Sprachursprung und Sprache bei J. G. Fichte

KLAUS KAHNERT, Sprachursprung und Sprache bei J. G. Fichte. In: Sinn-Reflexion-Freiheit. Aspekte der Philosophie J. G. Fichtes. Hrsg. v. C. Asmuth, 1997, 191-219.

I) Ich referiere hier anfangs einen Artikel von Klaus Kahnert und möchte in einem zweiten Punkt die Sinnbestimmung der Sprache weiterführen. Ich referiere ziemlich wörtlich, weil die Gedanken Fichtes zur Sprache eine derartige Subtilität und Fülle aufweisen, dass ich nicht wüsste, was ich als nebensächlich ausscheiden oder fallen lassen könnte. Der Artikel von K. Kahnert bietet mir dafür einen großen Überblick.

1) Fichte kennt die Frage nach dem Ursprung der Sprache als eine in seiner Zeit häufig gestellte Frage, siehe z. B. bei Hamann, Herder, Humboldt.
Vom transzendentalen Standpunkt der Position des Denkens her, von der sinnlichen Genese der Begriffe durch Einbildungskraft und von der praktischen Intention her, nimmt Fichte m. E. unter allen idealistischen und realistischen Positionen, die ich so kenne – bei schwacher Erfahrung meinerseits! – eine höchste Position ein: Denn einerseits beharrt er stets auf eine apriorische Ableitung und Sinnbestimmung, aber gerade damit gewinnt er viele apriorische Gründe, die sich in der sinnlichen und intelligiblen und praktischen Anwendung beweisen und bewähren können. Es ist nicht ein empirisch aufgreifendes Suchen (realistisch), nicht ein künstliches und zufälliges Zusammenstellen von Ursprungstheorien und Charakteristika (idealistisch), sondern eine konsequente Argumentation aus der Einheit der Vernunft heraus, zu der notwendigerweise die Sprache als Bedingung der Möglichkeit eines Selbstbewusstseins gehört. Er übertrifft hier weit die Spekulationen eines Hamann oder Herder. Viele Positionen der späteren Analytischen Philosophie des 20. Jhd. sind m. E. ebenfalls darin schon enthalten.1

Es finden sich im damaligen Diskurs des 18. Jhd. drei Positionen, die Fichte in gewissem Sinne alle für richtig hält, je nach Ansicht der Fragestellung und der Sinnbestimmung von Sprache:

Zuerst ziemlich wörtliche Wiedergabe von K. Kahnert; keine Kommentierung, keine Kritik.
Sprache ist a) angeboren;
b) durch ein (göttliches) Wunder gegeben; c) erfunden. 2

2) Der Begriff „Sprache“

Der Begriff der Sprache im Aufsatz „Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (1795, GA I, 3) wird dahingehend gefasst: Sie ist weder physei noch thesei, sondern muss aus der menschlichen Natur ableitbar sein. Sprache ist der Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeiten.

Sprache, im weitesten Sinne des Wortes, ist der Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeichen. (SW VIII 302)

Ausschließlich durch Zeichen, nicht aber als Handlung wird Sprache hier gesehen. Der performative Charakter entfällt.

Gleich später widerlegt Fichte allerdings seine Trennung Sprache/Denken und Handlung, weil er doch eine Handlung darin sieht:

(…) in beiden Fällen habe ich keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei dem anderen zu veranlassen; — folglich kommen beide Zeichen darin überein, dass sie willkürlich sind. (SW VIII 303)

Die Idee der Sprache soll als notwendig der Natur des Menschen inhärierend abgeleitet werden, deshalb auch „Willkür“, d. h. nicht grundlos, sondern mit Willen und Absicht ist sie erfunden. Wenn schon der Ursprung der Sprache untersucht werden soll, dann kann diese nur a priori, aus Vernunftgründen geschehen, die als Gründe die Konsequenz ihrer Anwendung sichtbar machen können.

Sprache setzt hier Vernunft voraus, ob sie umgekehrt für das Denken eine Rolle spielt, ist Fichte hier nicht wichtig.

3) Der Ursprung der Sprache

Fichte will nicht irgendeine Sprachursprungstheorie unter vielen anderen erdichten, sondern die notwendige und einzig mögliche Genese der menschlichen Sprache entwickeln.

In den „Vorlesungen über Logik und Metaphysik“ (1797) (GA II, 4) wird er noch deutlicher: Zuerst will er den Sinn und den Zweck, die Art und die Beantwortbarkeit der Sprachursprungsfrage klären. Er stellt fest, dass die Frage nach dem Ursprung der Sprache, dessen Endlichkeit vorausgesetzt wird, die Annahme impliziert, dass es eine Zeit gab, wo sie nicht war.

Aber kann der Mensch ohne Sprache gedacht werden? Nein, sie ist transzendental notwendige Bedingung des Vernunftseins. Aber wie könnte das näher erklärt werden?

3. 1) Sprache als angeboren

Fichte beginnt seine Antwort auf die Frage, ob der Mensch ohne Sprache gedacht werden könne mit einer Analyse des Selbstbewusstseins: Das setzt aber die Annahme anderer vernunftbegabter Wesen voraus.

Etwa zeitgleich entstand Fichtes Deduktion der Interpersonalität – siehe deshalb auch Verweise in der Grundlage des Naturrechts, GA I, 3, 239-348, bes. 340ff.

Innerhalb der „Reihe dieser Folgerungen“ – siehe „Grundlage des Naturrechts“, GA I, 3, 329-348, bs. 340ff – ist die Sprache anzusiedeln in einem dreifachen Sinne: Sie ist angeboren, durch ein Wunder gegeben und erfunden.

Es gehören zur Vernunft transzendentale Anwendungsbedingungen, d. h. explizierte Schematisierungen, die zur Notwendigkeit einer Sprache führen: a) Nachvollzug der fremden Handlungsweisen und ihrer Ziele
b) Vergleich mit dem eigenen zweckorientierten Handeln
c) entsprechend freie Neuorientierung der eigenen Zwecke.

Bewusstsein von sich als freies Wesen zu haben, heißt sich als Individuum unter anderen vernünftigen Wesen zu setzen. Das geht dieser Natur entsprechend nicht mechanisch, durch kausale Wechselwirkung, sondern vermittels sprachlicher Zeichen fordert der andere mich auf, selbsttätig Begriffe und Erkenntnisse in mir hervorzubringen deshalb ist die Sprache notwendig und a priori zur Vernunft des Menschen gehörig.

Sprache wird somit zu einer konstitutiven Größe der menschlichen Ver­nunftbegabung und Gesellschaftsfähigkeit: Die »Wechselwirkung durch Zeichen ist also Bedingung der Menschheit« , und »so gewiß Menschen sind, so gewiß sind Zeichen; denn wo ein Mensch ist, sind mehrere, diese stehen mit einander in Verbindung durch Begriffe vermittelst der Zeichen. Diese Wechselwirkung ist nun Sprache im allgemeinsten Sinne, u. ohne diese kann der Mensch nicht sein. Die weitere Ausbildung die­ser Mitteilung durch Zeichen ist zufällig. Also insofern kann man sagen, die Sprache ist dem Menschen angeboren, sie gehört schlechthin zum Wesen des Menschen.« (Vorlesungen über Logik und Metaphysik, GA IV/1, 296.

Die Kommunikationsfähigkeit ist notwendiges Akzidens der Vernunft des Menschen.

Man kann nicht nach dem absoluten Ursprung der Sprache fragen, sondern höchstens, wie und warum gerade die existierende und keine anderen Laut-, Zeichen- und Regelsysteme zustande gekommen sind.

3. 2) Sprache – durch ein Wunder gegeben

FICHTE spielt die Möglichkeiten auf der faktischen Ebene hypothetisch durch, wie und warum es zur Sprache kommen konnte: Da die Antwort nur prinzipiell und a priori ausfallen kann, kann sie auf den Menschen durch „die Gottheit“ – siehe „Vorlesungen über Logik und Metaphysik, GA IV, 300 – 303, gekommen sein.

3. 3) Sprache – Vom Menschen erfunden.

Dies setzt aber die Resultate eigentlich schon voraus, dass es a priori zur Erfindung der Sprache kommen musste, weil sie eben zur Natur (=Vernunft) des Menschen gehört – was jetzt zu beweisen wäre.

»1) Was brachte den Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In welchen Naturgesetzen liegt der Grund, daß diese Idee gerade so und nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den Menschen bei der Ausführung leiteten?« (Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (1795) (GA I/3) GA I/3,98.

Nach Kahnert (ebd. S 202) werden folgende Positionen dabei vorausgesetzt:

– Sprache ist erfunden. – Die Sprachidee ist nur auf eine (die einzig mögliche) Art und Weise realisiert worden, eben „[…] gerade so und nicht anders […]“.3

– Diese eine Art und Weise der Spracherfindung unterliegt Naturgesetzen, die wesentlich zum Menschen gehören und nur aufgezeigt zu werden brauchen.

Der Mensch sucht Vernunfttätigkeit außerhalb seiner selbst; er bedarf dazu der Wechselwirkung mit anderen – und dieses fordert einen funktionierenden Gedankenaustausch.

Das Zusammenspiel von Vernunft- und Selbstidentitätstrieb erfordert einen Gedankenaustausch, Mitteilung von Absichten, um die Handlungen zu ergänzen.

Sprache wird initiiert durch zwischenmenschliche Verbindungen und durch die triebhafte Suche nach Vernunftmäßigkeit außer sich, wodurch Menschen genötigt werden, Sprache zu realisieren.

Das Wie der Entstehung durch visuelle und auditive Eindrücke ist eine zweite Frage: 
Erste Bildzeichen der Ursprache sind Nachahmungen der Natur gewesen;

es gab keine konventionelle Sprachentstehung, wenn auch ein Verschmelzen der regionalen spezifischen Bezeichnungen möglich gewesen ist.

Aufgrund der relativen Eindeutigkeit visueller und auditiver Eindrücke orientiert sich der sprachschöpferische Urmensch im wesentlichen an den bei­ den entsprechenden Sinnen, denn „so wie die Natur den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen“ (GA I/3…. 103 und vgl. GA IV/1 304ff

„Ich beweise hier nicht, daß der Mensch ohne Sprache nicht denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könnte. Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, daß ohne sie überhaupt kein Vernunftgebrauch Statt gefunden haben würde.“ (ebd.) 4

Fichte begreift hier – sprachskeptisch – Denken als sprachfrei vonstatten gehenden Prozess, der durch die Sprache womöglich noch behindert wird, und steht damit wohl in einer Linie mit Herder, Jacobi und Reinhold; auffällig ist der Gegensatz zu Platons sprachtheoretischen Überlegungen besonders im Theaitetos, wo Denken als ein Gespräch der Seele mit sich selbst definiert wurde . Nicht zuletzt bemerkt man die Nähe zur stoischen Erkenntnistheorie, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann.“ (K. Kahnert, ebd., S 204)

Sprache ist wichtig, aber nicht konstitutiv für die Gemeinschaft.
„Bei den von Fichte thematisierten allgemeinen abstracten Begriffe[n] (s.o., Zitat) handelt es sich um unsprachliche, vom isolierten Subjekt „erfundene“ und gedachte Gedankeninhalte, die erst in der Gemeinschaft einer – möglichst

adäquaten – sprachlichen Form bedürfen. Damit scheint eine wichtige wechselseitige Perspektive auf: Einerseits kommt der Sprache eine bedeutende – wenn nicht gar die konstitutive – Rolle in gesellschaftlichen Prozessen zu; andererseits wird Sprache erst in Gesellschaften notwendig, findet in diesen also ihrerseits die Bedingung ihrer Realisierungsmöglichkeit.“ (K. Kahnert, ebd. S 205)

Die überaus wichtige Wechselbeziehung behandelt Fichte nur marginal – vgl. dazu anders: Versuch „Über Geist und Buchstaben in der Philosophie.“ GA I, 6.

Durch gewisse Mängel in der Ursprache kommt es zu einer ausschließlich hörbaren Sprache So nennt Fichte die ersten, noch nicht „willkürlichem, unartikulierten Lautzeichen ebenso wie die gemalten Bildzeichen der „Ursprache“ reine Nachahmungen der Natur und bespricht anschließend – illustriert mit zahlreichen Beispielen, die bedenkenlos übergangen werden können – die Defizite einer mit derartigen Mitteln durchgeführten Kommunikation, die auf eine Kombination lautlicher und bildhafter Zeichen mit deiktischen Gesten angewiesen ist.

Aus all diesen Beschränkungen ergibt sich der nächste Schritt der Sprachgenese: Die Erfindung und Entwicklung einer ausschließlich hörbaren Sprache und eine erste notwendig damit einhergehende Abstraktionsleistung, denn das Stadium bloßer Nachahmung von Gegebenem wird nun verlassen – wie sollten denn auch Wesensmerkmale stummer Gegenstände durch Nachahmung hörbar gemacht werden? Der Vollzug der Transformation einer „Ur-“ in eine „Gehörsprache“ ist historisch wohl kaum rekonstruierbar; er liegt so weit im Dunklen, dass einzelne Schritte allenfalls in hypothetischen Spekulationen nachvollziehbar sind.
Die schon oft bedachte Frage, ob bei der „Erfindung“ einzelner Wörter die Übereinkunft eine wesentliche Rolle gespielt habe, beantwortet Fichte hier er­neut negativ – (…)“ – (Kahnert S 206)

Die Genese allgemeiner und geistiger Begriffe liegt im Wollenden und Denkenden, der die Gegenstände als Objekte seines Denkens begreift zwecks Selbstreflexion.

Interessant sind darüber hinaus nur Fichtes Überlegungen zur Genese allgemeiner und rein geistiger Begriffe, die Fichte als Analogien bzw. Entlehnun­gen aus dem Bereich der Wörter für sinnliche Dinge beschreibt: Da der Mensch nach der Unterwerfung der Natur zu spekulieren, zu denken anfängt und dieses Denken Selbstzweck wird, stößt er zunächst auf sich selbst als Wollenden und Denkenden, dann auf die Welt, deren Gegenstände er als Objekte seines Denkens setzt. In der Selbstreflexion vollzieht er also eine (unzulässige) Objektivierung des eigenen Ich und seiner Handlungen. Die Benennung dieser eigentlich immateriellen „Dinge“ erfolgt dementsprechend mit Begriffen aus dem Gebiet des Sinnlichen. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die im Journal-Aufsatz exemplarisch analysierten Begriffe „Ding“ und ‚Sein‘“. (Kahnert S 207)

Es entsteht ein metaphysischer Zugriff auf Wahrheitserkenntnis von Denken und Sprechen. Es kommt zu Wörtern, die nichts als ihre eigenen Bedeutung sind, zu geistigen Begriffen, zu reinen Ideen, die vor der Erfindung ihrer Zeichen dagewesen sein müssen.

3. 3. 1) Die Geburt der Ideen aus dem Geist der Muße

Im Trieb des Fortschreitens kommt der Mensch zur Erforschung der intelligiblen Welt. Durch das Kausalgesetz zu einem Gott. Populärphilosophisch: aus den intuitiven Momenten in vorsprachlicher Zeit entsteht eine Welt der Ideen und kommt die Idee zur Sprache.

Deshalb geschah allmählich eine Erfindung der sprachlichen Zeichen, um die Ideen auszudrücken – und mithilfe des Kantischen Schematismus werden sinnliche und intelligible Vorstellungen miteinander verbunden.

Namen für „intelligibilia“ sind nichts weiter Lehnwörter für das menschliche Vorstellen. Eine Verwechslung raumzeitlicher Begriffe mit reinen Begriffen durch die Einbildungskraft wird allerdings dadurch möglich. „Die Sprache führt uns via Einbildungskraft in den unvermeidlichen Irrtum der Verwechslung reiner Begriffe mit raum-zeitlichen Gegenständen.“ (Kahnert, ebd. , S 210)

Es fällt Kahnert allerdings auf, verglichen zur frühen Schrift „Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (GA I, 3, 1795) „Erstaunlicherweise beurteilt Fichte die hier als sehr problematisch empfundene analogische Bildung geistiger Begriffe in den Reden an die deutsche Nation völlig anders: „So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntniss desjenigen, der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar und drückt ihm das Verhältnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen verständlich aus, denn dieses Verhältniss wird ihm erklärt durch ein anderes unmittelbar lebendiges Verhältniss zu seinem sinnlichen Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in der Sprache; und die mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis wird nun nach ihrem Verhältnisse zu der ganzen in der gesammten Sprache niedergelegten übersinnlichen und sinnlichen Erkenntniss bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn die unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stätiger Fluss.“ Klaus Kahnert. („Reden“, SW VII, 318). (Kahnert, Anm. 84, S 210))

Wichtige Erläuterungen zur Sprache sind weiters zu finden in Vorlesungen zur Logik und Metaphysik“ (GA IV, 1, 324) – siehe dort § 476:

(…) Wenn Fichte antwortet, die Existenz geistiger Allgemeinbegriffe, die ohne die Hilfe von Zeichen nicht vorstellbar sind, weise darauf hin, dass „ohne Entwickelung der Begriffe keine Vernunft“ möglich sei, dann muss man – sogar im Fichteschen Sinne – weiterdenkend feststellen, dass es ohne die vielbesprochene intersubjektive Wechselwirkung, und das heißt ohne Zeichen, keine Entwicklung der Begriffe geben kann. (K. Kahnert, S 211)

Kahnert hebt dann quasi als Paradigma der Sinnbestimmung von Sprache die intersubjektive Wechselwirkung besonders hervor (ebd. S 212 – Schluss 219)

Es heißt jetzt deshalb, einen genauen Blick auf die Rolle dieser Wechselwirkung vernunftbegabter Wesen in der Schrift Ueber Geist und Buchstab der Philosophie“ (GA II,3 295-342; 1794; der Text liegt in drei Versionen vor) zu werfen.

Der erste Text – Ich will untersuchen, wodurch Geist vom Buchstaben in der Philosophie ueberhaupt sich unterscheide (1794) – zeigt die frühen Gehversuche einer Ausformulierung der zu explizierenden Ideen. Fichte ringt hier mit der Sprache, und immer wieder kommt es zu Formulierungen wie: „Ist richtig. Aber wie wird es deutlich, u. klar: u. zwar in wenigen Worten klar.“ Die Formulierungen sind noch sehr kompliziert (stichwortartig) und umständlich, daher nicht leicht zu lesen und zu verstehen.“ (K. Kahnert, ebd. S 212)

Zuerst kommt die Rolle der Einbildungskraft für die Selbstsetzung des Ichs in Betrachtung. Die Einbildungskraft ist zuerst im Ich. Um das Ich von der Einbildungskraft zu unterscheiden, muss im Ich eine weitere Größe angenommen werden: das Gefühl

Die Erhebung zum Gefühl geschieht dann selbsttätig, a) durch Anstoß von außen oder b) durch innere freie Selbsttätigkeit.

Die Gefühle werden mittels Anschauung zum Bewusstsein erhoben, und es entstehen Begriffe, diese ergeben Ideen und durch die ordnenden Einbildungskraft versinnlicht entstehen daraus Ideale. (vgl. GA II, 3, S 301f) (1. Version „Über Geist und Buchstaben“)

In der 2. Version wird Fichte konkreter: Dieser Text ist der Versuch einer genaueren „ins-Wort-Setzung“ des ersten. Philosophische Auseinandersetzungen seien bloße Wort-, Buchstabengefechte und als solche lediglich Scheingefechte; über den „Geist“ aber müssten „alle wahren Philosophen nothwendig übereinstimmen.“ (GA II, 3, 307)

„Klarer als im ersten Texte vollzieht Fichte nun eine Trennung von real existierender Außenwelt von dem, was sie „für uns, also als Bilder in uns“, ist. Die Existenz dieser ist ohne das vorstellenden und denkende Subjekt undenkbar, jene existiert höchstwahrscheinlich selbstständig. Die hellenistisch-materialistische Annahme von Bildern, die von den sinnlichen Gegenständen ausströmen, wertet Fichte als philosophisch belanglos, a) weil die gemeinten Bilder selbst wieder Außengegenstände wären, deren innere Abbilder wir erneut vorstellen müssten, und b) Fichtes Interesse ohnehin eher der Innenwelt gilt. (vgl. Kahnert, S 213)

Genauer muss man die schaffende Einbildungskraft von der ordnenden Einbildungskraft unterscheiden. Die Frage ist, wie kommt der von der ordnenden Einbildungskraft vorgefundenen „Stoff ins Bewusstsein?

Es muss schon eine Schöpfungskraft im Menschen liegen, die zunächst das Bewusstsein und dann auch dessen Inhalte bildet.

Eine bildende Kraft also: eben die Einbildungskraft, deren Handlungen niemals selbst als Gegenstand des Bewusstseins gedacht werden können, ohne dass man sich in einen regressus ad infinitum begäbe. (vgl. Kahnert, S 214)

Dass die Setzung des Bewusstseins nicht eingeholt werden kann ist klar, aber warum alle späteren Bildungen dies ebenfalls nicht sein können, bleibt unverständlich – es sei denn, man setze das Bewusstsein mit jedem Akt neu. Das aber hieße, dass das menschliche Selbstbewusstsein und letztlich auch das Ich nicht subsistieren, sondern nur in actu vorhanden wären.

Die Herkunft des für die Tätigkeit des Bildens notwendigen Gefühls interessiert ihn hier nicht, sondern als endgültige Definition des Hauptgegenstandes der Untersuchung bleibt – mit dem unbestimmt bleibenden Faktor Gefühl – stehen: Geist ist das Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben.

Beim 3. Manuskript endlich „Über den Geist ….“ 1794 GA II/3, 315 – 342 handelt es sich um die ersten drei Vorlesungen „Über die Pflichten des Gelehrten

Nun wird der Begriff „Gefühl“ näher analysiert. Gefühl ist der Stoff alles Vorgestellten.
Die Unterscheidung von Gefühlen 
a) auf die Welt der Erscheinungen bezogen; diese bezeichnen und umfassen das Gebiet der Begriffe,
und b) auf die intelligible Welt bezogen; die letzteren Gefühle begründen das Feld der Ideen und der Ideale. Wer wahre Philosophie betreiben will, darf sich nicht mit toten Buchstaben befassen, sondern mit dem Geist – als dem Vermögen, Ideen zum Bewusstsein zu erheben und Ideale sich vorzustellen.

Die Erhebung zur höchsten Idee, der Gottheit, wird angesprochen und auch die Wechselwirkung eines Geistes mit Gleichgesinnten.

„Ein wirklich geistreiches Ich braucht den Austausch mit anderen, der jedoch nicht unmittelbar vonstatten geht. Das einzig mögliche Darstellungs­ bzw. Mitteilungsmedium indes ist die zum Bereich des Körperlichen gehörende Sprache. Die Fortentwicklung und Vervollkommnung der Geistigkeit kann also ohne die Darstellung des Geistes im Körper (in der Sprache) nicht funktionieren. Hierin liegt die Macht der Sprache: Sie ist Bedingung der Möglichkeit der menschlichen Vernunftentwicklung. Andererseits aber sind Wörter „nicht die Ideen selbst, […] [sie] sind nichts weiter, als ein leerer Schall, ein Stoß in die Luft“, sie fordern das andere Ich lediglich auf, im eigenen Innern selbständig Bilder zu entwerfen, die den gemeinten Ideen möglichst gleichen sollten.“ (Kahnert S 216 )

Darin liegt eine Ohnmacht der Sprache, oft eine Unzulänglichkeit der Sprache. 5

Besonders wichtig sind Fichtes weitere Bestimmungen, was der menschliche Geist sein soll: Der menschliche Geist ist ausschließlich Tätigkeit. „Ihn kennen lernen, heißt seine Handlungen kennen lernen, denn weiter ist an ihm nichts zu kennen.“ (GA II, 3, 325) .

Die Existenz des menschlichen Geistes ist nicht zu verwechseln mit dem Ich, dem transzendentalen Subjekt, sondern wird verstanden als Vermögen des Ich, Ideale zum Bewusstsein zu erheben. (vgl ebd. GA II, 3 325f). Wir sind uns unseres Handelns nur mittelbar, nur vermittels des Objektes des Handelns, nur vermittels des Gegenstandes, auf den unsere Handlung geht, bewusst. Nur in der Reflexion des Geistes auf sich selbst, d. h. auf seine Tätigkeit, also nur unter der Bedingung, dass auf dieses Handeln wieder gehandelt werde, d. h. Nur unter der Vorstellung des Vorstellens, kann sich Selbstbewusstsein entwickeln. (Kahnert, S 217)

Wer zur Erkenntnis seines eigenen Ichs aufsteigen will, muss in seinen Reflexionen Stufe um Stufe weiter abstrahieren.6 Bis er etwas erreicht, was nicht mehr abstrahierbar ist. Das Ich.“ (GA II/3 326f)
Das Ich ist Regulativ alles Denkvermögens.
Die Einzigartigkeit dieses Vorgangs sich bewusst sein – das ist wahre Philosophie. Das Innere ist der wahre Lehrer (Augustinus), die freie Nachbildung.
Das geht aber nicht ohne die „empirischen“, sprachlich vermittelten Spekulationen. Resultate lassen sich alleine nicht abheben. Philosophie muss in einer variablen Sprache formuliert sein.

Es bleibt ein diskrepant empfundenes Verhältnis zwischen alleingültiger Wahrheit im Reich der Ideen des Ichs einerseits, und eine unzureichende, aber unumgängliche Sprache als Darstellungsmedium dieser Ideen andererseits. (vgl. K. Kahnert, ebd., S 218)

Derartige Auseinandersetzungen wurzeln, so K. Kahnert, in einer tendenziell sprachfeindlichen Grundhaltung, worin Sprache aus dem menschlichen Denk- und Erkenntnisprozess abgelöst gesehen wird, ohne jedoch auf Darstellung und Mitteilung verzichten zu wollen.

So weiß Fichte, dass jede Sprache Ab-Bildcharakter hat, „weil wir keine andere Quelle für unsere Begriffe haben als die Sinnlichkeit und keine anderen Töne, als die in der Natur vorkommenden.“ (GA IV/1 325f) (K. Kahnert, S 218)

Mit jeder Fortentwicklung einer Sprache entfernt sie sich natürlich zunehmend von ihrer natürlichen Herkunft, d. h. auch eine moderne Sprache „ist also wohl sinnlich, man merkt es nur nicht mehr.“ (ebd. GA IV/1, 326).

Für den Bereich der intelligiblen Welt bleibt die Sprache eher ein Hindernis, und das Ich ist ein raum- und zeitloser, und in seiner Reinheit auch sprachloses Ich als einziger Träger der Vernunfterkenntnis; da aber das Zusammenleben der Menschen eine conditio sine qua non ist der Entwicklung der Vernunft und der Menschheit (ebd.), ist die interpersonale Wechselwirkung auf eine lebendige, offene und flexible Sprache angewiesen. (vgl. Kahnert, S 219) (Hervorhebung von mir)

II) Weitere transzendentale Analyse

Ich finde hier den Schluss des Aufsatzes von K. Kahnert inspirierend und weiterführend, schade dass er die Analyse zur Interpersonalität und Sprache nicht mehr weiterführt! Denn wenn die interpersonale Wechselwirkung auf die Sprache angewiesen ist, dann lässt das weitere Rückschlüsse ziehen, wie Interpersonalität der transzendentalen Begründung nach schematisiert und verwirklicht werden kann.

M. a. W. die Frage der sprachlichen oder sagen wir auch „symbolischen“ Kommunikation wird zu einem existentiellen Risiko für ein sich bildendes Vernunftwesen als einzelnes, sofern es sich aus der Koexistenz anderer Personen abgrenzt und bildet, aber auch zum Risiko der Gemeinschaft aller Personen zusammen.

1) Um die Sinnbestimmung der Sprache als notwendige Bedingung des Gelingens von Interpersonalität (in diesem Zusammenhang von Individualität und Sozialität) vom Denken her zu begründen, möchte ich nochmals zurückgehen auf den Problemzusammenhang der Interpersonalität.
I
n der GNR (1796), in der Wlnm (1796-1799),7 ebenso in der „GRUNDLAGE“ (1794), wird die Interpersonalität als notwendige Bedingung der Möglichkeit eines Selbstbewusstseins deduziert. Der Mensch wird nur Mensch unter Menschen.

Es kommt dabei auf die Aufforderung an: Die Aufforderung ist eine auf das Subjekt als freies Wesen gerichtete Intention. Die Intention ist eine die Freiheit eines Anderen aufrufende freie Zwecksetzung. Sie ist eine Hemmung spezieller Art, nicht eine Durch-Determination im Gefühl, sondern eine An-Determination, die Freiheit lässt. Geantwortet muss werden, wie geantwortet wird, ist freigestellt. (Siehe z. B. zur Interpersonalität bei  M. Ivaldo oder zum Rechtsbegriff  bei G. v. Manz.)

Wie die Anschauung einer Tätigkeit (einer Absicht, einer Intention) als ein Übergehen aus dem Zustande der Nicht-Tätigkeit und durch Gegensatz eines solchen Zustandes verobjektiviert zu einer bestimmten, angeschauten Tätigkeit wird, so geht die Aufforderung durch die Sprache (mittels Sprache) zu einem objektivierten Verhältnis freier Zwecksetzungen über.
Die Sprache ist eine
 aus der Nicht-Tätigkeit zu einer bestimmten Anschauung übergehende Intention, ein verobjektiviertes Sein und Verhältnis, genetisch hervorgehend und genetisch gerechtfertigt aus dem Soll-Sein einer sein sollenden Freiheit in Wechselwirkung. M. a. W. das verobjektivierte Sein der Sprache, die sprachliche Anschauung,  stellt eine Synthesis da der Verknüpfung von Tätigkeit und Nicht-Tätigkeit der Intention, eine Synthesis zweier Relata: viele Personen sollen durch individuelles Wollen zu einer intellektiv-voluntativen gemeinsamen Anschauung und Bestimmung finden, zu einer gemeinsamen, sittlich-werthaften Einheit.  Die Möglichkeit des Zweckbegriffes, den jede Vernunft kraft Willen und produktiver Einbildungskraft zu bilden vermag, bewährt sich erst in der Einschauung eines Sein-Sollens eines gemeinsamen Wollens.  Die a) faktische Vermittlung der Sprache, darüber hinaus b) apodiktisch gerechtfertigte  Sinnbestimmung von Sprache, dass sie notwendig zwecks freier Aufforderung und freier Antwort möglich sein muss,  bewährt sich c) genetisch in und aus dem hervorgehenden Soll-Sein eines göttlichen Aufrufes, wodurch individuelle wie universale, freie  Wechselwirkung, Liebe, die Liebe bejaht, begründet möglich wird.  Die sprachliche Anschauung (Synthesis von individuellem wir universalem Wollen) ist vom Begriff des Soll-Seins eines postulierten gemeinsamen Willens in und aus dem göttlichen Aufruf, biblisch gesprochen, in und aus dem göttlichen WORT, begründet und gerechtfertigt.

Rein faktisch und phänomenologisch ist schon erkennbar, dass die sprachliche Anschauung als Vermittlung von freier Wechselwirkung nicht ein materialer Stoff einer instinkthaften Neigung, einer kausalen Ursache-Folge-Relation oder sonstiger Determination sein kann, sondern ein materialer Stoff, der freie Zustimmung oder Ablehnung ermöglicht. Die Vermittlung der Sprache zeigt diesen Charakter, insofern in ihr die reziproke Möglichkeit liegt, Freiheit anschaulich werden zu lassen. Die freie Wechselwirkung aufeinander, letztlich das reine Interpersonalitätsverhältnis, es ist durch die reziproke (angehobene) Möglichkeit der Sprache als Bestimmbarkeit material einsehbar. Aus der genetischen Evidenz einer sein sollenden freien Wechselwirkung und sittlich-werthafter Einheit leitet sich das Soll-Sein einer materialen Vermittlung ab.  

2) Diese mögliche Denkbarkeit eines freien Verhältnisses mittels Sprache soll in ihrer synthetischen Vorstellung jetzt näher analysiert werden. Die materiale Basis der Sprache zwecks Zusammenschau und Zusammenfügung individueller und formaler Freiheit, diese sprachliche Disponibilität und Kommunikabilität  ist eine Synthesis von idealer Tätigkeit des entwerfenden Zwecksetzens und realer Tätigkeit des Wollens.

Diese Synthesis von Vorstellen und Wollen wurde von FICHTE in verschiedener Art und Weise der Methode vorgetragen: Einmal mehr dialektisch-grundsätzlich in der „GRUNDLAGE“ von 1794; dann mehr phänomenlogisch-empirisch in der Wlnm von 1796-1799. (Siehe Blog z. B Die Einheit des „Ich denke“ bei Kant)

Wenn ich hier von der Wlnm ausgehe: Aus der Prinzipienstruktur des durch sich selbst bestimmten reinen Willens (im § 12) werden das gesamte (empirische) Bewusstsein und die gesamte Sinnenwelt aus einem Prinzip der Tätigkeit, der Kraft und des Lebens, abgeleitet. FICHTE beschreibt ab § 12 die Synthesis des Lebens, das Zwangs- und Kraftgefühl, das Streben und den Trieb. (Zur Theorie der Sprache kommt er nicht ausdrücklich, denn es geht ihm hauptsächlich um die Ableitung des empirischen Bewusstseins – siehe dort Wlnm, GA IV, 2, 32 – 266.

Deutlich ersichtlich wird aber da wie dort („GRUNDLAGE“ oder Wlnm), dass die Welt bis in die empirischen Begriffe hinein sittlich-intentional, werthaft-doxisch konstitutiert ist. Wir stellen nicht nur theoretisch vor, wir wollen praktisch, bewerten doxisch, validieren eine Erkenntnis. Eine höchste Wertidee bestimmt die äußere und innere Welt.

Dies gilt rückbezüglich genauso für die Sinnbestimmung und das Wesen der Sprache. Es fällt natürlich das sinnliche Zwangsgefühl  – im Unterschied zu den in der Wlnm abgleiteten sinnlichen Gefühlen –  in der Aufforderung weg, dafür kommt aber umso stärker die freie Wechselwirksamkeit als Synthesis von idealer und realer Tätigkeit zum Tragen, ebenfalls eine Art Kraftbegriff in intelligibler Anschauung.8

M. a. W., die ideale Tätigkeit der Sprache ist in ihrer Disponibilität bestimmt vom reellen Wollen innerhalb der Interpersonalität, sie geht nicht auf sich, sondern auf das Reelle eines freien Zwecksetzens und gemeinsamen Wollens. Ich könnte sagen: Die Interpersonalität fixiert und bestimmt den Rahmen, das Wesen der Sprache. Sie ist offene und freie, flexible Form der Vorstellung und der Begriffe,  angeschaut als zu vollendende Interpersonalität.  Sie ist für die Interpersonalität da, aber nicht durch die Interpersonalität (allein) begründet; sie geht  genetisch und begründet aus dem Soll-Sein einer göttlichen Aufforderung hervor: Interpersonalität soll sein, deshalb das materiale Sein der Sprache. Der im Behaupten und Aussagen und jeglicher Performanz des Handelns vorausgesetzte Geltungsanspruch von Wahrheit (Licht, Gutsein), er entspringt nicht der Synthesis gemeinsamen Wollens, sondern ist analytisch-synthetisch bedingt durch das göttliche WORT.  

Ich zitiere einen erhellenden Artikel von P. Baumanns, erhellend insofern, als er a) den in der Analytischen Philosophie herrschende Sprachpositivismus ziemlich offen legt und b) das Aufforderungsverhältnis selbst auf ein intelligible Basis stellt, d. h. dass das Aufforderungsverhältnis in einem sittlich-praktisches Konstitutionsverhältnis in und aus Wahrheit, sprich, in und aus einem göttlichen Aufruf, begründet liegt.

(….) das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein ist. Es liegt in seinem intelligiblen Charakter, der für uns unerforschlich ist und lediglich von der Freiheitsüberzeugung bzw. dem System-Prinzip des Sich-Setzens her postuliert wird; es liegt im intelligiblen Charakter des Ich, dass so etwas wie ein faktisches Aufgefordertwerden im Bewusstsein des Ich auftreten muss. Wenn man sich so ausdrücken darf: Das Ich wartet von seiner intelligiblen Struktur her nachgerade darauf, aufgefordert zu werden (die entsprechende Disposition ist rein intelligibel). Wird also im realen empirischen Auffordern ein Ich aufgefordert, so bedeutet dies keineswegs eine bloße Beziehung unter Zeitwesen – als würde ein Zeitwesen, das schon gewesen wäre, durch ein anderes Zeitwesen in der Zeit aufgefordert; auf diese Weise könnte in der Tat die Entstehung des Selbstbewusstseins nicht erklärt werden. Nein, es gibt mit der ,,Bestimmtheit zur Ewigkeit“ ein „Aufgefordertsein von Ewigkeit her“, und alles empirische Auffordern ist nur die versinnlichte Ansicht dieses intelligiblen Verhältnisses in der Zeit (die Hin-Sicht dieses intelligiblen Verhältnisses in die Zeit).“ 9

Die ideale Zwecktätigkeit im entwerfenden Vorstellen und die reale Tätigkeit des Wollens sind relational durch- und gegeneinander bestimmbar: Das offenbart die ungemeine Flexibilität und Offenheit der Sprache und der ganzen Zeichensetzung, offenbart aber zugleich eine Selbstbeschränkung und Grenze der idealen Tätigkeit (der Intelligenz): Sie ist nicht nur ideale Selbstbestimmung, auch reale Selbstbestimmung, in einem realen Selbst der Selbstbeschränkung vor-bestimmt.

In der biblischen und christlichen Tradition sind diese Überlegungen nicht unbekannt: Das reale Selbst Gottes ist intern ein Gespräch von Ewigkeit her, Dialog, und nach außen hin das WORT schlechthin.
Durch die WL erhalten diese wertvollen Texte der Kirchenväter eine neue Interpretation: Nach den Gesetze der Reflexion und der Anschauung spaltet sich das Bilden im freien Zwecksetzen und reellen Wollen in eine Erscheinung des Sich-Setzen, in die Erscheinung des WORTES, das auf die Erfüllung und Nachvollziehung in einer individuellen Antwort gerichtet ist, und als gemeinsamer Wille zur Erscheinung kommen soll.

Die Sprache ist materiale Basis, vorgegebener Reflex einer reflexiven Selbstbestimmung. Sie IST reeller Reflex eines göttlichen WORTES, und vermag als interpersonale Form eine Antwort zu geben auf das ewig ergehende WORT.

3) Die ideale und reale Tätigkeit ist relational-wechselseitig – und was ich jetzt noch riskant anführen will: Dies zeigt sich fünffach in medial-sprachlicher Form!
Inwiefern die ideale Tätigkeit des Bildens als Zweckbegriff und das Handeln nach diesem Zweckbegriff innerlich und äußerlich objektiv angeschaut werden, ergibt sich der vierfache Bereich der sinnlichen Natur, der Gesellschaft, der Moralität, der Religion bzw. das sich-wissende Wissen des Denkaktes hinzugerechnet der Bereich begrifflichen Erkennens. Siehe ebenfalls Wlnm und WL 1801/02).10 Dieser fünffache Bereich der Wirklichkeit bringt notwendige Formen der sprachlichen Transkriptionen und Transformationen mit sich, die aber untereinander durch das Denken zusammenhängen und in vielfacher Metaphorik dahin oder dorthin wieder verschoben werden können. Es können höchste Ideen durch anschauliche Beispiele verdeutlicht werden, und umgekehrt werden im sinnlichen Bereich die gleichen apriorischen Begriffe verwendet wie im reinen Denken. Bleibende Ausrichtung aller Begriffssprache und bildlicher Metaphorik und alles sprachlichen Vermittlung und Zeichen ist  die praktische Intention des Handelns innerhalb und für die Interpersonalität. 11Der Denkakt schafft notwendig, sinnlich wie apriorisch, eine Mediatisierung der Wirklichkeit in vierfacher/fünffacher Weise,   sofern eben unter dem Denktypus einer sein sollenden Interpersonalität der transzendentale Setzungsakt sich vierfach/fünffach schematisieren und versinnlichen soll.  (Es liegt in der Anschauung des sich-wissenden Wissens und den in ihr folgenden Spaltungen ein immanent Objektives: Unendliche Mannigfaltigkeit der sinnlichen Natur und unendliche Mannigfaltigkeit anderer Individuen hinsichtlich ihrer Freiheit;  und ein extern Objektives: die Objektivität der eigenen Wirksamkeit im Leib und in der von Gott herkommenden Sinnerfüllung in der Religion. Dem entsprechend haben sich bereits viele Mediatisierungen der Sprache entwickelt.) 

Es ist nicht empirisch abzulesen, dass es verschiedene Sprachwelten und verschiedene Sprachspiele gibt, die irgendwie in einer Semiotik und einer Sprachphilosophie untereinander abgeglichen und klassifiziert werden können. Die Verschiedenheit und die Klassifikationen setzen bereits ihre transzendentale Kenntnis und ihren Verwendungsbereich voraus. Erst  Im dynamischen Denkakt einer internen und externen Objektivierung werden die sprachlichen und zeichenhaften Schematisierung und Versinnlichungen (Sprachwelten, Sprachspiele, Zeichen) gebildet. Diese Sprachwelten sind insofern unendlich, als das Bewusstsein die Mannigfaltigkeit der Welt ins Unendliche teilen kann, d. h. sprachlich unendlich beschreiben kann.
Die Sprache zeigt sich als materiale Wissensform freier Kommunikabilität und Wechselwirkung  einerseits in einer strengen,  inneren Gebundenheit von  Syntax, Semantik, Pragmatik, in ihren Rektionen und Tempi, Konjugationen, Deklinationen, andererseits ist sie sehr dynamisch und flexibel, weil jede unendliche Teilbarkeit der Welt sprachlich vermittelt werden kann. Sie ist ein geschlossenes System hinsichtlich der formalen Freiheit und des Wissens, und ein offenes System hinsichtlich der Beschreibung der begegnenden Wirklichkeit.  

M. a. W.: Der Denktypus dieser Bestimmbarkeit und Disponibilität der Sprache ist nicht empirisch beobachtet, sondern ist, wie oben in Punkt II begonnen, der transzendentalen Sinnbestimmung von Sprache geschuldet, freie Wechselwirkung zu ermöglichen, begründet aus einer genetischen Evidenz des Soll-Seins von Interpersonalität. 

4) Die  einerseits streng nach eigenen Gesetzen ablaufende Syntax, Semantik, Pragmatik der Sprache, – nach Sprachen ebenfalls nochmals verschieden –  andererseits ihre flexible, freie, metaphorische Variabilität,  könnte und müsste jetzt noch viel tiefer auf die kategoriale Erkenntnisform zurückgeführt werden: Jede Erkenntnis ist erst durch apriorische Begriffe und Denkformen begründet: Wenn die erst durch Sprache zu erreichenden interpersonale Wechselwirkung bezweckt werden soll, sind die begrifflich und metaphorisch gesetzten Zeichen nicht wertneutral, relativ, willkürlich, konventionell, sondern wesentlich genetisch in und aus einer praktischen Sinn-Konstitution von Aufforderung und freier Wechselbeziehung geprägt.  Sie sind nicht beliebige Denotationen oder Konventionen, sondern sollen bezeichnen, was vorgestellt wird und sollen vorstellen, was bezeichnet wird.
Ich meine jetzt nicht, dass eine formale Begriffssprache oder Elementarsprache gefunden werden soll; eine phanatasievolle Dichtung, eine Zeichensetzung in jeder Hinsicht der Kunst, kann besser einen begrifflichen Sinngehalt von gelingender Interpersonalität bilden als eine nur für einen eingeschränkten Bereich geltende Programmiersprache. Es ist aber mit und in Sprache und Zeichensetzung eine wertrelevante Variante der Erkenntnis gesetzt. 

Die intelligible oder empirische Begrifflichkeit der sprachlichen Anschauungen ist nicht total willkürlich. Siehe oben bei FICHTE, der eine konventionelle Sprachentstehung für nicht möglich hält. Die Zeichen (im weitesten Sinne) bauen auf realen Anschauungselementen auf. Die sprachlich anschaulichen Bezeichnungen, wenn sie denn richtig gesetzt sind, sind die Versinnlichungen des synthetischen Denkens von freien Zwecksetzens und realen Wollens zwecks gemeinsamen Wollens. 

Diese Versinnlichungen im begrifflichen Denken können im einzelnen Fall und in concreto falsch verstanden werden, weil die Freiheit der Bildung hinzukommt, aber prinzipiell referieren sie auf eine von sich her synthetisch zusammengesetzte ideale und reale Tätigkeit. Die Begriffe sind zusammengesetzt aus Intelligenz und Gefühl einer Hemmung/einer Aufforderung, sie sind a priori mit den intelligiblen und sinnlichen Anschauungen gegeben, oder mit FICHTE gesagt, „angeboren“.

5) Die sinnliche wie intelligible Welt der Natur, der Moralität, der Legalität, der Religion, der Geschichte, sie werden durch Anschauung und Begriffe ideirt, d. h. als Tun angeschaut. Das Gefühl ist eine aus der Ideation aufgehaltene reale Tätigkeit; das Vorstellen wird ein implikativ-logisches und appositionelles Übergehen der idealen Tätigkeit und die Verarbeitung der Hemmung/der Aufforderung zu einer subjektiv-objektiven, realen Anschauung; die Sprache ist die Synthesis von idealer und realer Tätigkeit, Synthesis von Vorstellung und Gefühl, sittlich-praktische, materiale Anschauung (Tun) einer sein sollenden freien Wechselbeziehung.

6) Für mich ist das alles ziemliches Neuland, aber selbst auf die Gefahr hin, redundant zu erscheinen, möchte ich das von der Sprechakttheorie nochmals beleuchten:
Die aus der Erscheinung des Absoluten kommende, sein sollende, intelligibel Aufforderung, im aufsteigenden Denkakt des Sich-Setzens gemäß WL gewonnen,12 zeigt sich als a) ein synthetischer Denkakt, der mittels Einbildungskraft den freien Zweckentwurf und das reale Wollen zu einem symbolischen Akt der Begriffsbildung „zusammenzieht“, zusammenschaut; das ist nicht willkürliche, idealistische Spielerei, sondern durch die anschauliche Ideation (einer aufgehaltenen, realen Tätigkeit) ist eine materiale Basis und Disponibilität der Sprache geschaffen, eine angehobene Möglichkeit, Interpersonalität zu ermöglichen. Das Denken verlangt apriorisch die freie Wechselwirkung, ergo muss es die Sprache und das Zeichensetzen als notwendige, materiale Basis und reelle Disponibilität  dafür geben.

Der aus dem Sich-Setzen der Erscheinung des Absoluten kommende Denkakt ist aber auch ein b) analytischer Denkakt, weil die performative Form des Sprechens bewirkt, was es tut: Antwort soll gegeben werden,  freie Wechselwirkung. Dies  erfolgt unmittelbar im Sprechen und im auffordernden Tun, gleich wie die Antwort ausfällt.

Es ist ein Licht des Verstehens in diesem performativen Sprechakt und im intentionalen Wollen mitgesetzt, ein übergehendes Sehen im übergehenden Wollen, wiewohl im erscheinenden Handeln und Tun der Sprache – wenn ich ein modernes Märchen zitieren darf – die Sprache auch zur „Quelle aller Missverständnisse“ werden kann. (Exupéry).

7) Das begriffliche Verstehen ist geöffnet zur geschichtlichen Entwicklung sinnlicher und ideeller Zeichen hin, zum Verstehen vieler Sprachen, zu einer mannigfaltigen Form der Zeichensetzung in Sprache, Musik, Kunst, Kultur, Wissenschaft.

Die „Wissenschaften“, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, haben m. E. den symbolischen Akt der Begriffsbildung im und für den interpersonalen Zusammenhang oft vergessen, aber sie zehren noch immer von der materialer Vermittlung von Sprache, wenn sie wissenschaftstheoretisch etwas kommunizieren und mit Sinn belegen möchten.

Sie reden von der Wahrnehmung, vom Streben, vom Trieb, vom Verhalten, von den Anschauungsformen von Zeit und Raum, von Mathematik, von abstrahierter Logik, immer ist der Denktypus einer sein sollenden Interpersonalität und einer sein sollenden Selbstbestimmung zugrunde gelegt und mit in Spiel.

8) Damit komme ich hier zu einem vorläufigen Schlussresümee: die oben von Fichte dreifach gegebene Antwort, die Sprache sei angeboren, durch ein Wunder geschenkt und erfunden, treffen unter verschiedenen Gesichtspunkten jeweils richtig zu:

a) „Angeboren“ erläutert Fichte als a priori: die freie Wechselseitigkeit im Austausch und in der Aufforderung gehört zu den anthropologischen Bedingungen des Menschseins. Ohne Wechselseitigkeit kein individuelles Personsein, ohne dazugehörige symbolische Akte aber kein Wissen dieser freien Wechselseitigkeit. Das Selbstbewusstsein des Wissens einer eigenen und einer anderer Freiheit muss der Bedingung der Möglichkeit nach dem faktischen gegenseitigen Auffordern vorausgehen, denn ich muss wissen, was Auffordern heißt, ergo brauche ich ein Mittel dazu, sprich eine Sprache. Unabhängig von aller Erfahrung, universal und total gilt diese apriorische Vermittlungsform von Sprache, anthropologisch, damit die Wechselseitigkeit als freie gedacht werden kann. Sie ist angeboren, sofern vom Menschen (und nicht einem Tier mit instinkthaften Verhalten) gesprochen werden soll.

b) Das „erfunden“ betrifft die immer weiter, vielfältiger, umfassendere Differenzierung in sinnlicher Naturerkenntnis, Rechtserkenntnis, Selbsterkenntnis, Religionserkenntnis und Sich-Wissen des Denkens. 

Die Sprache und dann auch die Schrift sind mediatisierte Zeichen, die auf die Freiheitsidee des Sich-Setzens zurückgehen, auf den epistemologischen Anfang aller Bedeutungen, aber gerade deshalb die Form der Realisierung fordern. Die Erkenntnis der Wahrheit als Wahrheit, der absolute und pertinente Bestimmungsgrund, worum es uns immer geht in unserem Wollen und freien Zwecksetzen, bedingt die realisierenden Existenz des Vernunftwesens – somit auch die damit verbundenen mediatisierten Formen als materialer Anschauungsbasis. Die Zeichen-Welt der Sprache wird deshalb auch sukzessive weitergebildet, „erfunden“, immer differenzierter, immer kombinierbarer in Syntax und Semantik und Pragmatik.

c) Durch ein „Wunder“ ist ebenfalls gut verständlich, denn dem empirischen Aufgefordertsein, dem ein selbstbewusstes Wissen dieses Aufgefordertseins vorausgeht, muss ein intelligibles Aufgefordertsein von Gott her nochmals vorausgehen, wodurch das individuelle Selbstbewusstsein weiß, dass es aufgerufen ist. Alles empirische Auffordern ist nur die versinnlichte Ansicht dieses intelligiblen Aufgefordertseins durch Gott. Die sprachliche Performativität eines geistigen Setzens von Gott her kann z. B. geahnt werden in der Sprache des Gebetes. Werden z. B. die Psalmen in ihrer reichen Metaphorik und Performativität nachgebetet, werden sie inspirierend, weil alle Reflexion letztlich nach-bildend ist, nachbildend einen epistemologischen Bildungs-Akt und nachbildend, von Ewigkeit her, das göttliche WORT.

© Franz Strasser, 11. 4. 2020

1 z. B. spekuliert Fichte einmal über eine „Kunstsprache“, wie es die Wiener Schule im 20. Jhd. versucht hat, um seine WL verständlich zu machen. Er ist aber von diesem Projekt wieder abgerückt, denn es bedarf eines lebendigen Nachvollzuges der Einsicht, nicht der Begriffe. Dazu braucht man auch die „ordinary language“. Ursprache – Vernunftsprache – Zeichensystem der Wissen­schaftslehre. Siehe dazu ZAHN, MANFRED, »Fichtes Sprachproblem und die Darstellung der Wissenschaftslehre«, in: Der transzendentale Gedanke. Die gegenwärtige Darstellung der Philosophie Fichtes, hrsg. v. Klaus Hammacher, Meiner-Verlag, Hamburg 1981, S 160.

2 Die Philosophie zur Sprache aus der frühen Zeit beziehen sich dabei auf folgenden Texte: „Vorlesungen über Logik und Metaphysik“ (1794 bis 1802) GA II, 4 (vgl. auch die Kollegnachschrift „Vorlesungen über„Logik und Metaphysik“ 1797, GA VI/1
Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache(1795) GA I, 3, 292 -326

3 Die Idee, dass nur ein vergleichendes Studium möglichst vieler Sprachen (im Sinne Humboldts) – und selbst dann nur annäherungsweise – zeigen kann, welche Rolle die Sprache

des Menschen im Verhältnis von Vernunft und Welt spielt, ist Fichte offensichtlich

nicht gekommen. – So Kahnert, Anm. 51.

4 Siehe auch W. Janke, Die Wörter „Sein“ und „Ding“ – Überlegungen zu Fichtes Philosophie der Sprache. In: Der transzendentale Gedanke, a. a. O., S 49 – 67.

5 Siehe dazu Kahnert Anm. 76, S 208 GA 1/3, 112. Eine im Fichteschen Sinne denkbare historisch-hierarchische Struktur möglicher Arten von Sprache wäre: Ursprache – Vernunftsprache – Zeichensystem der Wissenschaftslehre; s. dazu ZAHN, MANFRED, »Fichtes Sprachproblem und die Darstellung der Wissenschaftslehre«, in: Der transzendentale Gedanke, a. a. O. S. 160.

6 Siehe „Vorlesungen zu Platners Aphorismen“ zur Entstehung einer Ursprache, Wir sind nur zu geneigt, ohne unser Wissen zu abstrahieren.“ GA II, 4, 170; d. h. Wir setzen unbewusst ein Zeichen für etwas ein, abstrahieren, weil wir es so gebrauchen… „Die ersten Wörter bezeichneten durchgängig abstrakte Begriffe, womit mehrere Gegenstände der gleichen Art „gedacht worden sind“[/]“ (ebd.)

7Es heißt sinngemäß in § 12 der Wlnm: Das reine Wollen, das seinen Rechtsgrund in sich hat, wird zuerst gedacht als ichliche Einheit, als Gedanke meiner selbst, und so werde ich individuiert. Der Individuation liegt

aber die ursprüngliche Bestimmtheit eines Reiches vernünftiger anderer Wesen zugrunde. Im existentiellen Vollzug meiner selbst werde ich mir dieser Identität einer sowohl apriorischen Bestimmtheit durch ein Reich

vernünftiger Wesen wie der apriorischen Spezifikation meiner Individualität durch den substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsaktes bewusst. Im realen Vollzug des Denkens setze ich notwendig (zweckhaft) andere

vernünftiger Wesen außer mir an und muss notwendig (notwendig im Sinne der Logik, intelligibel und moralisch aber frei) mich selbst aus der allgemeinen Bestimmtheit zu einer individuellen Bestimmtheit spezifizieren.

(Siehe dann zur Interpersonalität – Wlnm IV, 141

8Das Handeln mehrerer Vernunftwesen in der Sinnenwelt ist eine einzige große Kette, die durch Freyheit bestimmt wird. Die ganze Vernunft hat nur ein einziges

Handeln (=das Sollensprinzip des reinen Willens), ein INDIVIDUUM fängt es an und das andere sezt es fort, u. so wird der ganze Vernunftzweck von unendlich vielen INDIVIDUEN bearbeitet, u. ist das RESULTAT vonder Einwirkung mehrerer – Allein, es ist dieses Handeln keine Kette physischer Notwendigkeit, (/) denn wo Vernunftwesen handeln, da geschieht es mit Freyheit, deswegen geschieht der Übergang hier immer durch

einen Sprung, die Kette hängt aber doch zusammen, wenn gleich eines nicht durch das andere bestimmt ist, weil die Einbildungskraft alles zusammenfaßt.“ (GA IV, 2, 253.254)

9 Peter Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL, in: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981., S 185.

10Siehe z. B. Kommentar von Giovanni Cogliandro, Die Dynamik der Fünffachheit in der Wissenschaftslehre nova methodo, in: in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beitrage aus der aktuellen Fichte-Forschung. (Hrsg von E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto). Frommann-Holzboog 2001, pp. 167-198. Dankenswerterweise auch ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download:

https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

11 Man vergleiche z. B. die logoshafte Sinnbestimmung der Sprache durch die Entelechie eines vernunftbestimmten Weltraums bei Aristoteles bzw. bei Peirce. Kein Wort dort vom interpersonalen Sinn.

12 Ein Stelle z. B. aus Wlnm: Dieses ist das SOLLEN rein erblickt, u. diese Auffoderung meines Sollens wird erscheinen als Wahrnehmung. Dies ist die Auffoderung seine Freyheit zu äußern (…) und dass daraus die wirkliche Freyheit und

Bestimmtheit in der Sinnenwelt entsteht, das zeigt sich hier. Diese Auffoderung zur Freyheit ist nur die versinnlichte Auffoderung auf die vernünftige(n) Wesen in Wechselwirkung, zu handeln.“ (GA IV, 2, § 19, 251)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser