Zum Kategorischen Imperativ bei KANT und FICHTE

Fichte geht in seinen Vorträgen öfter auf den „Kategorischen Imperativ“ (abk.=KI) KANTS ein. Einmal erwähnt er ihn in seiner höheren Sittenlehre (abk. SL 1812). Wie meint er das? Zuerst zu dieser kurzen Notiz, fhs 3, S 294: (in Rot ist Zitat, schwarz meine Erklärung).

1) „(…) Der Begriff sezt sich ab in einem idealen Bilde seiner selbst, nebst einer realen aber freiem Kraft der Vollziehung, [als] erstes [Glied]: Dieses Glied muss wieder als Grund zusammenhängen mit dem folgenden der sich Bestimmung der freien Kraft oder des Wollens. Dieses Grundseyn tritt ins Bewußtseyn ein, heißt: diese Glieder alle, als in der aufgezeigten Folge befindlich, treten ein ins Bewußtseyn.“ (J. G. Fichte, Sittenlehre 1812, fhs, Bd. 3, 2012, 1. Teil, 7. Vorlesung, ebd. S 294)

Es folgt daraus zweierlei 1.) der vorausgesezte Begriff tritt unmittelbar durch sein Seyn ein ins Bewußtseyn mit der hinzugefügten Foderung an das Ich, daß es soll: (mit dem begleitenden Merkmale eines kategorischen Imperativs, um Kants treffender Bezeichnung mich zu bedienen.) denn in der That u. Wahrheit ist dieser Begriff Grund eines Ich, dadurch daß er Grund, real Grund ist, lediglich damit dieses Ich sich vollziehe. So ists. Nu<n> muß sein Grundseyn eintreten in das Bewußtseyn: dieses Soll muß drum nothwendig eintreten, und tritt ein, so gewiß der Begriff ein begründender ist.“ (Hervorhebung von mir; ebd. S 294,295)

Wir haben oben einen Unterschied gemacht zwischen dem, was in dem hier entstehenden Ich ist durch sein bloßes Seyn (sc. das Ich, die Ichheit, die sittliche Gemeinschaft als Idealgrund, vollzogen als Begriff) , u. dem, wozu es einer Selbstbestimmung bedarf innerhalb des gegebnen Seyns (der realen Kraft der Vollziehung, des freien Zweckdenkens). In Absicht des ersten (fanden wir]: es hat den Begriff: ist seine freie synthetische Einheit: dem Inhalte nemlich nach. (sc. weil dem intelligiblen, begrifflichen Konstituiertsein nach von einem ursprünglichen, vor-zeitlichen Aufgefordertsein ausgegangen werden muss; das göttliche Aufgefordertsein gehört konstitutiv zum Begriff einer autonomen Selbstbestimmung; es liegt im Ich/der Ichheit das Vermögen der Freiheit und die Aufforderung zur Selbstbestimmung, weil es sich in einem überzeitlichen Aufgefordertsein finden kann. Das Ich setzt sich selbst die Zwecke, erschafft sich im Sinne des projizierenden Denkens, und so findet es sich durch göttliches und interpersonales sittliches Tun und durch sittliche Gemeinschaft schon bestimmt.)
Jezt tritt hinzu: u. dieser Begriff ist begleitet u. durchdrungen von dem Charakter des Soll, schlechthin damit vereinigt: auch durch das blosse Seyn, ohne alles weitere im Bewußtseyn erscheinende Zuthun des Ich. Dies zur vollkomnen Deutlichkeit.

(SL 1812, fhs 3, 7. Vorlesung S 295 – u. a. Stellen zum Charakter des Soll; z. B. S 292f; 297-300; 312f; 352 – 353 u. a.)

Der reale Grund, wie FICHTE hier sagt „daß er Grund, real Grund ist, lediglich damit dieses Ich sich vollziehe“, erzeugt damit nicht selbst die  Allgemeingültigkeit und Wahrheit, sondern lässt sie evident werden. M. a. W. der Begriff bildet das absolute Sein der Erscheinung des Absoluten nur nach und weiß darum, weiß um sein Bild als Bild dieser Erscheinung.  Der Begriff ist nicht die Genesis der Erscheinung des Absoluten, er ist positive Nicht-Genesis, faktische Erscheinung – und deshalb bedingte Disjunktionseinheit von absolutem Sein und Bild desselben. Ich möchte hier verweisen auf den 21. Vortrag der WL 1804/2.

Der als Grund verstandene Begriff ist (wie jeder Begriff) Bild, auch als „Bild Gottes“ beschrieben, der, und das scheint mir besonders bemerkenswert in der SL 1812 im Vergleich zur SL 1798 zu sein, in seinem Wahrheits- und Geltungsanspruch als universale, sittliche Gemeinschaft vorausgesetzt wird.

G. Cogliandro beschreibt es so: Die höhere Sittenlehre beginnt in der Tat nicht mit einem an den Einzelnen gerichteten Imperativ, sondern mit einer thetischen Setzung: Der Begriff ist das, worauf die Welt sich gründet. Der als Grund verstandene Begriff übernimmt die Rolle des Zweckbegriffs der Wissenschaftslehre nova methodo von 1796/99, wo es heißt: Der Zweck leitet den Willen, wenn der Zweck begrifflich gefaßt ist.“ 1

Ab der 17. Vorlesung folgt dann die Analyse der sittlichen Gemeinschaft, die wissenschaftliche Darlegung einer Sitten- und Pflichtenlehre in und durch die einzelnen Individuen.

Diese anstehende Applikation und Realisierung universeller, substantieller Sittlichkeit der Gemeinschaft führt jetzt nicht zu einer totalitären Vorschreibung heteronomer Gesetze, sondern erst im Ich und als Ich, universell wie individuell verstanden, mithin durch Freiheit, kann dieses „Bild Gottes“, der Begriff als Grund, eingesehen und vollzogen werden. Die Allgemeingültigkeit und Wahrheit dieses die Sittlichkeit legitimierenden Erscheinung  ist in der Ichheit (im „allgemeinen Ich“) angesiedelt, kann aber nicht durch die Ichheit  abgeleitet werden. Das „Soll“ liegt genetisch dem Vollzug der Freiheit voraus. Es bedrängt oder bedroht nicht, sondern sieht geradezu eine individuelle Selbstfindung und Selbsterkenntnis vor. M. a. W., dieses Soll entlastet das rein subjektive Wollen und Können. 

G. Cogliandro fasst es so zusammen: a) Der Inhalt des 1. Teils der SL inklusiv 16. Vorlesung enthält dieses Herausarbeitung eines vorgeordneten Solls im Begriff, d. h.  Der Begriff ist unsichtbar in der Welt der Erscheinung, weil er sich in der Welt der Erscheinung als bereits im Ich verkörpert zeigt und daher nicht vom Ich selbst abgelöst sichtbar werden kann. Aus diesem Grund ist die Verkörperung des Begriffs ausschließlicher Gegenstand des ersten Teils der Sittenlehre von 1812.“ 2

b) Die Begründung der Sittlichkeit in jedem Individuum erweist sich als der Endzweck der Gemeinschaft; dies ist der Inhalt der höheren Sittlichkeit.“ 3

2) Wie sieht es nun bei KANT aus? Die wunderbaren Stellen in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785) (MdS) zum KI wären hier zu zitieren – siehe gute Aufschlüsselung in Wikipedia – oder Stellen aus der „Kritik der reinen praktischen Vernunft (1788) (KpV;):

Werkausgabe (Weischedel), Bd. VII, S 55f ; KpV:, S. 56: „Reine Vernunft ist für sich allein practisch, und giebt (dem Menschen) ein allgemeines Gesetz, welches wir das Sittengesetz nennen.“

ebd., S. 56/57: „Dieses Princip der Sittlichkeit nun, eben um der Allgemeinheit der Gesetzgebung willen, die es zum formalen obersten Bestimmungsgrunde des Willens, unangesehen aller subjectiven Verschiedenheiten desselben, macht, erklärt die Vernunft zugleich zu einem Gesetze für alle vernünftige Wesen, so fern sie überhaupt einen Willen d.i. ein Vermögen haben, ihre Causalität durch die Vorstellung von Regeln zu bestimmen, mithin so fern sie der Handlungen nach Grundsätzen, folglich auch nach practischen Principien a priori […] fähig seyn. Es […] geht auf alle endliche Wesen, die Vernunft und Willen haben, ja schließt sogar das unendliche Wesen, als oberste Intelligenz, mit ein. Im erstern Falle aber hat das Gesetz die Form eines Imperativs, weil man an jenem, als vernünftigem Wesen, einen REINEN, aber, als mit Bedürfnissen und sinnlichen Bewegursachen afficirtem Wesen, keinen HEILIGEN Willen, d.i. einen solchen, der keiner dem moralischen Gesetze widerstreitender Maximen fähig wäre, voraussetzen kann. Das moralische Gesetz ist daher bey jenen ein IMPERATIV, der categorisch gebietet, weil das Gesetz unbedingt ist“. (Hervorhebungen von mir)

Es folgt daraus zweierlei 1.) der vorausgesezte Begriff tritt unmittelbar durch sein Seyn ein ins Bewußtseyn mit der hinzugefügten Foderung an das Ich, daß es soll: (mit dem begleitenden Merkmale eines kategorischen Imperativs, um Kants treffender Bezeichnung mich zu bedienen.) denn in der That u. Wahrheit ist dieser Begriff Grund eines Ich, dadurch daß er Grund, real Grund ist, lediglich damit dieses Ich sich vollziehe. So ists. Nu<n> muß sein Grundseyn eintreten in das Bewußtseyn: dieses Soll muß drum nothwendig eintreten, und tritt ein, so gewiß der Begriff ein begründender ist.“ (Hervorhebung von mir; ebd. S 294,295)

2. 1.) Ich gehe einmal davon aus, dass zwar KANT unter dem „KI“ mehr als eine bloße Tauglichkeitsprüfung verstand, mehr als eine pragmatische Regel der Klugheit, aber wie begründet er das? A priori sind im KI andere Personen mitgemeint, das möchte ich einmal als Material des Sittengesetzes ihm zugestehen – was er aber nicht ableitet – meine Frage jetzt: Folgt daraus das Material eines Gefühls, eines Triebes, einer interpersonalen und göttlichen Liebe?
Weil ich davon nicht viel lese, b
edeutet der KI nolens volens als formales Prinzip doch nur eine Tauglichkeitsprüfung und die Universalisierung einer Regel?

Ich möchte hier KANT keine feindselige oder unchristliche Haltung unterstellen, aber wohl im aufklärerischen Übermut und mangels kirchenväterlichem Kirchenbegriff konnte er logisch nicht zu einer universellen Sittlichkeit einer christlichen Gemeinde aufsteigen? 4 Oder spezifischer fomuliert: Infolge der Einschränkungen des Vernunft- und Erkenntnisbegriffes auf die Gegenstände sinnlicher Erfahrung schien ihm eine positive Einschau in sittliches Handeln und Tun, in Gefühle und positive Gebote, nicht möglich. Er misstraute hier dem Gefühl und den Bedürfnissen der Vernunftwesen.

Die autonome Selbstbestimmung nach einem allgemeinen Gesetz darf  keine höhere Sittlichkeit der Liebe zugestehen, analog zum Wort JESU: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 13, 34; 15, 12)?  (Natürlich wird KANT dieses Wort gekannt haben!) 
Wenn das Sittengesetz, dass faktisch erscheint, nur in der „Allgemeinheit der Gesetzgebung (…), die (… den) formalen obersten Bestimmungsgrunde des Willens (abgeben kann), besteht, was kann dann an Material des Wollens übrig bleiben? Die Interpersonalität als materiales Ziel des sittlichen Handelns, als sittliche Begründung, aber bringt eine logische Beziehungsregel automatisch einen sittlichen Gehalt der Begründung mit sich?

2. 2)  Wenn nicht die medialen Formen der Zeit und des Raumes, die interpersonale Verkörperung eines Begriffes von Liebe und Zuneigung, die Erfahrung von Gefühl und vielen Formen der Kommunikation, schematisiert werden kann, wie könnte eine Allgemeingültigkeit und Geltung der Wahrheit durch eine Gesetzgebung behauptet werden? Die bei KANT oft vorkommende Ablehnung sinnlicher Triebfedern, Bedürfnisse, menschlicher oder göttlicher Gebote – um moralische Selbstbestimmung oder Begründung einer Rechtsphilosophie leisten zu können? – mag noch ein legitimes, freiheitliches Streben sein; doch wie ist diese Freiheit zu erkennen, wenn die   mediale und schematisierte Vermittlung dieser autonomen Selbstgesetzgebung und autonomen Rechtsgesetzgebung fehlt? Wie zu einer universelle Sittlichkeit kommen? Müsste die Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung, transzendental gesehen, nicht vom prinzipiell Konkreten beginnen? Aus der Erfahrung sittlicher Liebe und Gemeinschaft, aus der Erfahrung interpersonaler Akzeptanz, aus der Erfahrung schematisierter Mittel (wie Sprache)  entspringt erst die Freiheit zu moralischer Selbstbestimmung und rechtlicher Selbstgesetzgebung? Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung, pflichtbewusstes und rechtliches Handel  sind hier in der  SL 1812 FICHTES völlig anderes konzipiert als bei KANT. Sie sind  der ichliche und individuelle Vernunftreflex von erfahrener universeller Sittlichkeit, Liebe, gesellschaftlich-rechtlicher Anerkennung und von Formen der Kommunikation. 

2. 3) Schließlich die von KANT bemühte Gottesidee und Hoffnung auf Unsterblichkeit, verfällt das nicht erst recht anthropomorphen Vorstellungen,  gerade weil die direkte Allgemeingültigkeit und Geltungsforderung und Begründung eines pflichtbewussten Handeln durch eine göttliche Wahrheit aus Autonomiegründen abgelehnt wird? Die Religionsphilosphie KANTS müsste hier länger von mir diskutiert werden, doch ist sie nicht zu vergleichen mit der im „Begriff“ liegenden göttlichen Aufforderung und des  im „Begriff“ liegenden göttlichen Lebens hier in der SL 1812 bei FICHTE.

2. 4) Durch die Situierung der Idee des sittlichen Handelns im Begriff einer sittlichen Gemeinschaft ist m. E. in der SL 1812 eine Individualisierung der Ethik vermieden, als komme es nur auf den individuellen Willen an, wie KANT das Gute durch den Willen begründet – siehe viele Stellen in MdS.
In FICHTES SL 1812 ist die individuelle Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar ebenfalls Endzweck, aber nicht genetischer Anfang der Selbstbestimmung und Selbstgesetzgebung.

2. 5) Ich meine  in der SL 1812 ebenfalls einen kleinen/großen Unterschied bei FICHTE selbst  feststellen zu können, wenn ich zum Vergleich die SL 1798 lese: Die sittliche Freiheit besteht dort in einem Begriff verobjektivierter Sittlichkeit in Form der „Synthesis der Geisterwelt“. Der Endzweck und Ziel des moralischen Handelns ist die „Gemeinde“ aller Vernunftwesen (vgl. meinen Blog zur SL 1798, 5. Teil ). Das Sittengesetz hat die ganze Vernunft zum Objekt. Das Gewissen spielt eine entscheidende Rolle – und zusätzlich muss in wissenschaftlich-diskursiver Weise bewiesen werden können, was sittliches Handeln heißt. Hier in der SL 1812 verläuft die Begründung gerade umgekehrt: das Sittengesetz will nicht eine objektive Vernunft heranbilden kraft individuellen Wollens, sondern umgekehrt erscheint in der Vernunft, vermittelt durch die Erscheinung des Absoluten, d. h. das material Sittliche der „Synthesis der Geisterwelt“ zuerst, um dann im Begriffe und im individuellen Wollen gelebt und entfaltet zu werden. Dies dreht jetzt nicht die SL 1798 total um. Das Gewissen und das Ziel der universellen Sittlichkeit bleiben auch für die SL 1812 in zeitlicher Hinsicht der Realisierung gültig, nur das Transzendentale der Pflicht ist dem individuellen Ich als Bedingung der Möglichkeit schon vorgegeben. Die Idee der Sittlichkeit ist ein „Lösungsbild“ (J. Widmann, J. G. Fichte, 1982,  ebd. S 208) geworden, weil ohne vorhergehenden Begriff und erschienenem „Lösungsbild“ ein individueller Pflichtbegriff nicht möglich denkbar und vollziehbar wäre.  

Ich schließe deshalb mit einem Zitat bereits aus dem 2. Teil der SL 1812, dem Abstiegsteil und Teil der Realisierung der Pflicht.

»1. Das einzige wahrhaft selbstständige innerhalb der Erscheinung
ist die Erscheinung selbst, wie sie ist an sich, als Bild Gottes. Dies
ist nun in ihrer Einheit als Gemeine der Individuen.
2. Dieses ihr Seyn stellt sich dar als eine Aufgabe, denn sie er-
scheint in der Form eines absoluten Prinzips. Also der Begriff richtet sich nothwendig an das Ganze, u. spricht vom Ganzen. Es giebt
im eigentlichen Sinne keine Pflicht des Einzelnen, sondern nur eine
der ganzen Gemeine.« (ebd. Fhs, S 348) (oder vgl. auch 21. Vorlesung S 353 u. a.)

© 21. 3. 2020 Franz Strasser

1G. Cogliandro, „Der Begriff sei Grund der Welt“ – Die Sittenlehre 1812 und die letzte Darstellungen der Wissenschaftslehre, Fichte-Studien Bd. 29, 2006, S 166.

2G. Cogliandro, ebd. S 172

3G. Cogliandro, 176.

4Dass FICHTE im Kirchenbegriff ebenfalls hinter seinen sonstigen transzendentalen Reflexionen zurückblieb, wäre eine andere Frage.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser