Evolutionstheorie – 8. Anfrage; geschichtliches Sein und Sinnidee

Das Schweben der Einbildungskraft zeigt sich nach der WISSENSCHAFTSLEHRE nova methodo (1796-97) in fünffacher Weise: Indem das Ich seinen Zweckbegriff entwirft und seine Tätigkeit vom ursprünglichen Schweben aus mit einer praktischen Wahl beginnt, setzt es einen Grenzpunkt der idealen Reihe mit dem Sichherausgreifen aus der vernünftigen „Masse“ (ebd.). Es bildet das ursprüngliche, zum Selbstbewusstsein aufgerufene, frei sich bestimmbare und bestimmte Ich – innerhalb einer interpersonalen Aufruf-Antwort-Sphäre.

Die auf der Gegenseite der Wechselbestimmung liegende reale Reihe führt zur sinnlichen Anschauung der Natur – mit der bedingt möglichen Konzeption einer evolutiv anschaubaren Natur in der Erscheinung.

Auf der idealen Seite führt die Anschauung der Einbildungskraft zur geistigen Natur der freien Selbstbestimmung und zu den mannigfaltigen Formen der Interpersonalität, zu Sprache und Kultur –  ebenfalls mit der bedingt möglichen Konzeption eine evolutiv gewordenen, anschaubaren Kultur in der Erscheinung. Die Beziehungs- und Unterscheidungsformen der Einbildungskraft bzw. der reflexiven Denkformen zielen in der sinnlichen Natur auf die theoretische Wahrheit der Übereinstimmung von Vorstellendem und Vorgestellten (einem Gleichgewicht im Streben) mit annäherungsweisen Hypothesen ihrer Erklärung; in der geistigen Natur zielen sie auf die praktische Wahrheit des Soll-Seins der Beziehung und sittlicher-praktischer Realisationen ab – und gerade deshalb kommt es notwendig (nicht im Sinne realer Determination, sondern freier An-Determination) zu zeitlichen und geschichtlichen Anschauungen und Erinnerungen. 

Wie die sinnliche Natur durch den theoretisch-praktischen Reflexionsakt bestimmt ist, gemessen an der Realität des gehemmten Strebens und der Ausgliederung sinnlicher Triebe, so ist  die geistige Natur des einzelnen wie der Gesellschaft bestimmt durch ein apriorisch reflexives Prinzip des Solls und der geschichtlichen Sinnidee. Um speziell bei der geschichtlichen Sinnidee jetzt zu bleiben: Die Zeit kann nur in der Einheit des Ichs gesetzt und gedacht werden. Geschichte, d. h. sich wissende Geschichtlichkeit, entsteht, wo die bloßen, zeitlich apponierten Fakten als vom Bewusstseins-Akt innerhalb des überzeitlich identischen Ichs prinzipierend und prinzipiert erkannt werden. Eine geschichtliche Dimension in einem realen System des Natur-Lebens („Naturgeschichte“) oder Gesellschafts-Lebens, kommt nur insoweit zustande, als das gegenwärtig zeitliche Vorstellen  das vergangene Sein und kraft eines übergehenden Wollens das zukünftige Sein in einer Einheit integriert und vorstellend erinnert. 1

Das zeitliche Werden des Selbstbewusstsein ist ein Übertragen und Entäußern und Entfremden ichlicher Momenten nach außen in eine verobjektivierte Natur oder Gesellschaft hinein 2 .  Primär stammt das  bedingt mögliche evolutive Sein im Basisbereich der sinnlichen Natur, wie oben schon öfter gesagt, vom inneren Sinn der Selbstanschauung in einem sittlich-praktischen und interpersonalen Sinn.  In dem Manuskript PRACTISCHE PHILOSOPHIE wird die Denkbewegung eindringlich geschildert: FICHTE kommt über die Differenzierungen des äußerlich und innerlich Schönen (ebd. S 229), des Erhabenen, (ebd. S 230f), zu einer , wie er  sagt, „dynamischen“ Charakterisierung der Zeit und des Raumes, der Kategorien (ebd. S 231), zum „Mittheilungstrieb“ (ebd. S 233f) und zum „Trieb nach Wahrheit, Einheit, Zusammenhang, (der) empirisch in der menschlichen Seele zu bemerken (ist); theils sind ja hier Theile, die glaub’ich durch den categorischen Imperativ, als höchsten aller Triebe, erst vereinigt, in Ordnung gebracht, zu einem gemacht werden müßen.“ (ebd. S 233), sodass ein „regulatives Princip“ (ebd.) der praktischen Selbstbestimmung des Ichs durch die Einbildungskraft gesetzt wird.

Dadurch, dass die Evolutionstheorie alles Werden auf die sinnliche Natur projiziert, verfällt sie, so paradox das klingen mag, ipso facto einem zeitlosen Mechanismus. Sie wird statisch, entbehrt jeder Dynamik, wird geschichtslos, weil nichts und niemand die Entwicklung bewahren und behalten (anschauen, erinnern) kann.

Das Erinnerungsvermögen und das Denken einer Dynamik ist  konstitutiv erst im Bewusstsein gegeben: (…) denn unser Bewusstsein ist in keinem neuen Augenblick seiner Existenz mehr dasselbe, weil es sich erinnert.“ 3 Die Geschichte ist immer in uns präsent und ereignet sich in jedem Reflexionsakt.  Würden die  Bedingungen der Geschichte wirklich ernst genommen, so müsste die  Evolutionstheorie zu einem ganz anderen Schluss kommen – sozusagen zu einem dynamischen Ziel der größeren Freiheitsverwirklichung.

Mit einer Konstitution der Zeit im Bewusstsein und dem Aufbau eines Geschichtsbewusstseins darf aber auch nicht das Gegenteil einer idealistischen Bewertung des bedingt evolutiven Prozesses in der Erscheinungswelt abgeleitet werden. Ich möchte sagen, dass von einem automatischen Fortschrittsglauben ausgegangen werden kann.  In der transzendentalen Erkenntnis von Freiheit und dem daraus hervorgehenden Wissen einer realen und idealen Reihe des Wissens kann nicht die Hemmung der sinnlichen Natur theoretisch wie praktisch total usurpiert und erkannt werden.  Das Leben der Freiheit ist das Wahrfinden alles Vergangenen und Gegenwärtigen, und stellt insofern eine höchst prekäre Situation dar, da die Geltungsansprüche der Vernunft nicht selbst zeitlich und veränderlich sind, wir hingegen uns zeitlich konstituieren müssen – und deshalb auch irren können. Wir verzeitigen und versinnlichen uns über unsere Freiheit als Medium,  die Geltungsansprüche der Wahrheit und der sein sollenden Realisierungen von Vernunft sind aber unveränderlich und ungeschichtlich. Es gibt keinen logischen oder zeitlichen Fortschritt automatisch, durch bloßes theoretisches Erkennen und  praktisches Tun; es muss sich das Erkennen und praktische Tun in Formen sittlich-praktischer Realisierungen bewähren können.  Es könnte auch zu einem Rückschritt in der Entwicklung der Sinnrealisation kommen. (Die Frage des Fortschritts oder Rückschritts  – kann sich eine materialistische Evolutionstheorie diese Frage überhaupt stellen?)

Gerade in der Ableitung des „empirischen Bewusstseyns“ in der Wlnm (1796-1799) eröffnet FICHTE  deshalb – im Gegensatz zum zeitlosen Geltungsanspruch der Vernunft  –  nicht von ungefähr die geschichtliche Sinnidee,  wodurch  die sinnliche wie die intelligible Welt erklärt und begründet werden kann. (Siehe z. B. auch die letzten §§ der WL 1801/02, wo er vom „Weltenplan“ spricht.) Zur Sinnidee – siehe mehrere Blogs von mir. 

Die letzte synthetische Einheit von idealer Tätigkeit (durch den Zweckbegriff immer präsent) und realer Tätigkeit (durch das Wollen oder durch den formal freien Willen präsent) ist der reine Wille. Diese Wille kann –  als einsichtiger Grund des Übergehens und des Wollens – weder bloß idealistisch entworfen noch bloß realistisch vorausgesetzt werden, sondern muss allem Bewusstsein transzendental vorhergehend gedacht werden, damit er einsichtiger Grund eines Selber-Übergehens in Freiheit bleibt. Der höchste Grund, die „Synthesis“, aus der alles Bewusstsein/Selbstbewusstsein genetisiert werden soll, ist nicht mehr ein Grund-Folge-Verhältnis, sondern eine alle Synthesis des Denkens und Wollens erst ermöglichende Thesis. (Dies wiederum weiter begründet – siehe diverse andere Blogs zu den späteren WLn Fichtes; siehe z. B. zur WL 1811 – die „infinitas des absoluten Solls…..“ )

Um nur ein Zitat zum REINEN WILLEN zu bringen, Ende des § 12, aus dem reichen Fundus der Wlnm:

[Wlnm §12, 134. 135] „[es gibt kein Übergehen mehr vom Bestimmbaren zum Bestimmten], sondern ein reines wollen […], das die Erkenntniß seines Objekt[s] nicht erst voraussezt sondern gleich bey sich führt, dem kein Objekt gegeben ist, sondern das es sich selbst giebt, das auf keine Berathschlagung [/] sich gründet, sondern das ursprünglich u. reines wollen ist – u. ohne alles zuthun als empirischen Wesen [,] bestimmte[s] wollen, es ist ein Fodern – aus diesem wollen geht alles empirische wollen erst hervor.“.

In der HL. SCHRIFT vollzogen die PROPHETEN diese vorreflexive Schau einer alles begründenden, prinzipiellen Vernunftrealisation. Die Philosophie eines PLATONS reflektierte in abstrakter Begrifflichkeit diese Prinzipien der Freiheit und des Seins. Die Transzendentalphilosophie nach DESCARTES, KANT und FICHTE ging  ebenfalls von derselben platonischen Einheit des Wissens, in der sowohl eine theoretisch wie praktisch sich vollziehende Vernunftrealisation angesetzt ist, aus. 4 Hinzukommend ist jetzt durch FICHTE, speziell durch die schärfere Durchdringung des Schwebens der Einbildungskraft, die praktisch wie theoretisch sich vollziehende Vernunftrealisation einer Sinnidee, worauf sich die Reflexion im appositionellen Kausieren notwendig (modal) beziehen muss. Diese Sinnidee liegt in konkreter und geschichtlicher Weise dem apriorischen Wissen (dem Bewusstsein) als Urbild  voraus, damit es sich selbst als freies Reflexions-Wissen (als Abbild) darauf beziehen kann (nicht moralisch muss). 5

Oben (6. und 7. Anfrage) bin ich auf die Ursprünge des Linienziehens und des Deklinierens als formale Elemente der Zeitanschauung (mittels Einbildungskraft) kurz eingegangen. Es wurde festgehalten: Durch die leibliche Vermittlung und leibliche Kraft kommt der Zeit eine konkrete und praktische Funktion zu: Die Zeit ist die ordinale Reihe der Dependenz, sinnlich angeschaut in der Kausalität des Willens und als Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit.

Zeit ist sonach nur die Form der Anschauung des Mannigfaltigen in Vereinigung vermittelst der DEPENDENZ. Durch dieses Verfahren entsteht der Einbildungskraft eine Zeit. Das erste ungetheilte Wollen wird wiederhohlt, u. gleichsam über das Mannigfaltige ausgedehnt u. dadurch entsteht ein Zeitreihe. Das Ich als das Bestimmende in dieser SYNTHESIS des MANNIGFALTIGEN fällt sonach selbst () in die Zeit.“(§ 11, S 120)

Jede zugestandene evolutive Sicht als auf das Nicht-Ich übertragene Erscheinungsweise, sei es im naturalen Bereich der sinnlichen Natur oder im gesellschaftlichen Bereich der menschlichen, geistigen Wirklichkeit, steht somit unter einer praktischen Sinnidee des übergehenden Willens, der sich frei realisieren will – dank der reflexen Einheit und reflexen Ermöglichung durch den absoluten, durch sich selbst bestimmten Willen. 

23. 1. 2016 © Dr. Franz Strasser

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1Literatur dazu: Marco Ivaldo, Zur Geschichtserkenntnis nach der Transzendentalphilosophie. In: Fichte-Studien, Bd. 6, 1994, S 303 – 319.

Siehe ebenfalls R. LAUTH, die Konstitution der Zeit im Bewusstsein, Hamburg 1981.

2Ich erinnere an vorige Aussagen oben: „An sich entsteht die Welt nicht (…) in der Zeit; sie ist fertig.“ (PLATNER-VORLESUNG, GA IV, 1, 409.) Für uns aber fällt ihr Fortgang und die Entstehung neuer Produkte in die Zeit, u. wir müssen die Bildung der Welt auch in die Zeit setzen.“ (ebd.)

3R. LAUTH, Der Vorrang des transzendentalen Zugangs zur Philosophie, in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, R. LAUTH, S 37 . Zur näheren Begründung im ganzen System der WL: „Die Lehre von der reflektierenden Urteilskraft bestimmt im ästhetischen Bereich die faktische und praktische Bedeutung der Gefühle, und geht von da hinauf über die Leistungen der Bildungs- und Urteilskraft (z. B. Ableitung des Körpers als Sphäre der Wirksamkeit des Ichs auf das Nicht-Ich, PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II, 3, S 194 ff,) zu den Ideen und der Tätigkeit des praktischen Vernunft als solcher. „Hier schon erkennt Fichte, dass wir diese praktische Seite auf den höheren Stufen im Objekte selbst tätig erblicken. So erschloss sich ihm die Interpersonalität.“. (ebd. S 35)

4MARTIN HEIDEGGER unterstellte KANT, dass dessen Akt des „Ich-denke“ letztlich selbst zeitlich ist. Eine temporale Konstitution zeichnet das ganz Bewusstsein aus. Die Zeitlichkeit des Daseins ist unser Konstituens. FICHTE würde hier sagen: Die Zeit selber konstituiert nicht realistisch/idealistisch das Bewusstsein, wiewohl das Bewusstsein (Selbstbewusstsein) sich nur zeitlich konstituiert. Die Einbildungskraft liefert zwar den Stoff für Anschauung und Begriff, das Kontinuum der Zeit wird aber erst durch das reale und ideale Übergehen geschaffen, ist also wesentlich bestimmt im konstituierenden Setzen eines Geltungsanspruches.

5 Die Sinnidee wird nach R. LAUTH als objektiv gültiges Urteil in der Erfahrung beschrieben. Er spricht auch berechtigt von einem „Prinzip des Sinns“, insofern aus diesem erkannten Prinzip abgeleitet werden kann. Ein Soll der praktischen Forderung mit dem Ist des Daseins wird vereinigt; zu erwarten steht natürlich, dass die kritische Philosophie die theoretische Erkennbarkeit der Freiheit in diesem praktischen Gesetz leugnet, doch ein grundsätzliches Dass einer praktischen Freiheit [in der Erfahrung] wird selbst von KANT zugegeben; zumindest stellt er diese Sinnforderung. Mit dem Begriff der Sinnidee spreche ich jetzt aber nochmals eine explizit christliche Realisierung von Vernunft und reinem Willen an. Sowie sich aufgrund des strebenden Fühlens die Suche nach einem anderen „fühlenden“ Wesen ableiten lässt, so muss sich im geschichtlichen Erkennen einer konkreten Person und einer konkreten Tat  die zu suchende Sinnidee ableiten lassen. FICHTE hat in seiner „Staatslehre“ klar die christliche Zeitenwende erkannt, wenn er der Person JESU CHRISTI in concreto die entsprechende Bedeutung gab.  Der Rückbezug auf Sinnrealisierungen in concreto, nicht bloß abstrakt!, ist wesentlich, denn nur so ist vollständige und auch sittlich vollkommene! und ganze Einheit im Wollen gesetzt.

Evolutionstheorie – 7. Anfrage; Natur und Gesellschaft;

1) Das zeitliche Werden, das die Evolutionisten in der sinnlichen Natur und in der menschlichen Geschichte  faktisch zu erkennen glauben, ist eine Rede von Klassifikationen,  Taxomierung, historischen Ereignissen, eine Hinterstellung von  kausal-mechanischen Abläufen und Naturgesetzen, die sie aber nicht wirklich kennen,   eine Wechselwirkung von sich steigernden, emergenten Systemen, die alle zusammen in einer einzigen Ursache zusammengefasst werden: der der Evolution.

Sobald aber auf diese interpretative Redensart eingeschwenkt wird, ist der Boden der natur-kausalen und statistischen Erklärungen verlassen und der Reflexionsakt dahinter vernebelt. 1 Die Begründungen des zeitlichen Werdens aus den Wissensbedingungen (einer übergreifenden Einheit des Bewusstseins) werden nicht mehr thematisiert, die Reflexion des eigenen Denkaktes wird objektivistisch in eine Zeit- und Raumtheorie hineingesetzt, und eigentlich müsste dieses evolutionär Gewordene und vorgegebene „begriffene“ Ganze der sinnlichen Natur und der Geschichte längst in seinem zeitlich Gewordensein abgestorben sein, denn was garantiert den Weitergang der Evolution? Würde nicht stets neu die ursprünglich produzierende Einbildungskraft die Zeit erzeugen und würde nicht allaugenblicklich die (zeitlose) Sollensforderung der Wahrheit an unser gehemmtes Streben ergehen, sodass wir zumindest spontan in unserem Vernunftstreben reagieren müssen und praktisch die Zeit und das Zeitverstehen aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft schaffen, wäre eine Evolution in der Erscheinungswelt nicht einmal vorstellbar und existent. Eine evolutionär-reale oder evolutionistisch-ideale Erklärung, die per se eine Zeit außerhalb des Bewusstseins für eine Erklärung verantwortlich macht, ist selbst keine Erklärung mehr, weil die Ebene der substantiellen Einheit der Zeit im Denk- und Selbstbestimmungsakt des Ichs verlassen ist.

Aber auch das Gegenteil einer absolut zeitlosen Bemessung von Ereignissen – eine Abstraktion von der Zeit – scheint mir nicht möglich: Ich meine,  eine reine mathematische Erklärungsart mag in Beschreibungen vorläufig hinreichen, aber selbst die Anschauungsform der Zahlen und Mengen muss irgendwann die Zeit einbeziehen, will sie reale und ideale Erscheinungsweisen beschreiben.  Alles Erkennen  – auch das mathematische oder naturwissenschaftliche oder künstlerisch-visuelle – steht unter einem praktisch-sittlichen Anspruch, wodurch ipso facto damit eine zeitliche und geschichtliche Reihe aufgebaut wird. Würde die praktisch-sittliche Ordnung unseres Geistes tatsächlich wegfallen, so könnten wir nicht mehr wissen, was wir wollen und wie wir handeln können.

Die Direktiven einer hierarchischen Wert- und Sinnordnung sind ewig in unserem intentionalen Streben grundgelegt – und erst nachträglich, sekundär, in z. B.  „evolutionären“ Erklärungen, können wir dieses praktisch-sittliche Streben um-interpretieren und verfälschen.
Jede „bloß“ theoretische Wissens-Erkenntnis kommt von einem praktisch-sittlichen Streben her. Erst recht ist neben der theoretischen Naturerkenntnis jedes gesellschaftlich-interpersonale Sein massiv von Geltungs- und Sollensansprüchen besetzt! 

Mit der WLnm von FICHTE in der fünffachen Reflexionseinheit des erkennenden und tätig-wollenden Ichs gesprochen:  Reale und ideale Reihe der Selbstbestimmung, d. h. zeitliche und erinnernde Selbstbestimmung,  bedingen sich gegenseitig im Schweben der Einbildungskraft –  und sind synthetisch vereinigt durch eine apriorische Einheit des Wissens in einer reellen Sinnidee und einer seinsollenden Realisierung von Vernunft. Wird diese reflexive Vermittlung der Zeit in der reellen wie idealen Reihe vergessen, kommt es schnell zu gefährlichen naturalen Fehlschlüssen bzw. gesellschaftlichen Entgleisungen.

Ein einfaches Beispiel einer Reflexionsvergessenheit einer bloß naturalen Weltbeherrschung darf ich bringen: Die angebliche Beherrschung der Atomkraft – welche Einschränkungen an freier Selbstbestimmung sind für nachfolgende Generationen damit geschaffen? Diese scheinbare technische Machbarkeit ist absolut geschichtslos, denn der reale Energiegewinn ist ideell gesehen eine schwere Hypothek! Mit welchem Recht entscheidet sich eine Generation für diese Technik mit Folgewirkungen auf Tausenden von Jahren für nachkommende Generationen?  Wie soll das gerechtfertigt werden? Und was könnte eine Evolutionstheorie zu dieser praktisch-sittlichen Beurteilung von Atomkraft sagen, wenn sie einen sittlichen Zweckbegriff und ein sittliches Streben gar nicht kennt, evtl. den Zweck des physischen Überlebens? Sie vermag vielleicht noch an das Gefühl zu appellieren, das Leben zu schützen oder das Überleben zu sichern, doch welchen ethischen Wert hat dieser Appell?  Ist es evolutionär gesehen nicht gleichgültig, ob die Erde morgen noch besteht oder durch einen Atomkrieg oder durch den Müll der Atomkraftwerke verwüstet sein wird?  

Das Verstehen zeitlicher Bedingungen hängt sowohl a) spontan vom naturgebenen Streben (bei jedem Lebewesen), als auch b) bewusst frei von einem Zweckbegriff ab, den die ursprünglich produzierenden Einbildungskraft notwendig zu einer realen und idealen Reihe einer zeitlichen Entwicklung aufbaut. An sich wird nichts in der Natur und entwickelt sich nichts. Nur im zeitlichen Werden des Bewusstseins selbst wird festgesetzt, was Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft heißt – und dieses zeitliche Werden wird übertragen auf die anorganische oder organische Natur und auf den Leib und schließlich auch auf die gesellschaftliche und geistige Wirklichkeit. Weil ich mich durch den Leib notwendig dem biologischen Sein der Natur zugehörig fühle, erkläre ich mir meinen Leib auch als evolutiv geworden, aber dass und wie diese wunderbare Symbiose mit der Natur durch meinen Leib geschieht, das weiß ich nicht aus der Natur oder dem Trieb selbst, sondern nur reflexiv, d. h.  weil jeweils ein über alle Teil- und Systemeinheiten des Lebendigen hinausgehender Begriff des größeren Ganzen durch einen geistigen Zweckbegriff mir diese Erkenntnis ermöglicht. Das biologische Sein einer Pflanze oder eines Tieres oder des Menschen ist Teil eines größeren Ganzen einer Vernunftrealisation, die sich in einer Fülle von Kräften und Formen und Qualitäten (Trieben) genetisiert und schematisiert. Mein biologisches Wesen ist nie nur für sich allein da, sondern unselbstständiges Moment einer praktischen Vernunftrealisation, der wir alle unterstehen, ob Pflanze, Tier, Mensch. Wie sollte ich aber aus einem evolutionären, determinierten Naturzusammenhang zu einer Einheit einer sowohl spontan sinnlich- triebhaften als auch geistig-freien Natur kommen?

Zeit und Zukunft, so wurde oben ausgeführt, beginnt mit einem elementaren Empfinden, das im Streben bzw. im naturgebundenen Trieb, gefühlt wird. (Siehe ebenfalls oben diverse Stellen der Wlnm und PRACTISCHE PHILOSOPHIE GA II, 3, 183)2

K. HAMMACHER schreibt zu diesem Gefühl des Strebens, dass damit kein Irrationalismus in die Philosophie einzieht, sondern die rationale Durchdringung der Wirklichkeit bewährt sich im Gefühl. Wir erkennen aber dabei nur die Wirkung des Strebens, nicht die Ursache, und der Wille stellt sich als Vorstellung jenes Strebens durch die innere Empfindung dar. (FICHTE, GA II, 3, 1, 184) Wir erkennen die Wirkung aus dem Zweck, den wir uns gesetzt haben. 3 „Damit spielt aber im Zweckbegriff jene innere Tätigkeit, die das Gefühl anzeigt, mit. Die Wirkung, Kausalität, ist beim Zweck in der Empfindung gegeben, aber nicht als eine tatsächliche Kausalität des Ich auf das Nicht-Ich, sondern als Erhöhung des Strebens. (GA II, 3, 189)

Mit dem Zweckbegriff nehmen wir die Zukunft in das zeitliche Werden auf, sofern wir im Zweck die Wirkung als Ursache vorwegnehmen, und zwar als Wirkung einer bestimmten Ursache.
Deshalb meine siebte Anfrage: Welche Gesamtstrategie steckt hinter in den „evolutionären“ Erklärungen? Ist es tatsächlich die
theoretische Neugier, konsistente, natur-kausale Erklärungen von den Kräften des Universums, von den Prozessen des genetischen und biologischen Lebens, von den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zu gewinnen, oder steckt hinter der theoretischen Neugier, die prinzipiell nicht zu verwerfen ist, noch ein anderes Interesse, eine psychologisch zu verstehende Verdrängung?   Geht es wirklich nur um physikalische, genetische, biologische  Verstehensprozesse,  um paläontologische Deutungen der Hominisation, oder ist der Zweck ein latent anderer? Ich möchte damit nichts ad personam sagen, aber soll durch die dominante Evolutionstheorie  die Selbsttätigkeit der Vernunft und die ganze Freiheit des Menschen unbewusst-bewusst auf ein nur naturbezogenes Maß individueller oder manipulierter Geltungsansprüche heruntergedrückt werden? Soll eine gesellschaftliche Non-Utopie verfolgt werden?  4

Die Mitte der Einheit des Wissen, für den sinnlichen Bereich des Verstehens von Natur, als auch für den gesellschaftlichen  Bereich der Selbstbestimmung innerhalb einer Personengemeinschaft, muss höher gefasst werden als eine realistische oder idealistische These je bieten können. In allem apponierenden, zeitlichen Kausieren, im spontanen wie im freien, offenbart sich eine Sinn- und Realisierungsforderung, die in der Geltung einer kategorischen Vernunftforderung und in einer zeitlich-geschichtlichen Sinn- und Wertrealisierung resümiert werden kann. Diese transzendentale Geschichtstheorie scheint mir konträr entgegengesetzt einer Evolutionstheorie zu stehen. Eine von selbst ablaufende Evolution realistischer oder gesellschaftlicher Prozesse ist dogmatisch, unbewiesen, eine Non-Utopie.  

© Dr. Franz Strasser, 7. 5. 2017

1 Die Frage, ob z. B. bloß von einem Wandel von Eigenschaften von Individuen über Generationen hinweg innerhalb einer biologischen Art gesprochen werden soll, von sog. „Kooptionen“, oder doch von neuartigen Entstehung von Organen, Strukturen, Bauplantypen, qualitativ neuen Genen, da sind sich selbst Naturwissenschafter uneins. Siehe z. B. download . 05.12.12  Wieviel Evolution ist durch Kooption möglich?

2Vgl. R. LAUTH, Naturlehre 1984, 17 – 23. Ich verweise auch auf die Wlnm.

3Vgl. K. Hammacher, Kategorien der Existenz, a. a. O., S 103.

4 Ich denke nur an die eugenischen und rassistischen Theorien des 19. Jhd.; oder derzeit versucht man aus neuronalen Erkenntnissen die freie Selbstbestimmung zu falsifizieren und den Menschen zu „beglücken“.  Siehe z. B. Thomashoff, Hans-Otto: Ich suchte das Glück und fand die Zufriedenheit. Eine spannende Reise in die Welt von Gehirn und Psyche. Ariston Verlag 2014.