Zum Sinnbegriff in den „Thatsachen des Bewusstseins“ von 1811 u. 1812 – 1. Teil

Nach einer Kritik am Sinnbegriff N. Luhmanns, hauptsächlich seiner begrifflichen Dialektik wegen, (1. – 4. Teil), muss ich mich irgendwann selber äußern, wie ich den Sinnbegriff verstehe.

Ich will dazu die ersten sieben Vorlesungen von FICHTES „Thatsachen des Bewusstseyns“ vom WS 1811/12,  Kollegnachschrift Halle, fhs 2 (frommann-holzboog Studientexte) 2003 (=GA IV/4, 125-191) (abk.=TdB) kommentieren, vorallem deshalb, weil a) diese Vorlesungsreihe als ganze eine ausdrückliche Phänomenologie sein will – und die Systemtheorie und das Differenzdenken oft beansprucht, von der Beobachtung auszugehen – und b) der Sinnbegriff stets eine höhere, transzendentale Bedeutung bekommen kann, sofern er im jeweiligen Kontext seiner Verwendung gesehen wird. Ich benutze dafür neben dem Fichte-Text einen Aufsatz einer Sekundärliteratur aus den Fichte-Studien, Bd. 45 1.

FICHTE beginnt in den ersten Vorlesungen dem Wortsinn des Begriffes „Sinn“ nachzuspüren, insofern er ganz bei der sinnlichen Erfahrung der äußeren Wahrnehmung beginnt. Schließlich werden aber noch fünf Hauptkapitel mit Unterkapitel und 35 Vorlesungen folgen (ab der 8. Vorlesung, S 303 – 391), wodurch der Sinnbegriff a) einerseits eine präzisere Bestimmung erfährt als Anforderung und Erfüllung eines Triebes (vgl. 42. Vorlesung, S 385) bzw. b) für den Bereich des „höheren Bewusstseins“ als „Billigung“ oder „des Rechtheißens“ (ebd. S 385) eines übergeordneten Solls nochmals eine höhere Bedeutung bekommt. Dieses „Soll“, „Gesetz der Freiheit“ wird in den TdB dann nicht mehr weiter ausgeführt, weil die TdB offensichtlich eine andere Funktion haben, nämlich auf die reine transzendentale Erkenntnislehre und reine Philosophie der Wissenschaftslehre vorzubereiten, aber diese Sinnebenen sind wohl mitzuhören! Sinn ereignet sich nicht nur auf sinnlicher Ebene der Triebbefriedigung und des Angenehmen, sondern ebenso auf moralischer, sozialer, religiöser Ebene – und tritt schließlich als geschichtliche Sinnidee der Rechtfertigung des Daseins und der Wiederherstellung alles Sinnwidrigen zum Guten hin auf.

Alle diese, über den sinnlichen Bereich des Angenehmen hinausgehenden Sinnebenen und Begriffe des Sinns kann ich hier leider nicht mehr ansprechen, insofern ich mich an den Wortlaut der TdB (von 1811/12; nicht TdB von 1810/11!) 1. – 7. Vorlesung halten will. Sie sind aber implizit mitzudenken, zumal ja auch eine Systemtheorie oder eine Phänomenologie eines HUSSERLS oder manche Semiotik oder Existentialhermeneutik gerne vom  „Sinn“ spricht, aber jeder Ansatz etwas anderes meint.  

1.1) „Thatsachen, Facta des Bewußtseyns wollen wir darlegen, also nicht erdenken, nicht mit Freiheit die Objecte bilden sondern sie anschauen wie sie sind, wie sie sich von selbst uns geben vermöge ihres objectiven Seyns“ (TdB, 1. Vorlesung, 21. 10. 1811, Nachschrift Cauer, fhs2, 287.)

Wenn man sich in eine solche Schrift FICHTES hineinliest, so fällt einem sofort auf, dass FICHTES Analyse von einem landläufigem Verständnis von Wahrnehmung weit abweicht – und, ich möchte sagen, so ähnlich muss wohl PLATON seine Ideenlehre entwickelt haben. FICHTE endet ja  mit dem Begriff des „Gesichtes“ (41. Vorlesung, ebd. S 383), griechisch  „Idee“. 

Er beginnt mit einer Worterklärung der äußeren Wahrnehmung: Sie ist Wahrnehmung jedes möglichen Gegenstands in einer Welt außer uns, in der Welt des nicht Ichs.
Fassen wir sie im Allgemeinsten als Wissen überhaupt: Das äußere Wahrnehmen faßt nicht auf das Object selbst, sondern die Vorstellung des Objects; sie giebt das Bild, das Schema des Gegenstandes. Sie giebt sich aus als gleich mit dem Object von einer Seite und als nicht gleich von der andern Seite.“ (ebd. S 289)

Wesentliches Moment von Fichtes Erörterung der äußeren Wahrnehmung sind also zwei Grundbestandteilen. Sie besteht aus Qualität bzw. Empfindung – „Qualität sagen wir in Beziehung aufs Object. In Beziehung auf den Sinn ist Qualität Empfindung.“ (ebd. S 290) – und der Ausdehnung – siehe dann die 2. 3. 4. und 5. Vorlesung.

Selektiere ich den Begriff Sinn, so bleibe ich also zuerst bei der Wahrnehmung und Affektion. „Denn kein Sinn, keine Qualität. Daher lernt man die Qualität nicht kennen auf dem Wege der Mittheilung (…), sondern einzig durch den Sinn. (Der Sinn selbst muss affizirt seyn.“ (ebd. S 290.)

M. a. W. nur durch eine unmittelbare Fühlungnahme mit einem Korrelat, nur im Zusammenhang mit etwas anderem, in einer Wechselwirkung, kann also berechtigt von einer Qualität bzw. einer Empfindung gesprochen werden, oder, was dasselbe sagen soll, von einer Sinneserfahrung.

Aber die Qualität einer Sinneserfahrung wirkt zurück auf eine zuerst (…) „allgemeine Weise des Sichbewußtwerdens des Sinnes.“ (ebd. S 290), denn eine einzelne Sinneserfahrung oder eine Qualität ist bereits etwas Konkretes innerhalb einer viel weiteren, mannigfaltigeren Sinneserfahrung.

(Die Qualität ist also eine Beschränkung des Allgemeinen auf ein Besonderes, des Farbensinnes z. B. auf diese und diese bestimmte Farbe.) Die Qualitäten am Objecte sind demnach gegenseitig sich aus schließende Bestimmungen des Sinnes. (ebd. S 290)
Es gibt also keine wahrgenommene sinnliche Qualität als etwas Losgelöstes, Isoliertes, sondern es verhält sich vielmehr so, „dass jede sinnliche Qualität sozusagen im Zeichen der Mehrzahl erscheint.“2

M. a. W., die Sinneserfahrung oder der Sinnbegriff ist imprägniert mit Qualität, nicht wie oben in der Begriffsdialektik des Differenzdenkens per negationem erzeugt. Die Sinneserfahrung wird wahrgenommen im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten, ist markante, entschiedene Empfindung, oder, m. a. W. Hemmung. Sie steht im Spannungsfeld anderer (vielleicht nicht explizit bewusster) Möglichkeiten der Sinneserfahrung und Sinn-Erfahrung.

Idealistisch könnte jetzt eine Bedingungsverhältnis zwischen einem supponierten Vermögen des Sinns (wie Sehsinn, Tastsinn) und einer konkreten Wahrnehmung aufgebaut werden, aber das ist bereits abstrakt gedacht für eine außenstehende Beobachterrolle, denn der Sinn bzw. ein Sinnesorgan darf nicht einfach vorausgesetzt werden. Eine „phänomenologische“ Einholungsweise eines Gefühlten oder Angeschauten, wie ich sie bei HUSSERL öfter lese, ist deshalb für mich stets mit vielen Suppositionen und Objektivationen belastet, weil der Erkenntnis- und Rechtfertigungsgrund z. B. des Tastsinns oder des Sehsinns, transzendental nicht eingeholt ist. Wir haben uns zwar derartig an „phänomenologische“, d. h. für mich dogmatische Voraussetzungen und sensualistische, physikalistische Theorien gewöhnt, dass wir uns der transzendentalen Voraussetzungen nicht mehr bewusst sind, aber früher oder später kommt keine Wissenschaft um die explizite Darlegung der transzendentalen Erkenntnisbedingungen herum. Die wesentlichen Begriffe der Vorstellungen müssen abgeleitet werden können. Wenn sozusagen auf der „untersten“ Ebene der äußeren Wahrnehmung nicht auf die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit geachtet wird, wie bei den empiristischen Theorien, wie sollte dann a fortiori ein höherer, geistiger Sinn übrig bleiben für interpersonale, moralische, religiöse oder geschichtliche Ideen?

Es liegt offensichtlich ein „dynamischer und spannungsgeladener Charakter“ der Qualität bzw. Empfindung als Verneinung anderer Empfindungen oder „Beschränkung des Allgemeinen auf ein Besonderes“ der äußeren Wahrnehmung zugrunde. 3

Vorausblickend gesagt: Die Reproduktionsformen der Einbildungskraft, die Anschauungsformen Raum und Zeit, die praktischen Reflexionsideen, die Idee des Triebes und des höchsten Gesetzes der Freiheit, sie alle fließen als konstitutive oder regulative Bedingungen in das basalste Verstehen bereits der sinnlichen Natur ein, sodass im elementarsten Auffassen der äußeren Wahrnehmung bereits konstitutiv der Sinnbegriff in Ansatz gebracht werden muss.

Das „Medium“ des Sinns, wenn ich auf N. L. nochmals referieren darf (siehe oben, Teil 1), kann in einer Transzendentalphilosophie nur das Wissen selbst sein, worin die einzelnen Bereiche der Wirklichkeit nach Sinnes- und Sinn-erfahrung prinzipiert, untereinander abgegrenzt, miteinander verschränkt und erkannt werden. Sinnliche Sinneserfahrung, gesellschaftliche, moralische, religiöse und geschichtliche Sinnerfahrung – das sind verschiedene Arten von Sinnerfahrungen, aber im ganzen System des Wissens und im Akt einer Ichform zusammenhängend. Die Phänomene werden durch den (apriorischen) Sinnbegriff spezifiziert – und nicht umgekehrt, der Sinn durch die Phänomene real oder idealistisch-künstlich bestimmt.

© Dr. Franz Strasser, 22. 12. 2018

1Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, in: Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 61 – 91.

Das Thema Beobachtung: Aus einem Glossar (leider nicht mehr abrufbar) wird die Beobachtung bei N. Luhmann so kommentiert:

„Beobachtung ist eine Operation von psychischen und sozialen Systemen; es ist die Operation der Unterscheidung. Anhand von Differenzschemata werden so Informationen erzeugt, wobei Erwartungen des Beobachters erfüllt oder nicht erfüllt werden. Jede Beobachtung setzt eine Unterscheidung voraus, die sich selbst nicht mehr mit der gleichen Unterscheidung noch einmal beobachten kann. Das Bewußtsein ist z. B. hinsichtlich des „Sehens“ gekoppelt an einen nur eingeschränkten Bereich des Lichts. Es kann damit wahrnehmen; aber nicht so wahrnehmen, daß es gleichsam wahrnimmt, daß es nicht „alles“ wahrnimmt.
Um die Unterscheidung, die benutzt wurde, beobachten zu können, muß sie bezeichnet werden, und eben das setzt eine andere Unterscheidung voraus, in deren Rahmen die erste Unterscheidung von anderen Unterscheidungen unterschiedenwird. Beobachtung aktualisiert, indem sie bezeichnet, Unterscheidungen, die Realität erzeugen.“
Gerade solche Kommentare, im Klammer ist angegeben „Spencer Brown“, offenbaren für mich eine petitio principii, eine Erschleichung der Prinzipien und zeigen das ganze Ungenügen dieser mehr oder wenigen empirischen Erkenntnistheorie!

2Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, S 66, in: Fichte-Studien Bd. 45, 2018.

3Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit. Ebd. S 64.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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