Zum Begriff des Triebes bei Fichte – 1. Teil

Zum Begriff des Triebes – 1. Teil

Die Natur des Menschen ist nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE FICHTES ein Sich-Bilden, ein theoretisches und praktischen Konstituieren von Selbstbewusstseins auf der Basis des Produktes der (theoretisch wie praktisch) ursprünglich produzierenden Einbildungskraft. Dabei spielen theoretische und praktische Konstitution ganz ineinander, denn notwendig setzt das Ich sein ganzes Sein und will dies nach einem Zweckbegriff realisieren. Für die angehende Definition des Triebes spielt natürlich die praktische Konstitution des Selbstbewusstseins die Hauptrolle, aber davon könnte umgekehrt nicht die Rede sein, wenn nicht der Triebbegriff theoretisch im ästhetischen Trieb denkbar und ableitbar wäre. Bekanntlich stehen bei KANT theoretische und praktische Vernunft noch nebeneinander, bei FICHTE ist es die eine Vernunft, die eine allgemeine Ichheit (platonisch: qualitative Totalitätsallgemeinheit), aus der sowohl Vorstellung wie Streben bzw. das gehemmte Streben als Trieb, in Einheit und Differenz, abgeleitet werden.

Es gibt mancherlei Sekundärliteratur zum Triebbegriff bei FICHTE.1 Es kommt auf die Geschlossenheit der Ableitung an – und hier halte ich mich an die Naturlehre nach den Prinzipien der WL, Hamburg 1984 von R. LAUTH, zumal dort wie nirgends der originale Wortlaut FICHTES einerseits beibehalten, andererseits noch präziser und schlüssiger die Diskussion auf den Punkt gebracht ist.

Ich referiere hier somit frei nach R. LAUTH, tlw. in der chronologischen Einführung des Triebbegriffes bei J. G. FICHTE beginnend mit den Urfassungen der WL in den EIGNEN MEDITATIONEN und in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE von 1793/94, bzw. noch früher in der OFFENBARUNGSCRITIK von 1792, tlw. frei, wo es der systematische Zusammenhang verlangt.

1) Das oberste Gefühl ist das Streben.

Das Streben wird in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1794) phänomenologisch als Handeln, das keine Kausalität hat, gefasst (GA II, 3, 183). Dass wir das Streben nur fühlen können, ist klar, denn sonst müssten wir eine reale Wirkung des Strebens erkennen können. Dennoch ist, was wir Streben nennen, gedanklich einzuholen. Es steckt in ihm eine Denkfunktion, insofern als es immer in einer „Relation“, das heißt, einer Beziehung, besteht (GA II, 3, 262).2

Das Streben hat also durchaus Realität, auch wenn wir sie nicht erkennen können. Sie muss aber in der Vorstellung begriffen und bestätigt werden können, soll es ein Streben bleiben. Die Vorstellung ist mithin selbst eine Unterform eines gehemmten Strebens und bereits eine Lösung der Aufgabe, wie mit dem gehemmten Streben umgegangen werden kann. Durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft vermag die Vorstellung ein Gleichgewicht zwischen hemmender und darüber hinausgehender idealer (intelligenter) Tätigkeit zu erzeugen – und widersteht so bereits dem Schock und der Hemmung, indem sie idealiter nicht daran gebunden ist. Der Vorstellungstrieb wird in der Vorstellung somit immer befriedigt, wenn auch die anderen sinnlichen und praktischen Triebe den Ausgleich erst finden müssen, weil, wie ebenfalls relativ absolut angenommen werden muss, das Faktum des Nicht-Ichs bestehen bleiben soll.

Welche Relation steckt im Streben? Welche Denkfunktion? Es soll eine Wirkung gedacht werden, die als solche nur in ihrer Erscheinungsweise erkannt werden kann, als gefühlte Hemmung, nichtsdestotrotz aber eine Forderung nach Kausalität in sich enthält, ein übergeordnetes Sollen darstellt, eine geistige Kraft, die das Leben treibt. Das Denken erstellt (oder erfindet) dabei nicht selbst die Relata zwischen unerfülltem und erfülltem Streben, es fixiert und reguliert nur notwendig das theoretisch wie praktisch sich äußernde  Streben des Ichs. Das Denkverhältnis ist selbst eine abgeleitete Form der Vernunftrealisierung, die sein soll und aus dem absoluten Setzen der Erscheinung des Absoluten kommt. Da aber offensichtlich das (endliche) Ich gehemmt ist, verwandelt sich das ursprüngliche Setzen in ein Streben.

Das Streben in der ichlichen Weise ist dabei von vornherein bereits

a) auch eine Vorstellungsweise,  dass  alles Wollen und Sollen der absoluten Vernunft soweit wie möglich entsprechen soll.
Da dieses
aber aus Gründen der Unerklärlichkeit eines Anstoßes bzw. einer Hemmung bzw. eines Aufrufes nicht möglich ist, verwandelt sich das Streben nach notwendigen Gesetzen der Reflexion in ein

b) ichlich Vorgestelltes im Nicht-Ich. Das Nicht-Ich selbst wird als Substanz und Akzidens, als Ursache und Wirkung und in Wechselwirkung mit dem Ich vorgestellt.

Schließlich c) sucht das freie Streben ein ichliches Objekt, dass seinerseits Freiheit ist und ein ichliches Streben sein kann, d. h. eine andere Person.

Das zuerst Aufzufassende im Streben des (endlichen) Ichs ist das durch die Hemmung (oder einen Aufruf) bestimmte Gefühl; da dieses Gefühl aber einer nach vollkommener Realisierung der Vernunft strebenden Ichs nur ein Mangelgefühl offenbart, versucht das sich als Substanz und in idealer und realer Tätigkeit sich durchhaltende Ich in der Zeit- und Raumform das Ziel einer Erfüllung des Strebens zu erreichen. Ein von außen als Ding an sich auf das Ich einströmendes Nicht-Ich in einer objektiven Zeit- und Raumform ist nicht denkbar.3 FICHTE sagt sogar in seiner ersten WL der „EIGNE MEDITATIONEN“, dass Raum und Zeit „Formen der Empfindbarkeit“ (GA II, 3, 130.) sind.4 Das nachvollziehende Denken ahmt das theoretisch wie praktisch bestimmte Schweben der Einbildungskraft nach und bestimmt durch diesen grundlegenden Akt der Selbstbestimmung die reale und ideale Reihe des Bewusst-Seins.

Tritt der Fall der Erfüllung des Strebens ein, so hat der Wille in seinem Streben das Ende gefunden, aber immer nur in einem vorläufigen Sinne, denn im nächsten Augenblick geht der Wille über diese Grenze hinaus, weil das Ich zugleich als freies Vorstellen und freies Sich-Bilden für sich die Erfüllung erkennen und für sich bewähren will.  

Der Trieb wird gefühlt als Streben, als Form einer Kausalität, die keine Wirkung hat. Der Trieb ist eine notwendig zu denkende! (ebenfalls nicht sinnlich wahrnehmbare) Realität.

2) Sinnlicher und geistiger Trieb

Die ersten Anfänge der grundlegenden Bestimmung der menschlichen Natur durch den Trieb finden sich bei FICHTE bereits in der Phase vor der WL in der OFFENBARUNGSCRITIK von 1791/92.

Zum Gegensatz eines gefühlten, sinnlichen Triebes bzw. einer erlittenen Einschränkung der Selbsttätigkeit, kommt FICHTE aus einer dialektischen Bestimmung der „negativen Affektion“, des „Aufhaltens“, der „Unterdrückung des willensbestimmenden Anmaßung des Triebs“ zu einem höheren, geistigen Trieb. Dieser höhere Trieb ist die „Selbstachtung“.

Insofern nun dieses Gefühl der Achtung den Willen, als empirisches Vermögen, bestimmt; und wieder im Wollen durch Selbsttätigkeit bestimmbar ist, als zu welchem Behufe wir ein solches Gefühl in uns aufsuchen mussten, heisst es Trieb. — Trieb aber eines wirklichen Wollens kann es, da kein Wollen ohne Selbstbewusstseyn (der Freiheit) möglich ist, nur durch Beziehung auf das Ich, folglich nur in der Form der Selbstachtung seyn: — Dass diese Selbstachtung nun entweder rein, schlechthin Achtung der Würde der Menschheit in uns, oder empirisch, Zufriedenheit über die wirkliche Behauptung derselben, sey, haben wir eben gesagt. Es scheint in der Betrachtung allerdings weit edler und erhabener, sich durch die reine Selbstachtung, — durch den einfachen Gedanken, ich muss so handeln, wenn ich ein Mensch seyn will, als durch die empirische, — durch den Gedanken, wenn ich so handle, werde ich als Mensch mit mir zufrieden seyn können, bestimmen zu lassen: aber in der Ausübung fliessen beide Gedanken so innig ineinander, dass es selbst dem aufmerksamsten Beobachter schwer werden muss, den Antheil, den der eine oder der andere an seiner Willensbestimmung hatte, genau voneinander zu scheiden. — Aus dem gesagten erhellet, dass es eine völlig richtige Maxime der Sittlichkeit sey: respectire dich selbst; und erklärt sich, warum nicht unedle Gemüther vor sich selbst  weit mehr Furcht und Scheu empfinden, als vor der Macht der gesammten Natur, — und den Beifall ihres eigenen Herzens weit höher achten, als die Lobpreisungen einer ganzen Welt.  Insofern nun diese Selbstachtung als activer, den Willen zwar nicht nothwendig zum wirklichen Wollen, aber doch thätig zur Neigung bestimmender Trieb betrachtet wird, heisst sie sittliches Interesse; welches entweder rein ist, — Interesse für die Würde der Menschheit an sich, oder empirisch — Interesse für die Würde der Menschheit in unserem empirisch bestimmbaren Selbst. (Offenbarungscritik, SW V 27.28) 

3) Idealisieren und praktisches Streben

Da es mir hier um den Triebbegriff geht, gehe ich auf die Genese der sinnlichen, realen Außenwelt durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft und deren Produkte nicht weiter ein. Allerdings spielt schon für den theoretischen Aufbau der sinnlichen Außenwelt  in Form der Intensität und Extensität (Qualität und Quantität), in Zeitform und Raumform, die praktische Komponente Strebens bzw. in der Form des unterdrückten Triebes, die entscheidende Rolle.  Das sei noch etwas detaillierter begründet:  Die Hemmung/der Anstoß ist durch das theoretische Ich nicht beliebig gesetzt, sondern ist diesem als das, was in seinem Setzen Wirklichkeit wird, vorgegeben; die Hemmung/der Anstoß ist damit aber auch ein praktisches, nötigendes Moment. Das Ich ist  aber nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch unendlich.

Das Entgegengesetzte der Hemmung hat somit theoretisch wie praktisch eine subjektive und objektive Seite. Das Ich geht in seiner ursprünglichen theoretische und praktischen Tätigkeit zwar auf seine absolute Unendlichkeit aus, es strebt; aber als solches kommt es nicht zu Bewusstsein, weil Bewusstsein nur durch Reflexion, und Reflexion nur durch Bestimmung möglich ist. Sobald es aber reflektiert, wird es endlich. Durch die Hemmung wird das, was Fichte (uneigentlich) Streben nennt, besser Tendieren, Ausgehen auf, zum eigentlichen Streben, d. h. nicht zu einem tatrealisierenden, sondern zu einem tatverhinderten Wollen. Es geht praktisch über die Hemmung hinaus, es entwirft und bestimmt eine ideale Welt.

Um ein Ideal vorzustellen, muss das Ich etwas Begrenztes, wenn auch in diesem Falle durch es selbst Begrenztes, ansetzen. Wie der Geist inne wird, dass es ein von ihm geschaffenes Ideal ist, dehnt er es wieder aus; ist es nun unendlich, wird es gerade durch diese Frage für das Ich endlich, und so fort ins Unendliche.

Dieses „praktische Streben“ (PRACTISCHE PHILOSOPHIE von 1794, GA II, 3), das jeder definitiven Bestimmtheit in seinem Produkt flieht und transzendiert – analog dazu wäre das im theoretischen Bereich die Bildung eines „Ur-Raumes“ zu denken – ist ein Idealisieren, das aus der Realisierungs- und Sinnforderung des Absoluten selber kommt, und synthetisch damit eine realisierendes Wollen und Handeln ermöglicht. So liegt somit – genetisch aus dem Absoluten –  stets eine materiale Sittlichkeit und unerschöpflichen Wert- und Sinnidee dem theoretischen Erkennen und dem praktischen Tun und Wollen zugrunde.  

Das Idealisieren erfolgt nicht rein (und einseitig) aus dem theoretischen Reflektieren eines Subjekts einer Apperzeption in der Vorstellung, sondern mit Beziehung auf die praktisch erfahrene Hemmung ist es  ein immer schon bestimmtes Streben.

Das idealisierende und realisierende Ich bezieht sich (innerhalb des absoluten Ichs und kraft dieser unerschöpflichen Quelle des Lichtes und des Wertes) schlechthin auf ein Nicht-Ich und begründet (kraft dieser Quelle) im endlichen Ich selbst eine absolute Tendenz im Wollen und Sollen. Für das aber durch die Hemmung gehemmte und von der Hemmung ausgehende endliche Ich (innerhalb der Tendenz und dem Wollen und Sollen des absoluten Ichs) erscheint diese Hemmung als relativ absolutes Moment und Selbstständiges. Es entsteht (für das endliche Ich) durch die Hemmung ein Selbstgefühl, und zwar das eines bloßen Leidens. Einer Tätigkeit Y wird mit der non-Y-Tätigkeit der intendierten, vollkommenen, ausschließlich ichlichen Tätigkeit, synthetisiert. Die entgegengesetzte Tätigkeit wird dem Objekte zugeschrieben. Diese Tätigkeit des Beziehens ist nicht Bestimmen zur wirklichen Gleichheit, sondern nur Tendenz, ein Streben zur Bestimmung.

Diese Tendenz und die Art und Weise, wie sie vorstellend und handelnd realisiert wird, ist das praktische Verhältnis des Ichs zu einem wirklichen Nicht-Ich und überträgt einen praktischen Charakter des Ichs auf das Nicht-Ich. Das praktische Streben bleibt so immer konstitutiv für den ganzen Erkenntnistrieb des Vorstellens. Das Nicht-Ich ist für das Ich nie nur theoretisch, sondern auch praktisch da.

4) Das Streben und der Zweckbegriff

Die geforderte Reflexion geschieht mit absoluter Spontaneität. Das Ich reflektiert, weil es reflektiert. Nicht nur die Tendenz zur Reflexion, sondern die Handlung der Reflexion selbst ist im Ich begründet; sie ist zwar bedingt durch etwas außer dem Ich, durch den geschehenden Eindruck, aber sie ist dadurch nicht „necessitiert“. (FICHTE, „GRUNDRISS DES EIGENTÜMLICHEN“, 1795)

Welcher Art ist diese Tätigkeit des Nicht-Ichs, praktisch angesehen? Das Streben des Ich soll unendlich sein, und kann im bloßen Vorstellen nie diese vollkommene Kausalität erreichen – außer die Kausalität des (bildlich) Vorgestellten selber. Das führt – gerade auch in Verbindung und in Kombination mit der Vorstellung – zu einem Streben, das sich lediglich unter Bedingungen eines Gegenstrebens denken lässt. Es werden Streben und Gegenstreben gemessen durch einen Vergleich verschiedener Ichtätigkeiten (nicht durch die erstrebten Objekte.).

Der Terminus „Streben“ ist noch völlig unspezifisch, nur im Sinne von „Tendenz“ zu nehmen, nicht im biologischen Sinne, wo objektivistisch das Streben schon durch ein Reiz-Reaktionsmuster, mithin durch ein verursachendes Objekt, zu erklären vorgegeben wird. (Siehe dann später zum Triebbegriff bei S. FREUD).

Das Ich in seiner Kausalität ist aufgehalten – und eben deshalb muss das strebende Ich im Nicht-Ich eine Gegentendenz ansetzen, eine Hemmung als fremde Tendenz, hier noch ohne Bewusstsein der Entäußerung und Übertragung. Die formale Position der Realität der theoretischen Gegensetzung des Nicht-Ichs muss jenen Gehalt in sich befassen, der eben die Gegentendenz im Nicht-Ich ausmacht.

Der Gehalt dieser Gegensetzung ist unschwer zu erkennen als Intensität. Das Ich hat seine Tätigkeit als nicht zur Wirkung kommende Kausalität, als Streben, angesetzt; das Gegenstreben muss ebenso als nicht zur Wirkung kommend angesetzt werden, denn es hemmt zwar das Ich, vernichtet es aber nicht, da es nur strebt.

Jedes Streben muss also durch eine der Kraft des Strebens entgegengesetze Kraft begrenzt werden. Diese entgegengesetzte Kraft muss gleichfalls strebend sein, d. h. (…) sie muss auf Kausalität ausgehen (…) (und) sie muss keine Kausalität haben.“ (GRUNDLAGE, GA I, 2, 416 u. a.)

Nun geht es im Kraftbegriff natürlich nicht um Physik – dessen Kraftbegriff allerdings vom Ich abgeleitet ist -, sondern um Tätigkeit und Leiden eines reell handelnden Ichs, um ein praktisches Streben, das, gerade weil es keine Kausalität im Objekt erlangt, auf sich selbst zurückwirkt – in der Vorstellung und im Wollen. 

Praktisches Streben wird so vorgestellt als ein Handeln nach einem Zweckbegriff und Anschauen des Wollens im Zweckbegriff (im Zweckentwurf), d. h. im Triebbegriff. 

Das Geistige in mir, unmittelbar als Prinzip einer Wirksamkeit angeschaut, wird mir zum Wollen.“ (SITTENLEHRE von 1798, SW IV, 11) Es ist der Wille, der sich selbst bestimmt in einem praktischen Streben, in einer (bereits) gesetzten Tendenz des Bildens und sich als Trieb äußert. 5

5) Sinnlicher und geistiger Trieb und deren Einheit

Der Trieb ist die phänomenologische Äußerung des gehemmten Wollens, und synthetisch mit der Vorstellung des Idealisierens und mittels Zweckbegriff ein Stück weit erkenntniskritisch (theoretisch wie praktisch nie gänzlich) bestimmbar.

Das Wollen, das gehemmt ist und auf sich selbst zurückwirkt, schließt sowohl natürlich-spontanes Angehen gegen eine Hemmung ein – was auf der naturalen Ebene des Lebens als sinnlicher Trieb bezeichnet werden kann – und schließt auch ein teilweises freies Entscheiden gegen (oder für) eine Hemmung ein – was auf der Ebene des freien Angehens und der freien Entscheidung als ein geistiger Trieb im weitesten Sinne genannt werden kann (Bildungstrieb, Erkenntnistrieb etc.)6

Beide Triebe gehören als natural-spontane wie geistig-freie in einer Dialektik der Spontanziele und frei ergriffener Vernunftziele zusammen, da sie ja einer Tendenz des Wollens entspringen bzw., wie FICHTE sagt, einem „Urtriebe“ (SITTENLEHRE, SW IV, 130 u. a. ), der sich modifiziert in der Fünffachheit der Vernunftrealisation (Wlnm) darstellt. 7

Die Überwindung der Hemmung auf der real-sinnlichen Ebene steht im Dienst einer praktischen Vernunftrealisation, sei es, was die Erkenntnis und Beherrschung der sinnlichen Natur betrifft, als auch was die gesellschaftliche Natur des Vernunftwesens betrifft – und  nicht gleich im Sinne von „Wissen ist Macht“ ausgelegt werden darf. Die theoretische wie praktische Selbstbestimmung trägt dabei stets auch eine innere, willensverändernde Intention in sich. 8

Ursprünglich erklärt sich das Selbstbewusstsein seine Kraft und sein Gefühl durch die Hemmung.  Eine Hemmung ist im Streben aber nie irrelevante, bloß hemmende, tote Grenze, sondern ein dem Streben entgegengesetzte Kraft. Sie ist gleichfalls Kraft, gleichfalls strebend, d. h. sie muss auf Kausalität einerseits ausgehen und sie darf andererseits auch keine Kausalität haben. (vgl. GRUNDLAGE, GA I, 2, 417.)

M. a. W., das gehemmte Streben, d. h. der sich selbst bestimmende Wille in seinem spezifischen Gehemmtsein, äußert sich deshalb, wie gesagt, notwendig als Trieb. Aber gerade damit hat der Wille (das Ich) das Mittel und die Verobjektivierung gefunden, in der sinnlichen wie gesellschaftlichen Natur wirksam tätig zu werden – und sie (im und durch den Leib) zu verändern bzw. sich selbst innerlich, moralisch-sittlich zu verändern. Das Ich bestimmt sich durch den Trieb über die Bestimmung (seiner selbst bzw. des Willensobjektes) hinauszugehen und auf etwas anderes auszugehen, das das Ich nicht kennt, aber erstrebt.

Nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE, um es in einen generellen Rahmen zu stellen, gibt es einen geschlossenen, apriorischen Zusammenhang zwischen Naturstreben und Vernunftstreben. Ersteres Streben ist die Sphäre der Vernunft in spontanen Aktionen; letztere Sphäre ist die freie Realisierung einer Sinnforderung. Das System des spontanen und freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil a) konstitutiv die aposteriorischen Bedingungen der Realisierung für den theoretischen wie praktischen Bereich nicht selbst herbeigeführt werden können und b) natürlich nur zu Bedingungen der Freiheit das Sinnziel der geistigen Triebe bzw. des Urtriebes erst erreicht werden kann.


M. a. W. ein Trieb als Naturtrieb, wenn wir ihn z. B. auf die Sphäre des organischen Lebens beziehen wollen, ist einerseits durch sein Objekt vollkommen bestimmt und fordert seine ursprüngliche Realisierung, andererseits steht er selber in einer höheren Forderung der Sinn-Realisierung der Vernunft und ist dieser untergeordnet. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs.

 

© Dr. Franz Strasser, 14. 1. 2017

 

Weitere Literatur:

FRANZ BADER, Zu Fichtes Lehre vom prädeliberativen Willen, in: Transzendentalphilosophie als System, hrsg. v. ALBERT MUES, Hamburg 1989, 212-241.

FRANZ BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.

1Siehe z. B. Carla De Pascale, Die Trieblehre bei Fichte, Fichte-Studien Bd. 6, a. a. O., 1994, 229 – 251.
Oder: Hans Georg von Manz, Das Problem der Anwendung in der Ethik. In: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung, hrsg. v. Erich Fuchs u. a., Stuttgart-Bad Cannstatt, 2001, 381 – 392.

2. Vgl. K. Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre, Fichte-Studien, Bd. 11, 379 – 396, 388.

3Es herrscht m. E. totales Chaos, wenn man in irgendwelche „Sinnesdaten – und Wahrnehmungstheorien“ hineinliest. Siehe z. B. einen Überblick bietet W. Detel, Grundkurs Philosophie, Bd. 4., Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Hamburg 2007.

4M. a. W., gäbe es keine Zeitform, so würde entweder das empirisch gewollte Streben genügen, das Gefühl oder die Sinnerfüllung unmittelbar anzustreben und herbeizuführen – oder es kann sowieso, mangels Zeit- und Raumanschauung, nie und nirgends, an keiner Zeit- und Raumstelle etwas schematisiert werden. Das Mögliche ist das immer Denkbare – und beginnt damit, dass von jeder Empfindung auch das Gegenteil gedacht werden kann. Das Denkbare wird dabei in den Horizont des unendlich Vorstellbaren und des Empfundenen gestellt, also in Raum und Zeit. Raum und Zeit sind deshalb synthetisierte Formen der Empfindbarkeit.

5R. Lauth, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984, S 50. Es ist im Grunde die Wiedergabe der GWL §§ 7 – 8.

6In der ersten Fassung des praktischen Teils der WL (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, 1794, GA II, 3, 187) wird diese ideale Tätigkeit ausdrücklich bereits als „Trieb“ beschrieben.„Der Charakter dieses Strebens ist Selbstthätigkeit im Ganzen. Es muss sich also allenthalben äußer, wo die Selbstthätigkeit eingeengt wird, durch einen Trieb ihre Grenze zu erweitern.
Es wird gar nicht behauptet, daß sie dadurch ihre Grenze wirklich erweitre; daß dies Streben
Ursache werde. Bisher haben wir nur noch lediglich den Trieb, (…)

7 Hier sind, zugegeben, ein paar offene Fragen bei mir vorhanden. Ich sehe das wie folgt: Es kann aus Gründen der Freiheit auch dieser „Urtrieb“ in seiner gedachten Realität und seiner strebenden Selbsttätigkeit weder theoretische noch praktisch gänzlich aufgelöst werden, denn dann wäre vollkommene Erkenntnis und vollkommenes praktisches Wissen notwendig. Es bleibt ein irrationaler Rest im theoretischen wie praktischen Erkennen erhalten, bei aller vernünftigen Durchdringung der begegnenden Wirklichkeit.

8 D. h. z. B., dass einerseits die sinnlich-naturalen Ansprüche der Vernunft nicht beliebig geändert werden können, aber auch nicht umgekehrt, die sinnlichen Ansprüche die geistig-freien Ansprüche beschränken dürfen. Ziel ist die ausgewogene, immer von einem höheren Streben geleitete freie Selbstbestimmung des Ich. Siehe z. B. Literatur von R. Lauth, Der dialektische Grundansatz der Transzendentalphilosophie. In: Transzendentale Entwicklungslinien, a. a. O., S 416.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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