Zur Lebendigkeit der Ideen – Platon, Sophistes 248a-e

Es ist ja völlig verkehrte Meinung, dass Ideen bloße Ab-Bilder, abstrakte Allgemeinheiten oder bloße Formen ohne Inhalt wären. Nur ein kleiner Beleg aus dem „Sophistes“ möge das belegen: – siehe pdf-download – Sophistes 248

Die Ideen sind bewegend und lebendig, nicht abstrakt, weder ein bloßer Begriff, noch ein bloß abbildliches, visuelles Denken, sondern innige, lebendige Einheit von Sein und Denken, von praktischem Leben und theoretischer Vorstellung.

Es gilt sowohl a) eine Stasis im Hinblick auf das Unwandelbarer in aller (theoretischen) Erkenntnis festzuhalten, als auch b) eine Kinesis, eine Bewegung im Hin- und Hergehen des Erkennens, was wohl nur heißen kann, im Tun und Handeln, in reflexiver Einheit, festzuhalten Es gibt keine Trennung der Ideen vom Nous, als auch keine Trennung von den sinnlichen Dingen, was wohl nur durch den (praktischen) Begriff des Lebens ausgedrückt werden kann (kinesin kai zoen kai psychen kai phronesin)

Alles ist reflexiv gesetzt, realer Teil des Lebens wie idealer Teil der Vorstellung.

Natürlich ist jetzt bei PLATON nicht alles so ausdifferenziert wie von der späteren Transzendentalphilosophie dargelegt, aber prinzipiell ist alles schon bei ihm zu finden. Wie wollte man PLATON sonst lesen und verstehen, wenn nicht prospektiv auf die spätere Transzendentalphilosophie hin nach DESCARTES, KANT, FICHTE?

Was möchte ich damit sagen? Die begriffliche Analyse der einzelnen Momente der Erkenntnis können von der Philosophie zwar per abstractionem als unselbstständige Momente stets hingestellt werden, als Anschauungsformen, Verstandesbegriffe, Reflexionsideen (die Grundsätze des Verstandes durch die reflektierende Urteilskraft gesetzt), schließlich die höchsten Vernunftideen wie das Schöne, das Gute, aber alle diese theoretischen Erkenntnisleistungen können nicht für sich isoliert bleiben,  sondern müssen ineinander greifen und zu einem systematischen Ganzen des (praktischen) Lebens und Strebens zusammenwirken. Das geschieht durch eine Einheit, wie wir sie in einer lebendigen Einheit eines Organismus hineinlegen: Das  Teil ist für das Ganze und das Ganze für den Teil da,  es herrscht distributive Wechselwirkung mit zweckhaftem Charakter, eben „lebendige“ Einheit, gehalten und getragen durch einen praktischen Trieb.

Nur durch die einheitliche Funktion eines substantiellen Wissens, letztlich durch ein apriorisches und qualitatives Totalitätsallgemeines, wird der „Gliederbau“ (KANT) der Vernunft zusammengehalten.

(c) 11. 7. 2015 Franz Strasser

 

Zur Beweglichkeit der Ideen (Politeia 7. Buch, 533b)

Es wurde immer wieder die Frage gestellt, wie die Ideen und die Einzeldinge der sinnlichen Welt zusammengehören. Wie kann die Teilhabe der Dinge an den Ideen vorgestellt werden? Sich billig damit zu begnügen, von einer Verdoppelung der Welt zu sprechen, hier die Sinnenwelt, dort die Ideenwelt, erklärt weder die Begriffe, die ja doch für die sinnliche Welt gelten sollen, an die selbst der Naturalist zeitweilig glaubt, noch erklärt eine Verdoppelung (Ideen hier, Sinnendinge dort) die Phänomene, die offensichtlich sich wandeln und ändern, welche Wandel aber auch Dauer voraussetzt. Zur Zeit PLATONS wurde die Frage der Teilhabe der Ideen an den Sinnendingen bereits heftig diskutiert – und heute muss man schon viel suchen und forschen, um dieses Niveau wieder zu erreichen.

Ein ARISTOTELES verteidigt einmal den Lehrer PLATON/SOKRATES1, wie er ihm dann wieder eine unerlaubte Trennung von Ideen und Einzeldingen vorwirft. Die Vorwürfe sind als das  „Chorismos“- Problem im Neukantianismus emporgehoben worden, ohne selbst eine Antwort bieten zu können. Inwiefern der Vorwurf des ARISTOTELES unberechtigt ist, siehe z. B. den Blog von mir wurde ebenfalls schon vielfach beschrieben – siehe z. B. „Transzendentale Deutung der Ideenlehre“ – oder siehe  Wikipedia-Artikel.

PLATON hat mit seiner Ideenlehre wesentliche erkenntnistheoretische Voraussetzungen des apriorischen Vorwissens eingebracht. Selbst die mathematischen oder geometrischen Voraussetzungen müssen ideenmäßig konstitutiert sein, sonst bleiben sie voraussetzungslos und unbewiesen. Das Zitat aus „Politeia“ möge diese konstitutive Funktion eines transzendentalen Wissens abschließend belegen – siehe download zwecks griechischer Orthographie. – pdf – Politeia 7. Buch 533b (Zur Unbegründheit geometrischer Voraussetzungen) 

Die „Kinetisierung“ (Beweglichkeit der Ideen) ist nichts anderes als die reflexive Begründung und systematische Anwendung der transzendentalen Wissensbedingungen auf Raum und Zeit. Bewegung ist bereits ein ideell- praktischer Begriff. Eine Bewegung zu denken und mithin auch eine abgeschrittene Zeit zu denken, gelingt nur durch Vorstellung eines räumlich Dauernden. Der Raum ist aber umgekehrt notwendig auch auf die Zeit bezogen, möchte der menschliche Geist (das Denken) Verschiedenes apprehendieren und appositionieren. Die Vorstellung ist durch die Darstellungskraft darin genötigt, die Erscheinungen in einer bestimmten zeitlichen Sukzession zu denken – und mit einer unterlegten Substanz im Raume, die gleich bleibt im Vergleich zu dem, was sich verändert. Die gegensätzlichen Bestimmungen eines Sich-Bewegenden sind denknotwendig in eine Zeit-Raum-Relation aufgeschlüsselt, sollte eine Vereinigung gegensätzlicher Bestimmungen dialektisch gelingen. Mit Platon gesagt: die Ideen sind beweglich (mit der stillschweigenden Voraussetzung von Zeit und Raum) Ein bekanntes Bild dafür ist: Das fahrende Schiff kann als solches nur gegenüber dem dauernden Ufer so prädiziert werden. Die Vereinigung des fahrenden Schiffes – die Beweglichkeit der Ideen –  geschieht durch das Denken und ist keine Anschauung. Bewegung ist Schematisierung auf Raum und Zeit, gedacht, nie an sich.     

© Franz Strasser, 11. 7. 2015

1 Metaphysik XIII 4, 1078b: „Doch Sokrates setzte das Allgemeine und die Definition nicht als Abgetrenntes an. Die Anhänger der Ideenlehre aber trennten es und nannten derartiges Ideen.“

Die Zentrierung des Wissens bei PLATON

Die Zentrierung des Wissens bei PLATON – oder: Die Reflexionseinheit des Wissens

Glyptothek, München

Es ist eine alte Geschichte, dass die Einheit der Sinneswelt nicht durch die Wahrnehmung der Sinne geleistet werden kann. Ich möchte die schöne Argumentation PLATONS, THEAITETOS 184d ff in einem längeren Auszug – zwecks Beibehaltung der griechischen Orthographie nur als pdf-Datei zugänglich – bringen  –Platon, Theaitetos 184c ff

Die Sinneswahrnehmung muss in einem selbst nicht räumlich ausgedehnten Zentrum der „Seele“ („du magst es nun Seele oder wie sonst immer nennen“ ebd. 184d) geschehen. 

Ich beziehe mich hier auf transzendentalphilosophische Interpretationen von F. BADER, weil gerade die transzendentalphilosophische Ausarbeitung der Einheit des Wissens bei DESCARTES, KANT und FICHTE m. E.  am besten PLATONS Aussagen zu interpretieren vermag. Besonders diese schönen Stellen in „Theaitetos“ 184c – e bezeugen klar eine selbstbewusste Bewusstseinseinheit, sozusagen ein „primäres Wissen“ (in Anspielung auf Auseinandersetzungen mit ARISTOTELES) im Unterschied zu einem Sekundärwissen der Sinneswahrnehmung. Das „primärreflexives Wissen“, hier als Einfachheit der Seele formuliert,  ist die Ermöglichungsbedingung für die Zentrierung der Sinneswahrnehmung  1 

1) KANT beschäftigt eine ähnliche Frage. Er aporetisiert dazu in den „Träume eines Geistersehers“ (1766) : Das Geistwesen müsste äußeren Bedingungen nach existieren, um den Bezug zur Sinnenwelt herstellen zu können. Wenn das Geistwesen (die Seele) aber einen gemeinsamen Beziehungsgrund mit der Sinnenwelt hätte, ist es nicht mehr unausgedehnt und könnte die Sinneswahrnehmungen nicht mehr in einer letzten Einheit zentrieren.

Es muss die Seele ein unausgedehntes und zugleich unteilbares Prinzip sein, dass die Sinneswahrnehmung ordnet – so KANT, so schon die Antike: PLATON, (ähnlich dann auch PLOTIN; Enneade IV, 7, 6; CICERO, Tusculanae Disputationes I, 46  oder AUGUSTINUS, de trinitate 9, 3)  

KANT aporetisiert (wie in den „Träume eines Geistersehers“ 1766)   das Unausgedehntsein der Seele zu sinnlichen Bedingungen in den berühmten Antinomien der KrV 1781 nochmals. Aber hat er damit das Verhältnis von Einfachheit und Teilbarkeit wirklich gelöst? 

F. BADER vermittelte das so: Auf der Ebene der Erscheinungen ist nach KANT die Antinomie von entweder behaupteter Unausgedehntheit und Einfachheit oder von behaupteter unendlicher Teilbarkeit nie lösbar! Man muss das Sinnenweltliche als Erscheinungen (nicht Schein!) sehen – und die ganze Welt erscheint nur unter intelligiblen Bedingungen mit einem unterlegten Schema. So muss – so die halbherzige Lösung bei KANT –  nach der Perspektive der Erscheinung  entschieden werden, ob etwas unteilbar oder teilbar sein soll (2. Antinomie), ob es Freiheit oder Notwendigkeit in der Natur gibt  (3. Antinomie) Aber bei den verschiedenen Weisen der Ansicht bleiben, ist keine Lösung. Es muss das einheitliche Prinzip, das transzendentale Prinzip, Wahrheit als Wahrheit,  die Disjunktion der Betrachtungsweisen ableiten können. 2

2) Zur weiteren Problematisierung der Antinomie Unteilbarkeit, Teilbarkeit  greife ich jetzt auf Literatur von A. MUES zurück.3

Im kleinsten Bereich des Mikrokosmus kann (nach der Quantenphysik) die Position eines Elektrons weder rational/idealistisch noch real angegeben werden, weil es erst durch den Akt des Bestimmens selbst bestimmt werden kann. Eine zu messende Zeit und ein verobjektivierter Raum ist ohne Reflexion auf den Akt des Bestimmens nicht möglich. Zeit und Raum sind hochkomplexe Gebildes der Anschauung und des Denkens, die weder idealistisch noch realistisch (an Materie gebunden) gemessen werden können. Ein DEMOKRIT und LEUKIPP gingen von fixen Elementar- und Materieteilchen der Natur aus. Die Reduktion auf materialistische Verhältnisse oder materielle Disponibilitäten in der Natur war aber für PLATON in besagter Stelle des Theaitetos kritisch nicht möglich. Also muss unausgedehnt (und unzeitlich) die Einheit der Seele vorausgesetzt werden, um mit den Sinnen erkennen zu können.  Nichts darf idealistisch als geistige Gegebenheit oder realistisch als materielle Gegebenheit vorausgesetzt werden! Vor aller idealistisch/realistischen Vorstellung muss die apriorische Denkmöglichkeit der Realität aus der unzentrierten und unzeitlichen Einheit des Geistes (der Seele, des Wissens) abgeleitet werden.

Im Klartext mit FICHTE gesprochen: Es ist der Akt des Bestimmens selbst,  das „Schweben der Einbildungskraft“, worin die Quelle des Wissens liegt – und die verschiedenen Formen von Idealismus oder Realismus lassen sich in verschiedenen Abstufungen daraus ableiten.  Der Teilchen-Welle-Dualismus, oder Demokrit und Leukipp mit ihren Atomen, oder umgekehrt ein LEIBNIZ mit der Leugnung von kleinsten Teilen und dem Existieren eines Kontinuums – die Transzendentalphilosophie weiß um diese auftretenden Antinomien, sobald die Einheit des Wissens verlassen und der disjunktive Standpunkt nicht mehr reflektiert wird. Es muss aus dem Akt des Bestimmens selbst, aus dem Freiheitsakt, die Teilungsantinomie gelöst werden.  PLATON hat bemerkenswerter Weise, wie ich beim Nachlesen feststellte, in diesem Abschnitt des THEAITETOS das geistige (seelische) Zentrierungsargument indirekt sogar mit der Freiheitsantinomie schon zusammengebracht, weil die Seele auch für die Reflexion über Gut und Böse verantwortlich ist. 

3) Mit FICHTE gesprochen, aber durchaus auf PLATON übertragbar: Das Wissen (=Seele bei PLATON) erkennt sich in einer sinnstiftenden und sinnverstehenden, mithin in einer theoretisch wie praktisch zu bestimmenden Bildlichkeit, die wiederum in einem Begriff des wahren Bildseins gerechtfertigt wird. Das Bilden ist dabei das zentrale Verbum, wodurch Wissen und Sein zu einem wahrhaften Bildsein vereinigt werden. Dieses wahrhafte Bildsein setzt  eine unausgedehnte und unteilbare und unzeitliche Einheit voraus – ähnlich wie PLATON das in seinem Seelen-Begriff  bereits gesehen hat.    

Im 1. Vortrag der TRANSZENDENTALEN LOGIK von FICHTE heißt es: „Denken heißt ein Verbinden eines Mannigfaltigen von Bildwesen zur Einheit eines Bildes“ [SW IX, 110]; noch klarer im 3. Vortrag: „Das Wissen ist Bild, setzen eines Seins. Das Denken ist: ein Bild, das schlechthin ein Bild seiner selbst setzt“. [SW IX, 124]

Wissen, Denken, Begreifen, Verstehen werden durchgehend als Darstellungsverhältnisse der Bildlichkeit und Darstellungsprozesse des Bildens aufgefasst. Durch den Trieb ist bereits eine Hinordnung und eine realistische Vermittlung von Wert und Werthaftigkeit in einem unmittelbaren Gefühl bzw. in der Sinneswahrnehmung geschaffen. Ein Sinn-Bild zu haben, das ist notwendiges Gesetz der hinzukommenden Reflexion, wenn  das Vernunftwesen sich durch Einbildungskraft und Verstand weiter bestimmen will. Diesem Sich-Bestimmen durch reflexives Bestimmtwerden liegt immer ein sittlich-praktischer Wert in der prinzipiellen Vernunfttendenz zugrunde. Diese Vernunfttendenz ist dabei primär ein interpersonal sich beziehendes Wollen auf ein anderes Wollen, wodurch es ein Wollen wird, ein rückbezügliches Wollen in Zweiheit. Das Bilden als Verhältnis des Bildes zum Abgebildeten vorgestellt, bzw. als Verhältnis des Begriffes zum Sein, ist somit in seiner letzten Konsequenz ein Selbst-Wollen, ein Verhältnis des Wollens zu einem anderen Wollen in der Einheit eines Willens. 4 

4) Zurück zu THEAITETOS: Ein Geistwesen muss einfach sein, weil sonst die Ermöglichungsbedingung für die Zentrierung der Sinneswahrnehmungen in der Einheit des Wissens nicht erfüllbar wäre (vgl. 185b bis 185e). Jeder Sinn hat nur seine ihm eigene Welt und bezieht die anderen Sinne und ihre Welten nicht auf sich. Er synthetisiert selber nicht. Kein Sinn ist reflexiv, es gibt keine Wahrnehmung ihrer selbst, kein optisches Sehen seiner selbst, kein Hören des Hörens. Der jeweilige Sinn bezieht nicht einmal seine eigenen Wahrnehmungen auf sich, geschweige dass er sie selbstbewusst mit allen anderen in Einheit zusammenfasste.5
„… sondern die Seele scheint mir vermittelst ihrer selbst das Gemeinschaftliche in allen Dingen zu erforschen.“ (ebd. 185e)

Diese Einfachheit ist, so im Schlussteil dieser Textstelle im THEAITETOS,  ausdrücklich als eine zeitlose, überzeitliche Geistseele  gedacht.

THEAITETOS: Auch hiervon besonders dünkt mich die Seele das Verhalten gegeneinander zu erforschen, indem sie bei sich selbst das

S186b  Geschehene und das Gegenwärtige in Verhältnis setzt mit dem Künftigen.“ (siehe pdf-file.)

F. BADER: „Dies ist die Entdeckung des Unterschiedes einer überzeitlichen Gegenwart von einer zeitlich immer neu entstehenden und vergehenden Gegenwart, und der überzeitlichen Gegenwart als eines letzten, stehenden Bezugspunktes.“ 6

Das unausgedehnte, einfache und zeitlose Prinzip der Seele macht den substantiellen Denkakt aus, der allen zeitlich diskursiven Denkakten zugrundeliegen muss. Die Bestimmung der Seele ist wesentlich „kinesis“ und „autokinesis“, Bewegung und Selbstbewegung, (Phaidon 102a ff, Phaidros 245e), primär-reflexives Wissen, im Unterschied zu alle diskursiven, sekundär-reflexiven Wissensakten. Das anamnetische Wissen liegt dem sekundären Wissensvollzug zugrunde.

© Franz Strasser, 11. 7. 2015

 

1Siehe z. B. F. Bader, Untergräbt die Transzendentalphilosophie Kants Grundpositionen der katholischen Glaubenslehre, in: Norbert Fischer [Hrsg.], Kant und der Katholizismus. Stationen einer wechselhaften Geschichte, Freiburg 2005, 160-186.

2 Das geistige, unausgedehnte und zeitlose Zentrum darf nicht auf sinnliche, ja nicht einmal auf mathematische Verhältnisse bezogen werden. Denn dort wiederholt sich die Antinomie. Siehe da, das ist  ebenfalls bei PLATON schon zu finden – entweder unendliche Zählbarkeit oder einfache, reale Zahlen – die sog. mathematische Antinomie.
F. Bader hat in obigem Artikel, Anm. 1.,  die Auflösung der Teilungsantinomie durch die Freiheitsantinomie angesprochen, ebd. S 165.

3 A. MUES, Der Grund der Dualität der Materie und des Indeterminismus in der physikalischen Natur. Die Lösung des quantenphysikalischen Rätsels. In: Fichte-Studien, Bd. 6, S 277 – 302, 1994.

A. MUES, der Grund der Dualität der Materie. 2. Teil. Der Wellencharakter. In: Fichte-Studien Bd. 22, 107 – 120, 2003.

4Es gibt inzwischen viel Literatur zur Transzendentalen Logik FICHTES. Siehe z. B. M. SIEMEK, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Hrsg. v. Erich Fuchs, Marco Ivaldo und Giovanni Moretto, Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart-Bad Cannstatt, 2001

5Vgl. F. BADER, Untergräbt…, S 164.

6F. BADER, ebd., S 164. Anm. 8.

PLATON, Die Idee des Guten

PLATON, Die Idee des Guten

Die bekannte Stelle in der „Politeia“, worin die Idee des Guten noch über dem Sein stehend bezeichnet wird (509b) – und auf die ich hinsteuern will – ist von PLATONS Sokrates sorgfältig vorbereitet. Einmal in Richtung eines benevolenten Gewinnens der Zuhörer und dann in Richtung einer gewissen Selbstbescheidenheit, „weil für den jetzigen Anlauf (der Weg) viel zu weit ist“(506e) und Sokrates den Zuhörern nur vom „Sprössling“ (ebd.) der Idee des Guten reden kann. Sie könnten jetzt nicht den vollen Gewinn der Rede einstreifen, aber wenigstens „die Zinsen“ (ebd. 507a)

Diese transzendentalen Deutungen oder Explikationen der Ideenlehre PLATONS verdanke ich Platonvorträgen von F. BADER. Ich möchte ihn hier aber nicht mit meinen Mitschriften vereinnahmen. Es sind nur meine kümmerlichen Rezeptionen. Jeder Philosophiegeschichtsschreiber, der Behauptungen rezipiert, muss  ja selber schon ein Kriterium des Unterschieds haben, welche philosophische Behauptungen er zulässt und welche nicht. Man bringt ja selber stets hermeneutische Kriterien mit,  die unwillkürlich in jede Interpretation miteinfließen – und von denen  nicht abstrahiert werden kann.

Wie könnte jemand  PLATON – was sich m. E. besonders schön an der Idee des Guten  zeigen lässt – rezipieren, wenn man nicht selbst a) einen transzendentalen Philosophiebegriff, d. h. das Streben nach einem telos der Prinzipien, b) einen systematischen Standpunkt und eine c) Vollständigkeit des Systems  voraussetzen kann?

1) Zuerst weckt Sokrates das Interesse des Glaukon und aller seiner Zuhörer für die höchste Idee der Philosophie, für das Wesen des Guten schlechthin. Dann schmeichelt er dem Glaukon (und den anderen) und schmälert zugleich die Meinungen anderer.

506b: „Notwendig, sagte er. Aber du, o Sokrates, sagst denn du, Erkenntnis sei das Gute oder Lust, oder ein anderes als beides?

Du trefflicher Mann, sprach ich, dir sah ich es schon lange an, daß du nicht genug haben würdest an dem, was andere hierüber meinen

2) Glaukon ist inzwischen so neugierig geworden, dass er begierig ist, die persönliche Meinung und Ansicht des Sokrates zu hören, zumal er weiß, dass er, Sokrates, sich schon viel damit beschäftigt hat.

Es scheint mir auch nicht recht, sagte er, o Sokrates, daß man nur anderer Lehren hierüber soll vorzutragen wissen, seine eigene aber nicht, zumal wenn man so lange

S506c Zeit sich hiermit beschäftigt hat-

3) Sokrates erhebt nochmals den Anspruch, nur über gesichertes Wissen reden zu wollen. Glaukon stimmt ihm zu. Das echte, wahre Wissen ist zu unterscheiden von einer bloßen Meinung.

Wie? sprach ich, dünkt dich denn das recht, was einer nicht weiß, darüber doch zu reden, als wisse er es?

Keineswegs wohl, sagte er, als wisse er es; wohl aber soll er als Meinung vortragen wollen, was er darüber meint.

4) Glaukon ist jetzt direkt beängstigt, nach vielleicht vielen negativen Erfahrungen?, dass er wieder enttäuscht werden könnte. .

Daß du uns, beim Zeus, o Sokrates, sprach Glaukon, nur nicht noch am Ende im Stich lässest. Denn wir wollen zufrieden sein, wenn du auch nur ebenso, wie du über die Gerechtigkeit und Besonnenheit und das übrige geredet hast, auch über das Gute reden willst.

5) Sokrates spielt nochmals mit dem Zutrauen des Glaukon und der anderen – und stapelt seine Rede nochmals tiefer – um wohl das Nachfolgende erst recht erglänzen zu lassen.?

Auch ich, sprach ich, lieber Freund, wollte gar sehr zufrieden sein! Aber daß ich es nur nicht unvermögend bin, und wenn ich es dann doch versuche, mich ungeschickt gebärde und euch zu lachen mache!

6) Er spricht dann vom „Sprössling“, welche Rede man nicht gleich versteht. Später weiß man, er meint mit „Sprössling“ ein Gleichnis für die Idee des Guten: die qualitative Kraft und Sichtbarkeit der Sonne – und „des Vaters Beschreibung magst du uns ein andermal entrichten“ (506e), was ich so deute, dass in einem analogen Sinne die Abstammung des Sprösslings Sonne vom „Vater“ d. h. Gott , ausgedrückt werden soll.

Das für uns zuerst Sichtbare, das Licht der Sonne, ist aber nur ein analoges, sekundäres Wissen im Vergleich zu dem, was Wissen wirklich ist. (Es würde zu näheren Erläuterung das Sonnengleichnis gut passen! Dort geht es ja in eine ähnliche Richtung, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufzusteigend!)

Vielleicht hat Sokrates seine, das Zutrauen erheischenden Einleitungen auch so gemeint, dass seine Zuhörer bisher viel zu sinnlich und zu objektivistisch gedacht haben, jetzt ihm aber die Gelegenheit gekommen scheint, klarer und deutlicher zu reden.Wenigstens sollen die Zuhörer einmal diese Rede als „Abschlag“, als Anzahlung nehmen.

Allein, ihr Herrlichen, was

S506e das Gute selbst ist, wollen wir für jetzt doch lassen; denn es scheint mir für unsern jetzigen Anlauf viel zu weit, auch nur bis zu dem zu kommen, was ich jetzt darüber denke. Was mir aber als ein Sprößling, und zwar als ein sehr ähnlicher des Guten erscheint, (– leider ist mir zur  Stunde eine griechische Orthographie nicht möglich: „hos de eknomos te tou agathou phainetai kai homoiotatos ekeino“)

will ich //V252// euch sagen, wenn es euch auch so recht ist; wo nicht, so wollen wir es lassen.

Nein, sprach er, sage es nur; und des Vaters Beschreibung magst du uns ein andermal entrichten.

S507a Ich wollte, sagte ich, daß ich euch die ganze Schuld zahlen und ihr sie einstreichen könntet, und nicht wie jetzt nur die Zinsen. Diesen Zins also und Sprößling des Guten nehmt für jetzt auf Abschlag.

Dann die typische sokratische Frage nach dem Wesen einer Sache, die Frage nach dem „was es ist“ (ho estin)

(507b) Dann aber auch wieder das Schöne selbst und das Gute selbst und so auch alles, was wir vorher als vieles setzten, setzen wir als eine Idee eines jeden und nennen es jegliches, was es ist.

So ist es.

7) Es folgt eine m. E. wichtige Unterscheidung zwischen dem Gesehenen und Gedachten. Das Sehen und später das Gesicht bleibt eindeutig eine Stufe tiefer als das Gedachte. Es gibt bereits ein in Disjunktion von Sehen und Gesehenem gesetztes (einheitliches) Wissen – und darüber hinaus eine dieses Synthesis ermöglichende, sie genetisierende Einheit – eben die dann „epeikena“, jenseits des Seins und der Synthesis des Wissens  stehende Idee des Guten. Erst diese Idee begründet und legitimiert (genetisiert) die faktischen Leistungen des Sehens und des Gesichtsinnes, d. h. des Wissens in diesen Sinnesvermittlungen.

Nach der Lektüre von A. MUES, die Einheit der Sinneswelt, 1979,  ist mir der transzendentale Sinn hinter den Sinneswahrnehmungen  bewusst geworden: der Gesichtssinn bzw. das Sehen und das Gehör ermöglichen dem fühlenden Wesen den letzten und höchsten und freien Sich-Bezug des geistigen Wissens. Die Objektivationen der anderen Sinnesempfindungen wie Schmecken, Riechen, Tastsinn, Temperatursinn, sie geben zwar wie alle bereits Erkenntnis und Empfindung von Lust und ermöglichen einen gewissen Sich-Bezug und eine Freiheit; doch diese elementaren Sinne sind zugunsten des höheren Sich-Bezuges nochmals überschritten durch das Vermögen des Sehens und Hörens.
PLATON erreicht  m. E ebenfalls diesen Sich-Bezug des Wissens (der Freiheit), eine Art genetische Einheit im faktischen Wissen, weil er ein höchstes Prinzip und davon abgeleitet niedere Prinzipien kennt.  Der Rückgang auf die apriorischen Erkenntnisbedingungen (Ideen) ist dabei bedingt durch die Sinneserfahrung, durch Sehen und Hören und Fühlen. So mangelt den Ideen keine anschauliche Anwendung in der  sinnlichen Außenwelt und im praktischen Handeln.
Die Diskussion wirft das deutlich auf:

Und von jenem vielen sagen wir, daß es gesehen werde, aber nicht gedacht; von den Ideen hingegen, daß sie gedacht werden, aber nicht gesehen.

Auf alle Weise freilich.

S507c Womit nun an uns sehen wir das Gesehene?

Mit dem Gesicht, sagte er.

Nicht auch ebenso, sprach ich, mit dem Gehör das Gehörte, und so mit den übrigen Sinnen alles Wahrnehmbare?

Das Sehen und das Gesicht wird als der vornehmste Sinn gewürdigt, weil es diesen gewussten Selbstbezug erlaubt, eine  gewisse quantitative Totalität der Erkenntnis seiner selbst.

Seltsamerweise und als schmerzlicher Mangel ist vielleicht hier bei PLATON auffallend, dass der Sich-Bezug im Gehörten, im Unterschied zum Sehen,  in einer notwendigen Bedingung nicht mehr erkannt wird. Dies wäre dann in der Hl. Schrift zu finden. Dort wird das Hören eindeutig als höchster Sinn dann ausgewiesen, als Sich-Bezug des Wissens, als höchste Form der Freiheit.

Für das Sehen und die transzendentale Wahrheit als Wahrheit können wir wohl PLATON aber ebenfalls „Theologen“ nennen, denn die Zurückführung aller Prinzipien auf eine genetisierendes Prinzip (auf die Idee des Guten) setzt ja bereits eine Art apriorischer Vernunftoffenbarung Gottes voraus!

Zum Sehen sagt er:

Hast du auch wohl den Bildner der Sinne beachtet, wie er das Vermögen des Sehens und Gesehenwerdens bei weitem am köstlichsten gebildet hat?

Zum Gehör:

Also betrachte es so. Bedürfen wohl das Gehör und die Stimme noch ein anderes Wesen, damit jenes höre und diese gehört werde, so daß,

S507d wenn diese dritte nicht da ist, jenes nicht hören kann und diese nicht gehört werden?

Keines, sagte er.

Offensichtlich geht es PLATON um den Vorrang des Sehens und des optischen Sinnes – zum Schaden der Ausarbeitung des Gehörs. Aber egal hier. Scharfsichtig leitet er jetzt die notwendige Bedingung des Sehens ab: das Licht, das alles erhellt, und seine Quelle hat in der Sonne.

(507d) Und ich glaube, sprach ich, daß auch die meisten andern, um nicht zu sagen alle, dergleichen nichts bedürfen. Oder weißt du einen anzuführen?

Ich keinen, sagte er.

Aber das Gesicht und das Sichtbare, merkst du nicht, daß die eines solchen bedürfen?

Wieso?

(….)

Welches ist denn dieses, was du meinst? fragte er.

Was du, sprach ich, das Licht nennst.

Du hast recht, sagte er.

Also sind durch eine nicht geringe Sache der Sinn des Gesichts und das Vermögen des Gesehenwerdens

S508a mit einem köstlicheren Bande als die andern solchen Verknüpfungen aneinander gebunden, wenn doch das Licht nichts Unedles ist.

Im Licht liegt eine Art Wissensform, ein Sich-Bezug des Sehens. Dies soll noch weiter analysiert werden:

8) Das Sehen als Vermögen einerseits und das Licht als Ermöglichungsbedingung andererseits. Dies führt dahin, dass das „Auge“ als Selbstbezugsform des Wissens entdeckt wird.

Das Gesicht ist nicht die Sonne, weder es selbst noch auch das, worin es sich befindet und was

S508b wir Auge nennen.

Freilich nicht.

Aber das sonnenähnlichste, denke ich, ist es doch unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung.

9) Im Sehen als einem synthetischen Selbstbezug  von Wissen und Licht muss aber noch eine andere Quelle des Erkennens und des Wissens liegen. Es ist ja nicht das Auge selbst, das sieht, sondern eine höhere Wissensbedingung des Sehens (mit dem Auge).

Das Gesicht ist nicht die Sonne, weder es selbst noch auch das, worin es sich befindet und was

S508b wir Auge nennen.

Freilich nicht.

Aber das sonnenähnlichste, denke ich, ist es doch unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung.

Offensichtlich geht es PLATON an dieser Stelle hier um die reine Vernunfteinsicht, um eine apriorische Einheit des Wissens und seiner Begründung. Es wird eine theologische Emanation angedeutet („Ausfluss), später wird das näher „erzeugt“, d. h. genetisiert.

508b Und auch das Vermögen, welches es hat, besitzt es doch als einen von jenem Gott ihm mitgeteilten Ausfluß.

Allerdings.

10) Der oben angesprochene „Sprössling“, die Sonne, ist „gezeugt“ in einer Art Analogie („nach der Ähnlichkeit“).

Und eben diese nun, sprach ich, sage nur, daß ich verstehe unter jenem Sprößling des Guten, welchen das Gute nach der Ähnlichkeit mit sich gezeugt hat, so daß, wie jenes selbst

S508c in dem Gebiet des Denkbaren zu dem Denken und dem Gedachten sich verhält, so diese in dem des Sichtbaren zu dem Gesicht und dem Gesehenen.

Im Ganzen der Erkenntnisbemühung PLATONS, so ist das faszinierend nachzulesen, geht es um die Formulierung eines Übergangs. Das faktische Sehen allein genügt nicht, es bedarf einer Begründung und Rechfertigung dieses Sehens (des Wissens)  durch eine genetische und systematische  Ableitung des Wissens in uns aus einem höchsten Prinzip.

11) Sokrates bringt in diesem Erkenntniszusammenhang dann eine praktisch-willentliche Erkenntnis  ins Spiel:

Wer äußerlich den „Sprössling“ nicht sieht, d. h. das Licht der Sonne, und nicht sehen will, der wird natürlich nichts sehen. Es ist beim Sehen und Erkennen durchaus eine Haltung des Wollens und der Freiheit gefordert, a fortiori beim Erkennen der höchsten Idee des Guten.

Die Augen, sprach ich, weißt du wohl, wenn sie einer nicht auf solche Dinge richtet, auf deren Oberfläche das Tageslicht fällt, sondern auf die nächtlichen Schimmer, so sind sie blöde und scheinen beinahe blind, als ob keine reine Sehkraft in ihnen wäre?

Ganz recht, sagte er.

S508d Wenn aber, denke ich, auf das, was die Sonne bescheint, dann sehen sie deutlich, und es zeigt sich, daß in ebendiesen Augen die Sehkraft wohnt.

11) Die Seele – als Bild des Wissens – ist die verinnerlichte Seite der verobjektivierten äußeren Kraft des Sehens (und der anderen Sinne).

Wie das Sehen auf die notwendige Bedingung des Lichtes bzw. auf die Ursache des Lichtes angewiesen ist, auf die Sonne, so ist die Seele angewiesen und bezogen, bewusst, in Selbstbezugsform, auf die intelligible „Sonne“ der Idee des Guten.

Die Seele muss dabei – entgegen den vielleicht  schon oft geäußerten Relativismen der  Meinungen – das Licht einer Wahrheit erkennen können, das für sich selbst untrüglich ist und alles Wissen begründet.

(508d) Ebenso nun betrachte //V254// dasselbe auch an der Seele. Wenn sie sich auf das heftet, woran Wahrheit und das Seiende glänzt, so bemerkt und erkennt sie es, und es zeigt sich, daß sie Vernunft hat. Wenn aber auf das mit Finsternis Gemischte, das Entstehende und Vergehende, so meint sie nur und ihr Gesicht verdunkelt sich so, daß sie ihre Vorstellungen bald so, bald so herumwirft, und wiederum aussieht, als ob sie keine Vernunft hätte.

Nochmals wird von PLATON diese höchste Erkenntnis als eine klare transzendentale, im Sich-Bezug des Wissens angesiedelte Erkenntnis beschrieben!

12) Dies ist im Grunde oben schon vorbereitet worden: Wie die Sehkraft selber ja auch nicht von der Sonne herkam, wiewohl die Sonne („der Sprössling“) Bedingung des Lichtes war, so hat der Schöpfer das Vermögen des Sehens geschenkt. Dieses Vermögen ist klar ein Sich-Bezug, eine Selbstbewusstsein, eine substantielle Denk- und Selbstbestimmung.

Wenn auch notwendig die „Beschaffenheit des Idee des Guten“ dem Sich-Bezug des Wissens vorhergeht, so besteht doch klar ein Zusammenhang und ein Begründungsverhältnis. Das Wissen der Idee des Guten (des Absoluten)  ist nicht außerhalb des Wissens zu denken, wiewohl es nicht durch das Wissen bedingt ist, sondern umgekehrt: die Idee  des Guten ist das Unbedingte zum Bedingten des Wissens. Diese Idee ist einerseits unterschiedn von „Erkenntnis und Wahrheit“, aber nicht getrennt.

S508e Dieses also, was dem Erkennbaren Wahrheit mitteilt und dem Erkennenden das Vermögen hergibt, sage, sei die Idee des Guten; (Touto toinun to ten aletheian parechon tois gignoskomenois kai to gignoskonti ten dynamin apodidon ten tou agathou idean)

aber wie sie der Erkenntnis und der Wahrheit, als welche erkannt wird, Ursache zwar ist, so wirst du doch, so schön auch diese beide sind, Erkenntnis und Wahrheit, doch nur, wenn du dir jenes als ein anderes und noch Schöneres als beide denkst, richtig denken.

Erkenntnis 509a aber und Wahrheit, so wie dort Licht und Gesicht für sonnenartig zu halten, zwar recht war, für die Sonne selbst aber nicht recht, so ist auch hier diese beiden für gutartig zu halten zwar recht, für das Gute selbst aber, gleichviel welches von beiden anzusehen, nicht recht, sondern noch höher ist die Beschaffenheit des Guten zu schätzen.

Eine überschwengliche Schönheit, sagte er, verkündigst du, wenn es Erkenntnis und Wahrheit hervorbringt, selbst aber noch über diesen steht an Schönheit. (auto d hyper tauta kallei estin)

Für Lust also hältst du es doch gewiß nicht.

Frevle nicht! sprach ich, sondern betrachte sein Ebenbild noch weiter so.

S509b Wie?

Der hervorragende Selbstbezug der Seele, in ihrer Fähigkeit als Sehen schon vorbereitet, ist durch die höchste Idee ein begründetes und wahrhaftes Erkennen (der Welt), weil es in und aus der Idee des Guten geschieht und vermittels derselben Idee.

Die höchste Idee des Guten  ist eine die Disjunktion von Denken und Sein legitimierende, höhere Einheit, die die Kraft der Schematisierung und der Bildung, die Kraft von „Wachstum und Gedeihen“ weitergeben kann, „ohnerachtet sie selber unwandelbare Einheit ist.

509b Die Sonne, denke ich, wirst du sagen, verleihe dem Sichtbaren nicht nur das Vermögen, gesehen zu werden, sondern auch das Werden und Wachstum und Nahrung, unerachtet sie selbst nicht das Werden ist.

Wie sollte sie das sein!

13) Es folgt jetzt m. E.  die Spitzenstelle der Begründung des sich selbst wissenden Wissens und der apriorischen Einheit von Denken und Sein: Die Begründung, wiewohl im Wissen erkennbar, muss als transzendental-logischer Grund verschieden gedacht werden, höher als das Sein, aber doch in Einheit mit dem Denken. Im absoluten Grund oder „jenseits“ (epekeina) des Seins muss der Grund selbstbegründend sein,  sonst endet alles in einem infiniten Regress.

Deshalb vielleicht ein anfängliches Zögern des Sokrates und sein Herabspielen seines Vortrages, weil der absolute Grund sich nicht begrifflich-logisch fassen lässt?

(509b) Ebenso nun sage auch, daß dem Erkennbaren nicht nur das Erkanntwerden von dem Guten komme, sondern auch das Sein und Wesen habe es von ihm, da doch das Gute selbst nicht das Sein ist, sondern noch über das Sein an Würde und Kraft hinausragt. (…) (ouk ousia ontos tou agathou all epi epekeina tes ousias kai dynamei hyperechontos)

M. a. W., das Sehen und Gesehene der Sinne, in den Sinnen durch die Einbildungskraft bereits verarbeitetes,  gesetztes Wissen, nochmals übertragen auf die Subjekt-Objekteinheit der Seele bei PLATON, ist keine  leere Vorstellungseinheit,  sondern ist qualitatives Totalitätsallgemeines,  Erkenntnis der Erkenntnis der Erscheinungswelt, Bewährung des Wissens kraft der Idee des Guten. Das transzendentale Wissen ermöglicht die Erkenntnis der Phänomene.

© Franz Strasser, 9. 7. 2015

Der Begriff der Einheit bei PLATON und FICHTE

In der POLITEIA PLATONS wird das rechte Gemeinwesen aufgebaut und beschrieben. Der Glück- und Gerechtigkeitsbegriff spielt dabei eine wichtige Rolle. „Lohnt es sich, gerecht zu leben. Ist Gerechtigkeit, wie es die sophistische These behauptet, nur eine Konvention, der wir uns notgedrungen fügen, um größere Übel zu vermeiden, obwohl sie unsere wahre Natur vergewaltigt und unserem Glück im Wege steht, oder ist sie ein Wert in sich selbst?“ (FRIEDO RICKEN, Philosophie der Antike, 88.)

PLATONS Lösung des Problems ist der Begriff der Einheit. „Glück ist Einheit der Menschen in der Gemeinschaft des Staates und Einheit des einzelnen mit sich selbst. Beide bedingen einander.“ (vgl. F. RICKEN, 88). Wer mit sich selbst eins ist, ist zur Gemeinschaft mit anderen fähig, und nur eine geordnete Gemeinschaft kann den einzelnen zur Einheit mit sich selbst erziehen. Diese Einheit wird nicht vorgefunden, sie ist erst zu leisten. Dazu kann allein die Gerechtigkeit befähigen. Für das Verhältnis der Menschen untereinander liegt das auf der Hand: Menschen haben verschiedenen Begabungen und Interessen, die sie zum gemeinsamen Besten aufeinander abstimmen müssen.

Aber auch der einzelnen Mensch ist ursprünglich Vielheit? Es gibt nach der POLITEIA drei Seelenvermögen (435e-441c)

S435e Ist es nun nicht uns ganz notwendig, sprach ich, zu gestehen, daß in einem jeden von uns diese nämlichen drei Arten und Handlungsweisen sich finden wie auch im Staat? Denn nirgends andersher können sie ja dorthin gekommen sein. (Politeia)

Die Seelenvermögen werden im apriorischen Vorwissen und nach einer bestimmten Weise durch die Definition ihres Gegenstandsbereiches voneinander abgegrenzt und definiert:

PLATON geht dabei nach dem formalen Gesetz des Nichtwiderspruchsprinzip vor, dass dieselbe Sache nicht unter derselben Rücksicht und in Beziehung auf denselben Gegenstand zugleich Entgegengesetztes tun oder erleiden kann. Wenn es den Durst gibt, der auf Trank hingerichtet ist, trotzdem aber es ein höheres Begehren als Trank gibt, so muss dem ein anderes Seelenvermögen entgegengesetzt sein. Jede seelische Tätigkeit ist so auf einen spezifischen Gegenstandsbereich bezogen, durch den sie definiert wird.

Es gibt das Vermögen der Begierde und das Vermögen der Vernunft.

Ähnlich wird das Aggressions- und Affektvermögen gegenüber Begierde und Vernunft herausgearbeitet. So ergeben sich die drei Seelenvermögen: Begierde – Affekt – Vernunft.

Das Verhältnis der Vernunft zu den beiden unteren Seelenvermögen wird verglichen mit der politischen Metapher der Herrschaft. Das ganze Kompositionsprinzip der POLITEIA verläuft so: der Staat ist der Mensch im Großen und der Mensch ist der Staat im Kleinen. Die Beziehungen zwischen dem Seelenvermögen entsprechen denen zwischen den Ständen des Staates. Durch ein abgewogenes Verhältnis zueinander – von Begierde, Affekt und Vernunft – funktioniert sowohl der Staat wie die Harmonie sämtlicher Antriebe in der Seele des Menschen.

Nach FRIEDO RICKEN, Philosophie der Antike, 90, ist diese Dreiteilung der Seele im vierten Buch der POLITEIA für PLATON nur eine vorläufige Sicht. Weil die Seele unsterblich ist, kann sie nicht zusammengesetzt sein. Diese Vielheit ergibt sich erst aus der Verbindung mit dem Leib. Das wahre Wesen der Seele ist ihr Transzendenzbezug (POLITEIA, 611e).

Aber, o Glaukon, dorthin müssen wir unsere Blicke richten.

Wohin? fragte er.

S611e Auf ihr wissenschaftliebendes Wesen, und müssen bemerken, wonach dieses trachtet und was für Unterhaltungen es sucht, als dem Göttlichen und Unsterblichen und immer Seienden verwandt, und wie sie sein würde, wenn sie ganz und gar folgen könnte, von diesem Antriebe emporgehoben //V365// aus der Meerestiefe, in der sie sich jetzt befindet und das Gestein

S612a und Muschelwerk abstoßend, welches ihr jetzt, da sie auf der Erde festgeworden ist, erdig und steinig, bunt und wild durcheinander angewachsen ist, von diesen sogenannten glückseligen Festen her.

Wie PLATON den Begriff der EINHEIT zur Lösung des Problems im Staat und in der eigenen Seele paradigmatisch durchhält – so begegnet mir Ähnliches in den verschiedenen Schriften FICHTES in ihrem Verhältnis zueinander.

Die WISSENSCHAFTSLEHREN schildern die letzte transzendental-reflexive Einheit der Erkenntnis, das Wollen-in-actu und Vorstellen ineins. Je nach weiterer Reflexion und Gegenstandsbestimmung werden ähnlich wie in der Abgrenzung der Seelenvermögen bei PLATON die faktischen und genetischen Wissensformen abgeleitet. In der Zeit 1795 bis 1800 wird dies in äußerlich getrennten, aber innerlich von der Einheit der Vernunft bestimmten Werken wie NATURRECHT, SITTENLEHRE, GOTTESLEHRE, NATURLEHRE ausgeführt, ab 1800 in noch breiter gestreuter Form. Jede einzelne Schrift bleibt aber systematisch auf die Einheit der Vernunft bezogen.

Die Aufgabe der Philosophie bestehe darin, „das Mannigfaltige in der continuierlichen Einsicht des Philosophen“ auf die absolute Einheit zurückzuführen: „(…) eben in der continuirlichen Einsicht des Philosophen selber, also: daß er das Mannigfaltige durch das Eine, und das Eine durch das Mannigfaltige wechselseitig begreife, d.h. daß ihm die Einheit =A als Princip einleuchte solcher Mannigfaltigen; und umgekehrt, daß die Mannigfaltigen ihrem Seinsgrunde nach nur begriffen werden können, als Principiate von A. „(1. Vortrag, SW X, 93)

Es muss nach FICHTE das genetisch evidente Urprinzip der Wahrheit aufgewiesen werden. Hier gleichen sich in ihrem wissenschaftlichen Eros ein PLATON wie FICHTE vollkommen: Nur in Evidenz zu diesem Transzendenzbezug zum Göttlichen kann es Wissen geben – und nur durch diese systematische Einheit wird Wissen und Wissenschaft erst möglich.
Abschließend noch eine allgemeine Bemerkung: Man könnte denken, was interessieren 99 % der Menschen diese philosophischen Orchideen? Man merkt es indirekt: Die Kraft des sittlichen Sollens und der konkret jeden Menschen fordernde  Wahrheit trägt das gesellschaftliche und rechtliche (und indirekt damit zusammenhängende naturale) Sein unserer Zivilisation. Plötzlich brechen sittliche Grundanschauungen weg, treten Nationalismen auf, fühlt der Mensch sich heimat- und bodenlos, obwohl man meinte, der Mensch hätte ja die zivilisatorischen Errungenschaften schon kennengelernt. Die Historie hilft hier nicht weiter. Die permanente  sittliche Forderung der Wahrheit ist es –  für alle von allen zu allen Zeiten konstitutiv erkennbar, die unsere Gesellschaft (und Natur) trägt bzw. etwas bescheidener ausgedrückt, zumindest etwas Rationalität in eine ebenso bleibende Irrationalität hineinträgt.  

Aber, o Glaukon, dorthin müssen wir unsere Blicke richten.

Wohin? fragte er.

S611e Auf ihr wissenschaftliebendes Wesen, und müssen bemerken, wonach dieses trachtet und was für Unterhaltungen es sucht, als dem Göttlichen und Unsterblichen und immer Seienden verwandt, und wie sie sein würde, wenn sie ganz und gar folgen könnte,…..

(c) Franz Strasser
6. 7. 2015