Schopenhauerlektüre, die Welt als Wille und Vorstellung – 2. Teil

1) Es ist wohl historisch und psychologisch bemerkenswert, dass bewusst sich SCH von FICHTE absetzen wollte.1

Wenn von einem „Transzendentalismus“ bei SCH gesprochen werden soll, wie R. MALTER die Metaphysik SCH’s bezeichnet, so kann die Frage nur sein, was ist die transzendental notwendige Bedingung der Wissbarkeit von etwas, damit so etwas wie die Vorstellung eines Selbstbewusstseins möglich sein kann. SCH fragte hingegen nicht nach den Bedingungen der Wissbarkeit, sondern setzt dogmatisch bereits die Vorstellung, und wie es dazu kommen kann (nach seiner Meinung), und die Welt hin, um sie unbegründet aus einem dunklen Willen zu erklären. Es muss aber transzendental selbstkritisch der Philosophie um die Prinzipien einer  theoretischen wie werthaft-praktischen Erkenntniskonstitution der Wirklichkeit gehen. Dabei verweist die Vorstellung auf eine werthaft-praktische Konstitution der Welt. Der Wille wiederum verweist auf die Pertinenz einer sittlichen Wertfülle – und nicht umgekehrt auf einen dunklen Willen, einen irrationalen Seinsgrund. Im naturphilosophischen Sinne, wie sich SCH gerne diesen Anschein eines „Naturphilosophen“ gibt,  haben wir aber nur den Verstand und die reflektierende Urteilskraft, um die sinnliche Natur zu erforschen. Seit den ersten Naturphilosophen bis zur modernen Quantenphysik haben wir nie andere Erkenntnismittel gehabt, das „Ding an sich“  zu erkennen. SCH prätendiert allerdings, das es erkennen zu können.  

Seine Hauptgedanken setzt er sich aus Fichte und Kant zusammen. Wie sieht es z. B. Fichte aber wirklich?  

Fichtes Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre ist so angelegt, dass sie (im 1.Teil des § 4) die scheinbaren Möglichkeiten, das Außending widerspruchsfrei zu denken, erschöpft, um daraufhin zu zeigen, daß durch ein anderes Vermögen der Vernunft als der Verstand, durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft, das für den reinen Verstand sich Widersprechende als Objekt, besser: als dessen Substrat, realisiert wird. In höherer Funktion bestimmt die Einbildungskraft dieses ihr Produkt in Anschauungs- und Verstandesformen.2

Die Vorstellung eines Vorgestellten im vorstellenden Wissen ist originäre Leistung der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft – und wird durch Anschauungsformen und Kategorien und Reflexionsideen weiterbestimmt – und eröffnet so erst ein zureichendes Denken eines

a) implikativen Grund-Folge-Verhältnisses wie eines

b) in den Anschauungsformen von Zeit und Raum situierten,  appositionellen Ursache-Wirkungs-Verhältnisses bzw. Substanz-Akzidenz-Verhältnisses

Von SCH werden Grund und Folge (a) und Ursache und Wirkung (b) stets durcheinander geworfen. Generell, alle drei Philosophen SCHOPENHAUER, Schelling, Hegel zusammengenommen,  haben nie den transzendentalen Ursprung des „Satzes vom Grunde“ gefunden, obwohl sie ständig darüber redeten. Entweder wird die Realität voluntaristisch durch einen Willen an sich (SCH) begründet, oder durch einen spiritistisch-mystisch Naturgeist beseelt gesehen (Schelling), oder durch den Begriff abstrakt behauptet (Hegel)Die Kategorie der Realität, von der jeder Positivismus oder Dogmatismus ausgeht, ist solange hypothetisch, als die zu begründende Erscheinungsobjektivität und Erscheinungssubjektivität, mithin die Ursache dieser Vorstellung, nicht transzendental in ihrer Notwendigkeit aus dem Geiste abgeleitet werden kann. (A. Mues)

2) FICHTE leitet die Vorstellung der Welt, sei es die Vorstellung der anschaulichen, sinnlichen Welt, oder sei es die Vorstellung der geistige Welt der idealen Selbstbestimmung (die gesellschaftliche Welt) in ihrer Denkbarkeit ab, gerade weil er auf ein die Vorstellung transzendierendes Prinzip hinweist, das in jedem neuen Setzungsakt transzendental vorausgesetzt werden muss. Dieses, alles andere begründende Prinzip ist die im ursprünglichen Produzieren der Einbildungskraft mitgesetzte Geltungseinheit der Wahrheit, erscheinend im Sich-Setzen und Bilden des Wissens bzw. im individuierten Ich.  Diese Geltungseinheit oder dieses Sich-Setzen wird nicht dogmatisch vorausgesetzt, sondern muss eine  im Sich-Bilden des Wissens als einsichtige, in nachvollziehbaren Schritten zur expliziten Erkenntnishelle begründende Wissenseinheit sein.

Ich brauche nicht gleich auf die späteren Wln Fichtes verweisen, wo diese Einheit im „absoluten Ich“ als intelligierte Wissenseinheit in die Erscheinung des Absoluten und als Grund aller Disjunktion des Realen und Idealen explizit dargelegt wird, sondern es mag genügen, bei den Darlegungen der Jahre 1793/1794 zu bleiben, den EIGNE MEDITATIONEN (Okt. 1793 – Jän. 1794) und der GWL von 1794/95. 

FICHTE entdeckte den Setzungsakt der Teilbarkeit und damit den  Satz des Grundes in den EIGENEN MEDITATIONEN und führte ihn vor allem im 3. Grundsatz der GWL weiter.  Im „synthetischen Verfahren“ erkennt er: Es wäre keine Negation und Entgegensetzung möglich, mithin keine Begründung und kein Satz vom Grunde, wenn nicht in der Einheit des Ichs eine neuer Setzungsakt gesetzt werden könnte. Dieser Setzungsakt ist zurückbezogen auf den ursprünglichen Setzungsakt des absoluten Ichs, ist relativ absolut, was die darin liegenden Freiheit der Synthesis betrifft, aber nicht absolut, was den Inhalt seiner Setzungsglieder betrifft.

Das Denken des Prinzipiierens setzt einen implikativen Grund, einen disjunktiven Grund voraus, damit frei prinzipiiert werden kann; und umgekehrt setzt die logische Denkform fakultative Folgen  aus verzeiteten Vorstellungen voraus. Fichte beschrieb dieses Ineinander von Anschauungsformen, Kategorien, Reflexionsformen als Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft in theoretischer wie praktischer Funktion.

Das höchste, verursachende Prinzip muss mehr als ein bloß logisch-vorausgesetzter, substantivierter Grund als „efficiens et totaliter causa“ (als totale Wirkursache). Erst durch freie Verursachung kann die implikative Möglichkeit gedacht und aufgebaut und in die Wirklichkeit gehoben werden, andernfalls überhaupt kein Denken eines Grundes im strengen Sinne möglich wäre. Der gesuchte Grund ist damit eine geistige Substanz, die sich bereits im Denken als Denken des Prinzipiierens apriorischpositiv offenbart. Das Denken dieses qualitativ Totalitätsallgemeinen (Platon, Anselm) und seines  Zusammenhangs mit dem appositionellen Setzen, ist nach-denkendes, wiederholendes, die Erscheinung des Absoluten in einer apriorischen Vernunftoffenbarung nach-schematisierendes Denken – und zugleich geschichtliches Denken einer positiven Offenbarung.

Ich kann hier nicht mehr auf die einzelnen Passagen der EIGNE MEDITATIONEN von 1793 eingehen, doch nur zum Anzeigen der Problematik: Bei KANT sind Ursache und Wirkung leider getrennt und spiegeln auf anderer Ebene das einseitige Verhältnis des Grundes zur Folge wider. Ich gehe von einer Wirkung aus, die Wirkung eines Grundes ist, d. h. ich setze gedanklich den Grund hinzu. Dies beschert KANT einige Probleme, weil es begrifflich ungenau ist. Aber noch ungenauer wird dann SCH: Der vorgestellte Grund ist überhaupt als materialistische Ursache vereinnahmt ohne Rückbezug auf eine absolute Idee des Setzens.

Nur in der Einheit des Wissens, der Icheinheit, tauchen ungleichwertige Hemmungen auf. Die  Hemmungen denke ich als Wirkungen einer Ursache und zugleich baue ich eine implikative Ordnung auf, um die appositionelle Reihe der Freiheit gleichzeitg weiterführen zu können. Mit der implikativen Ordnung ist aber keine  metaphysische Grund-Folge-Ordnung gesetzt, aus der beliebig abgeleitet werden könnte. Implikative Grund-Folge-Ordnung und appositionelle Ursache-Wirkungsordnung bestimmen vielmehr zugleich!  meine Reflexion und mein Vorstellen und Wollen und Handeln, bis ich den höchsten Grund als frei gewählten, durch sich selbst bestimmten Grund gefunden habe. Die apriorische Vernunftoffenbarung der Erscheinung des Absoluten muss sich zugleich decken mit einer konkreten positiven Offenbarung, worin ich den transzendental erschlossenen Grund in der konkreten Sinn- und Sollensforderung erfüllt sehe.


(c) Dr. Franz Strasser, 19. 2. 2016 

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1In einer Internetquelle fand ich den dankbaren Hinweis: Quelle: Elisabeth Flucher, Universität Wien, „Die doppelte Erkenntnis des Leibes“ – Internet, abgerufen 14. 2. 2016.

Arthur Hübscher ist der Ansicht, dass „vieles in Schopenhauers Lehre sich in bewußter Abkehr von Fichte entwickelt hat, etwa die Lehre vom abstrakten und intuitiven Denken, […] vieles aber auch in bewußter oder unbewußter Anlehnung, etwa die Entfaltung des Freiheitsbegriffs (der freien Abkehr von der Welt). Vgl. Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß. Herausgegeben von Arthur Hübscher. Zweiter Band. Kritische Auseinandersetzungen (1809-1818). Frankfurt am Main 1967.

(=HN II), S. XV-XVI. Im Herbst 1811 hörte Schopenhauer Fichtes einleitende Vorlesung „Über das Wesen der Philosophie“ sowie Fichtes Kolleg „Ueber die Thatsachen des Bewußtseyns und die Wissenschaftslehre“. Vgl. Schopenhauer, HN II, S. XIV-XV.

In Schopenhauers Studienheften 1811-1818 finden sich Notizen zu folgenden Werken Fichtes: „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre [Tübingen 1802]“, „Grundriß der Wissenschaftslehre [Leipzig 1795]“, „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters [Berlin 1806]“, „Die Anweisung zum seligen Leben [Berlin 1806]“, „Sittenlehre [Jena und Leipzig 1798]“, „Naturrecht (Theil 1) [Jena und Leipzig 1796]“, „Zur Kritik aller Offenbarung [2. Auflage. Königsberg 1793]“. Vgl. Schopenhauer, HN II, S. 340-360. Arthur Hübscher datiert Schopenhauer Notizen zu Fichte auf den Zeitraum von „Frühjahr/Sommer 1812“. Vgl. Schopenhauer, HN II, S. XXIX. – 

2LAUTH, Der systematische Ort von Fichtes Geschichtskonzeption in seinem System. Annalen der internationalen Gesellschaft für dialektische Philosophie – Societas Hegeliana, Band 1 (1983), 100- 105.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser