Schöpfungserzählung 4. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten, das Schweben der Einbildungskraft

 


Gen 1, 2: die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

1) Wenn in Gen 1, 2 die Materie Erde ins Spiel kommt, darf nicht von KANT ausgegangen werden, denn er kommt ohne Restannahme einer dogmatisch-realistisch vorausgesetzten  Materie nicht aus.
Gen 1, 2 ist hier viel kritischer und wiederum transzendental-deduktiv zu lesen: „Erde“  ist ausgedehnte Trägheit, die der Tätigkeit des realen Strebens und des idealen Vorstellens entgegengesetzte  Realität. Die Anschauungsformen von Zeit und Raum –  und damit so etwas wie Vorstellbarkeit von Materie –  kommen eigentlich erst in Vers 3 ins Spiel. Tiefsinnig wird deshalb die „Erde“ als „wüst und wirr“, als „Finsternis“ beschrieben, eigentlich als nicht vorstellbar. Dem folgt das „Schweben des Geistes über dem Wasser“, was wiederum sehr treffend die noch nicht bestimmte Einbildungskraft beschreibt.  Das Schweben der Einbildungskraft ist bekanntlich das Substrat allen Bewusstseins, und daraus müssen sich alle formalen und materialen Gebilde ableiten lassen.   

Es ist nach Gen 1, 2 intuitiv erfasst, transzendental-deduktiv aus einem geistigen, höchsten, absoluten Prinzip gefolgert, dass es  keine realistische Vorgegebenheit von Zeit und Raum geben kann. Es heißt nur „Erde“ und „Wasser“, und dies ist kaum vorstellbar. Von einer Zeit (einem „ersten“ „Tag“)  ist noch keine Rede. Es gibt keine bestimmten Sinnesdaten, anhand derer das menschliche Bewusstsein zu bestimmten Objekten übergehen könne  oder zu einer bestimmten räumlichen Anschauung oder zu einer kausalen Wirksamkeit käme. Es gibt auch noch keine Zeit oder Zeit-Linie. Es wird nur metaphorisch eine absolute Raumanschauung  beschreiben,  „wüst und wirr.“ Es gibt keine flächliche Ausdehnung, es gibt keine undurchdringliche Dichte, keine Zeitbestimmung, keine Raumbestimmung, nur „Finsternis“ und „Wasser“.

Die später ableitbaren Anschauungsformen Zeit und Raum als „Formen der Empfindbarkeit“ (FICHTE, EIGNE MEDITATIONEN, 1793) zwecks Realisierung von praktischer Freiheit, fehlen ausdrücklich. Metaphorisch wird ein Zustand jenseits einer geometrischen oder physikalischen Vorstellung gezeichnet, jenseits von Physik, Quantentheorie, Lichtwelle, Lichtkorpuskel, jenseits einer Masse und Energie. Das, was später als aposteriorische Ausgangsbasis menschlicher und praktischer Freiheit dienen wird, die qualia der Sinneswahrnehmungen – wie in anderen mythologischen Schöpfungserzählungen des  Vorderen Ostens  – das fehlt noch alles. Nicht einmal der abstrakte  Begriff des „Nichts“ kann gedacht werden, sollte das „Nichts“ in zeitlicher und räumlicher Weise vorgestellt  oder als ein Begriff  der Negation einer Position gesehen werden.  (Aus der Unendlichkeit eines realistisch vorausgesetzten „Nichts“ könnte nicht abgeleitet werden bzw. umgekehrt aus einer bloß idealistisch angesetzten unendlichen Kraft des Nichts, wie es der Buddhismus teilweise pflegt, könnte ebenfalls nicht abgeleitet werden. Das würde der Voraussetzung nach zu keiner Welt und keiner Schöpfung führen.)
Es ist schlechthin genial, wie der Genesistext hier zu abstrahieren versteht. A
us „wüst und wirr“, „Finsternis“, „Wasser“ lässt sich keine feste Substanz oder atomistische Theorie konstruieren  -,  ebenso wird vermieden, die Materie als Emanation des Geistes zu beschreiben oder umgekehrt, den Geist zu denken als eine Realisation der Materie (wie es SCHELLING u. a. Naturphilosophen versucht haben. )

Einzig ein „Schweben“ soll sein, das dann bei FICHTE als das sogenannte „Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft“ bezeichnen wird.  Aus der späteren Perspektive des als „Abbild“ geschaffenen und fertig in den Garten hineingestellten Menschen wird somit hier in Vers 2 die „Materie“ nicht subreptiv-heimlich eingeführt, sondern ausdrücklich nur eine Art Substrat des Bewusst-Seins behauptet.  Es spielt sich alles im Dunkeln ab („Finsternis“), keine Orientierung ist gegeben, keine Richtung;  es gibt bekanntlich keine Unterscheidung im „Wasser“, kein oben noch unten, kaum eine formale Struktur.  Es gibt keine quantitative Messung und keine qualitative Empfindung, keine lokale oder temporäre Selbstbestimmung, keine Substanz und keine Kausalität.  Nur an einem Gefühl  könnte es geschehen, dass die Spontaneität sich selbst in einer ersten Stufe reflexiv erkennt – aber diese erste Stufe als eingeführte Bedingung kommt erst mit dem Sehen und dem Hören in Vers 3.  

2) Das  „Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft“ setzt keine feste Grenze (bei FICHTE siehe GRUNDLAGE, § 4, SW I, 216. 217). Dennoch ist Gen 1 und im speziellen Vers 2 nicht aus der Perspektive der Standpunktlosigkeit formuliert, sondern im Gegenteil, der ganze Text (und auch Vers 2) setzt eine bestimmte, existentielle Standpunktreflexion voraus, weil ja das totum der Erscheinung des Absoluten vorausgesetzt wird.

Das „Schweben des Geistes“ wahrt dabei in absoluter Differenz  die Abhängigkeit des Begründeten (der Existenz) zu einem außerhalb seiner selbst liegenden Grund, besser gesagt, zu einer absolut außer ihm liegenden Ursache  – und zugleich schöpft das intentionale Streben des späteren reflexiven und zeitlichen Bewusstseins die Kraft zur Bestimmung aus dieser implikativen Abhängigkeit  seiner selbst aus und in der Erscheinung des Absoluten. Wie dieses Verhältnis einer Sichtbarkeit des Wissens aus der überdisjunktiven Einheit der Erscheinung des Absoluten hervorgeht – dafür muss ich auf die WL 1804/2 oder auf die WL  1810 und 1811 verweisen – oder siehe die Blogs unter Platon, der Begriff des Transzendentalen, Teil 4 – 7. 

(c) Dr. Franz Strasser, 15. 10. 2015

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.