Das Leib-Seele-Problem

In der Neurophysiologie und generell in der evolutionären Erkenntnistheorie (abk.=EE) wird die Auffassung vertreten, Erkennen sei eine Gehirnfunktion. Folglich müsse die Rede vom Bewusstsein und Selbstbewusstsein in eine nichtsubjektivistische Sprache transformiert werden. Alle mentalen Phänomene sind naturalistisch erklärbar durch Reduktion auf physische Phänomene.

Man kann die Unterscheidung zwischen Bewusstein und Selbstbewusstsein einerseits und Hirnfunktion andererseits eventuell in ein anderes Gegensatzpaar zerlegen, indem man bei den „mentalen“ Prozessen – was immer jetzt „mental“ heißen mag – von Intentionalität spricht (Brentano, Husserl), beim Gehirn  hingegen  von neuronalen Prozessen,  aber wie dann Intentionalität und Gehirn wieder zusammengehen, kann wiederum nicht erklärt werden. Es bleibt eine naturale Anomalie und ein Wunder der sinnlichen Natur, dass Geist und Leib zusammenpassen, Intentionalität und Gehirnfunktion. Was aber wäre, wenn der ganze ontologische Dualismus falsch wäre? Die empirische Natur kann weder rein naturalistisch aus sich selbst erklärt werden, noch kann diese Natur idealistisch-rational aus dem Geiste erklärt werden. Die apriorische Wissenschaft der Philosophie (oder spezifisch z. B. eine Wissenschaftstheorie), sofern sie die Prinzipien der Erkenntnis aus einem transzendental-notwendigen Grund ableiten will, zumindest hier im Sinne der Wissenschaftslehre Fichtes, kennt sowohl die Totalität der Formen der apriorischen Erkenntnis, die auch für die sinnliche Natur gelten, als auch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Darstellung der Erkenntnisprinzipien in der aposteriorischen Erfahrung der Natur. Woher diese Quantitabilität und unendliche Teilbarkeit der sinnlichen Natur kommt  – die formale Quantitabilität; die geschichtliche Quantitablität lasse ich hier weg – , ist eine weit ausgreifende Frage und will ich hier nicht darstellen; siehe dazu vorallem WL 1801/02.  Aus Gründen der Reflexion und Freiheit, bzw. aus dem genetischen Mittelpunkt des Wissens heraus muss die Materialität der SInnesempfindung (oder der Aufforderung) vorausgesetzt werden.  Die Transzendentalphilosophie ist geschlossen hinsichtlich der Prinzipien, aber offen hinsichtlich der aposteriorischen Erfahrung, also ideal und real zugleich – und nur so kann sie sich selbst als Prinzipienerkenntnis begreifen – und kann das gegenseitige Bedingungsverhältnis von Leib und Seele begreifen (ohne das damit das Wissen selbst empirisch bedingt sei.) 

Bereits in der OFFENBARUNGSCRITIK § 2 von 1793, als das Grundprinzip der WL noch nicht entdeckt war, der transzendentale Akt des Sich-Wissens,  gelang FICHTE eine Synthese von Sittlichkeit und Sinnlichkeit im Begriff des Triebes. Der Trieb ist nicht der Gegenspieler des Sittengesetzes, sondern deren erster, lebendig-praktischer, vorreflexiver Ausdruck der Verwirklichung des Sittengesetzes. Vollends dann, aus der genetischen Einheit des Wissens heraus,  kann FICHTE  aber in der  WLnm von 1796/97 den Leib als eine transzendental notwendige Bedingung des freien Willens, damit sich dieser sowohl prädeliberativ wie deliberativ-frei ausdrücken kann, ableiten.  Der Leib ist nicht eine unerklärliche „res extensa“ einer damit nicht zu vermittelnden „res cogitans“ des Geistes [der Seele], vielmehr gehören Leib und Geist einer Gattung an. Der Leib ist selbst eine intelligible Willensmanifestation des Geistes.  Die Naturkraft, die gemeinhin von der Einzelwissenschaft z. B. von der Physik in einem objektivistischen Sinne vorausgesetzt wird, ist ein Analogon einer inneren Kraft. Alle Außenkausalität ist ein Analogon einer inneren Willenskausalität. Allen sinnenweltlichen Erscheinungen liegt ein intelligibles Substrat zugrunde, das sich quantitiert verwandelt darstellt. Jeder Dualismus von Geist und Materie, Seele und Leib, muss in einer transzendental-reflexiven Durchdringung der Wirklichkeit überwunden werden können zugunsten einer prinzipiellen Einheit von Denken und Sein, Seele und Leib.

Der Wille zu äußeren Bedingungen angeschaut – das ist der ausschematisierte Leib; der Wille zu inneren Bedingungen angeschaut – das ist die intelligible, sittlich-doxische Wirklichkeit, die ethische, gesellschaftliche und religiöse Wirklichkeit.

Die sich veräußernde, sich ausschematisierende Kraft des Willens ist dabei die transzendental angeschaute Leibeskraft. 

Die WLnm von 1796/97 – ach, wäre sie gelesen worden!  –demonstriert sehr anschaulich, wie Freiheit und Natur zusammenwirken im System der Sensibilität [§ 8, § 11; § 13], in der Ableitung der Sensorik und Motorik des Leibes [§ 14 [GA IV, 2, 155ff], in der Ableitung der Organizität [§ 15; GA IV, 2, 171f]; schließlich in der Ableitung des Begriffes der Kraft [§ 17; GA IV, 2, 197f und 210ff] und in der Ableitung der Artikulation und Organisation [§ 19; GA IV, 2, 256 – 261]. 

Oder, zeitlich parallel entstanden dazu die „Sittenlehre“ von 1798: Das geistige in mir, unmittelbar als Princip einer Wirksamkeit angeschaut, wird mir zu einem Willen. Nun aber soll ich auf den schon oben seiner Entstehung nach beschriebenen Stoff wirken. Aber es ist mir unmöglich, eine Wirkung auf ihn zu denken, ausser durch das, was selbst Stoff ist. Wie ich mich daher, wie ich muss, wirkend denke auf ihn, werde ich mir selbst zu Stoff; und inwiefern ich so mich erblicke, nenne ich mich einen materiellen Leib. Ich, als Princip einer Wirksamkeit in der Körperwelt angeschaut, bin ein articulirter Leib; und die Vorstellung meines Leibes selbst ist nichts anderes, denn die Vorstellung meiner selbst, als Ursache in der Körperwelt, mithin mittelbar nichts anderes, als eine gewisse Ansicht meiner absoluten Thätigkeit. (Sittenlehre 1798, SW IV, 11)1

Wegen der gebotenen Kürze und m. E. richtigen Interpretation der Wlnm darf ich G. COGLIANDRO sprechen lassen. Er hat die fünffache Realisation der Vernunft in ihrem systematischen Zusammenhang der Selbstbestimmung des Ichs und des reinen Willens in ihrer Dialektik treffend dargestellt – und schreibt zum Körper/Leib: „Das Schweben des Ichs wird durch die empfindsame Kraft versinnlicht. Indem sie mit einem Objekt in Kontakt kommt und eine Einschränkung wahrnimmt, erfährt die Einbildungskraft die Grenzen des zu umreißenden Bildes, und die sinnliche Mannigfaltigkeit tritt in Bewegung: dieser Prozeß wiederholt sich mit unbestimmter Vielfalt in jedem Augenblick des zeitlichen Bewußtseins des Ichs. Aus dieser Idee von einer Fähigkeit, die Bilder zu liefern, entsteht der Körper, der die erste Bestimmung der wirklichen Reihe ist. Der Körper erscheint dem Ich unter zwei wesentlichen Aspekten: als artikuliert und organisiert. Der Körper erscheint als ein artikulierter, weil er sich aus der Masse der unbestimmten Mannigfaltigkeit, somit nach der zweiten Form des Reflexiongesetzes (sc. das Herausgehen des Ichs überhaupt aus sich setzt eine ideale Reihe und eine teilbare reale Reihe; letzteres nennt COGLIANDRO „zweites“ Reflexionsgesetz; diese wirkliche, reale Reihe ist der Form nach bedingt, weil sie die teilbare Mannigfaltigkeit setzt.) hervorhebt: der Körper erscheint demnach in seinem Inneren als Objekt einer denkenden Tätigkeit bestimmt. Unter dieser Form ist der Körper Objekt des Handelns des Denkens. Der Körper erscheint dagegen als ein organisierter nach der ersten Form des Reflexiongesetzes, (sc. das erste Reflexionsgesetz setzt den Zweckbegriff ohne sinnliche Objekte an als Anfang der praktischen Wissenschaftslehre, mithin als Selbstbegründung aus einem absoluten, sich selbst hellen Grund der praktischen Selbstbestimmung) also im Gegensatz zu einem anderen Körper und in der Abgrenzung zu den Funktionen der einzelnen Organe. Nach dieser Form ist der Körper nicht mehr Objekt des Denkens, sondern dessen Werkzeug. Er ist bestimmt, nicht mehr bestimmbar, da die Vorstellung, die das Ich von ihm hat, bestimmt und in ihrer Genesis vollendet ist. Der Körper kann somit sinnliche Handlungen ausführen.

Das Ich findet sich in der wirklichen Welt durch die Körperlichkeit, die durch die Abgrenzung des Produkts der produktiven Einbildungskraft im Gegensatz zur Masse des wirklichen Bestimmbaren gegeben und in ihrem Inneren als organisierte bestimmt ist: der Prozeß der Konstruktion der Körperlichkeit, vom Ich vollzogen, ist die Form, in der der Körper für das Ich existiert, abgesehen von seiner Erscheinung in der Welt. So vervollständigt sich die synthetische Reihe durch die Entstehung des Körpers nach natürlichen Gesetzen, in denen sich ein Ich, das sich einige Pflichten gibt, identifiziert: „Die Beschränktheit der Freyheit als solcher ist ein sollen und die Beschränktheit eines Seyns ist ein müßen.” (WLnm, GA IV, 2, 239) Der Körper, der als zum Ich gezwungen scheint, erscheint auch als Körper, der vom Ich produziert werden muß, so wie die Bestimmtheit der moralischen Pflicht als eine Bestimmtheit erscheint, die vom Ich produziert werden muß.“ (G. Cogliandro, ebd. S 196.197)  3

(c) Dr. Franz Strasser, 25. 5. 2015

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1 Es ist m. E. ein beschämendes Ereignis, wie bis jetzt die Einheit von Seele und Leib außerhalb einer transzendentalen Erklärungsart zu beschreiben versucht wird. Es wird von emergenten Erscheinungen gesprochen, von „Geist-Philosophie“, von prästablierten Harmonien usw. Zum Leib-Seele-Zusammenhang könnte auch  auf die PLATNER-Vorlesungen (GA II, Bd. 4) verwiesen werden. (Ebenso zeitlich parallel zur WLnm.) 

2Zur Fünffachheit der Vernunftrealisation u. a. als leibliche Veräußerung siehe die sehr kompakte Zusammenfassung der Wlnm bei Giovanni Cogliandro, Die Dynamik der Fünffachheit in der Wissenschaftslehre nova methodo, in:  in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beitrage aus der aktuellen Fichte-Forschung. (Hrsg von E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto). Frommann-Holzboog 2001, pp. 167-198. Dankenswerterweise auch ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download: https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

3 An Sekundärliteratur einer transzendentalen Naturlehre verweise ich auf R. LAUTH, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Meiner Verlag Hamburg 1984, und speziell zur Anwendung der transzendentalen Naturlehre auf die Sinnesorgane verweise ich auf A. MUES, Die Einheit unserer Sinnenwelt. Freiheitsgewinn als Ziel der Evolution. Eine erkenntnistheoretische Untersuchung. Verlag W. Fink, München 1979.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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