Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die kirchliche Hierarchie, 1. Teil

Warum können oder dürfen Frauen in der röm.-kath. Kirche nicht zu Bischöfinnen/Priesterinnen/Diakoninnen bestellt und geweiht werden, wie eine Bewegung von heute sagt, „Maria, 2.0“?

1) Ich habe die Argumente der Skepsis und der Ablehnung der „Priesterweihe von Frauen“ gelesen. Es sind tiefe, mystagogische Hinführungen zum Priesteramt, zur Person des Heilsvermittlers Jesus Christus, Verweise auf die Hl. Schrift, Verweise auf die lange Rezeptionsgeschichte u. a. m. Ich würde diese Stimmen als „dogmatischen“ Weg zusammenfassen, weil die Texte der Hl. Schrift bzw. früher christlicher Geschichte (der Apostolischen Väter, der Apologeten, der Kirchenväter) relativ wörtlich in ihrer Repräsentation von göttlicher Offenbarung genommen werden. Diese Wahrheiten sind sozusagen vorgegeben.

Nun meine ich ebenfalls, dass es apriorische Wahrheiten der Vernunft und der göttlichen Offenbarung gibt, an die alle gebunden sind, wenn sie sich selber und die Welt recht verstehen möchten, aber die Frage ist, wie sich apriorische Wahrheiten konkretisieren und realisieren lassen. Was kann hier zu kirchlichen Ämtern gesagt werden? Allein schon für sinnliche Natur fließen viele apriorische Begriffe ein, erst recht für die gesellschaftliche Natur des Menschen.

2) Offensichtlich, etwas pauschal jetzt formuliert, haben die Christen der ersten Jahrhunderte eine neue Gotteserkenntnis in die Welt gebracht, eine neue Sicht des Menschen, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, generell von allem. Sozusagen die ganze Ordination der Erkenntnis wurde durch die positive Offenbarung Gottes in JESUS CHRISTUS neu ausgerichtet. Welche gewaltige Leistung! Der Ordo des Denkens vom göttlichen Logos, vom Wesen des Menschen, die Vorstellung vom ganzen Zusammenhalt der Natur und der Schöpfung – man lese die neue Deutung der Begriffe der Schöpfung (die verschiedenen Werke zum „Sechstagewerk“ u. a.) – die gesamte Erfahrung wurde neu gedeutet, Geschichte, Liebe, und das erneute Denken zum Hl. Geist entstand u. v. m. Mit einem Wort, die ganze Theorie der Erkenntnis wurde auf neue Füße gestellt, eine neue Sinnerkenntnis entstand und die apriorische Vernunftwahrheit, sozusagen die apriorische Vernunftoffenbarung wurde durch die positive Offenbarung ergänzt und abgeschlossen, ja erst richtig begründet und vollendet. Selbst die überall anwesende griechische Philosophie wurde erfolgreich integriert und neu geordnet. Die Christen übertrafen sogar die „paideia“-Lehre der Philosophie, weil die kirchliche Gemeinschaft konkretisierte, was schön gedacht war. Der Unterschied zu den heute weit auseinandergehenden idealistischen und realistischen Welterklärungen könnte wohl nicht größer sein.

3) Nun möchte ich mich einem vergleichsweise ganz kleinen Bereich einer antiken Weltanschauung widmen, wenn ein Hl. IGNATIUS v. Antiochia (oder ein anonymer Autor um 165. n. Chr.) etwas zu kirchlichen Weiheämtern sagt – können wir das, bei diesem gewaltigen Horizontunterschied des Verstehens, überhaupt richtig rezipieren und als Maßstab nehmen?

Die Frage der kirchlichen Ämter wurde im 2. Vatikanum (1962- 1965) ja stark diskutiert. Dort, wenn ich das richtig sehe, wurde der Bezug zur Antike explizit hergestellt. Aber gehen wir noch von einer gemeinsamen Welt des Verstehens aus?

Die Frage dreht sich jetzt, so scheint mir, um die Sache: transzendental-kritische Argumente versus transzendental-hermeneutische Argumente. Welche Evidenzformen und Bildformen von damals sind für uns auch heute noch ausschlaggebend? Ein bloß komparativer und synchroner und diachroner Vergleich der Begriffe, wie sie damals verwendet wurden, in welchem Zusammenhang sie standen, welche Wirkungsgeschichte sie gehabt haben usw., dreht sich irgendwann im Kreis: Der Zusammenhang von Begriff und Idee einer Sache setzt einen bestimmten Sinnbegriff voraus, der sowohl Begriff wie Idee begründet. Der Sinn ist hermeneutisch vorgegeben – und deshalb darf man die Begriffe wie „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ nicht einfach ändern, muss sie Männern vorbehalten, ihr Sinn ist metaphysisch festgeschrieben, er kann nicht geändert werden.  

Da ich es schon lange bedauere, dass in die Exegese und Geschichtswissenschaft keine transzendental-kritische Lektüre einzieht – deshalb hier diese, vielleicht weitschweifig gewordenen Anfragen: Eine bloße Hermeneutik der Begriffe, d. h. die Aufdeckung eines dahinterliegenden Sinnbegriffes, hilft uns nicht weiter in dieser Frage, ob eine Priesterweihe für Frauen möglich sein soll, weil in diesem zirkulären Argumentationsgang der Sinnbegriff irgendwann metaphysisch festgelegt werden muss, soll die Begründung nicht in einem infiniten Regress enden.

Nun ist aber kein Begriff metaphysisch an sich zu, sondern erst in der Genesis seiner Bildung kann sein Sinn und seine Idee im Hinblick auf eine praktische Realisierung und Konkretisierung verstanden werden. Die Bedeutung der Begriffe „Bischof“, „Priester“, „Diakon“, die historisch schon vorhanden waren, bekamen m. E. im 2. Jhd. n. Chr. eine neue Interpretation, eine, etwas abgekürzt formuliert, „genetische“ Erklärung und Begründung aus der positiven Offenbarung.

Irgendwie schwebt m. E. in den Formulierungen des 2. Vatikanums oder in den Formulierungen des „dogmatischen“ Weges diese „genetische“ Erklärung noch mit, denn offensichtlich soll das Neue, dass JESUS CHRISTUS gebracht hat, gesehen werden –  und deshalb auch die Sakramente, die Weiheämter, die ganze Institution der Kirche, sie sollen erhalten bleiben.  Die neue Weltsicht, der Logos, das Wesen des Menschen, die Schöpfung, die Erfahrung, die Geschichte, die Liebe, die Sinnidee – diese ganz neu erbaute Theorie der Wahrheit, die in den Hl. Schriften des NT und in den ältesten Schriften der apostolischen Väter und Apologeten und späterer Kirchenlehrer  zur Praxis des Lebens gefunden werden kann,  die ist auch heute noch einsehbar  – und somit eine gewisse sakrale Weihordnung und Repräsentation der kirchlichen Ordnung. Dass beim HL. IGNATIUS (oder dem anonymen Autor) nur Männer für das Weiheamt zugelassen waren, so meine Deutung, siehe dann unten, halte ich für eine rein pragmatische Entscheidung damals, weil der Heilige/der Autor Entscheidungen fällen musste, sollte der viel höhere Sinnbegriff der positiven Offenbarung und eine religiös-sakrale Ordnung  nicht verloren gehen.

4) Weil diese, mit anderen Worten, sakrale Weltsicht nicht aufgegeben werden durfte, kann auch heute von den Prägungen der ersten Jahrhunderte des christlichen Glaubens nicht abgegangen werden. Jetzt bloß aus einem emanzipatorisch geforderten Egalitarismus und eine Gleichmacherei heraus das Weiheamt für Frauen zuzulassen, das widerspricht der Sinnidee…. so oder ähnlich die Diskussionen.
Blickt man in die historisch-kritische Exegese und Geschichtsschreibung der Entstehung der christlichen Ämter „Episkopus – Presbyter/sacerdos – Diakon“, so verläuft sich, so meine Erfahrung, alles im Aufzählen und in komparativen Vergleichen: Wann und wo und wie zuerst ein Begriff vorkam, wie die christlichen Gemeinden verschieden strukturiert waren usw. Die Differenz eines Begriffes seiner prinzipiellen Möglichkeiten nach scheint durch seine historischen Verwendung und durch seinen historischen Gebrauch selbsterklärend zu sein? 

Wie aber kommt das Sehen dazu, sich dem Begriff des Möglichen so zuzuwenden, dass die Evidenz eines Begriffes im Bezug zum Wirklichen in dynamischer Weise geklärt werden kann? Was sind die genetischen Bedingungen des Sehens, die damals vor 2000 Jahren zu kirchlichen Ämtern führten – und, wenn sie apriorisch wahr sein sollen, also auch heute noch gelten? Ich nenne diese Sicht die transzendental-kritische Lektüre, d.h. die metaphysischen Begriffe auf ihre genetische Bildung zurückführen und zu einer genetischen Begründung zu kommen. 1

5) Die Begriffe „Presbyter, Episkopen, Diakone“ verdanken sich m. E. nicht bloß einem historischen Zufall oder einem Selbstläufer von Tradition, oder nur den prekären Umständen der Christenverfolgung oder sonstigen hermeneutischen Bedingungen, sondern verdanken sich einer Differenz von möglicher Erlösungsordnung und einer sein sollenden Wirklichkeit. Soviel Kompetenz müssen wir den ersten Christen zugestehen. (Ihre Glaubwürdigkeit übertrifft wohl die unsrige in der freien Welt!) 

In den Augen des Heiligen/des anonymen Autors ist eine neue Erkenntnis gestiftet worden, ein neues Maß des Wissens und des Vollkommenen, sodass die (überlieferten) Begriffe und Ämter eine neue Dynamik bekamen. Der  HL. IGNATIUS (oder der anonyme Autor) sah es in seinem Urteil für richtig an, dass eine sichtbarer Form einer neuen sakralen Ordnung institutionalisiert werden müsse, damit der Zweck der von JESUS CHRISTUS gestifteten Sinnidee von möglichst vielen erreicht werden konnte.  Der Zweck einer sakralen Erlösungsordnung war der evidente, ideelle Wirklichkeitsbezug – und dazu brauchte es Begriffes des Verstehens, sprich auch kirchliche Ämter.
Der Zweck der sakralen Erlösungsordnung war nicht selbst klug erfunden, war auch nicht bestimmt durch ein moralisches (oder politisches) Ideal, wie es der Hellenismus oder manche Stoa schon verkündet haben, sondern war bestimmt durch eine genetische Gotteserkenntnis, die zur zeitlichen Realisierung überleitete.
Das konkrete Sichbilden des einzelnen Gläubigen und einer ganzen kirchlichen Gemeinschaft nach dieser reellen Sinnidee der Erlösung verlangte notwendig eine appositionelle Ordnung der Realisierung  in eine Zeit und Geschichte hinein –
und deshalb dieses kraftvolle Drängen nach einer Institutionalisierung von Weiheämtern und den damit verbundenen Folgen, den Bischöfen, Priestern, Diakonen zu gehorchen usw. 

Gemessen an der übrigen Faktizität der Lebensphänomene (Tod, Sünde, Leiden, soziale Not, Verfolgung etc…) war das Wissen von einer geschenkten Erlösung ein  ideales Wissen, ein erlösendes Wissen, ein Teilbewusstsein eines vollkommenen Begriffs, das in vergänglicher Zeit konkretisiert werden sollte – mittels verschiedener Begriffe wie liturgischer Feier, caritativer Solidarität, Friedfertigkeit, kirchlicher Weihe-Ämter. Die Frage, ob die Weihämter männlichen oder weiblichen Geschlechts sein mussten, würde ich deshalb, vergleichsweise zur sonstigen Brisanz der Lebensthemen und dem Schatz der Überlieferung, nebensächlich einschätzen.

Dieses Anteilnehmen oder Anteilgewinnen an der Erlösung, an der positiven Offenbarung JESU CHRISTI, seiner Botschaft, seinem Leiden, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, seiner Geistsendung und seiner erwarteten Wiederkehr, die Kraft des Hl. Geistes, die neue Schriftauslegung, die Einbeziehung der Philosophie, war derartig wertvoll und spürbar, dass der Heilige/der Autor geradezu sich gezwungen sah, eine kirchliche und sakrale Ordnung aufzubauen und ebenso kirchliche Weiheämter vorzusehen.
Obwohl JESUS CHRISTUS historisch kein Priester war, war es logisch und notwendig für den Hl. IGNATIUS bzw. den Autor, die Begriffsmöglichkeit einer Erlösungsordnung auf die Evidenz einer kirchlich, sakralen Ordnung hin zu öffnen und Priester zu bestimmen. 

Die Begriffe „Bischof/Priester/Diakon“ lese ich deshalb nicht als zufällig aus der Tradition aufgelesene Begriffe, womöglich noch mit unbewussten autoritären, patriarchalen Ansprüchen verbunden, sondern als echte prinzipielle Möglichkeiten, zu einer Evidenz einer kirchlichen Erlösungsordnung überzugehen

6) Warum sollt es noch irdische Priester und Bischöfe geben?, so könnte gegengefragt werden? „Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist.“ (Hebr 9, 11)

Ich lese von den verschiedenen Gemeindemodelle in den Paulusbriefen, Pastoralbriefen, rekonstruiere die Evangelien, ich sammle die Ergebnisse der Exegeten, ich weiß aber dann endgültig (nicht) mehr, warum es ab dem 2. Jhd. zu einer so spezifischen Ausprägung von Bischofs/Priester/Diakonenamt gekommen ist. Es wird in der Begründung des Bischofs- und Priesteramtes verwiesen auf spätere Zeiten, auf Didache, Clemensbrief, Ignatiusbriefe u. a. – und dann werde ich im 2. Jhd. abgesetzt, so ist es gelaufen, das ist irreversibel. Die Begriffe sind jetzt metaphysisch wahr. 

Ohne Einbeziehung eines transzendental-reflexiven Standpunktes, wonach die Bedingungen der Möglichkeit eines Begriffes einsehbar sein müssen, werden sich sowohl Gegner wie Befürworter einer „Priesterweihe von Frauen“ nie verstehen. Nur per auctoritatem und Historie (vermeintlicher Historie) und metaphysischer Begründung kann ich heute den Vorbehalt eines sakralen Amtes nur für Männer aber wohl nicht aufrecht erhalten?  Die Befürworter einer „Priesterweihe von Frauen“ würde ich, im Unterschied zu einem dogmatischen Weg, den „emanzipatorischen Weg“ bezeichnen. Generell mein Eindruck: Man redet aneinander vorbei, weil die eigene Standpunktreflexion nicht mitbedacht wird.

7) Eine rein historisch-hermeneutische Lektüre scheint mir, wie gesagt, keine letzte Entscheidungsgrundlage zu bieten. Es fehlen die reflexologischen Voraussetzungen, wie diese oder jene Amtsbegriffe überhaupt zu denken sind. Die historischen Aussagen sind einerseits zu ungenau, d. h. zu divergierend und zu spärlich, andererseits dreht sich eine hermeneutische Lektüre im Kreise. Erklärungen führen zu einem endlosen Regress der Erklärung – und enden eigentlich bei metaphysischen Konstruktionen, die der „dogmatische“ Weg ja auch behauptet. Der „emanzipatorische“ wie der „dogmatische Weg“ führen zu keinem Ziel. Es muss eine systematische Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung bestimmter Begriffe möglich sein, um eine halbwegs argumentative Ausgangsbasis für künftige Entscheidungen zum Thema einer „Priesterweihe von Frauen“ zu finden.

8) Die Sichtweise des Heiligen/des Autors in den IGNATIUSBRIEFEN möchte ich einerseits höchst unspektakulär und zweckhaft als pragmatisch (sozial-pragmatisch) bezeichnen. (Ich habe keinen besseren Ausdruck dafür.) Vielleicht sollte man „prospektiv“ sagen, weil die Religionsgeschichte des „Volkes Israel“ (metaphorisch) und der christlichen Kirche damals neu geschrieben worden ist.
Rein historisch kann ich keine Verbindung zwischen dem Hl. IGNATIUS und dem Hl. AUGUSTINUS herstellen, aber ideengeschichtlich und begrifflich meinen beide wohl das Gleiche:
Prospektiv konnte die damals bekannte, bisherige Vorsehung Gottes auf neue Weise durch die positiven Offenbarung JESU CHRISTI weitergeschrieben werden.

Da der Mensch in seiner reflexiven Konstitution seine Vorstellung, seine Erfahrung, seine ganze Theorie, nur in der Praxis einsehen und bewähren kann, musste notwendig (nicht vom Inhalt her gesehen) die formale Freiheit des Heiligen/des Autors nach Wegen suchen, die neue Gotteserkenntnis in zeitlichen und räumlichen Schritten sichtbar zu machen. Er wählte einen sozial-pragmatischen Weg der Verständlichmachung – und bestimmte Bischöfe, Priester Diakone, männlichen Geschlechts. 

Das Wort „pragmatisch“ ist heute eher verpönt, aber ich meine damit nur das methodische Vorgehen: Die Rede des Heiligen/des anonymen Autors in seinen „Briefen“ ist ja durch und durch performativ und pragmatisch auf einen Zweckbegriff hingeordnet: eine religiöse, sakrale Sinnordnung soll installiert werden zwecks Rettung des  Menschen. 

Dies verlangt, um verstanden zu werden, nolens volens Begriffe und Anschauungen, die bekannt waren. Der einzelne Gläubige konnte dem Prinzip nach zwar unmittelbar der neuen Erlösungsordnung teilhaftig werden,  kraft Glauben und Taufe, kraft der Sakramente, kraft der Gottes- und Nächstenliebe,  ohne gesellschaftliche Grenzen und Barrieren,  aber mittelbar brauchte es dann doch Vorgaben, Institutionen, „padeia“, um die geschenkte Erlösung zu verinnerlichen und schlicht und einfach besser zu begreifen und zu leben. 

Der Heilige/der anonyme Autor, jeder Christ der damaligen Zeit, wird ein Ungenügen an sich selbst und der ganzen Gesellschaftsordnung gespürt haben – deshalb die Notwendigkeit, konkrete Sichtbarkeitsbedingungen der geschenkten Erlösung und Rettung zu etablieren. Deshalb auch die mir selbstverständlich anmutende Gehorsamsbereitschaft der Christen gegenüber ihren Bischöfen, Priestern, Diakonen, noch dazu in prekärer Situation der Christenverfolgung. Die kirchlichen Diener (Amtsträger) hatten  keinen Selbstzweck, sondern diesen einzigen und einen Zweck und Sinn, den absolute Bestimmungsgrund der geschenkten Erlösung in die Zeit und Geschichte hinein zu vermitteln und für möglichst viele Menschen sicher zu stellen.

M. a. W.: Das Licht der Möglichkeitsbegriffes der Erreichung einer sakralen kirchlichen Ordnung war sozusagen das pragmatische telos, die ratio cognoscendi der Errichtung einer kirchlichen Hierarchie. Das telos der zu erreichenden Erlösung war aber an sich kein bloß ausgedachter Begriff, keine Erfindung des Heiligen/des Autors, sondern stammte unmittelbar aus der positiven Offenbarung Gottes (ratio essendi). Nur zwecks Realisierung und Konkretisierung in Zeit und Geschichte sah der Heilige/der Autor sich genötigt, sozial-pragmatisch, nach dem üblichen Zweckbegriff, kirchliche Ämter einzurichten – und nolens volens dafür Männer vorzusehen.

Das „männlich“ wird im Text des Heiligen/des Autors gar nicht extra betont, das Wort „Hierarchie“ kommt wörtlich gar nicht vor, aber im Verhältnis zu den Widerwerten und gefährlichen Umständen der damaligen Zeit, im Verhältnis zu den kulturellen und tradierten Anschauungen, ja selbst im Verhältnis zur Überlieferungsgeschichte der Offenbarung selbst, konnte sich der Heilige/der anonyme Autor die Etablierung einer religiösen (sakramentalen) Sinnordnung gar nicht anders vorstellen als mittels einer männlichen Hierarchie. Seine Worte klingen für uns heute patriarchalisch, weil wir andere hermeneutische, wiederum relative Vestehensbedingungen in die Texte hineinlegen, Bedingungen, die wörtlich drinnen stehen, aber damals gar nicht in diesem Bedeutungshorizont reflektiert wurden. Der Fokus der Etablierung einer kirchlichen Hierarchie damals – das meine ich aus der performativen und pragmatischen Redensweise heraushören zu können – lag nicht in einem patriarchalen System, sondern in einem geradezu liberalen System der Gleichheit und Würde aller Menschen. Zwecks Herbeiführung dieser neuen, sakramentalen Ordnung und aus der prekären Situation der Verfolgung der Christen durch den römischen Staat und in Abwehr gnostischer Irrlehren heraus geboren, lag es für den Heiligen bzw. dem Autor außerhalb des hermeneutischen Denkhorizontes, diese geschlechterspezifische Ebene ebenfalls noch zu problematisieren und zu hinterfragen. Weil pragmatische Lösungen zu suchen und zu treffen waren, bot sich nur eine männliche Hierarchie an, aber ohne ausdrückliche Ablehnung der Frauen. M. E. hat das II Vatikanum in der Kirchenkonstitution LG das gut ausgedrückt, was das „besondere“ Priestertum vom „gemeinsamen“ Priestertum unterscheide. Diese Stelle bei LG wird leider oft metaphysiziert – wie ich in einem erhellenden Kommentar las. 2

9) Dem Heiligen/oder dem anonymen Autor um 160/175. n. Chr. war immer schon Gott als „Vater“ patriarchal vermittelt worden, handelte die Hl. Schrift von den Patriarchen, von Mose, den Propheten, von Johannes dem Täufer, von JESUS CHRISTUS, den Aposteln. Die Frauen kamen in der ganzen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Hl. Schrift natürlich auch vor, aber sie hatten eine andere Rolle: Angefangen von Eva, vorkommend in vielen Genealogien, beschrieben im Neuen Testament, beim Apostel Paulus. Sie werden als Mütter, Jungfrauen, Witwen genannt. Wie hätte der Heilige um 110 n. Chr. oder der anonyme Autor um 165 – 175 n. Chr. plötzlich zu einer anderen Anschauung kommen sollen und sagen, die „Witwen“ oder „Jungfrauen“ sollten zu Priesterinnen geweiht werden? Und selbst wenn der Heilige so „fortschrittlich“ gewesen wäre, wie hätte er verstanden und akzeptiert werden können, hätte er Frauen tatsächlich als „Priesterinnen“ vorgesehen und angesprochen? Die wenigen Stellen in den Briefen des Heiligen/des Autors, in denen ausdrücklich die Frauen erwähnt werden, handeln vom moralisch-sittlichen Gemeindeleben, geltend für Männer wie Frauen gleicherweise – das konnte akzeptiert werden.  

Das „zweckhafte“ und „pragmatische“ und prospektive Vorgehen des Heiligen bzw. des anonymen Autors bezog sich auf die Gebrauchsform, auf das Rezeptionsvermögen der kirchlichen Mitglieder. Der transzendentale Geltungsanspruch hinter diesem performativen Stil bezog sich aber zurück auf eine alles andere übertreffende, genetische, unwandelbare, überzeitliche Erkenntnis der Offenbarung Gottes, die einer gesellschaftlichen und geschichtlichen Etablierung und Weiterführung bedurfte. So meine transzendental-kritische Leseart.

Im Unterschied zu gnostischen Gruppierungen oder zum römischen Staatsapparat oder zur jüdischen Synagoge sollte es eine mehr als nur elitäre oder rechtliche oder bloß schulische Gemeindeordnung sein, die dem Heiligen/dem Autor vorschwebte, sondern eine für möglichst viele, in Gleichheit und Würde erreichbare, sakrale Sinnordnung, eine „civitas dei“ (mit AUGUSTINUS gesprochen).

M. a. W., das Ziel war ein Drittes zwischen einem a) moralisch-sittlichen Endzweck (in vielleicht gnostischen oder stoischen Formen) und einer nur b) autoritär-politischen, rechtlichen Herrschaft, wie es die Römer souverän vorzeigten: Ziel war c) eine von Gott ersehnte unabhängige Tätigkeit (Gnade) einer religiösen Sinnordnung und Sinnerfüllung, repräsentiert durch die kirchliche Gemeinschaft als Ganzes, repräsentiert durch die Sakramente, repräsentiert auch durch eine (notgedrungen männliche) Hierarchie.

10) Das in Entstehung begriffene Bild eines Bischofs/eines Priesters/eines Diakon war historisch bekannt, bekam aber einen neuen Sinn. Transzendental reflexiv für mich erklärlich: Es geschieht ein fortlaufendes Anknüpfen an die übersinnliche Welt Gottes im reflexiven und reflexartigen Bilden und ein Hineinbilden in die tatsächliche Welt zu Bedingungen dieser tatsächlichen Welt. Der absolute Bestimmungsgrund unseres Wollens will verzeitet und versinnlicht werden, das erkannte ein Hl. Ignatius/ein anonymer Autor, deshalb bedurfte es bekannter und sinnlicher Begriffe. Der Sinn dieser Begriffe wird aber nur klar in der genetischen Begründung, nicht kraft hermeneutischer Zirkularität. 3

Das Prinzip einer transzendentalkritischen Lektüre, d. h., dass die genetische Erzeugung der verwendeten Begriffe mitbedacht werden muss, böte sich vielleicht für den dogmatischen wie emanzipatorischen Weg als Entscheidungskriterium an.
In Berufung auf einen absoluten, genetischen Bestimmungsgrund kann die Vergangenheit neu gelesen, aktualisiert und wissbar gesetzt werden – und nur in Berufung auf einen überzeitlichen Bestimmungsgrund kann Zeit und Zeitlichkeit überhaupt gedacht und gedeutet werden – und auch gesellschaftlich relevante Strukturen.
Es ist m. E. in diesen Fragen zu einer Entscheidbarkeit von „Priesterweihe für Frauen“ a) nicht nur der transzendental gedachte Geltungsgrund von Wahrheit philosophisch frei zu legen, der in jeder Aussage vorausgesetzt werden muss, sondern b) im übergehenden Willen wird der Geltungsgrund inhaltlich eingeschaut und gewusst. Es ist der Geltungsgrund stets ein pertinenter, den Willen ergreifender, und eine ausgezeichnete Gegenwart setzender Geltungsgrund.

Das Ich/Bewusstsein bestimmt sich doppelt der apriorischen Möglichkeit nach, ideell und und real (virtuell, prospektiv) von einer ausgezeichneten Gegenwart her. Für den Hl. IGNATIUS/den Autor war die ausgezeichnete Gegenwart klar: die momentane, prekäre Situation und der reflexologische Bezugspunkt auf die positive Offenbarung Gottes in JESUS CHRISTUS. Die ausgezeichnete Gegenwart (um 110 oder 165) (oder ein Hl. Augustinus mit seiner „civitas dei“ aus den Jahren 420/430 n. Chr.) und die positive Offenbarung Gottes in JESUS CHRISTUS ermöglichte eine neue Zusammenschau der Zeit und Geschichte und eröffnete eine prinzipielle Neukonzeption, ein neues Werden und eine Repräsentationsmöglichkeit einer religiösen Sinn- und Gesellschaftsordnung. 

Ich höre abschließend die historischen, mystagogischen und anthropologischen Argumente des Hl. Papstes Karol, die Argumente von Papst Benedikt XVI, die jüngsten Argumente aus dem Jahre 2018, päpstliche oder lehramtliche Quellen zur Ablehnung einer Frauen-Priesterweihe.

© Franz Strasser, 32. 8. 2019

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995 – Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

(Ich möchte hier auf diesem Weg Fr. Dr.in Marianne Schlosser danken für die einfache, linkhafte Zitierung der einschlägigen Texte.)

 

———

1 Auf die historische Datierung der IGNATIUSBRIEFE siehe Bibliothek der Kirchenväter oder bei REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Er diskutiert ausführlich die Diskussionen der Gelehrtenwelt, in denen es um die Datierung des ersten Vorkommens des Wortes „katholisch“ geht. Er entscheidet sich (m. E. begründet) für den Märtyrerbericht des Hl. Polykarp (Entstehungszeit ca. 156 – 160 n. Chr., oder spätestens 177 n. Chr.) als ältestes Zeugnis, ferner für einen Brief des Hl. Ignatius von Antiochien („Smyrnäerbrief“), für dessen Autor er allerdings einen anonymen Verfasser der Zeit nach 160 n Chr. annimmt, und einen weiteren Text eines anonymen Verfasser dieses Zeitraums.

 

1 Weiterführende Literatur zum christlichen Amt in der frühen Kirche siehe z. B.:
Hartmut Leppin, Die frühen Christen, 2. Aufl., München 2019.
Andreas Thier, Hierarchie und Autonomie. Regelungstraditionen der Bischofsbestellung in der Geschichte des kirchlichen Wahlrechts bis 1140. (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 257
, Recht im ersten Jahrtausend) Frankfurt/Main 2011.
Heidi Wendt, At the Temple Gates. The Religion of Freelance Experts in the Roman Empire, Oxford 2016. 

Ferdinand R. Prostmeier: Konflikte um das Amt in frühchristlicher Zeit; in Neutestamentliche Ämtermodelle im Kontext, 207-235.
Ernst Dassmann: Die Bedeutung des Alten Testaments für das Verständnis des kirchlichen Amtes; in Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden, 96-113
E. Dassmann, Die frühchristliche Tradition über den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, in: ders., Amter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden (Hereditas 8), Bonn 1994, 212–224.
J. G. Mueller, Art. „Presbyter“, in: Reallexikon für  Antike und Christentum 28 (2017) 86–112.
G. Predel, Vom Presbyter zum Sacerdos. Historische und theologische Aspekte der Entwicklung der Leitungsverantwortung und Sacerdotalisierung des Presbyterates im spätantiken Gallien (Dogma und Geschichte 4), Münster 2005.

2Siehe dazu: Zur Debatte, 8/2009, Bernd-Jochen Hilberath, S 23

(…) Es geht dabei vor allem um den Satz aus Lumen gentium 10, dass sich „das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und das dienst- oder hierarchische Priestertum dem Wesen und nicht bloß dem Grad nach unterscheiden“. Ist mit dieser Formulierung nicht doch wieder ein grundlegender Unterschied zwischen Klerus und Laien in die Ekklesiologie eingeführt worden? Was kann eine Interpretation von Lumen gentium 10, die die Genese des Textes berücksichtigt, zur Interpretation beitragen?

Das Konzil will sagen, dass alle Gläubigen, zu denen auch die Ordinierten gehören, und diese dann noch einmal auf besondere Weise Anteil haben am Priestertum Jesu Christi. Diese besondere Weise sollte aber nicht dazu verführen, von einem „besonderen Priestertum“ zu sprechen, wie es leider immer wieder geschieht, vor allem dann, wenn man zwischen „allgemeinem“ und „be- sonderem“ Priestertum unterscheidet. Der Konzilstext hat sich aber dahingehend entwickelt, dass er statt vom „allgemeinen“ vom „gemeinsamen“ Priestertum spricht und den Ausdruck „besonderes“ Priestertum nicht kennt. Vielmehr heißt es, dass beide Priestertümer jeweils auf ihre spezifische Weise Anteil am Priestertum Jesu Christi haben.

Wer nach wie vor vom allgemeinen und besonderen Priestertum spricht, weckt den Verdacht, dass doch eine Stufung innerhalb der Gläubigen vorgenommen würde. Das Konzil sagt, dass beide Priestertümer aus dem Hohenpriestertum Jesu Christi hervorgehen und an ihm Anteil haben, und zwar je auf spezifische Weise. Zweitens sind beide aufeinander hin geordnet, also nicht eines dem anderen über- oder untergeordnet. Der Unterschied wird außerdem grammatikalisch deutlich erkenntlich im Nebensatz behandelt und trägt also nicht das Schwergewicht der Aussage. Was aber im Nebensatz gesagt wird, meint nun auch nicht, wie immer wieder interpretiert wird, dass sich beide Priestertümer sowohl dem Wesen als auch dem Grade nach unterschieden.

Die Formulierung im ersten Textentwurf lautete tatsächlich „nicht nur dem Grade, sondern auch dem Wesen nach“. Aber diese Formulierung „nicht nur – sondern auch“ wurde aufgegeben. Jetzt ist der Text von seiner Genese her und von dem her, was die lateinische Philologie sagen kann, klar: Es handelt sich um einen Unterschied des Wesens und nicht um einen Unterschied des Grades. Ein Unterschied des Grades wäre nämlich nur ein bloßer Unterschied, und der soll abgewehrt werden.

Ist das nun für die Laien schlimm? Keineswegs! Ein Gradunterschied würde ja tatsächlich eine hierarchische Unter- oder Überordnung bedeuten. Mit „Wesen“ ist allerdings nicht gemeint, dass das Wesen des einzelnen Gläubigen, der entweder an beiden Priestertümern oder an dem gemeinsamen Anteil hat, verschieden und gnadenrelevant different wäre. Es gibt also keinen Unterschied im Wesen des Gläubigen, wenn dieser zum Priester geweiht wird. Wesentlich unterschiedlich ist aber die Teilhabe des Priesters am Priestertum Jesu Christi zu der Teilhabe, die auch ihm zueigen ist und die das gemeinsame Priestertum ausmachen.

Was kann das bedeuten? Meines Erachtens, dass die spezifische Aufgabe des durch Ordination übertragenen Dienstes nicht aus dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen ableitbar

ist. Das schließt eine Wahl und eine Beteiligung der Gemeinde, wie sie ja in Ansätzen gegeben ist, an einer Ordination keineswegs aus. Es soll vor allem nicht vergessen werden, dass das primäre Subjekt der Ordination Jesus Christus im Heiligen Geist selbst ist. Kann das Verhältnis noch weiter bestimmt werden?

In dem ökumenischen Lima-Text heißt es, dass manche Kirchen den durch Ordination übertragenen Dienst einen priesterlichen nennen, weil er ein Dienst am priesterlichen Gottesvolk ist. Auch die offizielle römisch-katholische Lehre versteht den Dienst des Priesters als einen Dienst am Volk Gottes. Schwierigkeiten bereitet eher, dass in der Rede von Priester immer noch ein allgemein religionswissenschaftliches Priesterverständnis mitschwingt, das sich durch den neutestamentlichen Ansatz nicht entsprechend überholen ließ. Nach neutestamentlichem Verständnis ist der Amtsträger als Priester nicht einer, der im Namen des Volkes Gott ein Opfer darbringt, um Gott mit der Welt zu versöhnen. Dies ist immer schon in dem einen Hohenpriester und in dem einen Opfer Jesu Christi geschehen. Das priesterliche Gottesvolk als ganzes verkündet diese Großtaten Gottes. Den Ordinierten ist der Dienst der Versöhnung auf spezifische Weise übertragen. Sie bringen kein Opfer dar, sondern sie verkünden das Opfer Jesu Christi, so dass es sakramental in der Feier der Eucharistie gegenwärtig wird. Folgerichtig hat das II. Vatikanische Konzil den Dienst des Priesters und vor allem den es Bischofs von dem Dienst der Verkündigung her bestimmt. Innerhalb der gemeinsamen Aufgabe der Verkündigung kommt es, so können wir jetzt formulieren, dem durch Ordination übertragenen Dienst zu, auf die Gemeinde als ganze hin das Evangelium von der zuvorkommenden Gnade Gottes, von dem Extra nos des Heiles zu verkünden und darauf zu achten, dass die Gemeinde als ganze in „Leben und Lehre der Apostel verharrt, in der Feier des Brotbrechens und im Gebet“, wie die Apostolizität grundlegend in Apostelgeschichte 2,42 beschrieben wird. (…)“

3Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt, d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte, S 402)
Wie es konkret zu neuen Wertrealisierungen kommen kann, zu neuen „Gesichten“, siehe Interpretation eines Textes von FICHTE, „Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, Studientexte, fhS III, 2012) – siehe Link Kommentierung der 1. Vorlesung.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser