Zum Begriff des Transzendentalen – 7. Teil, Schluss

Wird vom Transzendental (oder Wissensakt) der Idee des Guten und einer überdisjunktiven Wahrheit ausgegangen, gibt es keine Ausflüchte für einen möglichen Skeptizismus, der gut und gern behauptet,  weil unsere Erkenntnis notwendig eine einzugestehende Zwei-Einheit von Identität ausmacht, könne keine definite Wahrheitsbestimmung und Wahrheitserkenntnis erreicht werden. Denn auch dieser Zweifel des Skeptizismus (an einer wahren und wahrhaften Identitätsbestimmung) ist nur dank einer vorlaufenden, apriorischen Einheitbestimmung (jenseits dieser Disjunktion von Wahrheit und Zweifel an dieser Wahrheit) möglich. Nur dank der notwendig disjunktionslosen Identität der Wahrheit als Abgrenzungsbedingung ist ein möglicher Irrtum und Zweifel denkbar. Die benötigte reine Identität liegt jeder bloßen Reflexionsidentität apriorisch voraus und vollzieht sich allaugenblicklich und existentiell in jedem individuellem Wissensvollzug. 

FICHTE spielte oft die Möglichkeit des Skeptizismus durch,  dass jeden das Fürchten kommen müsse, wenn er sie mitvollzöge, und wies ihn als unberechtigte Anmaßung ab. Der Skeptizismus bedient sich in seinem behaupteten Nicht-Wissen-Können genau dieser reflexiven Identitätsbestimmungen, die aus der disjunktionslosen Wahrheit kommen , aber scheinheilig weist er sie dann zurück. Er nimmt Wahrheit in einem primärreflexiven Denkakt in Anspruch, um sie sekundärreflexiv zu verwerfen.   

KANT begründete bekanntlich sein apriorisches Wissen von Erkenntnisbedingungen, mithin von Wahrheit und Identität, durch die Referenz auf die theoretische  Erfahrung; die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis sind auch die der Gegenstände selbst. Leider blieb er hier auf die sinnliche Erfahrung beschränkt, wodurch ihm der Begriff der sinnlichen Natur zu einem Absoluten geriet (wie FICHTE einmal sagt – siehe Anm.1). Im praktischen Bereich beanspruchte er zwar eine kategorische Forderung der Pflicht und eine unbedingte sittliche Idee, wodurch ihm aber wiederum die sinnliche Welt entschwand. Schließlich deutete er in der dritten Kritik (KdU)  die gemeinschaftliche Wurzel von theoretischer und praktischer Vernunft an, ohne diese Einheit aber apriorisch in der Vernunft erkennen und rechtfertigen zu können.1

Wenn es in der Philosophie um Erkenntnis des Prinzipiellen gehen soll, oder, mit anderen Worten, um die Erkenntnis des Transzendentalen, und zugleich um Entfaltung und Realisierung der Grundbestimmungen in allen Bereichen des Wissens (Natur, Moral, Gesellschaft, Religion, Philosophie), so muss in diesen Entfaltungen und Realisierungen dieses transzendentale Wissen präsent bleiben. Dieses transzendentale Wissen führt notwendig zu einem zusammenhängenden, systematischen Aufbau des Wissens, so dürftig im einzelnen unser empirisches oder gesellschaftliches Wissen auch sein  mag. Die implikationslogische Grund-Folge-Bestimmungen  und die  appositionellen Synthesen, worin alle aposteriorischen Erfahrung teilabsolut angesiedelt ist,  ergibt ein zugleich geschlossenes wie offenes System des Wissens: geschlossen sind die Prinzipien der Erkenntnis, offen ist die unableitbare, aposteriorische Erfahrung. Andernfalls wäre auch Freiheit nicht zu denken. 

M. a. W. : Für die Philosophie stellt sich die Frage, wenn sie die Prinzipien der Wirklichkeit im Ganzen erkennen will, dass sie a) nicht nur die alles bestimmende Grundbestimmung erkennen und bestimmen,  sondern b) notwendig die Frage nach einem Verhältnis der einen Grundbestimmung zu den weiteren Folgebestimmungen und deren Verhältnis zueinander klären muss. Der Zusammenhang aller ihrer Aussagen und Sätze ist dadurch gegeben, dass alle Bestimmungen in der einen Grundbestimmung übereinstimmend und in ihr als Weiterbestimmung verschieden gesetzt sind. Wären sie nicht übereinstimmend gesetzt, so könnten sie in einem Bewusstsein nicht aufeinander bezogen werden. Gäbe es umgekehrt keine Weiterbestimmungen – die eine von FICHTE erst gefundene eigenständige Reflexionsidentität (oder appositionelle Identität) notwendig macht -, könnte auch die Grundbestimmung als solche nicht diskursiv und selbstbewusst dargelegt und bewährt werden.2

Wenn alle Erkenntnisinhalte in einer Grundbestimmung zusammenhängen, so ergibt das erkenntniskritisch mithin eine geschlossene Totalität von Weiterbestimmungen, die als Prinzipiengefüge allem Wirklichen zugrundeliegt. Dieses Prinzipiengefüge entspricht, eher nebenbei gesagt, einem Kriteriumskatalog der heutigen Wissenschaftstheorie: Es ist reproduzierbar, intersubjektiv, kontrollierbar und vollständig. (Manche definieren auch das als das Transzendentale des Wissens – Reproduzierbarkeit, Intersubjektivität, Kontrollierbarkeit und Vollständigkeit.

Das eine bestimmende Grundprinzip und die daraus ableitbaren Weiterbestimmungen des Wissens müssen sich  in einem Prinzipiengefüge von Erkenntnis bewähren und realisieren lassen. KANT hat diese Aufgabe der Philosophie als Entfaltung in einem System schon klar gesehen und öfter eingemahnt. Als vollständiges System des Wissens in seinen Grundprinzipien, auch über DESCARTES hinausgehend, wurde es aber erst von FICHTE ausgeführt. 3

(c) Dr. Franz Strasser, 29. 10. 2015

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1FICHTE: In der Kritik der reinen Vernunft war ihm die sinnliche Erfahrung das Absolute (…) bei folgerechter Durchführung der dort aufgestellten Principien, (musste) die übersinnliche Welt durchaus verschwinden mußte, und als einziges Noumen lediglich das in der Empirie zu realisirende ist übrig (bleiben), in der „ Kritik der praktischen Vernunft“ (..) zeigte sich durch den inwohnenden kategorischen Begriff das Ich, als etwas Ansich, (…) über der zuletzt aufgestellten moralischen Welt, als der Einen Welt an sich, (dabei ging) die empirische verloren. (…) und es erschien die Kritik der Urtheilskraft, und in der Einleitung dazu, dem Allerbedeutendsten an diesem sehr bedeutenden Buche, das Bekenntniß, daß die | übersinnliche und sinnliche Welt denn doch in einer gemeinschaftlichen, aber völlig unerforschlichen Wurzel, zusammenhängen müßten, (….) Daß ich nun die W.-L. an diesem historischen Punkte, von welchem denn auch allerdings meine von Kant ganz unabhängige Spekulation ehemals ausgegangen, charakterisire: — eben in der Erforschung der für Kant unerforschlichen Wurzel, in welcher die sinnliche und die übersinnliche Welt zusammenhängt, dann in der wirklichen und begreiflichen Ableitung beider Welten aus Einem Princip, besteht ihr Wesen. (…) . Ihre eigene Maxime ist, schlechthin nichts Unbegreifliches zuzugeben, und Nichts unbegriffen zu lassen;“ (WL 1804, 2. Vortrag, SW X, 103.104)

2 R. LAUTH, Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, ebd. S 42.

3Es gäbe hier mehrere Belege bei KANT, siehe z. B.: „Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Theile untereinander a priori bestimmt wird. Der scientifische Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das mit demselben congruirt. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle Theile und in der Idee desselben auch unter einander beziehen, macht, daß ein jeder Theil bei der Kenntniß der übrigen vermißt |werden kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmte Grenzen habe, stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und nicht gehäuft (coacervatio); es kann zwar innerlich (per intussusceptionem), aber nicht äußerlich (per appositionem) wachsen, wie ein thierischer Körper, dessen Wachsthum kein Glied hinzusetzt, sondern ohne Veränderung der Proportion ein jedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht.“ (KrV A 833. B 860.861)

Zum Begriff des Transzendentalen – 6. Teil

Philosophiegeschichtlich ist zuletzt bei KANT das Problem des Wissens in aller Brisanz aufgeworfen worden. KANT, vorgeprägt durch eine rationalistische Metaphysik, fühlte sich stark hinterfragt durch den Empirismus HUMES, ferner durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit, und wollte jetzt eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Wissen und der Wissbarkeit überhaupt geben, mithin nach einer weiter möglichen Metaphysik Ausschau halten. (Siehe auch meine Blogs zu KANT). Er nannte es, die Frage nach einer Theorie der Erfahrung überhaupt. Kann es allgemeingeltende und zugleich objektiv-gültige, mithin synthetische Erkenntnisse a priori geben, mithin eine kritische Metaphysik –  wo doch z. B. der englische Empirismus nur die Wahrnehmung als Quelle des Wissens behauptet bzw. die Naturwissenschaft das nur angebliche experimentelle, induktive Wissen kennt, aber die impliziten, apriorischen Aussagen darin übersieht?

Wenn nach PLATON die Idee des Guten sowohl die Wahrheit (des Seins) wie die Erkennbarkeit der Wahrheit (ihres Wesens) enthalten sein soll,1 so muss es logisch der Implikation und transzendentallogisch der Apposition nach um dieses erste Prinzip gehen, wenn philosophisch eine erste und sichere und objektiv gültige Erkenntnis aufgestellt und behauptet werden soll.

Es ist bei PLATON ebenfalls unverkennbar, dass mit dieser Idee des Guten ein Sollensanspruch erhoben ist. Erkenntnis soll sein, weil die Wahrheit (des Seins) sein soll – wodurch das Gute stets als Sollen dem notgedrungen reflexiv-diskursiv verfahrenden Denken und Wissen als transzendentale Bedingung der Möglichkeit des Erkennens wie des vorausgesetzten Seins vorausgeht. Wie kann aber jetzt – umgekehrt skeptisiert – dieser Sollensanspruch der Idee des Guten behauptet werden, wenn nicht wiederum erst innerhalb der (relativen) Reflexion des Wissens?   

Um den Weg zum Begriff des Transzendentalen und dessen Wissen abzukürzen, darf ich wieder ANSELM zitieren: Er definiert in „De Veritate“: „veritas est rectitudo mente sola perceptibilis“ (DV 11 u. 13), d. h. als die allein mit dem Geiste erkennbare Richtigkeit.2

Im Geiste, mithin im Wissen und Bewusstsein, muss die Wahrheit  zu erkennen sein,  wobei die Erkennbarkeit der Wahrheit eben durch die „rectitudo“ (Richtigkeit) normiert ist. Die „rectitudo“ stellt eine Norm dar, ist eine übergeordnete Einheit des Solls. Wer die Wahrheit bloß als Begriff oder regulative Idee fasst, als  erschlossene, erdachte Bedingung eines Unbedingten zu einem Bedingten, verendlicht die Wahrheit bereits zu Bedingungen dieses seines Denkens (KANTS „regulative Idee“).

Wenn sie erkennbar ist, dann wird sie die Form einer anderen Identitätslogik aufweisen müssen als einer bloß logischen Identität.
M. a. W., der, der Aussagen macht, vollzieht zwar immer schon diese Norm, die Wahrheit zu beanspruchen (ANSELM) –  wenn er sie explizit auch wieder verwerfen und verleugnen mag – aber wie realisiert er sie wirklich? 
Unter endlichen und zeitlichen Bedingungen wird nie letztgültig entschieden werden können, ob die Norm der Wahrheit im Erkennen, Wollen und Handeln erfüllt ist oder nicht, 3
aber nichtsdestotrotz, mit den Begriffen der platonischen Anamnesislehre ausgedrückt, es ist allein das Transzendentale der Wahrheit und des Guten, das den Erkenntnis- und Wollensaktes (Vorstellen, Wollen, Handeln) ermöglicht und daran „erinnert“ (anamnesis) 

(c) Dr. Franz Strasser 29. 10. 2015

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1Siehe wieder M. ENDERS, in: zur debatte, 1/2010, S 18-20,: „Diesem klassischen Text zufolge (Politeia 508/509) teilt das Gute dem Erkannten, d. h. den Ideen, Wahrheit und dem Erkenntnissubjekt das Vermögen zur Erkenntnis der Ideen mit. Dabei wird das Gute als die Ursache für das Zustandekommen des Erkenntnisaktes und der Wahrheit bezeichnet. Das Gute selbst aber überragt in seiner Erhabenheit und Größe noch die Erkenntnis und die Wahrheit. Wie also das Licht der sichtbaren Sonne den Sinnesdingen ihre Sichtbarkeit verleiht, analog verleiht das Gute den Ideen ihre Erkennbarkeit, d. h. ihre Wahrheit. Durch das Entsprechungsverhältnis zwischen der Kausalität der Sonne und der des Guten ist es vorgegeben, dass die „Wahrheit“ als die geistige Sichtbarkeit der Ideen, d. h. als ihre Unverborgenheit, verstanden werden muss, weshalb „im Rahmen dieses Gleichnisses wohl auch die etymologische Assoziation von ,ἀ-λήθεια‘ mit Un-verborgenheit intendiert“ (J. Szaif, art. cit., Sp. 50) ist. Platon versteht also im Gefolge des Parmenides unter „Wahrheit“ die Erkennbarkeit des vollkommenen Seins (der Ideen) und vertritt daher wie dieser primär ein ontologisch-gnoseologisches Wahrheitsverständnis.“

3Dies ist eine Frage des  notwendigen Schwebens der Einbildungskraft. Sie vermittelt ursprünglich nicht nur faktisch zwischen Reflexion und Hemmung, sondern schwebt auch praktisch zwischen unendlicher und an ihr Ende gekommener Tätigkeit, weshalb dieses Schweben nie fixiert werden kann in einer letzten Erfüllung. Dies wird auch für die Ewigkeit gelten. Wenn großspurig von der Erkennbarkeit der Norm der Wahrheit gesprochen werden soll, so bleibt die menschliche Einsicht in das Richtige der Wahrheit durch das Schweben der Einbildungskraft  begrenzt. Es kommt stets die Zeit dazwischen und in der Ewigkeit die zeitlose Reflexionsform des Selbstbewusstseins, sodass jede definite Identitätsbestimmung unter der Freiheit weiterer Reflexionsbestimmungen steht.