Fichtes Sittenlehre 1798 – 5. Teil – § 4 – S 74 ff

Der § 4, „Deduktion eines Gegenstandes unserer Tätigkeit überhaupt“ (ebd. S 74ff) glieder sich in „Vorerinnerung“, „Erklärung“ und „Beweis“.

Es ist ein höchst interessantes und weiterführendes Teilstück nach den Prinzipien der WL, nämlich die Ableitung des Gefühles, des Leibes und der näheren Bestimmung eines Triebes (einer lebendigen Natur).

Es geht darum, wie die Freiheit a) als theoretisches Denkgesetz eingeführt werden kann, welches die ideale Tätigkeit der Intelligenz bestimmt, als auch, wie b) die Freiheit als praktisches Denkgesetz des Willens wirklich werden kann.

M. Quante beschreibt die §§ 4- 7 als „Beitrag zur Handlungstheorie“ 1 Eine Handlungstheorie ist eine höchst kontroversiell und verschiedenartig angelegte Diskussion geworden – siehe diverse Lexikas zu diesem Begriff.
Je nach eigenem Standpunkt und Betrachtung des Gegenstandes wird etwas als „Handlung“ beschrieben.

Fichte integriert hier sowohl die Freiheit wie den beobachtbaren Ablauf: Es wird a) die Freiheit als theoretische Möglichkeit einer freien Entscheidung (als Wahlfreiheit) gedacht, sogar wider das Sittengesetz – bei Kant letztlich unmöglich – und b) eine neue Grenze innerhalb der Sphäre der Freiheit bestimmt, d. h. Freiheit als theoretisches wie als praktisches Bestimmungsprinzip aller Realität, sei es in der sinnlichen Natur oder in der gesellschaftlichen Natur.
Alle Beschreibung der „Realität“ = ist gleich Wirklichkeit, ist durch die Anwendbarkeit des Prinzips der Sittlichkeit bestimmt.

M. Quante: „Fichtes These, dass unsre Freiheit selbst ein theoretisches Bestimmungsprincip unsrer Welt“ (I, 5, 77) ist, lässt sich so verstehen: Das Selbstverständnis des Ich, absolute Selbstbestimmung zu sein, schreibt nicht nur unserer praktischen Vernunft Strukturen seiner möglichen Objekte vor. Vielmehr ist diese Wesensverfasstheit des Ich auch als ,,theoretisches Denkgesetz“ (ebd.) zu begreifen, welches,,die ideale Tätigkeit der Intelligenz“ (ebd.), d. h. des Ich als denkendes und erkennendes Subjekt leitet.“2

Aus dem Begriff der Ichheit der §§ 1-3, als absolute Selbsttätigkeit verstanden, wird also jetzt übergegangen zu einer Anschauung dieser Tätigkeit. Deshalb die Kapitelüberschrift zu einem 1. Lehrsatz in § 4: „Deduktion eines Gegenstandes unserer Tätigkeit überhaupt“. (ebd. S. 74) „Erster Lehrsatz: Das Vernunftwesen kann sich kein Vermögen zuschreiben ohne zugleich etwas außer sich zu denken, worauf dasselbe gerichtet sei.“ (ebd. S 74)

Dem Begriff der Freiheit und seiner Anwendbarkeit korrespondiert die Anschauung ein und derselben Welt: „Es ist daher ein ursprünglich gegebener (d.i. durch das Denken seiner Form nach selbst gesetzter), ins unendliche modificirbarer Stoff ausser uns: dasjenige, worauf die Wirksamkeit geht; d.h. was in ihr (der Form nach) verändert wird, und selbst doch bleibt (der Materie nach).“ (§ 4, ebd. S.80.81)

Die Zuschreibung einer realistischen Position hinsichtlich der Sinnenwelt bedeutet natürlich auch eine Bedingtheit. Diese Bedingheit oder Wechselseitigkeit in einem Bedingtsein erschließt uns jetzt den Begriff eines Vermögens.

„Ein Vermögen ist eine Disposition, die sich realisiert, wenn eine geeigneter Auslöser vorhanden ist;“ 3

Oder etwas anders formuliert bei M. Quante: „Dieser Zusammenhang (sc. zwischen Begriff der Freiheit und seine Bedingheit) ergibt sich, wie Fichte etwas später ausführt, durch die Bedeutung von „,Vermögen“ (GA I/5, 86): Ein Vermögen ist nichts anderes als ein „bloßes Mittel der Anknüpfung“ (ebd.), d. h. des Übergangs vom reinen Denken (Potentialität) in eine davon unterschiedene Wirklichkeit (Aktualität). Anders gesagt: Der Begriff des Vermögens impliziert die Möglichkeit der Aktivierung oder Manifestation und damit den Begriff der „Wirklichkeit“ (ebd.). Dadurch wird auf der formalsten Ebene die Möglichkeit eröffnet, ein vom Ich Verschiedenes, ein ,,Nicht-Ich“ (GA I/5, 88) zu denken.“ 4

Ein Vermögen der Freiheit ist näherhin ein Vermögen zu mehreren Optionen, unter denen eine zur Aktualisierung ausgewählt wird, mithin eine Wahlfreiheit. (Ein Begriff, der bei Kant entfällt, wenn er den Willen als frei unter sittlichen Gesetzen beschreibt. Hätte der Wille nach praktischer Vernunft eine andere Wahl? In der Schrift der „Religion“ 1793/94 erörtert Kant zwar dieses Problem, sieht das Böse aber als bloße falsche Maximenordnung, nicht als aktuelle Seins-Möglichkeit der Willkür oder Freiheit.)

S 79 Das Vernunftwesen kann keine Handlung als wirklich denken, ohne etwas außer sich anzunehmen, worauf diese Handlung geht. Die Willensfreiheit muss so gedacht werden, als a) bezogen auf die Modifikation des Stoffes „außer uns“ und b) als Selbsttätigkeit innerhalb des Wesens des Ichs bzw. des Denkens.

S 81 Jeder Stoff und Objektivität wird theoretisch immer schon auf eine reelle Wirksamkeit bezogen, ist ein Mittel, sich selbst zu denken.

Die reelle Wirksamkeit ist dabei eingeschränkt auf das bloße Formieren. Aber erst durch diese prinzipielle Formieren gibt es Realität und kommt dem Stoff Realität zu – als die reelle Wirksamkeit Beschränkendes und Objektives.

A. Schmidt spricht ebenfalls von einer Handlungstheorie: „Der erste thematische Block ist handlungstheoretischen Überlegungen gewidmet (§§ 4-7).“5

Die Freiheit, integriert im reellen Willenskat, steht in einem vielfältigen Zweck-Mittel-Zusammenhang in der Bestimmung des „modificirbaren Stoffes“.

„Durch die Gefühle wird der Willensakt zeitlich ausgedehnt. Es entsteht der vielfältige Zweck-Mittel-Zusammenhang, sei es in der sinnlichen Natur, oder in jeder praktischen Handlungstheorie: „ Der auf diese Weise zeitlich ausgedehnte Willensakt, der sich als Widerstände überwindende Handlung realisiert, ist seinerseits in eine Reihe von Teilhandlungen trennbar, bei der jede Teilhandlung Mittel zur Realisierung der folgenden Teilhandlung ist. Die Ordnung dieser Zweck-Mittel-Relationen muss aber vom Willen unabhängig und ihm vorgegeben sein, denn sonst käme der kausalen Wirksamkeit der Handlung keine Wirklichkeit zu. Um handelnd eine Aufgabe zu meistern, muss man die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge unternehmen. An dieser Stelle skizziert Fichte auch die Grundlagen seiner Theorie des eigenen Körpers (→): Die in Teilhandlungen aufspaltbare Handlung muss selbst einen Anfang haben, dem keine Teilhandlung als Mittel vorausgeht, sondern unmittelbar realisiert wird sie muss mit einer „Basishandlung“ beginnen, wie man heute sagen würde. „Solche der Punkte mußte es geben, wenn das Ich je Ursache seyn sollte. Diese Punkte zusammengedacht nennen wir […] unsern articulirten Leib“ (vgl. § 7, ebd. S. 96). “ 6

© Franz Strasser, 24. 10. 2026 

1Michael Quante, „Alles geht aus vom Handeln, und vom Handeln des Ich“ – ein analytischer Kommentar zu den §§ 4- 7 von Fichtes System der Sittenlehre (1798). Hrsg. v. Jean-Christoph Merle und Andreas Schmidt, Frankfurt a. M., 2015, ebd. S. 57

2M. Quante, ebd., S 57.

3A. Schmidt, Das System der Sittenlehre, ebd. S. 217. In: Johann Gottlieb Fichte. Leben-Werk-Wirkung. Handbuch. Hrsg. v. Matteo Vincezo d’Alfonso u. Christian Klotz, Nomos-Verlag, Baden-Baden, 2025. 

4M. Quante, ebd., S 61.

Beim Wort „Vermögen“ und „Möglichkeit“, „Wirklichkeit“ fällt mir unwillkürlich Aristoteles ein, der um dieser Begriffe herum seine Metaphysik aufbaute. Ich finde äußerst bemerkenswert, welchen „Vermögens“-Begriff Aristoteles bereits gehabt hat! Der Vermögensbegriff von Freiheit bei Fichte wäre dem im Sinne einer Disposition vielleicht gleichzusetzen? Natürlich auf ganz anderer Ebene und mit anderen Inhalten, aber das „Können“ und „Leisten“ der Realisierung nach liegt ähnlich bei Aristoteles vor?
Ich blätterte daraufhin im HANDBUCH DER ONTOLOGIE nach. Ich bringe hier nur zum Vergleich: „Vermögen“ hier bei Fichte § 4 (ebd. S. 74f) und das „Vermögen“ bei Aristoteles von Arbogast Schmid: „Wenn man sich dagegen auf die Aufgabe konzentriere, die etwas erfüllen muss, um ein Haus sein zu können, werde man alle beliebigen, selbst abgelegene Erscheinungsformen als Haus erkennen und dabei auch nur Erscheinungsformen von Häusern auswählen. Terminologisch fasst Aristoteles dieses Erfüllen einer Aufgabe mit den Begriffen dýnamis (hier nicht ›Möglichkeit‹, sondern ›Vermögen‹, potentia), enérgeia (nicht: ›Wirklichkeit‹, sondern ›wirkliche Tätigkeit<, >Aktvollzug) und érgon (Werk‹, aktiv und als Ergebnis). Diese Begriffe gebraucht er hier nicht als Modalkategorien (der Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit), sie haben vielmehr Bedeutung für die Erkennbarkeit des Seins von etwas. Denn bereits eine noch vorläufige Meinung über die Aufgabe, die ein Haus erfüllen muss, z. B. dass es schützenden Aufenthalt für Menschen und Sachen bietet (Metaphysik 1043a16-18), ist für eine Begriffsbildung hinreichend, bei der man anders, als wenn man sich an die materiellen Elemente oder die Strukturdispositionen hält, alles und auch nur das ermitteln kann, was ein Haus ist, d. h. die notwendigen und zureichenden Bedingungen des Haus-Seins. Sich an dem, was etwas kann und wie es dieses Können ausführt, d. h. begrifflich: sich an dýnamis und enérgeia zu orientieren, heißt also, sich an den Kriterien für das substantielle Sein von etwas auszurichten. >>Alles wird durch das, was es kann und leistet (an seiner dýnamis und seinem érgon) in seinem Sein bestimmt<«, formuliert Aristoteles daher (Politik 1253a23; Meteorologica 390a10–15; De anima 412a19– b9) und erläutert von verschiedenen Aspekten her immer wieder, dass die enérgeia, d. h. die Aktivität, die eine bestimmte Potenz verwirklicht, identisch mit der »Seinsheit«< (ousía, Substanz) von etwas ist (Metaphysik 1050b2; 1035b14-17; 1043a17-28; b1-2; 1048a30– 31). (Graeser 1983, 224-225, betont zu Recht, dass Sein für Aristoteles eine Form der Aktivität ist, leitet die Aktivität aber aus der strukturellen Ordnung, statt die Ordnung aus der Ausrichtung auf die Aktivität ab. Die kategoriale Unterscheidung von Ding und Eigenschaft, Substanz und Akzidenz mit der Zuweisung des Beharrenden zum substantiellen Sein und dem, was sich ändern kann, zum akzidentellen Sein von etwas, ist nach Artistoteles also nur zur Ermittlung des >Dass< von etwas geeignet. Eine wissenschaftliche Untersuchung muss das wesentliche und akzidentielle Sein an dem Kriterium unterschieden, ob etwas zu dem bestimmten Können gehört, das etwas verwirklicht, oder zu seinen materiellen Vewirklichungsbedingungen.“ (Arbogast Schmitt, Handbuch Ontologie. Hrsg. v. Jan Urbich/Jörg Zimmer, Berlin 2020, S. 33/34.)

5A. Schmidt, Das System der Sittenlehre, ebd. S. 217.

6A. Schmidt, Das System der Sittenlehre, ebd. S. 217.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser