Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 2. Teil

In den 50-er Jahren des 18. Jhd. ging KANT von der astronomisch und kosmologischen Weltbetrachtung und der Anschauung vom absoluten Raum und der absoluten Zeit nach NEWTON aus. Der absoluten Raum beweist die göttliche Allgegenwart. Die Unendlichkeit des Raumes ist aktuale Unendlichkeit Gottes. Ebenso ist auch die Zeit aktuale Unendlichkeit der göttlichen Ewigkeit. „Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 2. Teil“ weiterlesen

Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 1. Teil

Fragen der heutigen Leib-Seele-Forschung, Fragen nach dem Anfang der Welt, Fragen nach der Welterklärung (Stichwort: „Intelligent Design“), Fragen nach der Würde des Menschen angesichts vieler naturalistischer Theorien etc. lassen sich meines Erachtens nur von einem grundlegend transzendentalen Standpunkt aus lösen. DESCARTES, KANT und FICHTE stellen hier eine Wende dar. Prinzipiell verstehe ich unter einem transzendentalen Standpunkt, dass die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung – so nach Kant – bzw. die Bedingung der Möglichkeit des Wissens und der Wissbarkeit – so nach Descartes und Fichte – bei jedem Erkenntnisakt mitreflektiert werden müssen. Alle begrifflichen Momente einer Erkenntnis, sei es auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, oder der Gesellschaftswissenschaft, sind Kategorien einer Synthesis, die als Synthesen von Anschauung und Begriff (bei Kant theoretisch auf den sinnlichen Gegenstandsbereich eingeschränkt; bei Fichte auf die Wissbarkeit der Wahrheit überhaupt bezogen) alle Erkenntnis und Erfahrung erst ermöglichen. Eine Abstraktion des Denkens, die den Erkenntnisgrund von  Seiten z. B. der sinnlich-subjektiven Erfahrung (Sensualisten, Subjektivisten jeder Art) oder von Seiten realistischer Voraussetzungen oder bloß logisch-rationaler Welterklärung aufbaut, ginge bereits an dieser gesuchten, transzendentalen Synthesis des Erkennens und des Seins vorbei.  

Wie kam es zur Transzendentalphilosophie?
„Hinter den großen spekulativen Systemen des 17. (17./18.) Jahrhunderts bleiben die metaphysischen Leistungen des 18. Jhd. weit zurück“, so die Sicht von Heinz HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967, 79.

Es hat sich in der Schule CHRISTIAN WOLFFS und seiner Schüler ein rationalistischer Begriff des Seins und des Wissens durchgesetzt, wodurch es allein genüge, die widerspruchsfreie Möglichkeit eines Begriffes zu denken, um sein Sein zu erkennen. Metaphysik, und damit die höchsten Dinge des Seins wie Gott, Welt, Seele, schienen als deduktiv-logische Systeme ausführbar und hatten deshalb ihre apodiktische Evidenz.
Wenn es widersprüchlich wäre, B nicht anzunehmen, muss B existieren. 

Die Frage, wie sich Begriffe auf das Sein beziehen, die Frage nach der strukturellen Totalität der epistemischen Relation Begriff/Sein,  wurde in ihrer Genesis aber nicht mehr gestellt, oder einfach vorausgesetzt. Das Moment z. B.  inhaltgebender Anschauung war aus dem  Erkenntnisbegriff gebannt. (So nach Heimsoeths  Kritik an den Rationalisten).
Die ontologischen Fundamentalprinzipien waren identisch mit denen Prinzipien der Logik, mit dem Satz vom Widerspruch und dem Satz vom Grunde.

Die Ontologie vermag den Grund des Seinssystems festzulegen und zu erkennen. Es folgen ergo die abgeleiteten Disziplinen 1.) der Kosmologie als rationale, sich von aller empirisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen einzelner Naturerscheinungen  abgelöste Wissenschaft; 2.) die Disziplin der  natürlichen Theologie, die von allem Offenbarungswissen abgelöste rationale Gotteslehre; und schließlich die Disziplin 3) der rationalen Psychologie, die sich vom empirischen Beobachten des Psychischen ablösende  Wissenschaft der Seele. Aus der ersten allgemeinen Wissenschaft des Seins (der Ontologie) können die anderen Prinzipien und Gegenstände der Erkenntnis abgeleitet und erkannt werden.  

In demonstrativer Form konnte das Dasein und Wesen Gottes, die immaterielle Substanz und Unsterblichkeit der Seele, und die Erkenntnis der Welt dargelegt werden. Die Metaphysik, so schien es, ist in den gesicherten Zustand eines vollendeten oder doch leicht vollendbaren Wissenschaftssystem übergegangen.

Entwicklungsgeschichtlich sollte sich aber ab den 50-er Jahren des 18. Jhd. die Situation schlagartig ändern: Es traten CRUSIUS und KANT auf die Bühne.

HEIMSOETH stellt in den Mittelpunkt des Interesses der beiden Denker die Realität der menschlichen Willensfreiheit. Wo bleibt die Individualität und die Freiheit des Menschen, wenn alle Monaden religiös-teleologisch eingerichtet sind und  im Sinne einer prästabilierten Harmonie wirken bzw. wenn alles, was geschieht, nach der Theodizee der besten aller möglichen Welten aufgelöst werden kann? Und wo bleibt die einzelne endliche Substanz, die extensionale oder die geistige, wenn sie nur ein Attribut der einen göttlichen Substanz ist (SPINOZA)?

(Zu LEIBNIZ und SPINOZA siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz

http://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_Spinoza )

Freiheit ist nach der rationalistischen Metaphysik etwas ganz und gar Irrationales. Ebenso tauchten andere Fragen auf, die unter dem Problem der Antinomien bei KANT später zusammengefasst wurden.  Eine neue Forderung nach der Kritik der erkennenden Vernunft, d. h. auf Festlegung der Grenzen menschlicher Erkenntnis und auf Sichtung ihrer Kriterien, stand förmlich im Raume und wartete auf eine Ausarbeitung. Die Erkenntnis der Wirklichkeit kann nicht auf eine logische  Zusammenfügung von Begriffen reduziert werden! Was widerspruchslos gedacht werden kann, muss noch nicht wirklich sein und existieren. Was können wir erkennen (wissen)? Was können wir erhoffen? Was sollen wir tun? Was ist der Mensch?  Es war die Geburtsstunde einer Neubegründung des philosophischen Erkennens, natürlich in einzelnen Aussagen der Tradition schon da gewesen: Kritik der Vernunft und Festlegung ihrer Grenzen einerseits, andererseits die Bedingungen des Zustandekommens und Funktionierens der notwendigen Relation zwischen Wissen und Sein. Die apriorische Grundlegung der Kongruenz und Korrespondenz zwischen Erkenntnis und Erkenntnisobjekt  – später dann „Transzendentalphilosophie“ – stand im Raume.

HEINZ HEIMSOETHS Verdienst – auf den ich hier nur verweisen kann – ist es gewesen, bei KANT sowohl den Unterschied zur rationalistischen Metaphysik als auch die kritische Renaissance der Metaphysik erkannt zu haben. Es kann mit KANT auf den breiten Strom der  vergangenen Tradition zurückgeblickt werden, aber auch die nächstfolgenden Zeitabschnitte der Philosophiegeschichte können vorausblickend beurteilt  werden. Es ist sagenhaft, wie in ca. 30/40 Jahren mit dem Erscheinen der kritischen Werke Kants  und den Wissenschaftslehren Fichtes die Transzendentalphilosophie ihren Höhepunkt und ihre Vollendung erlangt hat (1781 – 1813), und wie abrupt und bedauerlich, dramatisch und dogmatisch, der eingeschlagene Weg von Kant und Fichte durch SCHELLING, HEGEL u. a. abgebrochen wurde. 

Siehe  HEINZ HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967.

(c) Franz Strasser, 25. 5. 2015