Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen oder die kirchliche Hierarchie, 1. Teil

Warum können oder dürfen Frauen in der röm.-kath. Kirche nicht zu Bischöfinnen/Priesterinnen/Diakoninnen bestellt und geweiht werden, wie eine Bewegung von heute sagt, „Maria, 2.0“?

1) Ich habe die Argumente der Skepsis und der Ablehnung der „Priesterweihe von Frauen“ teilweise gelesen. (Siehe dann ANHANG). Es sind tiefe, mystagogische Hinführungen zum Priesteramt, zur Person des Heilsvermittlers Jesus Christus, Verweise auf die Hl. Schrift, Verweise auf die lange Rezeptionsgeschichte u. a. m. Ich würde diese Stimmen als „dogmatischen“ Weg zusammenfassen, „dogmatisch“ nicht im Sinne der Theologie, sondern der Erkenntniskritik: Das Wesen eines Sache wird metaphysisch vorausgesetzt, ohne dessen Erkennbarkeit zu prüfen. 1

Wie verhält es sich mit den Begriffen Bischof“, „Presbyter“, „Diakon“? Sind sie metaphysischer Natur, d. h. der Sinngehalt ist mit dem Begriff schon gegeben, ohne aber Rechenschaft abzulegen, wie sie zu diesem Sinngehalt gekommen sind? Man wird zuerst sagen, die Begriffe sind rein historisch festgestellt, sie existierten schon vor dem Hl. Ignatius 110 n. Chr. oder einem anonymen Autor 160/175 n. Chr. – und weil sie rein historisch sind, sind sie veränderbar und die bisherige Gebundenheit des kirchlichen Amtes an das männliche! Geschlecht ist revidierbar, wie es die reformierten Kirche u. a. schon lange pflegen. Ich möchte das hier als „emanzipatorischen“ Weg zusammenfassen.

Nun steht der Reformierbarkeit dieser Ämter in der katholischen oder orthodoxen Kirche doch vieles entgegen, wie eben die zahlreiche Literatur und die reflektierte Praxis zeigt. Rein aus Egalitätsgründen etwas abzuschaffen, das muss noch keinen Sinn haben.2 Aber was ist wirklich, von der Argumentationskraft der Vernunft her gesehen, ein Kriterium, auch für Frauen diese kirchlichen Ämter zu öffnen?

Meine These: Es gibt eine Reflexionsform einer Offenbarungsreligion, die notwendig die Repräsentation und Installation von kirchlichen Ämtern verlangt, weil notwendig eine Erkenntnis auch deren Realisierung und Anwendung bedingt.

Die Erkenntnis, die sozusagen alles andere damals beim Heiligen oder dem Autor um 165/175 übertraf, musste eine so starke und klare Erkenntnis gewesen sein, dass ich sie „genetische“ Erkenntnis nennen möchte. Diese Erkenntnis kommt aus der Repräsentation Gottes selber, aus einem absoluten Werthorizont, der selbstbegründend eine starke religiöse  und mystische, intuitive und intelligierende Erkenntnis bedingt. 

Der Heilige oder der anonyme Autor muss vor der Entscheidung gestanden sein, entweder nur durch Rückschluss den absoluten Werthorizont  erkennen  und repräsentieren zu können, und sozusagen zwecks Weitergabe der Offenbarung eine Art regulative Idee von politischer Anwendung zu installieren, oder er ging von einer konstitutiven, transzendentalen Idee aus, einem absoluten Werthorizont, einer absoluten Geltung, die erkannt werden konnte und sich selbst erfassen konnte – und so von sich her eine geschichtliche Weiterführung der Offenbarung in Form von geweihten Ämtern verlangte. Das Sich-selbst-Erkennen und Erfassen ist nur möglich unter dem Begriff der Freiheit, die sich selbst bestimmt.

Im Vollzug einer Aufgabe, die Frohe Botschaft, die apriorische und positive Offenbarung Gottes weitergeben zu wollen (und moralisch zu müssen), liegt eine transzendentale Idee – ein absolutes Soll, das keiner weiteren Bedingung unterliegt, sondern nur um seinetwillen da ist – und deshalb der Übergang zur Installierung von geweihten Ämtern.

Der Heilige/der Autor kannte dieses Soll aus der Hl. Schrift. Ich umschreibe es schwach: als der unbedingte Heilswille Gottes, als Sinnidee, die in JESUS CHRISTUS dauerhaft aufleuchtete, als Vergebung, als Auferstehung der Toten. Ich nenne diese Intention, die zugleich seine Leistung und Repräsentation mit sich führt, zusammenfassend „Sinnidee, eine „Perle, die alles andere übertrifft“, die aber das Prinzip abgeben wird, die Repräsentation Gottes in die Zeit und Geschichte hinein weiterzugeben und zu legitimieren.

Dieses Prinzip der Sinnidee hat die Kraft gehabt, eine neue religiöse Sinn- und Heilsordnung zu begründen und zu installieren, ein fundamentales Wertprinzip konstitutiv in die Geschichte einzuführen. (Im Grunde ähnlich im ganzen Textcorpus der Briefe des Apostels PAULUS schon anzutreffen, wenn er begeisternd von der neuen Erkenntnis schreibt.)

Die Anwendung dieser Sinnidee, die genetisch aus der gesamten Offenbarung Gottes kommt, verlangte mit der Fortdauer der Zeit und Geschichte und der je größeren Entfernung „vom Urheber des christlichen Glaubens“ und den Aposteln und „apostolischen Vätern“ nach einem Geschichtsprinzip einer Repräsentation und Tradition, die sich eine erste, rudimentäre Verfassung und erste rechtliche und sittliche „Statuten“ geben musste.

Diese zu errichtenden Ordnung sollte dabei einerseits ganz vom absoluten Werthorizont der Offenbarung selbst her begründet sein, sonst ist sie ungültig, aber im Vollzug einer Aufgabe – durch diese genetische Erkenntnis erleuchtet und bestimmt – sollte andererseits diese Sinnidee autonom für den einzelnen und für die ganze Vereinigung der Kirche einsichtig werden.

Wie eine genetische Erkenntnis jetzt in die Zeit und Geschichte hinein in einer Einheit vermitteln? Das verlangt praktische Schemata, die real vollzogen werden sollen, die einerseits schon bekannt sein müssen, sozusagen aus der sinnlichen Sphäre stammen, andererseits doch aus der genetischen Erkenntnis der übersinnlichen Sphäre stammen, aus der Offenbarung Gottes (der Sinnidee, der Vergebung, der Erlösungsidee).

2) M. E. kann dieser Prozess der ersten rudimentären Strukturen und Ämter in der Gemeinschaft der Christen nur mit transzendental-reflexiven Begriffen angemessen beschrieben werden. Eine hermeneutische Erklärung der Begriffe kann wertvolle Hinweise geben, wie z. B. das Amt eines „Bischofs“, eines „Priesters“, eines „Diakons“ um 110 oder 165/175 n. Chr. komparativ gesehen wurde, welche synchronen und diachronen Vergleiche gibt es, aber der Begriff selbst muss aus dem Verfahren der Vernunft selbst ableitbar sein, soll ihm ein wahrer Gehalt entsprechen. (Die Interpretationsweisen der Hermeneutik sind ja viele – und übersteigt auch meine Kompetenz. Ich möchte sie nicht gering schätzen, siehe z. B. Experten wie R. M. HÜBNER u. a. Forscher der Patristik: grammatische, literarisch-gattungshafte, historisch-reale, psychologisch-individuale Verstehensweisen können herausgearbeitet werden. Doch was tun nach einer historischen Bestandsaufnahme und einer einfühlenden Hermeneutik in diese Aussagen und Texte? Die Geltungsfrage, ob daraus abgeleitet werden kann, es darf weiterhin nur männliche Exponenten dieser drei kirchlichen Ämter geben oder auch auch Frauen – das kann diese Hermeneutik wohl nicht beantworten.)

Hermeneutisch von mir, ziemlich vereinfacht gesehen: Eine konkrete Kirchenverfassung muss noch nicht angenommen werden? (fehlen uns die Quellen?), aber weil es die geschichtliche Stunde damals verlangte, zögerte sozusagen der Heilige/der Autor nicht, sie in verantwortbarer Weise einzurichten. In einem absoluten Werthorizont der Sinnidee und Erlösung und im Horizont einer rechtlichen Entscheidbarkeit sprach er von ersten „Ämtern“ in der Kirche, mit der alle leben und sich identifizieren konnten. Zu welcher Form der geschichtlichen Weitergabe und geschichtlichen Repräsentation hätte der Heilige/der Autor, die christliche Gemeinde der damaligen Zeit greifen sollen, um im realen Vollzug einer Aufgabe die Repräsentation zu garantieren und zu verantworten?

Dem Heiligen/oder dem anonymen Autor um 160/175 n. Chr. war immer schon Gott als „Vater“ patriarchal vermittelt worden, handelte die Hl. Schrift von den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, von Mose, den Propheten, von Johannes dem Täufer, von JESUS CHRISTUS – einem Mann – den Aposteln, von Paulus. Die Frauen kamen in der ganzen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Hl. Schrift natürlich auch vor, aber sie hatten eine andere Rolle: Angefangen von Eva, Sara,  vorkommend in vielen Genealogien, beschrieben im Neuen Testament, die Jungfrau und Gottesmutter MARIA, Frauen in den Grußlisten des Apostels Paulus usw. Sie werden als Mütter, Jungfrauen, Witwen extra erwähnt, was ebenfalls auf eine frauenspezifische Sicht schon hinweist – man könnte hier feministisch viel herausarbeiten! – aber warum sollten jetzt ausgerechnet auch Frauen für das Bischofs-, Priester- und Diakonenamt vorgesehen werden?

Hier sehe ich den Heiligen/den Autor als Kind seiner Zeit. Es muss irgendwie außerhalb seines Denkhorizontes gelegen sein, obwohl er sonst ja eine ganze egalitäre, auf Gleichheit der geschenkten Gnade und Erlösung ausgehende Ansicht vertreten hatte, auch Frauen für diese Ämter vorzusehen. Seine Texte haben einen patriarchalen Einschlag, aber zielen überhaupt nicht auf eine patriarchale Struktur selber, sondern auf eine bestmögliche Weitergabe einer genetischen Erkenntnis, die alle Geschlechter und Generationen erreichen sollte. Im Verfahren und Schweben der Errichtung der bestmöglichen Ordnung sollte für den einzelnen Christen, ob Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener, Römer oder Grieche oder Kind eines anderen Volkes, Jude oder Heide, die Erkenntnis einer göttlichen Sinnidee ermöglicht werden, die für den einzelnen einsehbar und nachvollziehbar war. Diese verlangte erste Strukturen einer rechtlichen, sittlichen und administrativen Ordnung.

3) Der Fokus der Etablierung einer kirchlichen Hierarchie – das meine ich aus der performativen und empathisch-warmherzigen Redeweise heraushören zu können – lag in einem geradezu liberalen System der Gleichheit und Würde aller Menschen. Zwecks Herbeiführung dieser neuen, sakramentalen Ordnung und aus der prekären Situation der Verfolgung der Christen durch den römischen Staat und in Abwehr gnostischer Irrlehren lag es für den Heiligen bzw. dem Autor bzw. für die ganze christliche Gemeinde wohl außerhalb des hermeneutischen Denkhorizontes, diese geschlechterspezifische Ebene, ob Mann oder Frau dafür geeignet wären, nochmals zu problematisieren und zu hinterfragen.

Weil politische und pragmatische (und vielleicht schnelle?) Lösungen zu suchen und zu treffen waren, bot sich nur eine männliche Hierarchie an, aber ohne ausdrückliche Ablehnung der Frauen, so meine einfache Deutung. M. E. hat das II Vatikanum in der Kirchenkonstitution LG das gut ausgedrückt, was das „besondere“ Priestertum vom „gemeinsamen“ Priestertum unterscheide. Diese Stelle bei LG wird leider oft metaphysiziert – wie ich in einem erhellenden Kommentar las. 3

Wie hätte der Heilige um 110 n. Chr. oder der anonyme Autor um 160 – 175 n. Chr. plötzlich zu einer anderen Anschauung kommen sollen und sagen, die „Witwen“ oder „Jungfrauen“ sollten zu Priesterinnen geweiht werden? Und selbst wenn der Heilige so „fortschrittlich“ gewesen wäre, wie hätte er verstanden und akzeptiert werden sollen, hätte er Frauen tatsächlich als „Priesterinnen“ vorgesehen und installiert? Das hätte zu großen Missverständnissen geführt! Die wenigen Stellen in den Briefen des Heiligen/des Autors, in denen ausdrücklich die Frauen erwähnt werden, handeln vom moralisch-sittlichen Gemeindeleben, geltend für Männer wie Frauen gleicherweise. Das konnte selbstverständlich von allen, Männern wie Frauen, akzeptiert werden.

Das „zweckhafte“ und „politischeund prospektive Vorgehen des Heiligen bzw. des anonymen Autors bezog sich auf die Anwendungsbedingung der damaligen Zeit, d. h. auf das Rezeptionsvermögen der damaligen Welt. Der transzendentale Geltungsanspruch allerdings hinter diesem performativen Stil und hinter diesen Begriffe bezog sich auf eine alle andere Erkenntnis übertreffende genetische, unwandelbare, überzeitliche Erkenntnis der Offenbarung Gottes. Diese Unwandelbarkeit einer ERSCHEINUNG Gottes sollte in regulativen, wandelbaren Begriffen realisiert werden. Das Wort „Hierarchie“ fand ich gar nicht in den Texten („Briefen“) des Heiligen/des Autors, aber sinngemäß ist natürlich mit den Begriffen „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ eine erste Hierarchie geschaffen – und  ab der Reformation wurde die Frage virulent, ob für diese Ämter nur Männer in Frage kommen sollen.

(c) Franz Strasser, 21. 8. 2019

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ANHANG

Als sehr schöne Mystagogien und ganz in meinem Sinne „genetischer“ Erkenntnis und Legitimation des Priestertums – d. h. der Repräsentationsidee der göttlichen Offenbarung – möchte ich anführen u. a. (es gäbe hier viele schöne Texte!)

Presbyterium ordinis unter Papst Paul VI von 1965

Nachsynodales Schreiben  – Papst Joh. Paul II 1992 „Pastores dabo vobis“ Direktorium für den Klerus 2013 Pastores Dabo Vobis (25. März 1992) _ Johannes Paul II_

oder Vita Consecrata von Joh. Paul II v. 25.3. 1996vita-consecrata

Kongregation für den Klerus: Der Priester, Lehrer des Wortes, Diener der Sakramente und Leiter der Gemeinde für das dritte christliche Jahrtausend, 19. 3. 1999der-priester-lehrer-des-wortes-diener-der-sakramente-und-leiter-der-gemeinde-fr-das-dritte-christliche-jahrtausend-19

Kongregation für den Klerus: Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde, Instruktion, 4. 8. 2002 Kongregation für den Klerus, Der Priester, Hirte und LEiter der Pfarrgemeinde_157

Direktorium für den Klerus unter Papst Benedikt XVI, 2013 Direktorium für den Klerus 2013

Anbei jetzt noch eine Zusammenstellung von Dr.in M. Schlosser zur Ablehnung der Priesterweihe von Frauen

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

 

 

 

 

1In der Vorrede zur 2. Auflage der KrV gibt KANT eine Beschreibung von „dogmatisch“: „Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft in ihrem reinen Erkenntniß, als Wissenschaft, entgegen gesetzt (denn diese muß jederzeit dogmatisch, d.i. aus sicheren Principien a priori strenge beweisend, sein), sondern dem Dogmatism, d.i. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntniß aus Begriffen (der philosophischen) nach Principien, so wie sie die Vernunft längst im Gebrauch hat, ohne Erkundigung der Art und des Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen. Dogmatism ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens“, B XXXV.

3Siehe dazu: Zur Debatte, 8/2009, Bernd-Jochen Hilberath, S 23

(…) Es geht dabei vor allem um den Satz aus Lumen gentium 10, dass sich „das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und das dienst- oder hierarchische Priestertum dem Wesen und nicht bloß dem Grad nach unterscheiden“. Ist mit dieser Formulierung nicht doch wieder ein grundlegender Unterschied zwischen Klerus und Laien in die Ekklesiologie eingeführt worden? Was kann eine Interpretation von Lumen gentium 10, die die Genese des Textes berücksichtigt, zur Interpretation beitragen?

Das Konzil will sagen, dass alle Gläubigen, zu denen auch die Ordinierten gehören, und diese dann noch einmal auf besondere Weise Anteil haben am Priestertum Jesu Christi. Diese besondere Weise sollte aber nicht dazu verführen, von einem „besonderen Priestertum“ zu sprechen, wie es leider immer wieder geschieht, vor allem dann, wenn man zwischen „allgemeinem“ und „besonderem“ Priestertum unterscheidet. Der Konzilstext hat sich aber dahingehend entwickelt, dass er statt vom „allgemeinen“ vom „gemeinsamen“ Priestertum spricht und den Ausdruck „besonderes“ Priestertum nicht kennt. Vielmehr heißt es, dass beide Priestertümer jeweils auf ihre spezifische Weise Anteil am Priestertum Jesu Christi haben.

Wer nach wie vor vom allgemeinen und besonderen Priestertum spricht, weckt den Verdacht, dass doch eine Stufung innerhalb der Gläubigen vorgenommen würde. Das Konzil sagt, dass beide Priestertümer aus dem Hohenpriestertum Jesu Christi hervorgehen und an ihm Anteil haben, und zwar je auf spezifische Weise. Zweitens sind beide aufeinander hin geordnet, also nicht eines dem anderen über- oder untergeordnet. Der Unterschied wird außerdem grammatikalisch deutlich erkenntlich im Nebensatz behandelt und trägt also nicht das Schwergewicht der Aussage. Was aber im Nebensatz gesagt wird, meint nun auch nicht, wie immer wieder interpretiert wird, dass sich beide Priestertümer sowohl dem Wesen als auch dem Grade nach unterschieden.

Die Formulierung im ersten Textentwurf lautete tatsächlich „nicht nur dem Grade, sondern auch dem Wesen nach“. Aber diese Formulierung „nicht nur – sondern auch“ wurde aufgegeben. Jetzt ist der Text von seiner Genese her und von dem her, was die lateinische Philologie sagen kann, klar: Es handelt sich um einen Unterschied des Wesens und nicht um einen Unterschied des Grades. Ein Unterschied des Grades wäre nämlich nur ein bloßer Unterschied, und der soll abgewehrt werden.

Ist das nun für die Laien schlimm? Keineswegs! Ein Gradunterschied würde ja tatsächlich eine hierarchische Unter- oder Überordnung bedeuten. Mit „Wesen“ ist allerdings nicht gemeint, dass das Wesen des einzelnen Gläubigen, der entweder an beiden Priestertümern oder an dem gemeinsamen Anteil hat, verschieden und gnadenrelevant different wäre. Es gibt also keinen Unterschied im Wesen des Gläubigen, wenn dieser zum Priester geweiht wird. Wesentlich unterschiedlich ist aber die Teilhabe des Priesters am Priestertum Jesu Christi zu der Teilhabe, die auch ihm zueigen ist und die das gemeinsame Priestertum ausmachen.

Was kann das bedeuten? Meines Erachtens, dass die spezifische Aufgabe des durch Ordination übertragenen Dienstes nicht aus dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen ableitbar ist. Das schließt eine Wahl und eine Beteiligung der Gemeinde, wie sie ja in Ansätzen gegeben ist, an einer Ordination keineswegs aus. Es soll vor allem nicht vergessen werden, dass das primäre Subjekt der Ordination Jesus Christus im Heiligen Geist selbst ist. Kann das Verhältnis noch weiter bestimmt werden?

In dem ökumenischen Lima-Text heißt es, dass manche Kirchen den durch Ordination übertragenen Dienst einen priesterlichen nennen, weil er ein Dienst am priesterlichen Gottesvolk ist. Auch die offizielle römisch-katholische Lehre versteht den Dienst des Priesters als einen Dienst am Volk Gottes. Schwierigkeiten bereitet eher, dass in der Rede von Priester immer noch ein allgemein religionswissenschaftliches Priesterverständnis mitschwingt, das sich durch den neutestamentlichen Ansatz nicht entsprechend überholen ließ. Nach neutestamentlichem Verständnis ist der Amtsträger als Priester nicht einer, der im Namen des Volkes Gott ein Opfer darbringt, um Gott mit der Welt zu versöhnen. Dies ist immer schon in dem einen Hohenpriester und in dem einen Opfer Jesu Christi geschehen. Das priesterliche Gottesvolk als ganzes verkündet diese Großtaten Gottes. Den Ordinierten ist der Dienst der Versöhnung auf spezifische Weise übertragen. Sie bringen kein Opfer dar, sondern sie verkünden das Opfer Jesu Christi, so dass es sakramental in der Feier der Eucharistie gegenwärtig wird. Folgerichtig hat das II. Vatikanische Konzil den Dienst des Priesters und vor allem den es Bischofs von dem Dienst der Verkündigung her bestimmt. Innerhalb der gemeinsamen Aufgabe der Verkündigung kommt es, so können wir jetzt formulieren, dem durch Ordination übertragenen Dienst zu, auf die Gemeinde als ganze hin das Evangelium von der zuvorkommenden Gnade Gottes, von dem Extra nos des Heiles zu verkünden und darauf zu achten, dass die Gemeinde als ganze in „Leben und Lehre der Apostel verharrt, in der Feier des Brotbrechens und im Gebet“, wie die Apostolizität grundlegend in Apostelgeschichte 2,42 beschrieben wird. (…)“ (Hervorhebungen von mir).

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser