Zum Begriff des Triebes bei Fichte – 1. Teil

Zum Begriff des Triebes – 1. Teil

Es gibt mancherlei Sekundärliteratur zum Triebbegriff bei FICHTE.1 Es kommt auf die Geschlossenheit der Ableitung an – und hier halte ich mich an die Naturlehre nach den Prinzipien der WL von R. LAUTH, zumal dort wie nirgends der originale Wortlaut FICHTES einerseits beibehalten, andererseits die ganze Weite und Breite der fichteschen Transzendentalphilosophie einfließt.

Die Natur des Menschen ist nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE FICHTES ein Sich-Bilden, ein theoretisches und praktischen Konstituieren von Selbstbewusstseins auf der Basis des Produktes der (theoretisch wie praktisch) ursprünglich produzierenden Einbildungskraft.2

Dabei spielen theoretische und praktische Konstitution ganz ineinander, denn notwendig setzt das Ich sein ganzes Sein und will dies nach einem Zweckbegriff realisieren. Für die angehende Definition des Triebes spielt natürlich die praktische Konstitution des Selbstbewusstseins die Hauptrolle, aber davon könnte umgekehrt nicht die Rede sein, wenn nicht der Triebbegriff im  und aus dem ästhetischen (theoretischen) Vorstellungsvermögen und der durch die ERSCHEINUNG des Absoluten eröffneten Quantitabilität (Bestimmbarkeit) denkbar und ableitbar wäre. Bekanntlich stehen bei KANT theoretische und praktische Vernunft noch nebeneinander, bei FICHTE ist es die eine Vernunft, die als allgemeine Icheinheit (platonisch: als qualitatives Totalitätsallgemeines), das ganze (immanente) Sein des Wissens reflexiv bestimmt – und deshalb zu diesem höchsten Begriff einer im Sein liegenden Tätigkeit des Ichs, verobjektiviert vorgestellt als Kraft des Triebes, führt. Wenn die Tätigkeit des Ich gehemmt ist, so muss dieser Hemmung eine Tendenz zugrunde liegen – eben ein Trieb. Ich beginne bei FICHTE mit den chronologischen Anfängen seiner WLn. Das Denken des Triebes hält sich aber in geschlossener Kontinuität durch bis zu seinem Lebensende. (Ich könnte genauso am Ende seiner Schriften beginnen.) 

1) Das oberste Gefühl ist das Streben.

Das Streben wird in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1794) phänomenologisch als Handeln, das keine Kausalität hat, gefasst (GA II, 3, 183). Dass wir das Streben nur fühlen können, ist klar, denn sonst müssten wir eine reale Wirkung des Strebens erkennen. Dennoch ist, was wir Streben nennen, gedanklich einzuholen. Es steckt in ihm eine Denkfunktion, insofern, als es immer in einer „Relation“, das heißt, in einer Beziehung auf Etwas, besteht (GA II, 3, 262).3

Das Streben hat also durchaus Realität. Es soll weiter bestimmt werden im anschauenden und das Nicht-Ich empfindenden Ich, mithin in der Vorstellung. 

Welche Relation steckt im Streben? Welche Denkfunktion? Es soll eine Wirkung gedacht werden, die als solche nur in ihrer Erscheinungsweise erkannt werden kann, als gefühlte Hemmung, nichtsdestotrotz aber eine Forderung nach Kausalität in sich enthält, ein übergeordnetes Sollen darstellt, eine Kraft ist, die das Leben treibt. Das Denken erstellt (oder erfindet) dabei nicht selbst die Relata zwischen unerfülltem und erfülltem Streben, es fixiert und reguliert nur notwendig das theoretisch wie praktisch sich äußernde  Streben des Ichs.

Das Streben in der ichlichen Weise ist dabei von vornherein bereits

a) eine Vorstellungsweise (neben praktischen Vermittlungsweisen): Denken und Sein sollen der absoluten Vernunftrealisation nach  sich soweit wie möglich entsprechen, d. h. besser gesagt, das Sein IST die Konkretisierung der transzendentalen Wissensprinzipien.
Da aber aus Gründen der Unerklärlichkeit eines Anstoßes bzw. einer Hemmung bzw. dann eines idealen Aufrufes diese Einheit von Denken und Sein nicht möglich ist, verwandelt sich das Streben (nach notwendigen Gesetzen der Reflexion) in ein Vorstellen und in eine reale Reihe: Dies ergibt ein 

b) gefühltes Vorgestelltes im Nicht-Ich. Das Nicht-Ich selbst wird durch Übertragung als Substanz und Akzidens, als Ursache und Wirkung und in Wechselwirkung mit dem Ich stehend vorgestellt.

Schließlich verwandelt sich das Streben nach der Dialektik eines Zweckbegriffes mit dem Wollen  in ein Suchen nach einem c) idealen Objekt der Bestimmung, d. h. verwandelt sich in die Suche eines ichlichen Objektes, dass seinerseits Freiheit ist und ein ichliches Streben sein kann, d. h. eine andere Person.

Das zuerst Aufzufassende im Streben des (endlichen) Ichs ist – man könnte sagen in der Tradition der „Metaphysik“ des Artistoteles – das wahrgenommene  Gefühl; da dieses Gefühl aber eines nach vollkommener Realisierung der Vernunft strebenden Ichs nur einen Teil möglicher Erfüllung darstellt, bleibt ein Mangelgefühl übrig, das der Idee einer ganzen Realisierung des Vernunftstrebens eine Erwartung und Hoffnung auf zukünftige Erfüllung entgegenstellt. Das Ich versucht sich deshalb sowohl in idealer wie in realer Tätigkeit durchzuhalten, schafft die Anschauungsformen Zeit und Raum und jegliche Form des Sich-Haltens in eine reale wie ideale Richtung hin, damit es die Erfüllung erreicht.   

Ein von außen als „Ding an sich“ (Empfindung)  auf das Ich einströmende Nicht-Ich (wie die Erkenntnispsychologen gerne schlussfolgern) in einer objektiven Zeit- und Raumform ist  nicht denkbar –  und könnte vom Begriff des Strebens her letztlich nicht erklärt werden bzw. wäre nicht mehr erklärbar (als Trieb).4

Es ist umgekehrt, dass erst ein letztlich transzendierendes,  apriorisches Streben, die apriorischen Anschauungsformen und Reflexionsformen  und damit die sinnlichen Empfindungen (Kant; bei Fichte Gefühle) als solche ermöglichen und dem Ich als zugänglich und erstrebenswert und sinnvoll, oder entgegengesetzt als schädlich, als tödlich, erschließen.  Konkret nennt FICHTE z. B. die apriorischen Anschauungsformen von Raum und Zeit, die wir sonst als Bilder aus der Geometrie kennen, als aus dem Gefühl entsprungene „Formen der Empfindbarkeit“ (EIGNE MEDITATIONEN).5

Das nachvollziehende Denken ahmt bei eintretender Hemmung im realen Bereich des sinnlichen Gefühls bzw. im idealen Bereich der interpersonalen Aufforderung das theoretisch wie praktisch bestimmende und bestimmte Schweben der Einbildungskraft nach und bestimmt durch einen grundlegenden synthetischen Akt der Selbstbestimmung, die analytisch vorausgesetzten Daten der Hemmung bzw. der Aufforderung. Es wird synthetisch aus dem Schweben der Einbildungskraft und dem transzendierenden Denken eine reale Reihe der Anschauung und eine ideale Reihe des Begriffes, beides immer zugleich und kongruent, aufgebaut. 

Bey KANT heist, wie schon mehrmal gesagt worden, SYNTHESIS bloß die Vereinigung der schon gegebenen Theile. Z[um] E[xempel] A und B sind die gegebenen Theile, ihre Vereinigung oder SYNTHESIS ist C. bey FICHTE aber heißt SYNTHESIS eine Entwickelung, ein Anknüpfen eines ganz neu en vorher nicht vorhanden gewesenen an das vorige. Z.E. das Vorhande ne ist A, das sich Anknüpfende B, und die Synthesis ist C.“ (Wlnm 192)

 

Hat das Ich eine erste Evidenz im Gefühl erlangt, hat es auch sein Streben gesetzt, „als nicht zur Wirkung kommende Kausalität“, sofern es eben durch ein inhaltliches Gegenstreben des Nicht-Ichs auch gehemmt wird und sich nicht ganz verwirklichen konnte. Das Ich vergleicht sein Streben und das Gegenstreben, um die im Gefühl vorfindbare Hemmung zu verarbeiten.  Dem Vorstellungsvermögen kommt darin durchaus eine Art Priorität zu, die Hemmung zu bewältigen:  Im Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft vermag die Vorstellung ein Gleichgewicht zwischen hemmender und darüber hinausgehender idealer (intelligenter) Tätigkeit zu erzeugen – und widersteht und verarbeitet so bereits den Schock der Hemmung, weil sie idealiter nicht daran gebunden ist. Der „Vorstellungstrieb“ (GWL § 10, GA I/2, 430-431), in dem das Wollen für sich ein Objekt fordert, füllt, trotz Hemmung/Aufruf, das Fehlende auf. Der „Vorstellungstrieb“ wird immer befriedigt, obwohl das Ich in seinem Wollen und Ausgerichtetsein auf ein Etwas nicht genau weiß, worauf es ausgerichtet ist und was sein Sehnen und Verlangen endgültig befriedigen könnte. Die Vorstellung erschließt für‘s erste die Welt der Freiheit und befriedigt (für‘s erste) das Wollen und Streben der Vernunft. So kann FICHTE sagen, der Trieb ist das eigentliche Vehikulum der Realität“ (Brief an Jacobi; GA III/5, 356).

Worauf ich hier in vier kurzen Blogs hinauswill ist eine grober Vergleich des Triebbegriffes – natürlich sehr anfänglich! – bei FICHTE und S. FREUD.

Würde der Trieb nur objektivistisch auf die naturale Basis des sinnlichen Lebens bezogen, dass also das ganze Verlangen und Sehnen und Wollen des Menschen nur nach sinnlicher Befriedigung  strebt, und hier nochmals fokussiert auf den Sexualtrieb, so führt das nicht zu einem ganz falschen, aber sehr rudimentären Triebbegriff, der vom Gesehenen der sinnlichen Natur her (durch die sog. „Tiefenpsychologie“) einseitig gesehen wird.  Das Wissen und Sehnen des Menschen, gerade aus der Sicht des Triebes und einer umfassenden Triebbedingtheit,  ist viel umfassender zu sehen. Der Begriff „Trieb“, transzendental abgeleitet und gefasst in der Bildtheorie des Sich-Bildens, ist in seinem Faktum der Objektgerichtetheit und Objektforderung (ohne Kausalität) gerade nicht nur auf ein sinnliches Objekt, als Kausalität, die keine Wirkung hat, eingeschränkt. Er ist die Kraft einer Kausalität (ohne Wirkung), die die Konkretisierung einer ganzheitlichen Selbstbestimmung des Lebens bzw. des Vernunftlebens will, sowohl, was die sinnliche Reihe des Lebens betrifft (wei bei allen Pflanzen und Tieren), wie die ideale Reihe der Selbstbestimmung, was Persönlichkeit und Moralität betrifft. Die sinnliche Seite des Triebes ist sozusagen – wiederum „metaphysisch“ nach Aristoteles zitiert – nur die erste Stufe, oder besser gesagt (nicht aristotelisch), eine der Stufen des Sich-Sehens der Freiheitsrealisierung des Ichs. Die möglichen Konkretisierungsbereiche der Freiheitsrealisierung des Strebens gehen transzendentallogisch über die im vermeintlichen Bewusstsein – und von S. FREUD stipulierten „Unbewussten“ also über eine gewisse Art Naturbegriff und deren Evidenz hinaus. Das hat ja, wenn ich so sagen darf, ein S. FREUD durch seine literarisch-künstlerischen und therapeutischen Leistungen und philosophischen Theoriekonzeptionen indirekt bewiesen, dass es nicht nur die Evidenz in der Natur geben kann?!
Die Gesamttheorie zum Unbewussten, seine Hypnose-Erfolge, seine Traumdeutung, sein kulturelles Wissen, sein ganzes literarisches Werk – das bezeugt doch sichtlich mehr als naturale Triebbefriedigung!? Die philosophische Deutung der Kraft des Triebes, das war leider dann das Problem: da wurde er von den Philosophen seiner Zeit bzw. von der schlechten Lektüre (Schelling, Schopenhauer u. a.) allein gelassen.

a) Die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit des Triebes sind aber längst vor S. FREUD analysiert worden. Ich kann auch nur fragmentarisch auf J. G. FICHTE eingehen. Der Trieb nimmt bei ihm eine zentrale Stellung ein, und ist aus höchsten Prinzipien des Sich-Bildens abgeleitet: Der Trieb ist durch Freiheit und Wollen definiert und in Synthese mit einem faktischen oder lebendigen Objekt und kongruent einem faktischen Subjekt oder lebendigen Subjekt zu sehen. Er wird in seiner Evidenz mit dem Auftreten eines Nicht-Ichs wahrgenommen, aber zugleich bleibt er nur im Zusammenhang der Intelligenz und in einer über das Objekt hinausgehenden idealen Tätigkeit verständlich.

b) Auf unterer Stufe der Phänomenologie fällt die Beschreibung des Triebbegriffs so aus, dass er aus dem Gefühl des Nichtkönnens, des Gezwungenseins, gefolgert werden muss. Gerade weil das Ich im Gefühl (des Nichtkönnens, des Gehemmtseins) keine Kausalität im Objekt bewirken kann, wirkt es auf sich selbst zurück und abstrahiert das Handeln (nach dem Zweckbegriff) zu einer bleibenden Tendenz, zu einem Denken dieser Tendenz, eben Trieb“ genannt – sei es in einer realen Reihe der Objektivität, oder sei es in einer idealen Reihe des Subjektivität.

c) Die weitere Beschreibung könnte kurz so lauten: Der Trieb wird erlebt (gefühlt), und zwar als Kraftgefühl, d. h. als Gefühl des auf sich selbst zurückgehenden Strebens, das zwar auf eine Wirkung ausgeht, aber am Bewirken gehindert wird. Die Kraft in diesem gehemmten Streben ist der Wille, der sich im Gehemmtwerden (selbst) bestimmt. (Vgl. R. Lauth, Naturlehre, 1984, S 50) 6

Müsste der Trieb – wie in einer sensualistischen Erkenntnistheorie – so gedacht werden, dass er objektivistisch nur von naturalen Objekten her befriedigt werden kann, könnte er in seiner Funktion ja auch anders beschrieben werden: als kausal-mechanischer Vorgang der Befriedigung sinnlicher Abläufe, aber de facto ohne eigene, selbstständige Tendenz. Die ganze Palette anderer Triebbestimmungen, die FICHTE angibt und beschreibt, fiele dann eigentlich weg: Die Mannigfaltigkeit praktischer Überlebenstriebe und Gefühle, die Mannigfaltigkeit gesellschaftlicher Triebe, die religiösen Triebe – je nach Wirklichkeitsbereich der Fünffachheit des Wissens. (Siehe dann Index zu den Trieben anhand der Ausgabe „Sämtlicher Werte“, Blog 2. )

Das vom transzendentalen Standpunkt des Wissens ausgehende ganze Streben des Ichs möchte eine Verichlichung des Nicht-Ichs bewirken, was aber, je nach Objekt und Subjekt und projizierter Freiheitsrealisierung, Verschiedenes ist

2) Das Wollen, das gehemmt ist und auf sich selbst zurückwirkt, ist aus transzendentalen Gründen des Wissens sowohl ein natürlich-spontanes Angehen gegen eine Hemmung (eine reale Tätigkeit), als auch ein bildliches Verarbeiten dieser Hemmung (eine idealisierende Tätigkeit). Mittels Einbildungskraft versinnlicht das Wollen sich zu einer sinnlichen und idealen, interpersonalen Welt.

Das gehemmte Wollen abstrahiert dabei auf der naturalen Ebene des Lebens einen sinnlichen Trieb, der auf ein unbekanntes Objekt ausgeht, enthält aber notwendig in differenter Abgrenzung einen geistigen Trieb, da die idealisierende Tätigkeit nicht aufhören kann. Beide Triebe gehören als natural-spontane wie geistig-freie in einer Dialektik der spontan- wie frei ergriffenen Vernunftziele zusammen, da sie ja einer Tendenz des Wollens und der Tätigkeit entspringen, einem „Urtriebe“ (SITTENLEHRE, SW IV, 130 u. a. ), der sich modifiziert auf verschiedenen Ebenen und in der Fünffachheit der Vernunftrealisation darstellt. 7

Das System des spontanen und freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne formal geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil  konstitutiv die sinnlich-aposteriorischen und geistig-interpersonalen  Bedingungen der Realisierung für den theoretischen wie praktischen Bereich nicht selbst herbeigeführt werden können, sondern in zeitlicher und aposteriorischer Folge erwartet werden müssen.
M. a. W. ein Trieb als Naturtrieb, wenn wir ihn z. B. auf die Sphäre des organischen Lebens beziehen wollen, ist einerseits durch sein (unbekanntes) Objekt vollkommen bestimmt und fordert seine ursprüngliche Realisierung, andererseits steht er selber in einer höheren Forderung der Sinn-Realisierung der Vernunft und ist dieser untergeordnet. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind so in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs.

© Franz Strasser, 14. 1. 2017

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Weitere Literatur neben angegebenem Buch von R. LAUTH:

FRANZ BADER, Zu Fichtes Lehre vom prädeliberativen Willen, in: Transzendentalphilosophie als System, hrsg. v. ALBERT MUES, Hamburg 1989, 212-241.

FRANZ BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.

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1Siehe z. B. Carla De Pascale, Die Trieblehre bei Fichte, Fichte-Studien Bd. 6, a. a. O., 1994, 229 – 251.
Oder: Hans Georg von Manz, Das Problem der Anwendung in der Ethik. In: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung, hrsg. v. Erich Fuchs u. a., Stuttgart-Bad Cannstatt, 2001, 381 – 392.
Zur Frühgeschichte des Begriffes „Trieb“ vgl. M. Bienenstock, Hrsg.: Trieb: tendance, instinct, pulsion. In Revue germanique internationale, Bd. 18, 2002.

2R. Lauth, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984, S 17f.

3Vgl. K. Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre, Fichte-Studien, Bd. 11, 379 – 396, 388.

4Es herrscht m. E. totales Erkenntnis-Chaos, wie man aus Sinnesdaten die Wahrnehmungstheorien fabriziert. Siehe z. B. einen Überblick bietet W. Detel, Grundkurs Philosophie, Bd. 4., Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Hamburg 2007.

5M. a. W., gäbe es keine Zeitform und Raumform, so würde entweder das empirisch gewollte Streben genügen, das Gefühl oder die Sinnerfüllung unmittelbar anzustreben und herbeizuführen – oder es kann sowieso, mangels Zeit- und Raumanschauung, nie und nirgends an keiner Zeit- und Raumstelle etwas schematisiert und als solches vorgestellt werden. Raum und Zeit sind hochkomplexe, synthetisierende (aktiv!) Formen der Empfindbarkeit, mithin erste Formen der Sichtbarkeit von Freiheit.

6In der ersten Fassung des praktischen Teils der WL (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, 1794, GA II, 3, 187) wird diese ideale Tätigkeit so beschrieben: „Der Charakter dieses Strebens ist Selbstthätigkeit im Ganzen. Es muss sich also allenthalben äußern, wo die Selbstthätigkeit eingeengt wird, durch einen Trieb ihre Grenze zu erweitern. Es wird gar nicht behauptet, daß sie dadurch ihre Grenze wirklich erweitre; daß dies Streben Ursache werde. Bisher haben wir nur noch lediglich den Trieb, (…)

7Es kann aus Gründen der Freiheit dieser „Urtrieb“ in seiner vorgestellten und gedachten Realität und in seiner strebenden Selbsttätigkeit weder theoretisch noch praktisch gänzlich aufgelöst werden, denn dann wäre vollendetes Erkennen und vollkommenes, praktisches Wissen notwendig. Es bleibt ein irrationaler Rest im theoretischen wie praktischen Erkennen und Wollen erhalten, bei aller vernünftigen Durchdringung der begegnenden Wirklichkeit.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser