Ignatius von Antiochien – oder die kirchliche Hierarchie, 1. Teil.

Ein kleiner Ausschnitt aus den „Briefen“ des Heiligen IGNATIUS VON ANTIOCHIEN, aber ein typisch wiederkehrendes Paradigma seiner Predigt, wie ich meine. Siehe diverse andere Stellen bei ihm. Wie können wir den Geltungsgrund seiner Aussagen verstehen?

Es sind zweifellos sehr kostbare Texte, entstanden der Tradition nach bei der Überfahrt des Heiligen nach Rom, ca. 110?, oder sie stammen von einem späteren, anonymen Autor ca. 165 – 175 n. Chr. – was natürlich ihre Bedeutung nicht mindert! 1

Ich zitiere aus der Bibliothek der Kirchenväter: -Siehe dort Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Ignatius an die Smyrnäer

8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern;

1) Es könnten hier noch viele ähnliche Stellen zitiert werden – siehe pdf-Anhang – aber für mich auffallend, nach dem Vorbild eines in Entstehung begriffenen dreifaltigen Gottesbildes und mit hoher geschichtlicher Rückbindung an Jesus Christus, an das Apostelkollegium und die ganze bisherige Tradition der christlichen Bibel inklusiv der Paulusbriefe, wird die besondere Umsetzung der Glaubens in einem Nachbild einer sakramentalen Ordnung angestrebt, wie sie heute noch gilt, zumindest in der katholischen Tradition.

Es ist ja geschichtlich bemerkenswert, warum sich diese drei angesprochenen kirchlichen Ämter – Bischofsamt, Priesteramt, Diakonenamt – überhaupt herauskristallisiert und behaupten konnten. Welche Erkenntnisbemühung und Erkenntnisbegründung steckt dahinter? Wie lässt sich der Geltungsanspruch einer besonderen „Weihe“ und einer anscheinend zeitüberhobenen Norm des kirchlichen Amtes heute noch behaupten?  

Mir soll es hier nicht um textkritische oder grammatische oder komparative Vergleiche und sonstige hermeneutischen Methoden des Verstehens gehen, die zu gegebener Zeit nützlich sein können, um diese alten Texte zu verstehen, sondern alleine um eine erkenntniskritische Methode, wie der heilige Ignatius (oder ein anonymer Autor) zu solch starken Metaphern und Bildern greifen konnte, und so selbstbewusst und normierend von einer a) heiligen Hierarchie der Ämter – man könnte in gewisser Weise die ganze christliche Gemeinde hier einschließen –  b) von der Einheit der christlichen Gemeinde und c) von der gültigen Feier der Sakramente sprechen konnte.

Warum konnte der Heilige zu so hohem Anspruchsgehorsam greifen: dem Bischof gehorchen wie Christus dem Vater; dem Presbyterium gehorchen wie den Aposteln; den Diakonen gehorchen wie einer göttlichen Anordnung?

Es fänden sich viele gewagte Metaphern, die hier nicht alle aufzählen kann. Z. B. Ignatius an die Magnesier 6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze [S. 128] Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind.

Die Eintracht der christlichen Gemeinde unter einer kirchlichen Hierarchie ging ihm über alles. Z. B. Ignatius an die Trallianer 3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. (….) „

…………………
In welcher Erkenntnisweise hatte der Heilige Zugang zu solch normierenden Aussagen? Warum konnte er so auf den Gehorsam pochen? Ist das heute noch wörtlich zu nehmen? Was begründet die Sakramentalität der Ämter, der ganzen christlichen Gemeinde, der konkreten Sakramente?

Es böten sich viele historisch-kritische Methoden der Analyse eines antiken Textes an, wie wir sie in den 1980-er Jahren nach Heinrich Zimmermann in der Bibelkritik kennenlernten: Textkritik, Literarkritik, Formgeschichte und Gattungskritik, Traditions- und/oder Redaktionsgeschichte, bzw. –kritik. 2 Von woher stammen diese Begriffe der kirchlichen Hierarchie wie Bischof, Presbyter, Diakon? Warum insistiert der Heilige so stark auf die geschwisterliche Liebe? Auf die hierarchische Ordnung, damit die Sakramente gültig seien?

Es könnte in Anlehnung an die systemtheoretische Sicht argumentiert worden, dass die realistischen Determinanten der damaligen Christenverfolgung so stark gewesen sein müssen, dass er zu einer solchen autoritären und straffen Organisation gegriffen hat? Man könnte auch umgekehrt sagen, dass der Heilige nicht von außen gezwungen war, sondern aus eigener Klugheit und Überlegung diese Strukturen geschaffen hat, um nach seinem Weggang die Fortdauer zu garantieren? Aber welches Interesse hätte er zu dieser Absicht gehabt? Es gibt wohl mehrere hermeneutische Antworten, aber letztlich meine ich, dass es erkenntniskritisch schlüssige Antworten geben muss, warum der Heilige zu einem solchen Anspruchsgehorsam und zu einer heiligen Hierarchie und zu einer geschwisterlichen Eintracht gekommen ist.

Es muss über alle hermeneutischen Methoden der Deutung seiner Aussagen eine transzendentale Erkenntniserklärung geben, was den Geltungsgrund seiner Aussagen anbelangt. M. a. W., es muss einen Geltungsgrund von Wahrheit als Wahrheit geben, der ihn so sicher und selbstbewusst machte, so dringliche Bitten, Danksagungen, Anweisungen, Mahnungen, Trostesworte an seine christliche Gemeinde bzw. seine zukünftigen Hörer und Leser zu richten.

Diesen Einblick in einen Geltungsgrund von Wahrheit als Wahrheit, den will ich bei diesem Heiligen voraussetzen, und nenne deshalb diese Analyse eines antiken Textes transzendental-kritische Lektüre.

Hingegen die verschiedenen historisch-kritischen Methoden und Interpretationen alter Texte möchte ich unter transzendentaler Hermeneutik zusammenfassen, mittels derer die Bedingungen der Entstehung der Texte unter den historischen Bedingungen der Zeit beleuchtet werden. Die Deutung wird hier wahrscheinlich an keine Ende kommen, weil längst nicht alle Bedingungen bekannt sein dürften. (Anthropologische Bedingungen, soziologische Bedingungen, politische Bedingungen etc.) 

Die transzendentale Hermeneutik kann als historische Rückversicherung zu einer transzendentalen Lektüre stets mitlaufen und behält ihre interpretierende Funktion, aber der letzte Geltungsgrund von Aussagen kann nur durch lebendigen Nachvollzug einer Einsicht, mithin nur in transzendentaler Einsicht einer überzeitlichen Erkenntnis erreicht werden. M. E. hatte der Heilige diese Einsicht in einen überzeitlichen Offenbarungsgehalt, die ich auch genetische Einsicht nennen möchte, weil sie aus der unmittelbaren Einsicht in die Offenbarung Gottes die nächst folgenden Ableitungen und Geltungserklärungen zur kirchlichen Hierarchie und zum kirchlichen einschauend erklärlich macht. 

Die oben kurz angespielten realistischen Determinanten der damaligen Christenverfolgung oder die vielleicht willkürlich geschaffenen, klugen Einrichtungsregeln können nie den leidenschaftlichen, energischen, performativen Ton seiner Aussagen treffen, diese genetische Überzeugungskraft. Würden wir nur Angst oder eitle Selbstsucht, Herrschsucht heraushören,  so würden wir sofort Zweifel anmelden. Die Genese seiner Aussagen wäre dann nicht einsehbar.
Was ist der letzte Geltungsgrund seiner Aussagen? Ich lese  diese Texte auch nicht als eine literarische Spielerei, als eine  griechische oder römische Dichtung, in der an Phantasie alles erlaubt war, ich lese sie auch auch nicht  als bloß moralische Appelle, als stoische Aussagen, sondern als vernunftgemäße, tief erwogene Erkenntnisse  und als
ziemlich konkrete, entsprechende Handlungs- und Verhaltensanweisungen, abgeleitet aus einem logisch-praktischen Denkzusammenhang, oder m. a. W., genetisiert aus einem Denkzusammenhang. 

Jenseits von schlimmer Christenverfolgung und römischen Staatsformen,  jenseits von Stoa und Gnosis, zurückgebunden an die Hermeneutik der Hl. Schrift, schuf m. E. der Heilige deshalb bemerkenswerte Strukturierungen und Einrichtungen der kirchlichen Hierarchie, die bis heute noch gelten – und bettete alles ein in ein sakramentales Verstehen einer kirchlichen/geschwisterlichen Gemeinschaft, weil er eben, wie ich sagen will, von einer transzendentalen (oder genetischen)  Geltungserkenntnis ausging.
(Zum Begriff des Transzendentalen, falls das weiter begründet werden  soll – siehe z. B. Blog zum „Transzendentalen 1. Teil“; ist aber hier nicht vonnöten.)  

2) Den Rückgang auf die transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit einer Aussage würde ich kurz so beschreiben: Zuerst kommt in jedem Erkenntnisvorgang und in jedem Wollen und Handeln ein Sich-Verstehen des Autors selbst vor – das zeitlos mit einem Sich-Verstehen des heutigen Lesers zusammenfallen muss, sollte es überhaupt ein gemeinsames Verstehen geben. Eine bloße Literatur oder ein bloßer phantasiereicher Gedankenaustausch, oder eine bloße Moral, das  wollen die „Briefe“ wohl nicht sein.
Können wir einen Einblick gewinnen in die Entstehung, d. h. Genese seiner Ansprüche und Aussagen?
Gelänge uns ein Einblick in das genetische Wissen der Heiligen, wozu die transzendentale Hermeneutik mitlaufend uns begleiten kann, hätten wir eine Argumentationsform, die eine überzeitliche Wahrheit mit der geschichtlichen Erscheinung in der christlichen Gemeinde vermittelt – und auch heute ein  Muster abgeben kann,  überzeitliche Wahrheit mit geschichtlicher Realisierung zu verbinden.3

Die geschichtliche, und für Ignatius notwendig damit verbunden hierarchische, kirchliche Vermittlung einer unmittelbarer Erkenntnis würde ich dabei die sakramentale (phänomenologische) Weiterführung der genetischen Erkenntnis nennen. 

3) Die genetische (oder transzendentale) Erkenntnis zu erreichen ist nichts Neues, sondern ist seit Platon über Anselm, Descartes, Kant, Fichte beste Tradition: Ich bedarf eines apriorischen Vorwissens, um eine sekundärreflexives Wissen erreichen zu können; ich bedarf eine apriorischen Idee einer Abgrenzung, um eine Grenze ziehen zu können; ich muss implizit wissen, wonach ich suche, wenn ich etwas finden will.

Ich verstehe unter  transzendental-kritischer Lektüre und transzendentaler Methode des Verstehens alter Texte, dass

a) jede Aussage prinzipiell auf Wahrheit bezogen ist, aber

b) in weiterer Folge des freien Vollzugs wird jede Aussage eine bestimmte Aussage, sie geht über in die Form einer bestimmten Mitteilung und in die Form mannigfaltig in der Geschichte ausgeprägten Meditatisierungen von Zeichen und Sprache (Kunst und Kultur), die hermeneutisch mitreflektiert werden müssen;

ferner ist jede Aussage c) für einen interpersonalen Raum und eine interpersonale Realisierung von Freiheit bestimmt. Die vielen Aufforderungen, Ermahnungen, Bitten, performativen Sprechakte des Heiligen, seine Aufrufe zur kirchlichen Einheit, seine Anweisungen zur Achtung der kirchlichen Hierarchie etc. lassen sich unmissverständlich nur in  interpersonaler Form herausstellen.

Die Form der bestimmten Aussage (b) hängt mit dem konkreten Sich-Verstehen des Heiligen zusammen. Die Form der Bezogenheit auf Wahrheit als Wahrheit (a) ist überhaupt prinzipielle Reflexionsform des Wissens, ein Bilden, wie es die fichtesche Bildlehre  darlegt. 

Diese dreifache Form des Aussagens nimmt nochmals Bezug auf ein inneres Gesetz im Bilden, das vorkonstruierend in jedem Nachkonstruieren mitläuft und als Reflex des Wissens alles trägt und hält. Dieses innere Gesetz äußert sich als das Faktum der Erscheinung des Wissens überhaupt und ist auf einen (nicht determinierenden, nur frei zu erreichenden) Gesamtzweck der Realisierung hingeordnet, auf einen naturalen und juridischen und moralischen und religiösen Gesamtzweck des Bildens.

Das Bild des Gesamtzweckes ist somit einerseits idealiter vorbestimmt, ist aber andererseits nur durch freien und realen Reflexionsvollzug zu erreichen.4

4) Ignatius (oder der anonyme Autor) sieht für sich, reflexiv, in seinem elementaren Suchen nach Sinn und Erlösung, die höchste Intuition und Intellektion in der positiven Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Infolge der überwiegenden Ausgerichtetheit auf das Objekt fassen wir für gewöhnlich das Gesehene wie ein vom sehenden Ich getrenntes Objekt auf, oder wir objektivieren es doch zum mindesten. Dies ist aber ein entstellendes und irreführendes Bild, das die Reflexeinheit, die das Sichwissen tatsächlich immer ist, verdeckt. Es bedarf eine besonderen geistigen Anstrengung, eben derjenigen des Wissenswissens, bzw. der intellektuellen Anschauung, um diese Reflexeinheit als tragenden Grund der Reflexion zu erfassen.

Theoretisch sind in den Formen der ursprünglich produzierenden Einbildungkraft Gesehenes und Sehendes eins, Gebildetes und Bildendes.

Was an der theoretischen Seite des Sichbildens noch genauer dargelegt werden könnte, gilt genauso für die praktische Seite. Der praktischen Intention nach realisiert das bildende Erkennen stets sich; die Vernunft existiert nur als die absolute Tendenz und als angehobener Akt, sich selbst vollständig zu realisieren. Was sie verwirklichen will, ist das überindividuelle Ich, d. h. vollständig sich selbst.

Die Vernunft realisiert sich allerdings immer nur im Sichwissen, aber in diesem als Vernunft in praktischer Supposition. Die theoretische Seite der Reflexion dient dem praktischen Sichbilden der Vernunft. Das, was durch jeder ihrer Realisationen gesetzt werden soll, ist vollkommene Vernunft, dieselbe praktisch genommen als vollkommene Selbstbejahung, als Vernunft, die Vernunft bejaht, und dies material inhaltlich, und das ist als Liebe, die Liebe bejaht.

Die genetische Erkenntnis des Heiligen ist deshalb, in ihrer höchsten Potenz zusammengefasst, bejahende Liebe, die selbst Liebe bejahende Liebe ist. Die Reflexeinheit ist in praktischer Rücksicht Liebesliebe. Die in Subjekt und Objekt entfaltete Liebe setzt die Einheit der Liebe in einem identischen Vernunftseins als ihren Endzweck, und auf dieser Grundlage ist die Vernunft praktische Vernunft.5

Mit einem anderen Wort, das ich in einem zweiten Teil transzendental-kritisch näher analysieren will: Der Heilige repräsentiert  die überindividuell-persönliche Liebe, die Liebesliebe Gottes in Jesus Christus – und will deshalb so normativ-praktisch etwas zur Struktur der Hierarchie und der geschwisterlichen Eintracht in der Kirche und zu den Sakramenten sagen.

Warum diese intuitive und intelligierende Einsicht gerade zu dieser phänomenologischen Struktur einer kirchlichen Hierarchie und zu den Formen geschwisterlichen Zusammenlebens und zu Sakramenten geführt hat – ja, das müsste eben aus der genetischen Erkenntnis hervorgehen. Darum soll es mir in vier Teilen jetzt gehen.

Genetisch deshalb, weil nicht faktisch und historisch etwas aus etwas erklärt wird, wozu wir keinen Zugang haben, sondern nur in repräsentierender und innere Weise eines übergehenden Willens kann etwas genetisch eingesehen und genetisch abgeleitet werden. M. a. W., nicht aus einem Faktum, sondern aus einem Wissensakt soll abgeleitet werden.

Faktisch gesehen stellt z. B. die Hierarchie der katholischen Kirche einen Ausschnitt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der damals im 2. Jhd. existierenden, institutionalisierten Macht- und Autoritätsformen dar, aber warum der Heilige zu diesen Formen Bischof/Presbyter/Diakon gegriffen hat, das müsste doch ein Stück weit aus der unmittelbaren Einsicht in die positive Offenbarung Gottes selbst hervorgehen – nicht nur aus historischen Vergleichen!? Warum die katholische Einheit von Christen einen gewaltigen Unterschied zu einer gnostischen Versammlung mit christlichem Gedankengut ausmachte – das müsste ebenfalls genetisch erklärt werden können, wenn überhaupt. Denn faktische Gründe erklären letztlich nichts.

Wenn die reflexe und reflexive Einheit des intuierten und intelligierten Wissens richtig und wahr ist, müssen nach der Ansicht der Heiligen die kirchlichen Ämter notwendig aus diesem Wissensakt folgen. Die genetische Erkenntnis sei dabei gleich abgegrenzt: Sie ist nicht eine direkte Emanation aus dem Absoluten oder irgendein Pantheismus oder eine totalitäre Herrschaftsform, sondern in der Sich-Erscheinung des Bewusstseins und aller Phänomene kommt das göttliche Leben, das Urbild, das Ur-Schema, die Ur-Erscheinung Gottes, zur repräsentativen Erscheinung – und innerhalb dieser Sich-Erscheinung kommt es zur genetischen Erklärung der Mannigfaltigkeit der kirchlichen Ämter (und generell zur unendlichen Mannigfaltigkeit im ablaufenden Bewusstsein, in einer endlichen Totalität der Bewusstseinsformen.) 

Dass der Heilige in seinen relativ kurzen Ausführungen zum kirchlichen Machtgefüge (Dienstgefüge) stets auf das Urbild des dreifaltigen Gottes rekurriert, finde ich deshalb nicht zufällig oder bloß allegorisch. Ich würde es als mystische  – nicht irgendwie hypertrophe –  Teilhabe an der positiven Offenbarung Gottes beschreiben. (Siehe dazu später im 4. Teil)

Ferner ist die genetische Erkenntnis in der Sich-Erscheinung des Bewusstseins als repräsentative Erscheinung Gottes nie bloß individuell, sondern überindividuell-persönlich. Die Erscheinung Gottes geschieht für die Welt, für die moralische und rechtliche Gemeinschaft, und möchte sich als sittliche Idee, und darüber hinaus als religiöse Sinnordnung durch unsere Freiheit realisieren.

Die Idee der religiösen Sinnordnung in der transzendental vorauszusetzenden Ur-Erscheinung Gottes übersteigt nochmals die bloß formale Freiheit, die die sittliche Gemeinschaft zu erstreben versucht. Es muss die unabhängige Tätigkeit einer religiösen Sinnordnung sein, die den Bildungsprozess idealer Projektionen von Natur, Moralität, Legalität – und den Gegensatz realer Hemmungen und Handlungen in ihrem Wechsel –  erst ermöglicht und trägt.

5) Das reflexive Sich-Verstehen des Heiligen würde ich so kurz umschreiben: Die Sinnidee einer alles versöhnenden, wiedergutmachenden Tat Jesu Christi, die damit verbundene Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben, die erfahrene Liebe Gottes und Liebe der Mitmenschen – das ist konstitutiv und repräsentativ geworden in der Erkenntnis des Heiligen. Das religiöse Prinzip dieser genetischen Erkenntnis (der Sinnerfahrung innerhalb formaler Freiheit) prinzipiiert eine praktische Moralität und eine theoretische Natur und ein dazwischenliegendes juridisches Moment – und nochmals dazu, eine geschichtliche Erkenntnis der Fakten. Alle fünf Bereiche (Natur, Moralität, Legalität, Religion, Geschichte) durchdringen sich dabei wechselseitig und sind miteinander zusammenhängend.

Generell verwandelt und  verklärt die religiöse Sinnordnung das ganze Leben von moralischer, legaler, naturaler und geschichtlicher Bestimmtheit.

Die interpersonale Sicht des Bildens und Wissens ist die erste Form allen Bildens – und könnte anhand der Interpersonallehre Fichtes ausführlich dargelegt werden. Siehe andere Blogs von mir. (z. B.  Transzendentale Interpersonalitätslehre Die interpersonale Form ist konstitutiv für eine Gotteserkenntnis (Siehe z .B. J. G. Fichte, Glaube und Wissen in der WL 1805, 13. Vorlesungsstunde – 2. Teil)

Das Sich-Verstehen der eigenen Person und Verstehen des Anderen ist durch die religiöse Sinnordnung gnadenhaft ermöglicht und getragen. Es ist katholische Erfahrung, dass ein Pelagius mit der Ansicht eines freien Willens, der das Gute von sich her wollen kann, als häretisch verurteilt wurde. 6

6) Des Heiligen Aussagen zur kirchlichen Hierarchie, zur Einheit der Kirche, zur Gültigkeit der Sakramente, müssen für Außenstehende (z. B. Gnostiker) als hohe moralische Appelle und als konkrete Sanktionen einer kirchlichen Ordnungsmacht erschienen sein, aber, cum grano salis gesprochen, sie haben sich geschichtlich gehalten und bewährt.

Die genetische Erkenntnis – oder auch gut transzendentale Erkenntnis benennbar, weil Wahrheit als Wahrheit thematisiert werden soll -, bezieht sich auf den überzeitlichen, absolut ungeschichtlichen, unwandelbaren, göttlichen Geltungsgrund, aus dem alle andere Bestimmungen der Religion, der Moralität, der Legalität, der Natur und der Geschichte in einem sich bewährenden Wissensbild genetisiert werden – und zugleich auf eine geschichtliche Reihe der Erfahrung, d. h. auf eine positive Offenbarung.
Zu diesem geschichtlichen Verweisen auf die positiven Offenbarung muss ich dann weiter ausholen: Vorerst hier einmal:

Das Wissen ist „lebendiges, in sich geschlossenes Bilden“ (Fichte, WL 1804/2; GA II, 8, S 375). Emanent ist es in seiner notwendigen gesetzhaften Form des Projizierens und Objektivierens, immanent ist es, weil es nicht etwas Fremdartiges, sondern ein inneres, intelligibles Leben, das Licht der apriorischen wie positiven Offenbarung bildet. „Bilden ist insofern ein Projizieren von sich selbst, als es von sich her theoretische und praktische Bilder (d. i. Schemata, intelligible Prinzipien) zum Verständnis des Lebens im Licht der Evidenz gestaltet und entwirft.“7

Nach der Bildens-Lehre Fichtes gibt es eine geschlossene, materiale Totalität von Bewusstseinsformen, insofern im Auftreten des Bewusstseins in der Zeit von einer realen Gegenwart angefangen werden muss. Demgemäß ist eine faktisch endliche Zahl von realen Momenten der Erfahrung im Spiele. Das heißt aber nicht, dass wir mit dieser endlichen Totalität von Bewusstseinsformen radikal zeitlich und letztlich hermeneutisch von der Zeit und den empirischen Bedingungen der Zeit bedingt wären, denn der Gehalt in der Totalität der Bewusstseinsformen wird selbst erst durch freie Reflexion zu geschichtlichen Sinn-Einheiten aufgebaut.

Wir sind frei und ermöglicht innerhalb der Totalität unserer Bewusstseinsformen und der Mannigfaltigkeit der uns begegnenden Hemmungen und interpersonalen Aufrufe,  geschichtliche Einheiten zu schaffen und zu repräsentieren. Die Geschichte offenbart dabei eine geschichtliche Anzahl von Sinngebilden, die in der unendlichen Mannigfaltigkeit des ablaufenden Bewusstseins eine Serie von Freiheitsentscheidungen ausmachen – mit den darin auftauchenden Serien der Naturkonstellationen – , dass wir uns notwendig immer fragen müssen: Welcher Sinnrealisation der Geschichte (und der Natur) geben wir den Vorzug und anerkennen wir als wahr und recht, als sich bewährend und unveränderlich wahr und gut, und welche nicht. Wir beziehen uns immer notwendig auf eine höchste Sinnidee, die in hierarchischer Weise alle anderen Sinnideen regelt und systematisiert. (Warum der Mensch zum Bösen fähig ist, wäre hier ebenfalls eine dringende Frage, muss das aber hier übergehen.) 

Für den Heiligen (oder anonymen Autor) war es einfachhin evident und klar: Es liegt eine unerschöpfliche Wertfülle in der positiven Offenbarung Gottes in Jesus Christus, deren Wertidee seine Vernunft und seine Freiheit total ergriffen hat. 

Der Rückbezug auf die apriorische Vernunftoffenbarung Gottes, wie sie jedes Vernunftwesen qua solches in sich trägt, ferner die Begegnung mit anderen Mitchristen, die Bekanntschaft mit der Hl. Schrift, den Sakramenten, das führte ihn zum ausdrücklichen Rückbezug auf den Heiland und Erlöser Jesus Christus, mithin zu einer positiven Offenbarung. Die Zweifachheit von apriorischer und positiver Offenbarung berechtigt von einer genetischen Erkenntnis zu sprechen, die ich dem Heiligen unterstellen muss, will ich seine Aussagen in ihrer ganzen Absicht und Tragweite und in ihrem ganzen Sprachton ernst nehmen und verstehen.

Das „genetisch“ bezieht sich, wie schon angedeutet, auf ein unmittelbares Hervorgehen von Einsicht und Erkenntnis, hinter der nicht mehr zurückgegangen werden kann, weil sie so unmittelbar ist wie die unmittelbare Unableitbarkeit der Freiheit selbst. Die Einsicht ist mehr als Intuition, sie ist durchdrungene Intellektion, verstehendes Einsehen in den Akt einer Entstehung von Wissen. Der Begriff der Freiheit und der Erlösung nimmt selbst von diesem Akt der genetischen, unmittelbaren Einsicht seinen Wert und seinen Begriff, und spaltet sich erst von hier auf in eine ideale Reihe des Denkens  und eine reale Reihe der Anschauung und des theoretischen und praktischen Tuns.

7) Die im Wissen idealiter vollzogenen Schlüsse und konkreten Handlungsanweisungen zur kirchlichen Hierarchie, zum christlichen Zusammenleben, zur Gültigkeit der Sakramente, sie wurden virtualiter im Glauben vollzogen und gelebt, und gemäß dieser idealen und virtuellen Vorstellungen (von Hierarchie, von dienstbereiter Liebe, von liturgischer Feier der Sakramente) meinte der Heilige, so repräsentativ, so überzeugend wie möglich,  konkrete, eindringliche Anweisungen geben zu können. Die prekäre Lage der Christenverfolgung wird zu dieser Dringlichkeit ebenfalls beigetragen haben, aber primär waren die juridischen, pädagogischen, katechetischen, moralischen Anweisungen in und aus der genetischen Erkenntnis begründet – und kraft Postulat und Hoffnung einer religiösen Sinnordnung, die sich unabhängig vom Wechsel der Projektion und Realisation von sich her sich gezeigt haben muss oder irgendwie erfahrbar gewesen sein muss, konnte jeder Christ/jede Christin  dieser Stunde (d. 2. Jhd.) gleichfalls diese genetische Einsicht und diesen (nur frei) zu erreichenden Gesamtzweck mitvollziehen, sofern er/sie mitzuvollziehen gewillt war.

Die Mitchristen werden aus dem Heiligen (bzw. dem anonymen Autor) nicht den autoritären oder patriarchalen Herrscher herausgehört haben, oder den klugen Strategen, wenn er von Gehorsam sprach. Sie werden ihm auch nicht Machtgelüste unterstellt haben, denn der Gesamtzweck der religiösen Sinnordnung war ja keine esoterische Sache, sondern sollte bewusst für alle offen und erreichbar sein, war ja eine zutiefst solidarische und emphatische Sache. 

8) Zurück zur Begründung der Hierarchie: Die kirchlichen Ämter wurden vom Heiligen in einem repräsentativen Licht verstanden wie in manchen Staatstheorien heute die Form einer Repräsentation (des Gesetzes, des Volkes) in den Abgeordneten gesehen werden kann. Genau genommen kann man in der säkularen Wirklichkeit aber nur von geliehener „Repräsentation“ sprechen, denn die eigentliche Repräsentation und das eigentliche Licht der genetischen Erkenntnis liegt in der Ur-Erscheinung des Absoluten selbst, woraus die überindividuell-persönliche Repräsentation ihren Ausgang nimmt. 

Wenn m. E. das 2. Vatikanische Konzil in ihren vagen Aussagen zur Sakramentalität der Weiheämter auf den Hl. Ignatius verweist, so mag das korrekt sein, wenn ebenfalls die genetische Einsicht in den Sinn dieser Ämter klar ist. Die Ämter aber bloß durch die „Weihe“ zu begründen, würde ich eine metaphysische Begriffszerlegung nennen, in der schon vorausgesetzt wird, was erst abzuleiten wäre.

9) Ohne der Möglichkeit eines lebendigen, freien Nachvollzugs der genetischer Erkenntnis des Heiligen, sozusagen nur mit Zwang, hätte die Hierarchie in der christlichen Gemeinde nicht funktioniert, noch dazu zur Zeit der Christenverfolgung.

Keine zweckoptimistische, managerartige, bloß psychologische Aufmunterung hätte ausgereicht, wenn nicht die Kraft der Überzeugung aus seinen performativen Sprechakten heraus gesprochen hätte. Dem Heiligen ging es auch nicht nur um moralische Anordnungen, wie leicht zu erkennen ist: denn bei allen kritischen Mahnungen und Tugendappellen, überwiegen ja die hoffnungsvollen, trostvollen, freudigen, lobenden, dankbaren  Aussagen.

Das Leben kann sakramental, gnadenhaft durchdrungen werden von einem göttlichen Licht, das heißt in erster Linie in repräsentativer, personaler Form und in der interpersonalen Form der Liebe und des gegenseitigen Dienstes. Die juridischen Formen und Strukturen sind die unmittelbaren logisch-praktischen Folgen dieser genetischen Erkenntnis – und stellten, losgelöst von der genetischen Herleitung, nur autoritäre, klerikale Macht- und Herrschaftsstrukturen dar, wie es im säkularen Bereich ebenfalls diktatorische Ämter gibt. 8 

Es scheint mir aber einfach und logisch zu erklären, warum der Heilige nicht auf andere, „weltliche“ Muster einer Ämterhierarchie zurückgegriffen hat, auf römische Staats- und Verwaltungsstrukturen: Einfach deshalb, weil sich deren Herrschafts- und Repräsentationsformen für ihn als unglaubwürdig und nicht geeignet herausgestellt haben werden. Die heidnischen Institutionen und Ämter kannten letztlich keine Repräsentation und keine Bewährung, denn was hätten sie repräsentieren und bewähren sollen? Den römischen Staat in seinem Gewaltmonopol? Die Bewährung einer Mehr-Klassen-Gesellschaft mit einem Großteil von Sklaven und verarmten Bauern und Tagelöhnern? Was war ein römischer Prokurator wirklich? Eine Marionette.

8) Der christliche Glaube bietet in außergewöhnlicher Weise diese Zweifachheit der apriorischen wie positiven Offenbarung, um sowohl die absolute Unwandelbarkeit der Wahrheit als Wahrheit zu bezeugen, als auch die sich in der Zeit und Geschichte nach dem Vorbild der positiven Offenbarung sich bewährende Nach-Bildung zu ermöglichen. Müsste die apriorische, göttliche Botschaft angenommen werden, gäbe es keine Wahlfreiheit; würde Gott sich positiv nicht offenbaren, gäbe es ebenfalls keine im Nachbilden und in der Geschichte sich bewährende Freiheit und keine Sinnidee.

Das innere Gesetz der Freiheit wurde von Kant durch das „Sittengesetz“ als Freiheit deklariert.9 Das Sittengesetz bedingt die Sichtbarkeit der Freiheit. Da Kant keine Interpersonalität der Freiheit kannte, mithin auch keine Konstitution der Zeit im Bewusstseins und somit keine geschichtliche Sinnerkenntnis, mutierte sein Sittengesetz zu einem formalen Verbotsgesetz, andere Freiheit nicht zu behindern. Alles Bilden ist aber, wie oben angesprochen, reflexives und intentionales (primär interpersonales) Bilden und Bilden im Reflex eines göttlichen Gesetzes der Ur-Erscheinung. Bilden ist mithin, wenn man alle drei Dimensionen bedenkt, stets eine positive Freiheitsbeschränkung, eine Selbstbeschränkung der Freiheit im Hinblick auf andere Personen und im Hinblick auf ein geschichtliches Werden, beginnend mit der positiven Freiheitsbeschränkung der Ur-Erscheinung Gottes selbst.

Aus dem kantischen Sittengesetz kommen nur „todte und kalte Früchte“ (Fichte, WL 1804/2, GA 11/8, 380). Hingegen eine Freiheitsbeschränkung aus genetischer Erkenntnis, aus Liebe zu Gott und zum Mitmenschen, bringt eine andere genetische Erklärung der Fakten hervor: Die Bedeutungen sind genetisiert aus dem höchsten Inbegriff der Liebe, und daraus werden die anderen projzierenden und integrierenden Prädikationen des Wissens gebildet.

Bilden ist sowohl theoretisches Erkennen wir praktisches Wollen und Handeln. Jede bestimmte Aussage ist bereits Freiheitsrealisierung, und je nach Grundbezogenheit a) auf Wahrheit hin und b) interpersonaler Kommunikabilität und Liebe hin, schließlich c) auf den Glauben und die Hoffnung auf eine sich von selbst einstellende religiöse Sinnordnung hin, bewährt sich eine Aussage, oder bewährt sich nicht.10

 

 

© Dr. Franz Strasser

21. 8. 2019

 

Literatur:

Ich zitierte aus der Bibliothek der Kirchenväter:Link zum Hl. Ignatius von Antiochien.

Lumen Gentium, 2. Vatikanum

online: Kathpedia, Weihepriestertum – Link

Reinhard M. Hübner, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Online tlw. lesbar unter – siehe Link

M. V. d‘Alfonso, „Der Ausdruck der Freiheit und die Genese des „Ist-Sagens“: Die Bedingungen der Semantik im späten Fichte, Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 382-396,

M. Ivaldo, Bilden als transzendentales Prinzip, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 72 – 88.

M. Siemek, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto (Hrsg.), Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beiträge aus der aktuellen Fichte-Forschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 2001, 41 – 63.

Historisches Wörterbuch der Philosophie: Repräsentation, S. 32572

(vgl. HWPh Bd. 8, S. 800-801)

LthK, Stichwort „Repräsentation“, Bd. 8

 

1REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004, S 36. 37.

2Heinrich Zimmermann, „Neutestamentlichen Methodenlehre“, Stuttgart 1971, 1978.

3In Lumen Gentium 20 des 2. Vatikanums wird z. B. der Hl. Ignatius zitiert (mit entsprechenden Fussnoten):

LG 20, 3. Absatz: „(….) Die Bischöfe haben also das Dienstamt in der Gemeinschaft zusammen mit ihren Helfern, den Priestern und den Diakonen, übernommen (47). An Gottes Stelle stehen sie der Herde vor (48), (Episcopi igitur communitatis ministerium cum adiutoribus preshyteris et diaconis susceperunt(47), loco Dei praesidentes gregi(48)) deren Hirten sie sind, als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung (49). Wie aber das Amt fortdauern sollte, das vom Herrn ausschließlich dem Petrus, dem ersten der Apostel, übertragen wurde und auf seinen Nachfolger übergehen sollte, so dauert auch das Amt der Apostel, die Kirche zu weiden, fort und muss von der heiligen Ordnung der Bischöfe immerdar ausgeübt werden (50). Aus diesem Grunde lehrt die Heilige Synode, daß die Bischöfe aufgrund göttlicher Einsetzung an die Stelle der Apostel als Hirten der Kirche getreten sind (51). Wer sie hört, hört Christus, und wer sie verachtet, verachtet Christus und ihn, der Christus gesandt hat (vgl. Lk 10,16)52.
Wie in Jahrhunderten das weitergebildet wurde – siehe z. B. Internetseite bei Kathpedia –
Weihepriestertum.

4 Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass zum Reflexions- und Bildensprozess des Wissens ein vierfacher Gegenstandsbereich gehört: Natur, Moral, Interperson und Religion, und nochmals alles fünffach durch die Einheit des Wissens durchbestimmt. Wegen der ausdrücklich gesellschaftlich-prekären Situation der Entstehung der „Briefe“, wird der Bereich der Natur nicht erwähnt, gehört aber implizit ebenfalls zum Reflexionsvollzug des Wissens. Die Moralität, Legalität und die religiöse Sinnordnung kommen ja dann ausführlich vor. Ebenso die geschichtliche Realisierung von Sinneinheiten.

5R. LAUTH, ebd. S 18.

6Nebenbei gesagt: Ein bloß idealistisches Ein-Bilden hat ja viel Unheil in die Welt gebracht: Angefangen bei der Gnosis, über den Voluntarismus des Mittelalters, weitergehend in der idealistischen Schulphilosophie, in den Revolutionstagen von Paris, in den Folgen des deutschen Idealismus („die Kultur ist der objektive Geist“ (Hegel) – das ist Bilden ohne Bewährung. Das sind alles Selbstermächtigungen. Ganz furchtbar dann im Marxismus und Nationalsozialismus; oder als moderne Variante der Selbstermächtigung und Überheblichkeit könnte auch die Technik angesehen werden. Wie immer die idealistische Konstruktion eines Bildes ausfällt,  die Bewährung muss vom Sein kommen, aus der unabhängigen Tätigkeit, nicht vom Denken allein.

7 M. Ivaldo, Bilden als transzendentales Prinzip nach der Wissenschaftslehre, in: Fichte-Studien, Bd. 47, 2019, 81.

8Bekanntlich wurden von den Reformatoren das Weiheamt  abgelehnt. Sicherlich standen dahinter psychologische Gründe, Macht- und Klerikerfragen.

9Kant, KpV, § 6, Anmerkung: „Freiheit und unbedingtes praktisches Gesetz weisen also wechselsweise auf einander zurück. Ich frage hier nun nicht: ob sie auch in der That verschieden seien, und nicht vielmehr ein unbedingtes Gesetz blos das Selbstbewußtsein einer reinen praktischen Vernunft, diese aber ganz einerlei mit dem positiven Begriffe der Freiheit sei; sondern wovon unsere Erkenntniß des unbedingt Praktischen anhebe, ob von der Freiheit, oder dem praktischen Gesetze. Von der Freiheit kann es nicht anheben; denn deren können wir uns weder unmittelbar bewußt werden, weil ihr erster Begriff negativ ist, noch darauf aus der Erfahrung schließen, denn Erfahrung giebt uns nur das Gesetz der Erscheinungen, mithin den Mechanism der Natur, das gerade Widerspiel der Freiheit, zu erkennen. Also ist es das moralische Gesetz, dessen wir uns unmittelbar bewußt werden (so bald wir uns Maximen des Willens entwerfen), welches sich uns zuerst darbietet und, indem die Vernunft | jenes als einen durch keine sinnliche Bedingungen zu überwiegenden, ja davon gänzlich unabhängigen Bestimmungsgrund darstellt, gerade auf den Begriff der Freiheit führt.“

10Mit den Freiheitsbeschränkungen aus einem allgemeinen Gesetz, wie es Kant formulierte, tut sich die Neuzeit sehr schwer. Warum sollte ein allgemeiner Wille über dem eigenen, individuellen Willen schweben? Ich stelle fest: Das genetische Licht und die genetische Schematisierung einer Selbstbeschränkung geht sofort verloren, sobald die Transzendenz im Verhältnis zum Nächsten aus dem Blick gerät und die intentionale Grundbezogenheit auf göttliche Wahrheit und Liebe entfällt. Die „Genese des Ist-Sagen“ (siehe Literatur D‘ Alfonso) und die epistemologische Begründung der epistemischen Bedeutungen (siehe Literatur von M. Siemek) – alles liegt an der genetischen Bildung der Erkenntnis und der daraus kommenden Bewährung des Bildseins.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser