Der Begriff „katholisch“

Schon öfter las ich von REINHARD M. HÜBNER  diverse Artikel. Zufällig fiel mir folgender Aufsatz in die Hände: Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern. In: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. downloadbar von der Bayerischen Staatsbibliothek – aufrichtigen Dank! – siehe Link:

Hinter dem Wort „katholisch“ verbirgt sich, so meine Eindruck nach der Lektüre, somit nicht bloß ein  konfessioneller Begriff – zu dem er leider historisch wieder geworden ist – sondern eine Wesensbegriff des christlichen Glaubens. Obwohl nicht wörtlich im Neuen Testament vorkommend, ist er doch eine notwendige und gültige Weiterinterpretation der ganzen christlichen Sinnidee von Erlösung, Schöpfungsverständnis, Heilserwartung.
M. a. W., vom Systematischen her gesehen, wenn das Wesen notwendig eine objektivierende Seinsbeschreibung meint, so gehört es zum Wesen der christlichen Heilsidee (Sinnidee), dass sie durch die Eigenschaft „katholisch“ ausgezeichnet ist. Diese Prägung „katholisch“ verdankt sich somit einem inneren und internen Weiterdenken der christlichen Sinnidee, veranlasst, aber nicht bewirkt, durch die prekären geschichtlichen Situation des 2. Jhd. n. Chr, in der die Christen durch die Gnostiker und durch die Christenverfolgung in Bedrängnis geraten sind, ihren wesentlichen Gehalt zu bestimmen. Sie taten es in dieser„katholischen“ Wesensbeschreibung.

R. Hübner arbeitet die Charakteristika dieses Wesens heraus, veranlasst, aber nicht genuin bewirkt, wie gesagt, durch die historischen Umstände: (Ebd. S 71) Der Begriff katholisch enthält also – das hat Th. Keim richtig gesehen – ein negativ-polemisches und ein positives Element, welches F. Kattenbusch zutreffend mit den Worten: Kirche „für alle“ bestimmt hat. In dieser positiven Bedeutung entspricht das Kirchenattribut katholisch, das nicht in der Schrift steht, durchaus dem, was der Neutestamentler H. Merklein als evangeliumsgemäß festgestellt hat.

Die Ausbildung dessen, was gemeinhin als die grundlegenden Merkmale des Katholischen‘ gilt (Schriftkanon, Glaubensregel, Amt), vollzieht sich dabei folgerichtig, lässt aber eine aufschlussreiche zeitliche Entwicklung erkennen. Die apostolische Tradition des in den inspirierten Schriften bezeugten universalen Heilswillens Gottes verlangt den in der apostolischen Sukzession stehenden, öffentlich beglaubigten Lehrer als Übermittler, Verteidiger und Interpreten, der die lebenspendende Botschaft des Evangeliums in der (antignostischen) Glaubensformel konzentriert. Dieses Stadium ist in den Pastoralbriefen schon kräftig angebahnt, im Polykarpmartyrium er scheint es in Vollgestalt. In dieser Zeit erfolgt zugleich der Wechsel von der kollegialen Gemeindeleitung zum Monepiskopat, der erstmals im Martyrium Polycarpi 16 (Text 3) angedeutet ist (wo Polykarp als „Bischof der katholischen Kirche in Smyrna“ tituliert wird) und der nicht viele Jahre später in den Ignatianen in seiner nachhaltigen Gestalt propagiert wird. Auch hier, im Smyrnäerbrief 8 (Text 5), wird der Bischof (Polykarp von Smyrna!) in einem Atemzug mit der katholischen Kirche“ genannt. Katholische Kirche und Monepiskopat erscheinen in diesen beiden frühesten Zeugnissen ihres Vorkommens gemeinsam am selben Ort, verbunden mit derselben Person. Ist es zuviel gefolgert, wenn man annimmt, daß sie sich zusammen zu gleicher Zeit im Raume Smyrna ausgebildet haben?“

Da es zu Wesens-Fragen keine historische Antwort gibt, möchte ich vom Systematischen her gedacht fragen: Das Sein und Wesen des Katholischen würde ich nach dieser Lektüre als Universalität einer christlichen Sinnidee beschreiben: Alle können jetzt gerettet werden.

Aber dieses Wesen wäre unterbestimmt, wenn es als allgemeines Sein nur im Gegensatz zu Negativbeschreibungen (Gnosis) bestimmt werden könnte. Es muss eine positiven Sinngehalt in sich befassen. Es kann als transzendentale Idee der Wahrheit und des Guten nicht auf derselben Disjunktionsebene stehen wie das Sein der Natur oder das Sein einer bestimmten, gnostischen Erkenntnis. Die apriorische wie positive Offenbarung muss als Idee auch das konkrete Seiende bestimmen können, das geschichtliche und gesellschaftliche Sein, die Inspiration der Hl. Schrift und der ganzen Liturgie. Die apriorische und positive Offenbarung ist nicht ein abstrakt-allgemeines Sein, ablesbar nach der Art eines objektivierten Seienden (wie bei Aristoteles die „Metaphysik“ ohne Ableitungswissen da steht), sondern primäres Notions-Wissen, unmittelbares Wissen – oder ich nenne es auch „genetisches“ Wissen, da es aus der Intuition und Intellektion der Erscheinung des Absoluten kommt. Siehe meinen Blog zum Hl. Ignatius: durch und aus der genetischen Erkenntnis sah er eine kirchliche Ämterstruktur und eine kirchliche Repräsentation der christlichen Sinnidee legitimiert und für notwendig, nicht weil er psychologisch so herrschsüchtig und machthungrig und patriarchal veranlagt gewesen wäre, oder weil ihn notgedrungen die historischen Umstände dazu zwangen, sondern weil es für ihn in der christlichen Sinnidee lag, dass sie weitergegeben werden soll, auch wenn er nicht mehr da sein werde.

Speziell der Sinn einer kirchlichen Repräsentation der christlichen Offenbarung (in der Gemeinschaft, in der Liturgie, in der Verkündigung, in der Ämterfrage Bischof/Presbyter/Diakon), so meine Deutung, hatte oberste Priorität, und danach haben sich alle inhaltlichen und strukturellen Fragen zu richten. Die Notwendigkeit der gewissen kirchlichen Hierarchie schien ihm geboten, damit die universale Heilsidee an ihr Ziel gebracht werden könnte. Aber deshalb ist die kirchliche Hierarchie nicht metaphysisch wahrzunehmender Zweck gewesen, sondern Mittel zum Zweck der Heilserkenntnis. Die kirchliche Hierarchie war abgeleitetes Wissen, modal denknotwendig, wenn vom Wesen der Offenbarung Gottes gesprochen werden sollte, aber inhaltlich festgeschrieben auf einen gewissen Inhalt.

R. Hübner belegt akribisch, in welchem historischen Kontext und in welcher prekärer Lage und in welcher Auseinandersetzung die christliche Sinnidee um die Mitte des 2. Jhd. geraten war. Die christliche Offenbarung musste sich sozusagen neu explizieren, aber von ihrem Wesen her, nicht durch reine Assimilation. Generell ist eine wirkliche Erkenntniserweiterung eigentlich nur im ideellen Wissen möglich ist. Die historischen und empirischen Daten gewähren keine neue Erkenntnis, wenn sie nicht selbst in einen übergeordneten Sach- und Geschichtszusammenhang gestellt werden können. Die historischen und empirischen Daten sind für eine Induktionserkenntnis von Belang, aber alle Induktion wiederum kann erst durch ein apriorisches Wissen in seinem Sinn zusammengefasst und verarbeitet werden.

Das induktive Wissen wie z. B. R. Hübner es schildert, lässt eventuell, d. h. es ist für ihn historisch offen und ungeklärt, die Gültigkeit der Sakramente von der Autorität und Lokalität eines Bischofs in dieser Zeit um ca. 150 n. Chr. abhängen. Dies wäre für mich aber keine zureichende Begründung, denn letztlich kann alle Begründung nur von einer genetischen Erkenntnis der apriorischen und positiven Offenbarung herkommen: wie eine typologische Geschichtsreihe in der Hl. Schrift erkannt werden kann, wie das Zusammenleben sich gesalten soll, wie die Ämter begründet werden, das ist alles eine Wesenserkenntnis aus und durch die Offenbarung und nicht eine rein pragmatische, praktische Lösungsaufgabe. Im Zusammenspiel vieler Kriterien wurde das neue Merkmal des „katholisch“ geprägt als transzendentale Idee, das ganze naturale und gesellschaftliche Sein des Menschen und der Welt zu durchdringen und zu bestimmen. Die neue „katholische“ Wesensidentität schloss alle Bereiche des Glaubens sein: Die Universalität der Rettung schloss ein die Legitimation der ganzen Hl. Schrift (der Schrift der Juden und die ntl. Schriften), die besonderen Glaubenslehren, die Ämterfrage, die Gleichheit aller Menschen, wie eben eine transzendentale Idee eine kategoriale Idee begründet und nicht umgekehrt.

Die Katholizität, so lese ich den Artikel, ist zu einem Synonym für die Universalität der rettenden Botschaft geworden. M. a. W., die Offenbarung Gottes ist ein archetypisches Totalitäts-Allgemeines, durch das nicht nur allgemeines Sein und allgemein Konkretes oder allgemein Einzelnes bestimmt wird, sondern ein Totalitätsallgemeines, das „katholisch“ das Wesen der Welt und das Wesen des Menschen durchdringt und bestimmt. Z. B. ein „katholische“ Bischof repräsentiert nicht das Allgemeine einer gnostischen Lehrmeinung oder das Allgemeine einer abstrahierten Offenbarung oder das Allgemeine einer sich selbst die Verfassung gebenden Versammlung von Bürgern, sondern das repräsentativ Konkrete einer universalen Sinnidee.

Mir gefällt hier die scharfsinnige Zusammenfassung und zugleich bescheidene Auffassung dieses Historikers R. Hübner, wenn er sagt, dass historisch noch nicht geklärt werden kann, wie die Verhältnisbestimmung der Gültigkeit der Sakramente mit der Institution des Bischofs zusammenhing. Ob die Sakralität der Sakramente von einem Bedürfnis der Sicherheit und Garantie gegenüber gnostischen Elementen abhing, indem auf den Bischof verwiesen wurde, „ist eine noch nicht beantwortete Frage…….“ (ebd. S 71) Bestätigen die Sakramente selbst den Bischof, oder umgekehrt bestätigt er deren Gültigkeit? Weil aus prekärer, gesellschaftlicher Lage heraus genötigt?

Der Historiker wird aus einer rein historischen Sicht die Wesensidee des Christlichen, die apriorische und positive Offenbarung, nicht zureichend begründen können. Er kann sich nur auf die geschichtlichen Fakten berufen. Aber die Deutung dieser Fakten ist ihm nolens volens nicht erspart, will er eine geschichtliche Linie und Reihe aufbauen: Eine geschichtliche Reihe des Schriftkanons, eine Beurteilung der Glaubenslehre des 2. Jhd., eine Meinung zur Ämterfrage. Ob das Bedürfnis nach den pharmaka der gültigen Sakramente die herausragende Rolle des Bischofs begründeten, oder umgekehrt, nur die gesellschaftliche Erfordernisse eine kirchliche Hierarchie hervorriefen, oder eine besonders Autorität eines Polykarp oder Ignatius das Bischofsamt begünstigte – letztlich muss für diese transzendentale Hermeneutik der Fakten eine transzendentale Sinnidee als Erklärungsgrund herhalten, was vom Wesen her zentraler Inhalt der Offenbarung Gottes ist. Ich kann im Begriff „katholisch“ den Schriftkanon, die Glaubenslehre, die Ämterfrage gut ausgedeutet finden. Sobald aber das Wesen der christlichen Sinnidee nicht mehr im „katholisch“ erkannt werden kann, wundern mich dann die Auffassungsunterschiede im Gehalt dieser Sinnidee nicht mehr (orthodoxe Gleichrangigkeit aller Bischöfe, Vorrang der Schriftauslegung bei den Reformatoren etc.), und das „katholisch“ wird eine Konfessionsbezeichnung.

Der jetzige Papst kommt mir in vielem sehr „katholisch“ vor, denn selbst zu den Moslems und vielen Andersgläubigen geht er mit der christlichen Sinnidee, dass der Mensch gerettet werden solle. Ich hätte sicher nicht diese Weite. Konfessionelle Streitereien kann er ziemlich hintan halten, ohne dass vom spezifischen Sinn der christlichen Offenbarung aber etwas verloren geht.

© Franz Strasser, 9. 12. 2019

 

 

 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser