Von der Unsterblichkeit der Seele, Menon 85d – 86b

1) Es gibt eine schöne Szene im Buch MENON, worin Sokrates beweist, dass jeder Mensch kraft seiner Seele an den ewigen Ideen und an der Unsterblichkeit Anteil haben muss.

Ein Sklave, der einem Menon gehört und bei ihm geboren und aufgewachsen ist, der noch nie etwas von Geometrie oder Mathematik gehört hat, gibt von sich her die richtigen Antworten, wenn er von Sokrates geschickt ( durch kluges, wissenschaftliches Fragen befragt wird.

Durch Wieder-Erinnerung d. h. durch ein analysierendes Verfahren, kann jeder Mensch (jede individuelle Vernunft) sich dieses apriorischen Vorwissens bewusst werden.

Wir haben zwar in uns ebenso ein zeitliches Wissen durch Sinneserfahrung und Wahrnehmung, aber das ist sozusagen das sekundäre Wissen. Das ursprüngliche, primäre Wissen ist dieses zeitlose Wissen, woran die Seele Anteil hat. Wenn wir Überzeitliches wissen – wie der Sklave des MENON durch seine Aussagen ja beweist – muss die Seele auch unter diesen überzeitlichen Bedingungen existieren, sonst hätten wir nicht dieses Wissen. Nicht faktisch nachweisbar, aber dem Denken nach notwendig, muss die Seele überzeitlich (und somit unsterblich) sein, weil sie ja Überzeitliches weiß.

Wir stehen zwar unter vielerlei Sinneseindrücken, aber das höhere Wissen ist das apriorische Wissen, das vor aller Zeit immer schon in der Seele ist. Es kann nie gänzlich verloren gehen. Jeder Mensch hat Anteil an diesem Vorwissen, und so kann jeder getrost sein, was du jetzt nicht weißt, das heißt aber, dessen du dich nicht erinnerst, trachten kannst, zu suchen und dir zurückzurufen.“ (Siehe Schluss der Passage.)

2) Das ist natürlich alles Transzendentalphilosophie – und ich gebe hier nur frei ein Seminar mit Dr. BADER wieder: Wir setzen im Wissen stets a) ein uns transzendierendes und b) ein in uns liegendes, immanentes Wissen voraus. Wir sind nicht nur verobjektiviertes Sein, zu klassifizierendes und zu bestimmendes Sein, sondern zugleich Seiendes in Verbindung mit Wissen und selbstbewusstem Wissen. Das apriorische und selbstbewusste Wissen muss dabei ständig in unserer Erkenntnis mitlaufend gedacht werden, wenn wir es auch nicht thematisieren, weil wir sonst überhaupt nichts wüssten und keine Erkenntnis hätten. Wir wüssten ja gar nichts im bestimmten Sinne, wenn wir es nicht von der Einheit des Wissens her und im Lichte der Wahrheit wüssten. Platons Ideen sind diese apriorische Wissensinhalte, die unser sekundäres Wissen und übrigen Wahrnehmungen ständig aktiv konstituieren und begleiten. Wir hätten nicht einmal die kleinsten Empfindungen, wären sie nicht vom Wissen begleitet und im Wissen  gefasst. In jedem alltäglichen Wissensakt ist das apriorische Wissen enthalten. Ich könnte weder ein Einzelnes noch eine Mannigfaltigkeit z. B. von Sinneseindrücken, wahrnehmen, hätte ich nicht den Begriff des Verschiedenen und darauf aufbauend den Begriff des Unterschiedenen und Gemeinsamen. Verschiedene und Unterschiedene treffen sich in einem Minimum der Gemeinsamkeit und einem Maximum der Verschiedenheit und Unterschiedenheit. Es ist stets die Funktion der Einbildungskraft, die uns die Gegensätze zur Anschauung verarbeitet und synthetisiert. Der Verstand tut dann sein Weiteres, um in theoretischer und praktischer Funktion der Einbildungskraft das alltägliche und weitere Wissen aufzubauen.

Das Einheitswissen, das ist die Idee in allem, das muss bezüglich der höchsten Prinzipien a priori sein, zeitlich „vorher“, überzeitlich – und wie in THEAITETOS besonders ausgeführt – auch über-räumlich. Eine punktuelle Wahrnehmung wird als solche nicht gewusst. Erst das übergreifende, überzeitliche und überräumliche Wissen bestimmt das einzelne Wissen. Dieses Wissen des Einzelnen, der Vielfalt, die Mannigfaltigkeit, es ist gerade damit kein bloßer Schein, kein Nichts, aber es ist nur in der Einheit des Wissens wirklich. Selbst der Gegensatz, dass z. B. ein A ist nicht gleich Nicht-A, als Widerspruch gesehen wird, wird nur gewusst, weil auch das Gegenteil im Wissen gewusst und zugleich angeschaut wird. Das Nichtseiende ist nur kraft des Seienden (PARMENIDES).

Das apriorische Vorwissen weiß stets mehr als bloßes individuelles Wissen, es ist allgemeines Wissen, zeitübergreifend und überzeitlich, nicht räumlich, ferner dynamisch projektiv und intuierend. Es kann als zeitübergreifendes, nicht räumliches, dynamisch-lebendige Wissen  beschrieben werden, oder mit PLATON gesagt, als Seele.

Diese überzeitliche und damit auch unsterbliche Seele widerspricht nicht einem christlichen Gedanken der Schöpfung. Sie ist überzeitlich, ewig, aber gerade deshalb geschaffen, denn nur kraft der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und des Wissens ist sie überzeitlich und im ewigen Schöpfungsakt nimmt sie Anteil an den Ideen.

3) Die überzeitliche, unräumliche Seele ist  ohne Gottesbegriff nicht denkbar. Es verläuft hier die Argumentation ähnlich: Ohne vorlaufendes Wissen der Existenz Gottes, ohne methodischer Konsequenz einer spirituellen Rückbesinnung auf das Einheitsprinzip schlechthin, wäre keine Einheit des Wissens möglich. Deshalb muss so notwendig Gott sein, wie die Seele und das apriorische Vorwissen überzeitlich und überräumlich sind. Die Gottesidee ist transzendentaler Bezugspunkt allen Wissens, transzendente wie immanente Bezugsidee des Sich-Wissens.

Dieses apriorische Vorwissen von Gott kann a) in gewissem Sinne nur negativ durch Abstraktion von allem sinnlichen Wissen wissbar sein (Negative Theologie) oder b) in gewissem Sinne auch positiv wissbar sein, weil sich das Wissen ja selbst bestimmt! (Diese Dialektik von Negativer und Positiver Theologie hat vorallem DIONYSIOS AREOPAGITA beschrieben.)

Die Bestimmtheit und Konkretheit des Seins kommt der Einheit des Wissens notwendig und virtuell zu. (Siehe ebenfalls SOPHISTES).

Durch Schlussfolgerungen, wie bei THOMAS öfter ausgesprochen, kann nie Gott erreicht werden. Umgekehrt aber muss es möglich sein, Gott zu denken, denn die Bedingungen der Endlichkeit, wenn sie denn als solche behauptet werden, freilich nur als Erscheinungen!, sind die der Unendlichkeit. Für das Wissen der Endlichkeit brauche ich bereits einen Abschlussbegriff eines absoluten Wissens, damit es als solches bestimmt werden kann, d. h. überzeitliches und überräumliches Wissen, eine geistige Einheit.

4) In der Hl. Schrift ist oft vom apriorischen Vorwissen Gottes die Rede, muss es auch sein, denn wie wollten wir sonst von Gott etwas wissen! Alles andere ist Positivismus, Fideismus, blinder Gesetzesgehorsam, Anthropomorphismus. Weil wir an Gott partizipieren, können wir Aussagen von ihm machen. Besonders in der Sprache des Neuen Testamentes, in Aussagen des Apostels PAULUS oder im JOHANNES-Evangelium, sind diese platonischen Ideen vielfältig rezipiert. Die Hagiographen hätten es nicht getan, wenn ihnen diese Philosophie als agnostisch oder gar atheistisch vorgekommen wäre. Die Offenbarung Gottes konnten sie als solche nur verstehen, weil ihnen das Begriffsinstrumentarium bereits in die Hände gelegt worden war.

Anbei der deutsche Text eines Auszuges aus MENON.

SOKRATES: Ohne daß ihn also jemand lehrt, sondern nur ausfragt, wird er wissen und wird die Erkenntnis nur aus sich selbst hervorgeholt haben.

MENON: Ja.

SOKRATES: Dieses nun, selbst aus sich eine Erkenntnis hervorholen, heißt das nicht sich erinnern?

MENON: Allerdings.

SOKRATES: Und hat etwa nicht dieser die Erkenntnis, die er jetzt hat, entweder einmal erlangt oder immer gehabt?

MENON: Ja.

SOKRATES: Hat er sie nun immer gehabt, so ist er auch immer wissend gewesen. Hat er sie einmal erlangt, so hat er sie wenigstens nicht in diesem Leben erlangt. Oder

S85e hat jemand diesen die Meßkunst gelehrt? Denn gewiß wird er mit der ganzen Meßkunst ebenso verfahren, und mit allen andern Wissenschaften auch. Hat nun jemand diesen dies alles gelehrt? Denn du mußt es ja wohl wissen, da er in deinem Hause geboren und erzogen ist?

MENON: Ich weiß sehr gut, daß niemand sie ihn jemals gelehrt hat.

SOKRATES: Er hat aber diese Vorstellungen; oder nicht?

MENON: Notwendig, wie man ja sieht.

SOKRATES: Wenn er sie aber in diesem Leben nicht erlangt hat und daher nicht wußte,

S86a so hat er sie ja offenbar in einer andern Zeit gehabt und gelernt.

MENON: Offenbar.

SOKRATES: Ist nun nicht dieses doch die Zeit, wo er kein Mensch war?

MENON: //III37// Offenbar.

SOKRATES: Wenn also in der ganzen Zeit, wo er Mensch ist oder auch, wo er es nicht ist, richtige Vorstellungen in ihm sein sollen, welche durch Fragen aufgeregt Erkenntnisse werden, muß dann nicht seine Seele von jeher in dem Zustande des Gelernthabens sein? Denn offenbar ist er durch alle Zeit entweder Mensch oder nicht.

MENON: Das ist einleuchtend.

S86b SOKRATES: Wenn nun von jeher immer die Wahrheit von allem, was ist, der Seele einwohnt, so wäre ja die Seele unsterblich, so daß du getrost, was du jetzt nicht weißt, das heißt aber, dessen du dich nicht erinnerst, trachten kannst, zu suchen und dir zurückzurufen.

Es ist eine Form des ontologischen Gottesargumentes, wie es später ANSELM formulieren wird. Die Seele muss den Bedingungen gemäß existieren, was sie hier einsieht. Das ist eine intuitive Einsicht, keine diskursive, erst durch den Verstand in der Zeitform geschlussfolgerte Erkenntnis. Wenn die Seele überzeitliche Wahrheit einsieht, überzeitlich Gültiges, muss sie gemäß dieser Wissensweise existieren. Die Wissensweise hat Konsequenz für die Existenzweise.

Im unmittelbaren Argumentationsgang vorher hieß es:

SOKRATES: Wenn er sie aber in diesem Leben nicht erlangt hat und daher nicht wußte,

S86a so hat er sie ja offenbar in einer andern Zeit gehabt und gelernt.

MENON: Offenbar.

SOKRATES: Ist nun nicht dieses doch die Zeit, wo er kein Mensch war?

MENON: //III37// Offenbar.

SOKRATES: Wenn also in der ganzen Zeit, wo er Mensch ist oder auch, wo er es nicht ist, richtige Vorstellungen in ihm sein sollen, welche durch Fragen aufgeregt Erkenntnisse werden, muß dann nicht seine Seele von jeher in dem Zustande des Gelernthabens sein? Denn offenbar ist er durch alle Zeit entweder Mensch oder nicht.

Der Sklave war implizit immer schon ein Wissender. Er hat das Wissen nicht erst in diesem Leben erworben. PLATON entdeckt hier im MENON großartig die Apriorität unseres Wissens. Nicht auf empirischem Weg erwerben wir dieses apriorische Wissen, sondern schon vor unserer Geburt haben wir es empfangen (von Gott).

Nochmals kurz vorher:

SOKRATES: Hat er sie nun immer gehabt, so ist er auch immer wissend gewesen. Hat er sie einmal erlangt, so hat er sie wenigstens nicht in diesem Leben erlangt. Oder

S85e hat jemand diesen die Meßkunst gelehrt? Denn gewiß wird er mit der ganzen Meßkunst ebenso verfahren, und mit allen andern Wissenschaften auch. Hat nun jemand diesen dies alles gelehrt? Denn du mußt es ja wohl wissen, da er in deinem Hause geboren und erzogen ist?

MENON: Ich weiß sehr gut, daß niemand sie ihn jemals gelehrt hat.

SOKRATES: Er hat aber diese Vorstellungen; oder nicht?

MENON: Notwendig, wie man ja sieht.

PLATON spricht hier die Messkunst an „und alle anderen Wissenschaften“ – gemeint sind Wissenschaften, in denen ausdrücklich apriorisches Wissen mitkonstitutiv angesetzt ist. Es hat heute der Naturalismus ein derartiges Übergewicht, dass solche Botschaft des PLATON direkt Kopfschütteln hervorruft.

Umgekehrt aber gefragt, es gäbe kein empirisches Wissen, wenn es nicht auch apriorisches Wissen gäbe.

Einzig die Transzendentalphilosophie scheint mir hier eine Begründung der Wissenschaft bieten zu können, denn sie thematisiert das apriorische Wissen, oder mit PLATON gesprochen, das überzeitliche Wissen. Es muss eine unmittelbare Evidenz geben, aber  alle diskursive, erst durch den Verstand in schlussfolgerndem Denken erreichte Erkenntnis ist nicht mehr a priori, weil im diskursiven Übergehen von einer Setzung zur anderen die Zeitform – und nicht die platonische Überzeitlichkeit – einfließt. Die durch den Verstand erreichte Erkenntnis ist nicht mehr die im Ausgang gewusste Erkenntnis und könnte so folglich nicht in einer äquivalenten Gleichung von Endpunkt und Anfangspunkt gebracht werden. Es muss die Vertrauensvoraussetzung gelten, dass Ausgangspunkt und Endpunkt des Wissens gleich sind. Wodurch wird das gerechtfertigt? Nicht durch die Zeit selbst und durch den die Zeit durchlaufenden Verstand – sondern wiederum nur im apriorischen Wissen und in der Einheit des Wissens wird die Äquivalenz einer Gleichung bewahrheitet.

Im Schlusswort von „… trachten kannst, zu suchen und dir zurückzurufen“ kann verwiesen werden auf das Höhlengleichnis in der POLITEIA: Der Seele müssen nicht erst die Augen des Wissens eingesetzt werden, sie muss nur (durch „geschicktes Fragen“) umgewandt werden. Es wird ihr nicht Neues an sich verkündet, sie hat es schon! Sie besitzt bereits das apriorische Vor-Wissen, und in der Denkfigur der „anamnesis“, der Wieder-Erinnerung, wird es sich dieses Wissens bewusst.

Alles diskursive Wissenschaft ist Wiedererinnerung an den ursprünglichen Besitz. Selbst das empirische Wissen, das ich nur erfahren kann, ist nur zum Teil empirisch: denn die Form dieser empirischen Erfahrung ist gerade dieses Geistige des apriorischen Vorwissens, ist ein intelligibler Gehalt, der sich in der Erscheinung und Empirie verwandelt darstellt.

KANT hat das auf niederem Niveau in dem genialen Gedanken des Schematismus ausgedrückt: mittels des zeitlichen Schemas wenden wir die intelligiblen Begriffe auf das Sinnliche der Erfahrung an. So kommt eine Einheit des subjektiven wie objektiven Wissens zustande.

Das ist PLATON oder Transzendentalphilosophie: Das Empirische erscheint im selben genus (derselben Gattung) der Erkenntnis wie das Geistige –  in der  platonische Apriorität des Wissens und der Anamnesislehre. Die apriorische Konstitution spielt in jede empirische Erkenntnis hinein, sonst gäbe es überhaupt keine Erkenntnis – und umgekehrt wäre keine freie Erkenntnis möglich, gäbe es nicht die notwendige (apriorisch abgeleitete) Mannigfaltigkeit der empirischen Erfahrung.

(c) Franz Strasser 8. 4. 2017 

Nach einer Vorlesung von Dr. Franz Bader

Zum Begriff des Transzendentalen – 1. Teil

Platon, Glyptothek München

1) Unter dem Begriff des Transzendentalen schwirrt alles Mögliche an Meinungen und Ansichten herum, sodass ich mich selber auf die Suche gemacht habe, wie ich diesen Begriff adäquat definieren möchte. Eine bloße Worterklärung oder philosophiehistorische Auskunft hilft uns hier nicht weiter, weil ja gerade nicht eine zufällige, willkürliche oder zeitabhängige Definition gesucht werden soll – was dann keine Definition mehr wäre, sondern nur Konvention, Willkür – , sondern die Idee des Wortes „transzendental“ bzw. als Substantiv ausgedrückt, das Transzendentale, soll in seinem wahrem Wesen, d. h. dem Begriffe nach, eingesehen werden. Gibt es einen wahrhaften und entsprechend wirklich zu rechtfertigenden Begriff des Transzendentalen und seines Wissens? Es betrifft diese Frage die Hauptfragen der Metaphysik, angefangen von der Antike bis zur Neuzeit, ferner auch die Hauptfragen einer Analytischen Philosophie oder einer Sprachphilosophie oder anderer strukturellen Ansätze, die für sich oft den Anspruch einer „transzendentalen“ Erklärungsart oder eines „transzendentalen“ Wissens erheben, indem sie von unhintergehbaren Bedingungen wie dem Selbstbewusstsein, der Sprache oder anderer hermeneutischen Bedingungen ausgehen, die quasi „selbstredend“, intuitiv, rechtmäßig, öffentlich, diskursiv, „logisch“, mit einem Wort, reflexiv bewusst gemacht werden können. Diesen Anspruch können m. E. aber alle empirischen Wissenschaften, alle formalen Anschauungen der Mathematik, alle hermeneutischen Wissenschaften, alle sprachlichen  und subjektorientierten Wissenschaften, nicht rechtfertigen. Denn „transzendental“ ist eine Bedingung, die in sich, aus sich, durch sich,  selbstbegründend einleuchtet und intelligiert werden kann. „Transzendental“ kann letztlich nur eine Einsicht in den Wahrheits- und Geltungsgrund des Absoluten sein, wie er genetisch als Wissen (Fichte sagt „absolutes Wissen“ an der entsprechenden Stelle der Ableitung in der WL 1801/02)  sich konstituiert, und die WL ist genau diese Mitte und Explikation des Wahrheits- und Geltungsgrundes, die Mitte zwischen hervorgehendem und in sich geschlossenem Wissen (Bilden). Es ist prinzipielles, systematische Wissen, das notwendig zugleich offenes Wissen sein muss, weil aus Gründen des freien Reflektierens und Wollens der Gegensatz des Seins unableitbar bleibt. Die WL reflektiert den eigenen Wissensstandpunkt als ein genetischen Hervorgehens seiner selbst (als Selbstbewusstsein im Bewusstsein aus dem Wahrheits- und Geltungsgrund), und ist dementsprechend aber schon faktisches Wissen, getrennt in Denken und Sein. Erkenntnis und Gewissheit des Absoluten und daraus und damit Erkenntnis der Erkenntnis der Phänomene, beides zusammen  macht die WL aus. 

Natürlich nimmt man in den Anfangsbestimmungen gleich wichtige Entscheidungen vorweg, aber um einsteigen zu können, definiere ich vorläufig und ganz allgemein das Transzendentale und das dieses spezifizierende transzendentale Wissen als apriorisches Vorwissen, das jeder Mensch kraft Vernunft in seinem Vernunftvollzug realisiert – und theoretisch-praktisch alle Wissensbereiche des Fühlens, Wollens, Handelns und Vorstellen umfasst. Dieses apriorische Vorwissen entspringt genetisch aus dem Wahrheits- und Geltungsgrund der Wahrheit – und dieses Wissen (Bilden) zu reflektieren und selbst zu thematisieren in Objekt- und Subjektwissen, das ist die Transzendentalphilosophie nach Fichte. Diese Selbsthematisierung des Wissens ist immer wieder in der Geschichte aufgefallen – und deshalb können viele Philosophen zu dieser Selbstreflexion des Wissens gezählt werden: PLATON, PLOTIN, ANSELM, DESCARTES, KANT und FICHTE. (Noch zu Fichtes Zeit kam mit Schelling und Hegel leider der Abfall von der transzendentalen Selbstreflexion. Das Absolute wurde selbst Gegenstand einer „Identitätsphilosophie“, worunter aber nichts anderes zu verstehen ist als Gegenstand einer relativen Reflexion.)  

2) PLATON entwickelt in vielen Dialogen und Gleichnisse dieses apriorische Vorwissen. Am schönsten vielleicht in der „Politeia“ 509 b, wo er klar die Idee des Guten als Bedingung der Möglichkeit der Erkennbarkeit der Wahrheit und des Erkenntnisvermögens, mithin auch als Bedingung der Möglichkeit des Wissens überhaupt, beschreibt. Ehe ich anderes Wissen oder endliches Wissen (oder Bilder des Wissens) haben kann, muss ich zuerst schon das Wissen des Vollkommenen haben. Ähnlich dann auch DESCARTES mit seinem „cogito, ergo Deus est.“ Die unbedingte Erkenntnis ist die Abgrenzungsbedingung jeder bedingten Erkenntnis.

Dieses also, was dem Erkannten Wahrheit und dem Erkennenden das Vermögen (sc. zu erkennen) verleiht, sage, sei die Idee des Guten. Aber bedenke, dass sie (sc. die Idee des Guten) von Erkenntnis und Wahrheit, sofern diese erkannt wird, zwar Ursache ist, so wirst du doch, so schön auch diese beiden, Erkenntnis und Wahrheit, sind, nur richtig von diesem (sc. dem Guten) denken, wenn du es für etwas anderes und noch Schöneres hältst als diese beiden (sc. Erkenntnis und Wahrheit). Wie dort (sc. im Bereich des Sichtbaren) das Licht und das Sehvermögen für sonnenartig zu halten zwar richtig ist, für die Sonne selbst zu halten, aber nicht richtig ist, so ist es auch hier (sc. im Bereich des rein geistig Erkennbaren) zwar richtig, diese beiden, die Erkenntnis und die Wahrheit, für gutartig zu halten, nicht aber ist es richtig, welches von beiden auch immer für das Gute selbst zu halten, sondern noch höher ist die Beschaffenheit des Guten einzuschätzen.“ (Platon, Polit., 508e1 – 509a5).

Im Klartext gesprochen und mit PLATON seit 2500 Jahre nachgesprochen und nachvollzogen:1 die unausgedehnte und auch zeitlose Einheit, in der die verschiedenen Disjunktionen von Idealität und Realität, von Denken und Sein,  als bereits möglich denkbare und erkennbare Teilrealisierungen dieser vollkommenen Einheit eingesehen werden können, mithin eine Einheit von Wahrheit (Einheit von Denken und Sein im absoluten Sinne: es ist, wie es sich weiß, und es weiß sich, wie es ist)  und Gutsein (Einheit von Anspruch und Erfüllung: es will, was es soll, und soll, was es will)  – das ist das Transzendentale schlechthin, wodurch alles Wissen und Teilrealisationen dieses Wissens (als Vorgestelltes, besser als Gebildetes) in ihrer systematischen Einheit ermöglicht sind.  

PLATON hat diese Einheit  –  nennen wir sie disjunktionslose Wahrheit – bereits genial und metaphorisch umschrieben. Man beachte nämlich dabei die Schwierigkeit: Setzt nicht jeder Bestimmung eine Differenz und Disjunktion voraus? Wie sollten dann die Möglichkeitsbedingungen der Bestimmbarkeit einer disjunktionslosen Wahrheit, die Bestimmbarkeit eines relationslosen Absoluten, formal bestimmt werden? SCHELLING und HEGEL haben das Problem nicht einmal gesehen – und mit ihnen viele Leute bis heute, die unbedarft über das Absolute spekulieren oder im Selbstwiderspruch ein Absolutes ablehnen. Platon hat es genial so ausgedrückt, dass er metaphorisch meinte, die Idee des Guten sei „noch höher“ als eine bloß reflexiv bestimmte Wahrheit zu schätzen. Siehe Sonnengleichnis des 6. Buches der „Politeia“. Es ist die Idee des Guten, die „über das Sein an Würde und Kraft hinausragt“ („all‘ eti epekeina tes ousias“) 509b.  
[e] „Jene Kraft also, die den Objekten des Denkens die Wahrheit und dem erkennenden Subjekt die Kraft des Erkennens gibt, bestimme als die Idee des Guten. Zwar wird sie, die Ursache des Erkennens und der Wahrheit, durch den Verstand erkannt, aber – wiewohl diese beiden, nämlich Wahrheit und Erkenntnis, schön sind – so wirst du dennoch das Rechte treffen, wenn du die Idee des Guten für etwas anderes und für noch schöner hältst als diese beiden. [509a] Wie du dort Licht und Sehkraft mit Recht für sonnenähnlich, nicht aber für die Sonne hältst, so tust du hier gut, Erkenntnis und Wahrheit für ‚gutähnlich’, nicht aber – ob das eine oder das andere – für das Gute zu halten; höher noch zu schätzen ist – seinem Wesen nach – das Gute.

Es muss eine Einheit gesucht und gefunden werden können, die relationslose Einheit ist, die aber alle weiteren Relationen und Disjunktivitäten und gegensätzlichen Denkbestimmungen als solche in ihre Denkbarkeit und Wissbarkeit entlässt kraft des Lichtes und kraft des ichhaften Sehens. Ohne diese relationslose Einheit bliebe man ewig in realistischen oder idealistischen  Teilverabsolutierungen des Wissensaktes befangen, und umgekehrt: Ohne Öffnung dieser Einheit zu einer reflexiven, begrifflichen Einheit hin (im Existentialakt, in der Sichtbarkeit überhaupt, in der Erscheinung)  bliebe das Wissen ein leerer Begriff. Die disjunktionslose Wahrheit muss Einheitspunkt wie Disjunktionspunkt des Wissens gleichzeitig sein: Analytische und synthetische Einheit des Denkens.

Diese Einheit kann nicht bloß regulativ zurück erschlossen und dann als Begriff  supponiert werden, wie es die diskursiv verfahrende Vernunft in ihren Schlüssen auf die unbedingte Bedingung alles Bedingten notwendig tut – und wie KANT meint, diesem dialektischen Schein kritisch beigekommen zu sein.2 Es bleibt aber bei KANT der Begriff „regulative Idee“  kritisch zu hinterfragen, denn wie könnte ein endlicher Verstand so eine „regulative“ Idee trotzdem fassen? 

Diese schwierige Frage kann ich hier in einem Blog nicht weiter ausführen: Die Einheit muss vorlaufende Bedingung jeder weiteren Reflexionsidentität sein, ohne selbst wieder von dieser ihr folgenden Reflexionsidentität als deren Gegensatz gefasst zu sein. Das wäre wieder nur gedachte  Einheit als gedachte Andersheit. (Es ist das Grundproblem jeder Differenzphilosophie, Grundfehler bei den Identitätsphilosophen). 

PLATON sah klar diese apriorische Idee der Einheit des Wissens, diese Idee des Guten, die allen hermeneutischen Zirkelerwägungen vorausgehen muss und doch allem erst Bedeutung schenkt.
Logisch konnte aber PLATON diese Einheit nur theoretisch und abstrakt fassen, weil er die biblische Offenbarung nicht kannte. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Er schuf als Pendant zum biblischen Wissen vom Ein-Gott-Glauben  das reflexive Begriffsinstrumentarium, wie die Einheit gedacht werden muss.  

Was er nicht sah, dass in der „jenseits des Seins“  liegenden disjunktionslosen Idee des Guten (des qualitativen Totalitätsallgemeinen, der disjunktionslosen Wahrheit) eine Ur-Erscheinung des Absoluten als deklarierte Offenbarung vorausgesetzt werden muss, zu der komplimentär nochmals eine positive Offenbarung vorausgesetzt werden muss, damit sowohl apriorisch wie geschichtlich-konkret das Wissen (Bilden) sich vollziehen kann.

Die durchaus in der Ideenlehre zu findende virtuelle Totalität der Vernunfteinheit und zu realisierende Idee der Wahrheit und des Guten (man lese z. B. den „Sophistes“ und seiner Umsetzung der konkreten Seinsbestimmungen im Seienden) bedarf bereits einer relationslos vorauszusetzenden Offenbarung Gottes, wodurch und womit in Teilrealisationen – mit und durch Freiheit im individuellen Reflexionsakt – das Wissen vollendet werde kann. Beides zusammengenommen, platonische Vernunftwahrheit und biblische Offenbarungswahrheit, ergeben die  Einheit einer sich im Selbstbewusstsein und in Reflexionsform – was dann zeitliche Realisation bedeutet – geschlossenen wie eröffneten Einheit des Wissens. Die sich zeigende Erscheinung (Offenbarung) Gottes ist die apriorische Vernunftoffenbarung,  die zu Bedingungen der Freiheit eine reflexiv eröffnete positive Offenbarung in einer Aufruf-Antwort-Einheit und in geschichtlicher Realisation als zweiter Bedingung (einer einzigen zusammenhängenden Offenbarung) bedarf.  Die apriorische wie positive Offenbarung ist das eine und ganze Transzendentale des Wissens, immer schon eröffnet zur Vernunft hin, geschlossen in der realisierten, einmaligen Erlösung und Satisfaktion  des Menschen durch den Gott-Menschen JESUS CHRISTUS, durch den der Gesamtzweck virtualiter, im Glauben, zeitlich, eingesehen werden kann.

Die vernunftgemäße Realisation des Glaubensinhaltes erfolgt dann in zeitlichen Schritten, die Einsicht selbst bleibt unwandelbares Wissen, der oben beschriebene Wahrheits- und Geltungsgrund. In der Terminologie des Bildens, ab der WL 1804/1 verwendet, kommt dieses zugleich geschlossene wie offene System des Wissens deutlich zur Sprache – und in diversen Blogs gehe ich dann darauf ein.
Das Bilden im Gesamtzweck soll idealiter weiterführen, was in genetischer Einsicht allem Bilden schon realiter zugrunde liegt.  

(c) 29. 10. 2015, Dr. Franz Strasser
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1MARKUS ENDERS beschreibt in: zur debatte, 1/2010, S 18-20, die Bedeutung der Seinsbestimmtheit der Ideen, d. h. was Wahrheit und Erkennbarkeit der Wahrheit heißen kann. Wie schon bei Parmenides selbst und in der von ihm begründeten Philosophenschule der Eleaten fungiert Wahrheit bei Platon „als Inbegriff der erkennbaren, geistig fassbaren Wirklichkeit“ (J. Szaif, Art. Wahrheit, I. Antike, A. Anfänge bis Hellenismus, in: HWPH, Bd. 12, Sp. 49). Erkennbar gemäß der auf Parmenides zurückgehenden platonischen Bedeutung von Erkennen (νοεῖν), das ein sicheres Erfassen und definitorisches Bestimmen des Wesensgehalts eines Gegenstandes bedeutet, sind nach Platon nur die Ideen, d. h. die allgemeinen, transzendenten, immateriellen Wesenheiten aller geistig und aller sinnlich erscheinenden Entitäten. Dabei kommt den Ideen Seinswahrheit auf Grund ihrer Unvermischtheit, d. h. ihres Ausschließens des Konträren, und auf Grund ihrer Urbildhaftigkeit zu, in der ihre Normativität für die Beurteilung der Einzelfälle im sinnenfälligen Bereich begründet liegt (hierzu vgl. genauer J. Szaif, art. cit., Sp. 50). (…)

2In der KpV ist es ziemlich zu Beginn auf der Suche nach einem formalen Unbedingten so ausgedrückt: „Die reine Vernunft hat jederzeit ihre Dialektik, man mag sie in ihrem speculativen oder praktischen Gebrauche betrachten; denn sie verlangt die absolute Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten, und diese kann schlechterdings nur in Dingen an sich selbst angetroffen werden. Da aber alle Begriffe der Dinge auf Anschauungen bezogen werden müssen, welche bei uns Menschen niemals anders als sinnlich sein können, mithin die Gegenstände nicht als Dinge an sich selbst, sondern bloß als Erscheinungen erkennen lassen, in deren Reihe des Bedingten und der Bedingungen das Unbedingte niemals angetroffen werden kann, so entspringt ein unvermeidlicher Schein aus der Anwendung dieser Vernunftidee der Totalität der Bedingungen (mithin des Unbedingten) auf Erscheinungen, als wären sie Sachen an sich selbst (…)“ (KpV V 107)

Ich lese kaum etwas von der Analytischen Philosophie, aber bei der wenigen Lektüre ist mir öfter diese Argumentation als „transzendentales Argument“ untergekommen. Man versteht darunter die notwendig erschlossene Möglichkeitsbedingungen zu einer logischen oder empirischen Tatsache, die andernfalls nicht denkbar  wäre. Das ist aber nur ein reduktiv gewonnenes Argument und erreicht nicht die Begründungsebene eines PLATON.