Dieter Mersch, Epistemologien des Ästhetischen – ein Kommentar.

Dieter Mersch, Epistemologien des Ästhetischen, Diaphanes-Verlag, Zürich-Berlin, 2015.1

Eine inspirierende Lektüre. Ein Kommentar meinerseits. 

Meine Frage ist jetzt: Kann ich die Kunst, die ich hier synonym mit Ästhetik gleichsetzen möchte (D. Mersch differenziert, ebd. S 17), tatsächlich als eine eigenständige Erkenntnisform im Unterschied zum begrifflichen Denken betrachten? Kunst (Ästhetik) und Denken sind in einem sicher gleich: im Gedachten ihrer Vorstellung. Beide handeln vom Vorgestellt-Gedachten. Wie kann dieses Gedachtsein berechtigt unterschieden und wieder aufeinander bezogen werden?

1) Den apriorischen Kategorien und Bedingungen des Bildens entkommt niemand, nicht das ästhetische Zeigen, nicht das begriffliche Denken.

Ein Fehler in der spontanen Vorstellung der Einbildungskraft und in der ursprünglichen Empfindung ist in den apriorischen Gesetzen nicht möglich, aber das begriffliche Verstehen und Deuten einer Anschauung oder einer Wahrnehmung bzw. eines Kunstwerkes ist relativ, irrtumsanfällig und von Vorurteilen besetzt.

Ästhetisches Tun (Vorstellen) und gedankliches Tun sind aufeinander bezogen, wechselseitig, und die Wechselseitigkeit verläuft so lange, bis sowohl der Vorstellungstrieb eine befriedigende Anschauung erreicht hat, als auch das Denken einen zureichenden Grund.

Ich suchte hier nach einer Erklärung dieser Wechselseitigkeit und fand sie in einer für mich sehr scharfsinnigen Analyse bei K. Hammacher. 1

Der Handlungszusammenhang des Vorstellens, der von einer selbst durch die Regeln des Denkens gebundenen Einbildungskraft geleitet und bestimmt wird, und der Gedankenzusammenhang eines begrifflichen Erkennens, ein erneutes Vorstellen, ist ein Wechselspiel der Kräfte, epistemologisch ableitbar durch eine unabhängige Tätigkeit eines höheren Wissens, des Gewissens.

Ich möchte wieder Fichte einbringen, hier einmal anhand von Aussagen zu „Bardilis Logik“ aus dem Jahre 1800 (GA II, 5).

2) Fichte hat den Idealisten oder Materialisten seiner Zeit – oder der Logik eines Bardili (ca. 1800) – oft nachgewiesen, dass z. B. fälschlich eine Objekt gedacht werde ohne ein zweites Objekt im ästhetischen Nebeneinander zu denken. Leicht irrt hier das nur begriffliche Denken, wenn es meint, ohne ästhetische Anschauung und Zuordnung auskommen zu können.
Umgekehrt gibt es gar kein nur
ästhetisches Nebeneinander, wenn nicht die Dimension des übergehenden Willens mittels eingeschauter Partien des Werdens im Verstand begrifflich fixiert und gedacht wird. Das freie Vorstellen kann aus dem Übergehenszwang der Anschauung – woraus die Einbildungskraft nach gebundenen Regeln die Anschauung erzeugt – aussteigen und mittels Verstandesformen Sinngehalte fixieren und mittels Denkformen die Richtung des Werdens umkehren und eine gedankliche Reihenbildung des Werdens fassen. Die Funktionen der reflektierenden Urteilskraft treten ein, es kommt zu Denkformen der „Analogien“ (KANT) der  Erfahrung,  zu Umkehrbegriffen wie Bewegung, Zweck, Organisation. 

Bei genauerer Selbstbeobachtung des Vorstellens und Denkens kann auffallen. Ich zitiere frei nach K. Hammacher, ebd. S 243 – 246:

a) Vorstellen und Denken gehören beide zum Bereich des Gedachten. Das begriffliche Denken, das in seiner eigenen Reflexion das Vorstellen analysieren will, um zu einem zureichenden Grund zu gelangen, vergisst dabei den Tatcharakter des eigenen Vorstellens, den das lebendige Schweben der Einbildungskraft nach ihren gebundenen Regeln der Anschauungskonstitution bildet.

Das Denken holt nicht die reine Tat des Vorstellens und den Modus des Schwebens der Einbildungskraft (des Vorgestelltseins) ein, sondern deutet das auf das Schweben der Einbildungskraft rück-beziehende Reflektieren zu einem neuen Erkenntniszusammenhang um. Es hebt die noch nicht zum Verstandesbewusstsein gelangte, implizite Sinn-Bedeutung der ursprüngliche Vorstellung auf (nicht der Existenz nach), um durch Reflexion eine Bedeutung zu vergeben und einen zureichenden Grund anzugeben. Im Denken verhüllt sich aber wiederum das eigene Tun der Reflexion. Es holt nie das ganze Schweben der Einbildungskraft ein, das das Denken selbst tragende und ermöglichende Vorstellen der Einbildungskraft. Oder anders gesagt, das ermöglichende Vorstellen geht nicht vollständig im Gedanken auf, es bleibt ein darüber hinausgehendes Handeln. Fichte hat es oft so ausgedrückt: Es gibt einen Widerspruch zwischen Sagen und Tun.

Die Beobachtung unseres Begreifens, wenn wir eine Erkenntnis gewinnen, bestätigt, daß dies gerade geschieht im gedanklichen Zusammenschluß, wobei hingegen die Tätigkeit unseres Denkens nicht beachtet wird und das Bewußtsein von ihr auch kein Moment in der Richtigkeit einer Einsicht darstellt. Es ist vielmehr für die Richtigkeit einer Erkenntnis völlig gleichgültig, daß beim Denken dieser Richtigkeit etwas in mir vorging.“ (K. Hammacher, ebd. S 244)

b) Das Umgekehrte gilt aber auch, zumindest teilweise: Die Tat kann nicht das Ganze, das Wesentliche des Gedankens fassen. Und selbst wenn, hypothetisch formuliert, eingeräumt würde, dass die Tat das Wesentliche des Gedankens fasst, so ist es z. B. unzulässig anzunehmen und leicht erkennbar, dass eine angesetzte Veränderung oder Handlung schon eine Erkenntnis herbeiführen müsste. K. Hammacher bringt das Beispiel:

Wenn ich z. B. jetzt den Gedanken fasse, in diesem Raum sitzen so und so viele Personen, und frage mich nach diesem Fassen des Gedankens, so finde ich nicht nur, dass die Tätigkeit meines Erfassens für die Erkenntnis der Anzahl der Personen unwichtig ist, sondern zugleich, dass ich diese Tätigkeit im Fassen des Gedankens gar nicht erkennen kann. Wende ich mich nämlich jetzt in einer ausdrücklichen Reflexion auf dieses Fassen des Gedankens zurück, so liegt die gesuchte Tätigkeit, die den Gedanken trägt, im Vollzug dieses neuen Gedankens, dieser Reflexion, denn es soll ja die Tätigkeit im Gedanken gefsst werden, allgemein, nicht aber ein vergangener Denkvorgang.“ (ebd., S 245)

Eine Erkenntnis oder ein geistiger Erkenntniszusammenhang stellt sich ein, wenn  de facto die Tätigkeit des eigenen Vorstellens auch nicht eingeholt und gefasst wird.
Es muss, selbst bei Verhülltsein des eigenen Handlungscharakters, eine unabhängige Tätigkeit des Erkennens geben, die einen gedanklichen Zusammenschluss zwischen Tun einer Vorstellung und Denken dieser Vorstellung erlaubt, und die gegenseitige Wechseltätigkeit ermöglicht und begründet. K. Hammacher nennt es das Gewissen.

Die Handlung des Vorstellens und Vorgestelltseins ist bleibend vorhanden, aber es ist auch, wie K. Hammacher sagt, ein „Spielraum“ (ebd. S 245) gedanklicher Möglichkeiten gleichfalls vorhanden. Ein geistiges Vernunftwesen erklärt sich gerade so, dass es einen gedanklichen Zusammenhang setzt, obwohl es nicht um das eigene Tun des Vorstellens vollständig weiß und das Erscheinen eines möglichen Zusammenhangs sich nicht erklären kann.

Wir wollen das nachzuweisen suchen, indem wir die uns oben aufgefallene Entbundenheit des gedanklichen Zusammenhanges von der Rücksicht auf die Tätigkeit in ihm, den Spielraum, den er damit hat, näher betrachten. Der Gedanke findet sich dabei in bestimmter Weise herausgenommen aus der Wirksamkeit eines Tuns. Das zeigt sich daran, daß er um sich als „bloßer“ oder „reiner“ Gedanke weiß. Trotz der Lückenlosigkeit der Motive, in der sich uns bei genauer Untersuchung alle Handlungen darstellen, wissen wir sie aber doch von der Lückenlosigkeit einer bloß gedanklichen Kette von Folgerungen zu unterscheiden.“ (ebd. S 245)

Der Handlungscharakter mit seinen Motiven einerseits, der Spielraum des Gedankenzusammenhangs und des Denkens andererseits, beides wird zusammengehalten und geleitet von der unabhängigen Tätigkeit des Gewissens, das diesen Wechsel trägt und ermöglicht.

Die Frage ist nun, die durch ein Buch wie „Epistemologien des Ästhetischen“ aufgeworfen wird: Wie die Handlung des Vorstellens und Vorgestelltseins, worauf in spezifischen Sinne die Kunst und die Ästhetik reflektieren, mithin die Anschauung, aber auch das reflektierende Denken, so unterschieden und verglichen werden können, dass sowohl eine Art Sich-Zeigen des ästhetischen Vermögens, als auch ein diskursives, gerechtfertigtes, gewissenhaftes Denken möglich sind. M. a. W., die Handlung des Vorstellens und des Vorgestelltseins, sozusagen die Stärke und Domäne der Kunst und der Ästhetik, und die begriffliche (gedankliche) Erkenntnis – wie hängen sie durch zureichende, gewissenhafte Gründe zusammen? Ergänzen sie sich, korrigieren sie sich, ersetzen sie sich?

Vorläufig kann die Antwort gegeben werden: Das Gewissen ist die Instanz, die das kritische Verhältnis zwischen ästhetischem Vorstellen und denkerischem Bestimmen auf einen bestimmten Erfahrungs- und Lebenszusammenhang, mithin auf einen Sinnzusammenhang hin eröffnet.

3) Das Schweben der Einbildungkraft (Fichte, GWL, § 4) verarbeitet die sinnlichen und interpersonalen Momente der auf sie treffenden Hemmungen bzw. Aufrufe zu einer Subjekt-Objekteinheit der Anschauung; diese Anschauung ist selbst nur möglich dank eines übergehenden Willen und eines darin einzusehenden absoluten Bestimmungsgrundes, der das ganze Vorstellen und Schweben der Einbildungskraft  in einem selbst unwandelbaren Modus trägt und erhält und darüber hinaus eine Zeitreihe und Gedankenreihe ermöglicht.  Der eigenständige, spontane Tatzusammenhang der Einbildungskraft ist bereits vorbestimmt und triebhaft vorgegeben, sobald auf etwas bezogen wird, das nicht schlechthin durch uns selbst bestimmt und dargestellt wird, sprich im Gefühl und im Trieb der sinnlichen Natur und geistigen Natur erlebt wird. Der Gedankenzusammenhang in der begrifflichen Erkenntnis  ist aber gleichfalls möglich in einem zeitlichen und geschichtlichen Verstehen, m. a. W., in einer Kultur des Vernunftwesens. Spontane Natur und begriffliche Kultur sind der Möglichkeit  nach ein genus (eine Gattung) der Erkenntnis. 

Beide zusammen, Natur und Kultur, ergeben eine Epistemologie, die ich unterscheiden kann in eine Epistemologie des ästhetischen und des begrifflichen Wissens, die sich aber gegenseitig ergänzen und vermitteln. Auf  einen unwandelbaren formalen Modus des Denkens wird das Vorstellen der Einbildungskraft bezogen, d. h. auf eine begriffliche Einheit, und umgekehrt setzt die ideale und reale Tätigkeit des Wollens-in-actu, das übergehende Denken,  die  materiale Mannigfaltigkeit und Sinnhaftigkeit des Wissens in seiner Anschauung voraus. 

Eine gedachte Bedeutungsgebung des ursprünglichen Vorstellens – der spontanen, ästhetischen Vorstellung –  wäre nicht möglich, ohne erneut das Vorstellen auf ein unwandelbares Was, d. h. auf einen absoluten pertinenten Bestimmungsgrund unseres Wollens zurückzubeziehen, und umgekehrt, könnte der Wille sich nicht selbst bestimmen (das Wollen-in-actu), wäre nicht eine Mannigfaltigkeit der Anschauung (einer sinnlichen oder intellektuellen Anschauung des Sinns) gesetzt. 

Hier in dieser streng gebundenen Einbildungskraft liegt also die eigentliche Sphäre für die intellektuelle Verantwortung bei ihrer Erstellung der Gründe. Die Spannung wird hierbei immer größer mit der wachsenden Vielfalt der gesehenen Möglichkeiten und die Gewissenserfahrung genauer. (…)“2

M. a. W., die gedankliche Durchdringung (und zeitliche Zerlegung) eines sich auf das Vorstellen zurückbeziehenden erneuten Vorstellens –  effiziert durch einen Willen, der auf einen höchsten Wert zurückgeht und diesen auch existentiell verwirklichen will –  muss der Bedingung der Möglichkeit nach  in jedem Anschauen und ästhetischen Form schon enthalten sein, sonst könnte nichts verstandlich fixiert und festgestellt werden. „Der Begriff ist der Grund der Welt“ (Fichte, Sittenlehre 1812).
Aber es gilt auch: Die begriffliche und willentliche Reflexion könnte nicht einsetzen, würde nicht die Einbildungskraft in ihrem Schweben die unerschöpfliche, geistige Quelle der späteren Begründung und Rechtfertigung für das Denken und Wollen in der Anschauung antizipieren  und offen halten. Das übergehende Wollen und denkende Bestimmen muss notwendig auf die Formen des Vorstellens und Anschauens Bezug nehmen,
sonst wäre es ja nur hypertrophe Vortäuschung eines Gehaltes.  

4) Das bloß begriffliche Denken holt das ursprünglichen Vorstellen nicht ein, wie oben gesagt wurde. Es bleibt ein  Gegensatz zwischen vorstellendem Handeln und Denken, zwischen Tun und Sagen. Durch das erneute Denken und begriffliche Erkennen mittels Gewissen kann die gedankliche Freiheit aber das Vorstellen  mit allen ihren bindenden Gesetzen und den in ihr erscheinenden qualitativen Sinn-Erfahrungen neu ordnen und neu bestimmen, d. h. dem Vorstellen und folgenden zeitlichen Vorgestelltwerden eine explizite verstandliche, begriffliche Bedeutung geben.

Die Bedeutungsgebung hängt dabei von einem zweckgerichteten Denken ab, das notwendig im Reflektieren gesetzt sein muss.3

Es bezieht sich nolens volens auf eine befriedigende Vorstellung und letztlich auf ein vorschwebendes Bild von Wahrheit, wenn es die spontanen (und tlw. frei entstandenen) Vorstellungen und Anschauungen der Einbildungskraft der Wahrheit nach verstehen und erkennen will.

Umgekehrt kann das tathafte, spontane Vorstellen der Einbildungskraft nicht bloß im Schweben und in einer „blinden“ (KANT), nicht begriffenen Anschauung verharren, sondern bedarf des einordnenden, verstandesmäßigen und reflektierenden Denkens. Aus dem Schweben der Einbildungskraft will begriffene Anschauung und begriffene Erkenntnis werden, d. h. sie will auch spezifisch gedacht werden. Das gedachte Vorgestelltwerden im Schweben der Einbildungskraft, das, was sich zeigt, muss auch gedacht werden, sonst könnte es in seinem Sinn-Gehalt nicht verstanden und fixiert und konkret in seinem genetischen Werden zu dieser Faktizität einer Anschauung nicht gebildet werden. Ein originäres Sich-Zeigen muss begriffen und im Werden fixiert werden, sonst wäre es nicht sichtbar und könnte ein Sich-Zeigen gar nicht sein.

Die kritische Anfrage des Buches sehe ich in diesem kritischen Vorbehalt der Kunst gegenüber vorschnellem Denken und Einordnen: Wird mit einem gedanklichen (begrifflichen) Vorstellen nicht oft die Bedeutung des originären Sich-Zeigens von etwas, das Was des auf die gebundene Einbildungskraft zurückbeziehenden Vorstellens zugedeckt, manipuliert, beschränkt, missdeutet? 4

5) Eine Epistemologie des Nur-Ästhetischen scheint mir aber nicht möglich: Eine bereits im ersten Vorstellen und Schweben der Einbildungskraft angeschaute Bedeutung von etwas will offensichtlich zu einer begrifflichen Klarheit und gedanklichen Endbestimmung gelangen. Das anschauende Vorstellen will in einen höheren Erkenntniszusammenhang des praktischen Strebens eingeordnet und von der unabhängigen Tätigkeit des Gewissens, die wiederum an einem Bild von Wahrheit partizipiert, erklärt und bestimmt werden. Nicht, als ob das anschauende Vorstellen im Vorstellen noch unvollkommen wäre, im Gegenteil: das Vorstellen kommt immer an ihr immanentes Ende und der Vorstellungstrieb wird in der Vorstellung befriedigt und erfüllt. Aber der höhere Sinnzusammenhang, warum in einem bestimmten Fall ein bestimmtes Vorstellen und eine bestimmte Anschauung sein soll, und was schließlich der Sinngehalt dieses Angeschauten und des praktischen Strebens und des Triebes ist, das kann nur durch das Denken und Gewissen erkannt werden. Deshalb, kein Anschauen ohne Denken, kein Denken ohne Anschauen – beide bedingen sich wechselseitig im Modus des Bildens und der Bildlichkeit überhaupt.

Ich würde weder von einer Epistemologie des (nur) Ästhetischen, noch einer (nur) des Begriffes und des Verstandes sprechen, sondern von einer Epistemologie der Bildlichkeit überhaupt, worin die sinnbildenden Formen des Verstandes mit den Anschauungsformen der Ästhetik  zugleich gebildet werden.  

Ein Irrtum oder ein Widerspruch kann eigentlich nur im Denken vorkommen, nicht im ursprünglichen Vorstellen der produzierenden Einbildungskraft selbst.  Das begriffliche Denken, zum freien Vorstellen und Einbilden befähigt, bedarf irgendwann der Angleichung und Abgleichung mit der durch das Schweben der Einbildungskraft erzeugten Anschauung und Mannigfaltigkeit, um einen wahren Geltungs-Anspruch zu erheben und einen Erkenntniszusammenhang herzustellen.
Das Umgekehrte gilt aber ebenfalls: das ästhetische Vorstellen bedarf irgendwann eines begrifflichen Grundes und einer verstandlichen Fixierung, um verstanden und in einem zeitlichen Werden sichtbar zu werden. Anschauung und Denken sind Darstellungsverhältnisse der Bildlichkeit und Darstellungsprozesse des Bildens.

Gedacht wird immer nur das Vorgestellte in einer Handlung. Nicht-Vorgestelltes wird auch nicht gedacht. Es ist eine erkenntniskritische Frage, ob das gedacht Vorgestellte tatsächlich übereinstimmt mit dem Was des Vorgestellten – und kann eigentlich nur stufenartig, verschiedenartig beantwortet werden; d. h. das ist mir noch unklar: Eine zufriedenstellende Vorstellung einer Sache ist durch die gebundene Einbildungskraft triebhaft an ihr Ende gekommen. Aber wann ist eine Vorstellung schon zufriedenstellend?


Das Warum einer zufrieden gefühlten Vorstellung kann sich die gebundene Einbildungskraft selbst nicht erklären. Dazu bedarf es das praktischen Strebens und begrifflichen Denkens. Letzteres geht zurück auf die Wahrheitsgerichtetheit aller Erkenntnis, auf Wahrheit als solche. Das Streben will deshalb „erhöht“ werden. Es kann ein interesselosen Wohlgefallen bereits eine zufriedenstellende Antwort sein, es gibt praktisch-gefühlhafte Zufriedenheit, was immer. Der letzte Bestimmungsgrund des Wollens ist absolut pertinent und geht in seiner dynamischen Bestimmtheit (gegen den Widerstand) auf eine ständige Wertrealisierung und Wertbehauptung. Aber es wäre ein praktisches Streben nicht denkbar ohne Vorstellung desselben. Dass gestrebt und angeschaut und vorgestellt werden kann, das verdankt das begriffliche Denken und Wollen-in-actu dem transzendierende Schweben der Einbildungskraft, das über alles momentane Erfülltsein und Zufriedensein stets hinaus ist. Es enthält in sich die sinnliche und intellektuelle Anschauung eines unerschöpflichen Sinngehaltes der ERSCHEINUNG des Absoluten – soweit FICHTE. 5

6) Eine Reihe der Veränderungen wird als Reihe, als Zeit, gedacht, indem das Denken sich selbst in der Zeit beschreibt. „Die Zeit ist bloß – die Vernichtung der Materiatur oder Veränderungen…. Ob denn das Denken nicht selbst auch nach einander geschieht? Es muss doch wohl.“ (Fichte, Zu Bardilis Grundriß der Logik, in: GA II, 5, 283.) Mit dem Raum wäre es ähnlich, das Denken schematisiert sich in die leibliche Anschauung hinein. Es gibt eine innere Entscheidungszeit und eine äußere Erscheinungszeit; eine innere Raumanschauung im Leibe und eine äußere in der Bewegung und Artikulation und Organisation.

Das Denken versetzt sich notwendig in eine Zeitreihe, will es eine logische Erklärung für einen Ablauf bieten, und versetzt sich notwendig in eine räumliche Ausdehnung, will es sich körperlich artikulieren und mechanisierend im Empfindungsraum darstellen und dort eingreifen.

7) Da die gebundene Einbildungskraft in ihrem Schweben und ihrer Anschauung die Existenzgrundlage des begreifenden Verstandes und des Denkens ist, wird es jetzt eine Gewissensfrage, im Denken und durch das Denken Rechenschaft abzulegen über das Schweben und das noch unbestimmt gefasste Was im Rückbezug des denkerischen Vorstellens. Es gibt, so höre ich den Grundtenor des Aufsatzes von K. Hammacher, eine Rechenschaftspflicht des Denkens, über den gnoseologischen und ontologischen Status z. B. eines Punktes „C“ (oder eines empfindbaren Zustandes „c“) zu urteilen und zu entscheiden und dessen Sinn zu erkennen.

Das diskursive Denken, d. h. dass in allem Denken nur ein Gedachtes (ein Vorgestellt-Gedachtes) liegt, und alles Gedachte darin gleich ist, dass es ein vorgestellt Gedachtes ist, kann sich nicht im Widerspruch halten – wiewohl es den Widerspruch fiktiv denken können muss;  umgekehrt gilt aber auch, dass ein ästhetisches Kunstwerk (sei es auf Seiten des Produzenten oder auf Seiten des Rezipienten) nicht  auf Dauer bloßes Phantasieprodukt sein kann oder sein will, sondern durch die Gesetze der Einbildungskraft und durch das begreifende Denken wird nolens volens eine gebundene zeitliche Reihe aufgebaut (in Literatur, Ästhetik, Musik usw.) und der absolute Bestimmungsgrund des Wollens wird sichtbar und realisiert in einem zeitlichen Werden.

Dass mit dem Dass eines Sich-Zeigens noch kein Was des Sich-Zeigens gesetzt sein kann, ist m. E. deshalb nicht denkbar, weil mit den Bedingungen der Wissbarkeit einer Anschauung bereits  eine Faktizität des Angeschauten und ein Gewordensein des angeschaut Vorgestellten gesetzt, sobald das Dass und Was gesetzt sind. Das reflektierende Denken vermag dann in weiterer Folge das Sich-Zeigen – im Modus des Schwebens der Einbildungskraft und kraft dieses Modus – zu einer näher begriffenen Anschauung, d. h. zu einem Begriff umgestalten und zu einem zeitlichen Werden und einem bestimmten relevanten Wert weiterbilden und konkretisieren.
Einen Modus des Sich-Zeigens für sich zu abstrahieren, eine „Epistemologie“ des Ästhetischen zu leisten, ist
vielleicht heuristisch möglich zu denken, aber gehe ich dem begrifflichen Verstehen nach, ist die Bedeutung einer herausgehobenen „Epistemologie“ des Ästhetischen“ ipso facto wieder ein denkerischer und begrifflicher Zusammenhang, ein Gedachtes und eine relevante Wertsetzung. Ipso facto ist jedes Sich-Zeigen und jede Anschauung, wenn sie begriffen und sichtbar werden soll, mit Verstand, Denken und einem Werden verbunden.

8) In der Kunst und im Kunstwerk ist die Abstraktion auf die Anschauung vielleicht freier, weiter, vielfältiger, aber sollte eine Aussage darüber getroffen werden, was mit dem Was dieser Vorstellung (eines Bildes, einer Musik, einer Architektur) gemeint ist,  so muss sich diese Ästhetik der weiteren Kunst des Denkens bedienen. Von einer eigenen Erkenntnisform des Ästhetischen zu sprechen, wie es vielleicht? (da bin ich mir nicht ganz sicher) Dieter Mersch will, beruht auf einer zwar möglichen Abstraktion, aber in Wirklichkeit ist auch diese Abstraktion von gedanklichen Formen und verstandlichen Fixierungen und urteilsmäßigen Begriffen durchsetzt.

Eine gewisse Eigen-Berechtigung des ästhetischen Denkens möchte ich aber insofern begrüßen, da ja das Denken Rechenschaft zu geben genötigt wäre – im Gewissen! – , ob das Schweben der Einbildungskraft und die Formen der Anschauung in einem gegebenen Fall  gut und richtig und sinnvoll getroffen sind. Das Denken ist hier in Verantwortung genommen, aber auch eine künstlerischen Darstellung offenbart etwas Prinzipielles im Konkreten.

Kommt das Denken nicht zu einer gewissenhaften Begründung ihrer Aussagen und Vorstellungen, ist wohl die Kunst und Ästhetik berechtigt, ein korrigierendes Gewissen abzugeben.  D. Mersch bringt ein paar Beispiele – siehe dort, z. B. S 41, „Say it isn‘t so“ v. John Isaac, oder „3 stoppages étalon“ v. Marcel Duchamp, worin die Hybris der sogenannten „Wissenschaft“ kritisch hinterfragt wird. 

9) Hypothetisch herausgehobene, ästhetische Formen und hypothetisch davon unterschiedene Formen des Denken teilen sich die gleiche Gattungsart der Vorstellung. Es ist die Teilbarkeit im Gedachten des Sich-Zeigens und des weiterbestimmenden Denkens. Das weiterbestimmende Denken in der Teilbarkeit des Gedachten kann eine vielfältige, unendliche Weise der Interpretation annehmen. D. Mersch beschreibt den „Stierkopf“ von Pablo Picasso, 1942,(ebd. S 187 – 191). Der „Stierkopf“ endet in einer großen Vielfalt formaler und mythologischer und geschichtlicher Konnotationen und Ideen. Die schlichte ästhetische Form vermag sich durch Denken zu einer assoziativen, breit ausladenden Idee heranzubilden, zu einer weit über die schlichte Form hinausgehenden, zeitlichen und räumlichen Begrifflichkeit, die mir geradezu die Einheit von Anschauung und Denken im  Modus des Schwebens der Einbildungskraft förmlich aufzwingt. Denn eins ohne das andere wäre nicht möglich, die Anschauung nicht ohne das Denken, und das Denken nicht ohne der Anschauung. Das Kunstwerk wird zu einem Symbol, zu einer Performanz vieler Ideen, weil es in der gebundenen Einheit der Einbildungskraft  das freie Vorstellen und Denken inspiriert und ermöglicht – und umgekehrt, das Symbol nimmt neue Begriffe an.  

10) Kunst denkt anders, ja, wenn es ein eingefahrenes, stures Denken aufbricht zu neuen Vorstellungen, zu neuen Sinngehalten, zu freien Vorstellungen, zu neuen Zusammenhängen; D. Mersch ist für diese Herausarbeitung des Gegensatzes wie ich den Schlusssatz interpretiere: „Nichts ersetzt darum die unmittelbare Konfrontation und die Auseinandersetzung mit der Praxis der Künste und der ihr innewohnenden Epistemik, der Alterität ihres <Denkens>.“ (ebd. S 200)

Kunst denkt gleich, möchte ich aber ebenfalls sagen, wenn ich die transzendentallogischen Gesetze von Anschauung, Verstand, Denken, Aufbau von Zeitlichkeit, übergehenden Willen, in ihrer Einheit bedenke. Das Sich-Zeigen der Kunst, diese hier favorisierte, beschriebene Alterität, ist ebenfalls nur im Denken möglich. Kunst und Denken kommen im Gedachten der Vorstellung überein, müssen überein kommen, wenn sie einen Geltungsanspruch ihrer Aussagen behaupten.

Zum höchsten Begriff einer Epistemologie, einer Epistemologie aller Bildlichkeit, dazu möchte ich verweisen auf M. J. Siemek. 6

(c) Altheim. 11.12. 2019,  Franz Strasser

1K. Hammacher, Das Fundament der Ethik. Zur Bestimmung des Gewissens. Philosophisches Jahrbuch, 76. Jahrgang, 243 – 256, 1968/69.

2K. Hammacher, ebd., S 255.

3Eine anschauliche Demonstration dieses Zueinanders von Objekthaftigkeit des Denkens und notwendiger Zweckgerichtetheit des Denkens wären die §§ 2- 13 der Wlnm.

4D. Mersch fragt in diesem Zusammenhang an, ob die denkerische Bewältigung der Vorstellung und der ästhetischen Anschauung in der Rezeptionsgeschichte von Kunst und Ästhetik nicht stets überbewertet worden ist. Kunst und Ästhetik musste gegenüber der denkerischen Einordnung und Bedeutungsgebung oft zurücktreten. (ebd. S 13)

5 Zum Schweben und Vorstellen siehe z. B. „GRUNDLAGE DER GESAMMTEN WISSENSCHAFTSLEHRE, SW I, 127; S 156. Von allem Anfang des dortigen § 4 der GWL ist klar, dass es nur eine synthetische Lösung geben kann von theoretischer (intelligenter) und praktischer Tätigkeit der Vernunft. Die Vorstellung wäre ohne Streben nicht sinnlich und lebendig-kraftvoll möglich, und das Streben ohne Vorstellung nicht denkbar.

6MAREK J. SIEMEK, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: Erich Fuchs (Hrsg.), Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, 41-63. M. J. Siemek unterscheidet drei Stufen: der Begriff des Bildes, das Bild als Begriff und die Bildlichkeit selbst. Das Wissen als Bild erkennt sich auf dieser epistemologischen Stufe in seiner sinnstiftenden und sinnverstehenden Bildlichkeit. Die epistemische Relation wird eine epistemologische, das Wissen wird zum Bild des Bildes.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser