Zum Begriff des Transzendentalen – 7. Teil, Schluss

Wird vom Transzendental (oder Wissensakt) der Idee des Guten und einer überdisjunktiven Wahrheit ausgegangen, gibt es keine Ausflüchte für einen möglichen Skeptizismus, der gut und gern behauptet,  weil unsere Erkenntnis notwendig eine einzugestehende Zwei-Einheit von Identität ausmacht, könne keine definite Wahrheitsbestimmung und Wahrheitserkenntnis erreicht werden. Denn auch dieser Zweifel des Skeptizismus (an einer wahren und wahrhaften Identitätsbestimmung) ist nur dank einer vorlaufenden, apriorischen Einheitsbestimmung (jenseits dieser Disjunktion von Wahrheit und Zweifel an dieser Wahrheit) möglich. Nur dank der notwendig disjunktionslosen Identität der Wahrheit als Abgrenzungsbedingung ist ein möglicher Irrtum und Zweifel denkbar. Die benötigte reine Identität liegt jeder bloßen Reflexionsidentität apriorisch voraus und vollzieht sich allaugenblicklich und existentiell in jedem individuellem Wissensvollzug. 

FICHTE spielte oft die Möglichkeit des Skeptizismus durch,  dass jeden das Fürchten kommen müsse, wenn er sie mitvollzöge, und wies ihn als unberechtigte Anmaßung ab. Der Skeptizismus bedient sich in seinem behaupteten Nicht-Wissen-Können genau dieser reflexiven Identitätsbestimmungen, die aus der disjunktionslosen Wahrheit kommen , aber scheinheilig weist er sie dann zurück. Er nimmt Wahrheit in einem primärreflexiven Denkakt in Anspruch, um sie sekundärreflexiv zu verwerfen.   

KANT begründete reduktiv sein apriorisches Wissen von Erkenntnisbedingungen, mithin von Wahrheit und Identität, durch die Referenz auf die theoretische  Erfahrung, die sonst nicht möglich wäre. In diesem theoretischen Bezugsrahmen der Gegenstände sinnlicher Erfahrung wird dem ganzen Anspruch einer transzendentalen Erkenntnisart, synthetische Erkenntnis a priori zu leisten, genüge getan. Die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis sind auch die der Gegenstände selbst. Leider blieb er hier auf die sinnliche Erfahrung beschränkt, wodurch ihm der Begriff der sinnlichen Natur zu einem Absoluten geriet, wie FICHTE einmal sagt.

Im praktischen Bereich beanspruchte er zwar eine kategorische Forderung der Pflicht und eine unbedingte sittliche Idee, wodurch ihm aber wiederum die sinnliche Welt entschwand. Schließlich deutete er in der dritten Kritik (KdU)  die gemeinschaftliche Wurzel von theoretischer und praktischer Vernunft an, ohne diese Einheit aber apriorisch in der Vernunft erkennen und rechtfertigen zu können.1

Wenn es in der Philosophie um Erkenntnis des Prinzipiellen gehen soll, oder, mit anderen Worten, um die Erkenntnis des Transzendentalen  und zugleich um Entfaltung und Realisierung des Transzendentalen in allen Bereichen des Wissens (Natur, Moral, Gesellschaft, Religion, Geschichte, Philosophie), so muss in diesen materialen Entfaltungen und Realisierungen des Wissens das Transzendentale einfließen können. Die implikationslogische Grund-Folge-Bestimmungen  und die  appositionellen Synthesen, worin alle aposteriorische Erfahrung teilabsolut angesiedelt ist,  ergibt ein zugleich geschlossenes wie offenes System des Wissens: geschlossen sind die Prinzipien der Erkenntnis, offen ist die unableitbare, aposteriorische Erfahrung. Andernfalls wäre auch Freiheit nicht zu denken. 

M. a. W. : Für die Philosophie stellt sich die Frage, wenn sie die Prinzipien der Wirklichkeit im Ganzen erkennen will, dass sie a) nicht nur die alles bestimmende Grundbestimmung erkennen und bestimmen,  sondern b) notwendig die Frage nach einem Verhältnis der einen Grundbestimmung zu den weiteren Folgebestimmungen und deren Verhältnis zueinander in einem System klären muss. Der Zusammenhang aller ihrer Aussagen und Sätze ist dadurch gegeben, dass alle Bestimmungen in der einen Grundbestimmung übereinstimmend und in ihr als Weiterbestimmungen verschieden gesetzt sind. Wären sie nicht übereinstimmend gesetzt, so könnten sie in einem Bewusstsein nicht aufeinander bezogen werden. Gäbe es umgekehrt keine Weiterbestimmungen – die eine von FICHTE erst gefundene eigenständige Reflexionsidentität (oder appositionelle Identität) notwendig macht -, könnte auch die Grundbestimmung als solche nicht diskursiv und selbstbewusst dargelegt und bewährt werden.2

Wenn alle Erkenntnisinhalte in einer Grundbestimmung zusammenhängen, so ergibt das erkenntniskritisch mithin eine geschlossene Totalität von Weiterbestimmungen, die als Prinzipiengefüge allem Wirklichen zugrundeliegt. Dieses Prinzipiengefüge entspricht, eher nebenbei gesagt, einem Kriteriumskatalog der heutigen Wissenschaftstheorie: Es ist reproduzierbar, intersubjektiv kontrollierbar und vollständig.

Das eine bestimmende Grundprinzip und die daraus ableitbaren Weiterbestimmungen des Wissens müssen sich  in einem Prinzipiengefüge von Erkenntnis bewähren und realisieren lassen. KANT hat diese Aufgabe der Philosophie als Entfaltung in einem System schon klar gesehen und öfter eingemahnt. Als vollständiges System des Wissens in seinen Grundprinzipien, auch über DESCARTES hinausgehend, wurde es aber erst von FICHTE ausgeführt. 3

(c) Franz Strasser, 29. 10. 2015

——–

1FICHTE: In der Kritik der reinen Vernunft war ihm die sinnliche Erfahrung das Absolute (…) bei folgerechter Durchführung der dort aufgestellten Principien, (musste) die übersinnliche Welt durchaus verschwinden mußte, und als einziges Noumen lediglich das in der Empirie zu realisirende ist übrig (bleiben), in der „ Kritik der praktischen Vernunft“ (..) zeigte sich durch den inwohnenden kategorischen Begriff das Ich, als etwas Ansich, (…) über der zuletzt aufgestellten moralischen Welt, als der Einen Welt an sich, (dabei ging) die empirische verloren. (…) und es erschien die Kritik der Urtheilskraft, und in der Einleitung dazu, dem Allerbedeutendsten an diesem sehr bedeutenden Buche, das Bekenntniß, daß die | übersinnliche und sinnliche Welt denn doch in einer gemeinschaftlichen, aber völlig unerforschlichen Wurzel, zusammenhängen müßten, (….) Daß ich nun die W.-L. an diesem historischen Punkte, von welchem denn auch allerdings meine von Kant ganz unabhängige Spekulation ehemals ausgegangen, charakterisire: — eben in der Erforschung der für Kant unerforschlichen Wurzel, in welcher die sinnliche und die übersinnliche Welt zusammenhängt, dann in der wirklichen und begreiflichen Ableitung beider Welten aus Einem Princip, besteht ihr Wesen. (…) . Ihre eigene Maxime ist, schlechthin nichts Unbegreifliches zuzugeben, und Nichts unbegriffen zu lassen;“ (WL 1804, 2. Vortrag, SW X, 103.104)

2R. LAUTH, Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, ebd. S 42.

3Es gäbe hier mehrere Belege bei KANT, siehe z. B.: „Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Theile untereinander a priori bestimmt wird. Der scientifische Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das mit demselben congruirt. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle Theile und in der Idee desselben auch unter einander beziehen, macht, daß ein jeder Theil bei der Kenntniß der übrigen vermißt |werden kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmte Grenzen habe, stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und nicht gehäuft (coacervatio); es kann zwar innerlich (per intussusceptionem), aber nicht äußerlich (per appositionem) wachsen, wie ein thierischer Körper, dessen Wachsthum kein Glied hinzusetzt, sondern ohne Veränderung der Proportion ein jedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht.“ (KrV A 833. B 860.861)

Zum Begriff des Transzendentalen – 6. Teil

Philosophiegeschichtlich ist zuletzt bei KANT das Problem des Wissens in aller Brisanz aufgeworfen worden. KANT, vorgeprägt durch eine rationalistische Metaphysik, fühlte sich stark hinterfragt durch den Empirismus HUMES, ferner durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit, und wollte jetzt eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Wissen und der Wissbarkeit überhaupt geben, mithin nach einer weiter möglichen Metaphysik Ausschau halten. (Siehe auch meine Blogs zu KANT). Er nannte es, die Frage nach einer Theorie der Erfahrung überhaupt. (Ich werde auf Kant in einigen Blogs eingehen, siehe dort: Kurz gesagt, seine Theorie oder sein Programm für die Reflexion über den Gegenstand bzw. der Erfahrung besagt, „dass nie nur einfachhin nach dem Gegenstand gefragt wird, und sei dieser Gegenstand das Erkennen selbst, sondern nach dem Zusammenhang zwischen dem Gegenstand, den man zu erkennen versucht, und der Weise seiner Erkenntnis.“ (Vgl. W. Schüler, Grundlegungen der Mathematik, 1983, ebd., S 88).

Kann es allgemeingeltende und zugleich objektiv-gültige, mithin synthetische Erkenntnisse a priori geben, mithin eine kritische Metaphysik –  wo doch z. B. der englische Empirismus nur die Wahrnehmung als Quelle des Wissens behauptet bzw. die Naturwissenschaft das nur angebliche experimentelle, induktive Wissen kennt, aber die impliziten, apriorischen Aussagen darin übersieht? Oder umgekehrt gesagt, eine idealistische Philosophie apriorische Aussagen trifft, aber die Existenz des Gedachten gar nicht beweisen kann? 

Wenn nach PLATON die Idee des Guten sowohl die Wahrheit des Seins (realistisch) wie die Erkennbarkeit der Wahrheit (ihres Wesens, idealistisch) enthalten sein soll,1 so muss doch logisch der Implikation und transzendentallogisch der Apposition nach dieses Prinzip erreicht werden können? Es ist bei PLATON bereits unverkennbar, dass mit der Idee des Guten ein Sollensanspruch erhoben ist. Erkenntnis soll sein, weil die Wahrheit (des Seins) sein soll – wodurch das Gute stets als Sollen dem notgedrungen reflexiv-diskursiv verfahrenden Denken und Wissen als transzendentale Bedingung der Möglichkeit des Erkennens wie des vorausgesetzten Seins vorausgeht. Wie kann aber jetzt – umgekehrt skeptisiert – dieser Sollensanspruch der Idee des Guten behauptet werden, wenn nicht wiederum erst innerhalb der (relativen) Reflexion des Wissens?   

Um den Weg zum Begriff des Transzendentalen und dessen Wissen abzukürzen, darf ich wieder ANSELM zitieren: Er definiert in „De Veritate“: „veritas est rectitudo mente sola perceptibilis“ (DV 11 u. 13), d. h. als die allein mit dem Geiste erkennbare Richtigkeit.2

Im Geiste, mithin im Wissen und Bewusstsein, muss die Wahrheit  zu erkennen sein,  wobei die Erkennbarkeit der Wahrheit eben durch die „rectitudo“ (Richtigkeit) normiert ist. Die „rectitudo“ stellt eine Norm dar, ist eine übergeordnete Einheit des Solls. Wer die Wahrheit bloß als Begriff oder regulative Idee fasst, als bloß  erschlossene, erdachte Bedingung eines Unbedingten zu einem Bedingten, verendlicht die Wahrheit bereits zu Bedingungen dieses seines Denkens.

Wenn sie erkennbar ist, dann wird sie die Form einer anderen Identitätslogik aufweisen müssen als einer bloß logischen Identität.
M. a. W., der, der Aussagen macht, vollzieht zwar immer schon diese Norm, die Wahrheit zu beanspruchen (ANSELM) –  wenn er sie explizit auch wieder verwerfen und verleugnen mag – aber wie realisiert er sie wirklich? Unter
endlichen und zeitlichen Bedingungen wird nie letztgültig entschieden werden können, ob die Norm der Wahrheit im Erkennen, Wollen und Handeln erfüllt ist oder nicht, 3 aber nichtsdestotrotz, mit den Begriffen der platonischen Anamnesislehre ausgedrückt, es ist allein das Transzendentale der Wahrheit und des Guten, das den Erkenntnis- und Wollensaktes (Vorstellen, Wollen, Handeln) ermöglicht und daran „erinnert“ (anamnesis) 

(c) Franz Strasser 29. 10. 2015

————-

Siehe wieder M. ENDERS, in: zur debatte, 1/2010, S 18-20,: „Diesem klassischen Text zufolge (Politeia 508/509) teilt das Gute dem Erkannten, d. h. den Ideen, Wahrheit und dem Erkenntnissubjekt das Vermögen zur Erkenntnis der Ideen mit. Dabei wird das Gute als die Ursache für das Zustandekommen des Erkenntnisaktes und der Wahrheit bezeichnet. Das Gute selbst aber überragt in seiner Erhabenheit und Größe noch die Erkenntnis und die Wahrheit. Wie also das Licht der sichtbaren Sonne den Sinnesdingen ihre Sichtbarkeit verleiht, analog verleiht das Gute den Ideen ihre Erkennbarkeit, d. h. ihre Wahrheit. Durch das Entsprechungsverhältnis zwischen der Kausalität der Sonne und der des Guten ist es vorgegeben, dass die „Wahrheit“ als die geistige Sichtbarkeit der Ideen, d. h. als ihre Unverborgenheit, verstanden werden muss, weshalb „im Rahmen dieses Gleichnisses wohl auch die etymologische Assoziation von ,ἀ-λήθεια‘ mit Un-verborgenheit intendiert“ (J. Szaif, art. cit., Sp. 50) ist. Platon versteht also im Gefolge des Parmenides unter „Wahrheit“ die Erkennbarkeit des vollkommenen Seins (der Ideen) und vertritt daher wie dieser primär ein ontologisch-gnoseologisches Wahrheitsverständnis.“

1

3Dies ist eine Frage des  notwendigen Schwebens der Einbildungskraft. Sie vermittelt ursprünglich nicht nur faktisch zwischen Reflexion und Hemmung, sondern schwebt auch praktisch zwischen unendlicher und an ihr Ende gekommener Tätigkeit, weshalb dieses Schweben nie fixiert werden kann in einer letzten Erfüllung. Dies wird auch für die Ewigkeit gelten. Wenn großspurig von der Erkennbarkeit der Norm der Wahrheit gesprochen werden soll, so bleibt die menschliche Einsicht in das Richtige der Wahrheit durch das Schweben der Einbildungskraft  begrenzt. Es kommt stets die Zeit dazwischen und in der Ewigkeit die zeitlose Reflexionsform des Selbstbewusstseins, sodass jede definite Identitätsbestimmung unter der Freiheit weiterer Reflexionsbestimmungen steht.

Der Begriff des Transzendentalen – 5. Teil

Geben wir zu, bei aller Mehrdeutigkeit des Begriffs der „Erkenntnis“1, dass es in der Philosophie um die Erkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen in und aus Prinzipien gehen soll – und um deren Darstellbarkeit -, so sei hier an dieser Stelle ANSELM zu Hilfe gerufen, der sich zur wahren Erkenntnis ebenfalls in unübertrefflicher Weise geäußert hat. 

Das Erkennen muss erkenntniskritisch in und aus der Norm der Wahrheit (des Seins) gerechtfertigt sein. Wird diese Norm – von ANSELM als „rectitudo“, als Eigenschaft der Richtigkeit bezeichnet -, philosophisch nicht geleistet, so ist dem natürlichen Glaubens- und Wahrheitsbewußtsein, das jeder Mensch in sich trägt, erkenntniskritisch der Vorzug zu geben, ehe einer eitlen Spekulation Folge geleistet wird.  Allein schon von der Seite der Erkenntniskritik darf die Philosophie als Wissenschaft nicht willkürlich den Erkenntnisprozess abbrechen und autoritär-willkürlich entscheiden, was wahr und richtig ist, wenn sie nicht die letzte genetisierte Evidenz der Richtigkeit der Wahrheit im Wissen erreicht haben sollte.
Sich vom Glauben leiten zu lassen, wäre nicht das Problem. Problematisch ist es, wenn pseudowissenschaftlich von der Philosophie ein Anspruch eingefordert würde, der nicht gerechtfertigt werden kann. Es gibt hier zahlreiche Idealismen, Realismen, Skeptizismen, Ideologien! Ich kann hier vieles nicht ansprechen, aber würde z.B. die Philosophie in angeblicher Bescheidenheit einen Skeptizismus vertreten, d. h. einen  Reflexionsstandpunkt von sich her abbrechen und dann unreflektiert einen skeptischen Standpunkt verabsolutieren,  wäre ein unendlicher Zirkel und Wechsel aufgemacht, dass entweder das Sein das Wissen oder umgekehrt das Wissen das Sein bestimmt.  Oder denkbar wäre auch, dass der Wechsel zwischen Sein und Wissen selbst absolut gesetzt würde, weil eben, so die angebliche Bescheidenheit, mangels transzendentaler Begründung und Rechtfertigung nur ein unendlicher Wechsel festgestellt werden kann. Die skeptische „Bescheidenheit“ ist aber widersprüchlich, ja anmaßend: Denn in willkürlicher Verabsolutierung  wird eine letzte, unerkennbare Identität behauptet, die als solche doch Anspruch auf Wahrheit erhebt!?  

Die Frage nach der wahren Erkenntnis muss wissenschaftstheoretisch im Begriff des „Wissens“ präzisiert werden. FICHTE präzisierte deshalb seine Philosophie als „Wissenschaftslehre“.  Allein im Begriff des Wissens müssen die Kriterien der Wahrheit und des Gutseins selbst gefunden werden können.  

Zu wissen, was zu tun ist, ist a) eine praktische Handlungserklärung und ein praktisches Wissen (inklusiv des Wollens dahinter) – und zu wissen b) was geglaubt werden kann, weil die Überzeugung aus der dem Wissen immanenten Lichtsein erfolgt, kann als theoretisches Wissen bezeichnet werden.2

Beide Male (im praktischen wie theoretischen Wissen) handelt es sich aber um ein und denselben Wissensakt, dessen Bedingung der Möglichkeit nach einzusehen die Aufgabe der transzendentale Analyse ist – und dessen Darstellung die Aufgabe der transzendentalen Synthese. Die transzendentale Frage lautet somit stets gleichbleibend: Was sind die Bedingungen der Wissbarkeit einer Aussage  – und wie ist  die daraus folgende Darstellung des theoretischen Vorstellens und praktischen Handelns leistbar. 3

(c) Franz Strasser 29. 10. 2015

—————

1Unter Erkenntnis des Prinzipiellen darf auf keinen Fall etwas Abstraktes allein verstanden werden. Das Konkrete ist vielmehr selbst ein Prinzip.   Es darf in der Realisierung der transzendentalen Einsicht keinen idealistischen Überhang geben. Das konkrete Handeln und Wollen muss in einem integrativen Sinn in einer vollkommenen Erkenntnisbemühung stets eingeschlossen und mitrealisiert sein. M. a. W., es muss die doxisch-werthafte Seite (R. LAUTH) des Prinzipiellen stets mitbedacht und miterkannt einfließen, d. h. auch dessen konkrete Seite. Siehe dazu: R. LAUTH, Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, München 1967

2 Zu Glauben und Wissen siehe z. B. die Ausführungen Fichtes in der WL 1805, Erlangen, 12. u. 13. Vorlesung. 

3FICHTE hat von allem Anfang an gegenüber dem Empirismus seiner Zeit das apriorische Vorwissen (griechisch bei PLATON „pro-eidenai“) im Bewusstsein verteidigt, worin Evidenz „von allen und für alle und zu allen Zeiten“ (WL 1801/02) behauptet werden kann.  Es kann nicht von einem Sein ausgegangen werden, sondern immer nur vom Sehen selbst. Die transzendental-reflexive Einheit des Sich-Wissens und Sich-Wollens ist deshalb ein Vollzug von universeller Vernunft in individueller Vernunft, erscheinend zuerst in einem Prinzip von Wahrnehmung, sich konkretisierend in mannigfaltigen Wertkonkretionen und geschichtlichen Erkenntnissen, und schließlich als währender Transzendenzdialog auf Sinnbewährung und Sinnerfüllung ausgehend.

Zum Begriff des Transzendentalen – 4. Teil

Es sei hier schon entschieden einer Meinung vorgebeugt, dass transzendentales Wissen nichts mit der sinnlichen Materie und den Empfindungen und den anderen Momenten auf der Erscheinungsebene der Dinge zu tun hätte. Im Gegenteil weist gerade FICHTE nach, dass die Intentionalität und intelligible Seite des Wissens schon im sinnlichen Gefühl beginnt und dort als intelligible Wertmaterie erkannt werden kann. Die Erkenntnis ist auf der eine Seite Gefühl/Empfindung, weil das Gefühl/die Empfindung auf der anderen Seite gerade in und aus der Geschlossenheit der universellen Vernunft als Vorstufe einer intelligiblen Wertmaterie wahrgenommen wird. Das basalste Gefühl wäre ohne Geschlossenheit eines transzendentalen Wissens als solches nicht zu verstehen und zu wissen. 1

Gehen wir vorerst davon aus, was aber noch zu rechtfertigen wäre, dass es in der Philosophie in erster Linie um Erkenntnis gehen soll, Erkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen in und aus Prinzipien und deren Darstellbarkeit, ferner um vollkommene Erkenntnis, weil Erkenntnis ja wesentlich eine werthafte Erkenntnis (die Idee des Guten) mit einschließt. Die Erkenntnis muss  aus einer unmittelbaren Evidenz hervorgehen, wobei allerdings nicht bei einer bloßen Intuition stehen geblieben werden darf, sondern die Intuition selber im Denken intelligiert sein muss!  Es ist eine Evidenz einer zeitlosen, unwandelbaren, materialen Wertfülle verlangt,  deren Realisierung in die Zweiheit einer reflexiven Subjekt-Objekt-Einheit zerfällt und sich zu einer zeitlich-geschichtlichen Realisierung öffnet und sich darin bewähren soll. 2

Eine Definition der Erkenntnis, wo wir nichts haben und nichts voraussetzen dürften – auch nicht den Begriff Gottes oder des Menschen – ist am Anfang der philosophischen Reduktion nicht möglich. Gemäß der Voraussetzung des transzendentalen Wissens ist zwar das im Wissensbild vorausgesetzte Sein ein wahres und wahrhaft erkanntes Sein, d. h. eine Nichtdifferenz zwischen Seinsbild und Wissensbild (Erkenntnisbild), aber diese Nichtdifferenz muss sich hier im Rahmen des philosophischen Vollzugs in ihrer Gültigkeit von sich her erst bewähren. FICHTE ging aus logisch-synthetischen und didaktischen Gründen zumeist den reduktiven Weg der Analyse, obwohl er den Weg der Ableitung des Wissens aus einer obersten analytisch-synthetischen Einheit natürlich stets voraussetzen musste. Die reduktiv aufzufindende und angestrebte Evidenz und Intellektion des „absoluten Wissens“ nannte er, über die faktische und vernunftnotwendige Evidenz hinausgehend, die „genetische Evidenz“,3 die als solche nicht bloß reduktiv-begrifflich erfasst sein kann. Vielmehr muss die intuierte und intelligierte Einheit des genetischen Hervorgehens des Wissens aus der Einheit der Erscheinung des Absoluten uns so gewiss und stark ergreifen, dass wir keiner Täuschung einer bloß begrifflichen, gedachten Einheit unterliegen bzw. die Erkenntnis des erkannten Seins in Anschauung und Begriff wirklich intelligiert und legitimiert werden kann.  Das philosophische Vorstellen (Anschauen) und begriffliche Denken kann bestenfalls die Bedingungen für das Sich-Erzeugen der genetischen Einsicht schaffen.

(c) Franz Strasser, 29. 10. 2015

————

1Hier finde ich das Buch von S. RÖDL, Selbstbewusstsein, 2011, schlechthin ein Rätsel, wenn er plötzlich von einem „wahren Materialismus“ (ebd., S 30) oder von einem „materiellen Substanzbegriff“ für das Subjekt ausgeht (ebd. S 169 – 177), sich berufend auf die Kategorien des Zeitlichen bei ARISTOTELES, die eben einen materiellen Substanzbegriff voraussetzen. So verständlich  RÖDL in seinen Definitionen und Beschreibungen sonst ist, so absolut unverständlich, bloß hingesagt, sind solche Aussagen vom „wahren Materialismus“. Was soll das bedeuten? Noch dazu im Zusammenhang eines erstpersonalen (ichhaften) Denkens und im Zusammenhang rein intellektueller Vorstellungen von spontaner wie rezeptiver Erkenntnis! Als würde die Bezugsart auf den Gegenstand, reflexiv oder rezeptiv genannt, selbsterklärend einen „Materialismus“ zeigen.?  

2Ich halte mich hier an R. LAUTH, Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, München 1967, S 37ff.

3Es würde zu weit führen, z. B. den Weg hier nach der WL 1804 zu schildern, oder auf die „Principien der Gottes-, Sitten und Rechtslehre v. 1805 (abk.= GSRL) oder auf die ANWEISUNGEN v. 1806 einzugehen. FICHTE beschreibt dort, jeweils auf etwas verschiedene Art, die genetische Ableitung des Wissens aus dem Absoluten. Seine Ableitung des Wissens aus dem Absoluten ist philosophiegeschichtlich einzigartig. Nur ein Zitat: „[Der Existentialakt] ist als solcher absolut selbstständig, als freies Ich aussen; heißt [:] das sich als absolut frei findende Ich ist in demselben ungetheilten Lichtstrale genetisch in Beziehung auf seine tiefern Glieder, d.h. in seinem materialen Seyn; absolute Genesis=Hypothesis, oder Soll: im absoluten Lichtstrale sage ich: also in unmittelbarer Einsicht.[/]“ [GSRL, ebd. 27]. Leider, das wäre das zu Kritisierende  an KANT und FICHTE: Sie haben aufgrund des reformatorischen Erbes die Sakramentalität in den virtuellen Vollzügen des Glaubens und des Wissens nicht mehr gesehen. 

Zum Begriff des Transzendentalen – 3. Teil

Zumeist wird in den sogenannten Erkenntnistheorien um die Normativität der Wahrheit heftigst debattiert und die Lager teilen sich, soweit ich das zu erkennen vermag, in Externalismus und Internalismus der Erkenntnistheorien. Die Quellen des Wissens kommen entweder von außen oder sind doch apriorisch in der Vernunft (innen) anzusiedeln?1

Was sind Gründe und in welchem kognitiven Verhältnis stehen Erkenntnissubjekte zu diesen „objektiven“ Gründen? Oft liest man auch von „transzendentalen“ Bedingungen der Erkenntnis und des Wissens und meint reduktiv erschlossene, unhintergehbare Bedingungen, deren Verneinung zu unhaltbaren Erklärungen oder Widersprüchen führen würden. Das ist aber eine bloß negative Form des transzendentalen Wissens, gewonnen auf dem reduktiven Weg einer supponierenden Analyse, ohne deren intuitiven und intelligiblen Rechtfertigungsgründe begründen und einsehen zu können.2

Solche „transzendentalen“ Bedingungen fallen je nach idealistischer oder realistischer Richtung der Erkenntnistheorie verschieden aus und sind eine Frage der Axiomatik, welches Argument letztlich als objektiv-gültig angesehen werden kann und soll: ein Begriff vom Sein oder der Erfahrung, oder die kommunikative Ordnung oder  der Konstruktivismus unseres Denkens, oder die Sprache, das subjektivistisch verstandene Selbstbewusstsein usw.  Der eigene Reflexionsakt des Wissens bleibt im Dunkeln. 

Es ist ziemlich verwirrend, wenn schon jede faktische Erscheinungsweise wie z. B. die Seinsfrage (Heidegger), oder die Zeit, oder der Verständnishorizont (Gadamer), die Sprache (Wittgenstein), die kommunikative Ordnung der Gesellschaft (Luhmann), das Differenzdenken (Derrida) usw. als „transzendental“ bezeichnet werden darf, nur weil die Erscheinungsweise des Seins oder der phänomenale Denk- und Wissensakt so stark und unabweisbar erscheinen. Nur die Bedingung unserer Erkenntnis im Denken zu denken und vorauszusetzen, das ist zu wenig; das verlangt nämlich wiederum nach einer höheren Bedingung des Wissens dieses Wissens und eröffnet einen unabschließbaren Zirkel, sofern nicht der Zirkel im und aus dem Wissen selbst erklärt werden kann – wie FICHTE diese Frage sich selbst oft gestellt hat. (Siehe z. B. „Begriff“ SW I, 61f; 72. 74.; GRUNDLAGE SW I, 92; WLnm GA IV/2, 128ff, 164; und in späteren Werken.) 

Die Verabsolutierung einer Seite, sei es des Denkens oder des Seins,  kann bereits bei den ersten Naturphilosophen der Antike festgestellt werden, weil sie eben ein letztes Prinzip,  ein Denkprinzip (die sog.  arché) suchten. Diese Philosophie und Hermeneutik jetzt zu brandmarken, das wäre ungerecht, denn sie fanden ja allererst die Methode des Nachforschens nach den ersten Denkprinzipien. Äußerst kritisch sehe ich hier ARISTOTELES, dessen Wirkung mit seinem abstrakten („metaphysischen“) Erkenntnisbegriff vom einzelnen Seienden notwendig zu vielen materialistischen und idealistischen Verabsolutierungen führen musste. Das Transzendentale des Wissens wurde in vielfältiger Weise, in niederen und höheren Realismen und Idealismen verobjektiviert. Natürlich finden sich starke Stellen des transzendentalen Wissens bei ARISTOTELES,  wenn er z. B. vom „sich selbst denkenden Geist“  spricht; aber leider war seine Klassifizierung des Seins ohne Ableitung aus dem Seinsakt unbegründet – und hat viel Schaden in einer oft  hypertrophen Denkweise  angerichtet.

PLATON erfasste m. E. als erster den Zirkel des Wissens und konnte ihn intuitiv-genial lösen. Dank eines apriorischen Vorwissens und einer ersten und obersten Einschränkungsbedingung der Erkenntnis des Guten vermag  jede individuelle Vernunft in Einheit mit der universellen Vernunft zu jeder Zeit („von allen für alle zu jeder Zeit“ sagt FICHTE oft in der WL 1801/02) zu erkennen, was ontologisch und gnoseologisch-epistemisch (in der Bedeutung der Begriffe) zählt und gültig und begründet und gerechtfertigt ist. Ja, es gibt Wahrheit und sie lässt sich erkennen – und sie  muss in der Disziplin der Philosophie explizit als Wahrheit und Idee herausgestellt werden.  PLATON kann mit sicheren und abgeleiteten, durch „dihairesis“ gewonnen Begriffen, exzellente Dialoge führen, um zu den  falsifizierenden Begriffen der empirischen und historischen Erfahrung zu gelangen, weil er eben die Meta-Reflexion des apriorischen Vorwissen kennt. kennt. Diese Meta-Reflexion des Wissens ist dann selbst nicht mehr nur dihairetisches, begriffliches Denken, das ergäbe einen bloßen, unendlichen Regress,  sondern transzendentales Standpunktwissen, sich wissender, bildender, bewährender Erkenntnisakt, Einheit von ontologischer und gnoseologisch gewusster Wahrheit. PLATON war hier – siehe auch Blog 1 zum Transzendentalen und diverse Blogs zu Platon – genial. Es folgten ihm wenige in dieser Weise eine transzendentalen Rechtfertigung des Wissens.3

(c) Franz Strasser, 29. 10. 2015
————–

1Der Externalismus geht von einem Außen dieses Wissens aus, der Internalismus von einem Inneren der Intuition. Siehe z. B. T. GRUNDMANN, Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie, 2008, 249 ff.

2Man kann die Erweisung des Widerspruchs bei Negierung der Voraussetzung auch als „retorsives“ Verfahren  oder Retorsion bezeichnen. Es beruht auf den im Vollzug implizierten allgemeinen Bedingungen der Möglichkeit von wahrheitsfähigen Aussagen. In modifizierter Form finden Retorsionsargumente etwa in der Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas Anwendung. Eine derartige Argumentation findet sich der Struktur nach, aber auch unter explizitem Bezug auf Wahrheit, bereits bei Aristoteles und danach vielfach in der erkenntnistheoretischen Tradition. Explizit diskutiert und dann auch als solches bezeichnet wird das Retorsionsargument v.a. im Neuthomismus, z. B. bei Joseph Maréchal, Hansjürgen Verweyen oder Béla Weissmahr. http://de.wikipedia.org/wiki/Retorsion

3Wenn man das Sonnengleichnis und das Liniengleichnis PLATONS zu dieser Stelle „Politeia“ 508/509 hinzunimmt, so ergibt sich nach M. BORDT (Platon Skriptum, Philosophische Hochschule München) sowohl eine ontologische wie eine epistemische Priorität.

Der Begriff der ontologischen Priorität leitet sich vom griechischen Terminus ta onta, d.h. ‚die Seienden‘, ab. Mit ihm wird zum Ausdruck gebracht, dass die Existenz und die Art der Existenz eines Wirklichkeitsbereichs von der Existenz und der Art der Existenz eines anderen Wirklichkeitsbereichs abhängt. Diese Abhängigkeit eines zweiten Wirklichkeitsbereichs von einem ersten besteht darin, dass ohne die Existenz des ersten Bereichs der zweite überhaupt nicht existieren kann.

Der zweite Aspekt der Abhängigkeit wird epistemische Priorität genannt. Dieser Begriff leitet sich vom griechischen Wort für Erkenntnis, episteme, ab. Die epistemische Priorität und Abhängigkeit ist eine Priorität und Abhängigkeit der Erkenntnis der Gegenstände von einer Erkenntnis  aus einem anderen Bereich. Dass es sinnvoll und unproblematisch sein kann, von epistemischer Abhängigkeit zu sprechen, lässt sich wiederum anhand des Verhältnisses zwischen der Erkenntnis der Schatten und der Erkenntnis der Gegenstände, die die Schatten werfen, plausibel machen: Wenn jemand einen bestimmten Schatten identifizieren möchte, dann kann er diesen Schatten nur durch denjenigen Gegenstand klar identifizieren, der den Schatten wirft. Ohne ein Wissen um den Gegenstand, der den Schatten wirft, ist ein wirkliches Wissen um den Schatten unmöglich. Wenn jemand die Schatten unabhängig vom Wissen des Gegenstandes identifizieren wollte, dann wäre er auf bloße Vermutungen angewiesen.

In dieser Spannung von ontologischer Priorität und epistemischer Priorität (nach der Diktion von BORDT) kann wohl die Platonische Seins- und Ideenlehre zusammenfassen als ontologisch-gnoseologische Wahrheitslehre. Es ist eine Konzeption von Wahrheit, die über einer bloß  aussagenorientierte Konzeption von Wahrheit  hinausgeht. Der ursprüngliche Begriff der Idee des Guten verleiht allen anderen Ideen  Wahrheit und Erkennbarkeit.