Evolutionstheorie 2. Anfrage. Der Bestimmungsakt und die Anschauungsformen Zeit und Raum

Barnett Newman, Stockholm

1) Gemäß dem höchsten Standpunkt der Transzendentalphilosophie kann nur von der Position der Einheit des Wissens ausgegangen werden. Diese Einheit ist „Mutter aller Differenz“, Einheit im Wechsel, „Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich, und unendlich zugleich sezt“ (FICHTE, GRUNDLAGE, GA I, 2, 359). Es ist ein Schweben der Einbildungskraft zwischen Unvereinbaren (ebd., S 360) Die Einbildungskraft ist das Vermögen des Vereinens und Unterscheidens – und eigentlich sind die unvereinbaren Gegensätze vor dem Einsatz der Einbildungskraft nicht einmal als unvereinbare denkbar, denn Denken richtet sich bereits auf Vorgestelltes. Vorstellen und Vorgestelltes, Wollen und Gewolltes, Bild und Sein, Erscheinung und Absolutes, sind vor diesem Schweben nicht vorauszusetzen. „So wie sie durch das Denkvermögen vereinigt werden sollen, und nicht können, bekommen sie (erst) durch das Schweben des Gemüths, welches in dieser Funktion Einbildungskraft genennt wird, Realität (d. h. Geltung), weil sie dadurch anschaubar werden.“ (Ebd. S 368)

Genau das, was die Einbildungskraft denkend nicht vereinigen kann, wird als Anschauung exponiert. Die geltende, zutreffende Einbildungskraft erscheint als eine gegebene Einbildungskraft, und gerade diese ist anschaubar. „Anschauung ist also nichts anderes als eine unleugbar waltende, eine zutreffende Leistung der Einbildungskraft. Zutreffendes begegnet als „so ist es“, begegnet in der Gestalt des Gefundenen, ist gefunden.“ 1

Die Einheit des Wissens ist begründet und gerechtfertigt in der intelligierten Einheit des Ichs, des Lichts, der Evidenz – und kein Subjekt- oder Objektzuschreibung darf hier geschehen, woraus eine metaphysizierende Subjekt-Objektphilosophie entstünde. Die Vorstellung wäre ohne intelligierende Einsicht nicht mehr ableitbar, sondern perpetuiere sich in einen unendlichen Regress eines immer wieder erneut vorstellenden Vorstellens.

In und aus der absoluten Einheit des Wissens ist der Wechsel einer späteren Wechselbeziehung auf der sinnlichen und sittlichen Ebene des empirischen Ichs gesetzt, der Wechsel, wie FICHTE in der Wlnm von 1796/97 ausführen wird, zwischen einer idealen und einer realen Reihe des Bestimmens. Die Wechselbeziehung (Beziehung und Unterscheidung) ist für sich nicht absolut, wiewohl sie die höchste Kategorie des Verstandes ist.

Dies würde für sich natürlich jetzt genauere Ableitungen verlangen, aber darauf möchte ich nur verweisen bei R. LAUTH, Naturlehre, 1984, S 31 ff. Das Produkt der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft wird durch reine Anschauungsformen (Vorformen der späteren Zeit- und Raumanschauungen) in die  Anschauung (ebd. S 31- 33), ferner ins Denken durch die Verstandesformen von Qualität, Quantität, Relation und Modalität (ebd. S 34 – 47) aufgenommen, und schließlich nochmals durch Schematisierung praktisch bestimmt (ebd. S 47- 56).  

Speziell für den Bereich der  Vorstellung einer objektiven Außenwelt kommt es zur appositionellen Reihe der Zeitanschauung, (ebd. S 57 – 58) und der Verbreitung der Empfindung zu einer flächigen Anschauung mittels reflektierende Einbildungskraft (ebd. S 58 – 61) und schließlicher Raumanschauung (ebd. S 61 – 64).

Ist es einer sogenannten „Evolutionstheorie“ bewusst, sei es für den anorganischen Bereich, oder sei es für den organischen und gesellschaftlichen Bereich, welche Denkleistungen in den selbstverständlichen Vorstellungen von Entwicklungen stecken, damit ein Bewusstsein überhaupt theoretisch und praktisch möglich sein kann?  Welche „Darstellungskraft“ des Bewusstseins! (Siehe z. B. bei FICHTE, EIGNEN MEDITATIONEN. )2

Wenn im kleinsten Bereich des Mikrokosmus die Position eines Elektrons weder rational noch real angegeben werden kann, weil es durch den Akt des Bestimmens erst bestimmt wird, wie könnte die Zeit und der Raum ohne Reflexion auf den Akt des Bestimmens objektivistisch vorausgesetzt werden als gäbe es ein Werden und eine Evolution an sich?  Eine Evolution  der anorganischen Welt, der organischen Welt des Lebens, der gesellschaftlichen Wirklichkeit – sie müsste streng begrifflich unter Anführungszeichen stehen, denn sie erscheint nur so! Ich verweise hier auf zwei Aufsätze von A. MUES.3

Zeit und Raum sind hochkomplexe Gebilde der Einbildungskraft und des Denkens, sodass sie weder idealistisch an sich, oder realistisch an sich an Materie gebunden, einfachhin abgelesen werden könnten. Ein DEMOKRIT und LEUKIPP gingen von fixen Elementar- und Materieteilchen der Natur aus. Die Reduktion auf materialistische Verhältnisse oder materielle Disponibilitäten in der Natur sind in einem transzendentalphilosophischen Erklärungsmodell aber ausgeschlossen, wie das Young 2-Spalt-Experiment zeigt. Es geht  um die Unmessbarkeit der Lozierung von Elektronen. Erst im Akt des Bestimmens (im Schweben der Einbildungskraft) werden sie festgelegt – und folgedessen kann erst von einer Messbarkeit ausgegangen werden. KANT hat diese Antinomien schon benannt – und auf seine Weise (halbherzig) gelöst.4

Wenn, gemäß dem Artikel von A. MUES nur in einer transzendentalphilosophischen Besinnung auf den Akt des Bestimmens quantenphysikalische Rätsel sich lösen lassen, bräuchte es keine weltanschaulichen Grabenkämpfe zwischen Materialismus und einer wie immer gearteten idealistisch-rationalistischen Form des Naturverständnisses – und viel Ideologie könnte aus der Evolutionstheorie herausgenommen werden.

Entweder dass a) das Elementarteilchen wechselwirkend bestimmt ist und einen Raum real ausfüllend gedacht wird, oder dass es b) quantitativ nicht bestimmbar ist, nicht räumlich und nicht begrenzt, überall und nirgends ist – diese Antinomie kann nur transzendental, d. h. im Rückgang auf die Bedingungen der Wissbarkeit gelöst werden.

Der antinomisch erscheinende Charakter der Materie, wobei Raum und Zeit einmal objektivistisch vorausgesetzt, dann wieder total relativistisch angesetzt werden, liegt nicht an den Elementarteilchen selbst, sondern ist als solcher transzendental abgeleitet: Er ist Folge der Kategorie der Wechselwirkung. Die Wechselwirkung wird notwendig im Akt des Bestimmens durch das Schweben der Einbildungskraft begrifflich gesetzt. Die Einbildungskraft überträgt notwendig auf „Materie“ – und dies impliziert in weiterer Folge die zeitliche und räumliche Anschauungsformen, und, wenn man so will, bedingte Vorstellungsweise (Erscheinungsweise) einer evolutiven Weiterentwicklung und Wechselwirkung.

Die Wirkungsweise eines Elementarteilchens ist durch die geistige Entscheidung, wie ich es wechselwirkend setze, realistisch oder idealistischrational bestimmt. Wenn ich die Modalität meines existentiellen Erkennens dahin bestimme, dass ich mittels (aposteriorischer) Erfahrung Auskünfte erhalten will, so erhalte ich eine realistische Auskunft; wenn ich mich im Akt des Bestimmens dahingehend bestimme, die apriorische Denkmöglichkeit jetzt zu fassen, ohne elementare Anschauungsbasis, so erhalte ich eine rationalistische Antwort. Wenn es aber keine objektiv feststellbare Position eines Elementarteilchens gibt, wie kann ich dann von einer realistisch vorausgesetzten Zeit- und Raumanschauung sprechen ohne Materie oder umgekehrt: von einer Materie ohne Anschauungsformen und Kategorien? Wie könnte der Urknall in einer Zeit gesetzt sein, wenn mangels Materie (die ja vor dem Urknall noch nicht gewesen sein soll) Zeit und Raum nicht existiert haben, oder umgekehrt, wie könnte Materie bloß aus gedachter Zeit und Raum entstanden sein?

2) Der transzendentalphilosophische Akt des Bestimmens kann nicht selbst zeitlich oder räumlich sein, weil die Vorstellungen des Denkens die Anschauungsformen (Empfindungsformen) in gleichzeitiger Weise mit den Objekten des Denkens (hier der Elementarteilchen) schon voraussetzen. Wäre der Akt selbst zeitlich und räumlich, per impossibile dictum, könnte das Denken selber nichts begrifflich und verständlich erfassen, weil der jeweilige Akt des Bestimmens im nächsten Augenblick selber zeitlich überholt und räumlich gefasst werden müsste.

Zeit und Raum können nicht als Behälter vor der Materie existieren,  müssen von ihr  unterschieden, können aber auch nicht getrennt von ihr gedacht werden, sollte es zu einem finalen Akt des Bestimmens und zu empirischen Begriffen kommen.

Eine Evolution von Materie und Weltall im Sinne eines zeitlichen objektivierten und räumlich objektivierten Ausdehnens vergisst die transzendentalen Wissensbedingungen und den hochkomplexen Aufbau des Zusammenspiels von Zeit und Raum und Materie, wie es allein das Bewusstsein zu bilden vermag. Es wird  leider entweder eine zeitliche und räumliche Evolution  der Materie idealistisch gedacht, so, als wüsste man im vorhinein, was ist die Substanz, was sind die wechselnden Akzidenzien in diesem Raum-Zeit-Geschehen von Weltall und Kosmos, oder es wird Zeit und Raum realistisch von der Materie abhängig und durch sie entstanden gedacht,  als sei mit dem Urknall die Zeit- und Raummessung selbst ins Leben getreten. Einen Urknall der Entstehung von Zeit und Raum anzusetzen, kann aber kein „Ur-“, kein absoluter Anfang (im lokalen Nichts) sein, denn er wird ja doch zeitlich und räumlich das  „Ur“ vorausgedacht.  

Das durch das Denken ermöglichte Erfassen von Zeit und Raum – und damit denknotwendig verbunden die Materie (als „Noumen“; EIGNE MEDITATIONEN)-,  führt uns immer wieder zurück auf den Akt des Bestimmens selbst, der weder realistisch noch idealistisch vorgegeben ist, sondern den Gebrauch einer Regel darstellt, wie das Schweben der Einbildungskraft aus höheren Gründen der Selbstbestimmung ursprünglich (durch Anschauung und Denkbestimmungen) die Hemmung frei weiterbestimmt. 

Es ist von vornherein realistischer Dogmatismus, von einer an sich seienden, nachhaltigen Evolution (sei es im Bereich der anorganischen oder der organischen Welt) zu sprechen, als entstünden Zeit und Raum und Bewegung durch die Materie, oder umgekehrt, idealistische Schwärmerei, Materie und Kraftvorstellung durch das bloße Denken von Zeit und Raum entstehen zu lassen, ohne sich dieser idealistischen Vorstellungsweise in und durch die Einbildungskraft bewusst zu sein. 

Wie Zeit und Raum mit dem Übergang zur Materie wirklich abgeleitet werden können – dazu verweise ich wieder im Detail auf R. LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1984, S 57ff.

© Dr. Franz Strasser, 18.12. 2015

1A. MUES, Die Position der Anschauung im Wissen oder die Position der Anschauung in der Welt. Der Unsinn der Subjektphilosophie. In: Fichte-Studien, Bd. 31, 2007, S 32.

2„Discursiv- Was ist denn eigentlich, die reine Einbildungskraft? Das Subjekt bestimmt sein eignes Seyn in einem Accidens seiner selbst. Nur ist die Frage was heißt bestimmen? – Das Subjekt ist thätig; es ist selbstständig: es hat also Kraft. – Das Subjekt ist (für sich) vermöge seines Seyns: es ist sich selbst Ursache, u. Wirkung seines Seyns: – Dies geschieht durch ein Thätig seyn, dieses Thätig seyn ist Ursache des Seyns, von welchen es doch auch Wirkung ist; dieses Handlung heißt (Darstellen) sich selbst als selbst im Daseyn setzen; u. Die Kraft: Darstellungskraft.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 89).

3A. MUES, Der Grund der Dualität der Materie und des Indeterminismus in der physikalischen Natur. Die Lösung des quantenphysikalischen Rätsels. In: Fichte-Studien, Bd. 6, S 277 – 302, 1994. A. MUES, der Grund der Dualität der Materie. 2. Teil. Der Wellencharakter. In: Fichte-Studien Bd. 22, 107 – 120, 2003.

4a) Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist.

b) Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.

Evolutionstheorie – und was dahinter steckt? 1. Anfrage. Zum Begriff des Zufalls. Der mexikanische Kärpfling

Gleinker Weltchronik, Mitte d. 14. Jhd., Landesbibliothek Linz.

1) Ich übertreibe wohl nicht, dass zum Begriff der „Evolution“ eine heillose Verwirrung herrscht.1 Eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung in einem Realsystem in der Zeit zu denken, sei es in einem System der anorganischen Materie oder im System eines Organismus (Pflanze, Tier), oder sei es im sprachlich-kulturellen Bereich der Geschichte des Menschen, das ist schon gut möglich, aber nur in einem vernunftheoretischen Sinne, nicht an sich! Es  fließen denktheoretische, apriorische Begriffe (z. B. die Zeit, der Raum, die Identität ) in die Beurteilung und Erkenntnis eines etwas mit ein, die als solche gerade nicht evolutiv entstanden sein können, aber von der Natur- oder Geschichtswissenschaft blind vorausgesetzt werden. Wenn das Realsystem Zeit und Raum schon vorausgesetzt wird, übersehen wir bereits die hochkomplexen, geistigen Gebilde der Anschauungsformen von Zeit und Raum und supponieren bereits einen realistischen Begriff von „Evolution“, wo es doch nur erscheinungsweise! eine Evolution gibt, abgeleitet aus dem zeitlichen Werden des Ichs. Ich werde deshalb den Begriff „Evolution“, unter Anführungszeichen setzen, wenn ich den metaphorischen Gebrauch von einem streng philosophischen Gebrauch unterscheiden und als solchen kennzeichnen will. Wenn ich „Evolution“ trotzdem nicht immer unter Anführungszeichen setze, so ist es dem inzwischen selbstverständlich gewordenen Sprachgebrauch geschuldet, der von dieser irrigen Annahme einer realistischen/oder idealistischen Evolution ausgeht. Um nicht ständig die Anführungszeichen zu rechtfertigen, lasse ich sie weg. Wenn es genau werden soll, verwende ich sie aber, um den zu seiner Zeit und seinem Ort richtig eingesetzen Begriff eines evolutiven Werdens hervorheben zu können.   An sich entwickelt sich nichts!  Dem Begriffe nach gibt es keine Evolution, denn unter Begriff verstehe ich das Wesen einer Sache, und das ist eine unwandelbare Idee. Das Sein zeitlich zu denken, d. h. begrifflich aus und durch Zeit zu bestimmen, das führt zu einem Widerspruch.  Begrifflich lässt sich Evolution nicht denken,  weder in der sinnlichen Natur, noch im geschichtlich-gesellschaftlichen Sein, nur erscheinungsweise und in einer appositionellen Reihe des Bewusstseins, die zu einer ideal-realen Reihe der Erscheinungen führt, lässt sich Entwicklung vorstellen. Ex concessis mag dann von Evolution gesprochen werden: Wir übertragen aus dem ideal-realen Werden des Ichs die Zeit auf die Erscheinungswelt der sinnlichen Natur bzw. auf die geschichtlich-kulturelle Natur, und verknüpfen die Wahrnehmungen zu einer evolutiven Reihe. Dann gibt es eine evolutive Entwicklung, aber vom Bewusstsein gedacht und auf die Erscheinung übertragen.  Zweck meiner Anfragen oder Bedenken soll hier sein,  die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit der naturwissenschaftlichen und  auch gesellschaftlichen Voraussetzungen aufzudecken (in Hauptlinien),  sobald der Evolutionsbegriff in Anwendung kommen sollte. Er muss nicht in Anwendung kommen, aber, wie gesagt, unsere Zeit steht unter diesem hegemonialen Druck einer Ideologie, dass ich mich wehren will. Es ist trivial, reduktiv einen Stammbaum (Cladogramm) aufzustellen und jedewede evolutionstheoretische Lücke zu füllen, sobald ein Fossil gefunden wird. Es wird dabei aber keine  transzendentale Rechtfertigung geliefert, wie eine Stammbaum rein modal und anschauungstheoretisch aufgestellt werden kann. 

Wenn es nur Aufgabe der Philosophie sein kann, den Grund einer Sache zu erkennen, so verlangt dies ein  analytisches und synthetisches Vorgehen im Erkennen gleichzeitig. Bei jedem Schritt der erkenntniskritischen Analyse  müssen zugleich die synthetische Anwendungsbedingung mitbedacht sein, damit es zu keiner sophistischen Täuschung kommt. Wenn die Zeit aber nur aus der Einheit des Bewusstseins stammen kann (fast ein evolutionstheoretischer Begriff?), so bedeutet eine Übertragung eines Werdens auf die naturwissenschaftliche oder gesellschaftliche Realität eine übertragene Form,  ein spezifisches Handeln der Vernunft, das in seiner streng gebundenen Einbildungskraft die Gesetzmäßigkeit einer evolutiven Erklärungsart wählt, um selber aber über diesen evolutiven Erklärungszusammenhang zu stehen.  Das Erkennen geht dem Handeln zuvor und bereitet es für einen begrifflichen Zusammenhang, um für eine neue Bestimmung frei zu sein. Das angeschaute Sein selbst ist nicht evolutiv, es wird in dieses Erklärungsart der Evolution nur so vorgestellt – und dann irrig als „evolutionär“ gewordenes Sein gekennzeichnet.   

Es ist transzendentale Methode, die Bedingungen der Wissbarkeit freizulegen, wie es explizit PLATON, DESCARTES, KANT, FICHTE getan haben. Sie alle gehen zurück auf die Bedingungen dieser Wissbarkeit. Grundannahme des transzendentalen Erkennens muss sein:  Es kann nichts außerhalb des Sich-Setzen des Geistes angenommen werden, was nicht durch den Geist selbst gesetzt ist. Alles Gesetzte und Vorgestellte muss in irgendeiner Art und Weise innerhalb des Bewusstseins und innerhalb des Sich-Setzens als einschränkende Bedingung und als kategorial-begriffliche Anschauung gesetzt sein. Im Sich-Bilden und Sich-Zuschauen des Geistes in seinem Erkennen, Wollen und Handeln – FICHTE sagt dazu „intellektuelle Anschauung“ – sind alle grundsätzlichen Vorstellungsweisen der sinnlich anschaubaren wie der intelligibel gedachten Natur- und Gesellschaftsgeschichte gesetzt – und können nur zugestandener! Weise als übertragene Formen von evolutiven Prozessen angesehen werden, erscheinungsweise!

Eine vor der Vorstellungsart des Sich-Setzens unabhängige „zufällige“, „ziellose“, „ursachelose“ Evolution  kann nicht gedacht werden. Irgendein Beispiel der Evolutionstheorie: G. SCHURZ, dessen Übersichtlichkeit ich positiv erwähnen will, spricht von einer „allgemeinen Evolutionstheorie“ (Anm. 1) in Parallele zur allgemeinen Relativitätstheorie,  aber Biologie wie Physik unterstehen in gleicher Weise den gleiche apriorischen Erkenntnisbedingungen, von denen sich keine Naturwissenschaft dispensieren kann.  Jede behauptete Erfahrungsgegebenheit setzt apriorische Gesetzlichkeiten voraus wie Raum- und Zeitanschauung,  Denkkategorien, Reflexionsideen, die per se gerade nicht aus der Natur oder Gesellschaft stammen können. Als naturwissenschaftlicher Laie möchte ich nicht auf Gedeih und Verderb den jährlichen Entdeckungen der Naturwissenschaften ausgesetzt sein, um mich und das Leben stets  neu aus der hypostasierten „Evolution“  zu erklären. Der Prüfstein des Wissens und der Wahrheit bleiben die apriorischen Prinzipien der Erkenntnis und daran werde ich die naturwissenschaftlichen oder historischen Erklärungen messen.

Ich möchte mich zuerst konzentrieren auf den Bereich der sinnlichen Natur, aber ipso facto spielt der gesellschaftliche Bereich der Wirklichkeit stets mit herein –  gemäß Fünffachheit des reflexiven Wissens. Zum gesellschaftlich-geschichtlichen Bereich siehe dann die späteren „Anfragen an die Evolutionstheorie“. 

2) Eigentlich dürfte es in der Erklärung der Wirkursachen in der Natur nur kausal-notwendige und nach Wahrscheinlichkeiten ausgerichtete Gesetze geben, wie kann dann plötzlich, wie im untenstehenden Artikel behauptet, von einer „zufälligen“ Genmutation und „zufälligen“ Artenentstehung in der Evolutionsgeschichte gesprochen werden? Diese Redeweise ist ideologisch besetzt!  

Sowie gefordert wird, dass etwas aus der Natur erklärt werde, wird gefordert, dass es durch und aus einem Gesetze der physischen, keinesweges aber moralischen Nothwendigkeit erklärt werde. Es wird sonach durch die blosse Behauptung einer solchen Erklärbarkeit behauptet, dass es der Natur nothwendig sey, und in den ihr absolut zukommenden Eigenschaften liege, sich in reelle Ganze zu organisiren, und dass das vernünftige Wesen die Natur so, und schlechthin nicht anders zu denken genöthigt sey.“(FICHTE, Sittenlehre 1798, SW IV, 119)

Bei Darwin lag die Betonung einer evolutiven Sicht der Entstehung der Arten auf dem Begriff der Selektion, um in einer zeitlichen Reihe einen Zusammenhang in der Entstehung der Arten aufstellen zu können. Die Mutationsbasis war noch nicht so bekannt.  War er sich der apriorischen Erkenntnisbedingungen bewusst, wie eine zeitliche Reihe überhaupt aufgebaut wird, ehe er zu „Vorteilsgründen“ in der Selektion kommen konnte? Wie wird dabei der „Vorteil“ definiert? 

Das Endergebnis (der natürlichen Selektion) ist, dass jedes Wesen nach immer vorteilhafterer Abänderung im Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen strebt. Diese Veränderung führt unausbleiblich bei der Mehrheit aller Lebewesen zu einem stufenweisen Fortschritt der Organisation.“ (Darwin, Entstehung der Arten, (1859) S 175f)

In Büchern zur Evolution (z. B. REINHARD JUNKER, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, 2013) liest man von der äußeren Anpassung, von genetischen Veränderungen, von makromolekularen und mikromolekularen Veränderungen, von Populationsgenetik, d. h. nach mathematischen Berechnungen wird die „schwache“ oder „starke“ Selektion durch die Population einer Art vorangetrieben, bei vorausgesetzter Normalität der Fortpflanzung, ohne stark sich verändernde, auftretende Umweltbedingungen und ohne richtungsloses Gendrift,  man liest von Mutation und Epigenetik. Muss ich als Nicht-Naturwissenschafter untenstehende Deutung ungesehen übernehmen?

3) Weil die Mutationen in den DNA-Basen in einem zufällig ausgewählten Beispiel  Falle verschieden ausfallen, ist schon die ganze Entwicklung und Evolution  des Lebens (der organischen Segmente) „zufällig“ verlaufen, zumindest für den bewundernswerten Kärpflinge, der es sogar in einem giftigen Habitat aushält! Warum kann nicht die viel einfachere und logischere Erklärung gewählt werden, dass jeder Organismus ein zweckgerichtetes Überlebensprogramm fährt?! (Woher dieser Begriff des Zweckes kommt, bedürfte jetzt weiterer Analysen, aber dieser enthalte ich mich hier noch, um nicht von vornherein einen Widerstand aufzubauen.)  Siehe folgenden Link auf einen naturwissenschaftliche Aufsatz, abgerufen am 26. 11. 2015. (Ich habe das rein zufällig gelesen.)  

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02.11.2015 – EVOLUTION: ZUFALL ODER VORHERSEHBAR?

Frankfurt, den 02.11.2015. Wissenschafter des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt haben einen weiteren Beweis für die Evolutionstheorie der Kontingenz erbracht. Anhand von zwei Populationen des Atlantik-Kärpflings zeigen sie, dass diese sich jeweils durch eine andere zufällige Reihenfolge von Mutationen an ihre lebensfeindlichen Habitate anpassten. Die Fische bevölkern Gewässer mit einem hohen Gehalt des hochgiftigen Schwefelwasserstoffs. Die Studie ist kürzlich online im Fachjournal „Molecular Ecology“ erschienen.

Die kleinen Fische der Art Poecilia mexicana sind ein Beleg für eine große Theorie. © Pfenninger

Schwefelwasserstoff (H2S) ist ein giftiges und übel riechendes Gas, das für den charakteristischen Gestank fauler Eier sorgt und schon in geringen Konzentrationen tödlich sein kann. In den Quellgewässern vulkanischen Ursprungs Tacotalpa und Puyacatengo in Mexiko liegen die Konzentration von Schwefelwasserstoff bei bis zu 190 Mikromol.

Dennoch sind diese Gewässer besiedelt: „Der Atlantik-Kärpfling (Poecilia mexicana) konnte diesen – eigentlich tödlichen – Lebensraum durch eine Veränderung seines Erbgutes für sich beanspruchen“, erklärt Prof. Dr. Markus Pfenninger vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und ergänzt: „Wir haben die Genome von zwei unabhängig voneinander entstandenen Populationen der Süßwasserfische und deren Anpassung an die hochgiftigen Schwefelwasserstoffhabitate analysiert“, erläutert er.

Dabei hatte das internationale Team rund um den Frankfurter Wissenschafter nicht weniger als die Klärung einer der großen Fragen in der Evolutionsforschung im Sinn: Ist die Entwicklung des Lebens zu einem gewissen Grad vorhersagbar oder purer Zufall?

Unsere Ergebnisse stützen sehr stark die Kontingenztheorie, welche besagt, dass der Weg, den das heutige Leben auf der Erde genommen hat, überwiegend durch Zufälle bestimmt wurde und nicht zwangläufig wieder so verlaufen würde, wenn man die Erdgeschichte ‚zurückspulen‘ würde“, legt Pfenninger dar. Die beiden an die schwefelwasserstoffhaltigen Gewässer angepassten Fischpopulationen ähneln sich zwar in ihrem Aussehen und ihrer Ökologie sehr stark, haben aber eine komplett unterschiedliche DNA-Basis. Der Evolutionsforscher erläutert: „Die Anpassung an den Lebensraum hat sich – durch jeweils andere Mutationen des Erbgutes – unabhängig voneinander entwickelt. Die Fähigkeit diesen Lebensraum zu besiedeln, ist demnach kein ableitbares Merkmal dieser Art, sondern jeweils eine einzigartige Anpassung. Die Fische hatten die ‚Wahl‘: Anpassen oder Sterben. Wären die Umstände andere gewesen, hätten sich die Fische auch anders entwickelt.“

Vertreter der Gegenhypothese – der Konvergenztheorie – gehen davon aus, dass bestimmte evolutionäre Entwicklungen, wie beispielsweise Flügel oder Intelligenz, zwangsläufig im Laufe der Evolution auftreten mussten. Dabei gehen sie davon aus, dass man aus bestimmten Anfangsbedingungen auch den „Ausgang“ der Evolution vorsagen kann.

Oberflächlich betrachtet ähneln sich die Atlantik-Kärpflinge sehr. Wir haben mit verschiedenen genetischen Methoden aber gezeigt, dass die Atlantik-Kärpflinge sich immer mehr unterscheiden, je tiefer in deren Erbgut geschaut wird“, fasst Pfenninger zusammen.

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Mein Verständnis des Artikels, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich alles genau verstanden habe – weil mir a) einerseits die genetischen und biologischen Verständnismittel fehlen, andererseits b) sprachphilosophisch Welten zwischen biologischer und transzendentaler Erklärung eines Vorganges liegen – also mein Verständnis geht dahin: Durch die erzwungene Anpassung an das unwirtliche Habitat haben die zwei Populationen von Kärpflingen jeweils eine verschiedene DNA-Basis ausgeprägt, was anscheinend die Deutung zulässt, dass die Mutation in den Genen  höchst zufällig verlaufen ist. („Kontingenztheorie“ wird das genannt, was immer jetzt das genau besagen mag.)  

Aber was wird hier wissenschaftlich wirklich ausgesagt? Erlaubt die Verschiedenheit der Gencodierungen schon die Bezeichnung „Zufall“ als Erklärung? Auf der Ebene eines empirischen Denkens ist es eine Frage der Klassifizierung, was ich als Substanz und in notwendiger Entgegensetzung als Akzidens festsetze. Wollen die Natur-Wissenschafter jetzt als definitorische Basis einer Substanz die Gene selbst ansehen, während die Umweltfaktoren akzidentiell sind? Möchten sie die Gene irgendwie vitalistisch und wesenhaft begnaden, um daraus die verschiedenen Gencodierungen zu begreifen?  Das wohl nicht, eher umgekehrt:  Da die Umweltfaktoren die Gen-Substanz verändern, bewirken sie offensichtlich diesen „evolutionären“ Prozess in den Genen der zweiten Kärpflingsart. Jene sind substantiell, die  Kärpflinge akzidentiell in ihrer Genbasis; also sind die Kärpflinge insgesamt das Wirk-Produkt der Umweltfaktoren und das evolutionäre Produkt eines Zufalls. Der Genpool des vorher substantiell gedachten Kärpflings – und irgendwie musste eine substantielle Basis modal gedacht werden, weil man zwei Kärpflingsarten miteinander verglich –    wird im nachhinein und stillschweigend annulliert, denn eigentlich substantiell entscheidend für das Wesen eines „Kärpflings“ sind doch die Umweltbedingungen,  die dessen Genbasis veränderten.  Ergo ist das Wesen eines Kärpflings zuvor nur irrtümlich als eigene Gattung angesehen worden. Belehrt durch die wie immer gearteten, feststellbaren Veränderungen (durch Messungen, Abfragen?) in der Gen-Codierung, kann man eigentlich nur mehr provisorisch von einem Wesen eines Kärpflings sprechen. Wenn die Evolution so weitergeht, so wird man eine Verwandtschaft in den Arten gar nicht mehr erkennen können, und man greift zu einer anderen, wiederum aber nur provisorischen Klassifikation.   

Die zeitliche Vermittlung und Feststellbarkeit einer Veränderung zwischen zwei Erscheinungen (die Kärpflinge A und die Kärpflinge B)  lässt aber nach D. Hume kein propter hoc (keine Erklärung) zu,  sondern nur ein post hoc.   Die Veränderungen werden  in der Zeit festgestellt, sind aber nicht bewirkt durch die Zeit, als liefe im Hintergrund ein „evolutionäres“ Softwareprogramm. Wie kann ich sagen, „zufällig“ im Laufe der Zeit sind die Veränderungen eingetreten, wenn sie doch rein auf ein  natur-kausales, Reiz-Reaktionsschema der lebendigen Einheit „Kärpfling“ zurückgeführt werden müssten wie bei aller naturwissenschaftlichen Erklärung?  Wir stellen Veränderungen in der Zeit fest, aber deshalb ist die Empfindungs- und Anschauungsform der hinzukommenden Zeit (und des Raumes) nur von unserem Geiste investiert!  Ein „Zufall“ mag das Erklärungsbedürfnis der Veränderung vorschnell befriedigen, aber das ist nur  eine frei gewählte, willkürlich gedachte, modale Vorstellung einer Erklärung. 

Ich halte es durchaus für möglich, dass genetische Mutationen  kausal nicht nachvollziehbar und keiner empirischen Prüfung zugänglich sind, das möchte ich niemanden vorwerfen. Und wenn sie natur-kausal erklärbar wären, würde das einen zeitgläubigen Evolutionisten überzeugen, eine zielgerichtete Wirkursache oder eine gleichbleibende Substanz anzunehmen, weil er die Veränderungen ja durch einen „zufälligen“, akzidentiellen, „evolutionären“ Prozess bewirkt sehen will? Es kann nicht einen teleonomischen,  geschweige teleologischen Plan hinter den Veränderungen geben, sozusagen einen Schöpfungsplan,  weil der „evolutionäre“ Prozess ja alle Veränderung erklären soll, und so greift man  zur leichtesten Antwort: der des Zufalls. Trotzdem ist mir das Eingeständnis der Nicht-Erklärbarkeit einer Veränderung, wie sie nach kausaler Naturwissenschaft normalerweise gefordert wird, lieber als der „Lückenbüßer-Gott“ des Zufalls! 

Das Wort „Zufall“ ist höchst mehrdeutig und widersprüchlich: Wenn alles zufällig wäre, könnte dieses „zufällig“ gerade nicht verstanden werden. Es gäbe keine Theorie zur Natur oder zur Gesellschaft, zur Empirie oder zur Geschichte,  denn es gibt ja dann kein unwandelbares Wissen mehr, keine substantielle Basis wissenschaftliche Allgemeinaussagen oder Wahrscheinlichkeiten über die wechselnden Zustände und Erfahrungen. Wenn alles „zufällig“ wäre, gäbe es keine Zufälligkeiten mehr! 

Wenn „alles“  Zufall wäre, auch die modalen Denkbestimmungen (notwendig, wirklich, möglich, unmöglich, zufällig)  könnte die Verschiedenheit zweier verschiedener DNA-Basen bei phänotypisch gleich aussehenden Kärpflingen gerade nicht gedacht werden, weil ja die modal vorauszusetzende notwendige Allgemeinheit einer Kärpflingsart eine Täuschung wäre. Nur behelfsmäßig sprechen wir von einer Gattung der Kärpflinge und von zwei Kärpflingsarten, phänotypisch erscheint es so, aber dem Wesen nach sind die Kärpflinge schon so verschieden, weil deren Gencodierung ganz anders ist, und weil sie generell „evolutionär“ sich anders entwickelt haben. Der „zufälligen“ Evolution kommt letztlich die Definitionsvollmacht aller Arten und Gattungsbestimmungen  zu, nicht dem erkennenden Handeln der Vernunft und den  Vorstellungen der streng gebundenen Einbildungskraft.  

Es ist aber eine transzendentale, platonische Wahrheit: Das apriorische Vorwissen ist Bedingung der Möglichkeit eines bestimmten, differentiellen Wissens, d. h. hier: Das apriorische Vorwissen einer Gattung ist Abgrenzungsbedingung zweier verschiedener Kärpflingsarten. Im konkreten Fall und bei diesen Beobachtungsbedingungen: Wenn ein fester Wirkungszusammenhang von Genetik und Umwelt in diesem konkreten Fall zweier Kärpflingsarten  geglaubt und behauptet wird, eine „zufällige“ Evolution,  muss auch (apriorisch) die substantielle Vergleichsbasis von Kärpflingsart A und Kärpflingsart B zuerst trotzdem gedacht werden, sonst könnte gar nicht verglichen und könnten die verschiedenartigen, genetischen Codierungen  gar nicht festgestellt werden. Das apriorische Vorwissen eines Kärpflings ist substantielle Basis späterer feststellbarer Veränderungen und späterer Feststellung von zwei Kärpflingsarten.  Wie kann aber plötzlich von einer naturkausalen Erklärungsart und Forschungsebene eines Wirkungszusammenhangs (von Umwelt und Gencodierung) auf eine andere Ebene gesprungen werden, nämlich auf eine hermeneutische Ebene einer reellen Deutung, dass in den Dingen (in einem anonymen Prozess, in den unzählbaren Umweltfaktoren) der „Zufall“ wirkt?  Der naturkausale Unterscheidungs- und Beziehungsgrund der zwei Kärpflingsarten wird umgedeutet zu zwei  Kärpflingsarten, die nicht nur gedacht verschieden sind (bei einer gedachten, modalen Einheit), sondern schon reell verschieden sind, bewirkt durch einen anonymen Prozess, bewirkt durch die Umweltfaktoren.

Aufgrund des platonischen Vorwissens tragen selbst die evolutionären Naturforscher die notwendigen Allgemeinheit einer Vergleichsbasis in sich, damit sie eine Unterscheidung und Verschiedenheit  feststellen können, springen aber dann auf eine zusätzliche, neue, hermeneutische Erklärungsebene auf, um den Vorstellungstrieb der Erklärung der Unterschiede und der Verschiedenheiten befriedigen zu  können.
Die genetischen  Veränderungen sind es, wie oben das Beispiel mit den  Kärpflingen im giftigen Habitat beweisen, die Zeugnis ablegen,  dass es keine feste, substantielle Struktur gibt, die zur Gattung der  Kärpflinge führt, sondern „zufällige“ Umwelteinflüsse, die diese genetischen Veränderungen bewirken.  Die Veränderungen und Anpassungen sind von außen bedingt,  auf Druck der materiellen Umwelt entstanden. Aber wo Druck, da auch Gegendruck? Wo bleibt die Anpassungsleistung des  lebenstüchtigen Kärpflings B selbst?

4) Von der „zufälligen“ Lektüre eines Chemikers andersherum belehrt, siehe, da werde ich in meinem Anspruch, dass es in Sachen Naturvorgänge nur natur-kausale Erklärungen geben kann, nicht hermeneutisch-zufällige Deutungen,  nicht enttäuscht.  Der Chemiker G. WÄCHTERSHÄUSER beschreibt im angegebenen Artikel in der Debatte der Bayerischen Akademie, die Möglichkeitsform, wie es zur Entstehung des Lebens gekommen sein könnte, und resümiert (Günter Wächtershäuser, Zur Debatte, 6/2015, S 12. Diese extreme Beschränkung der chemischen Möglichkeiten (sc. dass Leben entstehen kann) nach festen Gesetzen der Chemie führt uns zu einem überraschenden Schluss: Die Ursprungs-Evolution des Lebens ist chemisch einzigartig, vorbestimmt und gerichtet. Damit ist der Gang der frühen Evolution kein Ergebnis des Zufalls, sondern Folge eines ewigen, universellen Gesetzes der Chemie. (Hervorhebung von mir) “

Wenn ich auch nicht die Entstehung der Kohlenstoff-Fixierung verstehe, verstehe ich, dass eine naturale Erklärung nur nach notwendigen und wahrscheinlichen Gesetzmäßigkeiten verlaufen kann, wenn sie denn überhaupt eine naturwissenschaftlich befriedigende Erklärung sein soll. Das ist korrekt! Die Erklärung des Chemikers gibt wenigsten über seinen Standpunkt der Reflexion Auskunft: Es ist a) der Standpunkt der empirischen Beobachtung chemischer Gesetze und Synthese-Möglichkeiten – und da gibt es b) nachweisbar keine „zufälligen“ Erklärungen. Die Erklärung eines Stoffwechsels mit „Produkt-Katalysator-Kopplungen“ (siehe dortige Anm., ebd.) sind empirisch bestätigbar und sind höchst eingeschränkt und empirisch vorbestimmt und gerichtet.

Von den chemisch-physikalischen Gesetzen, die einzigartig und vorbestimmt und gerichtet das Leben entstehen lassen, zur 2. Stufe der genetischen Codierung zu kommen, verlangt wiederum eine anschauliche Einheit des Wissens, wenn auch die Entstehung und Weitergabe der Information in den funktionalen Proteinen und Genen äußerst kompliziert ist. Auch auf dieser 2. Stufe des Lebens und der genetischen Mechanismen – wohlgemerkt bereits im spezifischen Modus der vorausgesetzten sinnlichen Natur – kann es keinen „Zufall“ geben, denn dann käme es zu keinem Leben und zu keiner distributiven Einheit einer lebendigen Zelle.

Die genetische Maschinerie zeigt sich uns somit als biochemischer Zufallsgenerator, erfunden vom Leben selbst zum Zwecke einer effizienteren Anpassung an die chemische Umwelt.“ (WÄCHTERSHÄUSER, ebd).

Der Chemiker verwendet hier notwendigerweise eine teleonomische Erklärung, um überhaupt eine Erklärung geben zu können: Warum funktioniert der „Zufallsgenerator“? Die aus der Vernunft selbst stammende Antwort kann wohl nur sein: Damit das Leben sich effizient anpassen und überleben kann. Apriorisch wird gesetzt und gewusst, was Leben meint: eine distributive Einheit eines Selbstzweckes, eine Selbstbegründung im Streben und im Trieb. In dieser zweckgesteuerten Einheit einer oder mehrerer lebendiger Zellen kann es keinen Zufall geben, weil sonst der Begriff Leben selbst hinfällig wäre.

Wie könnte ich  noch anzunehmen, dass ein organischer Zusammenhang und ein organisches Funktionieren in der lebendigen Natur plötzlich zufällig sein soll? Ich müsste den Begriff des Lebens völlig missverstehen! Ich müsste  abstrahieren vom funktionierenden System der ganzen Natur, müsste abstrahieren vom System einer einzelnen distributiven Einheit einer lebendigen Zelle und eines ganzen Zellverbandes und einer ganzen Organisationgruppe – ich müsste abstrahieren von jeder begriffenen Anschauung, bis überhaupt keine Lebenseinheit mehr besteht – dann sollte ich aus analysierten Eigenschaften, die zufällig sich einstellen, das Leben wieder zusammenbauen mittels evolutionärem, zufälligem, zeitlichem Prozess? Der zeitliche Prozess haucht selber kein Leben ein, wenn es nicht vorher schon drinnen ist.  

Der Chemiker schreibt bezeichnenderweise: „Es muss derzeit offen bleiben, ob und in welchem Maße diese Überleitung (sc. von den chemischen Grundelementen) zu einem indirekten Evolutionsmechanismus Produkt des Zufalls ist oder selbst wieder Folge der ewigen, universellen Gesetzes der Chemie.“ (ebd.)

Es ist mir einleuchtend, in einer naturkausalen Theorie der Fortentwicklung des Lebens nicht zu einer letzten Erklärung des Warums dieser Erklärung kommen zu können, deshalb drückt der Chemiker sich korrekt so aus, „es muss offen bleiben….“, aber er bekennt wenigstens seine Nicht-Erklärbarkeit, weil er eben nur auf empirischen Basiselementen aufbauen will. Dass er aber dem „Zufall“ das Wort redet, das sicher nicht.

5) Das Wort „Zufall“ und der Gebrauch des „zufällig“ – wie kann diese Redeweise dem reflexiven Denken nach verstanden werden?

a) Die Redeweise kommt notwendig vor  im modalen Gebrauch des Denkens. Im existentiellen Denkvollzug werden verschiedene Modi gesetzt: Die Substanz wird als notwendig gedacht für ein Akzidenz, das im Gegensatz zur Substanz als zufällig bestimmt ist. Die Zufälligkeit der Akzidentien kann in weiterer Folge aber nur gedacht werden, weil bereits mehrere Akzidentien als Erscheinungen gegeneinander abgegrenzt werden. Das Bewusstsein muss qualitativ verschiedene Empfindungen haben, die durcheinander bestimmt werden können, damit Akzidentien von der Substanz abgehoben werden. Erst durch Akzidenzien entstehen Realitäten.
Wird das auf die Anschauungsform der Zeit umgelegt, so muss als Substanz die Dauer des Ichs  vorausgesetzt werden,
auf die die Akzidenzien der Veränderungen treffen. Für dieses wahrnehmende Ich, als Substanz gedacht, sind die Akzidentien (Hemmungen) zufällig. Wie möchte an sich, unabhängig vom Bewusstsein, ein „zufälliger “ Prozess erkannt werden? Nur In Beziehung auf das reflektierende Ich kann und darf semantisch korrekt von „zufällig“ gesprochen werden – und dann in einem abgeleiteten Sinne, dass Objekte angenommen werden, die als Substanz mit Akzidenzien in Verbindung gebracht werden.  Es gibt dann apriorisch gesetzte  Denkinhalte, die als notwendig oder als zufällig in ihrer Realität angesetzt werden. Noch weiter gedacht: Wird etwas Notwendiges und Zufälliges kategorial vereinigt gedacht, so ergeben sich weiteres die Bestimmungen möglich oder unmöglich.

Im spezifischen Modus einer vorgestellten und verobjektivierten, sinnlichen Natur, will ich zu einem wirkursächlichen Zusammenhang und zu einer natur-wissenschaftlichen Erklärung kommen, wirken notwendige Substanzen und zufällige Akzidenzien aufeinander. Ich kann diesen Zusammenhang oft nicht durchschauen, wie notwendig die Substanz von zufälligen Akzidenzien bestimmt ist, aber deshalb ist der ganze Wirkungszusammenhang nicht selber „zufällig“. Nur in Beziehung und in der Vorstellung von Substanzen in plurali auf der Objektebene gelten  die Modalitätsbestimmungen notwendig, zufällig, möglich, unmöglich; sie gelten in abgeleiteter, spezifischer Form, aber nicht metaphysisch an sich.

Wir haben keinen Einblick in das „Ding an sich“ und seinen wirkursächlichen Zusammenhang und dessen Substanz-Akzidenz-Eigenschaften. Wir übertragen die Denkkategorien der Modalität bloß auf die Dinge, und im weiteren die Reflexionskategorien und Reflexionsideen, schematisieren im weiteren die Begriffe auf die Anschauungsformen von Zeit und Raum, und erstellen einen Erkenntnis – und Erklärungszusammenhang aus und im Wissen.   
Die Modalitätskategorien (notwendig, zufällig, möglich, unmöglich, wirklich) dienen zum Begreifen und Beschreiben der Objektebene und der Objekte in plurali auf sinnlicher Ebene (bzw. gilt das selbstverständlich auch auf der vorgestellten Objektebene des Subjektes).  

Die Hemmungen, die auf das lebendige, substantielle Bewusstsein treffen,  erhalten durch das zeitliche Werden im Bewusstsein und durch dessen wirkliches Handeln und Wollen   den  bezeichnenden Charakter der „zufälligen“ Hemmungen. Sie sind „zufällig“ auftretende Hemmungen für eine freie Selbstbestimmung in einem selbstbewussten Akt auf der Erscheinungsebene des realen Lebens, und sonst wären  sie keine zufälligen Hemmungen.
Die als „zufällig“  apostrophierten Hemmungen sind damit nicht irrelevant:  Für das praktische Wollen und Handeln (im engeren Sinne) sind sie sogar notwendig und regulativ und  konstitutiv zweckhaft. Sie sind (durch Übertragung und Veräußerung) selbst Träger eines intentionalen Wertes. Durch die Schnittstelle meines Leibes bin ich anwendungsbedingt notwendig mit der sinnlichen Welt verbunden. Ich  bin selber Teil dieser sinnlichen Natur, und kann existentiell gerade nicht die Welt und ihre Gesetze in ihr ausblenden und relativieren und als nebensächlich erklären. Von den denkbaren „Zufälligkeiten“ der mich umgebenden Natur hängt mein Leib ab. Ich interpretiere diese „Zufälligkeiten“ aus einem existentiellen Bedürfnis heraus, aus meinem notwendigen zweckgerichteten Denken. Ich weiß um diese prekären „Zufälligkeiten“, aber deshalb sind sie nicht an sich „zufällig“, dass sie auch anders lauten könnten. 

Zurück zum Kärpfling: Wie ich in meinem Wollen und Handeln die prästabilierte Aussenwelt leiblich (und letztlich transzendental notwendig aus dem universalen Lebensbegriff bzw. Vernunftbegriff)  einplane  – wobei ich mich manchmal in den Erklärungszusammenhängen irren kann – so kann ich das funktionierende Leben, sei es eines Vernunftwesens, wobei hier nochmals eigene Gesetz gelten, wie eines anderen Lebewesens oder eine anderen lebendigen Zelle,  analog ansehen, dass dieses  Leben auch die Aussenwelt einplant und sich als Substanz an die Umweltfaktoren notwendig anpasst zwecks Überleben. Dass die äußere Anpassung auch genetisch durchschlägt, wird natur-kausal notwendig sein, wenn ich es auch bio-chemisch nicht einsehen kann. Aber muss ich dafür den Zufall bemühen? Die Evolution?  Zufällig ist in diesem Anpassungsprozess wohl nichts! 

c) Ich möchte über die Modalität des Denkens hinaus schlussendlich  zu einer  epistemologischen Herleitung des Wortes „zufällig“ kommen.  Ich verweise hier auf diverse Aufsätze von K. HAMMACHER (siehe Anmerkung). Der Begriff „Zufall“ kommt – wie alle kategorialen Bezeichnungen des Verstandes – aus dem praktischen Streben und dem praktischen Bedürfnis der Vernunft. Genau genommen entstammt er dem Bereich des Interpersonalverhältnisses und einer darin zu findenden Unterscheidung. Im Unterschied zu kausalmechanischen Prozessen in der sichtbaren Natur, in der wir Wirkung und Ursache in einem gleichen modalen Gesetz der Notwendigkeit synthetisieren, hinterlegen wir nämlich in einem freien Vernunftverhältnis von Person zu Person keine, oder sagen wir vorsichtiger, nicht nur, notwendige Determination, sondern eine Aufforderung und eine Absicht. Von der Aufforderung und der intentionalen Absicht müssen wir in der höchsten Form der Erkenntnis eines anderen ausgehen, wodurch sich aber eine erkennbare Differenzierung auftut: Die Handlungen des anderen sind nicht so gleich möglich, wie wir die Geschehnisse in der übrigen sinnlichen Natur für möglich halten. Der andere/die andere  könnte sich auch zufällig anders verhalten. Hier vergeben wir die Auszeichnung „zufällig“ epistemisch berechtigt. Der andere handelt zufällig so, begründet in seiner Freiheit. Der Kärpfling und die ganze sinnliche Natur handelt nicht zufällig so, sondern teleonomisch, zielgerichtet.   

© fr.strasser@eduhi.at. 26. 11. 2015

Literatur: REINHARD LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984.
GÜNTER WÄCHTERHÄUSER, Zur Debatte, 6/2015, S 12.
KLAUS HAMMACHER, Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte (= Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7), Amsterdam, Atlanta, 1996.
GERHARD SCHURZ, Evolution in Natur und Kultur, 2013.
http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution
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1 Gerhard Schurz, Evolution in Natur und Kultur, 2013.„Unter Entwicklung verstehen wir jede nachhaltig gerichtete Veränderung von Realsystemen in der Zeit“. (ebd. S 3).  In der Fussnote erläutert er nochmals den Entwicklungsbegriff: „Veränderung ist somit ein noch allgemeinerer Oberbegriff; nicht jeder Veränderung ist als Entwicklung, d. h. als nachhaltig gerichtet zu bezeichnen.“ (ebd. S 3)