Ignatius von Antiochien und die kirchliche Hierarchie – 1. Teil

Ein kleiner Ausschnitt aus den „Briefen“ des Heiligen IGNATIUS VON ANTIOCHIEN, aber ein typisch wiederkehrendes Paradigma seiner Predigt, wie ich meine. Siehe diverse andere Stellen bei ihm. Wie können wir den Geltungsgrund seiner Aussagen verstehen?

Es sind zweifellos sehr kostbare Texte, entstanden der Tradition nach bei der Überfahrt des Heiligen nach Rom, ca. 110?, oder sie stammen von einem späteren, anonymen Autor ca. 165 – 175 n. Chr. – was natürlich ihre Bedeutung nicht mindert! 1

Ich zitiere aus der Bibliothek der Kirchenväter: -Siehe dort Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

1) Es könnten hier noch viele ähnliche Stellen zitiert werden – siehe pdf-Anhang – aber für mich auffallend, nach dem Vorbild eines in Entstehung begriffenen dreifaltigen Gottesbildes und mit hoher geschichtlicher Rückbindung an Jesus Christus, an das Apostelkollegium und die ganze bisherige Tradition der christlichen Bibel inklusiv der Paulusbriefe, wird die besondere Umsetzung der Glaubens in einem Nachbild einer sakramentalen Ordnung angestrebt, wie sie grosso modo heute noch gilt, zumindest in der katholischen Tradition.

Es ist ja geschichtlich bemerkenswert, warum sich diese drei angesprochenen kirchlichen Ämter – Bischofsamt, Priesteramt, Diakonenamt – überhaupt herauskristallisiert haben, und wie sie sich trotz der Fehlerhaftigkeit mancher mit diesen Ämtern bekleideten Dienern – aber es gab auch nachfolgende heiligmäßige Diener! – in der katholischen Tradition behaupten konnten. Welche Erkenntnisbemühung und Erkenntnisbegründung steckt dahinter? Wie lässt sich der Geltungsanspruch einer besonderen „Weihe“ und einer anscheinend zeitüberhobenen Norm des kirchlichen Amtes heute noch behaupten?  

Mir soll es hier nicht um textkritische oder grammatische oder komparative Vergleiche und sonstige hermeneutischen Methoden des Verstehens gehen, die zu gegebener Zeit nützlich sein können, um diese alten Texte zu verstehen, sondern alleine um eine erkenntniskritische Methode, wie der heilige Ignatius (oder ein anonymer Autor) zu solch starken Metaphern und Bildern greifen konnte, und so selbstbewusst und normierend von einer a) heiligen Hierarchie der Ämter – man könnte in gewisser Weise die ganze christliche Gemeinde hier einschließen –  b) von der Einheit der christlichen Gemeinde und c) von der gültigen Feier der Sakramente sprechen konnte.

Warum konnte der Heilige zu so starken Metaphern greifen: der Bischof= wie Gott Vater; die Priester= wie die Apostel; die Diakone= wie Jesus Christus;  die katholische Kirche (die Gemeinschaft der Christen) = wie der dreifaltige Gott? Die heilige Hierarchie ist Voraussetzung für die Gültigkeit der Sakramente usw.  In welcher Erkenntnisweise hatte der Heilige Zugang zu solch normierenden Aussagen? Warum konnte er so auf den Gehorsam pochen? Ist das heute noch wörtlich zu nehmen? Was begründet die Sakramentalität der Ämter, der ganzen christlichen Gemeinde, der konkreten Sakramente?

Es böten sich viele historisch-kritische Methoden der Analyse eines antiken Textes an, wie wir sie in den 1980-er Jahren nach Heinrich Zimmermann in der Bibelkritik kennenlernten: Textkritik, Literarkritik, Formgeschichte und Gattungskritik, Traditions- und/oder Redaktionsgeschichte, bzw. –kritik. 2 Von woher stammen diese Begriffe der kirchlichen Hierarchie wie Bischof, Presbyter, Diakon? Warum insistiert der Heilige so stark auf die geschwisterliche Liebe? Auf die Gültigkeit der Sakramente?

Es könnte in Anlehnung an die systemtheoretische Sicht argumentiert worden, dass die realistischen Determinanten seiner Aussagen so stark gewesen sein müssen, dass er zu solcher autoritärer und kirchlich strukturierter Führung übergehen musste, konkret weil die Christenverfolgung so stark war. Man könnte auch umgekehrt sagen, dass der Heilige nicht von außen gezwungen war, sondern aus eigener Klugheit und Überlegung diese Strukturen geschaffen hat, um nach seinem Weggang die „Herde“ zu sichern? Aber das wären alles nur hermeneutische Spekulationen und Zirkelschlüsse, die erkenntniskritisch stets neue Voraussetzungen schaffen.

Es muss über alle hermeneutischen Methoden der Erkenntnis hinaus eine transzendentale Erkenntniserklärung geben, um zu einem Geltungsgrund der Aussage zu gelangen, der sich als Wahrheit von sich her rechtfertigt und zeigt. Diesen Einblick in einen Geltungsgrund von Wahrheit als Wahrheit, den will ich bei diesem Heiligen voraussetzen, und nenne deshalb diese Analyse eines antiken Textes transzendental-kritische Lektüre.

Hingegen die verschiedenen historisch-kritischen Methoden und Interpretationen alter Texte möchte ich unter transzendentaler Hermeneutik zusammenfassen, mittels derer die Bedingungen der Entstehung der Texte unter den historischen Bedingungen der Zeit beleuchtet werden. Die transzendentale Hermeneutik kann als historische Rückversicherung stets mitlaufen und behält ihre interpretierende Funktion, aber der letzte Geltungsgrund von Aussagen kann nur durch lebendigen Nachvollzug einer Einsicht, mithin nur in transzendentaler Einsicht einer überzeitlichen Erkenntnis erreicht werden. M. E. hatte der Heilige diese Einsicht in einen überzeitlichen Offenbarungsgehalt, die ich auch genetische Einsicht nennen möchte, weil sie aus der unmittelbaren Einsicht in die Offenbarung Gottes selber hervorgegangen ist bzw. nur daraus begründet werden kann. Die oben kurz angespielten realistischen Determinanten oder willkürlich selbst geschaffenen, klugen Einrichtungsregeln können nie den ganzen leidenschaftlichen, energischen, performativen Ton seiner Aussagen treffen. Was ist der letzte Geltungsgrund seiner Aussagen? Ich lese  diese Texte ja nicht als eine griechische oder römische Dichtung, in der an Phantasie alles erlaubt war, oder als bloß moralische Appelle, sondern als vernunftgemäße, tief erwogene Erkenntnisse  und als konkrete, entsprechende Handlungs- und Verhaltensanweisungen.

Jenseits von schlimmer Christenverfolgung und römischen Staatsformen,  jenseits von Stoa und Gnosis, zurückgebunden an die Hermeneutik der Hl. Schrift, schuf m. E. der Heilige deshalb bemerkenswerte Strukturierungen und Einrichtungen der kirchlichen Hierarchie, die bis heute noch gelten – und bettete alles ein in ein sakramentales Verstehen einer kirchlichen/geschwisterlichen Gemeinschaft, weil er von einer genetischen Geltungserkenntnis ausging.  

2) Den Rückgang auf die transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit einer Aussage würde ich kurz so beschreiben: Zuerst kommt in jedem Erkenntnisvorgang und in jedem Wollen und Handeln ein Sich-Verstehen des Autors selbst vor – das zeitlos mit einem Sich-Verstehen des heutigen Lesers zusammenfallen muss, sollte es überhaupt ein gemeinsames Verstehen geben. Eine bloße Literatur oder ein bloßer phantasiereicher Gedankenaustausch wollen die „Briefe“ wohl nicht sein.
Können wir einen Einblick gewinnen in die Entstehung, d. h. Genese seiner Aussagen? Gelänge uns ein Einblick in das genetische Wissen der Heiligen, wozu die transzendentale Hermeneutik mitlaufend uns begleiten kann, hätten wir eine Argumentationsform, die eine überzeitliche Wahrheit mit der geschichtlichen Erscheinung der christlichen Gemeinde vermittelt – und auch heute eine Anspruchsgeltung erhebt, überzeitliche Wahrheit mit geschichtlicher Realisierung zu verbinden.3

Die geschichtliche, und notwendig damit verbunden interpersonale, kirchliche Vermittlung einer unmittelbarer Erkenntnis würde ich dabei die sakramentale Weiterführung der genetischen Erkenntnis nennen. 

3) Die genetische (oder transzendentale) Erkenntnis zu erreichen ist nichts Neues, sondern ist seit Platon über Anselm, Descartes, Kant, Fichte beste Tradition: Ich bedarf eines apriorischen Vorwissens, um eine sekundärreflexives Wissen erreichen zu können; ich bedarf eine apriorischen Idee einer Abgrenzung, um eine Grenze ziehen zu können; ich muss implizit wissen, wonach ich suche, wenn ich etwas finden will.

Ich verstehe unter  transzendental-kritischer Lektüre und transzendentaler Methode des Verstehens alter Texte, dass

a) jede Aussage prinzipiell auf Wahrheit bezogen ist, aber

b) in weiterer Folge des freien Vollzugs wird jede Aussage eine bestimmte Aussage, sie geht über in die Form einer bestimmten Mitteilung und in die Form mannigfaltig in der Geschichte ausgeprägten Meditatisierungen von Zeichen und Sprache (Kunst und Kultur), die hermeneutisch mitreflektiert werden müssen;

ferner ist jede Aussage c) für einen interpersonalen Raum und eine interpersonale Realisierung von Freiheit bestimmt. Die vielen Aufforderungen, Ermahnungen, Bitten, performativen Sprechakte des Heiligen, seine Aufrufe zur kirchlichen Einheit, seine Anweisungen zur Achtung der kirchlichen Hierarchie etc. lassen sich unmissverständlich nur in  interpersonaler Form herausstellen.

Die Form der bestimmten Aussage (b) hängt mit dem konkreten Sich-Verstehen des Heiligen zusammen. Die Form der Bezogenheit auf Wahrheit als Wahrheit (a) ist überhaupt prinzipielle Reflexionsform des Wissens, ein Bilden, wie es die fichtesche Bildlehre  darlegt. 

Diese dreifache Form des Aussagens nimmt nochmals Bezug auf ein inneres Gesetz im Bilden, das vorkonstruierend in jedem Nachkonstruieren mitläuft und als Reflex des Wissens alles trägt und hält. Dieses innere Gesetz äußert sich als das Faktum der Erscheinung des Wissens überhaupt und ist auf einen Gesamtzweck der Realisierung hingeordnet, auf einen Gesamtzweck des Bildens.

Das Bild des Gesamtzweckes soll idealiter – versteht sich, an andere –  weitergegeben werden, liegt aber bereits virtualiter in der genetischen Einsicht vorgegeben, weil im Verstehen der göttlichen Offenbarung der Heilige (oder der anonyme Autor)

a) für sich, reflexiv, in seinem elementaren Suchen nach Sinn und Erlösung die höchste Evidenz bereits gefunden haben muss. Der Heilige (oder der anonyme Autor) versteht sich selbst vollkommen im Licht der Offenbarung.  Er repräsentiert  – ein schwieriger Ausdruck, siehe dann 2. Teil – in gewissem Sinne die überindividuelle-persönliche Erkenntnis in überzeugender Weise.  

Ferner versteht der Heilige b) interpersonal die ganze Botschaft  (z. B. nach den Texten der Liebe im Johannes-Evangelium Kap. 13 – 17). 

c) In diesem Bilden der Erkenntnis der Gesamtzweck muss selbst eine unabhängige Tätigkeit der reflexen (nicht reflexiven) religiösen Ordnung aufscheinen, die den Bildungsprozess idealer Projektionen und realer Entscheidungen und realer Handlungen im Wechsel ermöglicht und trägt.

Ad a) Das reflexive Sich-Verstehen des Heiligen würde ich so kurz umschreiben: Die Sinnidee einer alles versöhnenden, wiedergutmachenden Tat Jesu Christi, die damit verbundene Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben, die erfahrene Liebe Gottes und Liebe der Mitmenschen – das ist konstitutiv und repräsentativ geworden in der Erkenntnis des Heiligen. Das Prinzip dieser genetischen Erkenntnis (der Erlösung, der Hoffnung) prinzipiiert eine theoretische und praktische und geschichtliche Erkenntnis der Fakten, entlässt juridische Formen der Ausführung und Gesetzgebung, appelliert an die innere Moral, verbindet zu gegenseitiger Liebe – überträgt generell ein von der Offenbarung geprägtes Licht auf die Wirklichkeit, das ich als sakramentales Licht beschreiben würde, als Heiligung des ganzen Lebens, weil es aus der genetischen Erkenntnis kommend.

Ad b) Die interpersonale Sicht des Bildens und Wissens ist die erste Form allen Bildens – und könnte anhand der Interpersonallehre Fichtes ausführlich dargelegt werden. Siehe andere Blogs von mir. (z. B.  Transzendentale InterpersonalitätslehreDie interpersonale Form einer Gotteserkenntnis ist konstitutiv für diese selbst. (Siehe z .B. J. G. Fichte, Glaube und Wissen in der WL 1805, 13. Vorlesungsstunde – 2. Teil)

Ad c) Ohne übergeordnete Einheit, die den Wechsel idealer Projektion und realer Handlung erst ermöglicht, wäre der Wechsel im Denken und Sein unbegründet und überheblich. Das Sich-Verstehen und Verstehen des Anderen ist nochmals gnadenhaft – ein lateinisches Wort, in deutscher Sprache durch den Existentialakt des Wissens vielleicht wiederzugeben –  ermöglicht durch das Wirken des Hl. Geistes. (Es ist katholische Kirchengeschichte, dass ein Pelagius mit seinem freien Willen als häretisch verurteilt wurde.) 4

4) Des Heiligen Aussagen zur kirchlichen Hierarchie, zur Einheit der Kirche, zur Gültigkeit der Sakramente, müssen für Außenstehende (z. B. Gnostiker) als massive Ansprüche einer juridischen Normativität, als hohe moralische Appelle und als konkrete Sanktionen einer kirchlichen Ordnungsmacht erschienen sein, aber, cum grano salis gesprochen, sie haben sich geschichtlich gehalten und bewährt.

Die genetische Erkenntnis – oder auch gut transzendentale Erkenntnis benennbar, weil Wahrheit als Wahrheit thematisiert werden soll -, bezieht sich auf den überzeitlichen, absolut ungeschichtlichen, göttlichen Geltungsgrund, aus dem alle andere Bestimmungen in einem sich bewährenden Wissensbild genetisiert werden können.

Im Zugleich einer apriorischen wie positiven Offenbarung ist der zeitlos erscheinende Gesamtzweck im Hl. Geist sichtbar. M. a. W., der Geltungsgrund konstituiert sich und realisiert sich in der Serie freier Entscheidungen, aber das Was dieser sein sollenden Gehalte des Glaubens lebt bereits virtualiter (real, repräsentativ) im Glauben und in der Existenz und im lebendigen Wollen und Tun des Heiligen wie in der ihn umgebenden christlichen Gemeinde und in jedem einzelnen Gläubigen.

5) Das Wissen ist „lebendiges, in sich geschlossenes Bilden“ (Fichte, WL 1804/2; GA II, 8, S 375). Emanent ist es in seiner notwendigen gesetzhaften Form des Projizierens und Objektivierens, immanent ist es, weil es nicht etwas Fremdartiges, sondern ein inneres, intelligibles Leben, das Licht der (apriorischen wie positiven) Offenbarung bildet. „Bilden ist insofern ein Projizieren von sich selbst, als es von sich her theoretische und praktische Bilder (d. i. Schemata, intelligible Prinzipien) zum Verständnis des Lebens im Licht der Evidenz gestaltet und entwirft.“5

Nach der Bildens-Lehre Fichtes gibt es eine geschlossene, materiale Totalität von Bewusstseinsformen, insofern im Auftreten des Bewusstseins in der Zeit von einer realen Gegenwart angefangen werden muss. Demgemäß ist eine faktisch endliche Zahl von realen Momenten der Erfahrung im Spiele. Das heißt aber nicht, dass wir mit dieser endlichen Totalität von Bewusstseinsformen radikal zeitlich wären und letztlich hermeneutisch von der Zeit und den empirischen Bedingungen der Zeit bedingt, aber rein als zeitlose Wesen können wir uns auch nicht denken:  ohne konkreten Übergang in der Selbstbestimmung und im Werden kämen wir zu keiner Bestimmtheit des Wissens und der Freiheit.   

Wir sind frei und ermöglicht innerhalb der Totalität unserer Bewusstseinsformen und der Mannigfaltigkeit der uns begegnenden Hemmungen oder interpersonalen Aufrufe,  geschichtliche Einheiten zu schaffen und zu repräsentieren. Die Geschichte offenbart eine endliche, geschichtliche Anzahl von Sinngebilden, die in der unendlichen Mannigfaltigkeit des ablaufenden Bewusstseins eine Serie von Freiheitsentscheidungen ausmachen – mit den darin auftauchenden Serien der Naturkonstellationen – , dass wir uns notwendig immer fragen müssen: Welcher Sinnrealisation der Geschichte (und der Natur) geben wir den Vorzug und anerkennen wir als wahr und recht, als sich bewährend und unveränderlich wahr und gut, und welche nicht. Wir beziehen uns immer notwendig auf eine höchste Sinnidee, die in hierarchischer Weise alle anderen Sinnideen regelt und systematisiert.

Für den Heiligen (oder anonymen Autor) war es einfachhin evident und klar: Es liegt eine unerschöpfliche Wertfülle in der positiven Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Der Rückbezug auf die apriorische Vernunftoffenbarung Gottes, wie sie jedes Vernunftwesen qua solches in sich trägt, ferner die Begegnung mit anderen Mitchristen, die Bekanntschaft mit der Hl. Schrift, den Sakramenten, der ausdrückliche Rückbezug auf den Heiland und Erlöser Jesus Christus, diese Kombination von apriorischer und positiver Offenbarung, berechtigt von einer genetischen Erkenntnis zu sprechen, die ich dem Heiligen unterstellen muss, will ich seine Aussagen in ihrer ganzen Absicht und Tragweite ernst nehmen und verstehen.

Das „genetisch“ bezieht sich auf ein unmittelbares Hervorgehen von Einsicht und Erkenntnis, hinter der nicht mehr zurückgegangen werden kann, weil sie so unmittelbar ist wie die unmittelbare Unableitbarkeit der Freiheit selbst. Der Begriff der Freiheit (und der Bewährung des Bildens, der Repräsentation) nimmt selbst von diesem Faktum der genetischen, unmittelbaren Einsicht seinen Wert und seinen Begriff, und spaltet sich erst von hier auf in eine ideale Reihe des Denkens  und eine reale Reihe der Anschauung und des Tuns dieser Einsicht.

Die im Wissen idealiter vollzogenen Schlüsse und konkreten Handlungsanweisungen zur kirchlichen Hierarchie, zum christlichen Zusammenleben (im Ganzen könnte das als hierarchisch geordnetes, sinnerfülltes Leben gelesen werden), zur Gültigkeit der Sakramente, sie lagen realiter im Glauben vorgegeben, und gemäß dieser realen und virtuellen Vorstellungen (von Hierarchie, von dienstbereiter Liebe, von liturgischer Feier der Sakramente) meinte der Heilige, so repräsentativ, so überzeugend wie möglich,  konkrete, eindringliche Anweisungen geben zu können. Die prekäre Lage der Christenverfolgung wird auch zu dieser Dringlichkeit beigetragen haben, aber primär waren die juridischen, pädagogischen, katechetischen, appellativen Anweisungen in und aus der genetischen Erkenntnis begründet – und kraft Postulat des zu erreichenden Gesamtzweckes, der sich unabhängig vom Wechsel von Projektion und Realisation von sich her zeigen muss, konnte jeder Christ/jede Christin gleichfalls diese genetische Einsicht und genetische Erkenntnis mitvollziehen, sofern er/sie mitzuvollziehen gewillt war.

Die Mitchristen werden aus dem Heiligen (bzw. dem anonymen Autor) nicht den autoritären oder patriarchalen Herrscher herausgehört haben, wenn er von Gehorsam sprach.Sie werden ihm auch nicht Machtgelüste unterstellt haben, denn der Gesamtzweck des kirchlichen und sakramentalen Lebens war für alle nachvollziehbar – und der Heiligen schien ihnen wohl von großer Autorität und Repräsentation zu sein. 

M. a. W.: die kirchlichen Ämter wurden in einem repräsentativen Licht der göttlichen Sinnordnung gesehen – sowie in manchen Staatstheorien die Form der Repräsentation des Volkes Gottes in den Abgeordneten gesehen wird, d. h. im übertragenen Sinne. Denn die eigentliche Repräsentation liegt in der Erscheinung des Absoluten selbst, woraus die überindividuell-persönliche Repräsentation ihren Ausgang nimmt.  Die Repräsentation in den kirchlichen Ämtern kann einerseits nicht vom Inhalt der göttlichen Offenbarung getrennt werden, andererseits nicht vom persönlichen Nachvollzug und der personalen Glaubwürdigkeit. (Siehe dann 2. Teil) 

6) Ohne der Möglichkeit eines lebendigen Nachvollzug des Wissens (des Heiligen) in genetischer Erkenntnis (transzendentaler Erkenntnis), sozusagen nur mit Zwang, hätte die Hierarchie in der christlichen Gemeinde nicht funktioniert, noch dazu in der prekären Lage der Verfolgungssituation. Der genetische Geltungsgrund der Wahrheit war und ist  ein zeitüberhobener Geltungsgrund, der einen theoretischen wie praktischen Vollzug in Erkennen und Wollen und Handeln erlaubt bzw. in Repräsentation verlangt, und als nachzubildender Endzweck allen überindividuell-persönlich, überzeitlich,  vorschweben kann. Wenn m. E. das 2. Vatikanische Konzil in ihren vagen Aussagen zur Sakramentalität der Weiheämter auf den Hl. Ignatius verweist, so mag das korrekt sein, wenn ebenfalls die genetische Einsicht in den Sinn dieser Ämter klar ist. Als bloß metaphysische Begriffe die Ämter zu verstehen in dem Sinne,  als läge bereits im Begriff des Amtes die genetische Erkenntnis drinnen und die glaubwürdige Repräsentation, geht am Thema der Sakramentalität vorbei.

Was lag für den Heiligen näher als die Realisierung der göttlichen Sinnordnung nach dem Vorbild des dreifaltigen Gottes zu sehen und wagen zu können, weil er an dessen machtvolles Wirken glaubte!? Diese Verheißungen auf Zukunft, Auferstehung, Vollendung, sie klingen in seinen Aussagen oft an. (Siehe oben  pdf-Anhang einiger Briefstellen.) Keine zweckoptimistische, managerartige, bloß psychologische Aufmunterung hätte ausgereicht, wenn nicht die Kraft der Überzeugung aus seinen performativen Sprechakten heraus gesprochen hätte. Dem Heiligen ging es auch nicht nur um moralische Anordnungen, denn bei allen kritischen Mahnungen und Tugendappellen, überwiegen die hoffnungsvollen, trostvollen, freudigen, lobenden, dankbaren  Aussagen.

Das Leben kann sakramental, gnadenhaft durchdrungen werden, das heißt in erster Linie in repräsentativer, personaler Form und in der interpersonalen Form der Liebe und des gegenseitigen Dienstes. Die juristischen Formen und Strukturen sind die unmittelbaren logisch-praktischen Folgen dieser genetischen Erkenntnis – und stellen, losgelöst von der genetischen Herleitung, nur juridische, säkulare Macht- und Herrschaftsstrukturen dar.  6 

Es scheint mir einfach und logisch zu erklären, warum der Heilige nicht auf weltliche Vorbilder zurückgegriffen hat, auf römische Staats- und Verwaltungsstrukturen: weil sich deren Herrschafts- und Repräsentationsformen für ihn als unglaubwürdig und nicht geeignet herausgestellt haben. Die heidnischen Institutionen und Ämter kannten letztlich keine Repräsentation und keine Bewährung, denn was hätten sie letztlich repräsentieren und bewähren sollen? Den römischen Staat in seinem Gewaltmonopol? Die Bewährung und ungerechten Rechtssystems?7  

7) Der christliche Glaube bietet in außergewöhnlicher Weise diese Zweifachheit der apriorischen wie positiven Offenbarung, um sowohl die absolute Unwandelbarkeit der Wahrheit als Wahrheit zu bezeugen, als auch die sich in der Zeit und Geschichte nach dem Vorbild der positiven Offenbarung sich bewährende Nach-Bildung zu ermöglichen. Müsste die apriorische, göttliche Botschaft angenommen werden, gäbe es keine Wahlfreiheit; würde Gott sich positiv nicht offenbaren, gäbe es ebenfalls keine im Bilden sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee.

Das innere Gesetz der Freiheit wurde von Kant durch das „Sittengesetz“ als Freiheit deklariert.8 Das Sittengesetz bedingt die Sichtbarkeit der Freiheit. Da Kant keine Interpersonalität der Freiheit kannte, mutierte sein Sittengesetz zu einem Verbotsgesetz, andere Freiheit nicht zu behindern. Alles Bilden ist aber, wie oben angesprochen, reflexives und intentionales Bilden und Bilden im Reflex eines göttlichen Gesetzes. Bilden ist mithin, wenn man alle drei Dimensionen bedenkt, stets eine positive Freiheitsbeschränkung, eine Selbstbeschränkung der Freiheit. 

Aus dem kantischen Sittengesetz kommen nur „todte und kalte Früchte“ (Fichte, WL 1804/2, GA 11/8, 380). Hingegen eine Freiheitsbeschränkung aus genetischer Erkenntnis, aus Liebe zu Gott und zum Mitmenschen, bringt eine andere genetische Bildung der Erkenntnis hervor: Die Bedeutungen sind genetisiert aus dem höchsten Inbegriff der Liebe, und daraus werden die anderen projzierenden und integrierenden Prädikationen des Wissens gebildet.

Bilden ist sowohl theoretisches Erkennen wir praktisches Wollen und Handeln. Jede bestimmte Aussage ist bereits Freiheitsrealisierung, und je nach Grundbezogenheit a) auf Wahrheit hin und b) interpersonaler Kommunikabilität und Liebe hin, schließlich c) auf den Glauben und die Hoffnung auf eine sich von selbst einstellende religiöse Sinnordnung hin, bewährt sich eine Aussage, oder bewährt sich nicht.9

Dieser 1. Teil meiner transzendental-kritischen Lektüre sollte aber nicht so verstanden werden, dass bis heute ebenfalls nur diese kirchlichen Ämter möglich sind. Vielleicht gibt es noch andere Ideen innerhalb der genetischen Erkenntnis der unerschöpflichen Wertfülle der apriorischen und positiven Offenbarung?! 

 

© Dr. Franz Strasser

21. 8. 2019

 

Literatur:

Ich zitierte aus der Bibliothek der Kirchenväter:Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Lumen Gentium, 2. Vatikanum

online: Kathpedia, Weihepriestertum – Link

Reinhard M. Hübner, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Online tlw. lesbar unter – siehe Link

M. V. d‘Alfonso, „Der Ausdruck der Freiheit und die Genese des „Ist-Sagens“: Die Bedingungen der Semantik im späten Fichte, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 382-396,

M. Ivaldo, Bilden als transzendentales Prinzip, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 72 – 88.

M. Siemek, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto (Hrsg.), Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 41 – 63.

Historisches Wörterbuch der Philosophie: Repräsentation, S. 32572

(vgl. HWPh Bd. 8, S. 800-801)

LthK, Stichwort „Repräsentation“, Bd. 8

1REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

2Heinrich Zimmermann, „Neutestamentlichen Methodenlehre“, Stuttgart 1971, 1978.

3In Lumen Gentium 20 des 2. Vatikanums wird z. B. der Hl. Ignatius zitiert (mit entsprechenden Fussnoten):

LG 20, 3. Absatz: „(….) Die Bischöfe haben also das Dienstamt in der Gemeinschaft zusammen mit ihren Helfern, den Priestern und den Diakonen, übernommen (47). An Gottes Stelle stehen sie der Herde vor (48), (Episcopi igitur communitatis ministerium cum adiutoribus preshyteris et diaconis susceperunt(47), loco Dei praesidentes gregi(48)) deren Hirten sie sind, als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung (49). Wie aber das Amt fortdauern sollte, das vom Herrn ausschließlich dem Petrus, dem ersten der Apostel, übertragen wurde und auf seinen Nachfolger übergehen sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort und muss von der heiligen Ordnung der Bischöfe immerdar ausgeübt werden (50). Aus diesem Grunde lehrt die Heilige Synode, daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind (51). Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat (vgl. Lk 10,16)52.
Wie in Jahrhunderten das weitergebildet wurde – siehe z. B. Internetseite bei Kathpedia –
Weihepriestertum.

4Nebenbei gesagt: Ein bloß idealistisches Ein-Bilden hat ja viel Unheil in die Welt gebracht: Angefangen bei der Gnosis, über den Voluntarismus des Mittelalters, weitergehend in der idealistischen Schulphilosophie, in den Revolutionstagen von Paris, in den Folgen des deutschen Idealismus („die Kultur ist der objektive Geist“ (Hegel) – das ist Bilden ohne Bewährung. Das sind alles Selbstermächtigungen. Ganz furchtbar dann im Marxismus und Nationalsozialismus; oder als moderne Variante der Selbstermächtigung und Überheblichkeit könnte auch die Technik angesehen werden. Wie immer die idealistische Konstruktion eines Bildes ausfällt,  die Bewährung muss vom Sein kommen, aus der unabhängigen Tätigkeit, nicht vom Denken allein.

5Dazu las ich vor kurzem bei M. Ivaldo die Bildlehre Fichtes trefflich wiedergegeben: Bilden als transzendentales Prinzip nach der Wissenschaftslehre, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 81.

6Bekanntlich wurden von den Reformatoren das Weiheamt  abgelehnt. Sicherlich standen dahinter psychologische Gründe, Macht- und Klerikerfragen.

7Ich denke z. B. an Kaiser Marc Aurel; aber trotzdem ist seine hohe stoische Bildung nicht mit der christlichen Tugendethik zu vergleichen. „Die Tugenden der Heiden waren glänzende Laster“ soll irgendwo bei Augustinus stehen.

8Kant, KpV, § 6, Anmerkung: „Freiheit und unbedingtes praktisches Gesetz weisen also wechselsweise auf einander zurück. Ich frage hier nun nicht: ob sie auch in der That verschieden seien, und nicht vielmehr ein unbedingtes Gesetz blos das Selbstbewußtsein einer reinen praktischen Vernunft, diese aber ganz einerlei mit dem positiven Begriffe der Freiheit sei; sondern wovon unsere Erkenntniß des unbedingt Praktischen anhebe, ob von der Freiheit, oder dem praktischen Gesetze. Von der Freiheit kann es nicht anheben; denn deren können wir uns weder unmittelbar bewußt werden, weil ihr erster Begriff negativ ist, noch darauf aus der Erfahrung schließen, denn Erfahrung giebt uns nur das Gesetz der Erscheinungen, mithin den Mechanism der Natur, das gerade Widerspiel der Freiheit, zu erkennen. Also ist es das moralische Gesetz, dessen wir uns unmittelbar bewußt werden (so bald wir uns Maximen des Willens entwerfen), welches sich uns zuerst darbietet und, indem die Vernunft | jenes als einen durch keine sinnliche Bedingungen zu überwiegenden, ja davon gänzlich unabhängigen Bestimmungsgrund darstellt, gerade auf den Begriff der Freiheit führt.“

9Mit den Freiheitsbeschränkungen aus einem allgemeinen Gesetz, wie es Kant formulierte, tut sich die Neuzeit sehr schwer. Warum sollte ein allgemeiner Wille über dem eigenen, individuellen Willen schweben? Ich stelle fest: Das genetische Licht und die genetische Schematisierung einer Selbstbeschränkung geht sofort verloren, sobald die Transzendenz im Verhältnis zum Nächsten aus dem Blick gerät und die intentionale Grundbezogenheit auf göttliche Wahrheit und Liebe entfällt. Die „Genese des Ist-Sagen“ (siehe Literatur D‘ Alfonso) und die epistemologische Begründung der epistemischen Bedeutungen (siehe Literatur M. Siemek) – alles liegt an der genetischen Bildung und der daraus kommenden Bewährung des Bildseins.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser