Transzendentale Interpersonalitätslehre

Bei Marco Ivaldo fand ich auf wenigen Seiten eine schlüssige Wiedergabe der Interpersonalitätslehre bei FICHTE nach der GNR von 1796. Ich zitiere hier ein paar Auszüge aus diesem Aufsatz und füge ein paar Bemerkungen hinzu.1

1) Warum soll es für ein Bewusstsein/Selbstbewusstsein andere Personen zur Selbstkonstitution geben?

Es sei zuerst die allgemeine Erkenntnisposition der WL skizziert, ebenfalls nach M. Ivaldo in einem Aufsatz zur Position der Ethik bei FICHTE:2

„Transzendentalphilosophie ist prinzipielle und selbstreflexive Durchdringung des Bewußt-Seins als artikulierte Einheit von Bild und Abgebildeten, als Einheit des „Subjektiven“ und „Objektiven“. Unser Wissen, welches jedesmal Wissen von etwas als etwas ist, wurzelt in der organischen und dynamischen Einheit (Disjunktionseinheit) des Bildens. Theoretische Philosophie ist Darstellung der „notwendigen Handlungen“, nach denen das Bild (die Vorstellung) aus dem Abgebildeten (dem Sein) in der Einheit des Bildens „folgt“. Die Aussage „Ich erkenne“ spricht die betreffende Tat des Bewußtseins aus.

Praktische Philosophie untersucht ihrerseits die „notwendigen Handlungen“, kraft deren das Abgebildete aus dem Bild „folgt“. Sie erklärt nämlich, wie das Bild bzw. der „Zweckbegriff“ das faktische Sein bestimmt. Die in der Aussage „Ich handle“ ausgesprochenen Tat des Bewußtseins bedeutet demnach : Ich erfahre, dass ich der Bestimmende von etwas als etwas bin. In diesem Sinne ist Sittenlehre praktische Philosophie: „Das System des notwendigen Denkens, dass mit unseren [intentionalen] Vorstellungen ein Sein übereinstimme, und daraus folge.“ (FICHTE, SL 98, GA I/5, 22) 3

Der Zweckbegriff, als kompatibler Begriff zur Freiheit und erkenntniskonstitutiver Begriff der praktischen Philosophie, hat damit a) eine kategorische Dimension, weil das Bewusstsein der Freiheit und deren intuitive Erkenntnis auf einem kategorischen Sollen beruht, mithin auf einer sittlich-praktischen Regel, die modal notwendig so gedacht werden muss, soll Freiheit möglich sein und b) eine teleologische Dimension: „Ich setze mich als frei, inwiefern ich ein sinnliches Handeln, oder ein Sein aus meinem Begriffe, der dann Zweckbegriff heißt, erkläre (SL 1798; GA I/5, 27)

Das Kategorische und Teleologische fallen nicht auseinander, noch sind sie entgegengesetzt, sondern beiden gelten als konstitutive Bestimmungen des praktischen Freiheitsbewusstseins. Der kategorische Faktor betrifft die Rechtfertigung des Prinzips der Sittlichkeit, der teleologische die Konkretion des Prinzips selbst. 4

Mit eigenen Worten noch expliziert – mit noch weiterer Differenzierung: M. Ivaldo spricht vom „kategorischen Sollen“. Er hat hier sicherlich eine höhere Herleitung im Sinne. Wie ich das verstehe, würde ich es so systematisieren: Das kategorische Sollen ist der deduktive (synthetische) Weg der Schematisierung des Wissens, worin die Freiheit Prinzip ist allen Seins. Ausgehend vom Begriff der Erscheinung des Absoluten (der Anschauung Gottes, des Bildes Gottes) wird die gesamte Wirklichkeit verwandelt und differenziert in eine durch Freiheit bestimmte Wirklichkeit. Dies führt zu einer Entfaltung aller subjektiven und objektiven Anschauungen einer Sittenlehre bzw. Religion.


Das teleologische Denken ist hingegen der reduktive Weg der Analysierung des Wissens. Dafür sind wieder zwei Fälle möglich, die in einem einseitigen Bedingungsverhältnis zueinander stehen und die phänomenologische Ebene des Erkennens betreffen: a) Entweder wird die Freiheit in der Anschauung vorausgesetzt, dann entsteht die unendliche Anschauung des Endzwecks, d.h. eine Welt der Personen und des Rechts; oder b) die Freiheit wird nicht vorausgesetzt, es entsteht die Anschauung der unendlichen, sinnlichen Natur.

KANT kennt m. E. nur diesen reduktiven Weg der Analyse des Wissens, sei es für den sinnlichen Bereich, oder sei es für den sittlichen Bereich.

Das hört sich auf der phänomenologischen Ebene des sittlichen Bereichs – den sinnlichen Bereich lasse ich hier weg – so an: Die Anschauung anderer Personen wird reduktiv erschlossen (analytisch) aus einem Endzweck: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst (GdMdS, IV, 429)

Wie weiß ich aber, dass ich überhaupt andere Personen voraussetzen darf, die dann durch ein Sittengesetz untereinander vereinbar gesetzt sind?

2) Bei FICHTE verläuft die reduktive Erschließung anderer Personen höherwertig, in einer intellektuellen Anschauung: Die Erkenntnis anderer Personen und die mögliche Form der Kommunikabilität ist bedingt durch die Folge eines „Aufrufs“ bzw. einer „Aufforderung“.

Dieser „Aufruf“ oder diese „Aufforderung“ wird nicht einfach realistisch von der Seite eingeschoben, sondern wird im Gesamten der vernünftigen Durchdringung der Wirklichkeit gesehen und innerhalb der Reflexion des Wissens phänomenologisch begründet:

Das Wissen existiert als Tendenz, sich selbst absolut und vollkommen zu realisieren. Nun kann sich die Vernunft als Reflexeinheit nur bilden, indem sie sich bestimmt werdend selbst bestimmt. Das Sichbilden ist sowohl passives Bestimmt-Werden wie aktives Bestimmen, ist gehemmte Bestimmung, die die Vernunft in ihrer Intention frei vermittelt. Diese Reflexeinheit des subjektiven und objektiven Bildens bedeutet eine relative Selbstständigkeit der Hemmung bzw. des Aufrufs/der Aufforderung im Sichvollziehen des Wissens, sei es für den Bereich der sinnlichen Erfahrung, oder sei es für den Bereich einer interpersonalen und sittlichen Erfahrung.

Für den sinnlichen Bereiche heißt das: Die einfache Hemmung ist sinnliches Substrat der sinnlichen Natur; aus diesem pluripotentiellen Substrat entsteht die sowohl die anorganische wie die organische Natur. Die Erklärung der Ursachen wird dabei im anorganischen Bereich durch regulative Zweckideen bestimmt, im organischen Bereich notwendig und konstitutiv durch Zweckideen.

Es besteht zwischen sinnlicher und sittlicher Welt aber ein einseitiges Bedingungsverhältnis: Die sinnliche regulative oder konstitutive Zweckerklärung (für den organischen Bereich) wäre ohne sittliche Zweckerklärung nicht möglich:

Die WLnm (GA IV, 2) demonstriert sehr anschaulich, wie Freiheit und Natur zusammenwirken im System der Sensibilität [postuliert dort in § 8 u. § 11; deduziert in grundsätzlicher Hinsicht in § 13, ab S 145, kurz nach der Sphäre der Bestimmbarkeit überhaupt], in der Ableitung der Sensorik und Motorik des Leibes [§ 14 , 155ff], in der Ableitung der Organizität [§ 15; 171f]; schließlich in der Ableitung des Begriffes der Leibes-Kraft [§ 17; 197f und 210ff] und in der Ableitung der Artikulation und Organisation des Leibes [§ 19; 256 – 261]. Im Erkennen der Welt finde ich mich gebunden. Die Welt ist etwas, deren Grund nicht in mir liegen soll, aber ich bin das, wovon der Grund in mir liegen soll. Die Freiheit scheidet sich deshalb von der Welt ab. Das Anschauen derselben wird ihm zufällig, weil das Ich auch handeln könnte.

Bei M. Ivaldo heißt es dann weiter: So gibt es für das wirkliche Bewusstsein und Selbstbewusstsein

a) eine Wechselwirkung zwischen Hemmungen und tätigem Ich in der bloßen Natur,

b) eine Wechselwirkung zwischen objektiviertem Trieb und freiem Willen in der Natur des Menschen;

c) In der dritten Sphäre eine Wechselwirkung des freien Ichs mit anderen freien Ichen untereinander.

Die Hemmung erfährt eine Transformation.

Das Bestimmtsein des Subjekts wird auf der interpersonalen Ebene als Aufruf bzw. Aufforderung an dasselbe verstanden, sich zu einer Wirksamkeit zu entschließen.

Dieser Aufruf ist wie eine Hemmung, eine Hemmung besonderer Art. Er drückt die auf das Subjekt als freies Wesen gerichtet Intention eines Anderen aus.

„Was ist denn nun der eigentliche Charakter dieser Intention? Fichte antwortet darauf, dass sie eine die Freiheit eines Anderen aufrufende freie Zwecksetzung ist.“ 5

a) Eine Zwecksetzung nach notwendigen Gesetzen gibt es schon in der Natur. Im Vergleich zur interpersonalen Ebene ist dies aber bloß ein negatives Merkmal der Zweckmäßigkeit.
b) Es muss eine Zwecksetzung nach Gesetzen der Freiheit geben, wodurch das positive Merkmal der Vernünftigkeit eingesehen wird.

Die Beziehungen zwischen Vernunftwesen, wenn sie das Merkmal der Vernünftigkeit bewahren, beruhen also auf reziproken, freien Zwecksetzungen. In einer Wechselwirkung durch Begriffe tritt die Intention als freie Zwecksetzung auf, die auf eine andere freie Zwecksetzung ausgeht, um vereint mit dieser den Zweck zu realisieren. Die Intention verursacht das Ich-Werden des Anderen.

Nach GRUNDLAGE DER NATURRECHTS von 1796 (abk.= GNR) liegt die Schwierigkeit der Erklärung des Selbstbewusstseins in einem erkenntnistheoretisch notwendigen Zirkel: Es muss das Selbstbewusstsein als solches schon vorausgesetzt sein, um seine Wirksamkeit auf ein Objekt richten zu können. Umgekehrt muss ein Objekt für das Selbstbewusstsein bereits vorausgesetzt sein, worauf es teleologisch wirkt. (vgl. Akad.-Ausg.=GA I, 3, S 341)

Diese Schwierigkeit kann behoben werden, wenn man annimmt, die Wirksamkeit des Subjekts sei mit dem Objekt in einem und demselben Momente synthetisch vereinigt.

„Nur eine Synthesis dieser Art (sc. worin Wirksamkeit des Subjektes und Objekt eins sind) erlaubt, dass das Ich sich als Ich findet, ohne in diesem Sichfinden aufzuhören, ein Ich zu sein. Das Sich-finden des Ichs vernichtet das Freisein desselben nicht, wenn es als ein Bestimmtsein des Subjekts zur Selbstbestimmung gedacht wird. Während eine einfache Hemmung die Freiheit an das Objekt bindet, (so dass nur ein objektives Bewusstsein und kein eigentliches Selbstbewusstsein entstehen könnte), wirkt die Aufforderung anders: sie bindet (ruft) die Freiheit an sich selbst, sie lässt dem Ich aber seine völlige Freiheit zur Selbstbestimmung. In diesem Sinne ist die Aufforderung Bedingung eines Selbstbewusstseins: In dem Aufgerufensein findet sich (=Objekt) das Ich (=Subjekt) als solches (als reelle Freiheit, Vernunft immer noch auf dem Wege der Bildung ihrer selbst.) Aufrufen heißt nicht nötigen, sondern die Freiheit fördern bzw. ihr ein Virtuelles von Möglichkeiten einräumen.“ 6 Das „Objekt“ einer freien Zwecksetzung, damit das Bewusstsein sich erklären kann, kann kein bloßer Träger eines Objektes der Natur sein, sondern nur ein Träger eines Aufrufes, weil dessen Charakter ja freie Zwecksetzung sein muss. Nur die Bedingung der Möglichkeit eines konkreten Ichs kann ein anderes Ich aufrufen, oder, um FICHTE sprechen zu lassen, „dass der Mensch (so alle endliche Wesen überhaupt) nur unter Menschen ein Mensch wird. (GNR, GA I, 3, 347)

Mit eigenen Worten, ohne M. Ivaldo: Ein Zirkel von Wissen (freier Zwecksetzung) und Sein (Objekt des Wissens) ist die alte Crux vieler Philosophien bis heute; bei Fichte wird der Zirkel hier 1798 reduktiv unterlaufen, in dem es nur ein Zirkel zwischen Wissen und (anderer) Freiheit in einem Wissen! sein kann. Der Zirkel wird analytisch aufgelöst, wenn a priori das Wissen selbst schon interpersonal verfasst ist, d. h. sich als Ich oder Ichheit prinzipiert und schematisiert in eine bestimmte Summe vieler individueller Iche hinein.

Wie die Schematisierung des Wissens geschieht, das kommt hier auf der Ebene der Phänomenologie und auf der Ebene einer materialen Analyse der vorauszusetzenden WL natürlich nicht vor – und kann somit der GNR von 1798 nicht vorgeworfen werden.

Letzterer Gedanke der Schematisierung und Prinzipierung des Wissens – das ist der von mir oben angedeutet deduktive (synthetische) Weg des Wissens – er müsste jetzt in der materialen Explikation der GWL von 1794 dargelegt  werden, worin das absolute Ich sein Sein setzt  – und noch grundlegender anhand der WLn ab 1801/02, worin es um die „genetische“ Begründung des Wissens geht. 

Gemäß der GWL von 1794/95 wird die Freiheit als Prinzip schematisiert und zum Bewusstsein erhoben: Es entsteht die Anschauung einer Ichform (der Ichheit), die als Reflexion nochmals aufgespalten ist in eine Summe vieler Individuen.

Wenn synthetisch die Freiheit a priori eine interpersonale Welt schematisiert und fordert und im Wissen reflexiv auftritt, so kann auf analytisch-reduktivem Weg, d.h. auf der phänomenologischen Ebene, die wechselseitige intentionale und interpersonale Vermittlung der Ichwerdung und Selbstwerdung analytisch anschaubar sein: Unser individuelles Ichbewusstsein geht nicht der konkreten Begegnung mit einem anderen Wesen unseresgleichen voraus, sondern ist die schöpferische Folge einer realen Kommunikation.“7

In der GNR nennt es FICHTE „freie Wechselwirksamkeit“, in dem sich „Wirkung und Gegenwirkung“ nicht getrennt denken lassen, sondern „beide die partes integrantes einer ganzen Begebenheit ausmachen“ (GA I,3, 344)

3) M. Ivaldo betont jetzt völlig richtig, dass diese intentionale Wechselwirkung immer zugleich eine physische Determinationskomponente hat. „Das vernünftige Wesen setzt sich als Person, indem es sich einen Leib zuschreibt, und zugleich kann es sich keinen Leib zuschreiben, ohne ihn zu setzen, als stehend in Interaktion mit einer anderen Person außer ihm.“ 8

Im Leib setzen wir uns unmittelbar als Ursache unseres Willens.

Eine Wechselwirkung zwischen Personen kommt somit zugleich durch eine leibhafte Interaktion zustande. Die Intention eines Anderen manifestiert sich in und durch die Leibhaftigkeit – und im weiterer Folge müsste jetzt die ganze kommunikative Form der Vermittlung durch artikulierte Töne, Sprache, Gebärden usw. extrapoliert werden.9

Diese grundlegende Intention manifestiert sich ferner zweifach: als ein „du darfst nicht“ und als ein „du sollst“. In dem Aufgerufenwerden findet sich das Ichbewusstsein zur Verantwortung aufgefordert: und zwar durch die Wahrnehmung der Grenzen und zugleich der Möglichkeit seiner Freiheit.

In einer grundlegenden Philosophie und intersubjektiven Reflexion sollen jetzt die spezifischen Grenzen und Möglichkeiten der individuellen Freiheit dem Anderen gegenüber hell und greifbar dargestellt werden, sprich, die philosophischen Grundlagen einer Rechtslehre und einer Ethik müssten weiter expliziert und material darstellbar sein.

Der eigentliche Inhalt der den Aufruf bestimmenden Intention ist das Vernunftgesetz. „Die praktische Wechselwirkung zwischen Personen hat das Ziel, die Vernunft in sich selbst und in den Anderen zu verwirklichen. (…) Die Interaktion zwischen Personen hat das Sittengesetz als Maßstab und die Hervorbringung der Sittlichkeit in der Welt als Zweck (siehe z. B. SL von 1812, SW XI, 83). 10

Die Grundtendenz der Vernunft überhaupt liegt somit in einem sittlich-kategorischen Sollen, das im Zweckbegriff zur praktischen Wirksamkeit leiblich, sittlich und rechtlich (und evtl. religiös11) übergeht.

M. Ivaldo beschreibt es so: Die Vernunft ist „(…) absolute Erscheinung eines Dialogs, in dem jeder Partner zu seiner Selbstheit zusammen mit dem Anderen (und den Anderen), und nur so, kommen kann.“ (ebd. S 172)

4) Soweit M. Ivaldo. Als eigene Schlussfolgerungen möchte ich noch angeben, was wiederum noch weiter zu entfalten wäre!

a) Der Erklärungsgrund in und aus einem Sittengesetz als ratio cognoscendi der Freiheit führt als teleologischen Durchführung und Realisierung zu einer materialen Rechtslehre. FICHTE hat stets auf die Eigenberechtigung des rechtlichen Systems gegenüber der Moral beharrt. Der Mensch als Bild Gottes ist rechtliche Grundlage und verlangt nicht erst eine moralische Zusatzbegründung oder eine Tauglichkeitsprüfung von subjektiver Maxime und allgemeiner Gesetzgebung. 

Wird allerdings auf das Prinzip der Freiheit selber reflektiert, wodurch sich das Wissen schematisiert, muss es nochmals zu einer genetische Begründung für den Rechtsbegriff  durch den Moralbegriff kommen. 

M. Ivaldo drückt diese Prinzipiierung der Freiheit so aus: „Der Sinn des Rechts besteht nämlich darin, dass durch wechselseitige Beschränkung der praktischen Freiheit der Individuen soziale und juridische Verhältnisse innerhalb der Natur „hervorgebracht“ werden, die eine freie Einrichtung von höheren (sittlichen bzw. sittlich-religiösen) Verhältnissen unter den Individuen ermöglichen. Die Rechtssphäre ist somit hinsichtlich ihrer Funktion autonom und hinsichtlich des Zwecks ihres Daseins der sittlichen Sphäre untergeordnet.“ 12

b) Die praktischen Begriffe im sittlichen Verhalten zueinander und ihre Ritualisierung und Kodifizierung im Recht enthalten eine mitschwingende, still vorausgesetzte Transzendenz. Im intentionalen Zweckbegriff kann die andere Freiheit gerade nicht vollständig und letztgültig erkannt und erreicht werden, weil notwendig das Werden und die Zeit dazwischentritt. Die Zeit ist die Anschauung einer unendlichen Differenzierung von begrifflich verstandener Freiheit und setzt den Begriff Gottes (die Transzendenz) als absoluten Gegenstand der Anschauung voraus.

c) Als Beispiel einer der rechtlichen Kodifizierung und rechtlichen Ritualisierung des Zusammenlebens vorausgehenden Moralentscheidung möchte ich auf die Hl. Schrift GENESIS und EXODUS verweisen: Die Gesetzgebung am Berg Sinai (Buch EXODUS) wird als Bildungsprozess des „Volkes Gottes“ gesehen, weil explizit dort sich das Volk eine rechtliche Verfassung gab. Die konkrete, historische Promulgation und Ritualisierung von Recht fällt aber m. E. nicht mit der genetischen Begründung zusammen, sondern die konkrete sittliche Annahme eines Rechtsvertrages mit Gott verläuft überzeitlich über die innere Annahme einzelner Personen, konkret über Menschen, die sich zu diesem Vertrag freiwillig verpflichtet haben, vorab zur Promulgation am Berg Sinai und ihrer Ritualisierung in einem Gesetzbuch. Siehe dazu das Beispiel Abrahams im Buch GENESIS. Das „Volk Gottes“ ist bereits abgebildet im Hören des Wortes bei ABRAHAM und in den an ihn ergangenen Verheißungen. („Ich werde dich zu einem großen Volk machen…….“). Im Buch EXODUS ist es ähnlich: Der ganzen rechtliche Bildung und Kodifizierung des „Volkes Gottes“ am Berg Sinai geht eine moralische Erfahrung im weitesten Sinne voraus, d. h. die Erfahrung einer Freiheit und Befreiung (aus der Knechtschaft „Ägyptens“). Indem das „Volk Gottes“ sich am Berg Sinai ein theokratisches Gesetz gibt, sanktioniert es im nachhinein die moralische Erfahrung und das rechtliche, intentionale, interpersonale Wechselwirkungsverhältnis.

© Dr. Franz Strasser, fr.strasser@eduhi.at 26. 8. 2016

1 M. Ivaldo, Transzendentale Interpersonalitätslehre in Grundzügen nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, in: A. MUES, Transzendentalphilosophie als System [Hrsg.], Hamburg 1989, S 163 – 173.

2M. Ivaldo, Die systematische Position der Ethik nach der Wissenschaftslehre nova methodo und der Sittenlehre 1798, in: Fichte-Studien, Bd 16, 1999, 245.

3M. Ivaldo, ebd. 245.

4M. Ivaldo, ebd. S 246.

5M. Ivaldo, Transzendentale Interpersonalitätslehre, ebd. S 169. Was hier alles zum Begriff der Intention gesagt werden müsste, übersteigt diesen kurzen Blog, von BRENTANO bis HUSSERL. Leider fehlt bei letzteren Philosophen m. E. die praktische Begründung der Intention, weil sie kein umfassendes Schematisieren des Prinzips der Freiheit kennen.

6M. Ivaldo, ebd. S 169.170.

7M. Ivaldo, ebd. S 170.

8M. Ivaldo, ebd. S 171.

9 Die Anwendungsbedingungen müssen selbst auf der Linie der tendenziellen Grundbildung der Vernunft liegen; jede Hemmung muss letztlich als freie vermittelt werden. Die Vernunft als absolutes Bilden ist m. a. W. ursprünglich dialogisch; sie erscheint dialogisch als ein Aufrufen und ein Aufgerufenwerden von Sprechenden. Die Selbstheit einer Person ist nicht möglich ohne Begriff einer Vernunft „außer“ uns. Es ist deshalb m. E. auch richtig und wichtig, primär von Interpersonalität, statt nur von Intersubjektivität, zu sprechen. In der Intersubjektivität wird ein reduktionistisch vorgestelltes abstraktes Subjekt assoziiert, das mit anderen kommunizieren kann – aber ohne Anschauungsmittel, ohne Leib, ohne Zeichen. Ex concessis könnte vielleicht das Wort „intersubjektiv“ zugestanden werden, wenn es allein um die abstrakte, reflexiologische Bestimmung eines Interpersonal-Verhältnisses gehen soll?

10M. Ivaldo, ebd. S 171.

11 Inwieweit eine religiöse Vermittlung eines interpersonalen und transpersonalen Wechselverhältnisses notwendig gedacht werden muss, lasse ich hier offen; FICHTE postulierte dies neben dem theoretischen Postulat der Rechtslehre als praktisches Postulat.

Inwiefern über das allgemein religiöse Verhältnis spezifisch eine Offenbarungslehre folgen muss, weil das sittliche Liebesverhältnis durch die Geschichte bereits beträchtlich zerstört worden ist, möchte ich aber vorab stark betonen.

12M. Ivaldo, Die systematische Position der Ethik, a. a. O., S 250.