinung des Absoluten, sofern davon auszugehen ist, zeigt sich notwendig in repräsentativer Form. 5

Nicht allgemein, durch rekursiven Begriff gewonnen, „repräsentiert“ sich das Absolute, sondern, wie in der 10. und 11. Vorlesungsstunde der WL 1805 vorbereitet, in der konkreten, existentialen Lichtform des Wissens und des Glaubens. (12. Vorlesungsstunde). Die Projektionsform des Lichtes ist unmittelbar Gottes Existenz oder „Existentialakt“. Wenn Gott sich projiziert, dann trägt die göttliche Existenz schlechthin notwendig die Lichtform an sich (vgl. ebd. 10. Stunde, S 224, Z 14ff), und diese wiederum schließt notwendig Gottes Aufnahme in die Ichform ein.6

Kraft existentialer Lichtform ist das Absolute in der Ichform, und kraft dieser Ichform in persona und in individuo des Glaubenden und einer sittlich zu erstrebenden Interpersonalität. Das, was zur Erscheinung kommt, ist kein bloßes Etwas, sondern das aus der Rechtheit und Lichtheit des Absoluten übergehende Soll einer Repräsentation im Erkennen, Wollen und Handeln.

Unmittelbar vermittelt sich das Absolute nicht in einem Existentialakt des Lichtes, aber vermittelt (in Differenz) vermag es eine Repräsentation in der Ichform zu geben, in individuo und in communio einer sittlichen Gemeinschaft. Existieren ist Repräsentieren“.7 Im wahrhaften Bildsein, in der Bewährung des wahren Bildseins, in einer Form der Repräsentation, vermag das Absolute in Erscheinung zu treten.

Die Repräsentation des Absoluten im „Ich“ (in communio und in individuo) ist dadurch einerseits vom Wissen her rückbezüglich, reflexartig gesetzt, in individuo und in der brüderlichen/geschwisterlichen Liebe,  andererseits kann sich diese Idee nur realisieren, indem in individuo und in communio tatsächlich die Realisierung, das freie Repräsentieren, folgt.

M. a. W.: Das Absolute in seiner Erscheinung kann nur so innerhalb des Wissens gedacht werden, dass es einerseits a) nur via negativa durch begriffliche Negation, apophatisch, gedacht werden kann,  andererseits b) ebenso via positiva im Glauben, kataphatisch, bekannt (bezeugt) werden kann,  und, was jetzt wesentlich ist, c) konkret in der Rückbezüglichkeit einer zeitlichen Realisierung eines absoluten Bestimmungsgrundes mittels positiver Offenbarung.
Für den Heiligen/den anonymen Autor war dieser geschichtliche Bestimmungsgrund eindeutig: JESUS CHRISTUS bestätigt das unmittelbare Wissen von Gott und die bisherige geschichtliche Tradition des Volkes Gottes – und im lebendigen Rückbezug auf diese Person ist diese unmittelbare Gotteserkenntnis bestätigt und neu ermöglicht. Das unmittelbare Wissen Gottes ist genetisch sichtbar geworden – und kann weiterhin repräsentativ sichtbar werden, wenn man sich auf diesen absoluten, pertinenten Bestimmungsgrund der Zeit, der Erlösung, der Sinnidee in JESUS CHRISTUS zurückbezieht.

2) Es ist ja m. E. bemerkenswert, wie differenziert scharfsinnig und unbekümmert der Heilige/der Autor mit religiösen Traditionen umgeht: Einerseits glaubt er an eine sakrale Ordnung und deutet die überlieferten Begriffe neu, andererseits sieht er die vergeblichen Versuche, die Gottheit zu erreichen und polemisiert gut und gerne gegen die Gnosis, gegen die Heiden, manchmal sogar gegen jüdische Tradition. Der Begriff der Religion hat für den Heiligen (den Autor) eine neue differenzspezifische, transzendental-reflexive und transzendental-kritische Begründung durch die positive Offenbarung in JESUS CHRISTUS erfahren.

Den Aufstieg zu einer Begründung des Wissens aus dem Absoluten (via negativa durch das Wissen und via positiva durch Glauben) ist, wie möchte ich sagen, eine rationale Mystik einer philosophischen Theologie und Erscheinungslehre, und deshalb dieser so metaphernhafte, performative Redestil. 

Die synthetische Anwendung und Schematisierung der Gotteserkenntnis mittels positiver Offenbarung führte den Heiligen/den Autor offensichtlich zu einer repräsentativen und sakramentalen Form des Wissens.

© Franz Strasser

25. 3. 2019

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1Kant, KpV, § 6, Anmerkung: „Freiheit und unbedingtes praktisches Gesetz weisen also wechselsweise auf einander zurück. Ich frage hier nun nicht: ob sie auch in der That verschieden seien, und nicht vielmehr ein unbedingtes Gesetz blos das Selbstbewußtsein einer reinen praktischen Vernunft, diese aber ganz einerlei mit dem positiven Begriffe der Freiheit sei; sondern wovon unsere Erkenntniß des unbedingt Praktischen anhebe, ob von der Freiheit, oder dem praktischen Gesetze. Von der Freiheit kann es nicht anheben; denn deren können wir uns weder unmittelbar bewußt werden, weil ihr erster Begriff negativ ist, noch darauf aus der Erfahrung schließen, denn Erfahrung giebt uns nur das Gesetz der Erscheinungen, mithin den Mechanism der Natur, das gerade Widerspiel der Freiheit, zu erkennen. Also ist es das moralische Gesetz, dessen wir uns unmittelbar bewußt werden (so bald wir uns Maximen des Willens entwerfen), welches sich uns zuerst darbietet und, indem die Vernunft | jenes als einen durch keine sinnliche Bedingungen zu überwiegenden, ja davon gänzlich unabhängigen Bestimmungsgrund darstellt, gerade auf den Begriff der Freiheit führt.“

2Zu einer materialen Auslegung des Sittengesetzes – siehe Bernward Grünewald. Form und Materie der reinen praktischen Vernunft, 2004.

3Bei meiner sporadischen Lektüre von Husserl fiel mir der Begriff der „Repräsentation“ ebenfalls auf. Aber inwiefern mir Husserl eine Hilfe wäre, würde ich bezweifeln. Das Korrelations-Apriori von Bewusstsein und Gegenständlichkeit, die eidetische Reduktion, das „transzendentale Bewusstsein“, der Sinn-Begriff selbst, die „genetische“ Erklärung etc., diese, wie er sie nennt, „phänomenologischen“ Grundlagen, sie sind für mich erkenntniskritisch nicht haltbar. Ein intentionales Gerichtetsein auf eine unbekannte Gegenständlichkeit und ein vorstellendes Ich, wodurch die Ähnlichkeit zwischen einem Bild und einer Sache geschaffen sein soll, das ist und bleibt dualistisch. Das subjektive Reflektieren in diesem Analysieren und die Gegenständlichkeit sind ewig getrennt. Die von Husserl eingeführte Klassifizierung der Vorgänge des Bewusstseins oder eingeführten Begriffe wie z. B. „Noema“ etc., das ist für mich abstrakte Einschau in das Ding an sich. Es wird die Einheit von Denken und Sein und der einheitliche Akt von Erkennen und Handeln beschworen, kann aber nicht mehr eingeholt werden, weil von vornherein der Denkakt getrennt ist von der angeschauten Gegenständlichkeit. Wie sollte das Denken oder Wissen dann noch etwas „repräsentieren“ können? Repräsentation“ könnte vielleicht in einem weiten Sinne einer verklärten, verwandelten Weltsicht gesehen werden, im Sinne von „res et signum“, wie es der Hl. Bonaventura beschrieben hat.

4J. G. Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, WL 1805 in Bd. II, 9: Nachgelassene Schriften 1805-1807. Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993. Aus dem Einleitungstext der GA: „Für philosophisch Fortgeschrittene las Fichte Wissenschaftslehre (1805); diese Ausarbeitung wollte er als die vierte und abschließende, vom Winter 1804 an zählend, verstanden wissen. In dieser Wissenschaftslehre stellt Fichte die Transzendentallehre Schritt für Schritt in Auseinandersetzung mit Schellings Position in „Philosophie und Religion“ (1804) und als Überwindung der spekulativen Metaphysik dar.

5Zum Begriff der „Repräsentation“ siehe z. B. Gaetano Rametta, Der Begriff „Repräsentation“ in der Wissenschaftslehre 1805. In: Fichte-Studien Bd, 34, 2009, 153 – 170.

6Gaetano Rametta, ebd. S 163.

7Gaetano Rametta, ebd. S 167.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser