Charles William Morris, Zeichentheorie – 1. Teil (Anfrage)

Die Lektüre von „Grundlagen der Zeichentheorie“ und „Ästhetik der Zeichentheorie“ von Charles William Morris, Erstauflage 1938/39, ist zweifellos sehr gefällig und kurzweilig.

C. W. Morris möchte die Philosophie auf eine klare Sprache zurückführen und sie selbst zu einer reinen Semiotik transformieren. Die Philosophie habe viel gesündigt, weil sie die „verschiedenen Funktionen der Zeichen durcheinander gebracht hat.“ (Ausgabe 1988, ebd. S. 88).

Im Verhalten aller lebendigen Wesen, in den mannigfaltigen Gesten und Ausdrücken, in Sprache und Kunst, in den Relationen der Zeichensysteme in den verschiedenen Wissenschaften, „im Verständnis der Hauptformen menschlicher Aktivität und ihrer Wechselbeziehungen, denn all diese Aktivitäten und Beziehungen drücken sich in den sie vermittelnden Zeichen aus“ (ebd. S 88), kann, nach einer Analyse und Deskription der Verwendungsweisen der Zeichen, zu einer alle sie umfassenden, integrierenden Wissenschaft der Semiotik übergegangen werden.

Die Schreibweise dieses kurzen Büchleins glänzt m. E. durch viele Definitionen, durch kurze Kapitel, durch einen bescheidenen Stil, durch großen Weitblick in die Vielfalt philosophischer Themen hinein wie Empirismus und Rationalismus und ihrer jeweiligen Sprachgestalten (Zeichengestalten) und vieles mehr. Es kommt auf die richtige Verwendung und dem richtigen Verständnis der Zeichen an, dann können philosophische Fragen neu gelöst werden.

Da es auf meine lobenden Worte aber nicht ankommt, möchte ich direkt in die Kritik dieser Denk- und Erkenntnisart über Zeichen einsteigen: Diese Denk- und Erkenntnisart möchte ich so zusammenfassen: Es wird wieder einmal Prinzip und Prinzipiat, Bedingung und Bedingtes verwechselt.

C. W. Morris verfällt in großer Präzision und Klarheit einem dogmatischen Realismus, weil er die Gegenstände als Zeichenträger oder generell die Zeichen selbst als positives Sein voraussetzt, als objektive Natur, sodass eine empiristische und behavioristische und materielle Sicht (ja teilweise technologische Sicht) der Zeichen übrig bleibt. Die Transzendentalphilosophie nach KANT und FICHTE erstellt demgegenüber die Realität der Dinge und Zeichen mittels reflexiver Kategorien, d. h. mittels reflexiver Erkenntnisbedingungen, die die materielle Natur und Realität erstellen. Vor und außerhalb des Erkenntnisaktes gibt es kein Notiz-Nehmen von Zeichen, keinen Interpretanten und Interpreten, kein Designat und keinen Ausschnitt daraus in Form von Denotaten, keine Semantik und keine Pragmatik. Alles Sprachverstehen in ihrer internen Syntax, alle semantische Verstehen, alle Pragmatik des Sich-Beziehens auf etwas, sind ihrerseits schon projizierte, intuierte und intelligierte Wissensbedingungen, die sich einem Sich-Wissen der Erkenntnis verdanken.

Die kurze Schrift hat für mich einen sehr einnehmenden, sehr überzeugenden Charakter bei der ersten Lektüre gehabt, aber je mehr man zu hinterfragen beginnt, umso metaphysischer wird die Schrift, als hätte C. W. Morris eine innere Wesensschau alle Zeichen gehabt, analog zu ARISTOTELES‘ „species intelligibiles“ in allem Seienden.

1) Das Zeichen selbst wird zum Thema der Erkenntnis, aber nicht die Erkenntnisbedingungen legen bei Morris das Zeichen fest, sondern umgekehrt die Erkenntnisart der Zeichen beschreiben und erklären die Erkenntniszusammenhänge, Funktionen, Sprechweisen, Handlungsweisen, (ästhetischen und technologischen) Wertaussagen. Das ist für mich metaphysisch, von einem positiven Sein ausgehend, ohne deren Rationalität der Herleitung zu begründen. Ich zitiere aus dem zweiten Teil des Büchleins, aus „Ästhetik der Zeichentheorie“ (1988, S 92 – 94), weil dort noch präziser (m. E.) und im Wortlaut fast identisch mit Teil 1, die „Natur der Zeichen“ (ebd. S. 20f)m grundlegenden Begriffe definiert werden. (inklusiv seines berühmten „Dreiecks“ als Anhang – download).

Semiotik

Es ist angebracht, den Gebrauch einiger Grundbegriffe der Semiotik, die in diesem Text immer wieder vorkommen, anzugeben. Als Zeichenprozeß (Semiose) bezeichnen wir jede Situation, in der etwas durch die Vermittlung eines Dritten von etwas, das nicht unmittelbar kau­sal wirksam ist, Notiz nimmt; jeder Zeichenprozeß ist also ein Prozeß des „mittelbaren Notiz-Nehmens-von“. Ein Pfeifen bestimmter Art bringt je­manden dazu, so zu handeln, als ob sich ein Eisenbahnzug nähert, von dem er sonst nichts wahrnimmt; für die Person, die dieses Pfeifen hört, be­zeichnet der Laut dann einen sich nähernden Zug. Das, was als Zeichen operiert (d. h. was die Funktion hat, etwas zu bezeichnen) nennt man Zeichenträger; die Handlung des mittelbaren Notiznehmens wird Interpretant genannt und von einem Interpreten ausgeführt; das, wovon mittelbar Notiz genommen wird, nennen wir Designat. Entsprechend dieser Definition muß jedes Zeichen designieren („ein Designat haben“), aber es braucht nicht akutell irgendetwas zu denotieren („braucht keine Denotate zu haben“). Man kann von einem näherkommenden Zug Notiz nehmen (so handeln, als ob sich ein Zug näherte), selbst wenn in Wirklichkeit kein Zug kommt; in diesem Falle designiert der vernommene Laut, aber er de­notiert nicht („hat ein Designat, aber keine Denotate“). Ein Designat ist also eine Klasse von Objekten, die durch bestimmte definierende Eigen­schaften ausgezeichnet sind, und eine Klasse braucht keine Elemente zu haben; die Denotate sind die Elemente — falls es überhaupt welche gibt — der betreffenden Klasse.

Die Beziehungen der Zeichenträger zu dem, was designiert oder denotiert wird, sollen semantische Dimension der Semiose heißen und die Untersu­chung dieser Dimension Semantik; die Beziehungen der Zeichenträger zu den Interpreten wollen wir pragmatische Dimension der Semiose und die Untersuchung dieser Dimension Pragmatik nennen; die semiotisch rele­vanten Beziehungen der Zeichenträger zu anderen Zeichenträgern be­zeichnen wir als syntaktische Dimension der Semiose und ihre Untersuchung als Syntaktik. Als allgemeine Wissenschaft von den Zeichen ent­hält die Semiotik also die Teildisziplinen Syntaktik, Semantik und Prag­matik.

Ein Zeichen ist vollständig analysiert, wenn seine Beziehungen zu den an­deren Zeichen, zu seinen aktuellen oder potentiellen Denotaten und zu sei­nen Interpreten bestimmt worden sind. Die Bestimmung dieser Beziehun­gen in konkreten Fällen von Semiose heißt Zeichenanalyse. Eine gründlichere Diskussion dieser Dinge findet sich in den Grundlagen der Zeichentheorie; das folgende Diagramm soll den Gebrauch der Be­griffe festigen helfen: (siehe Link – download pdf)

Wenn Morris zwar „auf die Hauptformen menschlicher Aktivität und ihrer Wechselbeziehung“(ebd. S 88) durch das Leitmotiv und den Leitgedanken einer reinen Zeichentheorie eingehen möchte, so ist damit aber gerade nicht, in Analogie zu Kant gesprochen, eine transzendentale Erkenntnisart gemeint in dem Sinne, dass die Bedingungen dieses Verständnisses (der menschlichen Aktivität und ihrer Wechselbeziehung in Zeichenhandlungen) durch eine Apperzeption oder ein Wissen zusammengefasst und umspannt werden können, sondern die Semiose der Zeichenbildung legt in der Syntaktik, Semantik und Pragmatik hinreichend fest, was Erkennen, Wollen und Handeln heißt. Die Semiose der Zeichenbildung ist die „transzendentale Erkenntnisart“, kategorial eingebunden in ein Klassifikationssystem der Syntax, Semiotik und Pragmatik, bzw. in eine ästhetische Theorie der Beziehung zu Werten, die zureichende Gewissheit bietet bzw. zu einem System der Wissenschaft ausgebaut werden kann, zur sogenannten Semiotik. Philosophie wird transformiert in eine Zeichentheorie und kehrt als zeichentheoretische Erkenntnis der Prinzipien der Wirklichkeit, als Semiotik, zurück.

Dieser Zeichenprozesse bzw. die syntaktischen und semantischen und pragmatischen Regeln des Gebrauchs der Zeichen sind beobachtbare Vorgänge, die für sich nach ehernen Gesetzen ablaufen, und analysiert werden können. Ich bringe ein Beispiel: Der beobachtbare Warnruf eines Tieres oder die Warnung eines ausgesprochenen Wortes des Menschen hat die pragmatische Funktion, eine Situation oder ein Objekt relevant (beobachtbar) zu machen, um darauf reagieren zu können. Die semantische Bedingung der Warnung verweist auf die pragmatische Bedingung des Sich-Schützens – und diese wiederum zurück auf einen Interpreten, der nach der Gewohnheit des angelernten Verhaltens den Interpretanten mitbringt, das Wort der Warnung so zu verstehen.

2) Die Zeichengebung dient dem mittelbaren Notiz-Nehmen, dieses wiederum einer behavioristischen Verhaltensschema (oder vielleicht einem höheren Sinn-Schema – das lasse ich hier offen; ich kenne bisher keine andere Schrift von Morris). Oder umgekehrt ausgedrückt: das pragmatische Schema gehorcht semantischen Bedingungen der Beschreibung, die semantischen Bedingungen gehorchen syntaktischen Gesetzen – und so vollzieht sich das behavioristische Verhalten.

Die Funktionalisierung beschreibt Morris m. E. in mathematisch-bildlichen Theoremen der Mengenlehre – so zumindest in dieser kleinen Schrift „Grundlagen“: Eine Anzahl von Elementen (Denotaten) einer gegebenen Menge (Klasse der Designaten) wird einer Anzahl anderer Elemente einer anderen Menge zugeordnet, sodass ein fester Zeichenzusammenhang entsteht, der den Interpretanten bildet und in-formiert, sodass der Akteur des Interpretierens (der Interpret) die Denotate einer Klasse zu einem gewissen pragmatischen Zweck erkennen kann.

Ein Beispiel: Die Pflanzen gehören zur Klasse der unbeweglichen Substanzen, die Denotate der Pflanzen legt z. B. die Botanik fest, die Funktion dient dem Vergleich der unbeweglichen Welt mit der beweglichen Welt. Es entsteht ein Reich der „Pflanzen“ und der „Tiere“. Die Zeichen sind Teilmengen des Raumes aller Zeichen, welche Raum wiederum in die besagten drei Hauptfunktionen zerfällt. Die Art der Funktion der Zeichen kann dann verschieden ausfallen, statisch, dynamisch, werthaft-künstlerisch, es werden Objekte, Sätze, Begriffe, Anschauungen gebildet, wobei es auch Pseudo-Objekte gibt, die gar nicht existieren, wie Morris einmal warnt.

Im Zuge einer funktionalen Einordnung aller Beziehungen der Zeichen ist z.B. der Begriff der „Bedeutung“, der in der philosophischen Sprachwelt hohe Valenz besitzt, höchst entbehrlich, um in keine Scheinwelt zu geraten. Siehe dort den Abschnitt VI. Die Einheit der Semiotik. Zum Begriff der „Bedeutung, ebd. S 68 – 75. Ebenso lassen sich Fragen um die Allgemeinheit von Begriffen klären, das, was die Philosophiegeschichte unter „Universalien“ beschäftigt hat, ebd. S 75 – 79.

 

3) Meine Kritik – hier nur höchst fragmentarisch: Die von Morris für sich selbst sicherlich durchdachte, intuitiv aufgestellte Gewissheit seiner Semiotik in den drei Dimensionen von Syntaktik, Semiotik und Pragmatik, erwartet sich ihre Bestätigung stets nur von außen: Vom Funktionieren bzw. Beobachten der syntaktischen, semantischen oder pragmatischen Regeln. Natürlich, in großer Belesenheit, schickt er immer auch mit, dass diese oder jene Frage im Bereich der Syntax, der Semantik und der Pragmatik noch nicht gelöst sei, es besteht also kein Grund zur Überheblichkeit, aber de facto kann durch eine gediegene Zeichenlehre eine wissenschaftliche Anwendung, sei es für naturwissenschaftliche oder geisteswissenschaftliche Dinge, behauptet und praktiziert werden.

Die formallogische Identität in der Beschreibung der Gegenstände der Zeichen wird aber unkritisch und nur faktisch vorausgesetzt. Was verbürgt mir im Wissen, dass ein Designat das ist, als was es im Verfahren der Semiose bezeichnet wurde, und dass es nicht ganz anders ist? Was verbürgt mir, dass es so sein soll, wie es ist und so ist, wie es sein soll? Das hängt wieder, würde Morris sagen, von anderen zeichentheoretischen Regeln ab. Diese sind aber wiederum zeichenhaft vermittelt. Was ist das letzte Axiom der Syntax oder Semantik oder der letzte Grund des pragmatischen Handelns? Es wird der Satz der Identität im Designat als für immer gültig vorausgesetzt, weil es a) bisher immer so war und funktionierte, oder b) weil es willkürlich und konventionell eben so festgesetzt wird, aber über die Faktizität hinaus, was berechtigt im Wissen selbst, dass etwas von etwas identisch ausgesagt werden kann?

Und kann durch die von Morris klassifizierte Wertaussage im ästhetischen Wahrnehmen tatsächlich erklärt werden, nicht nur ob etwas und wie etwas ist, sondern auch warum es ist und ob und warum es sein soll und schließlich ob es ist wie es sein soll und sein soll wie es ist? Die philosophische Frage ist nicht nur die Frage nach dem Wesen und Sein des Ganzen der Wirklichkeit, sondern auch die nach seinem Wert und seinem Sinn – das hat offensichtlich Morris ja in seiner „Ästhetik der Zeichentheorie“ als Beispiel bringen wollen – aber gerade hier fehlt m. W. wieder der letzte reflexive Erkenntnisakt über Wert und Sinn. Diese letzteren Begriffe werden auf andere Bedingungen zurückgeführt, also gelten sie nur mehr unter Apostroph!?

Eine Identität oder eine Wert kann nur aufgrund der Gewissheit einer Unveränderlichkeit im Wesen des Benannten und Bezeichneten behauptet werden, d. h. sie muss im Bilden eines Gebildeten (eines Seins) zweifelsfrei erkannt werden. Was gewährt mir diese Gewissheit und Begründung einer zweifelsfreien Identität und eines Wertes in einem Designat, außer der Akt des Wissens selbst ? Das materiell vorausgesetzte Zeichen bzw. eine behavioristische Reiz-Reaktion-Schema kann keine Vorstellung der Identität und kein Empfinden eines Wertes (einer Erfüllung oder eines Mangels) erzeugen.

Noch ein paar Begriffe, die hinterfragt zu werden verdienen – und von mir hier nur angerissen sind:

a) Die Handlung des mittelbaren Notiznehmens wird Interpretant genannt und von einem Interpreten ausgeführt. Meine Sicht: Eine Handlung als solche muss zurückgebunden sein auf die Erkenntnis eines Wollens im Selbstbewusstsein. Ich kann nicht von „Handlung“ sprechen, wenn von vornherein das Handeln schon durch das System der Zeichen festgelegt ist. Da gibt es kein Wissen mehr um das Tun.

Meine Sicht: Jede Wahrnehmung – Morris spricht im 2. Teil auch von der „ästhetischen Wahrnehmung“ – ist vor dem Wahrnehmen als Zeichen zuerst ein Gefühl der Hemmung und des gehemmten Triebes, wodurch spontan gegen die Hemmung angegangen wird – und die Einbildungskraft erstellt die Begriffe und Anschauungen. Die Zeichen hingegen bei Morris müssen, aufgrund der mangelnden Reflexion auf den eigenen Erkenntnisakt blind sein in ihrer Anschauung, denn es fehlt der Begriff ihrer Bildung – sie sind nur äußerlich „begriffen“ und beschrieben durch ein ebenfalls äußerlich aufgefasstes System der Syntax, Semantik und Pragmatik – und sind leer in ihren begrifflichen Bildung, denn die formallogischen Regeln der Syntax, die auf Gegenstände verweisende Semantik und das Woraufhin der Pragmatik setzen als Regeln das anschauliche Funktionieren schon voraus, ohne allerdings diese Regel selbst innerlich anzuschauen und als solche, als notwendige Handlungen des menschlichen Geistes, zu durchschauen. Es sieht so aus, als ob etwas syntaktisch, semantisch, pragmatisch geschehe, aber das Sehen dieses Geschehens wird nicht gewusst.

Es wird die syntaktische, semantische und pragmatische Regel behauptet, aber die Anschauung derselben und das Wissen ihrer Brauchbarkeit wird nur nachträglich festgelegt als eine Funktionsbeschreibung. Ja, z. B. ein Warnruf funktioniert offensichtlich, weil eben die Semantik stimmt, die Syntax richtig ist, das Woraufhin festgelegt ist. Aber kann nicht vorher aus der Semantik und gewissen Regeln der Syntax und aus der Form der Kommunikation festgelegt werden, was eine Warnung sein soll oder bloß ein heiterer Zuruf? Es wird im Nachhinein die Anschauung als „Warnruf“ identifiziert (begrifflich bestimmt), oder ein „Zuruf“ identifiziert. Im Vorhinein der Erkenntnis kann aber nicht gesagt werden, das soll eine Warnung oder ein Zuruf sein.

Die semiotische Erkenntnisakt wird vorausgesetzt, ebenso das Notiz-Nehmen, worin die Tätigkeit des Zeichen-Verstehens im Kernpunkt zusammengefasst ist. Das ist aber weltfremd und entspricht nicht einem ureigenen Empfinden in jeder Sinnesempfindung, worin der Impuls zur Freiheit des Reagierens bestehen bleibt, bzw. die Gewissheit, dass die Zeichen adäquat zu den Dingen und Verhältnissen selbst! gebildet sind. Natürlich kommen hier auch Täuschungen vor, aber selbst diese können durch ein höheres Wissen ja korrigiert werden. Normalerweise bilden die Vorstellungen das Vorgestellte adäquat ab, und philosophisch kann diese Verarbeitung der Einbildungskraft nachkonstruiert werden. Dass die Vorstellungen aber durch die Relation der Zeichen entstehen und in einem Komplex der verschiedenen Dimensionen durch eine Metatheorie der reinen Semiotik erklärt werden können, das ist nicht denkbar.

Es fehlt mir bei Morris der letzte reflexive Erkenntnisakt, dass nicht die Zeichen selbst handeln und ein notwendiges System der Regeln erstellen, sondern die theoretische Philosophie ist die Darstellung der „notwendigen Handlungen des menschlichen Geistes“ (Fichte), nach denen die Vorstellung aus dem Abgebildeten (dem Sein) in der Einheit des Bildens folgt; in der praktische Philosophie ist es umgekehrt, da folgt hingegen die Darstellung der „notwendigen Handlungen des menschlichen Geistes“ aus dem Bild des Erkennens, Wollens und Handelns und bestimmt durch den Zweckbegriff das Abgebildete (das faktische Sein).

Das Notiz-Nehmen bei Morris ist eine großteils passive Sache der Widerfahrnis mit einem kleinen Rest freier, im großen Zusammenhang der materiellen Bedingungen aber letztlich begrenzter Reaktionsmöglichkeiten. Aus einem passiven Vorgang kann aber kein tätiges Notiz-Nehmen abgeleitet werden, kein Erkennen, Wollen und Handeln.

b) Es werden Dinge, Objekte, Vorstellungen nach Morris „designiert“ (mit möglichen Denotaten oder auch keinen Denotaten). Man kann – siehe Zitat oben – von einem näherkommenden Zug Notiz nehmen (so handeln, als ob sich ein Zug näherte), selbst wenn in Wirklichkeit kein Zug kommt; in diesem Falle designiert der vernommene Laut, aber er de­notiert nicht („hat ein Designat, aber keine Denotate“). Ein Designat ist also eine Klasse von Objekten, die durch bestimmte definierende Eigen­schaften ausgezeichnet sind, und eine Klasse braucht keine Elemente zu haben; die Denotate sind die Elemente — falls es überhaupt welche gibt — der betreffenden Klasse. Alles gut und schön, aber hat dieses mathematisch-visuelle Denken in Kategorien der Mengenlehre mit den tatsächlichen und relevanten Relationen der Identität von Wissen und Gewusstem, Bild und Abgebildeten zu tun?

„Die Bestimmung dieser Beziehun­gen in konkreten Fällen von Semiose heißt Zeichenanalyse.“ Wenn schon von echter Semiose, Zeichenbildung und Zeichenwerdung, gesprochen werden soll, müssen die realen und intelligiblen Bedingungen der Möglichkeit derselben eingesehen werden. Der Weg zur Semiose fehlt mir total. Es wird ein abstrakter Begriff mit Anlehnung an naturwissenschaftliche Beschreibungsvorgängen gewählt, der aber nicht erklärt, warum die nachfolgenden syntaktischen und semantischen und pragmatischen Regeln des Funktionierens der Zeichen so sein müssen und welchen Grund sie haben. Die „Semiose“ ist nur ein Wort, ein Hilfsbegriff, ohne Erkenntnis- und Seinsgrund.

 

Charles Sanders Peirce, Neue Elemente – 2. Anfrage

Die Semiotik, die Lehre vom Zeichen, ist eine eigene Wissenschaft geworden. Nach einem Begründer der Semiotik, PEIRCE ist aber das eine unabschließbare Wissenschaft, weil der Kernbegriff des „Zeichens“ ein unabschließbarer Begriff ist, insofern jede Deutung eines Zeichens ein weiteres Zeichen setzt, wodurch ersteres Zeichen verstanden werden soll, und letzteres Zeichen der Erklärung verlangt nach einem weiteren Zeichen usw. Das ist ein unabschließbarer Prozess, der eben in einem notwendigen zirkulären Zeichenbegriff begründet ist.Das Zeichen ist relational definiert, bezieht sich auf etwas, und wird durch ein Drittes interpretiert, und das Dritte durch ein Viertes usw. Jedes Zeichen lädt zur permanenten Reinterpretation ein.

M. E. ist das eine unzulässige Hypostasierung des Zeichens selbst,  die zurückgenommen werden müsste zugunsten des  Reflexionsaktes, worin das Zeichen erst gebildet und gesetzt wird. Dazu hier dieser kurze Blog:

Die Bedingungen des Ist-Sagens und Zeichensetzens sind a) im Wissen begründet und b) das wiederholende Interpretieren und semiotische und hermeneutische Deuten eines Zeichens (und nachfolgend wären noch verschieden differentielle Sichtweisen möglich) beruht auf einer analytischen Einheit der Form des Setzens, die für sich im Erkenntnisakt geschlossen sein muss, damit überhaupt ein wiederholendes und unabschließbares Deuten möglich wird.

Woher das Wissen um die analytische Einheit des Wissens?

In der Faktizität der Reflexion, die offensichtlich (faktisch) das Wissen immer vollzieht, und dies analytisch und synthetisch zugleich, indem es die sinnliche und intellektuelle Anschauung durch einen Begriff bestimmt, lässt auf einen Grund dieses implikativen und appositionellen Setzens (des Wissens) schließen. Der Grund oder das Fundament dieses Wissens ist ein Sich-Wissen, ein Wissen um ein Tun, das aber infolge des Tuns zu einem synthetischen Wissen, bzw. im weiteste Sinn zu einem Bewusstsein wird.

Fichte prägte für die Einheit im Wissen den Begriff der „Tathandlung“, worin Anschauung und Begriff vereinigt sind.1 Es ist die Anschauung der Freiheit, die implizit gesetzt ist, wenn sie gedacht/begriffen wird. Sollte die Freiheit weiter reflektiert werden, offenbart sich die notwendige Gesetzlichkeit im Wissen, die sich analytisch-synthetisch, von selbst, vollzieht, falls sie mit Freiheit vollzogen wird. Ein noch völlig unbestimmtes, aber bestimmbares Ich wird durch Reflexion selbstbestimmend und bestimmtwerdend aufgebaut. Alles ist dann im Selbstbewusstsein und im Bewusstsein idealiter und realiter gesetzt, weil es im und dem Grunde nach durch das absolute Ich gesetzt ist.

Die faktische Zweiheit in der Reflexion ist aber damit eine genetisierte Zweiheit, nicht ein absolut vorauszusetzender Zirkel von Denken und Sein bzw. Sein und Denken. Der „Zirkel“, sofern man dieses Wort noch gebrauchen kann, ist ein notwendiger Reflexionszirkel, weil er durch Freiheit zustande gekommen ist bzw. permanent sich bildet. Durch die Einsicht in seine Notwendigkeit ist er nicht unbegründet und grundlos gesetzt, sondern durch einen Grund im absoluten Ich abgeleitet und bestimmt. Die Reflexion muss notwendig synthetisch sein, wenn das empirische Ich praktisch und theoretisch sich setzen will, weil sie eben als solche begründet ist in und aus der durch Freiheit einzuholenden Setzung des absolute Ichs.

Eine Wechselbestimmung von Anschauung und Begriff würde nie die Einheit des fühlenden und vorstellenden Ichs, mit einem Wort, ein lebendiges Ich erreichen. Die in jedem Reflexionszirkel zu machende Erfahrung von Denken und Sein, Begriff und Anschauung, ist immer schon eine geforderte Erfahrung der Freiheit und dem Soll nach, eine begriffene Anschauung, sonst könnte es zu überhaupt keinem Wissen kommen. Die Erfahrung ist deshalb nicht eine bloß gefundene, sondern deren Finden durch Freiheit bedingt ist. 2

Der Grund des Herausgehens der Freiheit zur Reflexion – und damit auch zur Zeichensetzung in der Sprache – ist a) genetisch durch Freiheit gewusst und b) ermöglicht erst die unendliche Zeichensetzung der Deutung im Wissen und durch das Wissen. Das Wissen wird dabei in jedem Akt der begriffenen Anschauung geschlossen und zugleich wieder geöffnet (im Schweben der Einbildungskraft). „Ich weiß von meinem Denken nur, inwiefern ich es durch mein Tun erblicke.“ (Wlnm, GA IV/2, 210)

Aufgrund dieser intuierten und fraglosen Gewissheit, die sich in einer genetischen Herleitung des Wissens aus dem „Existentialakt des Lichtes“ 3– der Ausdruck stammt aus der WL 1805 – bezeugt, muss von einer analytischen Einheit des Wissens ausgegangen werden.

Es widerspricht aber nicht der analytischen Einheit des Wissens,  dass sie sich zur synthetischen Einheit gleichzeitig öffnet: Dies hängt mit der praktischen und theoretischen Konstitution des Ichs zusammen: Diese Konstitution ist a) praktisch bedingt durch die Erfahrung des Gefühls, das eben einerseits nur synthetisch begriffen werden kann, aber andererseits selbst wiederum nur analytisch auflösbar ist als Streben nach einer virtuell vollendeten und vollkommenen Sinnidee. Die Konstitution ist gleichzeitig b) theoretisch bedingt durch das Schweben der Einbildungskraft, worin unabhängige Tätigkeit und Anstoß synthetisiert sind, diese Synthese aber nicht stattfinden könnte, wäre nicht jede Anschauung zugleich analytisch begriffene Anschauung.

Das Schweben (griech. dialegein) der Einbildungskraft liefert zwischen dem durch den Anstoß verendlichten und dem die Unendlichkeit ausfüllenden Ich (im Streben) ein Bestimmbares, das aus der übergeordneten einen Vernunft genetisiert und bestimmt wird. Von einer höchsten formalen Einheit der Erkenntnis, dem Setzungsgrund, der „Tathandlung“, die zwischen Absolutem und dem daraus genetisierten, bestimmten Wissen liegt, verfolgt die WL die systematische Konstitution der Innen – und Außenwelt eines schließlich interpersonalen und individuellen Ichs. Das konstitutionsgenetische Prinzip der transzendentalen Apperzeption und die daraus folgenden Zeit- und Raumanschauung und kategoriale Anwendung der Verstandesbegriffe steht somit unter keiner weiteren Einschränkungsbedingung, als einzig unter der höchsten Einschränkungsbedingung des Absoluten (einem Postulat, einem Soll), das sich in einem vielfältigen Sinn der Realisierung durch Vernunft und Freiheit  inkarnieren will. Die „transzendentale Erkenntnisart“ bei FICHTE, um im Wortlaut KANTS zu bleiben und doch den Unterschied festzumachen, ist dahingehend ausgeweitet, dass das apriorische Vorwissen der Vernunft schlechthin die Basis aller Wissbarkeit (aller transzendentalen Erkenntnisart) ist. Dieses apriorische Vorwissen baut auf der Basis von Einschränkungsbedingungen eines intelligiblen totums des absoluten Ichs auf.4

Der Grund der Möglichkeit und die Begründung des synthetischen Wissens liegt also, was ich gegen obige Semiotik eines PEIRCE anführen will, nicht in der Reflexion selbst begründet, als wäre sie absolut faktisch, sondern ihre Faktizität ist im notwendigen Gesetz des absoluten Ichs begründet, das sich vorkonstruierend so setzt, dass nachkonstruierend und wiederholend die Ichheit (Wir, individuelles Ich) im Gefühl und Trieb (oder einer Aufforderung) und in der Vorstellung  sich setzen kann.

Die Unabschließbarkeit der Deutung des Zeichens bei PEIRCE bezieht ihre Kraft aus dieser notwendigen und sich durchhaltenden Wesensgesetzlichkeit des Wissens, die sich analytisch-synthetisch stets zu einer neuen Deutung zusammenfassen und wieder öffnen kann. Das Wissen muss einerseits formale Einheit sein, damit es überhaupt zu einer wiederholenden Realisierung von mehreren Deutungen ansetzen kann, abgesehen jetzt von der praktischen Seite der Realisierung von Freiheit, andererseits kann es nur formale Einheit sein, wenn die Einbildungskraft transzendierend diese formale Einheit (die begriffene Anschauung) überschreitet. Die Kraft der Reflexivität des Wissens kommt nicht aus der Wechselbestimmung von Denken und Sein, Deuten und Zeichen, sondern kommt aus der Forderung (dem Postulat), das Gesetztsein des Seins mit dem Sein des absoluten Ichs in Übereinstimmung zu bringen, praktisch und theoretisch. Oder noch kürzer ausgedrückt: Das Gesetz zur Reflexion ist im absoluten Sein des Ich begründet, also analytisch schon bestimmt, was sie dann selbst synthetisch re-flektiert, auf das absolute Soll zurückkommend, setzt.5

Der nicht durchschaute semiotische Zirkel eines PEIRCE (oder hermeneutische Zirkel) geht genetisch aus dem notwendigen Gesetz hervor, transzendierend jede feste Bestimmung (deshalb unendliche Deutung), aber zugleich immanent begründet in der Gewissheit der Freiheit und im Existentialakt des göttlichen Lichtes.

Von einer Unabschließbarkeit der Zeichendeutung bzw. der Hermeneutik zu sprechen – diese Rede versteht sich selber nicht und widerspricht sich, setzt sie doch implizit die Wahrheit eines Gewussten voraus und eine formal abgeschlossene Einheit des Wissens. Die hermeneutische Unabgeschlossenheit ist dogmatischer Realismus bzw. überzogener Idealismus der Selbstsetzung von Deutung.

Kant hat diese im Grunde platonische Idee von der Einheit von Denken und Sein in seiner transzendentalen Erkenntnisart wieder auf neue Füße gestellt. Der große Unterschied von Fichte zu Kant ist dann, dass nicht mehr von zwei Erkenntnisstämmen ausgegangen wird, von Anschauung und Verstand, sodass transzendentale Ästhetik unverbunden neben transzendentaler Logik zu stehen kommt, sondern  Anschauungs- und Denkformen entspringen einer analytischen Quelle der Erkenntnis: In und aus Vernunft wird die apriorische und selbstreflexive Denkform entwickelt, die sowohl die Anschauungsformen wie die Kategorien und reflexiven Ideen (die Umkehrung der Kategorien) analytisch und synthetisch entfaltend enthält. Die selbstreflexive Denkform ist nicht faktisch und dogmatisch als Realismus oder Idealismus stehen gelassen, sondern genetisch aus dem Soll  des Seins nach den Wesensgesetzen der Reflexion abgeleitet.

Das Bewusstsein ist frei, dieses innere Gesetz der Reflexion nachzuvollziehen oder nicht. Tut es das nicht, muss es zwangsweise entweder sich selbst überhöhen in einem Schein-Transzendentalismus, oder sich determinieren lassen in einem sinnlichen oder intelligiblen Realismus/Fatalismus. Dann ist aber die Aufgabe der Philosophie nicht erfüllt, die Prinzipien der Erkenntnis aufzustellen und sie anzuwenden. Man bricht dann vorzeitig den Erkenntnisprozess ab und begnügt sich mit anscheinend unendlich auszulegenden Zeichen.

© Dr. Franz Strasser, 20. 3. 2019

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Verwendete Literatur: Charles Sanders PEIRCE Neue Elemente. In: Zeichen über Zeichen. Texte zur Semiotik von PEIRCE bis Eco und Derrida. Hrsg. v. Dieter Mersch, München 1998, 37-56.

Klaus Hammacher, Der Begriff des Wissens bei Fichte. In: Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte. Fichte Studien, Supplementa, Amsterdam-Atlanta, 1996, 1- 27.

1 GWL, SW, I, S 234: „ Es ist sehr nöthig, den Begriff der Thätigkeit sich hier ganz rein zu denken. Es kann durch denselben nichts bezeichnet werden, was nicht in dem absoluten Setzen des Ich durch sich selbst enthalten ist; nichts, was nicht unmittelbar im Satze: Ich bin, liegt. Es ist demnach klar, dass nicht nur von allen Zeitbedingungen, sondern auch von allem Objecte der Thätigkeit völlig zu abstrahiren ist. Die Thathandlung des Ich, indem es sein eigenes Seyn setzt, geht gar nicht auf ein Object, sondern sie geht in sich selbst zurück. Erst dann, wenn das Ich sich selbst vorstellt, wird es Object.“

2Vgl. Erste Einleitung in die WL, SW I, 445: „Sie ist etwas nothwendiges, das aber nur in und bei einer freien Handlung vorkommt; etwas gefundenes, dessen Finden aber durch Freiheit bedingt ist.“

3Der „Existentialakt“ bedürfte näherer Erklärung: Siehe dazu z. B. WL 1805. Die Unbegreiflichkeit der Genesis des Lichts und die Projektion Gottes in der Lichtform fällt zusammen. Es muss dies ein unbegründeter Akt bleiben, durch den Gott sich in die Lichtform projiziert. Seine Projektion in die Lichtform ist seine Existenz, ist Existentialakt.

4 SW I, § 5, ebd. S 278 „Und so ist denn das ganze Wesen endlicher vernünftiger Naturen umfasst und erschöpft. Ursprüngliche Idee unseres absoluten Seyns: Streben zur Reflexion über uns selbst nach dieser Idee: Einschränkung, nicht dieses Strebens, aber unseres durch diese Einschränkung erst gesetzten wirklichen Daseyns*(6) durch ein entgegengesetztes Princip, ein Nicht-Ich, oder überhaupt durch unsere Endlichkeit: Selbstbewusstseyn und insbesondere Bewusstseyn unseres praktischen Strebens: Bestimmung unserer Vorstellungen darnach (ohne Freiheit, und mit Freiheit): durch sie unserer Handlungen, — der Richtung unseres wirklichen sinnlichen Vermögens: stete Erweiterung unserer Schranken in das Unendliche fort.“

5 SW I § 5, S 248 „Das Ich überhaupt ist Ich; es ist schlechterdings Ein und ebendasselbe Ich, kraft seines Gesetztseyns durch sich selbst (§.1).  Insofern nun insbesondere das Ich vorstellend oder eine Intelligenz ist, ist es als solches allerdings auch Eins; ein Vorstellungsvermögen unter nothwendigen Gesetzen: aber es ist insofern gar nicht Eins und ebendasselbe mit dem absoluten, schlechthin durch sich selbst gesetzten Ich.“ (sc. die Intelligenz ist dann synthetische Reflexion, aber dem Handeln nach wissend darum).