Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 1. Teil

Fragen der heutigen Leib-Seele-Forschung, Fragen nach dem Anfang der Welt, Fragen nach der Welterklärung (Stichwort: „Intelligent Design“), Fragen nach der Würde des Menschen angesichts vieler naturalistischer Theorien etc. lassen sich meines Erachtens nur von einem grundlegend transzendentalen Standpunkt aus lösen. DESCARTES, KANT und FICHTE stellen hier eine Wende dar. Prinzipiell verstehe ich unter einem transzendentalen Standpunkt, dass die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung – so nach Kant – bzw. die Bedingung der Möglichkeit des Wissens und der Wissbarkeit – so nach Descartes und Fichte – bei jedem Erkenntnisakt mitreflektiert werden müssen. Alle begrifflichen Momente einer Erkenntnis, sei es auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, oder der Gesellschaftswissenschaft, sind Kategorien einer Synthesis, die als diese Synthesis in ihrem Gesamtkontext und Verstehenshorizont nicht herausgelöst werden kann, sondern auf meist unausgewiesenen Axiomen und Voraussetzungen beruht. Sozusagen jede Isolierung des Erkennens widerspräche einem transzendentalen Sinn einer Totalitätserkenntnis, und hätte bereits den begründenden Ursprung vergessen. Diese Erkenntnis wird zu einem bloßen Dogmatismus oder Skeptizismus – was im Grunde dasselbe ist. Der Skeptizist behauptet genauso ein fixe Nicht-Erkenntnis oder einen festen Zweifel, wie der Dogmatiker eine Erkenntnis (ohne transzendentalen Sinn.)

Wie kam es zur Transzendentalphilosophie?
„Hinter den großen spekulativen Systemen des 17. (17./18.) Jahrhunderts bleiben die metaphysischen Leistungen des 18. Jhd. weit zurück“, so die Sicht von Heinz HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967, 79.

Es hat sich in der Schule CHRISTIAN WOLFFS und seiner Schüler ein rationalistischer Begriff des Seins und des Wissens durchgesetzt, wodurch es allein genüge, die widerspruchsfreie Möglichkeit eines Begriffes zu denken, um sein Sein zu erkennen. Metaphysik, und damit die höchsten Dinge des Seins wie Gott, Welt, Seele, schienen als deduktiv-logische Systeme ausführbar und hatten deshalb ihre apodiktische Evidenz.
Wenn es widersprüchlich wäre, B nicht anzunehmen, muss B existieren. 

Die Frage, wie sich Begriffe auf das Sein beziehen?,  wurde in ihrer Genesis aber nicht mehr gestellt. Jedes Moment inhaltgebender Anschauung war aus dem  Erkenntnisbegriff gebannt. (So nach Heimsoeth).
Die ontologischen Fundamentalprinzipien waren identisch mit denen Prinzipien der Logik, mit dem Satz vom Widerspruch und dem Satz vom Grunde.

Die Ontologie vermag den Grund des Seinssystems zu legen, es folgen die abgeleiteten Disziplinen: 1) Kosmologie als rationale, sich ablösend von aller empirisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis einzelner Naturerscheinungen ausgeführte Wissenschaft; 2) natürliche Theologie, vom Offenbarungswissen sich ablösende Wissenschaft und
3)
rationale Psychologie, vom empirischen Beobachten des Psychischen sich ablösende Wissenschaft von der Seele.

In demonstrativer Form konnte das Dasein und Wesen Gottes, die immaterielle Substanz und Unsterblichkeit der Seele,  und die Erkenntnis der Welt dargelegt werden. Die Metaphysik, so schien es, ist in den gesicherten Zustand eines vollendeten oder doch leicht vollendbaren Wissenschaftssystem übergegangen.

Entwicklungsgeschichtlich sollte sich aber ab den 50-er Jahren des 18. Jhd. die Situation schlagartig ändern: Es traten CRUSIUS und KANT auf die Bühne.

HEIMSOETH stellt in den Mittelpunkt des Interesses der beiden Denker die Realität der menschlichen Willensfreiheit. Wo bleibt die Individualität und die Freiheit des Menschen, wenn alle Monaden religiös-teleologisch im Sinne einer prästabilierten Harmonie wirken bzw. alles, was geschieht, nach der Theodizee aufgelöst werden kann, wie LEIBNIZ lehrte? Und wo bleibt die einzelne endliche Substanz, wenn sie nur ein modus der einen göttlichen Substanz ist (SPINOZA)?

(Zu LEIBNIZ und SPINOZA siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz

http://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_Spinoza )

Freiheit ist nach der rationalistischen Metaphysik etwas ganz und gar Irrationales. Ebenso tauchten andere Fragen auf, die unter dem Problem der Antinomien bei KANT später zusammengefasst wurden. 

Eine neue Forderung nach der Kritik der erkennenden Vernunft, d. h. auf Festlegung der Grenzen menschlicher Erkenntnis und auf Sichtung ihrer Kriterien, stand förmlich im Raume und wartete auf eine Ausarbeitung. Die Erkenntnis der Wirklichkeit kann nicht auf eine logische  Zusammenfügung von Begriffen reduziert werden!  Was widerspruchslos gedacht werden kann, muss noch nicht wirklich sein und existieren. Wie geschieht erkennen? Was können wir erkennen (wissen)? Was können wir erhoffen? Was sollen wir tun? – So einmal die drei Fragen bei KANT. 

HEINZ HEIMSOETHS Verdienst  ist es gewesen, bei KANT sowohl den Unterschied zur rationalistischen Metaphysik als auch die kritische Renaissance der Metaphysik erkannt zu haben. Es kann man mit KANT auf den breiten Strom der Tradition zurückgeblickt werden, aber auch die nächstfolgenden Zeitabschnitte der Philosophiegeschichte können dadurch interpretiert werden.  Es ist eigentlich sagenhaft, wie in ca. 30 Jahren seit dem ersten Erscheinen der KrV und den Wissenschaftslehren Fichtes die Transzendentalphilosophie ihren Höhepunkt und ihre Vollendung erlangt hat (1781 – 1804), und wie abrupt plötzlich und schockierend der Weg von Kant und Fichte abgebrochen wurde. 

Siehe  HEINZ HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967.

(c) Dr. Franz Strasser, 25. 5. 2015

 

Zur Bedeutung der Dialektik

Zur Bedeutung der Dialektik

HANS POSER hat in in einem sehr instruktiv und verständlich geschriebenen Buch zur Wissenschaftstheorie (Reclam 2001) die Methode der Dialektik als einen möglich Grundansatz wissenschaftlicher Erkenntnis beschrieben (neben der Analytischen Philosophie und der Hermeneutik und der Evolutionstheorie). Prinzipiell kann ich ihm zuzustimmen, aber leider geht er von einem sehr engen und verworrenen Begriff der Dialektik aus. Es bleibt für POSER nur mehr ein rudimentärer Rest von Dialektik über, charakterisiert als Fragemethode, um Theorien zu falsifizieren (wie bei POPPER) oder bessere Theorien zuzulassen (wie bei FEYERABEND) oder um eine dem hermeneutischen Vorurteil entgegenstehende Meinung besser herauszuarbeiten. Dialektik führt „zwangsläufig auf Elemente des analytischen und des hermeneutischen Ansatzes zurück (….)“ (ebd. S 255).

Nach Hegel stellt ein bestimmter Begriff von sich her eine bestimmte Bereichsnegation dar, welche Negation er folglich in den Dingen selber sieht! Der dialektische Grund dieser abstrakten Begriffs-Dialektik bleibt völlig im Dunkeln und entbehrt schließlich jeder Rechtfertigung und Moral, weil die angebliche Selbstbewegung des Begriffes höher steht als deren kritische Analyse und deren Unterscheidungs- und Beziehungsgrund. Wenn aus der Wechselwirkung der Begriffe die dialektische Bewegung aus den Phänomenen selbst folgern soll, ist der Weg zu einem dialektischen Materialismus nicht mehr weit, wie ihn F. ENGELS oder K. MARX gegangen sind. Das Bewusstsein ist Ausdruck einer selbst wechselwirkenden Materie. Dadurch kam aber unsäglich viel Leid in die Welt – wenn man an die Ideologien denkt, die solche materiale Dialektik zur Grundlage ihrer Gesellschaftstheorie und Geschichtsphilosophie erkoren haben.

Natürlich weist auch POSER einen materialistischen Begriff von Dialektik zurück, erfasst ihn aber nur mehr als heuristisches Prinzip ohne methodische Konsequenz und wissenschaftlicher Relevanz. 

1) R. LAUTH, K. HAMMACHER und zahlreiche andere kompetente FICHTE-Rezipienten haben darauf hingewiesen, dass gerade FICHTE es war, der den Begriff der Dialektik, wie er bei PARMENIDES und PLATON begonnen und bei ARISTOTELES zu einer Topik transformiert wurde, transzendental wieder neu aufgenommen und als Grundlage der Begründung von thetischen Urteilen und einer transzendentalen Logik genommen hat. Dem Worte nach hat FICHTE zwar kaum von „Dialektik“ gesprochen, weil er gerade die „Dialektik des Scheins“ bei Kant zurückweisen wollten, dem Begriffe nach hat er aber durch sein analytisch-synthetisches Verfahren das Wesen der antiken, vor allem platonischen Dialektik, expliziert und vollendet.

Etwas vorläufig von mir gesagt: Die Dialektik ist eine methodische Denkform (oder Erkenntnisform), um das Wissen der Ideen zu erreichen und  sie darzustellen. 

(Zu den historischen Anfängen des Begriffes und bei PLATON siehe download: Historisches Wörterbuch der Philosophie. HWPh, Dialektik)

PLATON unterscheidet im SIEBTEN BRIEF einmal zwischen Benennung, Erklärung, Abbild und Wissen. Der höchste Standpunkt des Wissens – der ist nur durch Dialektik zu erreichen. Könnte ich kein sicheres Wissen erreichen, wären auch die anderen Stufen der Erkenntnis fragwürdig, die Benennung, die Erklärung oder das Abbild. Das antike Dialektik-Verständnis eines PLATON zu erreichen, dazu bedarf es selbst bereits eines transzendental-reflexiven Standpunktes, um die komparativ zu vergleichenden Textstellen zur Ideenlehre angemessen beurteilen zu können. In diesem Sinne hat eigentlich erst Fichte den vollen Sinn der platonischen Dialektik aufgeklärt.

2) Bei KANT ist die Dialektik eine „Dialektik des Scheins“ geworden, weil die Vernunft zwar die unbedingten Erklärungsgründe für die Welt, die Seele und alles (Gott) sucht, aber der endliche Verstand an die sinnliche Anschauung gebunden bleibt, sodass über diese Dinge nichts Sicheres gesagt werden kann. Es gibt nach Kant eine Unvermeidlichkeit eines transzendentalen Scheins, der uns unhintertreiblich anhängt (KrV A 298, 339; B 354, 397). Es ist bei Kant dieses Schwanken zwischen Verstand und Vernunft festzustellen – und trotz der Kritik des Gebrauches der Verstandesformen zur Bildung allgemeiner Ideen hinsichtlich der Erfahrung bejaht er eine „objektive, aber unbestimmte Gültigkeit“ solcher synthetischer Sätze einer unbedingten Idee, subjektiv als Maxime (KrV A 680). Er nennt diese Ideen „regulative“ Ideen, die im „regulativen“ Vernunftgebrauch als „heuristisches“ Prinzip und zur „Regel möglicher Erfahrung“ (KrV A 663, B 691) dienen.

Fichte wird inhaltlich diese Fragen von allem Anfang an in seiner WL aufgreifen, weil es nicht sein kann, dass die Vernunft mit sich selbst im „Missverstand“ (KrV A 663, B 691) lebt. Entweder ist die Erfahrung des Subjekts logisch strukturiert, dann müssen auch logische Aussagen über die „Gegenstände der Erfahrung“ (nach Kant) möglich sein, oder es bleibt ein ständiges Schwanken zwischen einer phänomenalen Erscheinungsweise der Dinge und einer transzendentalen Sicht der Dinge.

FICHTE wird sich einerseits ebenfalls an die logischen Urteilsformen des Verstandes halten, vorallem an das logische Widerspruchsprinzip, aber die Kategorien des Verstandes und die Grundsätze des Verstandes können von einer höheren Vernunfteinheit abgeleitet und begründet werden. Einen Widerspruch, der bloß durch die Betrachtungsweise der Gegenstände (phänomenal oder transzendental) entsteht, kann logisch nicht zugelassen werden und entspricht auch nicht dem Gebrauch der Vernunft. 

3) K. HAMMACHER hat in mehreren Artikeln den hervorragenden Dialektikbegriff bei FICHTE herausgearbeitet: Dieser macht in seiner Dialektik nie die Anschauung selbst zum logischen Grund der Unterscheidung,1 sondern die konträr gesetzten Entgegensetzungen bleiben in der Anschauung und Erfahrung auf einen Denkakt zurückbezogen. Es ist zwar der Anspruch einer Logifizierung der Anschauung gestellt, aber die Anschauungsebene wird nicht idealistisch/realistisch überschritten, sondern mittels der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft werden die Gegensätze auf die (intellektuelle und sinnliche) Anschauung transzendentallogisch bezogen. HAMMACHER weist dies anhand der logisch-methodischer Beweisführung der GRUNDLAGE von 1794/95 und in der WLnm von 1796/97 nach.

Im Anschluss an S. MAIMON bestimmt FICHTE neu die intellektuellen Anschauung und erkennt die Absolutheit der Position des „Setzens“ in der Einheit eines Ichs (einer Ichheit). Die Position des Setzens generiert sowohl eine ideale wie reale Reihe der Anschauungen und des Denkens in der Form einer Begrenzung. Die „reellen Folgen“ (MAIMON) bestehen dann darin, wenn dieses Setzen weiter analysiert werden soll, dass – wiederum nach Maimons Regel – „wenn überhaupt etwas gesetzt wird, etwas anderes auch überhaupt gesetzt werden muss“. (K. Hammacher, ebd. S 470.471)

FICHTE hat aus dieser Regel des Mit-Setzens (nach Maimon)  das Gegensetzen (Entgegensetzen) entwickelt, wonach die Gegensetzung, wenn sie auch logisch Negation ist, dennoch Realität und Negation als gemeinschaftliche Korrelate mit-setzt, d. h. „die Setzung des einen ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern eine von derselben verschiedene Setzung“ (MAIMON, Versuch, S 115): also Gegensetzung des Nicht-Ich ist Mit-Setzung des Ich.

Die Methode und auch Kunst der Dialektik wird es dann sein, die Gegensätze aufzusuchen und sie im Geiste, d. h. in der Einsicht eines (niederen) Begriffes durch das Vermögen der Einbildungskraft zu vereinigen, sei es in der Anschauung, oder im praktischen Tun.   FICHTE nennt es  hauptsächlich analytisches und synthetisches Verfahren.

Dieses Verfahren oder diese dialektische Denkform wird bei C. L. REINHOLD bereits als Reflexion und Abstraktion bezeichnet. Bei Fichte heißt es dann ähnlich, dass man in jedem synthetischen Urteil von dem Unterscheidenden abstrahiert – und auf die Beziehungen zugleich reflektiert. Z. B. wird der synthetische Satz „Der Vogel ist ein Tier“ nur begriffen, weil von dem Unterscheidenden der einzelnen Tierarten abstrahiert wird und zugleich positiv synthetisch der Begriff auf das neue Merkmal „geflügeltes, zweibeiniges Wesen“ bezogen wird.

C. L. REINHOLD erkannte ferner, dass diese Akte des Denkens in Abstraktion und Reflexion Begründungsakte sind. Der Satz vom Grunde ist doppelt, ist Unterscheidungs- und Beziehungsgrund.

K. HAMMACHER (ebd. S. 472) geht dann auf den Unterschied zwischen KANT und FICHTE ein, dass KANT die konträren Gegensätze (z. B. die Körper ziehen einander an und Körper stoßen einander ab) nur auf der Erscheinungsebene vereinigt hat,  FICHTE  sie hingegen logisch und der Sache nach vereinte. Wenn es disjunktive Urteile von einer Erscheinung gibt, so muss der Grund der Disjunktion im Denken selbst gesucht werden, nicht in der Erscheinungsweise.  Die disjunktiven Urteile haben einen gemeinsamen Denkakt, der aufgedeckt werden muss.  FICHTE nennt ihn den „Satz der Teilbarkeit“ (3. Grundsatz der GRUNDLAGE von 1794): wir unterscheiden (analysieren) und beziehen (synthetisieren). Das betrifft  formale Denkformen, Denkformen im Bewusstsein  – nicht in der Realität der Dinge selbst.   

Die Einteilung nach Denkformen besagt, dass alle Sätze, die aus dem ersten und zweiten Grundsatz, dem absoluten Ich und dem teilabsoluten Nicht-Ich, gewonnen werden, die Sphäre der Erkenntnis disjunktiv ausschließend teilen. Sie bilden eine  Totalität, die eingeschränkt und bestimmt werden kann.„Dasjenige, welches ein anderes von der Totalität ausschließt, ist insofern es ausschließt, die Totalität“ (ebd. S. 474) Das Ganze der Totalität ist deshalb immer ein aus Spontaneität handelndes Ich, das aber deshalb auch das Vermögen besitzt, dieses Totalität ins Unendliche zu begrenzen.  (ebd. S 473) 2

Die Spontaneität des Ichs ist eine wandelbare Unwandelbarkeit, eine geschlossene Totalität von Bewusstseinsformen, die aber zugleich in der Erscheinungsform der Zeit und des Raumes den Wandel bestimmt, indem sie die Gegensätze im Schweben der Einbildungskraft zu vereinen weiß. . M. a. W., die Spontaneität ist Akteinheit und zugleich Quellpunkt einer Disjunktion von Denken und Sein und dem Vermögen, ins Unendliche zu teilen und zu begrenzen. 
Mit den Worten HAMMACHERS: FICHTE entdeckt das logische Grundgesetz der Totalitätsbildung durch Beschränkung.
Die Beschränkung (Begrenzung) geschieht dabei mittels Denkrelationen wie Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung, Identität, Satz vom Widerspruch, die sich als konstituierenden Denkakte durch die Erfahrung und durch ein Experiment verifizieren lassen.  „Das Experiment besteht nun darin, (so in der Diktion HAMMACHERS) dass – modern ausgedrückt – die Genese eines Klassenkalküls nachvollzogen wird. (…) Es wird also die quantitative Bestimmung in der extensionalen Deutung vollzogen.“ (ebd. S 474) – und zugleich ein wissenschaftstheoretisches Argument geliefert, warum denn ein Experiment zwecks Beweissicherung überhaupt angenommen werden soll.

M. a. W. mit der GRUNDLAGE § 4 gesprochen: Durch Einbildungskraft wird ein Unterscheidungsgrund in der Anschauung mittels logischer Vorzeichnung geschaffen, der zugleich Reflexionsgrund ist der logischen Bestimmbarkeit der Anschauung. Die Einbildungskraft in ihrem Schweben schafft  die analytische und zugleich logisch-synthetische Bestimmbarkeit, indem sie die Gegensätze zu einer Anschauung vereint. 

Es wird die Unterscheidung nicht in der Anschauung selbst gesucht, als hätte man einen Einblick in die Dinge, vielmehr werden konträre Gegensätze in der (sinnlichen und intellektuellen) Anschauung auf eine logische Einteilung in der Einbildungskraft zurückgeführt – und wiederum können umgekehrt die synthetisch vereinten Gegensätze experimentell auf die Anschauung bezogen werden. Deshalb auch die Affinität der Dialektik zur Erfahrungslogik. Die Einbildungskraft schwebt in der Vereinigung der Gegensätze zwischen den gegensätzlichen Gliedern Ich und Nicht-Ich hin und her (griechisch „dia-legein“), baut so die Anschauung auf, und ermöglicht das experimentelle Überprüfen der Anschauung in der Erfahrung. 

Die Methode einer begrifflichen Erkenntnissicherung der alltäglichen Erfahrung – wie die Fragestellungen eines Sokrates begonnen haben – ist durch FICHTE zu einer nach festen Regeln des Vorgehens entwickelten Denkform geworden. 

Die Denkformen werden bezogen auf die real-konkrete Ebene der Hemmungen und Aufforderungen (Benennungen, Erklärungen, Abbildungen – SIEBTER BRIEF), und je nach deduktiver Höhe der Ableitung werden diese Gegenstände der Erfahrung (der Natur, der Interpersonalität, der Moralität, der Religion, der Geschichte)  theoretisch und praktisch bestimmt. (vgl. K. Hammacher, ebd. S 475)

4) Die Dialektik übertrifft dabei alle anderen Erkenntnismethoden (Analytische Philosophie, Hermeneutik, Evolutionstheorie), die immer von einem idealistischen oder realistischen Überhang ausgehen: Der Idealismus oder Rationalismus, der anmaßend eine höchste Einheit der Erkenntnis behauptet, kann genetisch zu der Vielheit der Erscheinungen nicht übergehen (am konsequentesten war hier SPINOZA), der Naturalismus oder Empirismus kann umgekehrt nicht erklären, wie aus sogenannter „Materie“ ein Übergang zum Bewusstsein möglich sein soll. Erkenntnistheoretisch vollbringt die Theorie des Materialismus ständig das Kunststück, subreptiv aus einem faktischen hoc oder post hoc in der Erscheinung ein zu denkendes propter hoc zu erzeugen. Das positive Sein der materiellen Gegebenheit wird zur Sichbezüglichkeit des Wissens verwandelt, möglichst im mikroskopischen Bereich, worin die Übergänge nicht mehr klar sichtbar sein sollen. Die Analytische Philosophie übernimmt m. E. unkritisch und undialektisch die Elemente und Gebrauchsweise der Sprache, ohne deren Vollzugsform auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin zu überprüfen. Der Evolutionismus kennt überhaupt kein Verstehen unzeitlicher, apriorischer Begriffe.

5) Die Dialektik als Vereinigung der Gegensätze (in formaler Hinsicht, mittels Vermögen der Einbildungskraft) ist in der GRUNDLAGE von 1794/95 bis Ende des § 4 in logisch-theoretischer Weise geschildert. Das logisch ausschließende und einschränkende Verfahren der dialektischen Bestimmungen werden ab § 5 des praktischen Teils auch auf das Handeln und Wollen übertragen. Die Einbildungskraft vermittelt ursprünglich nicht nur faktisch zwischen Reflexion und Hemmung, sondern wesentlich auch praktisch zwischen unendlicher und an ihr Ende gekommener Tätigkeit. Die Dialektik offenbart damit nicht nur, wie es zur Identität in einer Vorstellung kommen kann, mithin zur Identität von Anschauung und Begriff in einem quantitativen Urteil, sondern offenbart wesentlich auch eine praktische Erkenntnisweise, wenn es gilt, den werthaften-sittlichen Charakter der Wirklichkeit erkenntnistheoretisch zu erfassen. Wiederum ist die Parallelität zu PLATON leicht festzustellen: die platonische „diahairesis“ und die Methode der Erkenntnis mittels Ideen ist in ihrer höchsten Form ja eine praktische Idee, „jenseits des Seins“, wie es heißt, die Idee des Guten.

In der  Terminologie FICHTES: Das dialektische Bilden der Einbildungskraft und des Verstandes ist ein freies Selbstbestimmen mit Bezug auf Wahrheit als höchster Wert und bedeutet vom praktischen Handeln her ein intentionales Bezogensein auf ein unbedingtes Soll. M. a. W., die praktische Soll-Bestimmungen einer geforderten Übereinstimmung von Ich und Nicht-Ich wird theoretisch geschlossen und erreicht in der Vorstellung, dem praktischen Streben nach darf sie nicht erreicht werden, weil damit die bedingende Möglichkeit des Strebens selbst begrenzt würde, mithin würde die existenzielle Bedingung selbst wegfallen.

Bekanntlich kann eine pragmatische oder Analytische Philosophie, wie sie im angelsächsischen Bereich verbreitet, die Tür von deskriptiven Ist-Sätzen zu präskriptiven Soll-Sätzen nicht mehr auftun, weil sie prinzipiell schon zu spät kommt, wenn nicht von vornherein die konstitutive Bezug zum Soll der Wahrheit und des Guten feststeht. Moral oder ein Wert kann von einem biologischen Evolutionismus oder einem vorgegebenen Sein nicht abgeleitet werden.

6) Ganz besonders deutlich wird dies im Erfassen der Sinn-Idee. Sie kann nicht relativiert oder geleugnet werden, denn konstitutiv ist die menschliche Vernunft auf Sinn und Erfüllung (in einem umfassenden Sinn von Zeit und Geschichte) hingeordnet. Die Erkenntnis der Sinn-Idee, inklusiv der dem Sinn widersprechenden Sinnwidrigkeiten , kann ebenfalls nur dialektisch erkannt werden.

Das sichbildende Ich muss sich über die Appositionsfolge der nacheinander einfallenden Hemmungen in Identität durchhalten. Es kann dies aber nur in existenzrelevanten Auseinandersetzungen mit diesen ihr zufallenden Hemmungen. Es kann sich nicht in bloße Unbestimmtheit zurückziehen, da es dann nicht mehr wäre. Es kann sich aber als Streben nach absoluter Erfüllung und vollkommener Realisation der Vernunft auch nicht in endlicher Bestimmtheit abschließen. Es schwebt (dia – legein) zwischen diesen beiden Extremen Bestimmtwerden und freies Selbstbestimmen und vermittelt sie in einem synthetischen Punkt miteinander.1

7) Durch das gesamte analytisch-synthetische Verfahren, oder wir können sagen, durch das dialektische Verfahren der Vernunft, sollen die theoretischen wie praktischen Momente der Reflexion in ihrer gegenseitigen Durchdringung und in ihrer Applikation auf die real-konkrete Ebene des Seins eingesehen und kontrolliert werden. Es ergeben sich damit weitere Fragen: Ist das ursprüngliche Licht der Intuition noch erkennbar? Hängen die davon genetisierten apriorischen Erkenntnisprinzipien in einem System zusammen? Kann das ganze apriorisch-deduktive System wenigstens in groben Zügen überschaut werden? Das Ziel wäre, die vernünftige, erkenntnismäßige Durchdringung der ganzen Wirklichkeit und deren sittlich-konkrete Anwendung.

Die apriorische Gesamtstruktur des Wissens in seinen ursprünglichen Akten des Geistes ist vorgegeben. (Geschlossene, endliche Totalität aller Bewusstseinsformen.) Die intelligente und  grundintentionale Streben nach vollkommener Realisierung der Vernunft und die grundintentionale Ausrichtung auf Wahrheit als Wahrheit, als für das Ich vom Ich sich bewährende Wahrheit, ist   von der inhaltlichen Erfüllung her aber unendlich offen.

Es bleibt durch die inhaltliche Unableitbarkeit der Hemmung wie der praktischen Aufforderung sowohl theoretisch wie praktisch ein  Moment und Rest der Unerkennbarkeit bestehen. Weder durchschauen wir vollständig theoretisch die sinnliche Natur, deshalb bedarf es immer induktiven Erfahrungswissenschaftenund experimenteller Methoden, noch wissen wir praktisch immer konkret und gewiss, was wir tun sollen, obwohl  jedes Handeln und Wollen auf einen material-sittlichen Wert hin geöffnet ist.  Die Hemmung tritt als relativ selbstständiges Moment an und in der Reflexion auf (sie ist aber nicht aus der Reflexion)- und die sittliche Aufforderung ist durch Freiheit bedingt. Die Bedingungen möglichen Bildens (als Grundreflexion des Bewusstseins) bleiben gemäß des Satzes der Teilbarkeit § 3 der GWL ewig bestehen –  freies Selbstbestimmen wie ursprüngliches Bestimmtwerden.

8) Damit ergibt sich aber noch eine Aufgabe für das dialektische Erkennen: Weil die Erfahrungslogik durch dieses Selbstbestimmen/Bestimmtwerden aufgebaut wird, kann es sein, dass es durch Gewöhnung zu einer nicht vernachlässigbaren geistigen „Natur“ und zu einer Art Wandel der Wesensformen kommen kann. Dies zeigt sich z. B. derzeit so, dass die Wesensformen der Erkenntnis stark auf einen naturalistischen Ablauf und Betrieb eingeengt sind: Es gibt quasi nur mehr evolutive oder biologische, hirnphysiologische oder physikalische Erklärungen. Dahinter steckt m. E. eine hybride Selbstermächtigung des Menschen, das selbst festzulegen, was Natur heißt, was Menschsein, Recht, Gerechtigkeit heißt. Die vielen Formen der Naturbeherrschung und der Ausbeutung der Erde entbehren jeder kritisch-denkenden und sittlich-praktischen Valenz. Die Disposition freier Reaktionen ist durch falsche Gewöhnung ziemlich getrübt. Kann eine dialektische Erkenntnisform hier Abhilfe schaffen, indem gerade aus dem Gegensatz zu diesen deterministischen Weltanschauungen neue Synthesen freier Selbstbestimmungen geschaffen werden? Die im transzendentalen Wissen ausgewiesene Reflexion könnte vielleicht durch das angewandte, dialektische Verfahren aus den Gewöhnungen und Einseitigkeiten gerissen werden. Es wäre durch die dialektische Erkenntnisform die theoretische und praktische Bestimmung die Wirklichkeit viel weiter  und mannigfaltiger zu bestimmen. „Das absolute Bilden hat, wo es als freie Stellungnahme sich vollzieht, das Reich des Organischen immer schon oberhalb der geeigneten Materie entfaltet – nicht im realistischen Sinne zeitlich vorher, sondern transzendentallogisch vorher, aus welch letzterem auch resultiert, dass und warum dieses vorher zeitlich gelesen wird.“ (R. LAUTH, Transzendentale Basis, Materialismus und Religion. Vgl. Anm. 5., S 139.) Es kann nicht ein „vorbewusstes“, bloß biologisches Leben geben, das sich von selbst zur Höhe der Vernunft entwickelt bzw. ein geistiges Leben, dass nur eine Art und Weise des biologischen Lebens ist. Zu einer gedanklichen Vorwegnahme einer Zweck- und Zielgerichtetheit ist ein positives Sein (einer Materie) nicht fähig, wie die Evolutionisten blind behaupten. Hier liegt eine Bewusstseinsleistung vor, und das Bewusstsein ist unteilbar. 

9) Die „dialektische Methode“ als transzendentale Erkenntniskritik und Erkenntnisform kann – um noch ein anderes Beispiel zu bringen – ebenso angewandt werden auf das Soziale: Man ist gemeinhin in dem Irrtum befangen, dass es vor aller gesellschaftlichen, interpersonalen Natur des Menschen schon ein individuelles Bewusstsein gibt. „Man verkennt, dass das Individuum nie nur Objekt, sondern von der einen Seite sich vollziehende transzendentale Apperzeption ist und deshalb von der anderen Seite nur Ausgliederung aus dem Gesamtgeiste sein kann. Das überindividuelle Bilden bildet sich wesensgesetzlich zu einem Personenreich mit der zu den darin befassten Ichen komplementären Natur.“ R. LAUTH, ebd., S 139

10) Ich wollte in diesem kurzen Blog nur die erkenntniskritische und praktische Relevanz der Dialektik hervorheben. Es ist keineswegs so, dass sie letztlich, wie oben eingangs behauptet wurde, den anderen Erkenntnismethoden weichen müsste oder darin aufgelöst werden könnte. Gerade umgekehrt ist es, dass  analytische oder hermeneutische Erfahrungserkenntnisse erst durch die dialektische Bestimmung ihren epistemologischen Sinn bekommen.

In der Dialektik offenbart sich sowohl eine erkenntnistheoretische wie sittlich-praktische Relevanz. Es ist immer die Dialektik der basalen Vermittlung der Freiheit mit sich selbst angesichts der sie treffenden Hemmungen und angesichts der interpersonalen Aufforderungen.

Die Methode wissenschaftlicher Erkenntnis kraft Dialektik der Bestimmung müsste jetzt noch viel weiter dargestellt und beschrieben werden – eben für alle Bereiche der theoretischen wir praktischen Wirklichkeit – siehe dazu Literatur z. B. v. K. HAMMACHER. Der Begriff der Dialektik ist durch FICHTE wieder in eine helles Licht gerückt worden. Er knüpft an die große Tradition in der Antike an, schließt an das analysierende Verfahren bei DESCARTES an,  und bereitet den Boden für induktiv-experimentelles Wissen der modernen Wissenschaft.

© Dr. Franz Strasser, Mai 2015

1K. HAMMACHER, Zur Transzendentallogischen Begründung der Dialektik bei FICHTE, Kant-Studien, Nr. 79, 1988. Oder siehe z. B, ders., Problemgeschichtliche und systematische Analyse von Fichtes Dialektik. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, 388 ff

2Mit Ausflug zu LUHMANN gesagt: bei ihm ist die Systemtheorie, die praktisch auf alle Bereich der Wirklichkeit angewandt werden kann, ein total dialektisches Verfahren. Die Systemtheorie schafft sich im Beobachten von Kommunikation und Handlungsabläufen ständig selbst, ist autopoietisch und referiert faktisch in der Form einer Unterscheidung sowohl auf sich selbst wie auf die Welt. Das System trägt sich selbst.  Bei FICHTE hingegen trägt die Spontaneität des „Ichs“ den Begründungsakt der Unterscheidung und Beziehung und ermöglicht dadurch ein System der Prinzipien. Dieses System muss aber notwendig auch ein offenes System bleiben im Hinblick auf die das Bewusstsein treffenden Hemmungen und Aufforderungen. Der Zirkel von Freiheit und Wissen, diese höchste Form der Dialektik, verlangt seinerseits eine „unabhängige Tätigkeit“ (§ 4 GWL), damit es zu einem Sich-Wissen und einer objektiven Ideenerkenntnis kommen kann.   

1 Keineswegs ist es so, dass das Wissen in diesem Schweben der Einbildungskraft nicht geschlossen und evident wäre. Es ist wiederum eine unzulässige Verdrehung und Verkennung von Hegel, wenn er von „schlechter Unendlichkeit“ des Wissens bei FICHTE spricht; er kann nicht unterscheiden zwischen geschlossenem Wissensakt der (unzeitlichen) Einsicht – und zeitlicher, unendlichen Realisierung der Einsicht. Hegel verwechselt ständig Denken der Objekte mit der Vorstellung der Objekte. Die Zeit kann er sich nicht vorstellen. Sie entsteht nicht im Denken und kann nicht aus Begriffen abgeleitet werden.  Das Auseinander der Denkakte in der Zeit, das ist für Hegel subreptiv durch Begriffe überbrückt, bleibt aber bloße Abstraktion, bloße gedachte Synthesis.  Das Nacheinander und die Zeit – das hat Hegel nie abgeleitet.