Zum Begriff des Triebes bei Fichte – 1. Teil

Zum Begriff des Triebes – 1. Teil

Die Natur des Menschen ist nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE FICHTES ein Sich-Bilden, ein theoretisches und praktischen Konstituieren von Selbstbewusstseins auf der Basis des Produktes der (theoretisch wie praktisch) ursprünglich produzierenden Einbildungskraft. Dabei spielen theoretische und praktische Konstitution ganz ineinander, denn notwendig setzt das Ich sein ganzes Sein und will dies nach einem Zweckbegriff realisieren. Für die angehende Definition des Triebes spielt natürlich die praktische Konstitution des Selbstbewusstseins die Hauptrolle, aber davon könnte umgekehrt nicht die Rede sein, wenn nicht der Triebbegriff theoretisch im ästhetischen Trieb denkbar und ableitbar wäre. Bekanntlich stehen bei KANT theoretische und praktische Vernunft noch nebeneinander, bei FICHTE ist es die eine Vernunft, die eine allgemeine Ichheit (platonisch: qualitative Totalitätsallgemeinheit), aus der sowohl Vorstellung wie Streben bzw. das gehemmte Streben als Trieb, in Einheit und Differenz, abgeleitet werden.

Es gibt mancherlei Sekundärliteratur zum Triebbegriff bei FICHTE.1 Es kommt auf die Geschlossenheit der Ableitung an – und hier halte ich mich an die Naturlehre nach den Prinzipien der WL, Hamburg 1984 von R. LAUTH, zumal dort wie nirgends der originale Wortlaut FICHTES einerseits beibehalten, andererseits die Richtung der Interpretation ganz klar herausgestellt wird.

1) Das oberste Gefühl ist das Streben.

Das Streben wird in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (1794) phänomenologisch als Handeln, das keine Kausalität hat, gefasst (GA II, 3, 183). Dass wir das Streben nur fühlen können, ist klar, denn sonst müssten wir eine reale Wirkung des Strebens erkennen können. Dennoch ist, was wir Streben nennen, gedanklich einzuholen. Es steckt in ihm eine Denkfunktion, insofern als es immer in einer „Relation“, das heißt, einer Beziehung, besteht (GA II, 3, 262).2

Das Streben hat also durchaus Realität. Es soll weiter bestimmt werden im anschauenden und das Nicht-Ich empfindenden Ich, mithin in der Vorstellung. Da aber praktisch-handelndes und theoretisch-erkennendes Ich zusammengehören, ist die Vorstellung selbst bereits eine der Formen eines gehemmten, praktischen Strebens und bereits eine Lösung der Aufgabe, was Streben im weitesten Sinn bedeutet, mithin auch das Vorstellen bereits ein Streben ist und von einem Trieb bestimmt wird. im Vorstellen bereits ein Streben und ein Vorstellungstrieb steckt.

Welche Relation steckt im Streben? Welche Denkfunktion? Es soll eine Wirkung gedacht werden, die als solche nur in ihrer Erscheinungsweise erkannt werden kann, als gefühlte Hemmung, nichtsdestotrotz aber eine Forderung nach Kausalität in sich enthält, ein übergeordnetes Sollen darstellt, eine geistige Kraft ist, die das Leben treibt. Das Denken erstellt (oder erfindet) dabei nicht selbst die Relata zwischen unerfülltem und erfülltem Streben, es fixiert und reguliert nur notwendig das theoretisch wie praktisch sich äußernde  Streben des Ichs. Das Denkverhältnis ist selbst eine abgeleitete Form der Vernunftrealisierung, die sein soll und aus dem absoluten Setzen der Erscheinung des Absoluten kommt und dargestellt wird in der Ichform eines interpersonalen und individuellen Ichs. Da aber offensichtlich das Ich gehemmt sein soll – aus Gründen, die wir hier noch nicht beantworten können -, verwandelt sich das ursprüngliche Setzen in ein Streben.

Das Streben in der ichlichen Weise ist dabei von vornherein bereits

a) auch eine Vorstellungsweise,  dass  Denken und Sein der absoluten Vernunftrealisation  soweit wie möglich entsprechen soll.
Da dieses aber aus Gründen der Unerklärlichkeit eines Anstoßes bzw. einer Hemmung bzw. eines Aufrufes nicht möglich ist, verwandelt sich das Streben (nach notwendigen Gesetzen der Reflexion) in ein

b) ichlich Vorgestelltes im Nicht-Ich. Das Nicht-Ich selbst wird als Substanz und Akzidens, als Ursache und Wirkung und in Wechselwirkung im Ich und mit dem Ich vorgestellt.

Schließlich c) sucht das freie Streben ein ichliches Objekt, dass seinerseits Freiheit ist und ein ichliches Streben sein kann, d. h. eine andere Person.

Das zuerst Aufzufassende im Streben des (endlichen) Ichs ist das durch die Hemmung (oder einen Aufruf) bestimmte Gefühl; da dieses Gefühl aber einer nach vollkommener Realisierung der Vernunft strebenden Ichs nur ein Mangelgefühl offenbart, versucht das sich in idealer und realer Tätigkeit sich durchhaltende Ich in der Zeit- und Raumform das Ziel des Strebens zu erreichen.

Ein von außen als „Ding an sich“ (Empfindung)  auf das Ich einströmendes Nicht-Ich in einer objektiven Zeit- und Raumform ist natürlich nicht denkbar und könnte für sich das Streben nicht erfüllen.3 FICHTE sagt deshalb in seiner ersten WL der „EIGNE MEDITATIONEN“, dass  die Anschauungsformen von Zeit und Raum selbst schon „Formen der Empfindbarkeit“ (GA II, 3, 130.) sind.4

Das nachvollziehende Denken ahmt das theoretisch wie praktisch bestimmte Schweben der Einbildungskraft nach und bestimmt durch diesen grundlegenden Akt bzw. die verschiedenen Akte der Urteilskraft, der Verstandesleistungen, der Vernunftideen, die reale und ideale Reihe des Bewusst-Seins.

Hat das Ich sein Streben gesetzt, als Gefühl, als nicht zur Wirkung kommende Kausalität, weil es eben durch ein inhaltliches Gegenstreben des Nicht-Ichs gehemmt wird, vergleicht das Ich sein Streben und das Gegenstreben:

Dem Vorstellungsvermögen kommt darin durchaus eine Art Privileg zu in der Verarbeitung der Hemmung: Im Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft vermag die Vorstellung ein Gleichgewicht zwischen hemmender und darüber hinausgehender idealer (intelligenter) Tätigkeit zu erzeugen – und widersteht so bereits dem Schock und der Hemmung, indem sie idealiter nicht daran gebunden ist. Der Vorstellungstrieb wird somit in der Vorstellung immer befriedigt, wenn auch die anderen sinnlichen und praktischen Triebe den Ausgleich erst finden müssen, weil relativ das Faktum des Nicht-Ichs bestehen bleiben soll.

Das ganze Streben des Ichs soll auf Verichlichung des Nicht-Ichs gehen, mithin über die Vorstellung hinaus befriedigt und erfüllt werden. Subjektiv erlebt das Ich das über das Gleichgewicht der Vorstellung hinausgehende Streben Gefühl als ein Gefühl des Nichtkönnens, des Gezwungenseins. Sein eigenes Streben, das, gerade weil es keine Kausalität im Objekt erlangt, wirkt auf sich selbst zurück, es wird zum Trieb.5 Der Trieb wird erlebt, und zwar im Kraftgefühl, d. h. im Gefühl des auf sich selbst gehenden Strebens, das zwar auf eine Wirkung ausgeht, aber am Bewirken gehindert wird. (Vgl. R. Lauth, Naturlehre, 1984, S 50)  

3) Sinnlicher und geistiger Trieb und deren Einheit

Der Trieb ist die phänomenologische Äußerung des gehemmten Wollens, und synthetisch mit der Vorstellung des Idealisierens und mittels verstandlichem Zweckbegriff erkenntniskritisch weiter bestimmbar.

Das Wollen, das gehemmt ist und auf sich selbst zurückwirkt, schließt sowohl ein natürlich-spontanes Angehen gegen eine Hemmung ein – was auf der naturalen Ebene des Lebens als sinnlicher Trieb bezeichnet werden kann – und schließt auch ein teilweises freies Entscheiden gegen oder für eine gehemmte Tendenz ein, was auf der Ebene des freien Angehens und  freien Entscheidens als ein geistiger Trieb im weitesten Sinne bezeichnet werden kann (Bildungstrieb, Erkenntnistrieb etc.)6

Beide Triebe gehören als natural-spontane wie geistig-freie in einer Dialektik der Spontanziele und frei ergriffener Vernunftziele zusammen, da sie ja einer Tendenz des Wollens entspringen bzw., wie FICHTE sagt, einem „Urtriebe“ (SITTENLEHRE, SW IV, 130 u. a. ), der sich modifiziert in der Fünffachheit der Vernunftrealisation (Wlnm) darstellt. 7

Die Überwindung der Hemmung auf der real-sinnlichen Ebene steht im Dienst einer praktischen Vernunftrealisation, sei es, was die Erkenntnis und Beherrschung der sinnlichen Natur betrifft, als auch was die gesellschaftliche Natur und die freie Konsensualität des Vernunftwesens betrifft.

Ursprünglich erklärt sich das Selbstbewusstsein seine Kraft und sein Gefühl durch die Hemmung. Eine Hemmung ist im Streben deshalb nie irrelevante, bloß hemmende, tote Grenze, sondern ein dem Streben entgegengesetzte Kraft. Sie ist gleichfalls Kraft, gleichfalls strebend, d. h. sie muss auf Kausalität einerseits ausgehen und sie darf andererseits auch keine übermächtige Kausalität haben. (vgl. GRUNDLAGE, GA I, 2, 417.)

M. a. W., das gehemmte Streben, d. h. der sich selbst bestimmende Wille in seinem spezifischen Gehemmtsein, äußert sich deshalb notwendig (der phänomenalen Seite nach) als Trieb, als Kausalität, die aber verhindert ist.

Nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE gibt es einen geschlossenen, apriorischen Zusammenhang zwischen Naturstreben und Vernunftstreben. Ersteres Streben ist die Sphäre der Vernunft in spontanen Aktionen; letztere Sphäre ist die freie Realisierung einer Sinnforderung. Das System des spontanen und freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil  konstitutiv die sinnlich-aposteriorischen und geistig-interpersonalen  Bedingungen der Realisierung für den theoretischen wie praktischen Bereich nicht selbst herbeigeführt werden können.
M. a. W. ein Trieb als Naturtrieb, wenn wir ihn z. B. auf die Sphäre des organischen Lebens beziehen wollen, ist einerseits durch sein Objekt vollkommen bestimmt und fordert seine ursprüngliche Realisierung, andererseits steht er selber in einer höheren Forderung der Sinn-Realisierung der Vernunft und ist dieser untergeordnet. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs.

 

© Dr. Franz Strasser, 14. 1. 2017

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Weitere Literatur:

FRANZ BADER, Zu Fichtes Lehre vom prädeliberativen Willen, in: Transzendentalphilosophie als System, hrsg. v. ALBERT MUES, Hamburg 1989, 212-241.

FRANZ BADER, Systemidee und Interpersonalitätstheorie in Fichtes Wissenschaftslehre. In: Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge zur Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Stuttgart 2001, 65 – 106.

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1Siehe z. B. Carla De Pascale, Die Trieblehre bei Fichte, Fichte-Studien Bd. 6, a. a. O., 1994, 229 – 251.
Oder: Hans Georg von Manz, Das Problem der Anwendung in der Ethik. In: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung, hrsg. v. Erich Fuchs u. a., Stuttgart-Bad Cannstatt, 2001, 381 – 392.

2. Vgl. K. Hammacher, Die Vollendung der WL in einer Affektenlehre, Fichte-Studien, Bd. 11, 379 – 396, 388.

3Es herrscht m. E. totales Erkenntnis-Chaos, wenn man in irgendwelche „Sinnesdaten – und Wahrnehmungstheorien“ hineinliest. Siehe z. B. einen Überblick bietet W. Detel, Grundkurs Philosophie, Bd. 4., Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Hamburg 2007.

4M. a. W., gäbe es keine Zeitform und Raumform, so würde entweder das empirisch gewollte Streben genügen, das Gefühl oder die Sinnerfüllung unmittelbar anzustreben und herbeizuführen – oder es kann sowieso, mangels Zeit- und Raumanschauung, nie und nirgends, an keiner Zeit- und Raumstelle, etwas schematisiert und als solches vorgestellt werden. Raum und Zeit sind aber bereits synthetisierte Formen der Empfindbarkeit, mithin erste Anfänge der Freiheit.

5Letzte Kraft in diesem gehemmten Streben ist dabei der Wille, der sich im Gehemmtwerden selbst bestimmt.

6In der ersten Fassung des praktischen Teils der WL (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, 1794, GA II, 3, 187) wird diese ideale Tätigkeit ausdrücklich bereits als „Trieb“ beschrieben.„Der Charakter dieses Strebens ist Selbstthätigkeit im Ganzen. Es muss sich also allenthalben äußer, wo die Selbstthätigkeit eingeengt wird, durch einen Trieb ihre Grenze zu erweitern.
Es wird gar nicht behauptet, daß sie dadurch ihre Grenze wirklich erweitre; daß dies Streben
Ursache werde. Bisher haben wir nur noch lediglich den Trieb, (…)

7Es kann aus Gründen der Freiheit dieser „Urtrieb“ in seiner vorgestellten und gedachten Realität und seiner strebenden Selbsttätigkeit weder theoretische noch praktisch gänzlich aufgelöst werden, denn dann wäre vollkommene Erkenntnis und vollkommenes praktisches Wissen notwendig. Es bleibt ein irrationaler Rest im theoretischen wie praktischen Erkennen erhalten, bei aller vernünftigen Durchdringung der begegnenden Wirklichkeit.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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