Zweckrealisation im praktischen Bereich – Naturphilosophie 3. Teil

Die Begründung des Zweckbegriffs im REINEN WILLEN erhält absteigend ab § 13 die Funktion, die Versinnlichung und Verzeitung des REINEN Willens anzuwenden. Oder anders formuliert: Der Zweckbegriff erhält die Aufgabe, die Deduktion der Versinnlichungs- und Verzeitungsformen des REINEN WILLENS

1. ) in der sinnlichen Erfahrung des Leibes und

2. ) in den sonstigen Erfahrung des Ichs im Sozialen (der Interpersonalität), in der Moralität und Religion, weiterzuführen.

Es ist m. E. bemerkenswert, dass

a) wiederum mittels des Zweckbegriffes der Beginn der Ableitung und Deduktion aus dem REINEN WILLEN gemacht wird.

„Reelle Wirksamkeit ist nur möglich nach einem Zweckbegriff, u. Eine Zweckbegriff ist nur unter Bedingungen der Erkenntniß – diese Erkenntniß nur unter Bedingungen einer REELLEN Wirksamkeit möglich;“ (Beginn § 13, S 145)

Bemerkenswert ist aber auch

b) zur reellen Wirksamkeit hinzukommend muss zuerst die erste Anschlussstelle der Wirksamkeit kommen, nämlich die Interpersonalität:

„Dieser reine Wille ist etwas blos intelligibles. Wird aber in wiefern er sich doch durch ein Gefühl des SOLLENS äußert u. zufolge desselben gedacht wird – aufgenommen in die Form des Denkens überhaupt als BESTIMMTES im Gegensatz eines BESTIMMBAREN. Dadurch werde Ich – das Subjekt dieses Willens – INDIVIDUUM; und als BESTIMMBARES dazu entsteht mir ein Reich vernünftiger Wesen – Aus diesen REINEN BEGRIFFEN läßt sich ableiten und aus ihnen muß abgeleitet werden das GESAMMTE BEWUSSTSEYN.“ [Beginn § 13, S 145].

In dieser Sphäre der interpersonalen Bestimmbarkeit kann ich nicht alleine festsetzen, was zweckhaft ist, sondern bin auf die dialogische, wechselseitige, und nochmals religiös zu universalisierende Zweckrealisierung der Vernunft angewiesen. Es kann in diesem Bereich nur von einer an-determinierenden Bestimmung ausgegangen werden, einer „Aufforderung zu einem freien Handeln“ wie es später heißen wird. (§ 15, 177)

„Der erste Begrif ist meine Aufforderung zum handeln. Der Zweck wird uns gegeben, und mit dem Begrif der Auffoderung ist Handeln nothwendig verknüpft (….) den ersten Zweckbegrif machen wir nicht selbst, wir bekommen ihn doch nicht so daß uns der Zweck als etwas bestimmtes gegeben werden, sondern er wird uns nur überhaupt der Form nach gegeben als etwas woraus wir auslesen sollen. Dies ist die Auffoderung zu einer freyen Handlung. Diese Satz ist sehr wichtig wegen der Folgerungen, die in der Rechtslehre davon abgeleitet werden.“ (Wlnm § 15, S 177.178)

Das Ich (oder der freie, formale Wille) sieht sich dabei nicht notgedrungen durch eine sinnliche, empirische Wahrnehmung zur Anerkennung anderer Vernunftwesen gezwungen, sondern die Erkenntnis und Anerkenntnis anderer Vernunft ist eine „Aufforderung zu einer freyen Handlung“, und erfolgt durch das freie Wollen der Vernunft selbst.1

Die Erkenntnis des Aufgefordertseins zu einem freien Wollen innerhalb eines gegenseitigen Aufforderns zu einem freien Handlen muss überzeitlich gedacht werden, also transzendental einer bloß zeitlichen Aufforderung vorausgehen. Das Ich wird nur darum realiter aufgefordert und kann nur so aufgefordert werden, weil es als Individuum unter Individuen ein intelligibles (ursprüngliches, vorzeitliches) Aufgefordert-Sein schon kennt und ist.2

Aus dieser Sphäre der Interpersonalität kann die Unterscheidung zwischen „zweckmäßig“ (teleonomisch) und „zwecktätig“ (teleologisch) abgeleitet werden, begründet in der genetisierten Einheit einer zwecktätigen universellen wie individuell handelnden Vernunft. Eine rein zweckmäßig angesetzte Natur, wie sie in Entwicklungstheorien zu finden ist, entbehrte der begrifflichen Begründung.

Bemerkenswert finde ich schließlich,

c) dass diese zwar grundsätzlich abgeleitete notwendige Idee einer Bestimmbarkeit des Ichs in der Sphäre der Interpersonalität nicht nach seiner intelligiblen Seite in § 13 weiterverfolgt wird, sondern anfangs für mich unvermutet zur Analyse des Willens und der sinnlichen Wirksamkeit fortgegangen wird. Doch das entspricht der konsequenten Absicht FICHTES, eben das „empirische Bewusstsein“ (siehe Teil 1) vorzüglich abzuleiten.

Vor jeder materialen Disziplin der WL wie Rechtslehre, Sittenlehre soll zuerst die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungsweise der Interpersonalität deduziert werden.Es folgt deshalb in § 13 die Deduktion der sinnlichen Erfahrung überhaupt, sprich, wie schon angesprochen (Teil 2) die Deduktion des Leibes. Andeutungsweise werden Winke gegeben zu anderen Erscheinungsweisen wie Sittenlehre, Rechtslehre, Religionslehre.

Da ich auf die transzendentale Bestimmung des Leibes schon eingegangen bin, worin konstitutiv der Zweckbegriff zur Anwendung kommt, sei jetzt nochmals zurückgeblendet auf den Aufstieg bis § 12, um die reelle Wirksamkeit des formal freien Willens in der Entscheidungszeit und Erscheinungszeit, ferner in der Entscheidungskraft und leiblichen Kraft zu sehen (ab den §§ 13 – 19) 3 Damit erhält der Zweckbegriff nicht nur eine konstitutive Funktion in der theoretisch-sinnlichen Erkenntnis, sondern genauso erkenntniskonstitutive Funktion in allen praktischen Bereichen der Vernunftrealisation.

(c) Dr. Franz Strasser, 25. 5. 2018

——————-

1 FICHTE hat von allem Anfang an gegenüber dem Empirismus seiner Zeit das apriorische Vorwissen [pro-eidenai] im Bewusstsein verteidigt, worin Evidenz „von allen“ und „für alle“ und „zu allen Zeiten“ behauptet werden kann.

2Vgl. P. Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, S 183). Es ist bei FICHTE hier zu bewundern, dass er ein göttliches Aufgefordertsein sogar angesprochen hat, aber aus gewissen Gründen hielt er das für nicht „aufzufassen“. “Die Gottheit ist auch solche reine Thätigkeit wie die Intelligenz, nur ist die Gottheit [/] etwas nicht aufzufassendes, die Intelligenz aber ist bestimmt, […]“ [Wlnm, ebd., 240] Dies ist im nachhinein zu kritisieren, denn damit behielt er einen gewissen transzendenten Objektivismus in seiner sonst so konsequenten transzendentalen Linie bei.

3 Anhand des Registers der GA seien folgende Verwendungen des Zweckbegriffs kurz aufgelistet:

Reiner Zweck (ebd. S 208), Zweck schlechthin (S 170.193), wirklicher Zweck (S 208), für das Denken (S 192, 193), für das Handeln (S 130, 174. 187, 188f), für das Objekt (s 220, 225), für das Sichbestimmen (S 223. 224), für die Tätigkeit (S 210), für das Wollen (181f, 193-195, 221), für die Begreifbarkeit der Zeit (S 187f, 192, 193, 194. 221)Siehe ebenfalls S 47.48.49.53.62.64.66.69.70.76.80.92, 129, 129. 144. 145.146.168.189.195.200 bis 210, 217.220.223. 230.234f, 243. 244.249.255.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.