Evolutionstheorie – 7. Anfrage; Natur und Gesellschaft;

1) Das zeitliche Werden, das die „Evolutionisten“ in der sinnlichen Natur und in der menschlichen Geschichte  faktisch zu erkennen glauben, ist eine Rede von Klassifikationen,  Taxomierung, historischen Ereignissen, eine Hinterstellung von  kausal-mechanischen Abläufen und Naturgesetzen,  eine Wechselwirkung von sich steigernden, emergenten Systemen, die eine unbekannte Ursache haben, „Evolution“ genannt. Sobald aber auf diese Redensart eingeschwenkt wird, ist der Boden der natur-kausalen und statistischen Erklärungen verlassen und der Reflexionsakt dahinter unabsichtlich vergessen oder absichtlich verdreht. 1 Die Begründungen des zeitlichen Werdens aus den Wissensbedingungen (einer übergreifenden Einheit des Bewusstseins) werden nicht mehr thematisiert, die Reflexion des eigenen Denkaktes wird objektivistisch in eine Zeit- und Raumtheorie hineingesetzt – und eigentlich müsste dieses „evolutionär“ begriffene Ganze der sinnlichen Natur und der Geschichte längst in seinem zeitlich Gewordensein ausgestorben sein, würde nicht stets neu die ursprünglich produzierende Einbildungskraft die Zeit erzeugen und würde nicht allaugenblicklich die (zeitlose) Sollensforderung der Wahrheit an unser gehemmtes Streben ergehen, sodass wir zumindest spontan in unserem Vernunftstreben reagieren müssen und praktisch die Zeit und das Zeitverstehen aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft schaffen. Transzendentalkritisch kann ein Begriff der „Evolution“ sogar konzediert werden, falls aus sittlich-praktischen Gründen das Selbstverständnis des Lebewesens „Mensch“ bzw. des Sinns des Kosmos abgeleitet werden soll. Aber ohne diese höheren, transzendental-kritischen Herleitungen des Begriffes „Evolution“ gerät alles in eine naturwissenschaftliche und gesellschaftliche Schieflage.  Wie sollte aus anscheinend nur evolutionär  entstandenen Dingen natur-kausale Werdensprozesse in der sinnlichen Natur begründet werden? Oder wie sollte aus evolutionär-realistischen oder  evolutionistisch-idealistisch gedachten Ereignissen  zukunftsträchtige und  normative Realisierungen erschlossen werden?  Die Dinosaurierer waren evolutionär so sinnvoll wie sinnlos, weil sie in der realen Reihe des Vorstellens untergegangen sind. Ist es der Mensch nicht genauso?  Eine evolutionär-reale oder evolutionistisch-ideale Erklärung, die per se eine Zeit außerhalb des Bewusstseins für eine Erklärung verantwortlich macht, ist selbst keine Erklärung mehr, weil die Ebene der substantiellen Einheit der Zeit im Denk- und Selbstbestimmungsakt des Ichs verlassen ist.

Aber auch das Gegenteil einer absolut zeitlosen Bemessung von Ereignissen – eine Abstraktion von der Zeit – scheint mir nicht möglich: Ich meine,  eine reine mathematische Erklärungsart mag in Beschreibungen vorläufig hinreichen, aber selbst die Anschauungsform der Zahlen und Mengen muss irgendwann die Zeit einbeziehen, will sie reale und ideale Erscheinungsweisen beschreiben.  Alles Erkennen  – auch das mathematische oder naturwissenschaftliche oder künstlerisch-visuelle – steht unter einem praktisch-sittlichen Anspruch, wodurch ipso facto damit eine zeitliche und geschichtliche Reihe aufgebaut wird. Würde die praktisch-sittliche Ordnung unseres Geistes tatsächlich wegfallen, so könnten wir nicht mehr wissen, was wir wollen und wie wir handeln können.

Die Direktiven einer hierarchischen Wert- und Sinnordnung sind ewig in unserem intentionalen Streben grundgelegt – und erst nachträglich, sekundär, in z. B.  „evolutionären“ Erklärungen, können wir dieses praktisch-sittliche Streben um-interpretieren und verfälschen.
Jede „bloß“ theoretische Wissens-Erkenntnis kommt von einem praktisch-sittlichen Streben her. Erst recht ist neben der theoretischen Naturerkenntnis jedes gesellschaftlich-interpersonale Sein massiv von Geltungs- und Sollensansprüchen besetzt! 

Eine naturale Entwicklung (Evolution)  zu denken, ohne Eingedenken der transzendentalen Schematisierung der Erkenntnisordnung auf die Anschauungsformen von Zeit und Raum und ohne reflexive Verstandes- und Denkformen, ist  eine Abstraktion, aber auch eine gesellschaftliche Ordnung an sich zu denken ohne geschichtliches Sein d. h. ohne Bedenken des geschichtlichen Gewordenseins,  ist eine Abstraktion. 

Mit der WLnm von FICHTE in der fünffachen Reflexionseinheit des erkennenden und tätig-wollenden Ichs gesprochen:  Reale und ideale Reihe der Selbstbestimmung, d. h. immer auch einer zeitlichen und erinnernden Selbstbestimmung,  bedingen sich gegenseitig im Schweben der Einbildungskraft –  und sind synthetisch vereinigt durch eine apriorische Einheit des Wissens in einer reellen Sinnidee und einer seinsollenden Realisierung von Vernunft. Wird diese reflexive Vermittlung der Zeit in der reellen wie idealen Reihe vergessen, kommt es schnell zu gefährlichen naturalen Fehlschlüssen bzw. gesellschaftlichen Entgleisungen.

Ein einfaches Beispiel einer Reflexionsvergessenheit einer bloß naturalen Weltbeherrschung darf ich bringen: Die angebliche Beherrschung der Atomkraft – welche Einschränkungen an freier Selbstbestimmung sind für nachfolgende Generationen damit geschaffen? Diese scheinbare technische Machbarkeit ist absolut geschichtslos, denn der reale Energiegewinn ist ideell gesehen eine schwere Hypothek! Mit welchem Recht entscheidet sich eine Generation für diese Technik mit Folgewirkungen auf Tausenden von Jahren für nachkommende Generationen?  Wie soll das gerechtfertigt werden? Und was könnte eine Evolutionstheorie zu dieser praktisch-sittlichen Beurteilung von Atomkraft sagen, wenn sie einen sittlichen Zweckbegriff und ein sittliches Streben gar nicht kennt, evtl. den Zweck des physischen Überlebens? Sie vermag vielleicht noch an das Gefühl zu appellieren, das Leben zu schützen oder das Überleben zu sichern, doch welchen ethischen Wert hat dieser Appell?  Ist es evolutionär gesehen nicht gleichgültig, ob die Erde morgen noch besteht oder durch einen Atomkrieg oder durch den Müll der Atomkraftwerke verwüstet sein wird?  

Das Verstehen zeitlicher Bedingungen hängt sowohl a) spontan vom naturgebenen Streben (bei jedem Lebewesen), als auch b) bewusst frei von einem Zweckbegriff ab, den die ursprünglich produzierenden Einbildungskraft notwendig zu einer realen und idealen Reihe einer zeitlichen Entwicklung aufbaut. An sich wird nichts in der Natur und entwickelt sich nichts. Nur im zeitlichen Werden des Bewusstseins selbst wird festgesetzt, was Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft heißt – und dieses zeitliche Werden wird übertragen auf die anorganische oder organische Natur und auf den Leib und schließlich auch auf die gesellschaftliche und geistige Wirklichkeit. Weil ich mich durch den Leib notwendig dem biologischen Sein der Natur zugehörig fühle, erkläre ich mir meinen Leib auch als evolutiv geworden, aber dass und wie diese wunderbare Symbiose mit der Natur durch meinen Leib geschieht, das weiß ich nicht aus der Natur oder dem Trieb selbst, sondern nur reflexiv, d. h.  weil jeweils ein über alle Teil- und Systemeinheiten des Lebendigen hinausgehender Begriff des größeren Ganzen durch einen geistigen Zweckbegriff mir diese Erkenntnis ermöglicht. Das biologische Sein einer Pflanze oder eines Tieres oder des Menschen ist Teil eines größeren Ganzen einer Vernunftrealisation, die sich in einer Fülle von Kräften und Formen und Qualitäten (Trieben) genetisiert und schematisiert. Mein biologisches Wesen ist nie nur für sich allein da, sondern unselbstständiges Moment einer praktischen Vernunftrealisation, der wir alle unterstehen, ob Pflanze, Tier, Mensch. Wie sollte ich aber aus einem evolutionären, determinierten Naturzusammenhang zu einer Einheit einer sowohl spontan sinnlich- triebhaften als auch geistig-freien Natur kommen?

Zeit und Zukunft, so wurde oben ausgeführt, beginnt mit einem elementaren Empfinden, das im Streben bzw. im naturgebundenen Trieb, gefühlt wird. (Siehe ebenfalls oben diverse Stellen der Wlnm und PRACTISCHE PHILOSOPHIE GA II, 3, 183)2

K. HAMMACHER schreibt zu diesem Gefühl des Strebens, dass damit kein Irrationalismus in die Philosophie einzieht, sondern die rationale Durchdringung der Wirklichkeit bewährt sich im Gefühl. Wir erkennen aber dabei nur die Wirkung des Strebens, nicht die Ursache, und der Wille stellt sich als Vorstellung jenes Strebens durch die innere Empfindung dar. (FICHTE, GA II, 3, 1, 184) Wir erkennen die Wirkung aus dem Zweck, den wir uns gesetzt haben. 3 „Damit spielt aber im Zweckbegriff jene innere Tätigkeit, die das Gefühl anzeigt, mit. Die Wirkung, Kausalität, ist beim Zweck in der Empfindung gegeben, aber nicht als eine tatsächliche Kausalität des Ich auf das Nicht-Ich, sondern als Erhöhung des Strebens. (GA II, 3, 189)

Mit dem Zweckbegriff nehmen wir die Zukunft in das zeitliche Werden auf, sofern wir im Zweck die Wirkung als Ursache vorwegnehmen, und zwar als Wirkung einer bestimmten Ursache.
Deshalb meine siebte Anfrage: Welche Gesamtstrategie steckt hinter in den „evolutionären“ Erklärungen? Ist es tatsächlich die
theoretische Neugier, konsistente, natur-kausale Erklärungen von den Kräften des Universums, von den Prozessen des genetischen und biologischen Lebens, von den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zu gewinnen, oder steckt hinter der theoretischen Neugier, die prinzipiell nicht zu verwerfen ist, noch ein anderes Interesse, eine psychologisch zu verstehende Verdrängung?   Geht es wirklich nur um physikalische, genetische, biologische  Verstehensprozesse,  um paläontologische Deutungen der Hominisation, oder ist der Zweck ein latent anderer? Ich möchte damit nichts ad personam sagen, aber soll durch die dominante Evolutionstheorie  die Selbsttätigkeit der Vernunft und die ganze Freiheit des Menschen unbewusst-bewusst auf ein nur naturbezogenes Maß individueller oder manipulierter Geltungsansprüche heruntergedrückt werden? Soll eine gesellschaftliche Non-Utopie verfolgt werden?  4

Die Mitte der Einheit des Wissen, für den sinnlichen Bereich des Verstehens von Natur, als auch für den gesellschaftlichen  Bereich der Selbstbestimmung innerhalb einer Personengemeinschaft, muss höher gefasst werden als eine realistische oder idealistische These je bieten können. In allem apponierenden, zeitlichen Kausieren, im spontanen wie im freien, offenbart sich eine Sinn- und Realisierungsforderung, die in der Geltung einer kategorischen Vernunftforderung und in einer zeitlich-geschichtlichen Sinn- und Wertrealisierung resümiert werden kann. Diese transzendentale Geschichtstheorie scheint mir konträr entgegengesetzt einer Evolutionstheorie zu stehen. Eine von selbst ablaufende Evolution realistischer oder gesellschaftlicher Prozesse ist dogmatisch, unbewiesen, eine Non-Utopie.  

© Dr. Franz Strasser, 7. 5. 2017

1 Die Frage, ob z. B. bloß von einem Wandel von Eigenschaften von Individuen über Generationen hinweg innerhalb einer biologischen Art gesprochen werden soll, von sog. „Kooptionen“, oder doch von neuartigen Entstehung von Organen, Strukturen, Bauplantypen, qualitativ neuen Genen, da sind sich selbst Naturwissenschafter uneins. Siehe z. B. download . 05.12.12  Wieviel Evolution ist durch Kooption möglich?

2Vgl. R. LAUTH, Naturlehre 1984, 17 – 23. Ich verweise auch auf die Wlnm.

3Vgl. K. Hammacher, Kategorien der Existenz, a. a. O., S 103.

4 Ich denke nur an die eugenischen und rassistischen Theorien des 19. Jhd.; oder derzeit versucht man aus neuronalen Erkenntnissen die freie Selbstbestimmung zu falsifizieren und zu „beglücken“.  Siehe z. B. Thomashoff, Hans-Otto: Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit. Eine spannende Reise in die Welt von Gehirn und Psyche. Ariston Verlag 2014.

Evolutionstheorie – 6. Anfrage; über die Einbildungskraft, von Pflanzen, Tieren und Vernunft, Trieb und Streben.

Gleinker Weltchronik

1) Das Schweben der Einbildungskraft, worin Subjekt und Objekt noch nicht unterschieden sind, ist der Ausgangspunkt allen Wissens und aller reflexiven Einheit des Wissens. Der Weg zur basalen Empfindung und Wahrnehmung über die raum-zeitlichen Dimensionen und Kategorien muss durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft in theoretischer wir praktischer Funktion rekonstruiert werden. Ich zeichne diese Rekonstruktion hier soweit nur in den Grundrissen nach, bis das Produkt der Einbildungskraft durch die Anschauungsformen und durch die Verstandesformen a) theoretisch, und in weiterer Folge durch die reflektierende Urteilskraft b) praktisch bestimmt werden kann durch die in der Hemmung liegenden Tendenz („Streben“, aber noch unspezifisch verstanden), sie zu überwinden.

Die theoretischen wir praktischen Konstitutionsmomente der anorganischen oder der später abzuleitenden organischen Welt bleiben dabei stets rückbezogen auf das ursprüngliche Anschauen und Schweben der Einbildungskraft und den notwendigen apriorischen Denkmöglichkeiten der Beziehung und Unterscheidung.

Ad a) Das zeitliche Werden, noch nicht übertragen auf anorganische oder organische Objekte oder auf den eigenen Leib bzw. auf die Geschichte mit anderen Personen, ist eine  Form der übergehenden Imposition von einer Setzung zur anderen, ein primäres Linienziehen, das auch im kleinsten Punkt nicht aufhören darf, ein Übergehen und ein Werden zu sein.1

Diese nach allen Richtungen hin vorstellbare, durch beliebig viele Punkte gehende Linienziehen nennt FICHTE diereine Bestimmbarkeit“ (GRUNDLAGE GA I, 2, 359f). Die auf dieses Linienziehen treffende Hemmung ist der Stoff in der Linie des Werdens, und wird als aufgefasste Hemmung mittels Kategorien als Qualitatives und Quantitatives und und in Relations- und Modalitätskategorien weiter bestimmt. Die produzierende Einbildungskraft arbeitet auf die einzelne Hemmung hin (an ihr und mit ihr) Form und Materie zusammen, veräußert das Konstruierte anschaulich, und verinnerlicht den unkonstruierbaren Gehalt als „Gefühl“. Es kommt zu den „Formen der Empfindbarkeit“ (siehe oben, EIGNE MEDITATIONEN), d. h. zur aktuellen Linie der Zeit und zur aktuell-objektiven Linie und Fläche des Raumes. Da kongruierend und parallel zur realen Reihe des Aufbaues der objektiven Außenwelt die ideale Reihe mitgedacht werden muss (gemäß Fünffachheit der Reflexion nach der Wlnm), kommt notwendig zum  Linienziehen der Zeit und des Denkens von Raum die interpersonale und geschichtliche Wirklichkeit hinzu: Es müssen virtuell unendlich viele Grundpartien des  Linienziehens und des objektiven Veräußerns vorausgesetzt werden, denn nur unter Voraussetzung anderer Personen können wir individuell uns bestimmen. Die Gemeinsamkeit eines Wollens und Handelns geht apriorisch dem Begriff des individuellen Wollens und Handelns voraus. Durch das gemeinsame Wollen und Handeln haben wir auch eine gemeinsame Außenwelt und gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum – unbeschadet auch der Möglichkeit, eine individuelle Geschichte zu schreiben und einen individuellen Raum im körperlichen Ausdruck erst bilden zu müssen. 

Die Zeitform als Linienziehen im inneren Sinn ist ein aktives Schweben der Einbildungskraft, das sich als Kontinuität und als ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit zeigt. Die Raumform fixiert dieses Linienziehen und fixiert die Veränderungen in diesen inhaltlichen Vorstellungen zu einer materiellen Außenform. Der innere Sinn wird durch die Raumform verobjektiviert dargestellt. FICHTE nennt diese Urform einer Verobjektivierung und Veräußerung, „reine Bestimmbarkeit“ oder „Quantitabilität(WL 1801/02), das Virtuelle, das Pluripotentielle. Es wird durch das bestimmte wirkliche Linienziehen der Zeit aktualisiert. (vgl. R. LAUTH, Naturlehre, ebd., S 25)

b) Ein zeitliches Werden an sich (eine „Evolution“) kann somit realistisch und objektivistisch weder in den Dingen der anorganischen Natur – die mit ihren Kräften als Attraktion und Repulsion in Vektoren beschrieben werden könnte – noch in den distributiven Einheiten eines organischen Lebens, aber auch nicht in einer geschichtlichen Fortschritts-Reihe  angesetzt  werden  – außer man überträgt aus dem Bewusstsein in die sinnliche oder kulturelle Natur hinein dieses zeitliche und räumliche Linienziehen.2

Erst durch die erfolgende Imposition und Apposition der Einbildungskraft wird ein kontinuierliches Werden aufgebaut. Die reellen Quanten sind keine Dinge an sich, sondern Sein im Ich, und werden erst im Akt der Bestimmung bestimmt (siehe oben 2. Anfrage, zur Dualität der Materie nach A. MUES). Dass sie unkonstruierbar sind, macht ihre Eigenständigkeit aus;  dass sie nicht chaotisch sind, das ist eine Sache der fichteschen Sinnlehre, ausgedrückt in der Lehre von der moralischen Weltordnung und der göttlichen Weltregierung. 3

Die Realität der Natur (…) erscheint in der TranscendentalPhilosophie als durchaus gefunden, und zwar fertig und vollendet, und dies zwar (gefunden nemlich) nicht nach eigenen Gesetzen (der Natur), sondern nach immanenten der Intelligenz (als ideal-realem).“ (FICHTE gegenüber SCHELLING, Briefe, GA III, 4, 360)

Absolut verschieden zu den anorganischen Kräften der Attraktion und Repulsion in der Physik tritt dabei die distributive Einheit der Organisation, sprich, das Leben, in den Naturprozess ein. Die Wechselwirkung der beteiligten chemischen Kräfte, die Osmose etc.. bilden nicht eine additive Einheit, sondern sind um einer organisierten Einheit willen gesetzt. Wenn in weiterer Folge die organische Eigenbewegung z. B. einer Pflanze mit verschiedenen sukzessiven Bestimmungen der Veränderung ausgezeichnet wird, so entsteht hier nichts evolutiv Neues, sondern alle Bewegung ist von vornherein als geschlossener Kreislauf gesetzt, ein Ganzes mit einem absoluten Durchdringungspunkt des Lebens. 4 Falls Leben so gedacht werden soll, dass eine zugrundeliegende Substanz sich erbgenetisch (epigenetisch) weitergibt – wie es gang und gäbe in der naturalistischen Betrachtung ist – würde das einen Einblick in den Ursachenzusammenhang der Manifestationen der Wirkungen verlangen, den ich nicht haben kann. Eine realistische Substanz als Grundlage aller Veränderung und Ursache aller weiteren Wirkursachen erkenne ich nicht denknotwendig; ich erschließe nur durch Induktion und Hypothese einen nachträglichen Zusammenhang. Es evolviert oder entwickelt sich aber nicht eine Substanz ans ich, seien es die Gene, oder sei es ein hinterstellter evolutiver Prozess der Akzidentien,  sondern das Organisationsganze der Pflanze wächst und gedeiht und blüht und verwelkt, um als Gattung in der Frucht zu bleiben. Wenn das zweckgerichtete Streben des Wachsens an sein Ziel gelangt ist, ist das Produkt fertig da. Zum fertigen Produkt, so FICHTE, gibt es kein zu vergleichendes analoges Produkt, keine Homologie und keine Ähnlichkeit. Die Pflanze hat das in ihr liegende Ziel erreicht und das einmalige Produkt erbracht – und strebte nicht selbst eine Homologie an. Was würde schon ein Begriff der Homologie erklären? Dass sukzessive, neue, emergente Bestimmungen in und aus einer Substanz entstanden sind? So verfährt aber die reflektierende Urteilskraft nicht. Auf einen Schlag, im zeitlosen Akt der Vorstellung, setzt die Urteilskraft eine durch den Organismus aktualisierte Wechselwirkung an – und die Pflanze erbringt ihr spezifisches Produkt. Erst in secundo kann die Urteilskraft verschiedene Merkmale und Ähnlichkeiten (Homologien) feststellen, aber das ist ein anderer Zweckbegriff als der einer selbst-organisierten Zweckeinheit einer bestimmten Art.

c) So wie die Pflanze nur als ein organisches Ganzes verstanden werden kann, das Einzelne um des Ganzen willen da ist und umgekehrt, so übertragen wir das Organisationsganze auf den artikulierten Körper eines Tieres, dessen Organisationsmittelpunkt der Trieb ist.5 Es ist ein spezifisch gedachtes Organisationsganzes, ein Streben, das im Handeln durch eine Hemmung gehindert wird, und folglich als Trieb zur Erscheinung kommt. Der Trieb ist erfüllt (befriedigt), sobald die Bedingungen seiner Anwendung zu erfolgreicher Wirksamkeit kommen. Das Wasser weckt nicht den Durst, sondern der Durst erklärt (durch den Trieb) den Sinn von Wasser für den auf das Wasser abgestimmten Organismus. Es ist wiederum ein in die Organisation hineingelegter Zweckbegriff, der die wechselwirkenden Kräfte durchdringt und zu einer Anziehung und Abstoßung mit gleichzeitigem Angezogen- und Abgestoßenwerden formt. Der Trieb ist Teil dieser organischen Natur, höchster Begriff der erscheinenden Natur, insofern sie sich dadurch selbst bestimmt. (Siehe oben 1. Anfrage – das Bsp. Des mexikanischen Kärpflings. Dessen Trieb will das Überleben und strebt nach dem Überleben, die Gen-Codierungen sind für ihn als solche substantiell an die wechselnden Umweltfaktoren angepasst, zufällig können  sie nicht geworden sein, sonst hätte der Kärpfling nicht überleben können.)

d) Und nochmals weiter nach den transzendentalen Wissensbedingungen dieser triebhaften Bestimmung des Tieres gefragt, so muss es ein zusammenhängendes Ganzes einer abgestimmten sinnlichen Natur geben, die in Motorik und  Sensorik nochmals offen ist für eine höhere Artikulation und für eine freie und echte Selbstbestimmung des Lebewesens „Mensch“.

Die Welt ist den transzendentalen Wissensbedingungen nach ein organisches, teleologisches Ganzes – und muss es sein, damit die Pflanze wächst, das Tier sich bewegen und, was die dritte Stufe der Organisation betrifft, die Freiheit des Menschen mechanisierend (nicht selber organisierend) eingreifen kann. Die Verwirklichung des Organischen bleibt dabei an vielfältige Abhängigkeiten und Realisationsmöglichkeiten gebunden, a) an die anorganischen Grundlagen, b) an die Gene, an die Umwelt, aber zugleich c)  kann dieses lebendige Ganze nur als sich von Stufe zu Stufe aufbauendes, zweckorganisiertes Ganzes gesehen werden, damit das in und an diesen Hemmungen angesprochene freie Linienziehen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft schlussendlich im Lebewesen „Mensch“ heraustreten kann.

Dabei bleibt die Hemmung aposteriorisch unableitbar und letztlich nicht begreifbar. Wir können weder theoretisch die Abhängigkeit des Ichs vom Nicht-Ich der Hemmung auflösen, noch können wir die Hemmung im praktischen Streben in Erkenntnis auflösen, als wüssten wir in jedem Augenblick sicher, was wir tun sollten oder tun wollten. Das zeitliche Werden geht von der produzierenden Einbildungskraft aus und alles zeitliche Werden ist diese Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität, sei es in der sinnlichen Natur, im eigenen Leib, in der gesellschaftlich-geschichtlichen oder in der religiösen Wirklichkeit.

2) In der Ableitung der „Formen der Empfindbarkeit“ (3. und 4. Anfrage) wurde betont: Die Vorstellbarkeit der inneren, zeitlichen Empfindung nimmt Gleichzeitigkeit in Anspruch. Es hebt sich im Denken eine Zeitgebundenheit der Empfindung abdie den materiellen Dingen ihre Realität gibt, und  sie räumlich und zeitlich und veränderlich und beweglich erscheinen lässt. Die Zeitform und Raumform können damit nicht unabhängig von ihrer materiellen Erscheinungswirklichkeit gesehen werden, aber beiden Formen realistisch mit den Dingen gleichzusetzen, vermengt wieder alles und führt zu keiner Erklärung. Die Kategorien fielen dann realistisch mit den Dingen zusammen, wo sie doch umgekehrt die Realität  derselben erst begründen.

Die Anziehungskraft und Bewegung der Physik erscheint auf anorganischer Ebene total anders wie das Wachsen der organischen Wirklichkeiten;  die Bewegungskraft auf organischer Stufe (das Wachsen) erscheint wiederum höherstufig selbstbewegend;  die Bewegungskraft schließlich auf der Stufe der Freiheit äußert sich als Selbsttätigkeit der Vernunft und primär im Vorstellungstrieb. Nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE muss es einen geschlossenen, apriorischen Zusammenhang zwischen Naturstreben und Vernunftstreben geben; ersteres Streben ist die Sphäre der Vernunft in spontaner Aktion; letztere die Sphäre freie Realisierung einer Sinnforderung. Das System der spontanen und der freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil konstitutiv die aposteriorischen Bedingungen der Realisierung hinzukommen müssen. M. a. W. der Trieb als Naturtrieb ist einerseits vollendet, andererseits verweist er durch die Vernunft über seine Realisierung hinaus. Er will in seiner Bedingung durch spontanes und! freies Streben begriffen werden. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs. (Siehe dazu auch Ausführungen zum Triebbegriff bei S. FREUD und J. G. FICHTE – Link.

3) Das gesamte Naturstreben müsste jetzt viel detaillierter dargestellt werden. R. LAUTH spricht z. B.von verschiedenen Organisationsverbänden innerhalb mehrstufiger Organisationen (Naturlehre, S 113ff) oder von der „Ramifikation“ des Naturstrebens. (Naturlehre, S 119ff). Durch die reflektierende Einbildungskraft kann von der einzigen Dimension des zeitlichen Werdens abgegangen und in andere Dimensionen des Raumes übergegangen werden. In diesem virtuellen Raum wird die Hemmung verbreitet und präsent. Durch mehrere, verschiedenartige Hemmungen wird das Streben nochmals in mehreren entsprechend verschiedenen Trieben fixiert. Wir erhalten eine Verzweigung des Gesamtstrebens in verschiedenen Streben, die aber alle darauf aus sind, die jeweils verschiedenartigen Hemmungen zu überwinden. Durch Umreihung treten dann andere Hemmungskonstellationen auf, die als Wirkenserfolge erlebt werden. Der spontane, naturgetriebenen Akt muss zwar von Anfangspunkten ausgehend gedacht werden, um sich dann mannigfaltig zu verzweigen, wir erhalten dann eine Gesamtorganisation in untergeordneten Organisationen und Organisationsverbänden, aber eine einzige Ursache dieser Wirkungen lässt sich kaum feststellen. Das bestimmende Gesetz diese wechselwirkenden Abhängigkeiten von Streben und nicht-ichlicher Hemmung kann endgültig nicht in Erkenntnis aufgehoben werden, weil uns dann vollkommene theoretische und praktische Erkenntnis geschenkt sein müsste (wie wir uns den göttlichen Verstand vorstellen.) Umgekehrt aber so zu tun und vorzugeben, als könne selbsterklärend durch „Evolution“ das System der Natur verstanden werden, dass es eine dahinterliegende, wenn auch zufällige und unbekannte, anonyme Wirkursache „Evolution“ gäbe, erklärt nicht das mannigfaltige  Naturstreben und geistige Freiheitsstreben. Es wird Erkenntnis vorgetäuscht, die aber keine ist und niemals eine werden kann, weil der ausdrücklicke  Zweckbegriff nicht eingestanden wird bzw. nicht erkannt wird. Die stufenartige Höherentwicklung eines Naturstrebens von der Pflanze bis zum Tier und bis zur Vernunft des Menschen, mit dem zuletzt angedeuteten verzweigten Naturstreben, offenbart ein Richtungnehmen des zeitlichen Linienziehens (des vorstellenden Aktes der Vernunft) und einer in der Zeit liegenden Sinnlichkeit und aktiven Rezeptivität, offenbart aber keinen evolutiven Prozess an sich. Durch die freie Serie der Imposition der Einbildungskraft und durch Apposition wird eine ideale und reale Zeitbindung der „Evolution“ in der Geschichte aufgebaut.  Es entsteht eine ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit, sei es für den sinnlichen Bereich der äußeren Natur oder den geistigen Bereich der gesellschaftlichen Natur. Aber eine „Evolution“ an sich ist nicht denkbar.  In der äußeren, sinnlichen Natur oder kraft der sinnlichen Natur wird nichts.

4) Von der anorganischen Wirklichkeit der Bewegungs- und Veränderungslehre sind wir ausgegangen; die höhere Möglichkeit zeigte sich in der Erscheinung einer Selbstbewegung im Organismus. Die Pflanze zieht an und stößt ab. Ihr Wirkungskreis, ihre „Bewegungsfreiheit“ bleibt aber trotzdem noch eingeschränkt. Die nochmals höhere Möglichkeit erscheint im Tier. Das Tier vermag sich zu bewegen, zwar nicht total frei, es ist getrieben und instinkthaft geleitet, aber immerhin, es zieht selber an und stößt selber ab und wird angezogen und wird abgestoßen. (Inwiefern die Pflanzen selber die Tendenz haben, sich bewegen zu können und bestens anzupassen – das ist noch ein weites Forschungsgebiet.) Die höchste Stufe der Bewegungsfreiheit und Wirksamkeit – ohne Determination eines zweckentsprechenden (teleonomischen) Agens – zeigt sich schließlich in der freien Darstellbarkeit der Einbildungskraft im ästhetischen und praktisch-moralischen Sinn. Das reflexive Bewusstsein vermag dadurch im Vorstellungstrieb über die Hemmung hinauszugehen und dementsprechend, angepasst an die Hemmung, frei zu wollen und zu handeln.Das Thier ist da, um den freien Geist in der Sinnenwelt zu tragen, und mit ihr zu verbinden.“ (NATURRECHT, GA I, 3, 381).

Jetzt wieder meine Anfrage an die anscheinend alles erklärende Evolutionstheorie in Natur und Kultur: Denkt die Evolutionstheorie das zeitliche Werden auf diese – durch das Streben und die Freiheit ermöglichte – Zukunft hin?   Sicherlich nicht, denn was faktisch ist, ist so geworden, wie es ist.  Es trägt kein Kriterium des Sollseins oder Nicht-sein-Sollens in sich!? 6

Das Denken, wie in den ersten Anfragen ausgeführt, unterscheidet die Zeit- und Raumform, letztlich das zeitliche Werden, zwecks weiterer begrifflicher Bestimmung des Objektes. Es  überträgt, entäußert, entfremdet: Eine Bewegung, ein Wachsen, ein Sterben, ein Trieb wird in die Natur und in die Gesellschaft hineingelegt. Warum exponiert sich das Denken zur Entwicklung, zur „Evolution“ und zur Geschichte? 

Meine etwas verkürzte und noch mehr auszubauende Antwort wäre: Erscheinungsobjektiv und erscheinungssubjektiv entwickelt sich Natur und Kultur – weil alles unter einem aktuellen Sollensanspruch steht, ob die gefühlte und vorgestellte Wirklichkeit einem Sollsein der Wahrheit entspricht oder nicht. Entspricht die Bestimmung eines Dinges vollkommen der theoretischen Betrachtung, ist die Vorstellung befriedigt und an ihr Ende gelangt. Das praktische Streben geht aber in seiner Triebhaftigkeit und freien Realisationsmöglichkeit über dieses Gleichgewicht in der Vorstellung hinaus auf eine volle Vernunftrealisation. Deshalb kann, und auf der Erscheinungsebene sogar muss! aus praktischen Gründen ein Vorgang auch zeitlich und räumlich und evolutiv gesehen werden, damit im Hier und Jetzt eine freie Realisationsmöglichkeit der Vernunft hervortreten kann. An sich entsteht die Welt nicht (…) in der Zeit; sie ist fertig.“ (PLATNER-VORLESUNG, GA IV, 1, 409.) Für uns aber fällt ihr Fortgang und die Entstehung neuer Produkte in die Zeit, u. wir müssen die Bildung der Welt auch in die Zeit setzen.“ (ebd.)

Aber wird der Begriff Evolution zweckhaft, als praktisch-sittliche Verwirklichung einer Intention und einer Sinnidee, verwendet? Dient nicht umgekehrt der Evolutionsbegriff einer großen Entschuldigung, gerade nicht praktisch und frei handeln zu können? (Siehe oben  meine 4. Anfrage  – Link

 23. 12. 2015

© Dr. Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

1Wir gehen von Anfang an daraufhin aus, das Vorgestellte so ichlich wie möglich zu bilden. Wenn wir die Außenwelt daraufhin durchforschen, erforschen wir stillschweigend in ständigem Interesse, wie kann ich den Gegenstand ichlich konstituieren, d. h. wie weit kann ich ihn nicht nur anschauen, sondern auch einsehen, dass er so sein soll. Seine Eigenschaften sind a) Übertragungen von Bewusstseinsmomenten in die Außenwelt und b) Übertragungen von Willensmomenten und ichlichen Momenten, dass der Gegenstand bzw. in höchste Stufe die andere Person, so ichlich wie möglich sei. Wir gehen immer schon darauf aus, dass wir uns gegenüber fremden Personen vorfinden. Wenn wir nur Anorganisches oder Organisches fänden, so ist das Weniger als wir im Vorstellen finden wollen. Eine Einschauung ist somit nur im interpersonalen Bereich möglich. In der sinnlichen Natur ist Anschauung angemessen.

2 Im Zusammenhang des Wachsens sagt FICHTE einmal: in dynamischer Sicht ist „die Bewegung ein Bild des Werdens einer Anziehung; einer, sage ich; eines bestimmten Accidens derselben; denn die Anziehung selbst ist, wird nicht, wie das System de Empirie, die Natur (in Wahrheit auch) ist, und diese ist, wie die Erscheinung selbst ist.“ (FICHTE, TRANSZENDENTALE LOGIK 1812, S 222). M. a. W.: Es gibt einen Modus von physikalischen Bewegungen (Kräfte der Anziehung und Abstoßung), einen Modus der bloßen Anziehung (im pflanzlichen Bereich), einen Modus von Anziehung und Angezogenwerdens zweier Organisationen (im biologischen Bereich der Tiere) – und einen Modus der Freiheit (der Geschichte).

3Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O. S 165.

4Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 128 – 130.

5Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 131 – 135.

6 Ein zweiter, undenkbarer Begriff, neben einem objektivistisch verstandenen Werden in einer Evolution – wäre der ebenso dunkle Begriff einer „Emergenz“. Von selbst geht aus einer niederen Organisation eine höhere hervor. Ebenfalls ein undenkbarer Begriff – eine Vernebelung und Ablenkung.