E. Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen – 5. Teil

Es ist, als ob E. C. selbst Zweifeln gekommen wären an einem bloß psychologischen Begriff der Repräsentation und einer Herleitung der sprachlichen Formen aus einer mathematischen, bloß formalen Anschauung im Begriffe, denn plötzlich verlässt er diesen eingeschränkten Rationalitätsbegriff und kommt zurück zu den Bahnen diskursiven Philosophierens, die er ja bestens beherrscht. Das lässt m. E. eine weitere Sinndeutung der „symbolischen“ Formen zu als bisher. Wieweit er das durchhalten wird – das müsste jetzt in den weiteren Kapitel nach der Einleitung geklärt werden.

„Die Wahrheit des Lebens scheint nirgends anders als in seiner reinen Unmittelbarkeit gegeben und in ihr beschlossen zu sein — alles Begreifen und Erfassen des Lebens aber scheint eben diese Unmittelbarkeit zu bedrohen und aufzuheben. Geht man vom dogmatischen Seinsbegriff aus, so tritt freilich auch hier der Dualismus von Sein und Denken, je weiter die Betrachtung fortschreitet, um so deutlicher hervor — aber es scheint nichtsdestoweniger die Möglichkeit und die Hoffnung zurückzubleiben, daß in dem Bilde, welches die Erkenntnis vom Sein entwirft, wenigstens ein Rest der Wahrheit des Seins aufbehalten ist. Es scheint, als ginge das Sein zwar nicht vollständig und adäquat, aber doch mit einem Teil seiner selbst in dieses Bild der Erkenntnis ein (…) (ebd. S 46.47)

Es wird auf PLATONS „Siebter Brief“ verwiesen, worin das fragliche Verhältnis Idee und Zeichen angesprochen wird, auf Leibniz, auf Kant. Und direkt in skeptischer Tradition gegen sich selbst gerichtet wird gesagt, nie können wir der bloßen Reflexivität des Wissens und der darin sich spiegelnden bildlichen und „symbolischen Formen“ entrinnen, es sei denn in der Mystik.

Die Kultur hingegen – sie lebt nur in diesen Bildern. Deshalb jetzt die Aufgabenstellung der Philosophie, so E. C.:

„Die eigentliche, die tiefste Aufgabe einer Philosophie der Kultur, einer Philosophie der Sprache, der Erkenntnis, des Mythos u. s. f. aber scheint eben darin zu bestehen, diesen Schleier (sc. der intellektuellen Symbole, Bilder, Erkenntnisse) aufzuheben — — von der vermittelnden Sphäre des bloßen Bedeutens und Bezeichnens wieder in die ursprüngliche des intuitiven Schauens zurückzudringen. „ (ebd. S 48.49)

Philosophie soll hinter die „Bildwelten“ und „symbolischen Formen“ blicken und die geistigen Schöpfungen „in ihrem gestaltenden Grundprinzip“ verstehen und bewusst machen. (ebd. S 49) Es ist ein aktives, systematisierendes Verstehen der ganzen Kultur anzustreben, eine „Philosophie der Kultur“ (ebd. S 49)

Damit darf ich aber an Teil 1 meiner Cassirer-Lektüre zurückblenden: Geht es um den gegenständlichen Bereich sprachlicher Formen („symbolischer“ Formen), oder doch um ein umfassenderes Geschäft der Begründung und der Dialektik der Geisteswissenschaften nach den Analysen und Vorgaben der „symbolischen“ Formen?

Bedenkt man die Folgezeit nach Erscheinen dieses Buches (1923) sieht man ja eklatant die Irrelevanz eines philosophischen Denkens, das vermeintlich eine kulturbegründende Bedeutung haben sollte! Hat nicht gerade in den 20/30-er Jahren des 20. Jhd. die Unkultur um sich gegriffen, weil eben die überdisjunktive, göttliche Wahrheit in der Analytik der „symbolischen“ Formen nicht mehr wahrgenommen werden konnte? Philosophie als kulturschaffende Kraft, das ist eine völlige Überforderung! Sozusagen eine Formlehre des Geistes zu entwickeln ohne qualitativen, wertsetzenden Inhalt einer göttlichen Wahrheit, die sich im Bilden der Vernunft implizit behauptet, das muss sich als zu schwach erweisen. Eine nur „symbolische“ Erkenntnisform bleibt unbegründet in der ganzen Relevanz der erkenntnistheoretischen (philosophischen) Durchdringung der Wirklichkeit.

Noch eine kleine Nebenbemerkung zu diesem überproportional aufgewerteten Wort „symbolisch“.

Es folgt im I. Haupteil des Buches zur „Phänomenologie der sprachlichen Form“ im Kapitel 1 ein ausgezeichnete Schilderung des Sprachproblems in der Antike; dann die weitere philosophiegeschichtlichen Erörterungen im Empirismus usw., aber eigentlich erst in dem Kapitel zur Sprachentstehung, also in einem rein historischen Teil, kommt das Wort „symbolisch“ in der Verwendung bei ARISTOTELES, De interpretatione, vor.

Das Wort „symbolisch“ ist damit philologisch gerade nicht in einem reflexiv-begründenden Verfahren und Denken des PLATON oder ARISTOTELES belegt, sondern nur in einer Historie der Sprachentstehung, die ja wohl nicht apriorisch genannt zu werden verdient. Das „Symbol“ steht für einen Empfindungslaut, der als Sprachlaut zum „Symbol“ wird.

„Hier muß indess beachtet werden, daß ebensowohl die „Nachahmung“, wie die „Hinweisung“ — ebensowohl die „mimische“, wie die „deiktische“ Funktion — keine schlechthin einfache und überall gleichförmige Leistung des Bewußtseins darstellt, sondern daß sich, in der einen wie in der anderen, Elemente von verschiedener geistiger Herkunft und Bedeutung miteinander durchdringen. Auch bei Aristoteles werden die Worte der Sprache als „Nachahmungen“ bezeichnet, und von der menschlichen Stimme wird gesagt, daß sie das am meisten zur Nachahmung geeignete und gebildete Organ sei 1 . Aber dieser mimische Charakter des Wortes steht für ihn mit seinem reinen Symbolcharakter nicht im Gegensatz; vielmehr wird der letztere nicht minder energisch betont, indem hervorgehoben wird, daß der unartikulierte Empfindungslaut, wie er sich schon in der Tierwelt finde, nur dadurch zum Sprachlaut werde, daß er als Symbol verwendet wird (…) (ebd. S 128.129)

Das wäre ja die transzendentale Frage, wie die Empfindung selbst eine geistige Berührung und quantitierte Selbsteinschränkung eines möglichen sprachlichen, abbildlichen Denkens werden kann! Wo bleibt die Wahrheit einer göttlichen Initiierung und substantiellen Begründung der Vernunftgemäßheit der (sprachlichen) Erkenntnis und die Wahrheit eines interpersonalen Austausches in der Form der Sprache? Wäre einer solchen Wahrheit der Initiierung und Begründung der Erkenntnis oder einer zwischenmenschlichen Beziehung genug getan, wenn wir die Erkenntnis nur „symbolisch“ meinten und wir uns nur „symbolisch“ verständigten?

Altheim 25. 4. 2017

© Dr. Franz Strasser

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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