Schöpfungserzählung 1. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten.

Schöpfungserzählung 1. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten.

1) בְּרֵאשִׁ֖ית בָּרָ֣א אֱלֹהִ֑ים אֵ֥ת הַשָּׁמַ֖יִם וְאֵ֥ת הָאָֽרֶץ׃

bereschit bara elohim et haschamaijim weet haarez

1᾿Εν ἀρχῇ ἐποίησεν ὁ θεὸς τὸν οὐρανὸν καὶ τὴν γῆν.

1 In principio creavit Deus caelum et terram

Im Anfang schuf …….

1) Wollte man die Schöpfungserzählung Gen 1 literarkritisch beschreiben, so stößt man bald auf verschiedenste Klassifizierungen und  Meinungen: Manche sprechen von  Hymnus oder Lied, einem Gedicht, einer Erzählung, wie immer. Ich interpretiere diesen ganzen Text Gen 1. Kapitel als einen zutiefst erkenntniskritischen, vernunfttheoretischen Text  dahingehend, dass die Verfasser auf höchstem Niveau das apriorische Vorwissen des Absoluten genetisierend darstellen wollten. Was sind die Bedingungen der Wissbarkeit der Schöpfung und eines theoretisch vorstellenden wie praktisch handelnde Menschen?
Weil es eine explizit transzendentalkritische Exegese noch nicht gibt, verlegen sich manche Exegeten auf historische Untersuchungen und  sprachanalytische Unterscheidungen, so als sollte die Historie oder die Redeform selbst, letzteres z. B. wieder mehr naturwissenschaftlich oder mehr „heilsgeschichtlich“ bezeichnet, die Erkenntnis und den Glauben vermitteln. Diese hochgelehrten, historischen Untersuchungen schürfen zwar einiges Nützliche zutage, letztes Kriterium der Gültigkeit dieses Textes muss aber allemal die apriorische Vernunftwahrheit selbst sein. Inwiefern letztere bestätigt wird, stimmt auch dieser Text. Jede Redeform, ob naturwissenschaftlich oder „heilsgeschichtlich“ – und was die Hermeneuten so alles erfunden haben – muss auf ihre transzendentale Konstitution hin im geistigen Handeln des Menschen begründet werden können, andernfalls der  Sinn des Textes unerkennbar bleibt. 

Beispiel: Es würde hermeneutisch gesehen von vornherein den transzendentalen Sinn von Gen 1 verkennen und arg beschränken, würde allein eine wissenschaftstheoretische Beobachtungssprache in Gen 1 erwartet, als sei hier etwas zu vermessen und faktisch zu besehen. Dies gilt aber für viele Wissenschaften, letztlich sogar für positiv-empirische Wissenschaften selbst:  Von einer  Logik und Logistik und Wissenschaftstheorie wird  letztlich  nicht erwartet, dass sie ihre Axiome in Beobachtungssprache begründen und  rechtfertigen kann – und die empirische Forschung bedient sich ihrer blind.  

Wenn  aber schon in der empirischen Empfindungs- und Gefühlswelt darauf gerechnet wird, dass wir spontan (nicht beobachtbar) auf Hemmungen reagieren und eine sinnliche Innen- und Außenwelt aufbauen, wie viel mehr wird uns im Sprechakt eines Textes von Gen 1 angemutet, das darin liegende personale Sollen als Einheit von Zeichensetzung und Bezeichnung reflexiv zu verstehen als Realisierungs- und Sinnaufforderung? 1

Und so wird vor allem der Schöpfungsauftrag Gen 1, 26. 28. ausgelegt werden müssen: An das „Abbild“ Gottes (Mensch)  ergeht die Realisierungs- und Sinnaufforderung zu einem freien, selbstständigen Bilden und Sein, zu einem Verwirklichen von Freiheit und interpersonaler Sinnerfüllung. In der Einheit einer Aufforderung zu einem freien Handeln ist noch keine Trennung von Performation und Proposition, von Referenz und Prädikation  vorausgesetzt, sondern projektiv-zweckhaft, virtuell ist vorweggenommen, was den Sprechakt und das Verstehen allererst ermöglicht – die performative Kraft einer vorauszusetzenden Konstitutionsbedingung, die die Einheit eines Wollens im reinen Willen (Gottes) begründet. M. a. W., das vorstellende und praktische Handeln des Vernunftwesen „Mensch“ soll sich als „Abbild“ verwirklichen. 2

Nicht die objektivierte Sprache oder die objektivierenden Prädikationsformen oder die sie umgebenden „Lebensformen“ (eine gern von der Analytischen Philosophie ins Treffen geführte anschaulich-faktische Letztbegründung)  tragen den verständigen Dialog oder bewirken oder beurteilen etwas, vielmehr ist auch die Sprache (in einem weitesten Sinne) und die „Lebensform“ ein repräsentativer Ausdruck der Einheit eines übergeordneten Wollens, zumindest in ihrer primären Reflexionsform, damit ein freies Vorstellen und emotional-persönliches Wollen und Handeln aufeinander und zueinander  – und im Gewissen Gott gegenüber – möglich gedacht werden können.

2) Wie kann das transzendental-deduktive Gesetztsein von Mensch und Schöpfung – so lese ich Gen 1 –  in ein philosophisch-rationales Verstehen übergeführt werden? M. a. W., wie kann das Verhältnis Schöpfer-Schöpfung rational gedacht werden? Das Verhältnis eines Denkens von Schöpfer und Geschöpf offenbart m. E. einen Setzungsgrund, der

a) weder aus dem Bewusstsein alleine erklärt werden kann, so als könnte das Bewusstsein aus eigener Position das Absolute denken und setzen: Das ist natürlich falsch. Es offenbart sich

b) auch nicht ein höherer, dritter und ad infinitum fortschreitender Erkenntnisgrund zwischen Absolutem und Schöpfung, als sei ein rationalistischer oder naturaler Grund anzunehmen. 

Es offenbart sich – und damit übernehme ich die Position von J. G. FICHTE, c) eine Ursache, die ihren Grund außerhalb des Begründeten hat, welcher Grund aber Grund einer Folge ist, die im Aufgerufen- und Aufgefordertsein eingesehen werden kann.

Es ist in der Erforschung des Grundes bemerkenswert, dass Gen 1 nicht reduktiv hinaufsteigt und zurückgeht auf ein erstes Prinzip in der Art, dass die notwendigen Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung nach und nach supponiert werden, bis man zu einer letzten Ursache gekommen ist, sondern intuitiv-deduktiv wird von vornherein ein höchstes Prinzip angesetzt – und deduktiv-systematisch wird diese Erkenntnis fortgeführt bis zu einem intelligiblen Ende („Sabbat“).

Es wird gar nicht erst versucht, den Menschen evolutionär entstanden zu denken oder irgendwie bloß höher stehend als die Tiere zu beschreiben, nein, unmittelbar wird der Mensch als Vernunftwesen ins Haus der Schöpfung (der Natur) gesetzt. Kategorisch ist der Mensch als Freiheitswesen vom Tier unterschieden und im Vokativ und mit geschlechtsspezifischen Unterschied (als Mann und Frau) und in einem Aufruf-Antwortgeschehen ergeht an ihm eine Sinn- und Realisierungsforderung. Er ist schon als „Abbild“ erschaffen und als solches fähig, Repräsentant, „Statue“ einer apriorischen Offenbarung Gottes zu sein.3

Die  von FICHTE entwickelte Konzeption des Wissens und der Transzendentalphilosophie schließt von allem Anfang an die Realisierung (Verwirklichung) der Aufgabe mit ein, wenn etwas gedacht werden soll. Der Ausgangspunkt der fichteschen WISSENSCHAFTSLEHREN (abk.=WLn; WL) könnte so zusammengefasst werden: Das reflexiv-bewusste Wesen „Mensch“ bestimmt  intentional und sittlich-praktisch die  interpersonale und naturale und geschichtliche Welt und wird umgekehrt von dieser Wirklichkeit bestimmt.  

3) Wie mit einem Paukenschlag der Text Gen 1,1  beginnt, so heißt die erste Setzung im Wissen Dasein, Existenz – und innerhalb dieser Setzung ist gleichzeitig die Hemmung/der Aufruf gesetzt. Transzendentalphilosophie ist Existenzphilosophie, Daseinsanalyse, insofern das Dasein des Menschen im Dasein Gottes begründet und gerechtfertigt ist.   

Die Kategorie der Realität, von der jeder Positivismus oder Dogmatismus ausgeht, ist dabei solange hypothetisch, als die zu begründende Erscheinungsobjektivität und Erscheinungssubjektivität als Ursache der Vorstellung nicht abgeleitet ist. 4

Von vornherein wird von der begrifflichen und absoluten Einheit der Erkenntnis ausgegangen und darauf zurückgegangen. Es ist die Frage nach der philosophischen arché. Nach C. L. REINHOLD kann nur bis zu einem Satz des Bewusstseins zurückgegangen werden:  Im Bewusstsein sind Ich und Nicht-Ich einander entgegengesetzt  und darin sind sie aufeinander bezogen.  Nach J. G. FICHTE kann es aber nicht nur  eine reflexiv gesetzte Einheit geben, sondern nur kraft einer intentional-praktisch gesetzten, überdisjunktiven Einheit kann das Bewusstsein erklärt werden. Mit den Worten FICHTES gesprochen: „Das Ich setzt sich selbst“.5 Damit ist der Anfang von Gen 1 philosophisch wieder erreicht – und das haben die Autoren von Gen 1 intuitiv erfasst und sagen wollen. 

Dem Gedankengang der ersten WL folgend, der GRUNDLAGE von 1794/95, stellt sich dort in § 3 bald heraus, dass das Bewusstseins-Ich der Negation fähig ist. Das Bewusstseins-Ich  ist (nur) das reflexiv gedachte substantielle Ich, die „Totalität aller Realität“ im Reflexionsschema der Substantialität. Das Ich des § 1 ist aber eine überdisjunktive Einheit. Das absolute Ich weist keine Negation auf. So sind in den Reflexivitätskategorien überhaupt drei Ebenen zu unterscheiden:

a) das der Negation nicht fähige „absolute Ich“; das Absolute

b) das Ich als Substanz, die „Totalität aller Realität“ (GRUNDLAGE, § 3)

c) das begrenzte Ich, das durch das Nicht-Ich begrenzt gesetzt wird.  GRUNDLAGE (§ 4 ff)

FICHTE entdeckt eigentlich zweierlei: 1.) dass es zu jeder Kategoriengruppe einen höheren Begriff einer Totalitätseinheit gibt. Das wäre für jede Gruppe durchspielbar: In der Kategoriengruppe der Quantität ergibt das die Einheit in der Vielheit; in der Kategoriengruppe der Qualität den Begriff der Realität; in der Relation die „Totalität aller Realität“ (=Substantialität); in der Modalität die Notwendigkeit.

Über allen reflexiven Bestimmungen des Ichs und deren Totalitätseinheit liegt aber diese 2.) überdisjunktive, schlechthinnige, absolute Einheit des Ichs, das göttliche Ich.

Alle Bestimmungen sind innerhalb der Reflexivität des Ichs angesiedelt und können durch die implikativen und appositionellen Setzungen der Vernunft nicht überschritten werden, aber die Begründung und Rechtfertigung diese Reflexivität selber liegt als Ursache außerhalb des Begründeten.

FICHTE entdeckte es praktisch für die neuzeitliche Philosophie wieder neu, das höchste Argument von ANSELM und DESCARTES: In der obersten Synthesis des Erkennens und Wollens sind Wesen und Sein identisch. Oder mit dem 2. Teil der WL 1804 von FICHTE gesprochen: Das Sein der Freiheit (des Wissens) könnte sich zwar selbst bezweifeln oder von außen bezweifelt werden, aber auch nur im Gegensatz zu einem nicht denkbaren Nicht-Sein des göttlichen Seins. 6

Ich brauche zwecks Betonung der überdisjunktiven Einheit nicht einmal gleich zur GRUNDLAGE § 1 gehen oder zur Wahrheitslehre der WL 1804: Es ist sagenhaft, wie in nuce vom ersten Anfang an in den Manuskripten zur WL diese neue Klarheit schon dämmerte:  In der Neufassung der philosophischen Begriffe, in den EIGNEN MEDITATIONEN von 1793/94, heißt es, ziemlich am Anfang bereits:

Also nicht das Ich an sich / das ursprüngl. hat Negation, – sondern es ist der Negation fähig. (sc. letzteres ist bereits das substantielle, nicht absolute Ich) – Vom ursprüngl. weiß ich nichts.“ (GA II, 3, S 55)

Wie genau die Autoren von Gen 1 diese apriorische Perspektive einer überdisjunktiven Einheit eingehalten haben, das ist schlechthin genial – und bis heute alle Vorgabe für die Philosophie gewesen (und wird es immer sein).  

4) Die Vernunft ergreift sich in den Reflexivitätskategorien selbst, weiß um sich, zumindest in seiner Faktizität des Denkvollzuges. Sie fasst sich als Denk- und Selbstbestimmungsakt. Die Vernunft stellt dabei kein einfaches Sein dar, wie ein anderes Sein, sondern ist wesensmäßig ein Sein im Reflex und in der Reflexion, ein Sein im Selbstbezug.

Die Setzungskategorien bei FICHTE sind, mit einem Wort von F. BADER,7 „transzendental-apperzeptive“ Reflexivitätskategorien (Ich-Kategorien), sich wissendes Wissen. Davon ausgehend sind die apriorischen Kategorien wie Quantität, Qualität, die Relationskategorien und die Modalitätskategorien abzuleiten.  Wohlgemerkt sind die Reflexivitätskategorien aber nicht durch Disjunktion wiederum reflexiv aus dem Absoluten abzuleiten, sondern für die höchste Einheit der Erkenntnis und deren Genesis aus dem Absoluten muss ein anderer Weg gefunden werden.

Die Kategorien sind die Voraussetzung für die Realität, die immer nur in uns, im Bewusstsein, gesetzt sein kann, aber deshalb ist die Realität nicht durch die Vorstellung gesetzt.

Auf der Stufe der reflektierenden Identität des Bewusstseins, oder, was das gleiche sagen soll, der objektivierenden Reflexion, kann die qualitativ empfundene Hemmung nicht als Weiterbestimmung einer Grundbestimmung durch das Ich gesetzt sein, sondern ist unableitbar da, aus einem anderen Grunde,  eben außerhalb des Begründeten. Wäre die Hemmung selbst durch Weiterbestimmung des Ichs gesetzt, wäre sie durch das Bewusstsein gesetzt; das wäre nur idealistische Selbstermächtigung oder realistischer Dogmatismus.

Wenn die qualitative Hemmung aber keine Weiterbestimmung ist, ist sie selbstständige, andere Setzung. Das Denken einer substantiellen Einheitsbeziehung im Ich führt von selbst weiter zu einer real-kausalen Beziehung, einer logisch-realen zweiten! Setzung im Ich, einem Gesetztsein allen Seins im Bewusstsein, die eine nicht zugleich einsehbare, gleiche Setzung sein kann,  sondern hinzu-gesetzte, neben-gestellte, andere, appositionelle Setzung ist. 

Es wird über das implikative Grund-Folge-Setzen hinaus ein neues Verhältnis gesetzt. Das ist die Wurzel alles apponierenden und interpersonalen und zeitlichen Setzens.

M. a. W., das Wesen der Hemmung kommt nicht aus dem Ich, aber sie ist eine Bestimmung am Ich und im Ich, im Bewusstsein; die Vorstellung einer bestimmten Hemmung muss real wirklich sein innerhalb des Kreises der Vorstellungsmöglichkeit überhaupt, aber sie kann nicht logisch-real zugleich als Weiterbestimmung der eigenen Grundbestimmung durch das Bewusstsein selbst gesetzt und vorgestellt sein, sondern muss als andere Setzung, außerhalb der ersten logischen Setzung, gesetzt sein. Der Grund der bestimmten Vorstellung, qualitativ beginnend mit dem Gefühl – und nochmals höherwertig als freier Aufruf – liegt aufgrund einer nicht gleichzeitig sein könnenden Implikation in einer Apposition, außerhalb des Ichs, wiewohl es im Ich und am Ich empfunden wird.

5) In dem Verhältnis einer Apposition ist eigentlich alles enthalten, was das reflexive Verstehen der Schöpfungserzählung Gen 1 beschreiben (nachrekonstruieren) will: Apriorische Vernunftoffenbarung und positive geschichtliche Offenbarung. Das Prinzpielle einer Erkennbarkeit Gottes und die konkrete Realisierungsforderung einer Sinnidee, wie sie uns in der positiven Offenbarung begegnet, muss philosophisch ein systematisch-abgeleitetes Ganzes ergeben und zu dem zurückführen, was Gen 1 schon ist und sagen will.  Die apriorische Vernunftoffenbarung leitet von sich her auf die positiven Offenbarung weiter – auch wenn material keine Restitution und Vergebung der Schuld (Erlösung, positive Offenbarung) notwendig gewesen wäre. Dies besagt auf der einen Seite eine Inkarnation und Versinnlichung des Absoluten selbst, auf der anderen Seite die freie Annahme des Schöpfungsauftrages und die freie Übernahme des göttlichen, durch sich selbst bestimmten Willens in der Erlösung. Im Gottmenschen JESUS CHRISTUS manifestiert sich diese Einheit von Gottes Erscheinung  und menschlicher Freiheit – und die Realisierungs- und Sinnforderung der apriorischen Vernunftoffenbarung wird erfüllt – und eröffnet zu einer geschichtlichen, interpersonalen Freiheit und Aneignung hin, bis alles vollendet ist im ebenfalls unübertrefflichen  Bild von Gen 1, im „Sabbat“.8

FICHTE sagte einmal sinngemäß, wer die Frage nach dem Grunde zum ersten Mal stellte, erschütterte die Welt. So ist es. Was ich mir denken kann, dafür muss es einen Grund geben. Die Autoren von Gen 1 geben eine höchst inspirierte, unübertreffliche Antwort auf die Frage nach dem Grund. Bei allem Wert einer historischen Exegese und den vielen inzwischen eingeführten Methoden der Bibelkritik bedauere ich es, dass es keine transzendentale Exegese gibt. Es ist die historische Exegese zwar von großer Gelehrsamkeit und Wissen gekennzeichnet, aber ihre Ergebnisse müssen sich transzendental überprüfen lassen, sonst bleibt man ewig diesen sich ändernden Ergebnissen der Exegese ausgeliefert. 

6) Das von der Physik in letzter Zeit vorgebrachte und betonte „anthropische Prinzip“, wonach alle Naturgesetze auf die Ermöglichungsbedingung von Leben auf unserem kleinen Planeten hingeordnet seien, ist doch eine bemerkenswerte Tatsache und dürfte nicht in sekundärer Wissensreflexion lächerlich gemacht werden. Es fragt sich nur, wie das „anthropische Prinzip“ auch transzendental eingeführt und gerechtfertigt werden  kann. Gibt es im Bewusstsein selbst eine genetische Erklärung, warum wir das Faktum des „anthropischen Prinzips“ überhaupt finden und vertreten können? Und selbst wenn jetzt künstlich gegen das „anthropische Prinzip“ argumentiert würde, in idealistischer Hartnäckigkeit,  so möge sich dieser Skeptizismus (oder Evolutionismus) fragen, ob er nicht konkret auch die logischen Regeln des eigenen Denkens von Existenz, mithin ein „anthropisches Prinzip“, für sich beanspruchen muss, will er überhaupt argumentieren.  Um die transzendentalkritischen Wissensbedingungen kommt weder einer Naturwissenschaft noch eine Exegese herum. 

Man merkt es Gen 1 auf den ersten Blick an, dass weder rein mythenhaft, analog zu anderen Götterngeschichten der Antike, noch rein naturalistisch etwas ausgesagt werden soll, sondern eine apriorische, universal gültige, unabhängig von der Erfahrung und den Umständen der Zeit geltende Geschichte eines Verhältnisses wird erzählt, oder besser gesagt, wird besungen. Mangels besseren Begriff meinerseits möchte ich sagen, eine transzendentalkritische Erkenntnislehre auf höchstem Niveau begegnet uns in Gen 1. 

(c) Dr. Franz Strasser, 15. 10. 2015 

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1Vgl. dazu P. Baumanns, ebd., S 184.

2P. BAUMANNS analysiert kritisch mit transzendentalem Hintergrund der WL diese Sprechakttheorie von SEARLE und AUSTIN und legt zugleich Vorschläge vor, wie die Vermittlung von Sprache im Sprechakt transzendental zu denken sei. (Ab S 184 – 186)

3  Die im Schöpfungsauftrag Gen 1, 26.28 so genial festgehaltende Realisierungsforderung und Sinnforderung von Wahrheit und Sinn, von Heiligkeit und Gerechtigkeit, konnten die griechischen Philosophen deshalb so schwer fassen, weil sie entweder das Sein oder die Negation des Seins als höchste Idee angesehen haben, aber nicht den Bundesgedanken und den personalen Aufruf Gottes (aus der Hl. Schrift) definitiv kannten.

Die historisch-kritische Exegese muss für den (transzendental-kritischen) Sinn der Urgeschichte, nach der Hypothese der anonymen Autoren auch „Priesterschrift“ genannt, eine gewisse Vereinheitlichung der Theologiegeschichte Israels anerkennen, sonst könnte sie die verschiedenen Texte der Hl. Schrift nicht kompilieren und zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen.

Ich zitiere aus Konrad Schmid, Der Pentateuch und seine Theologiegeschichte. In Zeitschrift für Theologie und Kirche, Sept. 2014, S 25: „ Zum einen reformuliert sie die aus der Tradition, besonders den Psalmen, bekannte Schöpfungsthematik im Blick auf die creatio prima und ermöglicht von daher eine grundsätzliche Neukonzeption des Gottesbegriffs sowie der Vorstellung von Gottes Handeln in und an der Welt. Besonders in der Priesterschrift, aber auch bei Deuterojesaja, wird deutlich erkennbar, dass Gottes Handeln grundsätzlich als Schöpfungshandeln qualifiziert wird. Das ist eine Neuerung gegenüber den herkömmlichen Darstellungsweisen von Gottes Handeln in den Geschichtsbüchern, namentlich in ihrer deuteronomistischen Prägung: Gott wirkt unmittelbar oder durch andere Mächte, aber in der Geschichte, als ein Faktor neben anderen. Durch die Einleitung durch die Urgeschichte ergibt sich hier eine Perspektivenveränderung: Der Gott der Geschichte ist der Schöpfergott, der Zeit und Geschichte selbst erschaffen hat. Deshalb kann er zwar in und durch die Geschichte wirken, ist aber nicht einfach ein Faktor in der Geschichte. Zum zweiten ist der Urgeschichte die universale Aufweitung des in Gen 12–Dtn 34 vorherrschenden Israelhorizonts zu verdanken: Gen 1–11 bietet eine weltweit orientierte Kontextualisierung der ab Gen 12 einsetzenden Geschichte der Ahnväter Israels und dem aus ihnen entstehenden Volk.“

 

 

4Wir müssen vom Zirkel des Wissens und konkret von der Gestalt eines Einzel-Ich ausgehen, um den Zirkel des Wissenden und Gewussten zu heben. Angenommenen eine biologische und evolutiv fortschreitende Kausalität soll die Gestalt eines Einzel-Ichs erst erklären, wie der Evolutionismus vorgibt tun zu können, das ist Unsinn. Auch der Evolutionismus setzt das Einzel-Ich voraus. Vgl. dazu z. B. A. MUES, Thesen gegen die evolutionäre Erkenntnistheorie und die sie ermöglichende philosophische Positionen, in: Fichte-Studien 4, 1992, 119ff.

5Spätestens hier möchte ich dankbar erwähnen, dass ich alle diese Werkzeuge des Denkens und der kategorialen Erkenntnisweise R. LAUTH und seinen Vorlesungen verdanke. Was ich hier zur Übung schreibe und für mich durchdenke, sind großteils Gedanken von Vorlesungen R. LAUTHS – und dann von F. BADER.

6KANT dachte diese überdisjunktive Einheit nur mehr als abstrakten Begriff, als „transzendentales Ideal“. „Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht, nämlich sich lediglich die nothwendige durchgängige Bestimmung der Dinge vorzustellen, nicht |die Existenz eines solchen Wesens, das dem Ideale gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d.i. die des Eingeschränkten, abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild [Prototypon] aller Dinge, welche insgesammt als mangelhafte Copeien [ectypa] den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen und, indem sie demselben mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit unendlich weit daran fehlen, es zu erreichen. So wird denn alle Möglichkeit der Dinge [der Synthesis des Mannigfaltigen ihrem Inhalte nach] als abgeleitet und nur allein die desjenigen, was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich angesehen. Denn alle Verneinungen [welche doch die einzigen Prädicate sind, wodurch sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden läßt] sind bloße Einschränkungen einer größeren und endlich der höchsten Realität, mithin setzen sie diese voraus und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff der höchsten Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken, so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen Raum einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen [ens originarium], so fern es keines über sich hat, das höchste Wesen [ens summum], und so fern alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen al|ler Wesen [ens entium] genannt. [KrV, B 605-607, Bd. 4, S 518f]. FICHTE wird diese überdisjunktive Einheit als praktische und personal wirksame Einheit fassen.

7Was ich für mich hier reflektiere, sind im Grunde oft abgewandelte, wiederkehrende Aussagen von F. BADER, die ich nachhören konnte. Vorallem die Weiterinterpretation der höchsten Synthesis als Selbstbeziehung Gottes in trinitarischer Weise, wie sie F. BADER vorgelegt hat, ist ein kreatives und notwendiges Weiterdenken FICHTES.

8  In Analogie zum interpersonalen, menschlichen Verhältnis wird diese Beziehung eines Gottmenschen zum apriorischen Vernunftsollen als eine Geben und Nehmen gedacht – es ist aber grundsätzlich von einem bloß menschlichen Geben und Nehmen und diskursiv-negierenden Wissen von Gott verschieden. Es muss, wie die griechischen Kirchenväter dann sagen werden, von einem gleichseitigen, gleichwertigen Liebes-Verhältnis ausgegangen werden. Das aber offenbart nochmals eine unerschöpfliche, materiale Fülle dieser Beziehung im Heiligen Geist. In Gen 1 muss dieses trinitarische Gottesbild enthalten sein, will es ein wahrhaft apriorischer Text sein, der die Bedingungen der Möglichkeit der Vorstellung und der Freiheit darlegen will. 

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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