Formale Logik und Philosophie

1) In FICHTES  „EIGNE MEDITATIONEN über ElementarPhilosophie“, GA II, 3, 1793/94 fällt ganz am Anfang auf, dass a) die formale Logik explizit angesprochen und eingeführt wird, sie aber b) in ihrer Begründung und Rechtfertigung auf ein höheres Verfahren verweist, durch die sie ihre Gültigkeit erfährt.

Damit ist ein Thema angeschlagen, das bis heute das Problem der Begründung logischer Sätze, die Frage nach Basissätzen, nach Axiomen, nach Wahrheitskriterien etc., beherrscht.

Nach außen hin lädt ein Vergleich mit KANT ein. Wie hat KANT das Problem gesehen und gelöst? Ohne viel Sekundärliteratur heranzuziehen, allein aus der Lektüre der KrV schöpfend, soll der Begriff der „transzendentalen Logik“ meines Erachtens

1.) über die Handlungen der Vernunft selber Auskunft geben. Wie stellt sie es an, Erkenntnis der Dinge zu erreichen?

2.) Die “ transzendentale Logik“  soll die Grenzen der Vernunfterkenntnis darlegen, denn ohne sinnliche Anschauung und aus bloßen Begriffen kann keine objektiv gültige Wahrheit gewonnen werden. Der dialektische Schein aus bloßen begrifflichen Erkenntnisansprüchen muss aufgedeckt und abgewehrt werden – das Thema der „transzendentalen Dialektik“, 2. Hauptteil der KrV.

3.) Schließlich muss die KrV die Bedingung der Möglichkeit der Vernunft als Ganzes selbst zum Gegenstand der Erkenntnis machen. (Thema in der KdU 1791) KANTS Definition der „transzendentale Erkenntnisart“ heißt bekanntlich:

Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht so wohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, so fern (Hervorhebung) diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde Transzendental-Philosophie heißen. (KrV B 26)

Es geht also um das Thema der „transzendental“ notwendig vorauszusetzenden Bedingungen, die die Erkenntnis der Gegenstände sinnlicher Erfahrung ermöglichen.

Das „so fern“ verbirgt die ganze Crux der Kantischen Transzendentalphilosphie, insofern das apriorische Erkennen (apriorische Apperzeption, apriorische Anschauungsformen, apriorische Begriffe und Denkformen) gemäß der  Schematisierung der Einbildungskraft auf die Sinnlichkeit übertragen werden soll – aber nur teilweise gelingen kann, weil zu „ungleichartig“ die beiden Sphären, Verstand und Sinnlichkeit in der Zeitbestimmung aufeinandertreffen. M. a. W., die Einschränkungsbedingungen der synthetischen Erkenntnisse a priori sind nur wahr und gültig in Bezug auf die mögliche Erfahrung – was einerseits richtig ist, andererseits unzureichend, denn damit verbaut sich KANT eine höhere Herleitung der Zeit. 1

Eine bloße formale Logik, so KANT im Zusammenhang der beabsichtigten Einführung einer höheren Logik, kann zwar schon einen „negativen Probierstein der Wahrheit“ (KrV B 85) liefern, indem wenigstens die Erkenntnisse nach den formalen Kriterien der Logik wahr sein müssen – aber, so jetzt sein Anliegen und seine präventive Absicht, a) um „materielle“ Wahrheit zu erreichen und b) vor falschen dialektischen Schein aus bloßen Begriffen zu bewahren und die formale Logik als Werkzeug synthetischer Urteile a priori zu missbrauchen – bedarf es der Schaffung einer neuen, „transzendentalen Logik“.

Die allgemeine Logik löset nun das ganze formale Geschäfte des Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf und stellt sie als Principien aller logischen Beurtheilung unserer Erkenntniß dar. Dieser Theil der Logik kann daher Analytik heißen und ist eben darum der wenigstens negative Probirstein der Wahrheit, indem man zuvörderst alle Erkenntniß ihrer Form nach an diesen Regeln prüfen und schätzen muß, ehe man sie selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, |ob sie in Ansehung des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil aber die bloße Form des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen Gesetzen übereinstimmen mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objective) Wahrheit dem Erkenntnisse darum auszumachen, so kann sich niemand bloß mit der Logik wagen, über Gegenstände zu urtheilen und irgend etwas zu behaupten, ohne von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen zu haben, um hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung derselben in einem zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen zu versuchen, noch besser aber, sie lediglich darnach zu prüfen. Gleichwohl liegt so etwas Verleitendes in dem Besitze einer so scheinbaren Kunst, allen unseren Erkenntnissen die Form des Verstandes zu geben, ob man gleich in Ansehung des Inhalts derselben noch sehr leer und || arm sein mag, daß jene allgemeine Logik, die bloß ein Kanon zur Beurtheilung ist, gleichsam wie ein Organon zur wirklichen Hervorbringung, wenigstens zum°° Blendwerk von objectiven Behauptungen gebraucht und mithin in der That dadurch gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun, als vermeintes Organon, heißt Dialektik.“ (KrV B 85.86) (Hervorhebungen von mir)

Es ist zu „erwarten“, dass es eine solche „Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses“ (d. h. der „transzendentalen Logik“, KrV B 82.) geben wird.

2) Stellt sich hier ein Parallele ein, insofern bei FICHTE die „Transzendentale Logik“ (zwei Vorlesungsreihen SSM und WSS 1812) ebenfalls zur elementaren und propädeutischen Hinführung der WL dient – wie KANTS „transzendentale Logik“ zur Hinführung und Beweisführung der synthetischen Erkenntnisse a priori, d. h. der Propädeutik der Transzendentalphilosophie dienen soll?2

Man kann die Frage verneinen, da es FICHTE a) um den Begriff der Philosophie in ihrem Philosophieren überhaupt geht, wie Wissen gewonnen werden kann, noch ohne Unterscheidung „formale“ und „transzendentale“ Logik und b) noch ohne Hinblicken auf eine „materielle (objective) Wahrheit“, d. h. ohne dieser Frage nach der Wahrheit der synthetischen Urteilen in der sinnlichen Erfahrung.


Man könnte die Frage aber auch
bejahen, weil es um die prinzipiell gleichen Anliegen geht, nämlich a) die Verfahrensweise der Vernunft in anschauliches und logifizierendes Denken zu unterscheiden und zu begreifen – und b) die Vernunft als Ganzes – in ihrer gesamten Reflexion des theoretischen Vorstellens wie praktischen Handelns und Wollens – in transzendentaler Weise zu verstehen.

Beide Philosophen kündigen gleichsam eine neue Grundlegung der philosophischen Begriffe an und so generell ein neues Philosophieren unter dem Namen „Transzendentalphilosophie“.

KANT definiert, wie folgt:

Die Transscendental-Philosophie ist hier nur eine Idee, wozu die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d.i. aus Principien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. (…..Zusatz in B). Daß diese Kritik nicht schon selbst Transscendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um ein vollständig System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der ganzen menschlichen Erkenntniß a priori enthalten müßte.“ (A 14).  

Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transscendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee der Transscendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst, weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurtheilung der synthetischen Erkenntniß a priori erforderlich ist.“ (KrV, A 15)

3) Aus der späteren Sicht FICHTES  verwickelte sich aber KANT mit seiner Unterscheidung zwischen „formaler“ und „transzendentaler Logik“ in unnötige Schwierigkeiten, indem er zwecks Sicherung a) einer wahrhaft begründeten Transzendentalphilosopie im Allgemeinen und b) der synthetischen Urteile a priori im Besonderen eine inhaltliche Logik postulieren muss.
Es kann hier m. E. eine gewisse antirationalistische  Skepsis gegenüber der bisherigen Begriffs-Metaphysik beobachtet werden, da frühere Metaphysik aus Begriffen und Schlussverfahren zu Antworten kam, die nicht gesichert waren.

Da einerseits das Geschäft der Philosophie aber weiterhin das begriffliche Erkennen bleiben soll, andererseits der Weg des logifizierenden Denkens durch Anschauung aber abgesichert werden muss, bedarf es einer inhaltlichen Logik, einer „Transzendentalen Logik“. (Später hat HEGEL das ganze erkenntniskritische Vorgehen KANTS von ästhetischer Analytik und begrifflicher Logik sehr herabgewürdigt, als hätte jener das ganze Handeln der Vernunft nicht durchschaut. Ein doppelt falscher Vorwurf, weil er es natürlich gewusst hat, was KANT sagen wollte.)

FICHTE hat das Anliegen KANTS voll und ganz aufgegriffen, aber konnte durch seinen höheren, selbst-reflexiven Standpunkt des Wissens das Anliegen einer „transzendentalen Logik“ nochmals neu formulieren. Die Disjunktion Anschauung und Begriff auf der sinnlichen Ebene fiel bei FICHTE aus der Einheit des sich selbst Setzens des Ichs weg – sodass die bei KANT wichtige Frage der Begründung der synthetischen Urteile a priori ebenfalls wegfiel. (Gelegentlich nimmt FICHTE darauf Bezug, um explizit den Unterschied zwischen ihm und KANT zu benennen; nicht um KANT herabzusetzen.3)

Der Absicht nach waren also beide Philosophen gleich. Zu Kants Definition einer „Elementarlogik“ siehe A 52; B 76ff; 4zur zweiten Form der Logik schreibt KANT:

In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder sinnliche Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens, die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch wir Gegenstände völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den Umfang und die objective Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte, würde transscendentale Logik heißen müssen, weil sie es bloß mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zu thun hat, aber lediglich, sofern sie auf Gegenstände a priori bezogen | wird und nicht wie die allgemeine Logik auf die empirischen sowohl als reinen Vernunfterkenntnisse ohne Unterschied.“ (KrV B 81/82) (Hervorhebung von mir)

Der Ansatz einer aus der Kritik der reinen Vernunft folgenden Idee einer Transzendentalphilosophie  – bestehend aus einer transzendentale Ästhetik“ (KrV, B ff, A 19ff) und einer Analytik der „Elemente der reinen Verstandeserkenntnis“ (KrV, B 89 ff; A 65ff) – ist nach FICHTE nicht konsequent zu Ende gedacht.

Die „Handlungen des reinen Denkens“, wie Kant die „Transzendentale Logik“ oben definierte, sind  völlig richtig, wenn Denken und Sein, Begriff und Anschauung in der Genesis und Reflexivität des (subjektiv-objektiven) Wissens, also in und aus einer gemeinsamen Quelle, entspringen. Es muss eine apriorische, inhaltliche, transzendentale Logik geben, die aber nicht faktisch und sinnlich erst nachträglich bewiesen werden muss!

R. Lauth hat den Zusammenhang und den Unterschied zwischen Kant und Fichte oft herausgestellt: „Fichtes grundsätzliche Kritik an Kants durch die Grundsätze des Verstandes bestimmten Ontologie, als Wissenschaft von den äußeren Gegenständen überhaupt, hebt mit der Bemerkung an, dass Kant, indem er nur eine Kritik, kein System der Vernunft lieferte, nur bei den apriorischen Voraussetzungen in bestimmten Bereichen des Geistes ansetzen konnte. So schreibt er: “Kant, der die Kategorien ursprünglich als Denkformen erzeugt werden läßt, und der von seinem Gesichtspunkte (cf. der Kritik] aus daran völlig Recht hat, bedarf der durch die Einbildungskraft entworfnen Schemate, um ihre Anwendung auf Objekte möglich zu machen” (“Grundriß des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre”, Akad.-Ausg. 1,3,189). “In der Wissenschaftslehre (cf. als einem System der Vernunft] entstehen sie [sc. die Kategorien] mit den Objekten zugleich und um dieselben erst möglich zu machen, auf dem Boden der Einbildungskraft selbst.” (Ebd.)“ 5

KANT begibt sich, nolens volens, immer wieder in einen unreflektierten, dogmatischen Standpunkt: Von vornherein wird eine Disjunktion aufgemacht zwischen einem Subjekt, das in objektkonstitutiver Form sämtliche synthetischen Akte a priori zu setzen vermag, aber die Bestätigung und Legitimation der apriorischen Erkenntnisart liegt außerhalb des Subjekts in der sinnlichen Anschauung. Es gibt eine Elementarlehre Transzendentaler Analytik  der Ästhetik und der  Logik, aber deren Wahrheitsbeweis liegt faktisch in der sinnlichen Erfahrung. Das Dilemma wird bleiben, so sehr sich auch KANT bemüht, einerseits die intelligible Sphäre des Verstandes, andererseits die sinnliche Sphäre der Anschauung mittels transzendentaler Einbildungskraft zu überbrücken: Die begriffliche Apperzeption des „Ich denke“ kann sich nicht selbst erkennen, sondern wird durch die empirische und transzendentale Zeitanschauung dogmatisch bestimmt.

Das „transzendentale Schema“ einer „reinen Synthesis gemäß einer Regel der Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt“ (…) (Schlussteil des Schematismuskapitels, KrV B 181) – das ist alles genial erkannt, aber es fehlt diesem Schema die Begründung und Herleitung.

Die Mannigfaltigkeit der Eindrücke strömt von außen an das „Ich denke“ heran und nachträglich bestimmt das „Ich denke“ in einer theoretischen Synthesis diese Mannigfaltigkeit. KANT ist immer nahe dran – siehe auch den Abschnitte im Schematismuskapitel über die „figürliche Synthesis“, die die „Sukzession“ der Zeit sogar hervorbringt (KrV B 154.155) – restringiert aber im entscheidenden Augenblick die Gültigkeit des apriorischen Vernunftgebrauchs auf die Gegenstände der sinnlichen Erfahrung – und verspielt so die Relevanz seines transzendentalen Erkennens.

4) FICHTE wird die berechtigte, kantische Frage nach einer gültigen Erkenntnis a priori zu einem systematischen Abschluss bringen.

Der große Unterschied zu Kant ist, dass nicht mehr transzendentale Ästhetik unverbunden neben transzendentaler Logik zu stehen kommt,  sondern  Anschauungs- und Denkformen entspringen einer analytisch-synthetischen Quelle der Erkenntnis: In und aus Vernunft wird die apriorische und selbstreflexive Denkform entwickelt, die sowohl die Anschauungsformen wie die Kategorien und reflexiven Ideen (die Umkehrung der Kategorien) umfasst. Die Gesetze der Ästhetik und der Logik entspringen den Gesetzen des Setzens und Gegensetzen der Vernunft überhaupt.

Welcher Gedankengang ihn dabei leitete, läßt sich am besten aus einer Stelle eines Entwurfs zur Rezension von Schulzes “Aenesidemus” (1792) dartun: “Giebt […] das Ich sich selbst ein Gesez (der unbedingten Nothwendigkeit) in sofern es Intelligenz ist; so ist es ein autonomes Wesen; u. wenn man von seiner Bindung, daraus es Intelligenz, ein Nicht-Ich vorstellendes ist, abstrahirt, u. es in der intellectuellen Anschauung sich selbst darstellend ansieht, so entsteht dadurch ein absolutes Gesez der absoluten Selbstbestimmung, welche, wenn sie auf etwas bezogen wird, das nicht schlechthin durch uns selbst bestimmt, u. dargestellt wird, ein Trieb […] seyn wird, jenes nicht ganz von uns Abhängige abhängig von uns, u. mit unsrer wesentlichen Bestimmung übereinstimmend zu machen.” (GA II, 2, 295)“ 6

Anders ausgedrückt: Nach FICHTE kann nichts vorausgesetzt werden, was nicht im reflexiven Wissen selbst gesetzt ist, d.h. transzendental im Wissen um seine Entstehung gebildet ist. Wie könnte es bloß faktische, formale Regeln des Denkens geben ohne Anschauung, wie KANT die formale Logik vorgefunden hat (unterschieden in Begriff, Urteil, Schluss), sodass ergänzend, notwendig, eine inhaltliche, transzendentale Logik nachgeschoben werden muss

Die Anschauungsformen – mit Kant gesprochen „transzendentale Ästhetik“ und die Denkformen – mit Kant „transzendentale Logik“ genannt  – entspringen einer transzendental-genetischen Form des Setzens und Gegensetzens.  Begriff und Anschauung werden in Synthese mit der Hemmung (oder einem Aufruf) mittels Schweben der Einbildungskraft ineinander verarbeitet und gebildet. Der Schematismus der Anwendung von Begriffen auf die Anschauungsformen, wenn man überhaupt noch diese disjunktive Trennung KANTS nachsprechen will, ist ein einziger, totaler Schematismus einer Vernunftidee, die in der Einheit des Setzens sich selbst ausschematisiert in reine Anschauungsformen und Denkformen, bezogen auf jede mögliche Erfahrung.

Die aposteriorische Seite ist nur die Kehrseite der apriorischen Seite und umgekehrt bestätigt sich die apriorische Seite in der aposteriorischen Erfahrung. Es braucht keine nachträgliche Legitimation, mit welcher Extra-Logik das Denken sich auf die Anschauung beziehen muss, damit sie wahr ist, vielmehr folgt aus einer disjunktionslosen Wahrheit die Bestimmung der intelligiblen/intentionalen und sinnlichen Gegenstände. Die Synthesen der Begriffe, seien es intelligible oder sinnliche Dinge, sind damit nicht deduktiv auffindbar, da ein relativ absoluter Teilaspekt des Nicht-Ichs bleiben muss, wenn freies Schweben und deliberierendes Wollen noch möglich sein sollte, aber innerhalb eines geschlossenen apriorischen Systems sind die aposteriorischen Erfahrungen bestimmbar (quantitierbar). Die Idee der Transzendentalphilosophie ist ein apriorisch geschlossenes, wie aposteriorisch offenes System – und anders kann die Hauptaufgabe der Philosophie als Erkenntnis der Prinzipien der Wirklichkeit und deren Darstellbarkeit nicht verstanden werden.

Wenn die Vernunft sich selbst richtig versteht, d. h. wenn Philosophie Erkenntnis der Prinzipien der Wirklichkeit und deren Darstellung sein will, so ist ihr Verfahren analytisch zu erkennen und zu begründen (in einem aufsteigendem Verfahren) und synthetisch zu verstehen (in einem absteigendem Verfahren). Philosophie ist reduktive Erkenntnis und deduktive Darstellung der Erkenntnisprinzipien in ihren schematisierten Begriffen.

Die GRUNDLAGE von 1794/95 bringt es auf den Begriff: Ausgegangen wird vom Schweben der Einbildungskraft; dessen Produkt wird in und aus der Vernunft systematisch bestimmt. Das „Gefühl“ (Ausdruck bei FICHTE als elementare Erfahrung) wird zur Empfindung und Wahrnehmung, die Wahrnehmung durch die Anschauungsformen und das Verstandesdenken zur Erfahrung, und die Erfahrung zur Vorstellung einer einheitlichen Natur (im empirischen Denken). Die kategoriale Zeitbestimmung – bisweilen auch transzendentale Zeitbestimmung genannt – beginnt transzendentallogisch nicht mit der Quantität (wie bei KANT), sondern mit der Qualität. Weiters sind die kategorialen Bestimmungen a) systematisch geordnet und stehen b) untereinander in einer höheren systematischen Ordnung durch die Reflexionsideen des Zweckbegriffes und der Relation zwischen Erscheinungswirklichkeit des Absoluten überhaupt und Denken. (Beschrieben dann als genetische Einheit, epistemologische Bildung aller epistemischen Relationen.)

5) Die Problematisierung und Begründung der logischen Regeln – der „formalen Logik“ nach KANT – ist von FICHTE ausdrücklich thematisiert in den genannten Vorlesungen 1812; doch das Thema kommt bei FICHTE von allem Anfang an. Deshalb sei sogar hier noch umrisshaft auf die Vorform der WL eingegangen:7

In den EIGNEN MEDITATIONEN und in der weiterführenden PRACTISCHEN PHILOSOPHIE (Frühjahr 1794) sieht FICHTE das anstehende Problem einer Begründung der „formalen Logik“. Ich zitiere hier EIGNE MEDITATIONEN, 1794. Es ist bereits fichtesche Klarheit und Konzeption:

Logik der Elementarphilosophie. Ihr Begrif. Es kann gewiße GrundRegeln, allgemeine Regeln geben, die bei allem, was im Gemüthe vorgeht, vorkommen.“ GA II, 3, S 21).

Man hört einen  später zu deklarierenden Sinn von transzendentalen „GrundRegeln“ heraus, die „im Gemüthe“ vorkommen, die also apriorisch und existentiell notwendig im Reflexionsakt mitgesetzt sind, abhängig von einem noch höheren Bewusstseinsakt, dessen Deduktionsgrund vorläufig noch nicht eingesehen ist, aber von der Philosophie gefunden werden kann.

(2. Überschrift, aber deutlich nachgereiht hinter einem höheren Deduktionsgrund) Logische Regeln.

Logik muss von der Philosophie begründet werden, obwohl die Philosophie sich ihrer Regeln bedient. Dies darf kein Zirkel sein, denn bei sauberer Differenzierung der Regeln des Erkennens und des logischen Schließens muss genetisch der Ursprung der apriorischen Wesensgesetze des Bewussteins – und damit auch der Logik –  eingesehen werden können. 

NB. Die Logik überhaupt ist selbst etwas im menschl. Geiste.“ (ebd. S 22) (sc. Der Sternchenvermerk, wahrscheinlich etwas später hinzugefügt bei der schriftlichen Korrektur oder beim mündlichen Vortrag?, verdeutlicht die Charakteristik der formalen Logik als abzuleitende, intelligible, faktische Wesengesetzlichkeit.)

Die Logik ist schon eine angewandte Wesenlehre. Ihr Objekt ist eine Abstraction vom möglichen Objekte des Denkens. Sie betrachtet die Formen des Geistes in ihrer höchsten Allgemeinheit. – (sc. Gedankenstrich – „hingegen“) Bedarf es für die Elementarphilosophie einer besonderen (…)

1.) Die ElementarPhilosophie steht ihrer Form nach unter der allgemeinen Logik. Wie diese wieder unter jener; da ist ein Zirkel.

Die Philosophie muss sich hypothetisch der allgemeinen formalen Logik bedienen, d. h. hypothetisch ihre Gültigkeit voraussetzen, bis die zu begründende Erscheinungssubjektivität und Erscheinungsobjektivität als Ursache der Vorstellung abgeleitet sind. Die Vorstellung (oder die Möglichkeit des Bewusstseins) muss in der höchsten Form einer reflexiven Denkform liegen, ein Identitätsgesetz der Reflexivität („Ichheit“, Ichform) sein, in der und aus der alle logischen Regeln, alle Phänomenalität der naturalen und der interpersonalen, der moralischen und religiösen und der geschichtlichen Welt ableitbar sind. Im analytischen Auffinden der genetischen Einsicht in diese Reflexivität bedient sich das forschende, heuristische Verfahren des logischen Widerspruchsprinzips, um Wahrheit von Nicht-Wahrheit klar unterscheiden zu können, aber der Ursprung der analytischen Erkennens, selbst des logischen Widerspruchsprinzips, liegt in der ontologischen und gnoseologischen Einheit des Setzens.

2.) Sie (sc. die Logik) bedarf nur gewißer Erinnerungen, die aus ihrem Objekte folgen.“ (ebd. S 22)

Schon rein textlich wird der Vorrang des Ich-Begriffes vor den logischen Regeln des Verstandes in der „ElementarPhilosophie“ behauptet (ebd. S 22) – ehe dann ausführlicher auf den Zirkel der Selbstsetzung des Ichs nach logischen Regeln eingegangen wird (ebd. S 23 – 26).

Gewiße Vorgänge in unserer Seele, die den Regeln unseres Geistes nach, (der vorgeschriebnen Methode nach, wie das geschieht) auf Begriffe gebracht, u. in Sätzen enarrirt werden.“ (ebd. S23)

Die Vorgänge der Logik sind hier gnoseologische, intelligible Vorgänge in unserer Seele.  Das klingt noch etwas psychologisch, introspektiv – es ist ja erst der Anfang der Wissenschaftslehre -, aber eine reale, ontologische Gültigkeit der Logik wird schon mitgedacht.   Da nichts außerhalb des Wissens gesetzt sein kann, sondern nur im Ich und durch das Ich (in der Icheinheit), muss es auch einen realen Gehalt/Stoff der logischen Regeln und Gesetze geben. Die logischen Regeln sind „begriffen“ (ebd. S 24), d. h. im Wissen anschaulich gesetzt. Die Transzendentalphilosophie hat einen wesentlichen Schritt nach vorne gemacht und ist noch deutlicher in seiner Ableitung geworden: Kant fragte nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis der menschlichen Erfahrung, wobei die Erfahrung erkenntniskritisch eingeschränkt war auf die Gegenstände sinnlicher Erfahrung – und mit Selbstverständlichkeit, aber doch dogmatisch, behauptet KANT: „Die Bedingungen a priori einer möglichen Erfahrung sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung.“ (KrV B 158). Nach FICHTE sind die Möglichkeitsbedingungen der Erkenntnis zu Bedingungen der Wissbarkeit geworden.

6) FICHTE geht dabei in vielen Schriften so vor – z. B. am Beginn der Wlnm (1797-1799): Denke dein Ich, beobachte dich und was geht dabei in dir vor? Es ist die intellektuelle Anschauung, die die Regeln und Gesetze des Geistes intuiert und intelligiert und anschaulich setzt.

Nach der anfänglichen Klarstellung, was den logischen Regeln des Denkens vorausgehen muss, nämlich eine Wissenseinheit, ein Ich-Begriff, kehrt FICHTE zur „ElementarPhilosophie selbst“ (ebd. S 26ff) zurück.

Der erste Saz ist der des „Ich“ (ebd. S 26)

Es folgt ab § 2 und §3 ff der EIGNEN MEDITATIONEN eine Neubegründung großer philosophischer Begriffe – und dies in systematischer Form.

FICHTE erkennt, dass einerseits a) eine theoretische Synthesis der Gegensatzglieder in der Anschauung bis zu einem gewissen Grad möglich ist (durch das Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft), b) doch dies verlangt von sich her eine Begründung, warum transzendental notwendig die Gegensatzglieder Ich und Nicht-Ich in der Vorstellung vereint sein sollen.

So führt das heuristische Suchen und Fragen von selbst zur „PRACTISCHE PHILOSOPHIE“ (ebd. S 181ff). Warum setzt die Selbstsetzung des Ichs notwendig die logischen Regeln und Gesetze (Kategorien) voraus, oder zumindest, warum erfolgt die Selbstsetzung gemäß der logischen Regeln? Und warum letztlich eine praktisch-theoretische Gegensetzung? Zwecks Erklärung und Ermöglichung eines freien Übergehens in einem appositionellen und zugleich implikativen Setzens bedient sich das Bewusstsein der logischen Regeln, bestimmt damit die eigenen Denkgesetze und Anschauungsformen, und geht damit über zur Empirie (zum Anlass, zum Anstoß, zur Aufforderung) der empirischen Begriffe mit ihren qualitativen Erfahrungen.

Das Ich muss einerseits mannigfaltig, qualitativ gehemmt sein, um sich bestimmen zu können, es kann aber nicht determiniert sein, sondern muss frei über die Defizienz des unvollkommenen Realisiertseins hinausgehen können. Deshalb setzt es implikative Grund-Folge-Ordnungen und appositionelle Ursache-Wirkungs-Ordnungen in einem – und verfährt dabei nach logischen Regeln.  

Das Referenzprinzip der „Erfahrung“ einerseits, und das Problemprinzip der transzendentalen Erkenntnisart andererseits, um die beiden Extreme bei KANT so zu benennen – sozusagen die Hauptprobleme der ANALYTISCHEN PHILOSOPHIE – sie müssen nicht erst nachträglich in einer transzendentalen Apperzeption synthetisiert und durch eine eigenen „Transzendentale Logik“ begründet werden, sie sind schon verbunden und synthetisch eins in der Reflexibilität des Wissens in der Ich-Einheit.

7) K. L. REINHOLD meinte, die Vorstellung sei die Basis des Wissens. Alles sei in der Vorstellung begründet und eingeschlossen. Sicherlich logisch richtig, ähnlich den faktischen Denkformen bei KANT, aber worin gründet dieses Gesetztseins von Vorstellendem und Vorgestellten? Was begründet das vorstellende Vorstellen (=V1) eines Vorgestellten (=V2) als gewusstes Vorgestelltes bzw. wissendes Vorstellen (=V3)?

Es hat den Anschein, als seien diese in der Vorstellung enthaltenen Relationen (in der modernen Logik spricht man von zweistellig und dreistellig) wiederum bloß vorgestellt und wiederum bloß ein sekundärreflexives Verhältnis von Vorstellendem und Vorgestellten – ohne den Disjunktionsgrund ihrer Unterschiedenheit und ihrer Beziehung angeben zu können.  Es kann aber nicht ein blindes Ich im Vorstellenden des Vorgestellten gesetzt sein ohne Sich-Wissen dieser Vorstellung! Wenn es kein Sich-Wissen des Ichs gäbe, gäbe es nur eine blinde Reflexion, das im unendlichen Regress sich vorstellt, aber im Zurückkommen auf sich selbst bereits einen neuen Denkakt ansetzen muss und nie den Anfang seines Setzens erreichen kann.

Ein vorreflexives Ich, dass sich erst dank mehrstelliger Logik (oder überhaupt dank Logik) als Ich finden könnte, ist per se ein Widerspruch, denn es könnte sekundärreflexiv oder logisch seine Reflexion nie fassen, wenn es nicht apriorisch von vornherein schon weiß, was die Identität seiner selbst ist und was „Ich“ meint und was späterhin „Logik“ heißt. Entweder ist die Relation V1 zu V2 primär und apriorisch gewusst in V3, oder sie wird überhaupt nicht und zeitlich nie gewusst. Die Logik erzeugt nicht faktisch oder nachträglich die Identität des Ichs, sondern die Selbstsetzung des Ichs, später klar als Erscheinungswirklichkeit der Absoluten beschrieben, erscheint im Bilden/im Sehen als sinn-bildende Identität und schafft die logischen Gesetze und was aus Implikation und Apposition folgt.

Die Logik selber ist sekundäres Produkt der Reflexion des sich-Wissenden Setzens.

Ein vorstellendes Wissen V1 und vorgestelltes Wissen V2 können nur als solche V3 gewusst werden, wenn sie synthetisch so gedacht werden, dass V1 und V2 einerseits identisch sind und zugleich begrifflich verschieden sind. Synthetisch werden sie nicht erst identisch gesetzt, sie sind schon identisch und verschieden gesetzt im ursprünglichen Setzungsakt. Sowohl das Identisch-Sein ist ein abgeleiteter, logischer Ausdruck wie das Verschieden- oder Widersprechend-Sein ist ein abgeleiteter, logischer Ausdruck. Beide sind aus Thesis und Antithesis abgeleitete, synthetische Ausdrücke. M. a. W. Die Identität und der Widerspruch gründen in einer setzenden begrifflichen Anschauung. Im Begriff ist einerseits der Widerspruch gesetzt und in der Anschauung andererseits die Identität – und beide werden zusammengehalten im Schweben der Einbildungskraft und zu einer Synthesis verbunden.

Das Verfahren nach den Grundprinzipien von Identität und Widerspruch ist geradezu exzessiv in den WLn durchexerziert – eben, weil die Synthesis ihrer Auflösungsbedingungen immer schon mitgesetzt gedacht werden muss. M. a. W., es handelt sich im Gesetz der Identität oder des Widerspruchs nicht um formale Synthesen der Mathematik oder Funktions-Gleichungen oder numerische Verschiedenheiten, faktisch vorkommend, sondern sie sind als Wesensbestimmungen aus dem Wesen des setzenden Ichs gesetzt.

Die Widersprüche sind bezogen auf die Anschauung, die, ganz nach PLATONS „Idee des Guten“, ideell und begrifflich bestimmt ist – und umgekehrt bewähren sich die Denkbestimmungen in den realen Anschauungen. Die Einheit in der Wahrheit ist eine explizit sich im Wissen bewährende Einheit von Denken und Sein. Das Widerspruchsprinzip und das Identitätsprinzip sind Hilfsmittel, die Gegensätze zwischen Ich und Nicht-Ich so weit zu zerlegen, bis die Lösungsbedingungen der Aufgabe – Ich und Nicht-Ich zu vereinen – von sich her, genetisch, zu einer evidenten Intuition und Intellektion überleiten.

Die Logik begründet nicht die Erkenntnis, sie vermittelt oder erzeugt auch nicht selbst die Evidenz, sie vermittelt auch nicht zwischen apriorischen Begriffen und empirischer Anschauung – wie eben KANT eine eigene  „transzendentale Logik“ für nötig hielt; das tut bereits alles die apriorisch wirkende, schwebende Einbildungskraft: Sie ist die verobjektivierte Struktur und das Setzen des Bewusstseins selbst.

8) Weil ich oben fragte, ob sich eine Parallele zwischen KANT und FICHTE hinsichtlich der „Transzendentalen Logik“ einstellt? Der Materie nach nein, denn die „Transzendentale Logik“ ist kein Mittelding zwischen apriorischer Erkenntnis und sinnlicher Erfahrung, vielmehr ist alle Erfahrung und alle Empirie nur eine innerhalb des apriorischen Wissens liegende begriffliche Anschauung.

Aber natürlich hat FICHTE die zwei langen Vorlesungsreihen als Vorbereitung zur WL 1812/1813 ähnlich als Problematisierung der Grundlagen der neuen Transzendentalphilosophie verstanden – wie KANT eben zwecks Sicherung seiner Philosophie eine „Transzendentale Logik“ für notwendig hielt. Der Begriff einer „Transzendentale Logik“ hat so der Form nach bei KANT und FICHTE einen gleichen Sinn beibehalten: Sie ist eine kreative Philosophiekunst, ein Nachkonstruieren der logischen Denkgesetze und des Verfahrens der Vernunft, damit das Eigentliche der Philosophie, die apriorische, transzendentale Erkenntnisart überhaupt, ideell entdeckt und dargestellt werden kann.

KANT bemühte sich um die Beweisführung seine transzendentalen Analytik in den engen Grenzen seiner Erkenntnistheorie; FICHTE exemplifiziert in seinen Wln die inhaltliche Wahrheit des Sich-Wissens. Er führt weiter und vollendet das transzendentale Anliegen der Vernunft: Die transzendentalen Denkgesetze haben reale Gültigkeit für alle gemachte Erfahrung – im kantischen Jargon.

© Dr. Franz Strasser, Nov. 2015

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1KANT verfasst 1796 ein kleinere Schrift „Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie“, worin er nochmals die Anschauung betont. „Nun sind aber reine Verstandesbegriffe in Vergleichung mit empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig und können niemals in irgend einer Anschauung angetroffen werden. Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen wird: diese, z.B. die Causalität, könne auch durch Sinne an|geschauet werden und sei in der || Erscheinung enthalten?“ (KrV, B 176.177 u. a. Hervorhebung von mir.)

2Die im Sommersemester 1812 gehaltene Vorlesung „Vom Verhältniß der Logik zur wirklichen Philosophie“ wird erstmals in der GA II, Bd. 14 der Forschung zugänglich gemacht. Sie analysiert das empirische Begreifen, zeigt die gegensätzliche Auffassung des Denkens in der formalen und in der transzendentalen Logik, und weist nach, dass eine formallogische Konzeption des Denkens unhaltbar ist. Vollendet wird dieser Gedankengang im Wintersemester 1812/13 in der schon bekannten transzendentalen Logik „Vom Unterschiede zwischen der Logik und der Philosophie selbst“; diese vollzieht das Begreifen des Begriffs und der Anschauung bis hin zur Deduktion des Raumes. Genauer Titel nach den Sämmtlichen Werken Bd. IX. „Ueber das Verhältnis der Logik zur Philosophie oder transzendentale Logik. Gehalten von Michaeli bis Weihnachten 1812.“ Nach der GA muss diese von seinem Sohn herausgegebene Schrift genauer als „Logik – II“ bezeichnet werden, insofern die erste Vorlesungsreihe [„Logik – I] schon von 20. 4. – 14. 8. 1812 gehalten wurde. Die zweite Vorlesung „Logik – II“ wurde von seinem Sohn in den SW IX, 103-400, unter diesem angegebenen Titel, veröffentlicht. Der genaue Titel: „Vom Verhältniß der Logik zur wirklichen Philosophie, als ein Grundriß der Logik“. [Ich zitiere nach SW, abk.=LOGIK, SW IX, 103 – 400 ].

3Nach der Wlnm bekommt der philosophiehistorische Begriff der „synthetischen Urteile a priori“ nach KANT bei FICHTE einen ganz anderen Sinn – und kann insofern noch beibehalten werden. „Synthetische Urteile a priori“  sind die praktischen Urteile des Willens, wie er von der Selbstbeschränkung übergeht zur sinnlichen Bestimmung, d. h. wie reiner Wille und gehemmter empirischer Wille vereinbar sind. Siehe dazu ein Stelle aus Wlnm: (Dies regt wieder zu neuem Nachdenken an!) Es heißt dort (Wlnm, GA IV, 2) dass der reine Wille selbst schon das Objekt der Mannigfaltigkeit ermöglicht haben muss. Auf die Begränztheit wird der Wille bezogen, und in Beziehung auf diese Beschränktheit wird der Wille selbst ein Mannigfaltiges – in dieser Beziehung besteht die Reflexion.“ (ebd. S 159) Die tätige Reflexion ist in Bezug auf die Mannigfaltigkeit gebunden in der Begrenzung des reinen Willens überhaupt, aber frei in Bezug auf die Mannigfaltigkeit dieses intelligiblen und sinnlichen Grundstoffes. Daraus ergibt sich, wie FICHTE hier anführt, die sogenannte „Erfahrung“ (ebd. S 160), das Lernen aus einer Mannigfaltigkeit in der Einheit der Reflexion. Er sieht darin die kantische Frage beantwortet, wie synthetische Urteile a priori möglich sind, obwohl doch das Bewusstsein sinnlich ist. Sie sind möglich in der Synthesis des reinen Willens und seiner Beschränkheit. (ebd. S 160)

4Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besondern Verstandesgebrauchs. Die erste enthält die schlechthin nothwendigen Regeln des Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, und geht also auf diesen unangesehen der Verschiedenheit der Gegenstände, auf welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besondern Verstandesgebrauchs enthält die Regeln, über eine gewisse Art von Gegenständen richtig zu denken. Jene kann man die Elementarlogik nennen, diese aber das Organon dieser oder jener Wissenschaft.“ (B 76)

5R. Lauth, Kants Lehre von den „Grundsätzen des Verstandes“ und Fichtes grundsätzliche Kritik derselben, in: Transzendentale Entwicklungslinien von Descartes bis zu Marx und Dostojewski, Meiner Verlag, Hamburg 1989, 111 – 124, 118.

6R. Lauth, Kants Kritik der Vernunft und Fichtes ursprüngliche Einsicht, in: Transzendentale Entwicklungslinien von Descartes bis zu Marx und Dostojewski, Meiner Verlag, Hamburg 1989, 140 – 153, 143.

7Siehe z. B. auch in „Logik und Metaphysik“ GA II, 4 in Jena (1796/97) oder 1805 in Erlangen GA II, 9. In einer Leseprobe des Verlages frommann-holzboog zur „Transzendentalen Logik I“ wird die weitere Lektüre sehr schmackhaft gemacht! Siehe wie FICHTE beginnt – Transzendentale Logik I Leseprobe
Konkret auf den Unterschied von Logik und WL wird dann in den ersten vier Vorlesungen eingegangen, siehe ebd. S 3 – 22. 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser