Zum Sinnbegriff in den TdB – 6. Teil (vorläufiger Schluss)

6. u. 7. Vorlesung: Immer tiefer dringt Fichte in den Begriff der (äußeren) Wahrnehmung ein, und kommt in der 6. Vorlesung – die 7. ist nur mehr sehr kurz – zu einer Art Zusammenfassung, wie dieses Phänomen transzendental verstanden werden kann. Nach der Zusammenfassung des unendlichen Vermögens (zu teilen) in einem Blicke, d. h. in einem Bild und Schema, dem hinzukommenden unsichtbaren Faktor des Denkens, zeigt sich: „Der Inhalt der Wahrnehmung ist eine sich selbst Anschauung des Wissens.“ (ebd. S 299) Wahrnehmen ist dann bereits eine Erscheinung des Wissens: „(…ein) Schematisieren des Schematisieren“(ebd.)

Da wir aber doch noch auf der basalsten Ebene der äußeren Wahrnehmung sind, tritt für die Wahrnehmung dieses Bewusstsein des Schematisierens noch nicht ein, sondern nur das Bewusstsein des Nichtschema, des Dinges.

Fichte ist sich wohl seiner besonderen Erkenntnistheorie bewusst, deshalb wiederholt er sehr oft in den TdB die bislang erreichten Ergebnisse. Er bringt auch hier eine Übersicht: (ebd. S 299- 300)

Die Wahrnehmung in der Reflexion derselben ergab eine bloßes Bild eines Ausgesagten. Sie ist nicht das Wissen selbst, was sie aussagt, sondern ein schwebendes Bild. Aber indem die Wahrnehmung das aussagt, geht sie über das Schema hinaus. Sie behauptet eigentlich das Gegenteil von dem Schematisierten. Wie ist das möglich? In der Reflexion erscheint sie noch als Bilden. In der Wahrnehmung sagt man: „(….) es ist, und überspringt das Bild“(ebd. S 300)

In der Nachschrift Cauer zur 6. Vorlesung wird diese Wahrnehmung weiter befragt: Warum ist in der Wahrnehmung bloß das Nichtschema im Bewusstsein? Weil durch die Reflexion gar nicht die Wahrnehmung selbst, sondern nur ihre Form verändert wird. Sie wird charakterisiert, indem sie als Sein oder Nichtbild erscheint.

Ich zitiere die Zusammenfassung der 7. Vorlesung (die Wortwahl und Stil der 6. Vorlesung ist in der Nachschrift Cauer verschieden von der Nachschrift Halle; die 7. ist m. E. wieder klarer.)

Die Wahrnehmung wird durch Reflexion charakterisiert, d. h. sie wird durch einen höhere Standpunkt des Sehens („die Sehe“ – 6. Vorlesung, ebd. S 301) gesehen, welche Akt des Sehens aber nicht gesehen wird.

Wir sind damit zu einer ersten, wie möchte ich sagen, vorreflexiven, ersten Definition der Wahrnehmung gekommen: Sie ist „verständiges, sich verstehendes (….) Schematisieren.“ (6.Vorlesung, nach Cauer, ebd. S 301) Dies dank des bisher noch verborgen liegenden Faktors des Denkens.

In der kurzen 7. Vorlesung, Übersicht, heißt es: Dieser Akt des Sehens, oder das „Gesetz des Denkens tritt in die Wahrnehmung mit der Anschauung zusammen, daher das Sein außer uns als Produkt hervor tritt. Es ist hier kein Akt des Verstehens, sondern nur inneres radikales Sein der Verständigkeit. Denken oder Charakterisieren ist nicht neues Hinschematisieren, sondern ein Sich selbst bestimmen der Sehe.“ (7. Vorlesung, Nachschrift Halle, S 302)

Die äußere Wahrnehmung, wenn ich jetzt abschließend auf den Sinnbegriff wieder rekurriere, ist ein erstes Verstehen, „eine Synthesis von Qualität und Ausdehnung“(6. Vorlesung, ebd. S 301) , und wird jetzt auf weitere Bedingungen der Wissbarkeit hinterfragt. Damit entwickelt sich von selbst Sinnbegriff (aus der Synthesis von Qualität und Ausdehnung) zu einer praktischen Sinnidee des Gefühls, des Triebes und schlussendlich zu einem Gesicht einer Erkenntnis der Erkenntnis, dass alles, was ist, Erscheinung eines Gesetzes der Freiheit ist.

In den Anfangsmomenten der Qualität und der Ausdehnung, innerhalb der faktischen, äußeren Wahrnehmung, liegt bereits das System des Wissens verborgen, sozusagen als eine erste Sinnidee. Diese vermag sich zu bilden zu einer Ichform (noch nicht individuell zu verstehen). Schlussendlich ist die Faktizität, auf welchen Kredit ja die äußere Wahrnehmung aufgebaut war und die ganze Phänomenologie derselben, transzendental erkennbar und wissbar als Bedingung, dass sittliche Freiheit erscheinen kann (nicht muss).

Nochmals zurückblickend auf die Dialektik der Sinnbildung bei N. LUHMANN. Mir scheint, letztlich ist dort alles ein bloß medialer Prozess wechselseitiger Bestimmung von psychischem und sozialem System mit der Welt/Umwelt, d. h. aber, praktisch ist dort keine Freiheit mehr möglich bzw. nicht mehr konstitutiv im Sinnaufbau der naturalen, moralischen, rechtlichen, religiösen und geschichtlichen Wirklichkeit anzusetzen. Letztlich ist alles durch äußere Faktoren determiniert, z. B. durch einen evolutiven Prozess oder was immer!

Allein in den ersten sieben Vorlesungen mit der ansatzweisen Herausarbeitung der Wissensbedingungen der äußeren Wahrnehmung (in ihren Phänomenen der Qualität bzw. Empfindung und Ausdehnung) wird hingegen klar, dass in der äußeren Wahrnehmung bereits ein erster Schritt einer Sinn-Erfüllung durch Freiheit liegen kann.
Die anderen phänomenale Erscheinungsfelder der Freiheit wurden noch gar nicht angesprochen und bedürften jetzt der Herausarbeitung. Die gesellschaftliche Wirklichkeit anderer Personen, die Sinnerfüllung durch moralische Selbstbestimmung, die religiöse Sinnerfüllung, und schließlich die geschichtliche Sinnidee – diese Bereiche sind zwar je nach Standpunkt der Reflexion verschieden, gehören aber im ganzen System des Wissens zusammen, beschränken sich und ergänzen sich gegenseitig. Die ganze Wirklichkeit ist von der Sinnidee der Freiheit durchdrungen. 1

© Franz Strasser, 22. 12. 2018

1Das heißt jetzt nicht, dass bei N. Luhmann manche Analysen diesen Faktor der Freiheit nicht sehr gut träfen. So gefiel mir z. B. die Reflexion auf die materialen Erkenntnisbedingungen, die die Entscheidungsprozesse wirklich leiten. Das ist für mich „Aufklärung“ im besten Sinne einer vernünftigen Erkenntnisleitung. „Paradoxie des Entscheidens“ , in: Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik, 84. Band, Heft 3, 1993.

Zum Sinnbegriff in den TdB – 5. Teil

5. Vorlesung: Schon in der 4. Vorlesung kam es kurz zur Sprache, dass im Beziehen einer Qualität auf den Totalsinn ein „Vergleichen und Beziehen des Besonderen auf das Ganze (ebd. S 295) stattfindet; Also die Empfindung kommt zustande durch ein Schematisiren, Vergleichen des Totalsinns mit dem Sehen, z. B. des Sehens mit der bestimmten Farbe. Also ein schematisches Bilden an dem einzelnen Fall. So ist die Wahrnehmung nichts denn ein bestimmtes Schematisiren und Bilden.“ (ebd. S 297)

Aber es kann nicht bei einem einfachen Schematisieren und Bilden bleiben; dieses muss vielmehr selbst gewusst und schematisiert und gebildet werden.

Das zweite Bilden hießt in der Sprache denken und im Unterschiede wäre das erste zu nennen Anschauung. Dieß (wäre) das absolute Bilden. Also, daß zu dem Bilde als solches noch hinzukomme ein Bild des Bildes heißt so viel als daß zu der Anschauung hinzukomme ein Denken.“ (ebd. S 298)

Das gilt jetzt aber auch ähnlich für die Ausdehnung, wenn das unendliche Vermögen ersichtbar werden soll, dass es „gebildet wird, wie es handeln würde“ (ebd. S 297), obwohl ja nicht wirklich geteilt wird ins Unendliche. Das unendliche Vermögen liegt im Bilde und kommt nicht zum Bewusstsein. Es ist, wie Fichte später sagt ein „ruhender Factor“, „unsichtbarer Factor“ (5. Vorlesung, ebd. S 299)

Dieses Begreifen des Bildes als Bildes ist der Factor von dem Seyn. Wir erst auf dem Standpunkt der philosophischen Besonnenheit machen sichtbar durch Denken das in der Wahrnehmung Verborgene.“ (ebd. S 299)

Wenn das Bild des Bildes, oder das Schema des Schemas gesetzt werden soll, so muss ein Gegensatz erzeugt werden: das Sein ist der Gegensatz zum bloßen Bild, ein Nichtbild. In der Wahrnehmung kommt jetzt (durch einen unsichtbaren Faktor) ein wirkliches Sein, woraus sich das Bild als solches erst begreifen lässt. (vgl. ebd. S 298) „Das Bild muss als Bild vestanden worden seyn.“ (ebd.) Das Bild wird als Bild schematisiert. Die Wahrnehmung ist aber damit selbst ein Sein geworden, ein Gegensatz des Bildes.

Fichte fragt am Ende der 5. Vorlesung, „(…)wo gehet das Bewußtseyn auf? In der bloßen Wahrnehmung geht das Bewußtseyn auf in der Anschauung des Objects. Dies ist da Angeschaute und damit aus. Aber es wird nicht angeschauet die Anschauung vom Objecte. Diese Anschauung wurde Object duch die philosophische Besinnung. Hier liegt der Focus nicht im Wahrnehmen sondern im Wahrnehmen des Wahrnehmens. Wo ist in der Wahrnehmung der Focus des Wissens? Zuerst gehet das Wissen auf in dem Schematisieren. Man weiß von der rothen Fläche, weil die übrigen Farben negirt sind sammt der Totalität des Sinnes selbst. Dieß bleibt der nothwendige unsichtbare Factor. Eben so in der Ausdehnng. Das unendliche Vermögen liet im Bilde und kommt nicht zum Bewußtseyn. Es ist ruhender Factor, der nicht in das Wissen eintritt. In der Wahrnehmung (der Wahrnehmung) dem Begreifen des Bildes als Bildes tritt dieß ein ins Bewußtseyn. Dieß Begreifen des Bildes als Bildes ist der Factor von dem Seyn.(…) “ (ebd. S 298).

Der unsichtbare Faktor fällt zwar nicht sofort auf, aber er gehört zum eisernen Bestand der fraglichen Wahrnehmung. Die Rede vom unsichtbaren Faktor (oder Mz. Faktoren) deutet darauf hin, dass der fragliche Faktor (oder die Faktoren) sich durch eine besondere Art des Erscheinens auszeichnet, dass er zwar nicht als Gegenstand der Wahrnehmung erscheint, aber als Hintergrunderscheinung den offenbaren Gegenstand der Wahrnehmung mitgestaltet und mitprägt. Sowohl für die Wahrnehmung als auch für ihren Gegenstand (der der Genauigkeit halber gesagt noch nicht abgeleitet ist) gilt, dass sie nur dank dieses „unsichtbaren und ruhigen Faktors“ im Hintergrund der Erscheinung fühlbar und erkennbar sind. Die doppelte Möglichkeit der Beschränkung des Totalsinns und der Beschränkung der unendlichen Teilbarkeit ist nur dank dieser unsichtbaren und ruhigen Faktoren möglich.

Zuerst schien es, als ob in der Qualitätsempfindung durch Vergleichen im Totalsinn und der Anschauung des unendlichen Vermögens zu teilen in der Ausdehnung, also in der Zusammenfassung in einem Blicke, im Bilde und im Schematisieren, der Sinn der Wahrnehmung schon hinlänglich gefasst sei. Jetzt wird aber in der Analyse, vorallem mit dem Hinweis auf den „unsichtbaren Facor“ (oder Mz.), der ebenfalls im Spiele sein muss, damit Sinnesempfindung und Ausdehnung in Anschauung (als Bild oder Schema) überhaupt möglich sein können, etwas Neues, bis jetzt noch Fragliches, herausgearbeitet. Die Analyse in der 5. Vorlesung hat die Wissbarkeit der Wahrnehmung neu problematisiert und den „unsichtbaren Factor“ des Denkens entdeckt.

Wir erst auf dem Standpunkte der philosophischen Besonnenheit machen sichtbar durch Denken das in der Wahrnehmung Verborgene.“ (ebd. S 299)

(c) Franz Strasser, 22. 12. 2018

 

 

Zum Sinnbegriff in den TdB – 4. Teil

4. Vorlesung: Die Qualität wie die Ausdehnung, beiderlei in der äußeren Wahrnehmung, ist somit eine Beschränkung der Gesamtheit des Möglichen, aber in verschiedener Hinsicht:

a) Der Qualität nach geschieht die Begrenzung gegenüber einer größeren Sphäre anderer Qualitäten und gegenüber der Totalanschauung der Empfindbarkeit überhaupt. „In jeder Empfindung ist Selbstanschauung des Wissens“. (ebd. S 295)

Dies bedeutet aber jetzt, dass der Umfang des Allgemeinen, welches in jeder Wahrnehmung einer sinnlichen Qualität beschränkt oder begrenzt wird, noch größer ist als bloß eine quantitative Selbstbeschränkung auf eine einzige sinnliche Qualität. Jede Wahrnehmung einer sinnlichen Qualität ist ihrem Wesen nach auf den Totalsinn (Totalanschauung, Empfindbarkeit) (ebd. S 295. 297) bezogen, und stellt durch die Wahrnehmung einer mehrfachen Beschränkung des Totalsinns da. Jede äußere Wahrnehmung hat die Spannweite einer Art „omnitudo von Qualitäten“ oder Empfindungen zur Voraussetzung. 1

b) Der Ausdehnung nach geschieht die Beschränkung aber frei, sie ist eine„Selbstanschauung des Vermögens.“ (ebd. S 295) Dies „omnitudo“ der Beschränkung des Möglichen hinsichtlich der quantitativen Beschränkung ist unermesslich (die der Qualität nach muss nicht unermesslich sein).

Jede Wahrnehmung ist eigentlich das genaue Gegenteil von der ziemlich begrenzten Erscheinungssphäre, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint; sie ist vielmehr so geartet, dass die Beschränkung nicht nur von einer Art omnitudo ist, sondern eigentlich von zweien, so dass ein Minimum an äußerer Wahrnehmung nichts Geringeres als die doppelte omnitudo des Möglichen ist, a) des Totalsinn oder der Totalanschauung bzw. Empfindbarkeit und b) des unendlichen Vermögens zu teilen.

Beides gehört aber zusammen in der äußeren Wahrnehmung. „Also die Wahrnehmung ist überhaupt Selbstanschauung des Wissens in zwei sehr verschiedene Bestimmungen, theils als ursprünglich seyend so und so, theils als ursprünglich freies Vermögen.“ (ebd. S 295.296)

In der wirklichen Wahrnehmung sind, auch wenn sie völlig ungleichartig sind, Qualität und Ausdehnung nicht isoliert, sondern die Selbstanschauung des Wissens setzt sie ineins und „setzt ein Seyn unter und giebt so der Qualität und der Ausdehnung einen Träger. Sie werden Eigenschaften des Seyns, Accidenzen der Substanz nach der Sprache der Philosophen.“ (ebd. S 296)

(c) Franz Strasser, 22. 12. 2018

———

1Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit,ebd. S 82. Siehe auch Wlnm § 6.

Zum Sinnbegriff in den TdB – 3. Teil

3. Vorlesung: Das Experiment wird am Anfang der 3. Vorlesung vorgestellt. Sie führt zum Ergebnis, dass die Ausgedehntheit „als schlechthin und ins Unendliche theilbar erscheint.“ (ebd. S 292).

Wir gewinnen hier „zuerst“ eine apriorische Erkenntnis. „In der Ausdehnung liegt anschaulich das unendliche Vermögen zu theilen“ (ebd. S 293)

Die Ausdehnung ist zwar nicht direkt anschaubar, aber das hindert nicht, zur Einsicht zu gelangen, wie sie geartet ist und dass jedes Stück Ausdehnung sich immer weiter teilen lässt. (Wie sich die Ausdehnung anschauen lässt, dazu später.)

Aber wie verhält sich diese Einsicht zur der Vorstellung der Ausdehnung, welche die äußere Wahrnehmung immer schon mitprägt? Das Wissen um die unendliche Teilbarkeit kann durchaus fehlen, und Fichte geht so weit zu sagen, dass die Menschen vor Kant diese Einsicht gar nicht hatten (aber natürlich unbewusst gebrauchten) (vgl. ebd. S 293)

Das „unendliche Vermögen zu theilen“ ist nicht etwas, was sich aus der Ausdehnung erschließen lässt, ja, die Vorstellung der Ausdehnung bzw. der Ausgedehntheit der sinnlichen Qualitäten ist im Grunde nichts anderes als die Vorstellung dieses unendlichen Vermögens zu teilen.

Die entscheidende Beschreibung, aber nur so hingesagt und vorallem ab der 6. Vorlesung erst richtig begründet, fällt hier bereits in der 3. Vorlesung (tlw. auch schon in der 2. Vorlesung): Die Ausdehnung ist in einem Bild, in einem Schema gefasst. „In der Ausdehnung erscheint es (das unendliche Vermögen) als Bild, Schema des unendlichen Vermögens zu theilen.“ (ebd. S 293)

Die hier in Frage stehende Einsicht bzw. das Wissen um die unendliche Teilbarkeit ist ja merkwürdig, weil sie in keiner Erfahrung gefunden werden kann. Woher weiß man das trotzdem? „Woher weiß das? Habe ich die Theilung denn wirklich einmal vorgenommen und sie so gefunden? Man siehet: in der Frage liegt ein Widerspruch. Also hier zuerst gewinnen wir eine a priorische Erkenntnis. (…)“ (ebd. S 292.293)

Ein unendliches Teilen ist nicht wahrnehmbar und doch liegt sie der Einsicht (in einer apriorischen Erkenntnis) zugrunde. Es muss dies eine apriorische Vorstellung sein, die über alles Gegebene weit hinaus geht.

Der Unterschied von oben zwischen Qualität/Empfindung und Ausdehnung nimmt jetzt deutlichere Konturen an, dass es sich nicht nur um zwei, sondern um zwei ganz ungleichartige Bestandteile handelt, von denen der eine, nämlich die Qualität bzw. Empfindung mit einer tatsächlichen Gegebenheit zu tun hat, während der andere, die Ausdehnung, ganz im Gegenteil so beschaffen ist, dass er über alles Gegebene weit hinausgeht, ja unendlich weit hinausgeht. Die Ausdehnung ist eine unendliche Vorwegnahme bzw. ist die Vorstellung von etwas Unendlichem, und zwar eines unendlichen Vermögens. 1

Fichte fragt jetzt genauer nach, ob diese Vorstellung eines unendlichen Vermögens (zu teilen) bloß etwas Akzidentielles ist, oder wesentlich zur Wahrnehmung gehört? Es ist der Hauptcharakter! „Man nehme ein MINIMUM von Ausdehnung und findet schon das unendliche Vermögen ganz darin.“ (ebd. S 293).

Fichte fragt weiter: Woher denn, da jedes MINIMUM von Ausdehnung das ganze unendliche Vermögen in sich hat, die Begrenztheit, die eine Endlichkeit in sich darstellt.“ (ebd. S 293)

Fichtes zentrale Erkenntnislehre auf den Punkt gebracht: Die Unendlichkeit ersichtlich gemacht in und durch die Form der Anschauung ist eine Zusammenfassung im Blicke, ein Bild oder Schema. (vgl. ebd.)

Ehe aber diese Antwort ganz verstanden werden kann, sei die Sache noch genauer analysiert: Wie ist die Ausgedehntheit als solche, welche, wie oben gesagt, selbst nicht anschaubar ist, als unendliches Vermögen zu teilen jetzt tatsächlich anschaubar? Es ist wichtig festzuhalten, dass Fichte nicht von einem Ergebnis eines unendlichen Teilens bzw. von der Vorstellung oder vom Bild dessen spricht, was sich aus einem unendlichen Teilen ergibt, sozusagen von einer aktualen Unendlichkeit des Teilens, sondern nur von der Vorstellung oder dem Bild des unendlichen Vermögens als Vermögen (einer potentiellen Unendlichkeit).

Macht das unendliche Vermögen zu teilen wirklich das aus, was die Ausdehnung als solche ausmacht? Ja, es soll der Hauptcharakter der äußeren Wahrnehmung sein, wie oben gesagt wurde: „Man nehme ein Minimum von Ausdehnung und findet schon das unendliche Vermögen darin.“ Wie wird das jetzt vorgestellt und gedacht?

a) Die Ausdehnung liegt in einem Vermögen. Das Vermögen reicht schon aus, um Ausdehnung bzw. die Vorstellung der Ausdehnung zustanden zu bringen. Die Ausdehnung hat nichts mit einem trägen und starren, auf sich ruhenden Auseinandersein zu tun. Sie ist so beschaffen, dass sie auf ein Tun, auf eine Handlung, und zwar auf eine spezifische Art von Tun oder Handlung, nämlich auf das Teilen als solches, zurückzuführen ist, so dass es das Teilen ist, was die Ausdehnung ausmacht. Das ruhende Auseinandersein wäre schon das Ergebnis des fraglichen Tuns. Kurzum, es bleibt dabei: Wo ein Minimum an Ausdehnung ist, da ist auch ein Minimum an Teilen.

b) Ein Minimum an Ausdehnung enthält unweigerlich mehr als ein Minimum. Ja, in der Tat muss es so weit über das Minimum hinausgehen, dass nicht nur die gesamte Ausdehnung, sondern in der Tat eine unendliche Ausdehnung „ganz darin ist“ (ebd. S 293). Die Ausdehnung wurzelt nicht nur in einem Vermögen, sondern ist selbst als Vermögen zu verstehen und zu definieren, weil das die Ausdehnung zustande bringende Tun – nicht als begrenztes Tun, als begrenztes Teilen, sondern nur als Vermögen, d. h. als gesamtes Vermögen zu teilen, als unendliche Sphäre des Teilenkönnens – im Wissensakt vorgestellt wird. 2

Es wird hier kurz KANT mit seiner Anschauungsform des Raumes angesprochen, der bekanntlich den Raum ebenfalls als „compositum ideale“ feststellte. 3 Der große Unterschied zu KANT bei FICHTE ist aber, dass die Teilbarkeit nicht faktisch festgestellt und angeschaut, sondern genetisch aus dem Bewusstseinsakt bzw. dem Schweben der Einbildungskraft abgeleitet wird; ferner wird bei FICHTE aus dem Raumzentrum des eigenen Leibes der Raum bestimmt; ferner in notwendiger Koexistenz mit der Anschauungsform der Zeit. Die unendliche Teilbarkeit eines fraglichen begrenzten Raumstücks ist zurückgebunden an das (weitere) Teilen im Akte, welche die Ausdehnung über die Grenzen des fraglichen Raumstücks erstrecken lässt. Das Teilen bezieht sich nicht nur auf die Teilung innerhalb der Grenzen eines Raumes, sondern erschließt und teilt neue Flächen und neue dreidimensionale Mannigfaltigkeit über diese Teilstücke hinaus. Bei der unendlichen Teilbarkeit oder Ausgedehntheit handelt es sich also nicht um verschiedene, faktische Setzungen, oder dass das Ganze diskursiv entsteht, sondern die fragliche Vorstellung bzw. die Ausdehnung ist so geartet, dass eine Minimum an Ausdehnung die Ausdehnung als Ganze schon enthält, d. h. eine Totalität ist.

M. a. W: Das Wesen der Ausdehnung oder das unendliche Vermögen zu teilen enthält eine geschlossene Totalität der Wissensformen (z. B. Kategorien wie Substanz, Akzidens, Kausalität, Wechselwirkung; Reflexionsideen wie die Identität, der Zweckgedanke) und im Gegensatz dazu, methodisch und im praktischen Handeln, eine potentielle, unendliche Mannigfaltigkeit.4

Dem entspricht, wie oben begonnen wurde, dass die auf das Bewusstsein eintreffende Mannigfaltigkeit der Qualitäten bzw. Empfindungen – die methodisch und prinzipiell als unendlich und unableitbar angesetzt werden müssen – in der äußeren Wahrnehmung bereits geordnet und vereinheitlicht sind als besondere Sinneserlebnisse eines allgemeinen Sinnes. Die Gegebenheit des Wissensaktes (des Sinnes) bildet, jetzt mit dieser Analyse des unendlichen Vermögens zu teilen im Hintergrund, eine geschlossene Totalität, die Totalität der Wissensformen.

Analog dazu bildet auch ein späteres Objekt, das jetzt noch nicht abgeleitet ist, ebenso eine Totalität. Oder m. a. W. die endliche Größe der Welt – so weit sie auch sein mag – ist eine endliche Größe. Es bilden auch die Subjekte untereinander auf der Sinnebene des Umgangs miteinander eine Totalität, ein Vernunftreich, eine endliche Größe – so viele ihrer auch sein mögen. Ebenso bilden die Formen des Werdens und die existentiellen Realisationen der Freiheit eine endliche Größe, eine Totalität. Alle diese Sinnrealisationen (Welt, Personen, Geschichte), so viele ihrer sein mögen, sie werden im Bilde und im Blicke als Totalität zusammengefasst. Ein Minimum an Ausdehnung, die einerseits das ganze unendliche Vermögen in sich hat, enthält die „Begrentzheit, die eine Endlichkeit in sich darstellt“ (ebd. S 293), die Totalität der Ausdehnung (bzw. des Teilens).“

M. a. W., es gibt die Mannigfaltigkeit der Unendlichkeit des Teilens („Unterteilbarkeit“ des Raumes bei KANT), das ist aber nur potentiell für das Tun und Handeln gedacht, methodisch; wenn dieses Teilbarkeit vorgestellt und im Bilde (Blicke) zusammengefasst ist, ist eine aktuale Totalität der Wissenformen in concreto gesetzt.

Sofern die potentiell unendliche Mannigfaltigkeit der Hemmungen bzw. Aufrufe auftritt, sofern werden sie immer in der Anschauung gefasst und reflektiert. Das geschieht mit formaler Freiheit.

So wurde auch oben in der äußeren Wahrnehmung begonnen: Die Qualitäten/Empfindungen mögen unendlich sein, sie beschränken sich aber sofort gegenseitig (schließen sich gegenseitig aus) und sind vom aufnehmenden Sinn her gesehen nicht ungeformt, sondern auf einen allgemeinen Sinn hin vereinheitlicht und dadurch auch spezifiziert. Siehe oben: Jede Qualität ist eine „allgemeine Weise des Sichbewußtwerdens des Sinnes.“ (2. Vorlesung, S 290) und die einzelne Sinneswahrnehmung wird durch ein“Vergleichen des Totalsinns“ (5. Vorlesung, ebd. S 297) spezifiziert.

M. a. W. (aus Vorlesungen von Prof. R. LAUTH): Die Hemmungen treten immer in einer Linie des Reflexionsvollzuges auf, bilden verschiedene Zeitmomente, und bilden neben der apriorischen Totalität aller Wissensformen (z. B. Reflexionsideen, Kategorien) eine aposteriorische Reihe einer Apposition. Es entsteht in der Apposition eine freie, nicht nach dem Grund-Folge-Verhältnis bestimmte Entscheidungsreihe, in der und durch die die unendliche Mannigfaltigkeit der Hemmungen gegeben ist. Die Qualitäten, die für sich gesehen voneinander isoliert wären, treten dann nicht alleine auf, sondern in der Form der Anschauung und Reflexion, und werden geordnet in einem dynamischen Verhältnis, des Raumes und der Zeit, der Begriffe und Ideen. Ja, der Begriff der unendlichen Mannigfaltigkeit und des unendlichen Vermögens zu teilen, des Unendlichen, kommt primär aus den Freiheitsentscheidungen der appositionellen Reihe selbst, und nur sekundär spricht man auch von der unendlichen Mannigfaltigkeit der auftretenden Hemmungen (Qualitäten). (siehe Anm. 9)

M. a. W., ein durch die unendlichen Mannigfaltigkeit der Hemmungen allein aktiviertes Sinnesbewusstsein wäre überhaupt keine Einheit, wäre es ein total mit den Qualitäten verrinnendes, ablaufendes Bewusstsein d. h. z. B. zum Zeitpunkt t1 mit dieser Empfindung a, zum Zeitpunkt t2 mit der Empfindung b, zum Zeitpunkt t3 mit der Empfindung c usw. Das ergäbe nie die Einheit eines Bewusstseins oder Wissens, generell kein Wissen. Deshalb beginnt Fichte bereits ganz richtig auf der basalsten Ebene der äußeren Wahrnehmung mit einer rudimentären, vorreflexiven Form des Wissens, der Bündelung und Spezifizierung der Qualitäten in einem Sinn-Erleben.

Es müssen die einzelnen Qualitäten (Sinneseindrücke) vereinheitlicht sein in einem allgemeinen Sinn, was das erste wäre, und dort als besondere heraustreten, d. h. „ausgedehnt“ werden, was das zweite wäre, und schließlich können sie, was das dritte wäre, nur innerhalb einer apriorischen Erkenntnis eines geschlossenen Wissens auftreten (einer mannigfaltigen Totalität der Wissensformen).

Also durch das Zusammenfassen (sc. des unendlichen Hinausgehens) in einem Blick wird das Unendliche eine Totalität. Dies ist das große Kunststück der Anschauung.“ (3. Vorlesung ebd. S 293) 5

Fichtes These, dass das Wesen der Ausdehnung „ersichtbar“ (ebd. S 293) sein muss, obwohl sie ja als Ausdehnung nicht sichtbar sein kann, bis jetzt ja nur als unendliches Vermögen zu teilen umschrieben wurde, soll alsogenetisch“ (ebd. S 294) erklärt werden aus der „Zusammenfassung im Blicke“ (ebd.)

Dies wirft aber die Frage weiterhin auf, warum die Form eines unendlichen Teilens zugleich die Form eines Bildens bzw. Schemas annehmen soll und wie das möglich ist. Zuerst: Wie wird aus der unendlichen Möglichkeit des Teilens eine begrenzte Form des Bildes?

Das unendliche Vermögen zu teilen, ist unendlich weit, nicht nur in dem formalen Sinne, dass a) jede begrenzte Ausdehnung unendlich teilbar ist (und ihr dann eine unendlichen Mannigfaltigkeit entsprechen kann), sondern auch in dem inhaltlichen Sinne, dass b) eine derartige begrenzte Ausdehnung nur als Teil einer sie umgebenden, umfangreichen Mannigfaltigkeit möglich ist, welche wiederum nur als Teil einer sie umgebenden, noch umfangreicheren Mannigfaltigkeit gesehen werden muss usw.

Warum nimmt die durch die Ausdehnung geprägte äußere Wahrnehmung nicht ohne Weiteres diese Form einer solchen unendlichen, ja, sozusagen einer doppelt unendlichen Mannigfaltigkeit ( einer formalen und inhaltlichen) an, sondern vielmehr die Form einer begrenzten, ja einer doppelt begrenzten Ausdehnung? Die unendliche Teilbarkeit jedes ihrer Teile, die Unermeßlichkeit des umfassenden Raumes, sie scheinen in einem Begrenzten und in einem endlichen Bild verloren gegangen zu sein?

Wenn wir eine genetische Erklärung geben, so ist die Ausdehnung eine Zusammenfassung im Blicke. Die Unendlichkeit selbst wird in einen Blick gefaßt.“ (ebd. S 294)

Die Ausdehnung (als Korrelat zum unendlichen Vermögen zu teilen) enthält die Sichtbarkeit der Unendlichkeit. Es gibt in der Ausdehnung zwar nichts, was seinem Wesen nach nicht unendlich ist, aber das durch und durch Unendliche wird in der Anschauung sichtbar.

(…) dieß bestimmte Zusammenfassen giebt die Endlichkeit.“ (ebd. S 293) Eine Anschauung kann grundsätzlich nur endlich sein; etwas Unendliches geht über jede Anschauung weit, ja unendlich weit, hinaus.

Wenn die Ausdehnung auf dem unendlichen Vermögen zu teilen beruht, dann muss die Anschauung desselben unendlich sein; aber wenn sie eine Anschauung sein soll, so muss diese Anschauung endlich sein. „Somit ist uns eine endliche Unendlichkeit“ Soll das Vermögen angeschauet werden, wie es ist, dann unendlich; soll es angeschauet (werden), dann endlich.“ (ebd. S 293)

Diese innere Spannung, die Fichte hier herausarbeitet, dieses unendliche Vermögen anzuschauen, ist sie mit dem Ausdruck der „Zusammenfassung in einem Blicke“ gelöst?

Das fragliche Bilden oder fragliche Schema, m. a. W. das fragliche Fixieren durch Anschauung zeichnet sich dadurch aus, dass es endlich ist und sich doch nur auf den durchgängigen Bezug zum unendlichen Teilen gründet und ohne ihn nicht möglich wäre.

Die Eigentümlichkeit „kann man vielleicht dadurch auf den Punkt bringen, dass man Folgendes sagt: Er handelt sich um eine stets über sich hinausweisende Anschauung“. 6

Die Ausdehnung ist ein Bild „unendlicher Auslassungspunkte“ 7, Bild des Unendlichen, gerade wenn es Bild ist, und also endlich ist, und gerade weil es Bild ist, auch Bild des Unendlichen. Der obige Ausdruck eines „unendlichen Vermögens“ als Vermögen zu teilen ist somit vollauf berechtigt. Die Ausgedehntheit ist ein (substantielles) Vermögen, nicht eine Tätigkeit, sie wird gebildet als Vermögen, wie es (als Vermögen) handeln könnte.

Die Ausgedehntheit als unendliches Vermögen zu teilen kann dabei nochmals ein doppeltes Beschränken sein, a) nach außen hin ins Kleinste wie Größte, aber immer fakultativ so oder so, immer als endliches Bild, und b) nach innen hin in der Art und Weise des Sich-Beschränkens, aber auch nur fakultativ, so oder so als zusammenfassende Form eines Bildes (Blickes).

Das fakultativ in Erscheinung tretende Bild, äußerlich gesehen in der quantitativen Begrenzung, oder innerlich gesehen in der Art und Weise der Sich-Begrenzung (sc. des Sinnes bzw. des ganzen Setzens der Vernunft), ist beide Male fähig zu weiteren Teilbarkeit, verweist in seinem Wesen auf äußere und innere Teilbarkeit und könnte ohne Bezug zum weiteren Teilen nicht vorgestellt werden. Das (äußerlich) unendlich Verschiedene steht in einem Bezug zu einem (inneren) unendlichen Blickfeld.

M. a. W. es liegt in der äußere Wahrnehmung, d. h. in der Sinnesqualität, die mit Ausdehnung verbunden ist, ein innewohnendes Bild, das sowohl Verschiedenes in den Mittelpunkt stellen kann, als auch alles Verschiedene aus einem unendlichen Blickwinkel betrachten werden kann.

M. a. W., die Ausdehnung ist ihrem Wesen nach eine doppelte Beschränkung in dem Sinne, dass jedes verschiedene Bild der Ausdehnung eine veränderliche Beschränkung des unveränderlichen, unendlichen Teilens darstellt, und umgekehrt, jedes beschränkte Bild seinem Wesen nach schon jedes andere voraussetzt und auf jedes andere verweist.8 Das Bild von der Ausdehnung – oben noch als nicht anschaubar beschrieben – ist gerade als Bild, als verdichtete, zusammengefasste Form, als Bild des unendlichen Vermögens zu teilen, anschaubar. Die zusammenfassende Form des Bildes entspringt dem Wissensakt und der Totalität der apriorischen Wissensformen, worin alle äußeren quantitativen Begrenzungen, sowie alle inneren Selbst-Beschränkungen des Sinnes (aufgrund der rezeptiven Bindung an die qualitativen Mannigfaltigkeiten) zusammengezogen werden.

Wichtig wäre hier noch weiter zu analysieren, aber das lasse ich hier offen: Ein Bild lässt sich dabei weder ins unendlich Größere noch ins unendlich Kleinere skalieren. 9

Am Ende der 3. Vorlesung überprüft FICHTE nochmals das Verhältnis der Qualität zu der Ausdehnung. Wird nur eine Linie geteilt in der Ausdehnung, also nur das unendliche Vermögen zu teilen in der Quantität angeschaut, ist die Grenze willkürlich setzbar; wird hingegen auf eine Qualität in der Verschiedenheit der Qualitäten reflektiert, ist die Grenze nicht willkürlich setzbar, sondern eine Qualität schränkt den vergleichenden Totalsinn“ ein auf ein besonderes Sein und den Sinn auf einen besonderen Sinn innerhalb des Sichselbstbewusstseins des Sinnes.

(c) Franz Strasser, 22. 12. 2018
————–

1Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 73.

2Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 74.

3 Kant, KrV, B 39/40. Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. Nun muß man zwar einen jeden Be|griff als eine Vorstellung denken, die in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält; aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl wird der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendliche sind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung a priori und nicht Begriff.°°°°°

4Bereits im 8. Vortrag, was nicht mehr mein Thema sein soll, wird ein höherer Grund angegeben, wie die Mannigfaltigkeit selber gedacht werden kann: als durch Freiheit gebildete und begriffene Mannigfaltigkeit, und je nach Begriff bzw. dem Verhältnis des Bildes zum Begriff, wird das Bewusstsein verändert und als ganzes gebildet. Das heißt für den Sinnbegriff, dass die Mannigfaltigkeit zwar Bedingung der Möglichkeit des sich verändernden Bewusstseins bleibt, aber der Sinn und Rezeption derselben ist höhererseits durch Freiheit bedingt und bestimmt. (vgl. ebd. S 304.)

Diese Mannigfaltigkeit erfährt aber im Rahmen der TdB noch weitere Charakterisierungen: Das Denken der Mannigfaltigkeit ist mit der „Zeitfüllung“ notwendig verbunden (22. und 23. Vorlesung S 338). In der Wahrnehmung, 3. Vorlesung, ist das Mannigfaltige noch allgemein als Ausdehnung angeschaut, ohne Zeitbegriff. Transzendental gesehen wird die Mannigfaltigkeit das Bild der absoluten Freiheit, ein Bild des Wissens und der Standpunkt des freien Vermögens des Ichs. (siehe 23. Vorlesung, ebd. S 339 ff) In der äußeren Wahrnehmung ist die Mannigfaltigkeit nur mit einer bestimmten Qualität verknüpft. In der 23. Vorlesung tritt die Freiheit und der leere Raum hinzu. Die reproduktive Einbildungskraft ist gebunden in der Absicht der zu reproduzierenden Qualität, aber in Absicht des Ordnens der Mannigfaltigkeit in Zeit und Raum ist sie schlechtweg frei – und die neuen Bedingungen treten hinzu. (27. Vorlesung ebd. S 350)

In der vorletzten Stufe des praktischen Bewusstseins bekommt die Mannigfaltigkeit eine weitere Präzisierung und transzendentale Bestimmung. Sie ist die Möglichkeit der Befriedigung des Triebes, aber in der Hinsicht einer stets höheren Sinnerfüllung. Denn der Trieb tritt immer ein mit der Forderung einer neuen Deutung der Mannigfaltigkeit auf – und je nachdem, wie gehandelt wird, verändert sich die Sinnerfüllung. (36. Vorlesung, S 370) Schließlich muss die Mannigfaltigkeit selbst begründet sein in einem System von Ichen (einem Vernunftreich), damit Freiheit als solche sich vollziehen und erkennen kann (43. Vorlesung, S 390)

5Anders bei Hegel: Er deutet die Gebundenheit der Reflexion an die Anschauung als subjektives Tun, als leere und blinde Reflexion (Wissenschaft der Logik, 311f), als formelle und sinnleere Tätigkeit. FICHTE verwendet die Reflexion auch als Methode, ist sich aber der rezeptiven Bindung des Subjekts an die Anschauung stets bewusst. Deshalb diese immense und ganz andere Aufwertung der appositionellen Reihe in der Betrachtung der Natur, der geistigen Bereiche der Wirklichkeit und schlussendlich der Geschichte und der in ihr gebildeten Sinnideen – oder auch Sinnwidrigkeiten. Ebenso versteht Hegel nicht den Begriff der Unendlichkeit, der hier als unendliches Vermögen zu teilen potentiell und methodisch gemeint ist, von Fichte gefasst im Schweben der Einbildungskraft. Hegel kennt diese Schweben nicht und seine potentiellen Begrenzungen. Die Folge bei Hegel: die quantitative Bestimmung von Verhältnissen aufgrund formaler Freiheit wird vernachlässigt, die Negation übernimmt das Setzen von Gegensätzlichkeit und irgendwann hebt sich dieses gegeneinander Bestimmen auf in eine Qualität, die sich als Mannigfaltiges begründet. Aus der quantitativen und klassifikatorischen Dialektik ist eine psychologisch-hermeneutische Phänomenlogik geworden. (Siehe dazu Literatur zur Dialektik von K. HAMMACHER. Siehe auch eigene Blogs zur Dialektik.)

6Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit,ebd. S 79,

7 Ders., ebd. S 79.

8 Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit,ebd. S 80-81.

9Die Antwort m. E. wäre zweifach: a) Das Anschauungsgesetz verlangt gewisse Maße und Begriffe. b) Für das Anschauungsgesetz wäre jede möglich Welt bildbar und denkbar, dass aber die Welt Erscheinung sei eines sittlichen Gesetzes, verlangt in jedem Anschauungsakt und jedem Tun, dass nur eine einzig mögliche Welt gegeben ist, und so ist auch nur ein bestimmtes skaliertes Bild möglich.

Zum Sinnbegriff in den TdB – 2. Teil

2. Vorlesung: „(…) der Sinn ist die allgemeine Weise sich bewußt zu werden insbesondere in der Wahrnehmung, und die Qualität eine Bestimmung dieser allgemeinen Weise der Sichbewußtwerdens des Sinnes. (ebd. S 290)

Der Sinn hat von a) vornherein mit einer vorausgesetzten Mannigfaltigkeit von verschiedenen Qualitäten zu tun und eine Sinnesempfindung ist b) von vornherein eine spezifische Weise des Sichbewusstseins im Unterschied zu einer allgemeinen Weise. Der Sinn als Vermögen wird durch seinen allgemeinen Charakter, die sinnliche Qualität bzw. Empfindung durch ihren besonderen Charakter bestimmt. Eine einzelne Sinneserfahrung enthält in sich selbst nichts Allgemeines und keinen Bezug zum Allgemeinen, sondern einzig und allein etwas Besonderes, nämlich die fragliche Qualität bzw. Empfindung.1

Die Beschränkung des Allgemeinen, so jetzt die 2. Vorlesung, meint aber jetzt nicht diesen äußeren, beobachteten Bezug einer Qualität bzw. Empfindung auf ein wie immer noch unbegreifliches Sinneserleben, sondern das Verhältnis eines Vermögens Sinn einerseits und der konkreten Qualität bzw. Empfindung andererseits, dieses Verhältnis soll in seinen inneren Wissensmöglichkeit geklärt werden. M. a. W., die innere Verfassung oder innere Beschaffenheit der konkreten sinnlichen Wahrnehmung soll der Bedingung der Möglichkeit nach (transzendental) verstanden werden.

Jede Qualität erscheint anstatt anderer Qualitäten, ja, anstatt aller anderen. Der ausschließende oder verneinende Charakter gehört zum Wesen der sinnlichen Qualität. Die Qualität oder Empfindung ist nicht ein bloßes, losgelöstes oder loszulösendes Quale, sondern Beschränkung des Allgemeinen und Möglichen des Setzens der Vernunft.

Siehe Zitat oben: Die Qualitäten am Objecte sind demnach gegenseitig sich aus schließende Bestimmungen des Sinnes. (ebd. S 290)

Der zweite Bestandteil neben der Qualität/Empfindung der äußeren Wahrnehmung ist die Ausdehnung.

Es ist zunächst einmal anzumerken, dass die Ausdehnung oder Ausgedehntheit nur die Qualität bzw. Empfindung betreffen kann, nicht die Objekte selbst. (Vgl. 2. Vorlesung, S 291)

Kant hat über die Ausdehnung viele Bogen angefüllt. Wir gestehen, daß Kant das Wahre gesehen, wie denn auch diese Lehre der Haupt- und Mittelpunkt seiner Philosophie ist. Nur hat Kant es nicht klar angegeben. Sodann haben die Kantianer viele Bücher zusammengeschrieben über diese Materie ohne nur irgendwie den wahren Punkt zu treffen“.(ebd. S 291)

Das muss aber jetzt genauer auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin analysiert werden. Die erste Bestimmung der Ausdehnung lautet zuerst noch: „Die Ausdehnung ist durchaus keine Empfindung“ (2. Vorlesung, ebd. S 292) Es steht die philosophische Mahnung im Raum, dass man sich nichts erdenken darf, sondern anschauen.

Nun ist aber die Ausdehnung so geartet, dass sie sich nicht einfach anschauen lässt. Es erscheinen zwar die sinnlichen Qualitäten stets als etwas Ausgedehntes, aber das Ausdehnende bzw. die Ausdehnung als solche, das was zu den sinnlichen Qualitäten hinzukommt, das steht jetzt zur Frage auf ihre Bedingungen der Wissbarkeit hin. Ihr Vorstellungsinhalt lässt sich nicht unmittelbar anschauen – und wenn das behauptet wird, so ist das eine Täuschung.

Die Schwierigkeit kann Fichte nur lösen, indem er ein Experiment anstellt:

Also wir müssen ein Experiment anstellen. Es ist nicht mehr das unmittelbare Wahrnehmen, sondern Wahrnehmen durch ein Experiment, d. h. durch einen neuen Act der Besonnenheit und Freiheit.“ (2. Vorlesung, ebd. S 292)

Diesen methodologischen Schritt will Fichte so verstanden wissen: Wir gehen aus, eine neue Anschauung zu gewinnen.“ (ebd. S 292)

Dass die fragliche Anschauung von dem freien Akt abhängt, der sie ermöglicht und zu ihr führt, soll aber keineswegs bedeuten, dass sie auch ihrem Inhalte und ihrer Gültigkeit nach von ihm abhängt. 2 Es ist ja das Spezifische der fichteschen Transzendentalphilosophie, dass sie immer wieder die intellektuelle Anschauung einer Sache einfordert. Diese Anschauung zaubert nicht Objekt hin, sondern bestimmt sie gemäß den Regeln der Anschauung und gemäß den Regeln eines Begriffes („intellektuell“). Ende des 3. Hauptkapitels wird FICHTE das mehr erläutern: Die intellektuelle Anschauung ist nicht Anschauung eines beliebig idealistisch erzeugten Objektes, das wäre göttliche intellektuelle Anschauung, sondern ein Gesetz für ein Objekt. Sie begründet nicht das Objekt. (vgl. 18. Vorlesung, ebd. S 328)

(c) Franz Strasser, 22. 12. 2018
—————–

1Vgl. Mario Jorge de Carvalho, ebd. S 65.

2Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 70