Genetische Erkenntnis 1. Teil
Es ist mir immer schon eine Frage gewesen, wie lässt sich eine philosophische Wahrheit, die auf allgemeine Vernunftwahrheit abzielt, mit einer durch die Tradition überlieferten, oft sehr spezifischen Offenbarungswahrheit des Glaubens in Einklang bringen? Man könnte sogleich verwundert sein und sich fragen, was ist damit überhaupt gemeint? Eine philosophische Wahrheit kann auf eine geometrische Wahrheit hinauslaufen, eine religiöse Wahrheit auf eine Sinnfrage u a. m. Warum und wie sollten beide Wissensarten verglichen werden?
Ich ersuche, diese Pauschalität der Aussagen von Vernunftwissen und Glaubenswissen am Anfang einmal so durchgehen zu lassen. Die Anfangsfrage wird hoffentlich durch Handeln noch eingeholt. Denn beide Male, so scheint mir, ob explizit eine philosophische Frage oder eine theologisch-christliche Frage gestellt wird, geht es doch um einen gemeinsamen Wissen- und Handlungsakt: Durch Reflexion und Sprache soll – je nach Sachverhalt natĂĽrlich verschieden ausfallende – eine Zweckhaftigkeit einer transsubjektiven Wahrheit erreicht werden.
Anders gesagt: Ich will nicht den Thaleskreis mit der Bergpredigt JESU vergleichen, aber beide Male geht es um einen gleichen Akt des Reflektierens und Wissens, dass ein Zweck und Nutzen im interpersonalen Austausch erreicht werden soll, eine, den Handlungserfolg im interpersonalen Austausch abschließende geltende Wahrheit.
Es wird manchmal in der Geschichtserzählung der Philosophie so suggeriert, dass es zweierlei Wahrheiten gebe, die philosophische und die explizit theologisch-christliche, die sich einander zugeordnet oder über- oder untergordnet seien. Wem ist dann zuerst zu folgen? Die Sache scheint mir eindeutig: Es ist eindeutig dem größeren geistigen Lebensvollzug des Glaubens der Vorzug zu geben, solange kein sicheres, philosophisches Wissen erreicht ist. Dies ist kein blinder Fideismus, sondern ein glaubensmäßig erfasster Wahrheitsvollzug. Der Glaubensvollzug ist selber ein Zugang zur Reflexion, ein durch Freiheit vermitteltes Wollen: nicht so sehr überhaupt reflektieren zu wollen (wie die Philosophie), sondern auf ein ganz bestimmtes, primäres Wissen reflektieren zu wollen, speziell auf die je eigene Evidenz des Sollseins der Wahrheit. Der Glaubensakt, inwiefern er nicht bloß Willkürakt sein will, impliziert dieses Evidenzmoment einer allgemein geltenden Wahrheit. Es gibt hier das schöne Wort von ANSELM: „Credo, ut intelligam“.
Es ist damit nicht gesagt, dass der Glaubensakt fĂĽr sich schon als Lebensakt zureichend bestimmt ist und genĂĽgen kann, – es gehört sicherlich noch mehr dazu! – aber im reduktiven RĂĽckgang der Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeit der Erkennbarkeit von Wahrheit und Gutsein spielt das Evidenzmoment des Glaubens eine konstitutive Rolle.
Die Frage soll jetzt weitergetrieben werden: Ist der Glaube an ein primär Gewusstes möglich, so muss auch das Wissen an ein primär Gewusstes möglich sein. Beide Akte des Geistes können sich nicht widersprechen, sie unterscheiden sich nur in der Art und Weise ihres Reflektierens. Wie es im Glauben ein Soll der Wahrheit gibt, das natürlich einen eigenen Zweckcharakter aufweist, nämlich den Zweck des Sinns, der Liebe, zu erreichen, so muss es im rein philosophischen Fragen und Antworten nach den Bedingungen der Wissbarkeit einen Zweckbegriff geben, der erfüllt werden soll. Mit Erfüllung und Zweckhaftigkeit der Erreichung eines Zieles meine ich jetzt den (noch weiter ausbaubaren) Begriff der Evidenz. Die Evidenz eines Glaubenswissen muss äquivalent sein zur Evidenz des Wissens in der Philosophie.
Die WLn (pl.) Fichtes, die auf eine Letztbegründung des Wissens in und aus Wahrheit explizit ausgerichtet sind und diesen höchsten Rationalitätsanspruch einfordern und m. E. einlösen, heben den Glauben als solchen nicht auf oder wollen ihn nicht ersetzen, sondern bestätigen ihn. Sie begründen im nachhinein und rational das glaubensmäßig-bestimmte, lebensmäßige Zurückkommen auf das Soll der Wahrheit, wie es sich für den Glaubensakt in der positiven Offenbarung darstellt.
Der Glaubensakt als solcher ist gegenĂĽber der Philosophie nicht defizitär einzustufen, ja oftmals viel expliziter begrĂĽndet als irgendein hypothetisches oder faktisches Wissen einer Einzelwissenschaft.Â
Wenn der (religiöse) Glaube jetzt zusätzlich reflexiv und begrifflich, d. h. philosophisch durchdrungen werden will, muss er sich nolens volens auf den Rationalitätsanspruch einer Vernunft einlassen. Er muss seinen absoluten Geltungsanspruch deshalb nicht aufgeben, aber er darf nicht blind fideistisch jetzt etwas behaupten und fordern. Im Gegenteil, er bedient sich dankbar der scharfen Begrifflichkeit der Philosophie, um seinen Geltungsanspruch zu begründen und zu rechtfertigen.
Wenn Philosophie „eine freie geistige Tätigkeit, in der vollkommene Erkenntnis der Prinzipien des Ganzen der Wirklichkeit erstrebt und in der diese Erkenntnis gewonnen und vollzogen wird,“ ist 1 so muss sie die glaubensmäßige Wahrheit und Tiefe des Glaubens erreichen können, wie umgekehrt der (religiös-christliche) Glaube sich in den Termini der Philosophie bewähren muss können. Diese angestrebte, „vollkommene Erkenntnis“ (siehe Definition) geht ĂĽber alle faktische oder apodiktische Evidenz hinaus, weil sie Erkenntnis einer sich selbst bewährenden Wahrheit ist und in seiner Entstehung (=Genesis) eingesehen werden kann. Â
Es braucht dafĂĽr immer einen doppelten Anfang, den a) der Faktizität der Reflexion und b) den der systematischen Darstellung des Wissens in seiner Bildhaftigkeit und SelbstbezĂĽglichkeit.2Â
Diese von Fichte oft beschriebene Einsicht in den doppelten Anfang des ZurĂĽckgehens auf ein erstes Prinzip und dessen konsequente Ableitung und Darstellung und Anwendung der Erkenntnis der Erkenntnis, das möchte ich in ihrer ganzen Band-Breite des BegrĂĽndens und Rechtfertigens und Anwendens „genetische“ Erkenntnis nennen.
Dieses ĂĽber faktisches oder apodiktisches Wissen hinausgehende genetische Wissen nimmt a) bildhaft immer auf die „Genesis“ ihres eigenen Ursprungs von Wissen und Einsicht Bezug, b) beschreibt reflexologisch, wie das Verhältnis absolutes Sein und Wissen zu denken ist, und schlieĂźlich wie c) faktisch diese Erkenntnis der Erkenntnis als Natur, Recht, Moralität und Religion sich darstellt (in ihrer Anwendung).3
Das Wahre zu erkennen und das Gute zu tun, wie die Philosophie in der Antike sich ausdrĂĽckte und so ihrer höchsten Form erreichte, ist im Handlungsschema gleich dem christlichen Glauben: Es wird hypothetisch im Denken begonnen, aber am Ende soll der Anfang verstanden und begrĂĽndet sein, sowie der Glaube anfangshaft etwas beginnt einzusehen, aber am Ende dann vollkommen erkennt. Bei Fichte ist das herrlich immer durchexerziert: Anfang und AusfĂĽhrung der Wissenschaftslehre bedingen sich gegenseitig.  „In der Arbeit lernt man den Grundgedanken nur verstehen. Erst am Ende versteht man ihn ganz“. (WL-1812; GA II/13, 48.)4 Â
Ad 1) Die erste und klarste, spezifische genetische Erkenntnis der Wahrheit und eines damit verbundenen Geltungsanspruches sehe ich in der Bildung eines sittlichen Wertes: Objektiver Wert und subjektiver Wert (Wollen) des Nachvollzuges sind in einer sittlichen Synthesis vereint. Das Wollen und Handeln geht (zu Bedingungen der Freiheit) in das Gewollte und Gewusste eines sittlichen Wertes ĂĽber und umgekehrt ist der sittliche Wert, die Liebe in ihrer höchsten Stufe, selbst ein Wollen und das Wollen und das Handeln verändernd und erfĂĽllend. Die sittliche Wertung ist Genesis eines willentlichen Handelns und Genesis eines sich selbst treu bleibenden, unwandelbaren, durch sich selbst bestimmten Willens, der unwandelbar ist, gerade deshalb aber die Zeit genetisiert und alle Empfindungsformen naturalen und geistigen Seins. Â
In der sittlichen Wertung und Handlung wird die Bild-Einheit der Wahrheit und des Gutseins – letztlich muss es heiĂźen „der Gute“ – nach einer Idee in Differenz erzeugt (genetisiert). Â
Die faktische Form des Erkennens kann problematisiert werden. Faktische Evidenz bedarf der Begründung und Legitimation in einem Wollen und Handeln. Mit welchem Recht werden faktischen Voraussetzungen des Wissens gesetzt? Es bedarf eines Sich-Wissens, das sowohl den ganzen Voraussetzungszusammenhangs der Bildobjektivationen weiß und kennt, aber, da aus dem Bildprinzip nicht ausgestiegen werden kann, die Möglichkeit der Begründung und Rechtfertigung dieses Sich-Wissens und Sich-Bildens aus dem Absoluten gleicherweise einbezieht.
Die genetische Evidenz ist ein transzendentales Wissen, das sowohl die Bedingungen der Entstehung von Wissen einbezieht, als auch die unmittelbaren Verwirklichungen dieser Idee von Wahrheit und Liebe (durch Freiheit) darstellt (schematisiert) und bestimmt.Â
Anders gesagt: Die Einheit des Sich-Wissens oder Sich-Bildens beruht auf einer Disjunktionseinheit von Denken und Sein, die in und aus genetischer Evidenz in die Sich-Erscheiung des Absoluten als bestimmte Differenz hervorgeht. Die bestimmte Differenz verwirklicht sich dann in ihren Bildern wie Negationen (als Idee). Â
In der sittlichen Wertung eines höchsten, alles andere ĂĽberragenden Wertes, verschmelzen subjektives Wollen-in-actu und bejahter, um seiner selbst willen gewollter, objektiver Wert. Die Verwirklichung geht aus von der Einsicht in den Wert, und umgekehrt von einer genetischen Erklärung dieses höchsten Wertes. Â
Diese Einsicht ist im wörtlichen Sinn eine hervorgehende, genetische Einsicht einer Einheit in Differenz, Bild-Differenz, reflexologisch gefasste Disjunktionseinheit von gesetztem Grund und abgeleiteter Folge, eben Bild einer „Genesis“ (nicht unerklärliche, blinde Emanation).Â
Die Idee der Möglichkeit (und Wissbarkeit) reiner Einheit, d. h. einer unwandelbaren Einheit hinsichtlich ihres Wertes, ihrer WĂĽrde, ihrer Herrlichkeit, ist zugleich eine die Erkenntnisse erzeugende, ĂĽbergehende Einsicht in weitere Projektionen und Objektivationen. Die genetischen Erkenntnis begrĂĽndet (affirmiert) oder negiert eine faktische oder apodiktische Erkenntnis, weil in ihr a) freier Vollzug und b) angestrebter Wert eins sind. Sie ist als sittliche Wertung Synthesis, disjunktive Einheit einer Geltungsform, die einen materialen Geltungsgrund sichtbar macht. Â
Diese synthetische Einheit in der Geltungsform des Sich-Wissens (oder „absoluten Wissens“) ist eine disjunktive Einheit in und aus einem absoluten Geltungsgrund, nicht bloĂź durch Abstraktion der Glieder a) Wollen-in-actu und b) absoluter Wert gewonnen, und wird reflexologisch so festgehalten, dass sie unhintergehbare genetische Erkenntnis und ErkenntnisbegrĂĽndung ist aus dem Geltungsgrund der Freiheit – nicht bloß erdachte idealistische oder realistische Voraussetzung (Bedingung).Â
Das ist der in der Diskussion oft heikle Punkt in der BegrĂĽndung und Rechtfertigung des Wissens: Die Reflexibilität und SichbezĂĽglichkeit genetisch darzustellen und durchzuhalten. „Gewöhnlich meint man, aus dem genannten ontologistischen Vorurteil heraus, im Werten werde mit einem rein faktisch Existierenden sekundär GĂĽte, Wert verknĂĽpft. Die meistverbreiteten Vorstellungen sind: a) wir nehmen zu reinen Tatsachen sekundär subjektiv Stellung und geben ihnen axiologische Vorzeichen, die ihnen an sich nicht zukommen. b) Wir erfassen einerseits bloĂźe Faktizitaten, anderseits apriorische Wertmaterien, von den die Faktizitäten gegebenenfalls – aber so, daĂź ihr Sein davon nicht berĂĽhrt wird – gezeichnet sind. c) Wir geben den Faktizitäten durch unser Wirken eine der sittliche Norm entsprechende bestimmte rein faktische Form, die wir als ,gut‘ prädizieren. Die Trennung von Faktizität und Wert ist unhaltbar. “ 5
Genetische Erkenntnis ist Bild-Erkenntnis, sowohl faktischer Vollzug des Wissens, aber auch reflexologisch sich stets seines Ursprungs bewusster Vollzug, Vollzug eines Lichtes, einer Berufung. Sie ist ein Sich-Wissen in sittlicher Synthesis – und in weiterer Folge schematisiertes Wissen und schematisierte Evidenz von Natur, Recht, Moralität und Religion (gemäß der FĂĽnfffachheit des Seh-Aktes des reflexologischen Wissens). Â
Ein Wert kann nicht von der Faktizität einer Natur ausgehen; aber auch nicht vom reinen Willen des Vernunftwesens, als könnte dieser selbst festsetzen, was Wert ist. Das Gute ist vielmehr die Mitte zwischen Aktivum und Passivum, ist Sich-Vollziehen des Guten, oder, noch konkreter, „der Gute“. In dieser intellektuellen Anschauung vollendet sich das sittliche Handeln und Wollen.  Für das Individuum ist das ein interpersonal- intellektiv-voluntativer Akt der Liebe und des Glaubens, ein Akt interpersonalen Seins und gegenseitiger Anerkennung, begründet und bewährt (genetisiert) in und durch die göttliche Liebe.
Das Gute (besser, „der Gute“) wird vom Sehen und Reflektieren der notwendig diskursiv verfahrenden Philosophie her gesehen zum Sollsein.
Es liegt trotz Diskursivität a) etwas ursprĂĽnglich Positives  in der Erscheinung und b) von Seiten des Wollens aus wird das Wollen-in-actu ein Teil des göttlichen Willens und Wollens, ein Teilvollzug des Sollseins als „Bild Gottes“.Â
„Dann aber kann Sollsein nicht mehr bedeuten, dass Gutsein der Realisation bedarf, – denn der Gute ist -, sondern umgekehrt, dass das Dasein der GĂĽte bedarf. Das Daseiende soll gut sein. Aber dies, weil im Guten etwas ist, das zugleich mit diesem Sein schlechthin sein soll und das wir umschreiben wollen als WĂĽrde, Hoheit, Heiligkeit. Der Gute ist nicht gleichgĂĽltig, sondern: sein Sein ist wert, er soll sein.
Gutsein ist zeitüberlegene und -unabhängige integrale Bejahung seiner selbst in seiner unendlichen sittlichen Fülle. Eben wegen dieser Unerschütterlichkeit und Absolutheit des seienden Sollseins gibt es wahres und falsches sittliches Werten.“ 6
Zur weiteren Begriffsbestimmung von genetischer Erkenntnis siehe dann 2. Teil:
Die SelbstbezĂĽglichkeit des Wissens in dieser Erkenntnis siehe 3. Teil – das fĂĽhrt zur Zukunftsorientiertheit und Hoffnung aus der genetischen Erkenntnis.
Die philosophisch reflektierte, genetische Erkenntnis bzw. dieses Erkenntnisstreben in Begriffen und Abstraktionen und Ideationen kommt mit den Wissensmöglichkeiten des christlichen Glaubens ganz ĂĽberein, weil genetisch im absoluten Geltungsgrund festgelegt ist, dass zu Bedingungen der Freiheit die absolute Vernunftwahrheit sich schematisieren soll und schematisieren kann. Wie oben schon gesagt, Anfang und Ende der Philosophie bedingen sich, insofern der Anfang des Reflektierens bereits das Handlungsschema des Glaubens rudimentär in sich trägt, was am Ende der Reflexion dann ganz verstanden wird. Â
© Franz Strasser, Juni 2025
1Ich finde diese Definition von R. Lauth noch immer am präzisesten und treffendsten, siehe zur ganzen Begründung in: Begriff, Begründung und Rechtfertigung der Philosophie, München 1967, S. 35.
2Vgl. Christian Klotz, Der Grundsatz der Wissenschaftslehre und seine „Aufsuchung“ in Fichtes Darstellung der Wissenschaftslehre von 1812. In: Fichte-Studien Bd. 52 (2023), S. 240 – 255, ebd. S. 248ff.
3Vgl. C. Klotz, ebd. S. 252, Anm. 10. u. Anm. 11.
4Zitiert nach C. Klotz, ebd. S. 251.252.
5R. Lauth, “Sittliche Wertung und Gutsein.” Zeitschrift Für Philosophische Forschung, vol. 9, no. 2, 1955, pp. 372–376, http://www.jstor.org/stable/20480784.
6R. Lauth, Sittliche Wertung und Gutsein, ebd. S. 375.