Zum Sinnbegriff in den TdB – 3. Teil

3. Vorlesung: Das Experiment wird am Anfang der 3. Vorlesung vorgestellt. Sie führt zum Ergebnis, dass die Ausgedehntheit „als schlechthin und ins Unendliche theilbar erscheint.“ (ebd. S 292).

Wir gewinnen hier „zuerst“ eine apriorische Erkenntnis. „In der Ausdehnung liegt anschaulich das unendliche Vermögen zu theilen“ (ebd. S 293)

Die Ausdehnung ist zwar nicht direkt anschaubar, aber das hindert nicht, zur Einsicht zu gelangen, wie sie geartet ist und dass jedes Stück Ausdehnung sich immer weiter teilen lässt. (Wie sich die Ausdehnung anschauen lässt, dazu später.)

Aber wie verhält sich diese Einsicht zur der Vorstellung der Ausdehnung, welche die äußere Wahrnehmung immer schon mitprägt? Das Wissen um die unendliche Teilbarkeit kann durchaus fehlen, und Fichte geht so weit zu sagen, dass die Menschen vor Kant diese Einsicht gar nicht hatten (aber natürlich unbewusst gebrauchten) (vgl. ebd. S 293)

Das „unendliche Vermögen zu theilen“ ist nicht etwas, was sich aus der Ausdehnung erschließen lässt, ja, die Vorstellung der Ausdehnung bzw. der Ausgedehntheit der sinnlichen Qualitäten ist im Grunde nichts anderes als die Vorstellung dieses unendlichen Vermögens zu teilen.

Die entscheidende Beschreibung, aber nur so hingesagt und vorallem ab der 6. Vorlesung erst richtig begründet, fällt hier bereits in der 3. Vorlesung (tlw. auch schon in der 2. Vorlesung): Die Ausdehnung ist in einem Bild, in einem Schema gefasst. „In der Ausdehnung erscheint es (das unendliche Vermögen) als Bild, Schema des unendlichen Vermögens zu theilen.“ (ebd. S 293)

Die hier in Frage stehende Einsicht bzw. das Wissen um die unendliche Teilbarkeit ist ja merkwürdig, weil sie in keiner Erfahrung gefunden werden kann. Woher weiß man das trotzdem? „Woher weiß das? Habe ich die Theilung denn wirklich einmal vorgenommen und sie so gefunden? Man siehet: in der Frage liegt ein Widerspruch. Also hier zuerst gewinnen wir eine a priorische Erkenntnis. (…)“ (ebd. S 292.293)

Ein unendliches Teilen ist nicht wahrnehmbar und doch liegt sie der Einsicht (in einer apriorischen Erkenntnis) zugrunde. Es muss dies eine apriorische Vorstellung sein, die über alles Gegebene weit hinaus geht.

Der Unterschied von oben zwischen Qualität/Empfindung und Ausdehnung nimmt jetzt deutlichere Konturen an, dass es sich nicht nur um zwei, sondern um zwei ganz ungleichartige Bestandteile handelt, von denen der eine, nämlich die Qualität bzw. Empfindung mit einer tatsächlichen Gegebenheit zu tun hat, während der andere, die Ausdehnung, ganz im Gegenteil so beschaffen ist, dass er über alles Gegebene weit hinausgeht, ja unendlich weit hinausgeht. Die Ausdehnung ist eine unendliche Vorwegnahme bzw. ist die Vorstellung von etwas Unendlichem, und zwar eines unendlichen Vermögens. 1

Fichte fragt jetzt genauer nach, ob diese Vorstellung eines unendlichen Vermögens (zu teilen) bloß etwas Akzidentielles ist, oder wesentlich zur Wahrnehmung gehört? Es ist der Hauptcharakter! „Man nehme ein MINIMUM von Ausdehnung und findet schon das unendliche Vermögen ganz darin.“ (ebd. S 293).

Fichte fragt weiter: Woher denn, da jedes MINIMUM von Ausdehnung das ganze unendliche Vermögen in sich hat, die Begrenztheit, die eine Endlichkeit in sich darstellt.“ (ebd. S 293)

Fichtes zentrale Erkenntnislehre auf den Punkt gebracht: Die Unendlichkeit ersichtlich gemacht in und durch die Form der Anschauung ist eine Zusammenfassung im Blicke, ein Bild oder Schema. (vgl. ebd.)

Ehe aber diese Antwort ganz verstanden werden kann, sei die Sache noch genauer analysiert: Wie ist die Ausgedehntheit als solche, welche, wie oben gesagt, selbst nicht anschaubar ist, als unendliches Vermögen zu teilen jetzt tatsächlich anschaubar? Es ist wichtig festzuhalten, dass Fichte nicht von einem Ergebnis eines unendlichen Teilens bzw. von der Vorstellung oder vom Bild dessen spricht, was sich aus einem unendlichen Teilen ergibt, sozusagen von einer aktualen Unendlichkeit des Teilens, sondern nur von der Vorstellung oder dem Bild des unendlichen Vermögens als Vermögen (einer potentiellen Unendlichkeit).

Macht das unendliche Vermögen zu teilen wirklich das aus, was die Ausdehnung als solche ausmacht? Ja, es soll der Hauptcharakter der äußeren Wahrnehmung sein, wie oben gesagt wurde: „Man nehme ein Minimum von Ausdehnung und findet schon das unendliche Vermögen darin.“ Wie wird das jetzt vorgestellt und gedacht?

a) Die Ausdehnung liegt in einem Vermögen. Das Vermögen reicht schon aus, um Ausdehnung bzw. die Vorstellung der Ausdehnung zustanden zu bringen. Die Ausdehnung hat nichts mit einem trägen und starren, auf sich ruhenden Auseinandersein zu tun. Sie ist so beschaffen, dass sie auf ein Tun, auf eine Handlung, und zwar auf eine spezifische Art von Tun oder Handlung, nämlich auf das Teilen als solches, zurückzuführen ist, so dass es das Teilen ist, was die Ausdehnung ausmacht. Das ruhende Auseinandersein wäre schon das Ergebnis des fraglichen Tuns. Kurzum, es bleibt dabei: Wo ein Minimum an Ausdehnung ist, da ist auch ein Minimum an Teilen.

b) Ein Minimum an Ausdehnung enthält unweigerlich mehr als ein Minimum. Ja, in der Tat muss es so weit über das Minimum hinausgehen, dass nicht nur die gesamte Ausdehnung, sondern in der Tat eine unendliche Ausdehnung „ganz darin ist“ (ebd. S 293). Die Ausdehnung wurzelt nicht nur in einem Vermögen, sondern ist selbst als Vermögen zu verstehen und zu definieren, weil das die Ausdehnung zustande bringende Tun – nicht als begrenztes Tun, als begrenztes Teilen, sondern nur als Vermögen, d. h. als gesamtes Vermögen zu teilen, als unendliche Sphäre des Teilenkönnens – im Wissensakt vorgestellt wird. 2

Es wird hier kurz KANT mit seiner Anschauungsform des Raumes angesprochen, der bekanntlich den Raum ebenfalls als „compositum ideale“ feststellte. 3 Der große Unterschied zu KANT bei FICHTE ist aber, dass die Teilbarkeit nicht faktisch festgestellt und angeschaut, sondern genetisch aus dem Bewusstseinsakt bzw. dem Schweben der Einbildungskraft abgeleitet wird; ferner wird bei FICHTE aus dem Raumzentrum des eigenen Leibes der Raum bestimmt; ferner in notwendiger Koexistenz mit der Anschauungsform der Zeit. Die unendliche Teilbarkeit eines fraglichen begrenzten Raumstücks ist zurückgebunden an das (weitere) Teilen im Akte, welche die Ausdehnung über die Grenzen des fraglichen Raumstücks erstrecken lässt. Das Teilen bezieht sich nicht nur auf die Teilung innerhalb der Grenzen eines Raumes, sondern erschließt und teilt neue Flächen und neue dreidimensionale Mannigfaltigkeit über diese Teilstücke hinaus. Bei der unendlichen Teilbarkeit oder Ausgedehntheit handelt es sich also nicht um verschiedene, faktische Setzungen, oder dass das Ganze diskursiv entsteht, sondern die fragliche Vorstellung bzw. die Ausdehnung ist so geartet, dass eine Minimum an Ausdehnung die Ausdehnung als Ganze schon enthält, d. h. eine Totalität ist.

M. a. W: Das Wesen der Ausdehnung oder das unendliche Vermögen zu teilen enthält eine geschlossene Totalität der Wissensformen (z. B. Kategorien wie Substanz, Akzidens, Kausalität, Wechselwirkung; Reflexionsideen wie die Identität, der Zweckgedanke) und im Gegensatz dazu, methodisch und im praktischen Handeln, eine potentielle, unendliche Mannigfaltigkeit.4

Dem entspricht, wie oben begonnen wurde, dass die auf das Bewusstsein eintreffende Mannigfaltigkeit der Qualitäten bzw. Empfindungen – die methodisch und prinzipiell als unendlich und unableitbar angesetzt werden müssen – in der äußeren Wahrnehmung bereits geordnet und vereinheitlicht sind als besondere Sinneserlebnisse eines allgemeinen Sinnes. Die Gegebenheit des Wissensaktes (des Sinnes) bildet, jetzt mit dieser Analyse des unendlichen Vermögens zu teilen im Hintergrund, eine geschlossene Totalität, die Totalität der Wissensformen.

Analog dazu bildet auch ein späteres Objekt, das jetzt noch nicht abgeleitet ist, ebenso eine Totalität. Oder m. a. W. die endliche Größe der Welt – so weit sie auch sein mag – ist eine endliche Größe. Es bilden auch die Subjekte untereinander auf der Sinnebene des Umgangs miteinander eine Totalität, ein Vernunftreich, eine endliche Größe – so viele ihrer auch sein mögen. Ebenso bilden die Formen des Werdens und die existentiellen Realisationen der Freiheit eine endliche Größe, eine Totalität. Alle diese Sinnrealisationen (Welt, Personen, Geschichte), so viele ihrer sein mögen, sie werden im Bilde und im Blicke als Totalität zusammengefasst. Ein Minimum an Ausdehnung, die einerseits das ganze unendliche Vermögen in sich hat, enthält die „Begrentzheit, die eine Endlichkeit in sich darstellt“ (ebd. S 293), die Totalität der Ausdehnung (bzw. des Teilens).“

M. a. W., es gibt die Mannigfaltigkeit der Unendlichkeit des Teilens („Unterteilbarkeit“ des Raumes bei KANT), das ist aber nur potentiell für das Tun und Handeln gedacht, methodisch; wenn dieses Teilbarkeit vorgestellt und im Bilde (Blicke) zusammengefasst ist, ist eine aktuale Totalität der Wissenformen in concreto gesetzt.

Sofern die potentiell unendliche Mannigfaltigkeit der Hemmungen bzw. Aufrufe auftritt, sofern werden sie immer in der Anschauung gefasst und reflektiert. Das geschieht mit formaler Freiheit.

So wurde auch oben in der äußeren Wahrnehmung begonnen: Die Qualitäten/Empfindungen mögen unendlich sein, sie beschränken sich aber sofort gegenseitig (schließen sich gegenseitig aus) und sind vom aufnehmenden Sinn her gesehen nicht ungeformt, sondern auf einen allgemeinen Sinn hin vereinheitlicht und dadurch auch spezifiziert. Siehe oben: Jede Qualität ist eine „allgemeine Weise des Sichbewußtwerdens des Sinnes.“ (2. Vorlesung, S 290) und die einzelne Sinneswahrnehmung wird durch ein“Vergleichen des Totalsinns“ (5. Vorlesung, ebd. S 297) spezifiziert.

M. a. W. (aus Vorlesungen von Prof. R. LAUTH): Die Hemmungen treten immer in einer Linie des Reflexionsvollzuges auf, bilden verschiedene Zeitmomente, und bilden neben der apriorischen Totalität aller Wissensformen (z. B. Reflexionsideen, Kategorien) eine aposteriorische Reihe einer Apposition. Es entsteht in der Apposition eine freie, nicht nach dem Grund-Folge-Verhältnis bestimmte Entscheidungsreihe, in der und durch die die unendliche Mannigfaltigkeit der Hemmungen gegeben ist. Die Qualitäten, die für sich gesehen voneinander isoliert wären, treten dann nicht alleine auf, sondern in der Form der Anschauung und Reflexion, und werden geordnet in einem dynamischen Verhältnis, des Raumes und der Zeit, der Begriffe und Ideen. Ja, der Begriff der unendlichen Mannigfaltigkeit und des unendlichen Vermögens zu teilen, des Unendlichen, kommt primär aus den Freiheitsentscheidungen der appositionellen Reihe selbst, und nur sekundär spricht man auch von der unendlichen Mannigfaltigkeit der auftretenden Hemmungen (Qualitäten). (siehe Anm. 9)

M. a. W., ein durch die unendlichen Mannigfaltigkeit der Hemmungen allein aktiviertes Sinnesbewusstsein wäre überhaupt keine Einheit, wäre es ein total mit den Qualitäten verrinnendes, ablaufendes Bewusstsein d. h. z. B. zum Zeitpunkt t1 mit dieser Empfindung a, zum Zeitpunkt t2 mit der Empfindung b, zum Zeitpunkt t3 mit der Empfindung c usw. Das ergäbe nie die Einheit eines Bewusstseins oder Wissens, generell kein Wissen. Deshalb beginnt Fichte bereits ganz richtig auf der basalsten Ebene der äußeren Wahrnehmung mit einer rudimentären, vorreflexiven Form des Wissens, der Bündelung und Spezifizierung der Qualitäten in einem Sinn-Erleben.

Es müssen die einzelnen Qualitäten (Sinneseindrücke) vereinheitlicht sein in einem allgemeinen Sinn, was das erste wäre, und dort als besondere heraustreten, d. h. „ausgedehnt“ werden, was das zweite wäre, und schließlich können sie, was das dritte wäre, nur innerhalb einer apriorischen Erkenntnis eines geschlossenen Wissens auftreten (einer mannigfaltigen Totalität der Wissensformen).

Also durch das Zusammenfassen (sc. des unendlichen Hinausgehens) in einem Blick wird das Unendliche eine Totalität. Dies ist das große Kunststück der Anschauung.“ (3. Vorlesung ebd. S 293) 5

Fichtes These, dass das Wesen der Ausdehnung „ersichtbar“ (ebd. S 293) sein muss, obwohl sie ja als Ausdehnung nicht sichtbar sein kann, bis jetzt ja nur als unendliches Vermögen zu teilen umschrieben wurde, soll alsogenetisch“ (ebd. S 294) erklärt werden aus der „Zusammenfassung im Blicke“ (ebd.)

Dies wirft aber die Frage weiterhin auf, warum die Form eines unendlichen Teilens zugleich die Form eines Bildens bzw. Schemas annehmen soll und wie das möglich ist. Zuerst: Wie wird aus der unendlichen Möglichkeit des Teilens eine begrenzte Form des Bildes?

Das unendliche Vermögen zu teilen, ist unendlich weit, nicht nur in dem formalen Sinne, dass a) jede begrenzte Ausdehnung unendlich teilbar ist (und ihr dann eine unendlichen Mannigfaltigkeit entsprechen kann), sondern auch in dem inhaltlichen Sinne, dass b) eine derartige begrenzte Ausdehnung nur als Teil einer sie umgebenden, umfangreichen Mannigfaltigkeit möglich ist, welche wiederum nur als Teil einer sie umgebenden, noch umfangreicheren Mannigfaltigkeit gesehen werden muss usw.

Warum nimmt die durch die Ausdehnung geprägte äußere Wahrnehmung nicht ohne Weiteres diese Form einer solchen unendlichen, ja, sozusagen einer doppelt unendlichen Mannigfaltigkeit ( einer formalen und inhaltlichen) an, sondern vielmehr die Form einer begrenzten, ja einer doppelt begrenzten Ausdehnung? Die unendliche Teilbarkeit jedes ihrer Teile, die Unermeßlichkeit des umfassenden Raumes, sie scheinen in einem Begrenzten und in einem endlichen Bild verloren gegangen zu sein?

Wenn wir eine genetische Erklärung geben, so ist die Ausdehnung eine Zusammenfassung im Blicke. Die Unendlichkeit selbst wird in einen Blick gefaßt.“ (ebd. S 294)

Die Ausdehnung (als Korrelat zum unendlichen Vermögen zu teilen) enthält die Sichtbarkeit der Unendlichkeit. Es gibt in der Ausdehnung zwar nichts, was seinem Wesen nach nicht unendlich ist, aber das durch und durch Unendliche wird in der Anschauung sichtbar.

(…) dieß bestimmte Zusammenfassen giebt die Endlichkeit.“ (ebd. S 293) Eine Anschauung kann grundsätzlich nur endlich sein; etwas Unendliches geht über jede Anschauung weit, ja unendlich weit, hinaus.

Wenn die Ausdehnung auf dem unendlichen Vermögen zu teilen beruht, dann muss die Anschauung desselben unendlich sein; aber wenn sie eine Anschauung sein soll, so muss diese Anschauung endlich sein. „Somit ist uns eine endliche Unendlichkeit“ Soll das Vermögen angeschauet werden, wie es ist, dann unendlich; soll es angeschauet (werden), dann endlich.“ (ebd. S 293)

Diese innere Spannung, die Fichte hier herausarbeitet, dieses unendliche Vermögen anzuschauen, ist sie mit dem Ausdruck der „Zusammenfassung in einem Blicke“ gelöst?

Das fragliche Bilden oder fragliche Schema, m. a. W. das fragliche Fixieren durch Anschauung zeichnet sich dadurch aus, dass es endlich ist und sich doch nur auf den durchgängigen Bezug zum unendlichen Teilen gründet und ohne ihn nicht möglich wäre.

Die Eigentümlichkeit „kann man vielleicht dadurch auf den Punkt bringen, dass man Folgendes sagt: Er handelt sich um eine stets über sich hinausweisende Anschauung“. 6

Die Ausdehnung ist ein Bild „unendlicher Auslassungspunkte“ 7, Bild des Unendlichen, gerade wenn es Bild ist, und also endlich ist, und gerade weil es Bild ist, auch Bild des Unendlichen. Der obige Ausdruck eines „unendlichen Vermögens“ als Vermögen zu teilen ist somit vollauf berechtigt. Die Ausgedehntheit ist ein (substantielles) Vermögen, nicht eine Tätigkeit, sie wird gebildet als Vermögen, wie es (als Vermögen) handeln könnte.

Die Ausgedehntheit als unendliches Vermögen zu teilen kann dabei nochmals ein doppeltes Beschränken sein, a) nach außen hin ins Kleinste wie Größte, aber immer fakultativ so oder so, immer als endliches Bild, und b) nach innen hin in der Art und Weise des Sich-Beschränkens, aber auch nur fakultativ, so oder so als zusammenfassende Form eines Bildes (Blickes).

Das fakultativ in Erscheinung tretende Bild, äußerlich gesehen in der quantitativen Begrenzung, oder innerlich gesehen in der Art und Weise der Sich-Begrenzung (sc. des Sinnes bzw. des ganzen Setzens der Vernunft), ist beide Male fähig zu weiteren Teilbarkeit, verweist in seinem Wesen auf äußere und innere Teilbarkeit und könnte ohne Bezug zum weiteren Teilen nicht vorgestellt werden. Das (äußerlich) unendlich Verschiedene steht in einem Bezug zu einem (inneren) unendlichen Blickfeld.

M. a. W. es liegt in der äußere Wahrnehmung, d. h. in der Sinnesqualität, die mit Ausdehnung verbunden ist, ein innewohnendes Bild, das sowohl Verschiedenes in den Mittelpunkt stellen kann, als auch alles Verschiedene aus einem unendlichen Blickwinkel betrachten werden kann.

M. a. W., die Ausdehnung ist ihrem Wesen nach eine doppelte Beschränkung in dem Sinne, dass jedes verschiedene Bild der Ausdehnung eine veränderliche Beschränkung des unveränderlichen, unendlichen Teilens darstellt, und umgekehrt, jedes beschränkte Bild seinem Wesen nach schon jedes andere voraussetzt und auf jedes andere verweist.8 Das Bild von der Ausdehnung – oben noch als nicht anschaubar beschrieben – ist gerade als Bild, als verdichtete, zusammengefasste Form, als Bild des unendlichen Vermögens zu teilen, anschaubar. Die zusammenfassende Form des Bildes entspringt dem Wissensakt und der Totalität der apriorischen Wissensformen, worin alle äußeren quantitativen Begrenzungen, sowie alle inneren Selbst-Beschränkungen des Sinnes (aufgrund der rezeptiven Bindung an die qualitativen Mannigfaltigkeiten) zusammengezogen werden.

Wichtig wäre hier noch weiter zu analysieren, aber das lasse ich hier offen: Ein Bild lässt sich dabei weder ins unendlich Größere noch ins unendlich Kleinere skalieren. 9

Am Ende der 3. Vorlesung überprüft FICHTE nochmals das Verhältnis der Qualität zu der Ausdehnung. Wird nur eine Linie geteilt in der Ausdehnung, also nur das unendliche Vermögen zu teilen in der Quantität angeschaut, ist die Grenze willkürlich setzbar; wird hingegen auf eine Qualität in der Verschiedenheit der Qualitäten reflektiert, ist die Grenze nicht willkürlich setzbar, sondern eine Qualität schränkt den vergleichenden Totalsinn“ ein auf ein besonderes Sein und den Sinn auf einen besonderen Sinn innerhalb des Sichselbstbewusstseins des Sinnes.

(c) Franz Strasser, 22. 12. 2018
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1Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 73.

2Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, ebd. S 74.

3 Kant, KrV, B 39/40. Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. Nun muß man zwar einen jeden Be|griff als eine Vorstellung denken, die in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält; aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ob er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl wird der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendliche sind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung a priori und nicht Begriff.°°°°°

4Bereits im 8. Vortrag, was nicht mehr mein Thema sein soll, wird ein höherer Grund angegeben, wie die Mannigfaltigkeit selber gedacht werden kann: als durch Freiheit gebildete und begriffene Mannigfaltigkeit, und je nach Begriff bzw. dem Verhältnis des Bildes zum Begriff, wird das Bewusstsein verändert und als ganzes gebildet. Das heißt für den Sinnbegriff, dass die Mannigfaltigkeit zwar Bedingung der Möglichkeit des sich verändernden Bewusstseins bleibt, aber der Sinn und Rezeption derselben ist höhererseits durch Freiheit bedingt und bestimmt. (vgl. ebd. S 304.)

Diese Mannigfaltigkeit erfährt aber im Rahmen der TdB noch weitere Charakterisierungen: Das Denken der Mannigfaltigkeit ist mit der „Zeitfüllung“ notwendig verbunden (22. und 23. Vorlesung S 338). In der Wahrnehmung, 3. Vorlesung, ist das Mannigfaltige noch allgemein als Ausdehnung angeschaut, ohne Zeitbegriff. Transzendental gesehen wird die Mannigfaltigkeit das Bild der absoluten Freiheit, ein Bild des Wissens und der Standpunkt des freien Vermögens des Ichs. (siehe 23. Vorlesung, ebd. S 339 ff) In der äußeren Wahrnehmung ist die Mannigfaltigkeit nur mit einer bestimmten Qualität verknüpft. In der 23. Vorlesung tritt die Freiheit und der leere Raum hinzu. Die reproduktive Einbildungskraft ist gebunden in der Absicht der zu reproduzierenden Qualität, aber in Absicht des Ordnens der Mannigfaltigkeit in Zeit und Raum ist sie schlechtweg frei – und die neuen Bedingungen treten hinzu. (27. Vorlesung ebd. S 350)

In der vorletzten Stufe des praktischen Bewusstseins bekommt die Mannigfaltigkeit eine weitere Präzisierung und transzendentale Bestimmung. Sie ist die Möglichkeit der Befriedigung des Triebes, aber in der Hinsicht einer stets höheren Sinnerfüllung. Denn der Trieb tritt immer ein mit der Forderung einer neuen Deutung der Mannigfaltigkeit auf – und je nachdem, wie gehandelt wird, verändert sich die Sinnerfüllung. (36. Vorlesung, S 370) Schließlich muss die Mannigfaltigkeit selbst begründet sein in einem System von Ichen (einem Vernunftreich), damit Freiheit als solche sich vollziehen und erkennen kann (43. Vorlesung, S 390)

5Anders bei Hegel: Er deutet die Gebundenheit der Reflexion an die Anschauung als subjektives Tun, als leere und blinde Reflexion (Wissenschaft der Logik, 311f), als formelle und sinnleere Tätigkeit. FICHTE verwendet die Reflexion auch als Methode, ist sich aber der rezeptiven Bindung des Subjekts an die Anschauung stets bewusst. Deshalb diese immense und ganz andere Aufwertung der appositionellen Reihe in der Betrachtung der Natur, der geistigen Bereiche der Wirklichkeit und schlussendlich der Geschichte und der in ihr gebildeten Sinnideen – oder auch Sinnwidrigkeiten. Ebenso versteht Hegel nicht den Begriff der Unendlichkeit, der hier als unendliches Vermögen zu teilen potentiell und methodisch gemeint ist, von Fichte gefasst im Schweben der Einbildungskraft. Hegel kennt diese Schweben nicht und seine potentiellen Begrenzungen. Die Folge bei Hegel: die quantitative Bestimmung von Verhältnissen aufgrund formaler Freiheit wird vernachlässigt, die Negation übernimmt das Setzen von Gegensätzlichkeit und irgendwann hebt sich dieses gegeneinander Bestimmen auf in eine Qualität, die sich als Mannigfaltiges begründet. Aus der quantitativen und klassifikatorischen Dialektik ist eine psychologisch-hermeneutische Phänomenlogik geworden. (Siehe dazu Literatur zur Dialektik von K. HAMMACHER. Siehe auch eigene Blogs zur Dialektik.)

6Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit,ebd. S 79,

7 Ders., ebd. S 79.

8 Vgl. Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit,ebd. S 80-81.

9Die Antwort m. E. wäre zweifach: a) Das Anschauungsgesetz verlangt gewisse Maße und Begriffe. b) Für das Anschauungsgesetz wäre jede möglich Welt bildbar und denkbar, dass aber die Welt Erscheinung sei eines sittlichen Gesetzes, verlangt in jedem Anschauungsakt und jedem Tun, dass nur eine einzig mögliche Welt gegeben ist, und so ist auch nur ein bestimmtes skaliertes Bild möglich.

Zum Sinnbegriff in den „Thatsachen des Bewusstseins“ von 1811 u. 1812 – 1. Teil

Nach einer Kritik am Sinnbegriff N. Luhmanns, hauptsächlich seiner begrifflichen Dialektik wegen, (1. – 4. Teil), muss ich mich irgendwann selber äußern, wie ich den Sinnbegriff verstehe.

Ich will dazu die ersten sieben Vorlesungen von FICHTES „Thatsachen des Bewusstseyns“ vom WS 1811/12,  Kollegnachschrift Halle, fhs 2 (frommann-holzboog Studientexte) 2003 (=GA IV/4, 125-191) (abk.=TdB) kommentieren, vorallem deshalb, weil a) diese Vorlesungsreihe als ganze eine ausdrückliche Phänomenologie sein will – und die Systemtheorie und das Differenzdenken oft beansprucht, von der Beobachtung auszugehen – und b) der Sinnbegriff stets eine höhere, transzendentale Bedeutung bekommen kann, sofern er im jeweiligen Kontext seiner Verwendung gesehen wird. Ich benutze dafür neben dem Fichte-Text einen Aufsatz einer Sekundärliteratur aus den Fichte-Studien, Bd. 45 1.

FICHTE beginnt in den ersten Vorlesungen dem Wortsinn des Begriffes „Sinn“ nachzuspüren, insofern er ganz bei der sinnlichen Erfahrung der äußeren Wahrnehmung beginnt. Schließlich werden aber noch fünf Hauptkapitel mit Unterkapitel und 35 Vorlesungen folgen (ab der 8. Vorlesung, S 303 – 391), wodurch der Sinnbegriff a) einerseits eine präzisere Bestimmung erfährt als Anforderung und Erfüllung eines Triebes (vgl. 42. Vorlesung, S 385) bzw. b) für den Bereich des „höheren Bewusstseins“ als „Billigung“ oder „des Rechtheißens“ (ebd. S 385) eines übergeordneten Solls nochmals eine höhere Bedeutung bekommt. Dieses „Soll“, „Gesetz der Freiheit“ wird in den TdB dann nicht mehr weiter ausgeführt, weil die TdB offensichtlich eine andere Funktion haben, nämlich auf die reine transzendentale Erkenntnislehre und reine Philosophie der Wissenschaftslehre vorzubereiten, aber diese Sinnebenen sind wohl mitzuhören! Sinn ereignet sich nicht nur auf sinnlicher Ebene der Triebbefriedigung und des Angenehmen, sondern ebenso auf moralischer, sozialer, religiöser Ebene – und tritt schließlich als geschichtliche Sinnidee der Rechtfertigung des Daseins und der Wiederherstellung alles Sinnwidrigen zum Guten hin auf.

Alle diese, über den sinnlichen Bereich des Angenehmen hinausgehenden Sinnebenen und Begriffe des Sinns kann ich hier leider nicht mehr ansprechen, insofern ich mich an den Wortlaut der TdB (von 1811/12; nicht TdB von 1810/11!) 1. – 7. Vorlesung halten will. Sie sind aber implizit mitzudenken, zumal ja auch eine Systemtheorie oder eine Phänomenologie eines HUSSERLS oder manche Semiotik oder Existentialhermeneutik gerne vom  „Sinn“ spricht, aber jeder Ansatz etwas anderes meint.  

1.1) „Thatsachen, Facta des Bewußtseyns wollen wir darlegen, also nicht erdenken, nicht mit Freiheit die Objecte bilden sondern sie anschauen wie sie sind, wie sie sich von selbst uns geben vermöge ihres objectiven Seyns“ (TdB, 1. Vorlesung, 21. 10. 1811, Nachschrift Cauer, fhs2, 287.)

Wenn man sich in eine solche Schrift FICHTES hineinliest, so fällt einem sofort auf, dass FICHTES Analyse von einem landläufigem Verständnis von Wahrnehmung weit abweicht – und, ich möchte sagen, so ähnlich muss wohl PLATON seine Ideenlehre entwickelt haben. FICHTE endet ja  mit dem Begriff des „Gesichtes“ (41. Vorlesung, ebd. S 383), griechisch  „Idee“. 

Er beginnt mit einer Worterklärung der äußeren Wahrnehmung: Sie ist Wahrnehmung jedes möglichen Gegenstands in einer Welt außer uns, in der Welt des nicht Ichs.
Fassen wir sie im Allgemeinsten als Wissen überhaupt: Das äußere Wahrnehmen faßt nicht auf das Object selbst, sondern die Vorstellung des Objects; sie giebt das Bild, das Schema des Gegenstandes. Sie giebt sich aus als gleich mit dem Object von einer Seite und als nicht gleich von der andern Seite.“ (ebd. S 289)

Wesentliches Moment von Fichtes Erörterung der äußeren Wahrnehmung sind also zwei Grundbestandteilen. Sie besteht aus Qualität bzw. Empfindung – „Qualität sagen wir in Beziehung aufs Object. In Beziehung auf den Sinn ist Qualität Empfindung.“ (ebd. S 290) – und der Ausdehnung – siehe dann die 2. 3. 4. und 5. Vorlesung.

Selektiere ich den Begriff Sinn, so bleibe ich also zuerst bei der Wahrnehmung und Affektion. „Denn kein Sinn, keine Qualität. Daher lernt man die Qualität nicht kennen auf dem Wege der Mittheilung (…), sondern einzig durch den Sinn. (Der Sinn selbst muss affizirt seyn.“ (ebd. S 290.)

M. a. W. nur durch eine unmittelbare Fühlungnahme mit einem Korrelat, nur im Zusammenhang mit etwas anderem, in einer Wechselwirkung, kann also berechtigt von einer Qualität bzw. einer Empfindung gesprochen werden, oder, was dasselbe sagen soll, von einer Sinneserfahrung.

Aber die Qualität einer Sinneserfahrung wirkt zurück auf eine zuerst (…) „allgemeine Weise des Sichbewußtwerdens des Sinnes.“ (ebd. S 290), denn eine einzelne Sinneserfahrung oder eine Qualität ist bereits etwas Konkretes innerhalb einer viel weiteren, mannigfaltigeren Sinneserfahrung.

(Die Qualität ist also eine Beschränkung des Allgemeinen auf ein Besonderes, des Farbensinnes z. B. auf diese und diese bestimmte Farbe.) Die Qualitäten am Objecte sind demnach gegenseitig sich aus schließende Bestimmungen des Sinnes. (ebd. S 290)
Es gibt also keine wahrgenommene sinnliche Qualität als etwas Losgelöstes, Isoliertes, sondern es verhält sich vielmehr so, „dass jede sinnliche Qualität sozusagen im Zeichen der Mehrzahl erscheint.“2

M. a. W., die Sinneserfahrung oder der Sinnbegriff ist imprägniert mit Qualität, nicht wie oben in der Begriffsdialektik des Differenzdenkens per negationem erzeugt. Die Sinneserfahrung wird wahrgenommen im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten, ist markante, entschiedene Empfindung, oder, m. a. W. Hemmung. Sie steht im Spannungsfeld anderer (vielleicht nicht explizit bewusster) Möglichkeiten der Sinneserfahrung und Sinn-Erfahrung.

Idealistisch könnte jetzt eine Bedingungsverhältnis zwischen einem supponierten Vermögen des Sinns (wie Sehsinn, Tastsinn) und einer konkreten Wahrnehmung aufgebaut werden, aber das ist bereits abstrakt gedacht für eine außenstehende Beobachterrolle, denn der Sinn bzw. ein Sinnesorgan darf nicht einfach vorausgesetzt werden. Eine „phänomenologische“ Einholungsweise eines Gefühlten oder Angeschauten, wie ich sie bei HUSSERL öfter lese, ist deshalb für mich stets mit vielen Suppositionen und Objektivationen belastet, weil der Erkenntnis- und Rechtfertigungsgrund z. B. des Tastsinns oder des Sehsinns, transzendental nicht eingeholt ist. Wir haben uns zwar derartig an „phänomenologische“, d. h. für mich dogmatische Voraussetzungen und sensualistische, physikalistische Theorien gewöhnt, dass wir uns der transzendentalen Voraussetzungen nicht mehr bewusst sind, aber früher oder später kommt keine Wissenschaft um die explizite Darlegung der transzendentalen Erkenntnisbedingungen herum. Die wesentlichen Begriffe der Vorstellungen müssen abgeleitet werden können. Wenn sozusagen auf der „untersten“ Ebene der äußeren Wahrnehmung nicht auf die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit geachtet wird, wie bei den empiristischen Theorien, wie sollte dann a fortiori ein höherer, geistiger Sinn übrig bleiben für interpersonale, moralische, religiöse oder geschichtliche Ideen?

Es liegt offensichtlich ein „dynamischer und spannungsgeladener Charakter“ der Qualität bzw. Empfindung als Verneinung anderer Empfindungen oder „Beschränkung des Allgemeinen auf ein Besonderes“ der äußeren Wahrnehmung zugrunde. 3

Vorausblickend gesagt: Die Reproduktionsformen der Einbildungskraft, die Anschauungsformen Raum und Zeit, die praktischen Reflexionsideen, die Idee des Triebes und des höchsten Gesetzes der Freiheit, sie alle fließen als konstitutive oder regulative Bedingungen in das basalste Verstehen bereits der sinnlichen Natur ein, sodass im elementarsten Auffassen der äußeren Wahrnehmung bereits konstitutiv der Sinnbegriff in Ansatz gebracht werden muss.

Das „Medium“ des Sinns, wenn ich auf N. L. nochmals referieren darf (siehe oben, Teil 1), kann in einer Transzendentalphilosophie nur das Wissen selbst sein, worin die einzelnen Bereiche der Wirklichkeit nach Sinnes- und Sinn-erfahrung prinzipiert, untereinander abgegrenzt, miteinander verschränkt und erkannt werden. Sinnliche Sinneserfahrung, gesellschaftliche, moralische, religiöse und geschichtliche Sinnerfahrung – das sind verschiedene Arten von Sinnerfahrungen, aber im ganzen System des Wissens und im Akt einer Ichform zusammenhängend. Die Phänomene werden durch den (apriorischen) Sinnbegriff spezifiziert – und nicht umgekehrt, der Sinn durch die Phänomene real oder idealistisch-künstlich bestimmt und erzeugt.

© Franz Strasser, 22. 12. 2018

1Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, in: Fichte-Studien Bd. 45, 2018, 61 – 91.

Das Thema Beobachtung: Aus einem Glossar (leider nicht mehr abrufbar) wird die Beobachtung bei N. Luhmann so kommentiert:

„Beobachtung ist eine Operation von psychischen und sozialen Systemen; es ist die Operation der Unterscheidung. Anhand von Differenzschemata werden so Informationen erzeugt, wobei Erwartungen des Beobachters erfüllt oder nicht erfüllt werden. Jede Beobachtung setzt eine Unterscheidung voraus, die sich selbst nicht mehr mit der gleichen Unterscheidung noch einmal beobachten kann. Das Bewußtsein ist z. B. hinsichtlich des „Sehens“ gekoppelt an einen nur eingeschränkten Bereich des Lichts. Es kann damit wahrnehmen; aber nicht so wahrnehmen, daß es gleichsam wahrnimmt, daß es nicht „alles“ wahrnimmt.
Um die Unterscheidung, die benutzt wurde, beobachten zu können, muß sie bezeichnet werden, und eben das setzt eine andere Unterscheidung voraus, in deren Rahmen die erste Unterscheidung von anderen Unterscheidungen unterschiedenwird. Beobachtung aktualisiert, indem sie bezeichnet, Unterscheidungen, die Realität erzeugen.“
Gerade solche Kommentare, im Klammer ist angegeben „Spencer Brown“, offenbaren für mich eine petitio principii, eine Erschleichung der Prinzipien und zeigen das ganze Ungenügen dieser mehr oder wenigen empirischen Erkenntnistheorie!

2Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit, S 66, in: Fichte-Studien Bd. 45, 2018.

3Mario Jorge de Carvalho, Ausdehnung und Freiheit. Ebd. S 64.

Zum Sinnbegriff bei NIKLAS LUHMANN – 1. Teil

Ich las ein paar (spätere) Werke von NIKLAS LUHMANN (abk.=N. L.): Theorie zum Recht, zur Religion, zur Kommunikation, zur Gesellschaft, und war fürs erste recht angetan. Sagenhaft, wie ein Mensch sich so umfangreich zu allen Bereichen unserer Wirklichkeit philosophisch äußern kann!

Dann fiel mir (2016) zufällig ein Werk von DIRK MARTIN in die Hände. Dirk Martin, Überkomplexe Gesellschaft. Eine Kritik der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster 2010. Seitdem bin ich skeptisch geworden.

Geradezu unfehlbar und gigantisch kommen mir die  Analysen von N. L. daher, so, als könne man unmöglich etwas dagegen sagen. An einem kleinen Detail des Sinn-Begriffes, der in die Gesellschaftsanalyse von N. L. Einzug gehalten hat, möchte ich hier aber meine transzendental-kritische Skepsis anbringen.

1) D. MARTIN arbeitet auf den Seiten 78ff die historische Entwicklung zum Sinn-Begriff im Werk N. L.‘s heraus. Er nahm nach einer gewissen Zeit, so D. Martin, die phänomenologische Sinnanalyse eines HUSSERL in seine Theorie auf, um fortan die sozialen Systeme als Sinnsysteme zu beschreiben..

Der Kürze halber darf ich zum Sinnbegriff auf ein Glossar im Internet zurückgreifen (leider nicht mehr abrufbar) : „Sinn ist der Operationsmodus des Bewußtseins bzw. der Gesellschaft und kommt außerhalb dieser Systeme nicht vor. In ihnen wird Komplexität und Selbstreferenz in der Form von Sinn verarbeitet, also ist Erleben und Handeln immer eine Selektion nach Sinnkriterien. Doch auch in der Interdependenz sozialer und psychischer Systeme ist Sinn unerläßlich. Sinn ermöglicht die strukturelle Kopplung psychischer und sozialer Systembildungen bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Gedanken in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewußtsein der Beteiligten.“

N. L. unterscheidet in seiner Analyse des sinnhaften Erlebens
a) psychische Systeme (eine Umschreibung für den Begriff des Menschen. Das ist natürlich verdächtig, denn prädisjunktiv ist der Mensch nur mehr als ein Aggregat von sozialen und psychischen Differenzierungen festgelegt?)
und b)
sinnhaft bestimmte, soziale Systeme.

M. E. ist hier, wie im gesamten Werk N. L. wiederkehrend, eine starke Prädisjunktion dahingehend getroffen, dass der Formbegriff des Wissens als Differenz gesehen wird, als Differenz von System und Umwelt, von Kommunikation und sozialer Evolution – und von diesem Formbegriff geleitet gelingt ihm (oder einem seiner Nachfolger A. NASSEHI) eine reichhaltige empirische Theorie zur modernen Gesellschaft. Deren Wesensmerkmal ist die funktionale Differenzierung, wie sie seit der Renaissance im Gange ist.

Die „Beobachterrolle“ wird im gesamten Werk von N. L. auch unumwunden stets zugegeben und scheint begründet in der unumgänglichen Tatsache und Notwendigkeit, dass in jedem Denkakt eine neue Form gebildet wird. Es wird stets unterschieden, die Gesellschaft, die Welt, und ob Familie oder Politik, Religion oder Wirtschaft, Wissenschaft oder Kunst, Recht oder Moral, überall laufen verschiedene Funktionszuweisungen und Sprachspiele, und so vielfältig und komplex verläuft unsere Welt. Die „psychischen Systeme“ (der „Mensch“) werden in weiterer Folge den „sozialen Systemen“ subsumiert bzw. eingegliedert. Aber ist wirklich alles erst durch Differenzierung erzeugt und bestimmt? Ist die Differenzierung nicht erst die nachträgliche, begriffliche und denkerisch gesetzte Form einer ihr durch die produktive Einbildungskraft erzeugten, unmittelbaren Anschauung und eines apriorischen Vernunftbegriffes, mittels dessen wir Wert und Realität aufeinander beziehen? Wenn schlussendlich, sozusagen nach Analyse aller gesellschaftlichen Determinanten, das „psychische System“ in einem vielfältige, funktionellen Kontext eingebettet ist, worin liegt eigentlich noch die Freiheit des „psychischen Systems“ bzw. worin liegt überhaupt noch ein Sinnbegriff als Synthese von Wert und Realität?  Wenn alles systemhaft determiniert ist, wird dann die Sinn-Erfahrung nicht selbst eine empirische Determinante, eine kausal-mechanische und biologische und psychologische Form des bloßen Funktionierens des „psychischen Systems“ innerhalb des Ganzen eines „sozialen Systems“? Trägt dieser Sinnbegriff, bei aller faktischen und gekonnten, weil sehr belesenen Anwendung auf die Realität, noch einen Wertbegriff in sich? 

Die Kategorie des Sinns vertieftnach der historischen Darstellung von D. MARTIN – N. L‘s frühere Unterscheidung System/Umwelt. Ein System konstituiert sich mittels kategorialem Sinnbegriff durch seine damit selektiv gewonnenen Ordnungen gegenüber den unendlichen Möglichkeiten der Welt. Der Sinn ist das wechselseitige Verhältnis von System und Welt (Umwelt) und das Verhältnis selbst ist ein sinnhaft gegebenes (konstituiertes) System. Es folgen aus dem Sinnbegriff die bei N. L. so zentralen Begriffe wie „Selbstreferenz eines Systems“, oderAutopoiesis(siehe oben Glossar).

Das sinnhafte Erleben ist ein wechselseitiges, dynamisches Spannungsverhältnis von System und Welt. Es werden Erwartungshaltungen, Intentionalitäten, Risiken usw., auf den Gegensatz System/Welt übertragen und kreieren (produzieren) jeweils neue Sinn-Einheiten.

Bei N. L. hört sich das so an: Die Einbildungskraft fasst mittels beobachteter Verhältnisse – die im Grunde schon quantitativ logische Vorzeichnungen sind – den Unterscheidungsgrund und den Begriff „Sinn“, und dieser wird dann klassifikatorisch und phänomenologisch in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft festgestellt und abgelesen. Transzendental-reflexiv gesehen ist das rein dogmatisch: die Einbildungskraft schafft nur ein Bild, eine Voraus-Bild, eine Schematisierung;  der Begriff entsteht durch das Denken, aber woher die Synthese im Sinnbegriff?
Aus der Fähigkeit des Geistes zu unterscheiden und zu beziehen wird durch funktionelle Bestimmung ein funktioneller Sinnbegriff, ein durch die arbeitsteilige, differenzierte Gesellschaft in Familie, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Moral abgeleiteter Sinnbegriff.  Aus der Form und Methode der Differenzierung wird auf die Realität übertragen, und das funktionelle Interpretament der arbeitsteiligen Gesellschaft gibt den „Wert“ und den „Sinn“ aller Handlungen und Erkenntnisweisen vor.
 Mittels funktionellem Sinn-Begriff werden die Beobachtungen der „Realität“ unter eine bestimmte funktionelle Begrifflichkeit subsumiert, und die ganze Vernunft bildet dann dieses funktionelle System eines psychischen und sozialen Systems.  Der philosophische Anspruch N. L. ist so hoch, wie die Ansprüche seit DESCARTES liegen: ein geschlossenes, begründetes System des Wissens zu schaffen, das einerseits offen ist für unendlich viele Erfahrungen, aber andererseits geschlossen sein muss hinsichtlich der Operationalisierung und Funktionalisierung aller eingehenden Erfahrungen. T. KISSER schreibt in einem außerordentlich interessanten Artikel das Vorgehen N. L. so:Vorausgesetzt ist (…) für Luhmann die Geschlossenheit des Systems in einem operativen Sinne, sei es nun im Sinne der Theorie der Subjektivität, sei es im Sinne der Idee der Reduktion von Komplexität. Sinnbezug und Erkennen gibt es nicht außen, Systemaufbau ist Funktion einer Grenzziehung und einer spezifischen Operationsweise.“1

Transzendental-kritisch möchte ich sagen, m. a. W.:  das methodische Denken wird in der Phänomenalität der Beobachtung zu einer objektiv gültigen Seinskategorie umgewandelt, die Idealität der Funktion und der funktionierenden Kommunikation stimmt mit der „Realität“ überein, das System der Sinngebung ist geschlossen wie offen gleichzeitig.  Die Vereinigung der festgestellten Mannigfaltigkeit der Gegensätze System/Welt liegt in einer Wechselwirkung der intentionalen, differentiellen Sinnkonstruktionen einerseits, und den mannigfaltigen Welt-Phänomenen andererseits, und von dieser nach funktionellen Kriterien beobachteten Wechselwirkung erwartet man sich sowohl Produktion wie Reproduktion eines Sinnbegriffes, geltend für das ganze System, geltend für einzelne Subsysteme wie Familie, Politik etc…

Das ist m. E. bloße begriffliche Dialektik, noch immer herumspukender hegelscher Geist. Die Methode der phänomenalen (differenzierenden) Anschauung wird zur materiellen Dialektik in den Dingen selbst.

Aus den Phänomenen der Wechselwirkung soll der Sinn abgelesen und gewonnen werden – anstatt aus der Einheit des Wissens  den Begriff des Sinns verstandlich und denkerisch zu finden  und als transzendentale, apriorische Idee allen anderen Sinnerfahrungen vorhergehen zu lassen.

Die angebliche „Selbstbeweglichkeit“ des sinnhaften Erlebens manifestiert sich im weiteren bei N. L. so, dass der aktuelle Inhalt des Erlebens über sich selbst hinausweist. Das „hinausweist“ liegt in der permanenten Sinnerschließung, die das psychische System und das soziale System in der Integration und Auseinandersetzung mit der Weltkomplexität leisten. Die Sinnsysteme verkörpern sich dann z. B. als Sprache, als Rechtssystem, als Religion, als Wirtschaft, als Gesellschaft usw.

Die sinnverarbeitende Form (nach HUSSERL in einem intentionalen Akt) produziert das psychisch-einzelne wie das soziale System als sinnstiftendes Erleben. In der Wechselwirkung baut sich die Sinnkonstitution auf, in einem Wechselverhältnis von Problemreduktion und erneuter Komplexität – und gerade durch diesen Aufbau von Sinn wird jedesmal auf eine „unendliche“ Möglichkeit anderer, negativ ausgeschlossener Sinnrealisierungen verwiesen.
Wie gesagt, es ist für mich schlechthin unbegreiflich, wie ein Mensch so belesen und zu allen Beobachtungen der Gesellschaft und der Welt abstrakte Sinnbestimmungen und Sinnbeschreibungen leisten kann. (Es gibt irgendwo den berühmten „Zettelkasten“ von N. L.). Aber ich möchte diesen Sinnbegriff – tlw. von mir unter Apostroph gesetzt, weil er oft nicht als apriorische Idee gesehen wird – stark hinterfragen: Die unendliche Möglichkeit der Sinnerschließung wird allein dem begrifflichen Denken zugetraut, dem immer höheren Abstrahieren und Formieren und funktionellen Bestimmen, aber die Qualität und Ausdehnung einer Sinneserfahrung (sinnlich, interpersonal, geistig), kann sie überhaupt, ausschließlich,  begrifflich gefasst werden? Wird in der permanenten Sinnerschließung (in den verschiedenen Systemen) nur eine ideale, quantitative Größe des Hinausgehens und eine quantitative Funktion behauptet, gibt es dann noch einen eigenständigen, qualitativen bis zur Letztbegründung gehenden Wert einer Sinnerfahrung? 

In der Beobachtung ergibt sich logisch und anschauungsmäßig eine unendliche Teilbarkeit der Welt auf stets neue Sinnerschließungen hin, d’accord, aber der Grund dieser nie endenden Wechselwirkung zwischen Sinnerschließung (in einem psychischen oder sozialen System) und Welt kann doch nicht bloß funktionell und empirisch gesetzt sein? 

Bei N. L. hört sich das so an, dass durch und in der Wechselwirkung von System und Welt der Sinn über das dialektische Verfahren der Negation gefunden wird. (D. Martin, siehe dort, S 83ff) Die geforderte Selektionen im Sinnaufbau schafft eine Reduktion in der Komplexität der Welt, aber durch die mitvollzogene Negation wird die Komplexität der Welt zugleich wieder aufgebaut.

Meine Kritik: Die Negation wird objektiv-faktisch der Erklärung der Phänomene der Welt zugrunde gelegt und wird als realer Prozess verstanden. Dieser Negation kommt sogar ein Primat im Wechsel von Sinnaufbau in einem psychischen und sozialen System einerseits und Welt andererseits zu, weil die in-aktuellen Potentialitäten der Welt größer sind als die aktuellen Sinnkonstruktionen. Der Negation ist eine eigene, spezifische Potenz, die als Reflexivität (und manchmal noch kombiniert mit einer Generalisierung) existiert und funktioniert. Durch die Negation wird der sinnhafte, selbstreferentielle Verweisungszusammenhang System/Welt produziert und aufgebaut.

Es ginge jetzt in der logischen Funktion der Negation noch endlos weiter, aber es bleibt m. E. eine unzulässige Hypostasierung eines bloßen begrifflichen Denkens. Es fehlt m. E. die praktisch-existentielle, qualitative Sinnerfahrung und deren Einsicht in die transzendentale Möglichkeit als apriorischer Vernunftbegriff!? Nur per negationem sollen die Gegensätze System und Welt vermittelt werden, was logisch natürlich nicht geht, aber  dann sollen doch, automatisch, auf der empirischen Ebene, Sinnerklärungen und Sinnerfahrungen herausspringen, je nach funktionalem Vorwissen?  Der Sinn des Rechtes ist die formelle Klärung von Erwartungen, der Sinn von Politik ist …… der Sinn von Religion ist……  Kann man sich über diesen Sinn hinsichtlich seiner Werthaftigkeit jemals ganz im klaren sein, wenn die Funktion die Synthese des Sinns bestimmt?  

Es ist die Crux der hegelschen Philosophie, nur eine vermittelte Erkenntnis zuzulassen und keine unmittelbare, qualitative Sinn-Erfahrung und unmittelbare Erkenntnis zu akzeptieren. Die Methode der begrifflichen Negation ist eine Schein-Dialektik: Ich möchte das anhand von S. MAIMON aufzeigen: Er hat herausgearbeitet – und davon ist FICHTE abhängig – „Die Setzung des einen (hier z. B. einer Negation) ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern ein von derselben verschiedene Setzung“ (S. MAIMON, Versuch, 115). Eine Unterscheidung und Gegensetzung (sc. als Negation irreführend bezeichnet) ist zugleich eine Neu-Setzung eines erkannten Zusammenhangs. Die Möglichkeit von Unterscheidung und Gegensetzung ist ein höheres Bedingungsverhältnis, das nicht selbst in der Dialektik einer wechselseitigen Bestimmungen aufgeht, sondern in jeder Unterscheidung als Grund zur Folge implikativ und appositionell als Ursache-Wirkung vorausgesetzt werden muss. (Wie dieses wechselseitige Bedingungsverhältnis im Sinne eines integrativen Denkens überstiegen werden kann, siehe andere Blogs von mir.)

In einem transzendentalen Ansatz – im Gegensatz zu einem phänomenologische Zugang wie bei HUSSERL, oder im Gegensatz zu einem systemtheoretischen Ansatz wie bei N. L – wird nie usurpiert, einen Einblick in die Mannigfaltigkeit der Qualitäten bzw. Empfindungen, „Hemmungen“ selbst (an sich) haben zu können  (oder in einen anderen Menschen). Vielmehr leitet von sich her primär eine Qualität bzw. Empfindung (oder Aufruf, oder Sinnidee) zu den transzendentalen Sehweisen, die die Bedingung der Möglichkeit einer Sinnes-Erfahrung verständlich machen können. Zu diesen transzendentalen Sehweisen gehört wesentlich z. B. die Ausdehnung, die aus einem Sich-Setzen des Wissens abgeleitet werden kann, ebenso die Bildung der Zeit; für die soziale Erfahrung sind darüber hinaus andere transzendentale Sehweisen notwendig; für Ethik und Religion wiederum andere. Die transzendentalen Sehweisen sind  bezogen auf eine Qualität, sei es sinnlicher Natur, interpersonaler Natur oder geistiger Natur, und könnten von sich her, allein als begrifflich-formale Sehweisen nie allein eine Sinnkonstitution erzeugen. Das ist nur begriffliche Vorstellung, leere Begriffsphilosophie, idealistischer Geist, ohne Bezug auf die sinnliche oder intellektuelle Anschauung. (Zum Begriff der Ausdehnung bzw. Sinnbegriff siehe  meine Serie zu Fichtes „Thatsachen des Bewusstseins“  – interner Link.) 

Wenn von unendlichen Möglichkeiten der Sinnrealisationen per negationem gesprochen werden soll, wie oben bei N. L., so können wahrlich unendlich viele Widersprüche konstruiert und wieder aufgelöst werden, aber diese Widersprüche liegen nie in den Dingen selbst und die Phänomene offenbaren nie die Dinge bzw. Sinnkonstitutionen selbst. Im geistigen Akt kann die unerschöpfliche Quelle des Sinns entdeckt werden, wodurch jede Begrenzung auf ihre Sinntauglichkeit oder Sinnwidrigkeit apriorisch geprüft werden kann – wie es N. L. bestens versteht – aber nicht durch den geistigen Akt der Reflexion (als bloße Reflexion) kann die Sinnkonstitution erzeugt und empirisch beobachtet werden. M. a. W., die Notwendigkeit des Hinausgehens über eine erfahrene Begrenzung ist a) nicht in der realistischen Begrenzung selbst zu finden, was totaler Widerspruch wäre, sie ist aber auch nicht b) in den idealistischen Schematas oder Bilder einer Einbildungskraft zu finden. N. L. ist hier zweifellos ein guter Beschreiber und Beobachter der sozialen Anschauungsformen, aber die Schemata  – bzw. sind sie bei N. L. bereits als Begriffe genommen – selbst offenbaren noch keine Sinnkonstitution und Sinnerfahrung.

2) Das grundsätzliche Ansetzen einer Wechselwirkung zwischen System/Welt, wie es Schelling oder Hegel angenommen haben, und leider N. L. übernimmt, ist von vornherein zu kurz gegriffen und falsch. Von diese hypostasierten Wechselwirkung zwecks Erklärung von Sinnkonstitution kommt es zu einem „überschwenglichen“ (KANT) Gebrauch der Begriffe wie Negation, doppelte Negation, Dialektik, Reflexivität durch Negation usw. und der dialektische Schein entsteht.2

Alle logischen Begriffe wie Entgegensetzung, Identität, Widerspruch, Satz vom Grunde, sie können in ihrer Konstitutionsgenese nicht aus der Wechselwirkung selbst abgeleitet werden, weil sie so nicht denkbar sind und nicht denkbar wären. Nur eine Erklärung aus der transzendentalen Einheit des Wissens kann die logischen Formen in ihrer epistemologischen Herkunft zu klären verhelfen. M. a. W., das Verfahren der Negation ist bloße eine Methode, bloß ein hypothetisches Hilfsmittel, den schon existierenden, aber noch nicht klar zum Bewusstsein erhobenen, spezifischen Sinn-Begriff zu finden. Nie erzeugt die Negation den Sinn-Begriff oder den Sinnzusammenhang selbst. Das bloße Denken von Gegensatzglieder wie psychisches und soziales System einerseits, die Komplexität der Welt andererseits, das verlangt zwar hohes analytisches Auffassungsvermögen und glückhafte Anwendung auf empirische Anschauung, aber das beweist gerade nicht, wie die Gegensatzglieder zusammenkommen.

Dass die apriorischen Begriffe auf die Anschauung passen, das muss aus der logischen Bestimmbarkeit und Sichtbarkeit des Wissensverhältnisses selbst abgeleitet werden, oder kantisch gesprochen, das muss durch eine transzendentale Deduktion der apriorischen Begriffe auf die Gegenstände der Erfahrung bewiesen werden. M. a.W. die Schematisierung der grundlegenden Begriffe der Systemtheorie wie Sinn, Kommunikation, Selbstreferenz u. a., das setzt ein apriorisches Vorwissen voraus, ehe dann die Begriffe auf die Anschauungsformen und ihre Erscheinungen übertragen werden können.

Die „auf die Gegenstände der Erfahrung“ (=Welt) von N. L. bezogenen Sinn-Begriffe sind ohne transzendentale Deduktion dogmatisch und bezweifelbar. Ohne Einschaubarkeit in die Wissensbedingungen des Sinn-Begriffes kommt man bloß zu einer begrifflichen, gedachten und funktionellen Vorstellung der Einheit von System und Welt/Umwelt, zu einem gedachten, vorgestellten „Sinn“, ohne Gewissheit, ob diesem „Sinn“ tatsächlich ein wahres Sein entspricht.

Der Fehler der hegelschen Dialektik liegt im schlampigen Gebrauch der Negation und deren Verwechslung mit der Realität. Man ist sich nicht der in jeder Entgegensetzung und Verneinung liegenden erneuten, geistigen Setzung bewusst – um nochmals S.MAIMON zitieren zu dürfen. Der Satz vom Grunde, der in jeder Synthese einer Relation oder einer Unterscheidung mitgedacht werden muss, wird nicht in den Vergleich miteinbezogen, wenn Position und Negation gegeneinander gestellt werden. Man tut so, als ob eine Aussage durch einen externalisierten Ausschluss ihrer anderen Realität näher bestimmt werden könnte, es ist aber immer nur eine verglichene Realität einer supponierten gemeinsamen Realität.
(Die Identität von Identität und Nichtidentität ist immer wieder bloß eine verglichene Identität.) Die Realität einer Aussage wie ihrer Verneinung – wobei der Negation, wie oben gesagt, nach N. L. sogar der Primat zukommt, – wird leider in den dogmatischen Systemen dialektisch-material angesetzt, ohne sich der transzendentalen Wissensbedingungen im Wissen bewusst zu sein. 

(c) Franz Strasser, Dez. 2016

Literatur:

Dirk Martin, Überkomplexe Gesellschaft. Eine Kritik der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster 2010.

Klaus Hammacher, Fichte und das Problem der Dialektik. In: Christoph Asmuth, Sein, Reflexion, Freiheit, Amsterdam/Philadelphia 1997, 115-141.

1 D. Martin weist darauf hin, dass, aus der Diskrepanz herkommend zwischen einzelnem psychischen System und sozialen System, sich eine Aporie ergeben muss, denn wenn einerseits der Sinnbegriff doch von der psychischen Intentionalität eines einzelnen herkommt, aber andererseits der Sinnbegriff im sozialen System liegt, so widersprechen sich psychisches System und Seinssystem des Sozialen in der Herleitung (ebd. S 79).

2 Bei N. L. gehört auch das Entstehen und Sein der Sprache zu dieser sinnhaften Erfahrung, wobei, so die Erklärung, die abstrakte „Reflexivität der Negation“ das Begründungsprinzip abgibt. „Sinnhaftes Erleben und Handeln beruht auf der Fähigkeit des Negierens und Virtualisieren, die vorsprachliche Wurzeln haben und in aller Zeichenbildung bereits vorausgesetzt sind.“ (Nach D. Martin, ebd. S 84)

 

1Thomas Kisser, Zur Paradoxie der Zeit bei Lauth und Luhmann. In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie. Das philosophische Vermächtnis Reinhard Lauths, hrsg. v. Marco Ivaldo, Hans Georg von Manz, Ives Radrizzani, Würzburg 2017, 185 – 234, S 194.