WL 1811 – 2. Teil

2) Das Sein der Erscheinung und das Soll und das Als des Denkens.

Ein Bilden (verbal bilden) gibt es nur, inwiefern das Vermögen wirklich „u. in der That ist“ (ebd. 12. Vorlesung, S 74 Z 13). Das Vermögen bildet und bildet durch sich ein Bild. Die Frage ist, wie kann aus der absoluten, seienden, nicht werdenden, unwandelbaren Einheit der Erscheinung zu einer zweiten Erscheinung derselben übergangen werden? Wie spaltet sich die unwandelbare Einheit in eine Zweiheit durch das Bilden?

Ich schlage wieder den Weg der Deduktion ein. [Zur] Form: dass der Fassungspunkt in der Deduktion nicht vollständig, u. umfassend ist, wird sich zeigen; wäre er es, nun so wären wir eben in der strengen Methode.“ (ebd. S 74 Z 26f).

Fichte führt jetzt in sehr eindringlicher Rede und Reflexion des eigenen Denkaktes zum Begriff des Gesetzes und zum Begriff des „Solls“ (ebd. S 77 Z 16) als Gesetz für die Freiheit. (vgl. ebd. S 74 – 78)

Der Begriff des „Soll“ ist die Idee für die Deduktion schlechthin, „(…) ein Soll, das die Freiheit stehen läßt, nicht ein Muß, das sie aufhebt. Das Soll ist die Form des Seyns, die Freiheit durchdringend, u. mit ihr vereinigt, das synthetische Glied beider (sc. des Gesetzes und der Freiheit).“ (S 78 Z 24f)

Das Soll ist das „fortdauernde absolute Erscheinen Gottes in der Freiheit.“ (ebd. S 80 Z 20)

Das Soll zu denken heißt eine Synthesis des Möglichen in Bezug auf die Wirklichkeit in einer Konkretion zu sehen und vorwegzunehmen, heißt, ein „Als“ (ebd. S 81 Z 7) zu denken.

In der Erscheinung der Erscheinung, vom Schema 1 zu Schema 2, von der unwandelbaren Einheit zum Schema 2, konnte genau gesagt dieses vollziehende Schema eines „Als“ noch nicht behauptet werden, „obwohl es implicite, u. als unsichtbarer factor allerdings drin lag?
An
twort: Weil es als absolutes mit dem Schema zu Einem verschmolzen war, conkrescirt damit aufgehend; ohne Unterscheidung, in seinem besondern Seyn durch das Schema verdekt. – Dieser Konkrescenz also müste abgeholfen werden: Das Schema müste drum zufördert besonders, und mit seinem Charakter der Absonderung, als Schema erscheinen. W.D.E.W.“ (ebd. S 81 Z 12f)

Hinter die Erscheinung des Seins (und dem damit verbundenen Bild des Seins und erneuten Bild des Bildes vom Sein) kann nicht zurückgegangen werden und der Begriff des Seins ist selbst zufolge der schematisierenden Erscheinung, „(…) wie die Erscheinung ist, so ist er, denn er ist zufolge des ursprünglichen Seyns der Erscheinung. Sie macht nicht das Seyn, sondern die Erscheinung des Seyns macht sich selbst in ihr, (…)“ (ebd. S 82 Z 28ff)

Die Form dieser Erscheinung im Schema und im Bilden zu erfassen als solches Schema oder Sein, heißt „Denken“. (ebd. S 83, Z 6)

Die Erscheinung des Seins durch sich selbst im Schematisieren und Bildens ist aber damit begründet und bildhaft weiter gedeutet als „bestimmtes Vermögen der Freiheit“ (ebd. S 85 Z 10), denn bestimmt ist die Freiheit a) innerhalb des allgemeinen Erscheinens des Seins überhaupt – weil Gott erscheint – und bestimmt b) im „Als“ der Erscheinung des Seins. „Gott kann erscheinen nur in der Freiheit: in dieser nun erscheint er allerdings, unabtrennbar von ihr, und nicht auszutilgen; denn er ist ihr Träger: (…)“ (ebd. S 85 Z 5 6f)

(c) Franz Strasser, 25. 7. 2022

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser