Sprachursprung und Sprache bei J. G. Fichte

KLAUS KAHNERT, Sprachursprung und Sprache bei J. G. Fichte. In: Sinn-Reflexion-Freiheit. Aspekte der Philosophie J. G. Fichtes. Hrsg. v. C. Asmuth, 1997, 191-219.

I) Ich referiere hier anfangs einen Artikel von Klaus Kahnert und möchte in einem zweiten Punkt die Sinnbestimmung der Sprache weiterführen. Ich referiere ziemlich wörtlich, weil die Gedanken Fichtes zur Sprache eine derartige Subtilität und Fülle aufweisen, dass ich nicht wüsste, was ich als nebensächlich ausscheiden oder fallen lassen könnte. Der Artikel von K. Kahnert bietet mir dafür einen großen Überblick.

1) Fichte kennt die Frage nach dem Ursprung der Sprache als eine in seiner Zeit häufig gestellte Frage, siehe z. B. bei Hamann, Herder, Humboldt.
Vom transzendentalen Standpunkt der Position des Denkens her, von der sinnlichen Genese der Begriffe durch Einbildungskraft und von der praktischen Intention her, nimmt Fichte m. E. unter allen idealistischen und realistischen Positionen, die ich so kenne – bei schwacher Erfahrung meinerseits! – eine höchste Position ein: Denn einerseits beharrt er stets auf eine apriorische Ableitung und Sinnbestimmung, aber gerade damit gewinnt er viele apriorische Gründe, die sich in der sinnlichen und intelligiblen und praktischen Anwendung beweisen und bewähren können. Es ist nicht ein empirisch aufgreifendes Suchen (realistisch), nicht ein künstliches und zufälliges Zusammenstellen von Ursprungstheorien und Charakteristika (idealistisch), sondern eine konsequente Argumentation aus der Einheit der Vernunft heraus, zu der notwendigerweise die Sprache als Bedingung der Möglichkeit eines Selbstbewusstseins gehört. Er übertrifft hier weit die Spekulationen eines Hamann oder Herder. Viele Positionen der späteren Analytischen Philosophie des 20. Jhd. sind m. E. ebenfalls darin schon enthalten.1

Es finden sich im damaligen Diskurs des 18. Jhd. drei Positionen, die Fichte in gewissem Sinne alle für richtig hält, je nach Ansicht der Fragestellung und der Sinnbestimmung von Sprache:

Zuerst ziemlich wörtliche Wiedergabe von K. Kahnert; keine Kommentierung, keine Kritik.
Sprache ist a) angeboren; b) durch ein (göttliches) Wunder gegeben; c) erfunden. 2

2) Der Begriff „Sprache“

Der Begriff der Sprache im Aufsatz „Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (1795, GA I, 3) wird dahingehend gefasst: Sie ist weder physei noch thesei, sondern muss aus der menschlichen Natur ableitbar sein. Sprache ist der Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeiten.

Sprache, im weitesten Sinne des Wortes, ist der Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeichen. (SW VIII 302)

Ausschließlich durch Zeichen, nicht aber als Handlung wird Sprache hier gesehen. Der performative Charakter entfällt.

Gleich später widerlegt Fichte allerdings seine Trennung Sprache/Denken und Handlung, weil er doch eine Handlung darin sieht:

(…) in beiden Fällen habe ich keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei dem anderen zu veranlassen; — folglich kommen beide Zeichen darin überein, dass sie willkürlich sind. (SW VIII 303)

Die Idee der Sprache soll als notwendig der Natur des Menschen inhärierend abgeleitet werden, deshalb auch „Willkür“, d. h. nicht grundlos, sondern mit Willen und Absicht ist sie erfunden. Wenn schon der Ursprung der Sprache untersucht werden soll, dann kann diese nur a priori, aus Vernunftgründen geschehen, die als Gründe die Konsequenz ihrer Anwendung sichtbar machen können.

Sprache setzt hier Vernunft voraus, ob sie umgekehrt für das Denken eine Rolle spielt, ist Fichte hier nicht wichtig.

3) Der Ursprung der Sprache

Fichte will nicht irgendeine Sprachursprungstheorie unter vielen anderen erdichten, sondern die notwendige und einzig mögliche Genese der menschlichen Sprache entwickeln.

In den „Vorlesungen über Logik und Metaphysik“ (1797) (GA II, 4) wird er noch deutlicher: Zuerst will er den Sinn und den Zweck, die Art und die Beantwortbarkeit der Sprachursprungsfrage klären. Er stellt fest, dass die Frage nach dem Ursprung der Sprache, dessen Endlichkeit vorausgesetzt wird, die Annahme impliziert, dass es eine Zeit gab, wo sie nicht war.

Aber kann der Mensch ohne Sprache gedacht werden? Nein, sie ist transzendental notwendige Bedingung des Vernunftseins. Aber wie könnte das näher erklärt werden?

3. 1) Sprache als angeboren

Fichte beginnt seine Antwort auf die Frage, ob der Mensch ohne Sprache gedacht werden könne mit einer Analyse des Selbstbewusstseins: Das setzt aber die Annahme anderer vernunftbegabter Wesen voraus.

Etwa zeitgleich entstand Fichtes Deduktion der Interpersonalität – siehe deshalb auch Verweise in der Grundlage des Naturrechts, GA I, 3, 239-348, bes. 340ff.

Innerhalb der „Reihe dieser Folgerungen“ – siehe „Grundlage des Naturrechts“, GA I, 3, 329-348, bs. 340ff – ist die Sprache anzusiedeln in einem dreifachen Sinne: Sie ist angeboren, durch ein Wunder gegeben und erfunden.

Es gehören zur Vernunft transzendentale Anwendungsbedingungen, d. h. explizierte Schematisierungen, die zur Notwendigkeit einer Sprache führen: a) Nachvollzug der fremden Handlungsweisen und ihrer Ziele
b) Vergleich mit dem eigenen zweckorientierten Handeln
c) entsprechend freie Neuorientierung der eigenen Zwecke.

Bewusstsein von sich als freies Wesen zu haben, heißt sich als Individuum unter anderen vernünftigen Wesen zu setzen. Das geht dieser Natur entsprechend nicht mechanisch, durch kausale Wechselwirkung, sondern vermittels sprachlicher Zeichen fordert der andere mich auf, selbsttätig Begriffe und Erkenntnisse in mir hervorzubringen – deshalb ist die Sprache notwendig und a priori zur Vernunft des Menschen gehörig.

Sprache wird somit zu einer konstitutiven Größe der menschlichen Ver­nunftbegabung und Gesellschaftsfähigkeit: Die »Wechselwirkung durch Zeichen ist also Bedingung der Menschheit« , und »so gewiß Menschen sind, so gewiß sind Zeichen; denn wo ein Mensch ist, sind mehrere, diese stehen mit einander in Verbindung durch Begriffe vermittelst der Zeichen. Diese Wechselwirkung ist nun Sprache im allgemeinsten Sinne, u. ohne diese kann der Mensch nicht sein. Die weitere Ausbildung die­ser Mitteilung durch Zeichen ist zufällig. Also insofern kann man sagen, die Sprache ist dem Menschen angeboren, sie gehört schlechthin zum Wesen des Menschen.« (Vorlesungen über Logik und Metaphysik, GA IV/1, 296.

Die Kommunikationsfähigkeit ist notwendiges Akzidens der Vernunft des Menschen.

Man kann nicht nach dem absoluten Ursprung der Sprache fragen, sondern höchstens, wie und warum gerade die existierende und keine anderen Laut-, Zeichen- und Regelsysteme zustande gekommen sind.

3. 2) Sprache – durch ein Wunder gegeben

FICHTE spielt die Möglichkeiten auf der faktischen Ebene hypothetisch durch, wie und warum es zur Sprache kommen konnte: Da die Antwort nur prinzipiell und a priori ausfallen kann, kann sie auf den Menschen durch „die Gottheit“ – siehe „Vorlesungen über Logik und Metaphysik, GA IV, 300 – 303, gekommen sein.

3. 3) Sprache – Vom Menschen erfunden.

Dies setzt aber die Resultate eigentlich schon voraus, dass es a priori zur Erfindung der Sprache kommen musste, weil sie eben zur Natur (=Vernunft) des Menschen gehört – was jetzt zu beweisen wäre.

»1) Was brachte den Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In welchen Naturgesetzen liegt der Grund, daß diese Idee gerade so und nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den Menschen bei der Ausführung leiteten?« (Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (1795) (GA I/3) GA I/3,98.

Nach Kahnert (ebd. S 202) werden folgende Positionen dabei vorausgesetzt:

– Sprache ist erfunden. – Die Sprachidee ist nur auf eine (die einzig mögliche) Art und Weise realisiert worden, eben „[…] gerade so und nicht anders […]“.3

– Diese eine Art und Weise der Spracherfindung unterliegt Naturgesetzen, die wesentlich zum Menschen gehören und nur aufgezeigt zu werden brauchen.

Der Mensch sucht Vernunfttätigkeit außerhalb seiner selbst; er bedarf dazu der Wechselwirkung mit anderen – und dieses fordert einen funktionierenden Gedankenaustausch.

Das Zusammenspiel von Vernunft- und Selbstidentitätstrieb erfordert einen Gedankenaustausch, Mitteilung von Absichten, um die Handlungen zu ergänzen.

Sprache wird initiiert durch zwischenmenschliche Verbindungen und durch die triebhafte Suche nach Vernunftmäßigkeit außer sich, wodurch Menschen genötigt werden, Sprache zu realisieren.

Das Wie der Entstehung durch visuelle und auditive Eindrücke ist eine zweite Frage:  Erste Bildzeichen der Ursprache sind Nachahmungen der Natur gewesen; es gab
keine konventionelle Sprachentstehung, wenn auch ein Verschmelzen der regionalen spezifischen Bezeichnungen möglich gewesen ist.

Aufgrund der relativen Eindeutigkeit visueller und auditiver Eindrücke orientiert sich der sprachschöpferische Urmensch im wesentlichen an den entsprechenden Sinnen, denn „so wie die Natur den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen“ (GA I/3…. 103 und vgl. GA IV/1 304ff

„Ich beweise hier nicht, daß der Mensch ohne Sprache nicht denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könnte. Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, daß ohne sie überhaupt kein Vernunftgebrauch Statt gefunden haben würde.“ (ebd.) 4

Fichte begreift hier – sprachskeptisch – Denken als sprachfrei vonstatten gehender Prozess, der durch die Sprache womöglich noch behindert wird, und steht damit wohl in einer Linie mit Herder, Jacobi und Reinhold; auffällig ist der Gegensatz zu Platons sprachtheoretischen Überlegungen besonders im Theaitetos, wo Denken als ein Gespräch der Seele mit sich selbst definiert wurde . Nicht zuletzt bemerkt man die Nähe zur stoischen Erkenntnistheorie, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann.“ (K. Kahnert, ebd., S 204)

Sprache ist wichtig, aber nicht konstitutiv für die Gemeinschaft.
„Bei den von Fichte thematisierten
allgemeinen abstracten Begriffe[n] (s.o., Zitat) handelt es sich um unsprachliche, vom isolierten Subjekt „erfundene“ und gedachte Gedankeninhalte, die erst in der Gemeinschaft einer – möglichst adäquaten – sprachlichen Form bedürfen. Damit scheint eine wichtige wechselseitige Perspektive auf: Einerseits kommt der Sprache eine bedeutende – wenn nicht gar die konstitutive – Rolle in gesellschaftlichen Prozessen zu; andererseits wird Sprache erst in Gesellschaften notwendig, findet in diesen also ihrerseits die Bedingung ihrer Realisierungsmöglichkeit.“ (K. Kahnert, ebd. S 205)

Die überaus wichtige Wechselbeziehung behandelt Fichte nur marginal – vgl. dazu anders: Versuch „Über Geist und Buchstaben in der Philosophie.“ GA I, 6.

Durch gewisse Mängel in der Ursprache kommt es zu einer ausschließlich hörbaren Sprache „So nennt Fichte die ersten, noch nicht „willkürlichem, unartikulierten Lautzeichen ebenso wie die gemalten Bildzeichen der „Ursprache“ reine Nachahmungen der Natur und bespricht anschließend – illustriert mit zahlreichen Beispielen, die bedenkenlos übergangen werden können – die Defizite einer mit derartigen Mitteln durchgeführten Kommunikation, die auf eine Kombination lautlicher und bildhafter Zeichen mit deiktischen Gesten angewiesen ist. Aus all diesen Beschränkungen ergibt sich der nächste Schritt der Sprachgenese: Die Erfindung und Entwicklung einer ausschließlich hörbaren Sprache und eine erste notwendig damit einhergehende Abstraktionsleistung, denn das Stadium bloßer Nachahmung von Gegebenem wird nun verlassen – wie sollten denn auch Wesensmerkmale stummer Gegenstände durch Nachahmung hörbar gemacht werden? Der Vollzug der Transformation einer „Ur-“ in eine „Gehörsprache“ ist historisch wohl kaum rekonstruierbar; er liegt so weit im Dunklen, dass einzelne Schritte allenfalls in hypothetischen Spekulationen nachvollziehbar sind.
Die schon oft bedachte Frage, ob bei der „Erfindung“ einzelner Wörter die Übereinkunft eine wesentliche Rolle gespielt habe, beantwortet Fichte hier er­neut negativ – (…)“ – (Kahnert S 206)

Die Genese allgemeiner und geistiger Begriffe liegt im Wollenden und Denkenden, der die Gegenstände als Objekte seines Denkens begreift zwecks Selbstreflexion. „Interessant sind darüber hinaus nur Fichtes Überlegungen zur Genese allgemeiner und rein geistiger Begriffe, die Fichte als Analogien bzw. Entlehnun­gen aus dem Bereich der Wörter für sinnliche Dinge beschreibt: Da der Mensch nach der Unterwerfung der Natur zu spekulieren, zu denken anfängt und dieses Denken Selbstzweck wird, stößt er zunächst auf sich selbst als Wollenden und Denkenden, dann auf die Welt, deren Gegenstände er als Objekte seines Denkens setzt. In der Selbstreflexion vollzieht er also eine (unzulässige) Objektivierung des eigenen Ich und seiner Handlungen. Die Benennung dieser eigentlich immateriellen „Dinge“ erfolgt dementsprechend mit Begriffen aus dem Gebiet des Sinnlichen. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die im Journal-Aufsatz exemplarisch analysierten Begriffe „Ding“ und ‚Sein‘“. (Kahnert S 207)

Es entsteht ein metaphysischer Zugriff auf Wahrheitserkenntnis von Denken und Sprechen. Es kommt zu Wörtern, die nichts als ihre eigenen Bedeutung sind, zu geistigen Begriffen, zu reinen Ideen, die vor der Erfindung ihrer Zeichen dagewesen sein müssen.

3. 3. 1) Die Geburt der Ideen aus dem Geist der Muße

Im Trieb des Fortschreitens kommt der Mensch zur Erforschung der intelligiblen Welt. Durch das Kausalgesetz zu einem Gott. Populärphilosophisch: aus den intuitiven Momenten in vorsprachlicher Zeit entsteht eine Welt der Ideen und kommt die Idee zur Sprache.  Deshalb geschah allmählich eine Erfindung der sprachlichen Zeichen, um die Ideen auszudrücken – und mithilfe des Kantischen Schematismus werden sinnliche und intelligible Vorstellungen miteinander verbunden.

Namen für „intelligibilia“ sind nichts weiter Lehnwörter für das menschliche Vorstellen. Eine Verwechslung raumzeitlicher Begriffe mit reinen Begriffen durch die Einbildungskraft wird allerdings dadurch möglich. „Die Sprache führt uns via Einbildungskraft in den unvermeidlichen Irrtum der Verwechslung reiner Begriffe mit raum-zeitlichen Gegenständen.“ (Kahnert, ebd. , S 210)

Es fällt Kahnert  auf, verglichen zur frühen Schrift „Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache“ (GA I, 3, 1795): „Erstaunlicherweise beurteilt Fichte die hier als sehr problematisch empfundene analogische Bildung geistiger Begriffe in den Reden an die deutsche Nation völlig anders: „So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntniss desjenigen, der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar und drückt ihm das Verhältnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen verständlich aus, denn dieses Verhältniss wird ihm erklärt durch ein anderes unmittelbar lebendiges Verhältniss zu seinem sinnlichen Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in der Sprache; und die mögliche künftige übersinnliche Erkenntnis wird nun nach ihrem Verhältnisse zu der ganzen in der gesammten Sprache niedergelegten übersinnlichen und sinnlichen Erkenntniss bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn die unmittelbare Klarheit und Verständlichkeit der Sinnbilder niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stätiger Fluss.“ Klaus Kahnert. („Reden“, SW VII, 318). (Kahnert, Anm. 84, S 210))

Wichtige Erläuterungen zur Sprache sind weiters zu finden in „Vorlesungen zur Logik und Metaphysik“ (GA IV, 1, 324) – siehe dort § 476:

(…) Wenn Fichte antwortet, die Existenz geistiger Allgemeinbegriffe, die ohne die Hilfe von Zeichen nicht vorstellbar sind, weise darauf hin, dass „ohne Entwickelung der Begriffe keine Vernunft“ möglich sei, dann muss man – sogar im Fichteschen Sinne – weiterdenkend feststellen, dass es ohne die vielbesprochene intersubjektive Wechselwirkung, und das heißt ohne Zeichen, keine Entwicklung der Begriffe geben kann. (K. Kahnert, S 211)

Kahnert hebt dann quasi als Paradigma der Sinnbestimmung von Sprache die intersubjektive Wechselwirkung besonders hervor (ebd. S 212 – Schluss 219) Es heißt jetzt deshalb, einen genauen Blick auf die Rolle dieser Wechselwirkung vernunftbegabter Wesen in der Schrift Ueber Geist und Buchstab der Philosophie“ (GA II,3 295-342; 1794; der Text liegt in drei Versionen vor) zu werfen.

Der erste Text – Ich will untersuchen, wodurch Geist vom Buchstaben in der Philosophie ueberhaupt sich unterscheide (1794) – zeigt die frühen Gehversuche einer Ausformulierung der zu explizierenden Ideen. Fichte ringt hier mit der Sprache, und immer wieder kommt es zu Formulierungen wie: „Ist richtig. Aber wie wird es deutlich, u. klar: u. zwar in wenigen Worten klar.“ Die Formulierungen sind noch sehr kompliziert (stichwortartig) und umständlich, daher nicht leicht zu lesen und zu verstehen.“ (K. Kahnert, ebd. S 212)

Zuerst kommt die Rolle der Einbildungskraft für die Selbstsetzung des Ichs in Betrachtung. Die Einbildungskraft ist zuerst im Ich. Um das Ich von der Einbildungskraft zu unterscheiden, muss im Ich eine weitere Größe angenommen werden: das Gefühl. Die Erhebung zum Gefühl geschieht dann selbsttätig, a) durch Anstoß von außen oder b) durch innere freie Selbsttätigkeit.

Die Gefühle werden mittels Anschauung zum Bewusstsein erhoben, und es entstehen Begriffe, diese ergeben Ideen und durch die ordnenden Einbildungskraft versinnlicht entstehen daraus Ideale. (vgl. GA II, 3, S 301f) (1. Version „Über Geist und Buchstaben“)

In der 2. Version wird Fichte konkreter: Dieser Text ist der Versuch einer genaueren „ins-Wort-Setzung“ des ersten. Philosophische Auseinandersetzungen seien bloße Wort-, Buchstabengefechte und als solche lediglich Scheingefechte; über den „Geist“ aber müssten „alle wahren Philosophen nothwendig übereinstimmen.“ (GA II, 3, 307)

Klarer als im ersten Texte vollzieht Fichte nun eine Trennung von real existierender Außenwelt von dem, was sie „für uns, also als Bilder in uns“, ist. Die Existenz dieser ist ohne das vorstellenden und denkende Subjekt undenkbar, jene existiert höchstwahrscheinlich selbstständig. Die hellenistisch-materialistische Annahme von Bildern, die von den sinnlichen Gegenständen ausströmen, wertet Fichte als philosophisch belanglos, a) weil die gemeinten Bilder selbst wieder Außengegenstände wären, deren innere Abbilder wir erneut vorstellen müssten, und b) Fichtes Interesse ohnehin eher der Innenwelt gilt. (vgl. Kahnert, S 213)

Genauer muss man die schaffende Einbildungskraft von der ordnenden Einbildungskraft unterscheiden. Die Frage ist, wie kommt der von der ordnenden Einbildungskraft vorgefundenen „Stoff ins Bewusstsein? Es muss schon eine Schöpfungskraft im Menschen liegen, die zunächst das Bewusstsein und dann auch dessen Inhalte bildet.  Eine bildende Kraft also: eben die Einbildungskraft, deren Handlungen niemals selbst als Gegenstand des Bewusstseins gedacht werden können, ohne dass man sich in einen regressus ad infinitum begäbe. (vgl. Kahnert, S 214)

Dass die Setzung des Bewusstseins nicht eingeholt werden kann ist klar, aber warum alle späteren Bildungen dies ebenfalls nicht sein können, bleibt unverständlich – es sei denn, man setze das Bewusstsein mit jedem Akt neu. Das aber hieße, dass das menschliche Selbstbewusstsein und letztlich auch das Ich nicht subsistieren, sondern nur in actu vorhanden wären.

Die Herkunft des für die Tätigkeit des Bildens notwendigen Gefühls interessiert ihn hier nicht, sondern als endgültige Definition des Hauptgegenstandes der Untersuchung bleibt – mit dem unbestimmt bleibenden Faktor Gefühl – stehen: Geist ist das Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein zu erheben.

Beim 3. Manuskript endlich „Über den Geist ….“ 1794 GA II/3, 315 – 342 handelt es sich um die ersten drei Vorlesungen „Über die Pflichten des Gelehrten

Nun wird der Begriff „Gefühl“ näher analysiert. Gefühl ist der Stoff alles Vorgestellten.
Die Unterscheidung von Gefühlen  a) auf die Welt der
Erscheinungen bezogen; diese bezeichnen und umfassen das Gebiet der Begriffe,
und b) auf die
intelligible Welt bezogen; die letzteren Gefühle begründen das Feld der Ideen und der Ideale. Wer wahre Philosophie betreiben will, darf sich nicht mit toten Buchstaben befassen, sondern mit dem Geist – als dem Vermögen, Ideen zum Bewusstsein zu erheben und Ideale sich vorzustellen.

Die Erhebung zur höchsten Idee, der Gottheit, wird angesprochen und auch die Wechselwirkung eines Geistes mit Gleichgesinnten.

Ein wirklich geistreiches Ich braucht den Austausch mit anderen, der jedoch nicht unmittelbar vonstatten geht. Das einzig mögliche Darstellungs­ bzw. Mitteilungsmedium indes ist die zum Bereich des Körperlichen gehörende Sprache. Die Fortentwicklung und Vervollkommnung der Geistigkeit kann also ohne die Darstellung des Geistes im Körper (in der Sprache) nicht funktionieren. Hierin liegt die Macht der Sprache: Sie ist Bedingung der Möglichkeit der menschlichen Vernunftentwicklung. Andererseits aber sind Wörter „nicht die Ideen selbst, […] [sie] sind nichts weiter, als ein leerer Schall, ein Stoß in die Luft“, sie fordern das andere Ich lediglich auf, im eigenen Innern selbständig Bilder zu entwerfen, die den gemeinten Ideen möglichst gleichen sollten.“ (Kahnert S 216 )

Darin liegt eine Ohnmacht der Sprache, oft eine Unzulänglichkeit der Sprache. 5

Besonders wichtig sind Fichtes weitere Bestimmungen, was der menschliche Geist sein soll: Der menschliche Geist ist ausschließlich Tätigkeit. „Ihn kennen lernen, heißt seine Handlungen kennen lernen, denn weiter ist an ihm nichts zu kennen.“ (GA II, 3, 325) .

Die Existenz des menschlichen Geistes ist nicht zu verwechseln mit dem Ich, dem transzendentalen Subjekt, sondern wird verstanden als Vermögen des Ich, Ideale zum Bewusstsein zu erheben. (vgl ebd. GA II, 3 325f). Wir sind uns unseres Handelns nur mittelbar, nur vermittels des Objektes des Handelns, nur vermittels des Gegenstandes, auf den unsere Handlung geht, bewusst. Nur in der Reflexion des Geistes auf sich selbst, d. h. auf seine Tätigkeit, also nur unter der Bedingung, dass auf dieses Handeln wieder gehandelt werde, d. h. Nur unter der Vorstellung des Vorstellens, kann sich Selbstbewusstsein entwickeln. (Kahnert, S 217)

Wer zur Erkenntnis seines eigenen Ichs aufsteigen will, muss in seinen Reflexionen Stufe um Stufe weiter abstrahieren.6 Bis er etwas erreicht, was nicht mehr abstrahierbar ist. Das Ich.“ (GA II/3 326f)
Das Ich ist Regulativ alles Denkvermögens.
Die Einzigartigkeit dieses Vorgangs sich bewusst sein – das ist wahre Philosophie. Das Innere ist der wahre Lehrer (Augustinus), die freie Nachbildung.
Das geht aber nicht ohne die „empirischen“, sprachlich vermittelten Spekulationen. Resultate lassen sich alleine nicht abheben. Philosophie muss in einer variablen Sprache formuliert sein.

Es bleibt ein diskrepant empfundenes Verhältnis zwischen alleingültiger Wahrheit im Reich der Ideen des Ichs einerseits, und eine unzureichende, aber unumgängliche Sprache als Darstellungsmedium dieser Ideen andererseits. (vgl. K. Kahnert, ebd., S 218)

Derartige Auseinandersetzungen wurzeln, so K. Kahnert, in einer tendenziell sprachfeindlichen Grundhaltung, worin Sprache aus dem menschlichen Denk- und Erkenntnisprozess abgelöst gesehen wird, ohne jedoch auf Darstellung und Mitteilung verzichten zu wollen.

So weiß Fichte, dass jede Sprache Ab-Bildcharakter hat, „weil wir keine andere Quelle für unsere Begriffe haben als die Sinnlichkeit und keine anderen Töne, als die in der Natur vorkommenden.“ (GA IV/1 325f) (K. Kahnert, S 218)

Mit jeder Fortentwicklung einer Sprache entfernt sie sich natürlich zunehmend von ihrer natürlichen Herkunft, d. h. auch eine moderne Sprache „ist also wohl sinnlich, man merkt es nur nicht mehr.“ (ebd. GA IV/1, 326).

Für den Bereich der intelligiblen Welt bleibt die Sprache eher ein Hindernis, und das Ich ist ein raum- und zeitloser, und in seiner Reinheit auch sprachloses Ich als einziger Träger der Vernunfterkenntnis; da aber das Zusammenleben der Menschen eine conditio sine qua non ist der Entwicklung der Vernunft und der Menschheit (ebd.), ist die interpersonale Wechselwirkung auf eine lebendige, offene und flexible Sprache angewiesen. (vgl. Kahnert, S 219) (Hervorhebung von mir)

II) Weitere transzendentale Analyse

Ich finde hier den Schluss des Aufsatzes von K. Kahnert inspirierend und weiterführend, schade dass er die Analyse zur Interpersonalität und Sprache nicht mehr weiterführt! Denn wenn die interpersonale Wechselwirkung auf die Sprache angewiesen ist, dann lässt das weitere Rückschlüsse ziehen, wie Interpersonalität der transzendentalen Begründung nach schematisiert und verwirklicht werden kann.

1) Um die Sinnbestimmung der Sprache als notwendige Bedingung des Gelingens von Interpersonalität (in diesem Zusammenhang von Individualität und Sozialität) vom Denken her zu begründen, möchte ich nochmals zurückgehen auf den Problemzusammenhang der Interpersonalität.
In der GNR (1796), in der Wlnm (1796-1799),7 ebenso in der „GRUNDLAGE“ (1794), wird die Interpersonalität als notwendige Bedingung der Möglichkeit eines Selbstbewusstseins deduziert. Der Mensch wird nur Mensch unter Menschen.

Es kommt dabei auf die Aufforderung an: Die Aufforderung ist eine auf das Subjekt als freies Wesen gerichtete Intention. Die Intention ist eine die Freiheit eines Anderen aufrufende freie Zwecksetzung. Sie ist eine Hemmung spezieller Art, nicht eine Durch-Determination im Gefühl, sondern eine An-Determination, die Freiheit lässt. Geantwortet muss werden, wie geantwortet wird, ist freigestellt. (Siehe z. B. zur Interpersonalität bei  M. Ivaldo oder zum Rechtsbegriff  bei G. v. Manz.)

Wie die Anschauung einer Tätigkeit (einer Absicht, einer Intention) als ein Übergehen aus dem Zustande der Nicht-Tätigkeit und durch Gegensatz eines solchen Zustandes verobjektiviert zu einer bestimmten, angeschauten Tätigkeit wird, so geht die Aufforderung gegenseitiger Wechselwirkung (Intention) durch Freiheit – sozusagen eine unmittelbare, intentionale „Kommunikation“ – zu einer bestimmten, angeschauten Aufforderung über, d. h. zu einer sprachlich vermittelten Aufforderung. Die Sprache ist die bereits verobjektivierte, materiale Basis einer intentionalen Wechselwirkung durch Freiheit. Die physische Figuration der Sprache (des Zeichens) bestimmt sekundär rückwirkend die geistige „Kommunikation“ zwischen Personen. Meistens assozieren wir  sofort und ahmen  das sprachliche Gebilde nach, um die geistige „Kommunikation“ und den intentionalen Austausch verobjektivieren und verstehen zu können – und meinen vielleicht, dass das geistige Verstehen von den Sinnbildern der Sprache selbst abhängt. Zahlreiche Sprachphilosophie spricht davon! Dabei werden aber Ursache und Wirkung verwechselt.

Die epistemoloigsche Sinnbildung und Sinnquelle liegt in der Zweiheit der einerseits schöpferischen, freien Denkkraft, wie andererseits in der in diesem Sich-Wissen und Bilden erscheinenden Sinn-Qualität der Erscheinung des Absoluten. Siehe Link  zu Epistemologie nach M. J. SIEMEK. 

2) Ich kann das hier nicht der ganzen Begründung nach ausführen: Damit der intentionale Bezug als solcher mit Sinn und Bedeutung in sprachlichen Figurationen und Bildern  verstanden werden kann, dafür muss diese Reflexion sinnbildlichen Denkens und sprachlichen Objektivierens letztlich aber als göttlicher „Aufruf“ und „Aufforderung“ (metaphorisch beschrieben) in der Subjektivität jedes Individuums verstanden werden.

Ich zitiere einen für mich erhellenden Artikel von P. Baumanns, erhellend insofern, als er a) den in der Analytischen Philosophie herrschende Sprachpositivismus hinterfrägt, und b) das Aufforderungsverhältnis klar auf eine intelligible Basis stellt, d. h. dass das Aufforderungsverhältnis in einem sittlich-praktischen Konstitutionsverhältnis in und aus Wahrheit, d. h. in und aus einem göttlichen Aufruf, begründet sein muss.

(….) das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein ist. Es liegt in seinem intelligiblen Charakter, der für uns unerforschlich ist und lediglich von der Freiheitsüberzeugung bzw. dem System-Prinzip des Sich-Setzens her postuliert wird; es liegt im intelligiblen Charakter des Ich, dass so etwas wie ein faktisches Aufgefordertwerden im Bewusstsein des Ich auftreten muss. Wenn man sich so ausdrücken darf: Das Ich wartet von seiner intelligiblen Struktur her nachgerade darauf, aufgefordert zu werden (die entsprechende Disposition ist rein intelligibel). Wird also im realen empirischen Auffordern ein Ich aufgefordert, so bedeutet dies keineswegs eine bloße Beziehung unter Zeitwesen – als würde ein Zeitwesen, das schon gewesen wäre, durch ein anderes Zeitwesen in der Zeit aufgefordert; auf diese Weise könnte in der Tat die Entstehung des Selbstbewusstseins nicht erklärt werden. Nein, es gibt mit der ,,Bestimmtheit zur Ewigkeit“ ein „Aufgefordertsein von Ewigkeit her“, und alles empirische Auffordern ist nur die versinnlichte Ansicht dieses intelligiblen Verhältnisses in der Zeit (die Hin-Sicht dieses intelligiblen Verhältnisses in die Zeit).“ 8


3) Mit den Begriffen „Subjektivität“ und „Individuum“ setzte ich allerdings wieder Begriffe voraus, die für sich wiederum eine längeren Deduktion bedürften: Die Transzendentalphilosophie (nach Fichte, nicht irgendeine Subjekt-Philosophie) loziert keine Subjektivität, sondern sieht die Subjektivität selbst bereits als eine partielle Seite eines Totalitätsganzen, als Seite des Denkens der Totalität von Wissensformen und einer der Totalität des Sinnes.

Innerhalb der Begrifflichkeit des Bildens – ab den WL 1800 besonders hervorgehoben bei FICHTE, der Sache nach aber von allem Anfang an vorhanden – kann und muss die Form der Ichheit und des Denkens als ursprüngliche, gesetzesmäßige, reflexartige Weise der ERSCHEINUNG (des Bildens) des Absoluten gesehen werden, andernfalls ein Sich-Wissen nicht möglich wäre. Dieses Sich-Wissen im Bildens-Akt ist sowohl subjektiv wie objektiv und meint den aktuellen Nachkonstruktions-Akt der gesetzhaften ERSCHEINUNG des Absoluten. Der Reflexionsakt des Sich-Wissens disjungiert sich als eine subjektive und objektive Seite der Erkenntnis der ERSCHEINUNG – und hier wiederum zuerst in einer interpersonalen Form einer Ausgliederung aus dem Erscheinungs-Ganzen und daraus wiederum konstituiert sich die Individualität.

Die Transzendentalphilosophie (Fichtes) geht dabei von einer praktischen Einheit des Erkennens aus mit unbedingtem Charakter  und deduziert daraus die theoretischen Erkenntnisleistungen. Hier wäre als anschauliches, phänomenologische Ausführung die Wlnm sehr dienlich: die ganze äußere Wirklichkeit, sinnliche wie intelligible Personen-Wirklichkeit ist durch einen Zweckbegriff des durch sich selbst bestimmten Willens bestimmt. Dadurch ist die ganze Natur eine konkrete Einheit, eine zweckmäßige funktionierende Einheit bzw. eine Personen-Einheit. Es heißt dann sinngemäß in § 12 der Wlnm: Das reine Wollen, das seinen Rechtsgrund in sich hat, wird zuerst gedacht als ichliche Einheit, als Gedanke meiner selbst, und so werde ich individuiert. Der Individuation liegt aber die ursprüngliche Bestimmtheit eines Reiches vernünftiger anderer Wesen zugrunde. Im existentiellen Vollzug meiner selbst werde ich mir dieser Identität einer sowohl apriorischen Bestimmtheit durch ein Reich vernünftiger Wesen wie der apriorischen Spezifikation meiner Individualität durch einen substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsaktes – siehe oben durch einen göttlichen „Aufruf“ – bewusst. Im realen Vollzug des Denkens setze ich notwendig (zweckhaft) andere vernünftiger Wesen außer mir und muss notwendig (notwendig im Sinne der Logik, intelligibel und moralisch aber frei) mich selbst aus der allgemeinen Bestimmtheit zu einer individuellen Bestimmtheit spezifizieren. (Siehe zur Interpersonalität – Wlnm GA IV, 141.)

Das Verhältnis der sittliche Liebe selber, in und aus der Interpersonalität heraus, konstituiert die selbstständige, subjektive Natur und subjektiv-objektive Natur anderer Personen und die Artefakte z. B. die verbale Sprache dieses Austausches und generell alle objektive Natur.

Die Verobjektivierung des interpersonalen Verhältnisses durch sprachliche Artefakte sind nicht voll durchdeterminierende Zeichen, sondern an-determinierende Zeichen. Das Verstehen dieser an-determinierenden Akte wiederum als solche, als frei-lassende Akte weist dabei hinaus auf eine uns alle verbindende gemeinsame Intentionalität (Sittengesetz), die den artifiziellen und an-determiniernden Austausch in ihrem Sinn- und Bedeutungsgehalt trägt und erhält. Die Figurationen der Sprache, ihre reiche Mannigfaltigkeit von Sinn und Bedeutung, entstammt dieser Synthese von schöpferischen Denkleistungen und darin hervortretenden Sinn-Bildungen der gemeinsamen Intentionalität, die wiederum bestimmt ist durch den sich selbst bestimmten Willen (Wlnm) bzw. der reflexartigen und gesetzhaften ERSCHEINUNG des Absoluten in der Reflexion des Sich-Wissens. So wird in jeder  Aussage – und jede Äußerung ist eine Aussage – Wahrheit bekannt, ob ausdrücklich bejaht oder sekundär verworfen.

4) Dazu kommt jetzt noch wesentlich: Die Grundform aller Wahrnehmung, die Grundform des Bildseins, der inneren Anschauung, ist dabei die Zeit. Der Gehalt eines Sinns, wenn er in artifiziellen Aussagen weitergegeben werden soll, wäre unsichtbar, wenn er in innerer Anschauung nicht zeitlich wahrnehmbar wäre. Sprache nimmt deshalb notwendig die sinnliche Form der Zeit und des Werdens an. Sprache ist zwar einerseits durch göttlichen „Aufruf“ überhaupt geschenkt und ermöglicht, aber auch zeitlich gebildet und durch schöpferische Denkkraft, wie es oben hieß in der Herausarbeitung bei FICHTE, erfunden und gemacht. (siehe oben zum dreifachen Ursprung der Sprache: angeboren, ein Wunder, erfunden.)

Die Sprache ist dieses geistige Bilden des intentionalen Verhältnisses zu Bedingungen der Freiheit, ist selbsttätiges Tun in der Zweiheit des Bildens und des Seins und damit Eröffnung eines gemeinsamen, interpersonalen Tuns, ist individuelles wie soziales Verhältnis in einem zeitlichen Werden. 9

5) Diese angeborene Bildbarkeit wie erfundene und gemachte, erlernte Sprachlichkeit führte zu einer großen, unendlichen Welt der Syntax, Semantik, Pragmatik, Flexion bei den verschiedenen Völkern und Kulturen, weil prinzipiell frei der sinnbildende und begriffliche Akt des Verstandes die sittliche Interpersonalität aufbauen und weiterführen kann.
Eine bildende Schöpferkraft des Geistes (des Verstandes, des Denkens)
ohne Rückbesinnung auf das dem Bezeichnen zugrundliegende So-Sein einer bildbaren und somit metaphorisch verstehbaren ERSCHEINUNG des Absoluten überhaupt ist aber m. E. transzendental-reflexiv nicht denkbar und würde die intuitive und intelligierende Quelle der Sprache verschütten oder abtöten. (Eine reine Programmiersprache oder Elementarsprache ist keine Sprache mehr.) Es würde der Denkprozess künstlich abgebrochen und beendet, würde nicht der letzte Grund der Wissbarkeit von Bildern und Worten, die „Idee des Guten“, der „durch sich selbst bestimmte Wille“, die ERSCHEINUNG des Absoluten, geleugnet.

Es ist deshalb in dieser Bildbarkeit und selbst-gebildeten Sprachlichkeit auch nicht jede Regelhaftigkeit und Willkür möglich, sondern gesetzeshaft, reflexartig ist die nachkonstruierende Reflexivität des Wissens gebunden. Dies zeigt sich, nach Sprache verschieden, in deren eigenen strengen Syntax und Semantik und Pragmatik. Nicht jede sprachliche Benennung und Bezeichnung ist deshalb möglich – z. B. für das Deutsche kann ich nicht sagen, wenn ein SCHELLING statt einer begründenden Erklärung zu einem Wort „Ungrund“ greift, damit ist eine begründete Erklärung gegeben. 10

Der Verstand und der Begriff vergibt die Bedeutung, erfindet die Bilder, aber nur kraft der Genese und der inspirierenden Quelle aus dem göttlichen „Aufruf“. (Diese Instanz könnte genauso als „Soll“ beschrieben werden – aber dazu müsste ich wieder weiter ausholen. 11)

6) Die verschiedenen Ursprungstheorien der Sprache, die FICHTE gekannt hat, führen eigentlich nicht zur Epistemologie der sprachlichen Gebilde (Hamann, Herder). Die bisher gegebenen Erklärungen beantworten nicht die Frage nach dem Denkakt hinter diesen Erklärungen, bzw. die Frage nach den letzten Bedingungen der Wissbarkeit einer anderen Intention. 12 In den Gebilden der Sprache ist manches sinnlich, manches intelligibel, das ist alles einer Frage der Klassifikation, beantwortet aber nicht die Epistemologie der Entstehung der Begriffe und der sprachlichen Gebilde.

Die ideale Zwecktätigkeit im entwerfenden Vorstellen und die reale Tätigkeit des Wollens sind relational durch- und gegeneinander bestimmbar: Das offenbart die ungemeine Flexibilität und Offenheit der Sprache und der ganzen Zeichensetzung, offenbart aber zugleich eine Selbstbeschränkung und Grenze der idealen Tätigkeit (der Intelligenz): Sie ist nicht nur ideale Selbstbestimmung, auch reale Selbstbestimmung, in ihrem realen Selbst der Selbstbeschränkung vor-bestimmt, das wahre So-Sein der Erscheinung sprachlich und verstandlich sinnvoll gut zu treffen und in zeitlichen Figurationen zu bilden.

Sprache ist reeller Reflex eines göttlichen WORTES, projizierendes und sinnstiftendes Wort des Verstandes – und innerhalb der interpersonalen Form ist jedes Wort zugleich eine Antwort auf das unbildbare, ewig ergehende WORT.

7) Inwiefern die ideale Tätigkeit des Bildens als Zweckbegriff und das Handeln nach diesem Zweckbegriff innerlich und äußerlich objektiv-sprachlich und im Bilde angeschaut wird, ergibt sich ein vierfacher Bereich der sinnlichen Natur, der Gesellschaft, der Moralität und der Religion – und die je entsprechenden sprachlichen Figurationen des Denkens.13

Dieser vierfache Bereich der Wirklichkeit ist in sich zusammenhängend in dem genetischen Akt des Sich-Wissens und Bildens, sodass m. E. die Formen der sprachlichen Figurationen beliebig zwischen den Bereichen hin- und hergeschoben werden können. Die Metaphorik der Sprache ist ermöglicht durch den einen genetischen Akt der Selbstbezüglichkeit des Wissens. Es können die Ideen sinnlich, und das Sinnliche geistig-ideell ausgedrückt werden, egal, Hauptsache der Begriff bringt den Sinn und die Wahrheit zur Geltung. (Deshalb, bei aller scholastische Vorgehensweise, die stets durchaus positive Hervorhebung von Ästhetik, Kunst des Vortrages etc. bei sämtlichen Schriften FICHTES.)

Bleibende Ausrichtung aller Begriffssprache und bildlicher Metaphorik und aller sprachlichen Vermittlung und Zeichen ist  die praktische Intention des Handelns innerhalb und für die Interpersonalität. (In der Sprachphilosophie spricht man von der „Alltagssprache“, ohne freilich deren genetischen Sinn erklären zu können; von einer Elementarsprache für die Philosophie ist man bald wieder abgekommen.)

Der Denkakt schafft notwendig, sinnlich wie apriorisch, eine Mediatisierung und verstandliche Sinnbestimmung in sinnlicher Natur, Gesellschaft, Moralität, Religion und im Denken selbst. Sofern jetzt der Denktypus der Interpersonalität realisiert werden soll, wird sich die Sprache ebenfalls im Rahmen dieses Typos dynamisch bilden und fortbilden und sich der fünffachen Beschreibung der Wirklichkeit anpassen.

Eine ungemein flexible, freie, metaphorische Variabilität der Sprache ist entstanden, letztlich aber doch nicht rein willkürlich und konventionell, sondern intentional und interpersonal vor-bestimmt. Sprache soll bezeichnen, was vorgestellt und soll vorstellen, was bezeichnet wird, denn es steckt eine sittlich-praktische Intention und ein Wollen in den Figurationen dahinter. Mittels Sprache und Zeichensetzung wird eine sinnbildende und wertrelevante Variante der Erkenntnis und des Wollens-in-actu in freie Kommunikabiltät verwandelt und verobjektiviert.

 

© Franz Strasser, 11. 4. 2020

1z. B. spekuliert Fichte einmal über eine „Kunstsprache“, wie es die Wiener Schule im 20. Jhd. versucht hat, um seine WL verständlich zu machen. Er ist aber von diesem Projekt wieder abgerückt, denn es bedarf eines lebendigen Nachvollzuges der Einsicht, nicht der Begriffe. Dazu braucht man auch die „ordinary language“. Ursprache – Vernunftsprache – Zeichensystem der Wissen­schaftslehre. Siehe dazu ZAHN, MANFRED, »Fichtes Sprachproblem und die Darstellung der Wissenschaftslehre«, in: Der transzendentale Gedanke. Die gegenwärtige Darstellung der Philosophie Fichtes, hrsg. v. Klaus Hammacher, Meiner-Verlag, Hamburg 1981, S 160.

2Die Philosophie zur Sprache aus der frühen Zeit beziehen sich dabei auf folgenden Texte: „Vorlesungen über Logik und Metaphysik“ (1794 bis 1802) GA II, 4 (vgl. auch die Kollegnachschrift „Vorlesungen über„Logik und Metaphysik“ 1797, GA VI/1
Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache(1795) GA I, 3, 292 -326

3Die Idee, dass nur ein vergleichendes Studium möglichst vieler Sprachen (im Sinne Humboldts) – und selbst dann nur annäherungsweise – zeigen kann, welche Rolle die Sprache

des Menschen im Verhältnis von Vernunft und Welt spielt, ist Fichte offensichtlich

nicht gekommen. – So Kahnert, Anm. 51.

4Siehe auch W. Janke, Die Wörter „Sein“ und „Ding“ – Überlegungen zu Fichtes Philosophie der Sprache. In: Der transzendentale Gedanke, a. a. O., S 49 – 67.

5Siehe dazu Kahnert Anm. 76, S 208 GA 1/3, 112. Eine im Fichteschen Sinne denkbare historisch-hierarchische Struktur möglicher Arten von Sprache wäre: Ursprache – Vernunftsprache – Zeichensystem der Wissenschaftslehre; s. dazu ZAHN, MANFRED, »Fichtes Sprachproblem und die Darstellung der Wissenschaftslehre«, in: Der transzendentale Gedanke, a. a. O. S. 160.

6Siehe „Vorlesungen zu Platners Aphorismen“ zur Entstehung einer Ursprache, „Wir sind nur zu geneigt, ohne unser Wissen zu abstrahieren.“ GA II, 4, 170; d. h. Wir setzen unbewusst ein Zeichen für etwas ein, abstrahieren, weil wir es so gebrauchen… „Die ersten Wörter bezeichneten durchgängig abstrakte Begriffe, womit mehrere Gegenstände der gleichen Art „gedacht worden sind“[/]“ (ebd.)

7Es heißt sinngemäß in § 12 der Wlnm: Das reine Wollen, das seinen Rechtsgrund in sich hat, wird zuerst gedacht als ichliche Einheit, als Gedanke meiner selbst, und so werde ich individuiert. Der Individuation liegt aber die ursprüngliche Bestimmtheit eines Reiches vernünftiger anderer Wesen zugrunde. Im existentiellen Vollzug meiner selbst werde ich mir dieser Identität einer sowohl apriorischen Bestimmtheit durch ein Reich vernünftiger Wesen wie der apriorischen Spezifikation meiner Individualität durch den substantiellen Denk- und Selbstbestimmungsaktes bewusst. Im realen Vollzug des Denkens setze ich notwendig (zweckhaft) andere vernünftiger Wesen außer mir an und muss notwendig (notwendig im Sinne der Logik, intelligibel und moralisch aber frei) mich selbst aus der allgemeinen Bestimmtheit zu einer individuellen Bestimmtheit spezifizieren. (Siehe dann zur Interpersonalität – Wlnm IV, 141

8Peter Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL, in: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981., S 185.

9Vgl. z. B. M. J. SIEMEK, Unendlichkeit und Schranke. Zum Fichteschen Entwurf einer transzendentalen Ontologie des Wissens. In: Fichte-Studien, Bd. 31, NY 2007, S 65.

Das Bild ist nur dadurch, dass es wird und sich im Werden präsentiert. Durch das Faktum des Werdens entsteht also das Bild, als gesetzt in der Äußerung dessen, was Fichte als Urbild bezeichnet. Es ist das sich im Bilde äußernde Leben, das allein dem Bild seinen Gehalt geben kann. Dieser unendliche Gehalt – die Qualität, die im Bild hinge schaut wird – schöpft sein Sosein aus dem unmittelbaren Erscheinen des Seins und erscheint insofern als die Wahrheit im Wissen, oder die unmittelbare Offenbarung, die das Sein von sich gibt. Zugleich ist aber diese unendliche Wahrheit nur in der einschränkenden Form der Anschauung, im bildlichen Medium der Sichtbarkeit überhaupt zugänglich. Denn es ist die Form und das Medium des Werdens, der unmittelbaren Genesis: ein Sich-Machen der Einheit vermittelst des lebendigen Durch, das den Fluss der Mannigfaltigkeit aufhält und in die Einheit des Bildes verwandelt. Der absolute Gehalt der Erscheinung muss diese Form annehmen, wenn er anschaubar sein soll; denn sie ist die Grundform der Bildlichkeit, in der die Erscheinung sich selbst als äußernd anschaut.“

10Die sonst anzutreffende Skepsis gegen Bilder in der Erkenntnis der Ideen bei PLATON wird bekanntlich im Siebten Brief von ihm bgelegt, weil das Problem nicht in der Metaphorik selber liegt, sondern im ideiierenden Denkakt, der zu falschen Bildern greifen kann.

11Ein Stelle z. B. aus Wlnm: Dieses ist das SOLLEN rein erblickt, u. diese Auffoderung meines Sollens wird erscheinen als Wahrnehmung. Dies ist die Auffoderung seine Freyheit zu äußern (…) und dass daraus die wirkliche Freyheit und Bestimmtheit in der Sinnenwelt entsteht, das zeigt sich hier. Diese Auffoderung zur Freyheit ist nur die versinnlichte Auffoderung auf die vernünftige(n) Wesen in Wechselwirkung, zu handeln.“ (GA IV, 2, § 19, 251)

12Die Erklärungsmuster eines Hamann oder Herder erklären nichts, weil sie anthropologisch die Sprache dem Menschen bereits anheften, ohne zu wissen, was der interpersonale, performative Sinn der Sprache ist.

13Siehe z. B. Kommentar von Giovanni Cogliandro, Die Dynamik der Fünffachheit in der Wissenschaftslehre nova methodo, in: in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beitrage aus der aktuellen Fichte-Forschung. (Hrsg von E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto). Frommann-Holzboog 2001, pp. 167-198. Dankenswerterweise auch ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download: https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser