Transzendentalkritische Lektüre – Ignatius von Antiochen, oder die kirchliche Hierarchie, 1. Teil

Von verschiedener Seite hört man in letzter Zeit Stimmen laut werden, Frauen sollten in der Röm.-kath. Kirche ebenfalls ein Weiheamt erhalten können: Warum können oder dürfen sie nicht zu Bischöfinnen/Priesterinnen/Diakoninnen bestellt und geweiht werden? (Siehe z. B. Bewegung „Maria, 2.0“)

Ich habe die Argumente der Skepsis und der Ablehnung der „Priesterweihe von Frauen“ gelesen. Es sind tiefe, mystagogische Hinführungen zum Priesteramt, zur Person des Heilsvermittlers Jesus Christus, Verweise auf die Hl. Schrift, Verweise auf die lange Rezeptionsgeschichte u. a. m. Ich würde diese Stimmen als „dogmatischen“ Weg zusammenfassen, als Weg nach den biblischen Vorgaben, aber oft, wenn ich sagen darf, ohne reflexologische Bedingungen der Wissbarkeit der Begriffe.

Die Hl. Schrift bringt sicherlich in ihrer Symbolik und ihrer Geschichten apriorische Wahrheiten zur Aussage, doch eine philosophische Konstruktion der Begriffe mit der transzendentalen Frage, was sind die Bedingungen der Möglichkeit solcher Aussagen, dass ich z. B. von einem „Priester“ im sakralen Sinne sprechen kann, lässt sich nicht historisch aus der Hl. Schrift ableiten. Die Presbyter, Episkopen, Diakone – zum Herkommen der Begriffe siehe verschiedene exegetische Werke und Lexikas 1verdanken sich ja nicht bloß einem Selbstläufer von Tradition, oder gar Herrschsucht und Machtsucht, sondern verdanken sich einer neuen, genetischen Gotteserkenntnis – so meine These – die in den Evangelien, bei den Paulusbriefen, Pastoralbriefen oder nachapostolischen Briefen (wie z. B. hier beim Hl. Ignatius) zum Ausdruck kommt. Die Begriffe enthalten nicht von selbst schon eine Repräsentation und eine Sinnbestimmung, wenn man das dahinterliegende Prinzip nicht einsieht. Die historischen und hermeneutischen Methoden, einen Text aus einer Zeit und Umgebung heraus zu verstehen, diese ganze „differenztheoretische“ Lektüre, das möchte ich nicht gering schätzen und übersteigt auch mein Wissen und meine Sprachkompetenz, doch die Begründung einer Sinn-Aussage liegt nicht in den historischen und hermeneutischen Bedingungen selbst.
Tatsächlich sind ja in den historischen Texten sehr divergierende Aussagen zu finden, man lese den herrlichen HEBRÄERBRIEF mit der Beschreibung des noch einzig möglichen Priesters: z. B.
Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist.“ Warum kann es dann noch irdische Priester und Bischöfe geben? Man lese über die verschiedenen Gemeindemodelle in den Paulusbriefen, Pastoralbriefen, rekonstruiere die Evangelien, man sammle die Ergebnisse der Exegten, dann weiß man endgültig (nicht) mehr, warum es ab dem 2. Jhd. zu einer so spezifischen Ausprägung von Bischofs/Priester/Diakonenamt gekommen ist. Es wird in der Begründung des Bischofs- und Priesteramtes dann auf spätere Zeiten verwiesen, pauschal auf Didache, Clemensbrief, Ignatiusbriefe u. a. – aber das sind für mich nur historische Daten, faktische Überlieferung. Irgendwann muss eine transzendentale Begründung nachgeliefert werden, warum gerade diese historischen Zeugnisse zum Paradigma geworden sind und nicht andere.

Das Prinzip eines sakramentalen Bischofs oder Priesters oder Diakons ist m. E. nicht geschlechtsspezifisch bestimmt, sodass nur Männer für das Priesteramt zugelassen sind. Ohne Einbeziehung eines transzendental-reflexiven Standpunktes, wonach die Bedingungen der Möglichkeit eines Begriffes einsehbar sein müssen, werden sich sowohl Gegner wie Befürworter einer „Priesterweihe von Frauen“ nie verstehen. Nur per auctoritatem und Historie (vermeintlicher Historie!) der Hl. Schrift kann ich ein Bischofs- oder Priesteramt nicht rechtfertigen.


Die Befürworter einer „Priesterweihe von Frauen“ würde ich, im Unterschied zu einem
dogmatischen Weg, den „emanzipatorischen Weg“ bezeichnen. Mein Eindruck: Man redet aneinander vorbei, weil die eigene Standpunktreflexion nicht mitbedacht wird.

Ich möchte als Beispiel dieses Aneinandervorbeiredens einen Text der ganz frühen Zeit des christlichen Glaubens lesen – einen Texte des Hl. IGNATIUS von Antiochien (110 – 117 n. Chr.) – oder eines anonymen Autors um 160/175 n. Chr. – ?, um, ausgehend von diesem Text als Dispositiv einer Interpretation, sowohl Argumente für wie gegen einer „Priesterweihe von Frauen“ zu sammeln.

Eine rein historisch-hermeneutische Lektüre scheint mir, wie gesagt, keine letzte Entscheidungsgrundlage zu bieten. Es fehlen die reflexologischen Voraussetzungen, wie diese oder jene Amtsbegriffe überhaupt zu denken sind. Die historischen Aussagen sind einerseits zu ungenau, d. h. zu divergierend und zu spärlich, andererseits dreht sich eine hermeneutische Lektüre im Kreise. Erklärungen führen zu einem endlosen Regress der Erklärung – und enden eigentlich bei metaphysischen Konstruktionen, die der „dogmatische“ Weg ja auch behauptet. Der „emanzipatorische“ wie der „dogmatische Weg“ führen zu keinem Ziel. Es muss eine systematische Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit der Entstehung bestimmter Aussagen  möglich sein, um eine halbwegs argumentative Ausgangsbasis für künftige Entscheidungen zum Thema einer „Priesterweihe von Frauen“ zu finden. Ich nenne diese systematische Interpretation nach den Bedingungen der Möglichkeit eine transzendental-kritische Lektüre.

1) Die Sichtweise des Heiligen/des Autors in den IGNATIUSBRIEFEN möchte ich einerseits höchst unspektakulär und zweckhaft als pragmatisch bezeichnen. (Ich habe keinen besseren Ausdruck dafür.) Vielleicht sollte man „prospektiv“ sagen, weil die Religionsgeschichte des Volkes Israel und der christlichen Kirche damals neu geschrieben worden ist.
Rein historisch-textkritisch kann ich keine Verbindung zwischen dem Hl. IGNATIUS und dem Hl. AUGUSTINUS herstellen, aber ideengeschichtlich und begrifflich meinen beide wohl das Gleiche: Prospektiv kann die damals bekannte, bisherige Vorsehung Gottes auf neue Weise durch die positiven Offenbarung JESU CHRISTI weitergeschrieben werden.
Di
eses zeitliche Fortschreiben, diese Linearität der jüdisch-christlichen Zeitvorstellung, sie beruhte auf der Folie einer einzigen Handlung Gottes: Gott will sein Volk, das Volk Israel und das Volk der Christen, alle Welt, in einer universalen, religiösen Sinnordnung und Heilsordnung verwirklichen und vollenden. Die alten Traditionen können neu gelesen und die Begriffe neu gedeutet werden. Manche Begriffe kommen neu dazu, wie das „katholisch“, d. h. allumfassend, anderes ist uralt und geerbt vom Judentum und anderen Institutionen dieser Zeit. Die Begriffe „Bischöfe“, „Priester“, „Diakone“ waren bekannt, aber sie bekamen einen neuen Sinn. Die Ämter und die ganze christliche Gemeinde und die Gemeinschaft einer Stadt, eines ganzen Landes, sie können, durch die positive Offenbarung JESU CHRISTI befähigt, in bekannten und neuen Gottesdienstformen die Religion zu leben – und ihre ganze Bestimmung, Hoffnung, Sendung.

Das pragmatisch- prospektive Streben des Heiligen/des anonymen Autors um 165/175 n. Chr., übertragen auf die damalige, gegenwärtige Zeit und Stunde, werde ich in weiterer Folge als unzeitliche, genetische Erkenntnis beschreiben, weil sie zurückverweist auf die überzeitliche, unwandelbare Gotteserkenntnis, die sich aber in der positiven Offenbarung JESU CHRISTI zu einer neuen Realisierung hin genetisiert hat. Das kostbare Glaubensgut – nach 1 Tim „depositum fidei“ und ebd. „sana doctrina“ genannt die Botschaft des Evangeliums, die höchste Sinnidee, die der Mensch transzendental in seiner Vernunft trägt und durch Jesus Christus in Erfüllung gegangen ist, sollte in „zerbrechlichen Gefäßen“ (Paulus) bewahrt und weitergegeben werden, d. h. aber, da der Mensch in seiner reflexen und reflexiven Konstitution dies nur zeitlich und virtuell vermag, soll in relativ zeitlichen und räumlichen Strukturen realisiert werden. Vom Prinzip und der genetischen Erkenntnis her war prospektiv Neues angesagt, vom Weg her musste nach pragmatischen und hermeneutischen Mitteln der Verständlichkeit gesucht werden.

Das Wort „pragmatisch“ ist heute eher verpönt, aber ich meine damit nur das methodische Vorgehen: Die Rede des Heiligen/des anonymen Autors in seinen „Briefen“ ist ja durch und durch performativ und appellativ. (Nicht ein theologischer Kommentar wie bei Paulus, oder wie ein diskursiver Dialog wie bei Platon.) Der Pragmatismus zielt auf das Handeln als Voraussetzung ab. Das Handeln geht aber damit nicht dem Akt des Erkennens voraus, sondern folgt dem neu oder bereits Erkannten. Damit das auf das Handeln abzielende pragmatische Vorgehen und die performative Rede verstanden werden konnte, musste der Heilige/der Auto deshalb notgedrungen auf altbekannte Begriffen und Vorstellungen zurückgreifen. So wundert es mich nicht, dass der Heilige/der Autor pragmatisch zu einer männlichen Hierarchie greift, obwohl das Ziel und die Zweckabsicht alles andere als geschlechtsspezifisch ist: die Herstellung einer religiösen Sinnordnung kraft absoluten Bestimmungsgrundes in und aus der positiven Offenbarung Gottes.
Es
geht weder um das Mann- oder Frausein selbst, um geschlechterspezifische Auslese und Ämteraufteilung,  noch um bloße Auslegungsfragen der Hl. Schrift in rabbinischer Manier oder um die Fragen einer stoischen Lebenshaltung, es geht auch nicht um Gnosis einer bloßen Lehre oder um philosophische Disziplinen (Grammatik, Rhetorik, was es alles so gab), es findet sich auch am Rande eine Abwehr gewisser Irrlehren und Kirchenspaltungen, es geht prinzipiell um eine Neuordnung, um die Realisierung einer genetischen Gotteserkenntnis in sakramentaler Form.

Das „männlich“ wird gar nicht extra betont, das Wort „Hierarchie“ kommt wörtlich gar nicht vor, aber im Verhältnis zu den Widerwerten und gefährlichen Umständen der damaligen Zeit, im Verhältnis zu den kulturellen und tradierten Anschauungen, ja selbst im Verhältnis zur Überlieferungsgeschichte der Offenbarung selbst, konnte sich der Heilige/der anonyme Autor die Etablierung einer religiösen (sakramentalen) Sinnordnung gar nicht anders vorstellen als mittels einer männlichen Hierarchie. Seine Worte klingen für uns heute patriarchalisch, weil wir andere hermeneutische, relative Vestehensbedingungen in die Texte hineinlegen, Bedingungen, die wörtlich drinnen stehen, aber damals gar nicht in diesem Bedeutungshorizont reflektiert wurden. Der Fokus der Etablierung einer kirchlichen Hierarchie damals – das meine ich aus der performativen und pragmatischen Redensweise heraushören zu können – lag nicht in einem patriarchalen System, sondern in einem geradezu liberalen System der Gleichheit und Würde aller Menschen. Zwecks Herbeiführung dieser neuen, sakramentalen Ordnung und aus der prekären Situation der Verfolgung der Christen durch den römischen Staat (oder in Abwehr gnostischer Irrlehren) lag es für den Heiligen bzw. dem Autor außerhalb des hermeneutischen Denkhorizontes, diese geschlechterspezifische Ebene ebenfalls noch zu problematisieren und zu hinterfragen. Weil pragmatische Lösungen zu suchen und zu treffen waren, bot sich nur eine männliche Hierarchie an, aber ohne ausdrückliche Ablehnung der Frauen dafür. M. E. hat das II Vatikanum in der Kirchenkonstitution LG das gut ausgedrückt, was das „besondere“ Priestertum vom „gemeinsamen“ Priestertum unterscheide. Diese Stelle bei LG wird leider oft metaphysiziert – wie ich in einem erhellenden Kommentar las. 2

Dem Heiligen/oder dem anonymen Autor um 160/175. n. Chr. war immer schon Gott als „Vater“ patriarchal vermittelt worden, handelte die Hl. Schrift von den Patriarchen, von Mose, den Propheten, von Johannes dem Täufer, von JESUS CHRISTUS, den Aposteln. Die Frauen kamen in der ganzen Rezeptions- und Wirkungsgeschichte der Hl. Schrift natürlich auch vor, aber sie hatten eine andere Rolle: Angefangen von Eva, vorkommend in vielen Genealogien, beschrieben im Neuen Testament, beim Apostel Paulus. Sie werden als Mütter, Jungfrauen, Witwen genannt. Wie hätte der Heilige um 110 n. Chr. oder der anonyme Autor um 165 – 175 n. Chr. plötzlich zu einer anderen Anschauung kommen sollen und sagen, die „Witwen“ oder „Jungfrauen“ sollten zu Priesterinnen geweiht werden? Und selbst wenn der Heilige so „fortschrittlich“ gewesen wäre, wie hätte er verstanden und akzeptiert werden können, hätte er Frauen tatsächlich als „Priesterinnen“ vorgesehen und angesprochen? Die wenigen Stellen in den Briefen des Heiligen/des Autors, in denen ausdrücklich die Frauen erwähnt werden, handeln vom moralisch-sittlichen Gemeindeleben, geltend für Männer wie Frauen gleicherweise – das verstand und akzeptierte jeder/jede.

Das „zweckhafte“ und „pragmatische“ und prospektive Vorgehen des Heiligen bzw. des anonymen Autors bezog sich auf die Gebrauchsform, auf das Rezeptionsvermögen der kirchlichen Mitglieder. Der transzendentale Geltungsanspruch hinter diesem performativen Stil bezog sich reflexologisch aber zurück auf eine alles andere übertreffende, genetische, unwandelbare, überzeitliche Erkenntnis der Offenbarung Gottes, die einer gesellschaftlichen und geschichtlichen Etablierung und Weiterführung bedurfte.

Im Unterschied zu gnostischen Gruppierungen oder zum römischen Staatsapparat oder zur jüdischen Synagoge sollte es eine mehr als nur elitäre oder rechtliche oder bloß schulische Gemeindeordnung sein, die dem Heiligen/dem Autor vorgeschwebt ist, eine im Glauben erreichbare, so meine These, sakrale Sinnordnung, eine „civitas dei (mit AUGUSTINUS gesprochen).

M. a. W., das Ziel war ein Drittes zwischen einem a) moralisch-sittlichen Endzweck (in vielleicht gnostischen oder stoischen Formen) und einer nur b) autoritär-politischen, rechtlichen Herrschaft, wie es die Römer souverän vorzeigten: Ziel war c) eine von Gott ersehnte unabhängige Tätigkeit (Gnade) einer religiösen Sinnordnung und Sinnerfüllung, repräsentiert durch die kirchliche Gemeinschaft als Ganzes, repräsentiert durch die Sakramente, repräsentiert auch durch eine (damals notgedrungen männliche) Hierarchie.

2) Das in Entstehung begriffene Bild eines Bischofs/eines Priesters/eines Diakon war historisch bekannt, bekamen aber einen neuen Sinn. Transzendental reflexiv finde ich das verständlich: Es geschieht ein fortlaufendes Anknüpfen an die übersinnliche Welt Gottes im reflexiven und reflexartigen Bilden und ein Hineinbilden in die tatsächliche Welt zu Bedingungen dieser tatsächlichen Welt. Der absolute Bestimmungsgrund unseres Wollens will verzeitet und versinnlicht werden, das erkannte ein Hl. Ignatius/ein anonymer Autor, deshalb bedurfte es bekannter und sinnlicher Begriffe. Der Sinn dieser Begriffe aber hat sich geändert kraft genetischer, neuer Begründung. 3

a) Der dogmatische Weg unterstellt dem emanzipatorischen Weg bloß pragmatisch zu sein im Sinne von ohne genetische Erkenntnis, ohne historische Erklärung und ohne tiefere religiöse Schau der Dinge. Eine solche „pragmatische“ Lösung wäre zwar irgendwie entschuldbar durch die prekären Umstände, systemtheoretisch bedingt, beweist aber noch nicht die sein sollende, wirkliche sakrale, religiöse Ordnung der Dinge, die der Heilige/der Autor anstrebte. Es muss eine werthafte Sicht hinter den zeitlichen und geschichtlichen Bedingungen geben. Es gibt auch eine mystagogische Sicht der Berufung der Frau, sie ist implizit dem Heiligen vorgeschwebt, deshalb hat er bewusst keine Frauen für das Bischofs-, Priester oder Diakonenamt vorgesehen. Diese und noch mehr Argumente können hier gesammelt werden. Hier hätte m. E. der „dogmatische“ Weg recht.

b) Der Pragmatismus spricht das Handeln an und hat das Handeln selbst zum Ziel (bei vorhergehender Erkenntnis des Ziels.) Des Heiligen/des Autors Sprechakte (siehe dann 2. Blog) sind durch und durch auf das Geschenk des Glaubens ausgerichtet, auf Sinn und Wert der positiven Offenbarung, auf Verstehen und Liebe. Sie sind sehr eindringlich, verweisen zurück auf eine Genesis der Wirksamkeit Gottes selbst, die transzendental und sakramental in die Welt und Zeit hineingebildet werden will. Warum soll das nur mit einer männlichen Hierarchie gehen?

Aus Rücksicht auf die hermeneutischen Bedingungen konnte aber an der Grenze des Widerstandes (der damaligen Zeit, der Christenverfolgungen, der einbrechenden Häresien) die Relevanz des angstrebten Wertes nicht anders durchgesetzt werden als mittels männlicher Hierarchie und generell einer gewissen kirchenpolitischen Ordnung. Der Heilige/der Autor wählt diesen pragmatisch-prospektiven Weg, damit der Zweckbegriff des Glaubens, der Verkündigung, der Rettung durchgesetzt werden könne. Es geht nicht um systemtheoretisch aufgezwungene Ämterfragen, um stoische, nationale, wirtschaftliche, psychologisch-herrschaftliche Interessen, sondern offensichtlich ganz frei, anders als die übrige Gesellschaft, aus einer inneren Kreativität und einer geistigen Aktivität heraus, soll eine sakramentale Lebensordnung geschaffen werden, inklusiv einer sie ordnenden Hierarchie.

Das „Gute“ würde mit dem nur „guten“, pragmatischen Weg wahrlich nicht erreicht, ja ist selbst im Pragmatismus gar nicht intendiert. Ein nur emanzipatorisch geforderter Egalitarismus und eine Gleichmacherei um seiner selbst willen, das hat in der Geschichte noch nie etwas Gutes gebracht – und so oberflächlich wird der „emanzipatorische Weg“ hoffentlich nicht denken. Das wäre eine Unterstellung.

c) Das Prinzip einer transzendentalkritischen Lektüre, d. h., dass die genetische Erzeugung der Begriffe im Hintergrund mitbedacht wird, böte sich für den dogmatischen wie emanzipatorischen Weg als Entscheidungskriterium an. Die Patriarchen, Mose, die Leviten, die Propheten, JESUS, die Apostel, sie waren alle Männer, kein Zweifel, die Rezeptionsgeschichte ging dann 2000 Jahre zumindest in der römisch-katholischen und den orientalischen und orthodoxen Kirchen diesen Weg weiter. Der geschichtliche Verlauf ist geschützt durch die Vergangenheit. Aber nur in Berufung auf einen absoluten, genetischen Bestimmungsgrund kann die Vergangenheit gelesen, aktualisiert und wissbar gesetzt werden – und nur in Berufung auf einen überzeitlichen Bestimmungsgrund kann Zeit und Zeitlichkeit überhaupt gedacht und gedeutet (nicht missdeutet!) werden.


Es ist
m. E. in diesen Fragen einer Entscheidbarkeit von „Priesterweihe für Frauen“ a) nicht nur der transzendental gedachte Geltungsgrund von Wahrheit philosophisch frei zu legen, der in jeder Aussage vorausgesetzt werden muss, das wäre zu wenig, nur formal, sondern b) im übergehenden Willen wird der Geltungsgrund inhaltlich eingeschaut und gewusst. Es ist der Geltungsgrund stets ein pertinenter, den Willen ergreifender, und eine ausgezeichnete Gegenwart setzender Geltungsgrund.

Das Ich/Bewusstsein bestimmt sich doppelt, der apriorischen Möglichkeit nach, ideell und und real (virtuell, prospektiv) von einer ausgezeichneten Gegenwart her. Für den Hl. IGNATIUS/den Autor war die ausgezeichnete Gegenwart klar: die momentane, prekäre Situation und der reflexologische Bezugspunkt auf die positive Offenbarung Gottes in JESUS CHRISTUS hin. Die ausgezeichnete Gegenwart (um 110 oder 165) (oder ein Hl. Augustinus mit seiner „civitas dei“ aus den Jahren 420/430 n. Chr.) und die positive Offenbarung Gottes in JESUS CHRISTUS ermöglichte eine neue Zusammenschau der Zeit und Geschichte und eröffnete eine prinzipielle Neukonzeption, ein neues Werden und eine Repräsentationsmöglichkeit einer religiösen Sinn- und Gesellschaftsordnung. Es sind nicht abstrakte Begriffe von Zeit und Raum, die Anschauung und Denken zusammenbringen, sondern eine genetische Erkenntnis schafft die synthetische Einheit von Denken und Anschauung und somit neue Begriffe und neue Deutungen.

Ich höre abschließend die historischen, mystagogischen und anthropologischen Argumente des Hl. Papstes Karol, die Argumente von Papst Benedikt XVI, die jüngsten Argumente aus dem Jahre 2018, päpstliche oder lehramtliche Quellen zur Ablehnung einer Frauen-Priesterweihe.

1) Vor 25 Jahren, am 22. Mai 1994, veröffentlichte Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“. Darin erklärte der Papst, dass die Kirche keinerlei Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Dieses Schreiben schloss sich an die 1976 unter dem Titel „Inter Insigniores“ erschienene Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt an.

2) 1995
(1)Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre, Kongregation für die Glaubenslehre, 28. Oktober 1995, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_dubium-ordinatio-sac_ge.html;

(…) Antwort auf den Zweifel
bezüglich der im Apostolischen Schreiben
»Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre

Zweifel: Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.

Antwort: Ja.

Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz die vorliegende Antwort, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und zu veröffentlichen angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 28. Oktober 1995, am Fest der Hll. Apostel Simon und Judas.

3) 1995 – Erläuterungen

http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19951028_commento-dubium-ordinatio-sac_ge.html

(….)“ Was die Grundlage in der Heiligen Schrift und in der Tradition anbelangt, weist Johannes Paul II. darauf hin, daß Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes nur Männer, und nicht Frauen, zum Weiheamt berief, und daß die Apostel “das gleiche taten, als sie Mitarbeiter wählten, die ihnen in ihrem Amt nachfolgen sollten” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2; vgl. 1 Tim 3,lff., 2 Tim 1,6; Tit 1,5). Es gibt gültige Argumente dafür, daß die Vorgehensweise Christi nicht durch kulturelle Gründe bedingt war (vgl. Nr. 2), so wie auch hinreichende Gründe dafür vorhanden sind, daß die Tradition die vom Herrn getroffene Wahl als für die Kirche aller Zeiten bindend ausgelegt hat.

Hier stehen wir aber bereits vor der wesentlichen gegenseitigen Abhängigkeit von Heiliger Schrift und Tradition, einer Wechselbeziehung, die diese beiden Arten der Weitergabe des Evangeliums zu einer untrennbaren Einheit verbindet – zusammen mit dem Lehramt, das wesentlicher Bestandteil der Tradition und authentische Interpretationsinstanz des geschriebenen und überlieferten Wortes Gottes ist (vgl. Konst. «Dei Verbum», Nr. 9 und 10). Im spezifischen Fall der Priesterweihen haben die Nachfolger der Apostel stets die Norm befolgt, die Priesterweihe nur Männern zu spenden; und mit dem Beistand des Heiligen Geistes lehrt uns das Lehramt, daß dies nicht aus Zufall, nicht aus gewohnheitsmäßiger Wiederholung, nicht aus Abhängigkeit von den sozialen Bedingtheiten, und noch weniger aus einer angeblichen Unterlegenheit der Frau kommt, sondern weil “die Kirche stets als feststehende Norm die Vorgehensweise ihres Herrn bei der Erwählung der zwölf Männer anerkannt hat, die er als Grundsteine seiner Kirche gelegt hatte” (Apost. Schreiben «Ordinatio sacerdotalis», Nr. 2).

(…..) „Um zu verstehen, daß es sich hier nicht um eine Ungerechtigkeit oder Diskriminierung den Frauen gegenüber handelt, muß man zudem auch die Natur des priesterlichen Amtes betrachten, das ein Dienst ist und nicht eine Position menschlicher Macht oder eines Vorranges über andere. Wer, ob Mann oder Frau, das Priestertum als persönliche Bestätigung, als Ziel oder gar als Ausgangspunkt einer menschlichen Erfolgskarriere versteht, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, denn die wahre Bedeutung des christlichen Priestertums – sowohl des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen als auch in ganz besonderer Weise des Amtspriestertums – kann man nur in der Hingabe der eigenen Existenz in Vereinigung mit Christus zum Dienst am Nächsten finden. Das priesterliche Amt kann nicht das allgemeine Ideal und noch weniger das Ziel des christlichen Lebens sein. In diesem Sinn ist es nicht überflüssig, noch einmal zu wiederholen, daß “das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, die Liebe ist (vgl. 1 Kor 12-13)” (Erklärung «Inter insigniores», VI).

4) 2018

Zu einigen Zweifeln über den definitiven Charakter der Lehre von Ordinatio sacerdotalis, 29. Mai 2018, Luis F. Ladaria, S.I., Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/ladaria-ferrer/documents/rc_con_cfaith_doc_20180529_caratteredefinitivo-ordinatiosacerdotalis_ge.html

Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Nur dank ihrer Verwurzelung in Jesus Christus, ihrem Gründer, kann die Kirche der ganzen Welt Leben und Heil bringen. Diese Verwurzelung erfolgt in erster Linie durch die Sakramente, deren Mitte die Eucharistie ist. Von Christus eingesetzt, sind die Sakramente Grundsäulen der Kirche, die sie fortwährend als seinen Leib und seine Braut auferbauen. Zutiefst mit der Eucharistie verbunden ist das Weihesakrament, durch das sich Christus der Kirche als Quelle ihres Lebens und Handelns gegenwärtig macht. Die Priester werden „Christus gleichförmig“ gemacht, „so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

Christus wollte dieses Sakrament den zwölf Aposteln verleihen, die alle Männer waren, und diese haben es ihrerseits anderen Männern übertragen. Die Kirche wusste sich immer an diese Entscheidung des Herrn gebunden, die es ausschließt, das Priestertum des Dienstes gültig Frauen zu übertragen. Johannes Paul II. lehrte in dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Nr. 4). Die Kongregation für die Glaubenslehre bekräftigte in Antwort auf eine Frage zur Lehre von Ordinatio sacerdotalis, dass es sich hier um eine Wahrheit handelt, die zum Glaubensgut (depositum fidei) der Kirche gehört.

5) 2019

(….) Siehe dazu https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Warum-die-Kirche-Frauen-nicht-zu-Priestern-weihen-kann;art312,198321

Marianne Schlosser, Unmöglichkeit des Weihamtes für Frauen – siehe Artikel in: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Marianne-Schlosser-erklaert-Unmoeglichkeit-der-Frauenweihe;art4874,201577

(Ich möchte hier auf diesem Weg Fr. Dr.in Marianne Schlosser danken für die einfache, linkhafte Zitierung der einschlägigen Texte.)

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© Franz Strasser, 32. 8. 2019

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1 Auf die historische Datierung der IGNATIUSBRIEFE siehe Bibliothek der Kirchenväter oder bei REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Er diskutiert ausführlich die Diskussionen der Gelehrtenwelt, in denen es um die Datierung des ersten Vorkommens des Wortes „katholisch“ geht. Er entscheidet sich (m. E. begründet) für den Märtyrerbericht des Hl. Polykarp (Entstehungszeit ca. 156 – 160 n. Chr., oder spätestens 177 n. Chr.) als ältestes Zeugnis, ferner für einen Brief des Hl. Ignatius von Antiochien („Smyrnäerbrief“), für dessen Autor er allerdings einen anonymen Verfasser der Zeit nach 160 n Chr. annimmt, und einen weiteren Text eines anonymen Verfasser dieses Zeitraums.

1Blickt man etwas in die Historie der Entstehung der christlichen Ämter „Episkopus – Presbyter/sacerdos – Diakon“ hinein, erhält man natürlich viele hermeneutische Erklärungen. Weiterführende Literatur zum christlichen Amt in der frühen Kirche siehe z. B.:
Hartmut Leppin, Die frühen Christen, 2. Aufl., München 2019.
Andreas Thier, Hierarchie und Autonomie. Regelungstraditionen der Bischofsbestellung in der Geschichte des kirchlichen Wahlrechts bis 1140. (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 257
, Recht im ersten Jahrtausend) Frankfurt/Main 2011.
Heidi Wendt, At the Temple Gates. The Religion of Freelance Experts in the Roman Empire, Oxford 2016. 

Ferdinand R. Prostmeier: Konflikte um das Amt in frühchristlicher Zeit; in Neutestamentliche Ämtermodelle im Kontext, 207-235.
Ernst Dassmann: Die Bedeutung des Alten Testaments für das Verständnis des kirchlichen Amtes; in Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden, 96-113
E. Dassmann, Die frühchristliche Tradition über den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, in: ders., Amter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden (Hereditas 8), Bonn 1994, 212–224.
J. G. Mueller, Art. „Presbyter“, in: Reallexikon für  Antike und Christentum 28 (2017) 86–112.
G. Predel, Vom Presbyter zum Sacerdos. Historische und theologische Aspekte der Entwicklung der Leitungsverantwortung und Sacerdotalisierung des Presbyterates im spätantiken Gallien (Dogma und Geschichte 4), Münster 2005.

2Siehe dazu: Zur Debatte, 8/2009, Bernd-Jochen Hilberath, S 23

„(…) Es geht dabei vor allem um den Satz aus Lumen gentium 10, dass sich „das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen und das dienst- oder hierarchische Priestertum dem Wesen und nicht bloß dem Grad nach unterscheiden“. Ist mit dieser Formulierung nicht doch wieder ein grundlegender Unterschied zwischen Klerus und Laien in die Ekklesiologie eingeführt worden? Was kann eine Interpretation von Lumen gentium 10, die die Genese des Textes berücksichtigt, zur Interpretation beitragen?

Das Konzil will sagen, dass alle Gläubigen, zu denen auch die Ordinierten gehören, und diese dann noch einmal auf besondere Weise Anteil haben am Priestertum Jesu Christi. Diese besondere Weise sollte aber nicht dazu verführen, von einem „besonderen Priestertum“ zu sprechen, wie es leider immer wieder geschieht, vor allem dann, wenn man zwischen „allgemeinem“ und „be- sonderem“ Priestertum unterscheidet. Der Konzilstext hat sich aber dahingehend entwickelt, dass er statt vom „allgemeinen“ vom „gemeinsamen“ Priestertum spricht und den Ausdruck „besonderes“ Priestertum nicht kennt. Vielmehr heißt es, dass beide Priestertümer jeweils auf ihre spezifische Weise Anteil am Priestertum Jesu Christi haben.

Wer nach wie vor vom allgemeinen und besonderen Priestertum spricht, weckt den Verdacht, dass doch eine Stufung innerhalb der Gläubigen vorgenommen würde. Das Konzil sagt, dass beide Priestertümer aus dem Hohenpriestertum Jesu Christi hervorgehen und an ihm Anteil haben, und zwar je auf spezifische Weise. Zweitens sind beide aufeinander hin geordnet, also nicht eines dem anderen über- oder untergeordnet. Der Unterschied wird außerdem grammatikalisch deutlich erkenntlich im Nebensatz behandelt und trägt also nicht das Schwergewicht der Aussage. Was aber im Nebensatz gesagt wird, meint nun auch nicht, wie immer wieder interpretiert wird, dass sich beide Priestertümer sowohl dem Wesen als auch dem Grade nach unterschieden.

Die Formulierung im ersten Textentwurf lautete tatsächlich „nicht nur dem Grade, sondern auch dem Wesen nach“. Aber diese Formulierung „nicht nur – sondern auch“ wurde aufgegeben. Jetzt ist der Text von seiner Genese her und von dem her, was die lateinische Philologie sagen kann, klar: Es handelt sich um einen Unterschied des Wesens und nicht um einen Unterschied des Grades. Ein Unterschied des Grades wäre nämlich nur ein bloßer Unterschied, und der soll abgewehrt werden.

Ist das nun für die Laien schlimm? Keineswegs! Ein Gradunterschied würde ja tatsächlich eine hierarchische Unter- oder Überordnung bedeuten. Mit „Wesen“ ist allerdings nicht gemeint, dass das Wesen des einzelnen Gläubigen, der entweder an beiden Priestertümern oder an dem gemeinsamen Anteil hat, verschieden und gnadenrelevant different wäre. Es gibt also keinen Unterschied im Wesen des Gläubigen, wenn dieser zum Priester geweiht wird. Wesentlich unterschiedlich ist aber die Teilhabe des Priesters am Priestertum Jesu Christi zu der Teilhabe, die auch ihm zueigen ist und die das gemeinsame Priestertum ausmachen.

Was kann das bedeuten? Meines Erachtens, dass die spezifische Aufgabe des durch Ordination übertragenen Dienstes nicht aus dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen ableitbar

ist. Das schließt eine Wahl und eine Beteiligung der Gemeinde, wie sie ja in Ansätzen gegeben ist, an einer Ordination keineswegs aus. Es soll vor allem nicht vergessen werden, dass das primäre Subjekt der Ordination Jesus Christus im Heiligen Geist selbst ist. Kann das Verhältnis noch weiter bestimmt werden?

In dem ökumenischen Lima-Text heißt es, dass manche Kirchen den durch Ordination übertragenen Dienst einen priesterlichen nennen, weil er ein Dienst am priesterlichen Gottesvolk ist. Auch die offizielle römisch-katholische Lehre versteht den Dienst des Priesters als einen Dienst am Volk Gottes. Schwierigkeiten bereitet eher, dass in der Rede von Priester immer noch ein allgemein religionswissenschaftliches Priesterverständnis mitschwingt, das sich durch den neutestamentlichen Ansatz nicht entsprechend überholen ließ. Nach neutestamentlichem Verständnis ist der Amtsträger als Priester nicht einer, der im Namen des Volkes Gott ein Opfer darbringt, um Gott mit der Welt zu versöhnen. Dies ist immer schon in dem einen Hohenpriester und in dem einen Opfer Jesu Christi geschehen. Das priesterliche Gottesvolk als ganzes verkündet diese Großtaten Gottes. Den Ordinierten ist der Dienst der Versöhnung auf spezifische Weise übertragen. Sie bringen kein Opfer dar, sondern sie verkünden das Opfer Jesu Christi, so dass es sakramental in der Feier der Eucharistie gegenwärtig wird. Folgerichtig hat das II. Vatikanische Konzil den Dienst des Priesters und vor allem den es Bischofs von dem Dienst der Verkündigung her bestimmt. Innerhalb der gemeinsamen Aufgabe der Verkündigung kommt es, so können wir jetzt formulieren, dem durch Ordination übertragenen Dienst zu, auf die Gemeinde als ganze hin das Evangelium von der zuvorkommenden Gnade Gottes, von dem Extra nos des Heiles zu verkünden und darauf zu achten, dass die Gemeinde als ganze in „Leben und Lehre der Apostel verharrt, in der Feier des Brotbrechens und im Gebet“, wie die Apostolizität grundlegend in Apostelgeschichte 2,42 beschrieben wird. (…)“

3 Wie die Auseinandersetzung in dieser Reflexivität geschieht – das ist dieses Bedingungsgefüge von Produkten der Einbildungskraft einerseits und in ihr fallende Hemmungen bzw. Aufforderungen andererseits. „Die Freiheit nimmt diese Produkte nicht hin, sondern stellt sich ihnen mit Bezug auf die Idee absoluter Vernunft praktisch unendlich fordernd in der Weise entgegen, dass sie schöpferisch Begriffe entwirft, die die Wirklichkeit, auf die sie ausgeht, vorzeichnen. Hierbei kommt es nun zu dem, was Fichte den schöpferischen Entwurf von „Gesichten“ aus der „übersinnlichen Welt“ nennt, d. i. zu genialen Konzeptionen neuer Wertkonkretionen mit an diese sich anschließenden Realisierungsparadigmen.“ (R. Lauth, Die Handlung in der Geschichte, S 402)
Wie es konkret zu neuen Wertrealisierungen kommen kann, zu neuen „Gesichten“, siehe Interpretation eines Textes von FICHTE, „Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, Studientexte, fhS III, 2012) – siehe Link Kommentierung der 1. Vorlesung.

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser