Die Prinzipien der Gottes-, Sitten- und Rechtslehre, 8. – 13. Stunde. 2. Teil

GSRL – 2. Teil (8. – 13. Stunde)

Die Freiheit des Tuns hat offensichtlich das Wissen „in seiner absoluten Qualität“ (ebd. S 34 Z 25) schon vorausgesetzt, deshalb muss das Wissen selbst auf seine Wissbarkeit untersucht werden – um die Freiheit im Wissen noch besser bestimmen und verstehen zu können.  
Das Wissen besteht nicht in einer „absoluten Indifferenz“ (ebd. Z 28) – was dem Geist einer Erklärung des Wissens aus dem Licht und der Erscheinung des Absoluten widerspräche. Der Widerspruch Faktum (der Qualität des Wissens) gegen Genese des Wissens muss gelöst werden. „In dem faktischen Objektiviren des absoluten Wissens lag der Fehler“. (ebd. S 35, Z 18)

Das im substantiellen Licht aus dem Existential-Akt des Dasein des Absoluten objektivierte Wissen ist nur ein zufälliges Faktum gewesen. Es muss das Faktum als notwendig aus der Äußerung des Absoluten selbst erwiesen werden – nicht dank unserer zufälligen, subjektiven Einschätzung und zufälligen Reflexion.

Bisher wurde auf die Freiheit gesehen und deren transzendentale Wissbarkeit rein aus dem Licht abgeleitet (als „substantielles Akzidens“). Das der Freiheit zugrundegelegte, objektivierte Wissen wurde existent und als Tatsache behauptet. Jetzt soll dieses „Dasein“, das noch eine gewisse Äquivokation mit einem objektivierten Geltungsgrund der Erscheinung des Absoluten selbst aufweist, tiefer durchdrungen und selbst in seinem Vollzug des Denkens als a) einerseits Form der Freiheit, aber b) in ihrem Geltungsinhalt und Geltungsgrund als Erscheinung des Absoluten spezifiziert und konkretisiert werden.

Es ergibt sich eine differenzierte, neue Perspektive: Das auf der objektivierten Seite des Wissens vorausgesetzte Dasein ist der Wissbarkeit nach selbst akzidentiell – und die Freiheit ist (jetzt) das „substantielles Licht“ (im Spezifizieren und Konkretisieren.)

a.) Die Freiheit [/] des ExistentialAktes ist es.. Nicht der ExistentialAkt selber, in seinem Daseyn, wie wir bisher die Sache genommen, sondern diese Freiheit müste das substantielle Licht seyn, – u. sollte es überdies noch zu einem Ausdruke dieses Daseyns kommen, so müste dieses erst von jenem das substantielle Accidens seyn, nicht aber umgekehrt, wie wir gestern die Sache ansahen. (Unsere gestrige Ansicht allein wäre die UrErscheinung, als solche: faktisch, nicht wieder genetisch durchdrungen; – welches eben nicht Durchdringen, sondern darauf Beruhen den ursprünglichen Schein gäbe: – abhaltend von der Wahrheit.).

b.). so muß es um so mehr seyn: da die Freiheit, als durchaus nicht im Seyn, sondern durch das Seyn als solches aufgehoben u. vergeben, mithin als blosser modus des Seyns, schlechthin nur ausserhalb des Seyns seyn könn[t]e, also sein Seyn, vermöge seiner Qualität, durchaus ein absolutes Aussen, als die unerläßliche Bedingung seines Seyns sezt: drum das Wissen in seinem innern Wesen erst genetisch erklärbar macht. In seinem innern Wesen, als aussen sage ich u. nothwendig aussen. Denn – dies soll eingesehen werden, und das schwierigste leicht, u, klar machen – (…) (ebd. S 36 Z 1ff)

Die Bedingungen des äußeren Daseins des Absoluten im Existentialakt wurden bisher aufgestellt; aber nichts Äußeres ohne vorhergehenden Inneres. Deshalb muss es im Existentialakt des Daseins des Absoluten schon notwendig liegen, dass er sich äußert als „modus des Seins“, (als Erscheinung der Erscheinung), andernfalls wäre er nur allgemeine, leere, inhaltsfreie Geltung. Die bis jetzt inhaltsfreie Geltung des Daseins des Absoluten (in der Erscheinung) soll durch Freiheit in eine Synthese geführt und konkretisiert werden, wodurch sich ein bestimmtes Geltendes in concreto ergibt. M. a. W., die Geltung des Daseins des Absoluten erhält durch die Form der Freiheit überhaupt erst die Funktion einer Form – später des absoluten Soll – und einen denkbaren Inhalt – später einen sittlich-praktischen, theoretisch und praktischen Sinn und Wert.

Wie soll aber jetzt die Folge der Äußerung des Absoluten in concreto gedacht werden, das Absolute sich äußern in seiner Immanenz – und doch muss es transzendente Geltungsbegründung im Wissen bleiben? (vgl. ebd. S 37) Es ist die Evidenz eines „Gefühls„.

Es bleibt ein reiner Akt übrig, ein modus des Seins außer dem absoluten Sein. FICHTES Antwort:

„Dies sage ich, dieser actus mere et simpliciter, ist das absolute Wissen, ganz, schlechthin, in sich geschlossen, zu ihm gehört nichts mehr.“(ebd. S. 38 Z 15) Der qualitative Inhalt der Äußerung des Absoluten und die „Sache“ (ebd. Z 20) des absoluten Wissens fallen zusammen. Es ist das „Gefühl“… Ausdruk des Beruhens u. Bestehens auf sich selber, innerlich ohne vermittelnden Glieder – (…)“ (ebd. S 38. Z 26)

Es ist diese Geltungsform der Freiheit – als Form einer noch inhaltsfreien Geltung – als „absolutes Wissen“, charakterisiert. Dies ist ja die Absicht Fichtes,  auf eine allgemeine Geltungsform des Geltungsgrundes überhaupt hinzuarbeiten – später als „Ich“ näher beschrieben – und alle anderen Geltungsformen wie Gottes-, Rechts-, Sitten- und Naturlehre in ihrer spezifischen Form mit diesem allgemeinen Prinzip des „absoluten Wissens“ ineinander zu verknüpfen. 1

9. Stunde

Wenn die allgemeine Geltungsform apriorisch und per abstractionem dem konkreten Freiheitsvollzug vorausgesetzt werden muss, ergibt sich von vornherein ebenfalls eine  bestimmte Wert- und Sinnrichtung der Konkretion der Freiheit. Die Freiheit wäre durch das Sein des Wissens alleine hier der Gültigkeit nach „vernichtet„, lediglich „modus des Sein„,  darum Außen, „nur im Wissen und durch sein Seyn absolute das Wissen fordernd.“ (vgl. ebd. S 39 Z 7).
Anders gesagt: Der Denkvollzug in concreto und das daraus folgende Verstandesdenken kann de facto nicht „
vernichtet“ und aufgehoben werden, aber die Geltung lliegt nicht im Wissen selbst, sondern  in einer noch näher zu erhellenden, von außen kommenden Geltungsform – dem spätere kategorischen Soll.  

Der schon öfter angesprochene Widerspruch zwischen Sagen und Tun, dass das Sagen nicht das ganze Tun umfasst und das Tun nicht das Sagen einholt, ist in gewisser Weise im Gefühl zu einem Ende gekommen – was andere Philosophien, „die sich im transzendentalen verstiegen“ in „unendbare Zirkel“ herumtreibt (ebd. S 40, 10). Im Gefühl ist ein terminus a quo aller inhaltlichen Geltung in einer Synthesis der Wissensform gefunden. Das Gefühl ist eine gewusster, intelligibler Wert- und Sinngehalt.

Jetzt ist die Frage, wie die Reflexion auf „höhere Potenzen“ (ebd. S 40, Z 6) des Gefühls weiterführen? Welche Rechtfertigung und welchen Notwendigkeitsgrund der Reflexion kann es hier noch geben?

Eine genetische Erklärung setzt ihrem Wesen nach ein „absolut in sich selber geschloßnes Ganzes.“ (ebd. S 41. Z 4)

Es kommt zu Begriffsbestimmungen:
Was heißt „erklären“, „Prinzip und Prinzipiat“, „Projektion=Reflexion“, „Form“, „qualitativ bestimmtes Sosein“, „Gefühl“ (vgl. ebd. S 41). Was im Grunde eins ist, wird disjunktiv getrennt in ein Außen und Innen, Subjekt und Objekt, Prinzip und Prinzipiat (vgl. ebd. S 42). Es führt aber alles Erklären und Disjungieren zurück auf ein Faktisches.
FICHTE will höher, den Geltungsgehalt und den Geltungsgrund für diese Faktizität und Disjunktivität  finden.

10. Stunde

Das Wissen ist Außen des Absoluten, Faktum, beschreibbar, Bewusstsein, durch Erklärung als Erklärung analytisch festgestellt.

„1.) „Ein qualitatives Projektum: was nur vermittelst des als aussen=Reflexion, möglich ist. (Ja keine Handlung, sondern dieses stehende Seyn:)“ (ebd. S 45, Z 27f) 2

„(…) es ist der Existentialakt selbst mere et simpliciter als solcher, seiner Form nach. Mere, schlechthin ohne agens, oder productum: bloß existent machend ohne irgend etwas existentes – als solcher, sich durchdringend, unmittelbar (…) „ (ebd. S 46, Z 5)

Es ist reine Geltung, als in sich immanent „Klärung seiner selbst in unmittelbarer geschloßner That“ (…) was (wir) selbst über die Reflexion, so wie über das Gefühl hinaus liegt nennen.“ (ebd. S 46 Z 24), aber natürlich als bloße Form verweisend auf einen Inhalt, der als dem Wissen transzendent begriffen werden muss und anders gar nicht begriffen werden soll, soll Freiheit jemals als Begriff und Bild wissbar sein. In dieser Erklärung wird gespalten in Prinzip und Prinzipiat. Das Prinzip ist das sich in seinem Wesen darstellende Prinzipiat.

Ich zitiere jetzt wieder wörtlich einen längeren Teil, weil hier sowohl die Freiheit durch eine Geltungsform des Wissens weiterbestimmt wird, aber zugleich das Außen und eine werthaft, real-praktische Seite hineinkommt, die bis jetzt noch nicht so deutlich gesehen wurde. Der Existentialakt bekommt eine werthaft-sittliche Seite (Geltung) – weil er das synthetische Pendant und Gegenteil zur bloß begrifflichen Vorstellung des objektivierten Wissens abgeben soll. M. a. W. die Disjunktionseinheit Freiheit – objektiviertes Wissen wird eine sittlich-praktische, werthafte Disjunktionseinheit.

„(…) als Existenz, nicht als solche angeschaut, sondern für die Anschauung nur absolut praktisch, u real geschaffen.“

„(….) Jezt haben wir diese Objektivirung des E[xistential]. A[kts]. in dieselbe Tiefe hinein, u. zur Gleichheit des Standpunktes mit dem ersten Bestandtheile der Erklärung, klar zu machen. Licht = ExistentialAkt – Reflexion als, aber nicht als, als, nicht objektiv:-. Sonach wäre es in dieser Objectivirung selber objectivirt: – anschauend, also durch die absolute Reflexion, selbst ExistentialAkt, seiner selbst, als Existentialakt: (nicht als seiner selbst.) Absolut praktische, u faktische Projection seines eignen Wesens – eben als stehenden u. geschloßnen Wesens: eine wirkliche, in sich geschloßne, und auf sich selber ruhende That als solche.
1.) Da dies
in der Erklärung, durchaus Ein Schlag mit dem ersten (…) Jezt zur Vereinigung: ich sage, diese leztere objectivirende Reflexion ist eigentlich Reflexion der Reflexion, in ihrer Form; die 1. Reflexion als – zergehend im Wesen: dasselbe doch auch hin stellend: ja: dieses absolute Hinstellen, u. dadurch sich von sich
absondern, realisirt nun diese unmittelbar: – also erst hervor bringend u. schlechthin in sich ausdrükend die Existenz,
als Existenz, nicht als solche angeschaut, sondern für die Anschauung nur absolut praktisch, u real geschaffen. / Diese Distinktionen sind von unendlicher Feinheit: aber sie müssen gemacht werden; (…) (ebd. S 47 Z 2ff)

Der Existentialakt als reales Außen – und zugleich fertig und vollendetes ideelles Außen – wird als absolutes Äußern (des Absoluten) begrifflich durchdrungen, wie oben das Äußern schon angeschaut wurde. So entsteht „Licht, Anschauung, u. zwar eine solche, die unmittelbar ein blosses Daseyn mit sich bringt. Nun ist das hier zur geschloßnen Existenz projizirte nicht Daseyn überhaupt, sondern Daseyn des Wissens, wie es in sich selber ist, mithin Anschauung des objektivierten Wissens“ (vgl. ebd. S 48 Z1f) (vgl. dazu die AzsL, wo ähnlich die Äußerung des Seins als Seins- und Daseinslehre  hinübergeführt wird zum Dasein des Wissens als Bildlehre, aber durch die Liebe in einer Stufenlehre rückgebunden bleibt an das Sein.)

Der obige Lichtstrahl steht durch seine Erklärung als Existenz, innere Klärung und „Dolmetschung seines Wesens.“ (ebd. S 11) da, „in dem Einen faktischen Seyn.“ (ebd. Z 11)

Der Lichtstrahl „ist und enthält in sich dieses System, das wir Erklärung nennen: (…)“ (ebd. Z 24)

Der Begriff „Erklärung“ kann dabei wieder als bloße Form genommen werden – und kann zweierlei heißen: „wirkliche Genesis“ – Ursache u. Wirkung, die nur in der absoluten Existenz vorkommen kann. – . Deutung, was es an sich ist, u. im Wesen, die auf der anderen Seite wohl vorkommen kann. (…)“ (ebd. S 49, Z 7)

11. Stunde

Es geht um den Widerspruch, genetische Erklärung des objektivierten Wissens und der Anschauung (der Selbstanschauung), oder wie das Licht faktisch dem Wesen nach ist. (Transzendentales) Erklären gründet sich auf die wesenhaften Erklärung des Lichtes und ist ein Finden, und das (hermeneutische) Finden gründet sich auf ein genetisches Erklären und Begründen und Gerechtfertigtsein dieser ihrer Form.

„Wink. Darauf eben kommt es uns an, um über die Fakticität und Freiheit wegzukommen, denn dies ist dermalen die eigentliche Schwierigkeit, mit der wir noch ringen. In ihr offenbar die Disjunktion und Scheidung: bei ihr wiederum die absolute Einheit. Dieses sonach unser eigentlicher Standpunkt. Wissen wir was es ist, so wird vielleicht die Freiheit , als nicht Wesen, u. Sache an sich, sondern als nothwendige Erscheinung einsichtig.“ (ebd. S 50 Z1ff)

Die Reflexion auf das Innen und Außen des Lichtstrahls ist ein Außen, das vollendet ist, projiziert als Objekt, schlechthin in seiner Form, geschlossen und selbstständig. – schlechthin ohne alle Qualität. (vgl. ebd. S 50 Z 13) „Nun projicirt sich das Wissen, wie es in sich selbst ist – zugleich mit diesem so seyn in sich selber, was nun den objektivierten ExistentialAkt=qualitativ ganz gleiches Prinzip, und Principiat:=eigentliche Form der Erklärung.“ (ebd. Z 15f)

FICHTE arbeitet hier eine neue Synthese heraus zwischen einer Form, „geschlossen und selbstständig“, „schlechthin ohne alle Qualität“, eine Geltungsform und Wissensform überhaupt, und einem Inhalt (Existenz, Qualität), der in seinem transzendentalen Gehalt „(…)„Selbstgefühl, reine Apperception, durch welche allein erst Perception möglich ist, * die ausserdem ein Zerfliessen in Nichts (wäre)“ (ebd. S 51 Z 16f), ist.

Der Inhalt dieser Perzeption und Apperzeption fällt als Geltungsgrund nicht mit der Geltungsform (Wissensform) selbst zusammen. Es gäbe aber auch keinen Geltungsgrund (und Geltungsinhalt), würde er nicht  a) als allgemeine Wissensform (später als „Ichform“ herausgearbeitet) und b) als spezifische Geltungsform der späteren vier materialen Teilbereiche der WL – Religions-, Sitten-, Rechts- und Naturlehre –  objektiv dargestellt. 

Nur dank der Geltungsform (Wissensform) selbst, ist der Inhalt gesetzt – und umgekehrt gesagt, die Form gilt, weil sie genetisch objektiviert werden kann als Erscheinung des Absoluten.   

„Bei Kant ganz richtig im Sinne: Das Ich denke pp. (…)“ (ebd. S 51, Z 20), er sei aber inkonsequent geblieben, denn seine transzendentale Apperzeption ist skeptisierbar, weil sie nur faktisch angenommen wird.  

„Nun die ganze Erklärung in ihrem Mittelpunkte gefaßt u. sie in ihrem Wesen gedeutet: sie ist absolute Genesis des Lichts in sich selber: Anschauung seiner eigenen Genesis – ist eben die absolute Evidenz im Mittelpunkte: (…) absolute unmittelbare Einsicht durchaus ohne Prämissen.“ (ebd. S 51, Z 31ff)

Die Einsicht projiziert sich in der Anschauung als seiend „noch nicht genetisch“ (ebd. S 52, Z3), das Licht projiziert sich aber in absoluter Projektion, ganz, wie es in sich selbst ist, (…) da es aber doch sein soll, bloß dieses Sein, ohne alles Was-Sein, ohne alle Qualität (…so ist das) Selbstgefühl, Apperception. (vgl. ebd. S 52 Z 6)

Das Licht bringt darin sich selbst mit, ist immanent und emanent, geschlossen, dauernd, ewig, unveränderlich, „(…) Gefühl des inneren Wesens. Zweites Gefühl: hier als Mittelglied des effektiven absoluten äusserns. u. der Apperzeption (…) dies nun in der Anschauung, also unmittelbare Reflexion, in der ersten Potenz. Bilden des innern qualitativen Seyns“ (ebd. S 52, Z 17f).
(vgl. dann WL 1805, Erlangen, GA II, 9 – Das Licht bringt sein eigenes Grundsein mit, ist aber ein sich selbst Fremdes im eigenen Sein – durch das Projizieren und Reflektieren.) 

Die Geltungsform ist qualitativ im Außen – und das wird in der Anschauung und „Anerkenntnis“ wiederum als Inneres im Außen erkannt, indem es im absoluten Lichte erkannt wird, „daß es Genesis ist“ (ebd. S 52, Z 25). Dass sich das absolute Wissen projiziert, ist der Begriff der „Erklärung“ selbst.

12. Stunde

Nach der begrifflichen Durchdringung der „Apperzeption“, – bei KANT inkonsequent – als genetische, projizierte Licht-, Geltungs- und Wissensform, wird die objektivierte Anschauung, die durch den Existential-Akt und den Lichtstrahl als existierendes, spezifisches Dasein des Wissens gesetzt ist (siehe oben 10. Stunde, S 48 Z 1ff), auf ihre weitere Wissbarkeitsbedingungen untersucht – d. h. in dem Sinne, dass sie als geltend vernunft- und verstandesmäßig durchdrungen werden soll.

„Und nun zu dem Finden, u. dieses unserm Plane nach zufördert in seinem inneren Wesen gedeutet: Es ist ein finden des absolut immanent seyenden, als solchen.“ (ebd. S 52, Z 30)

Das im Akt des Lichts projizierte Innere des Wissens soll als solches gefunden und als Inneres im Außen verstanden werden. Das verlangt ein beiderseitiges, wechselseitiges Verstehen und wechselseitiges Intelligieren. Das Wesen des Wissens soll einmal als Gefühl faktisch verstanden werden (als Synthese von Geltungsform und Inhalt), es ist dann schon im Gegensatz zum Verstand ein in seinen Prinzipien gedeutetes Wissen – und zugleich soll das Wissen aus der erklärenden Idee der Genesis des Außen durch das Licht, im Akt des Lichts, weiterhin intelligiert und bewährt und konkretisiert werden. Das wird einen generellen Mittelpunkt des Wissens ergeben, und davon unterschieden, aber zusammenhängend, vier Hauptbereiche des spezifischen Wissens.

Kann das Wissen noch tiefer analysiert werden, „rein in sich“ ? (ebd. S 53. Z 21), so wird jetzt gefragt. Das Wissen muss ein dynamisches, inneres, vielfältiges Werden sein, nicht nur ein einziges Werden des dann angeschauten Seins. Es ist ein Ganzes eines fünffachen Werdens, das lebt durch den dialektischen Gegensatz eines anderen, ein substantielles Intelligieren fünffacher Geltungsformen und Wissensformen, eine unwandelbare Wandelbarkeit. Das Wissen ist innen wie außen, Agilität, als Form, in der Form der Einheit. Wissen ist ein Vereinen als solches, agiles mittelbares Begreifen, (vgl. ebd. S 54. Z 29).

„Wo nun der Standpunkt; in der Mitten:-. das in organisch<em Acte> sich machende Innen, u. aussen, ist selber wiederum, d. h. in der Form, als solches, innen, u. aussen: und es ist Eins nicht ohne das andere, noch seine Glieder. Im Finden der Erklärung als Faktum liegt selbst die bekannte synthetische drei, oder fünffache Gliederung: u es ist ein organisches Ganzes:-“(ebd. S 54, Z 31)

Die Apperzeption ist hier „das vollendete Aussen“ (vgl. ebd. S 55 Z 15). Die Genesis innerhalb des Lichts, realisiert und anschaulich gesetzt, führt notwendig die Apperzeption mit sich – in einem fünffachen Bereich prinzipieller Wissensstrukturen. Prinzipiell ist dabei das Wissen als organisches Ganzes geschlossen und vollendet (genetisch vollendet)  – und so kann von einem Bewusstsein gesprochen werden – in einer, dem Bewusstsein selbst nicht erklärlichen, faktischen Einheit des Bewusstseins.

„Wo ist der Mittelpunkt des Wandels.? Zwischen dem Innen, u. Aussen: und zwar per absolutum hiatum. Woher? In der Anschauung selber im continuirlichen Bewußtseyn.. Also, das absolute, drum schlechthin nicht weiter anschaubare Wissen, schwebt zwischen Innen, u Aussen = absolutem in sich selbst aufgegangenem Intelligiren, oder Anschauen.-. Es ist gar kein Bewußtseyn, sondern nur Wissen. Dahin muste es kommen, sonst fodern wir zu jedem Bewußtseyn wieder sein Bewußtseyn, und es giebt kein Ende.-. (ebd. S 55, Z 24ff)

Der Übergang vom Wissen zum Bewusstsein ist ein wechselseitiger hiatus von Schweben und Intelligieren einerseits und faktischer Anschauung andererseits. Der Übergang vom Wissen zum Bewusstsein liegt dabei innerlich. Er muss sogar „wirklich innen seyn“ (ebd. S 56 Z 3), denn Wissen und Bewusstsein können ja nicht an sich auseinandergerissen werden, sie hängen beide „per hiatum im Bewußtseyn“ (ebd. S 55 Z 8) zusammen.

Bliebe es, rein theoretisch jetzt gedacht, nur bei der transzendentalen, intelligierende Innenansicht, so bliebe ein Schwanken zwischen transzendentalem Erklären (der idealen und realen Reihe des Bestimmens) und faktischem Deuten eines gefundenen Wissens. Es käme aber dann zu keinem wirklich angeschauten und projizierten Wissen im Bewusstsein und mithin zu keinem tätigen, wirklichen Leben.

M. a. W., die im faktischen Bewusstsein vorfindbare ideale und reale Reihe des Bestimmens erscheint (durch Anschauung) in ihrem mannigfaltigen Gehalt hiathaft, unableitbar, aber in und durch die intelligierte Einheit des Wissens (als projizierte Lichtform und Geltungsform) ist aller Gehalt in einer ihm zukommenden Geltungsform gesehen und perzipiert.

Der Gehalt ist nicht als Ding-an-sich und Noumen realistisch vorausgesetzt, ist aber auch nicht idealistisch bloß vorgestellt, sondern ist in seiner Geltungsform, mithin in einem Wert- und Sinngehalt, durch Freiheit geformt und bestimmt.

Die Unableitbarkeit der Mannigfaltigkeit der erscheinenden Materie muss  dabei für die Freiheit offen bleiben, sonst wäre ein freies Übergehen an einer Hemmung bzw. an einer interpersonalen Aufforderung nicht möglich, das Wesen dieser erscheinenden Materie ist aber durch Freiheit in seiner Geltung genetisch geschlossen und begreifbar.  

M. a. W., die Geltungsform (Wissensform) ist geschlossene Einheits- und Wissensform, generell und speziell in fünffacher Weise gegliedert, mithin eine endliche Totalität, aber die in dieser Geltungsform auftretenden Inhalte sind durch die freie Teilbarkeit des Setzens (und der später noch analysierten Zeitform) notwendig unableitbar gesetzt.

„Das schlechthin nicht anschaubare, sondern höchstens nur intelligibare Wissen ist ein Faktor zwischen Erklärung, u ihrem Finden, u. Deuten: der selbst nur eintritt durch das Faktum: und so ist das Wissen absolute, u. es läßt darüber hinaus sich nichts weiter genetisch ableiten, oder, ausser was eben geschah, intelligirend deuten.-.Philosophie – faktisches Bewußtseyn – mit seinem Materiale.“ (ebd. S 55, Z 7f)

13. Stunde
Das unveränderliche Eins im Wissen als Geltungsform ist kein stehendes Faktum (ebd. S 57 Z 9), sondern eine Quelle. Das Wesen dieser reinen Geltung als in sich immanent im Wissen – weil Form eines über alles geltenden Geltung des Lichtes, der Erscheinung – und zugleich als dem Wissen transzendent, weil es projiziertes Licht ist, innere Anschauung, Bewusstsein, ist absolute qualitative Einheit, wesentliche Einheit, „ausschließend durchaus alle Unterscheidung und Spaltung“ (ebd. Z 13) „Das Wesen ist Eines, aus sich quellen, „nicht das was des Quellens. Wie könnte doch Mannigfaltigkeit absolute seyn (materialiter)? Sie wäre ja ein Verfließen in nichts.“ (ebd. Z 15)

Dieses Quellen aus sich ist in gewisser Beziehung Freiheit „in Rücksicht eines Faktums oder Nichtfaktums“. (ebd. Z 26) Das Wesen dieser Freiheit bleibt hier völlig unverändert, „Nur innres Wesen. Daseyn durchaus nicht:“(ebd. S 58, Z 1)

Intelligiere ich auf diese wesentliche Einheit, geschieht Reflexion und „Ausfüllung des bekannte hiatus, in reiner formaler Einheit, durchaus u. schlechthin faktisch ohne alle objektive Anschauung, (…) Bewußtseyn, zum Wissen: jenseits beide schlechthin vereinigt.“ (ebd. Z 5)

FICHTE will m. a. W. und in Anlehnung an M. Gerten von mir formuliert, einen Geltungsbegriff als ein Ganzes konstituieren. „Beide (Form und Inhalt) sind abstrakt zu unterschieden: der bloße, reine, geltungsfreie Inhalt von der bloßen, reinen, inhaltsfreien Geltung; beide sind aber auch konkrete aufeinander zu beziehen, indem erst in ihrer Synthesis sich ein gegenständlich bestimmtes Geltendes, eine geltenden gegenständliche Bestimmtheit ergibt.“3

FICHTE will unterscheiden und herausarbeiten a) die allgemeine Geltungsform „Ich“ mit einem allgemeinen Geltungsgehalt der Erscheinung des Absoluten überhaupt, und damit genetisch zusammenhängend b) die in spezifischer Weise der Erkenntnisprinzipien sich aufspaltende Fünffachheit des Wissens mit spezifischen Geltungsinhalten, die inhaltlich aufeinander verweisen und ineinander verknüpft sind. Ich interpretiere das so, dass z. B. ein sinnlicher Trieb mit spezifischen Ambitionen zugleich einen gesellschaftlichen Trieb mit gesellschaftlichen Affekten voraussetzt und umgekehrt.

„4.) „Ich -. Faktum des Ich: das Ich voraus setzend; u. hin es stellend, als den hiatus ausfüllend, in absoluter Anschauung.-“( ebd. S 58, Z 10)

„Nochmals; im so eben beschriebnen Intelligiren, was geschahe? Der absolute hiatus wurde ausgefüllt, in dieses Ausfüllen war das Intelligiren absolut verlohren, es war es selbst, und das objektive wesentliche Wissen nur sein Widerschein, inwiefern es nothwendig zugleich Anschauung ist:-. Was ist dagegen die Reflexion? Offenbar dieses Ausfüllen, als solches, absolute: in seiner Form, abgesondert, nicht im Wesen wie dort… Nach Art aller Reflexion, die absolute als hinstellt, was in dem Intelligiren innerlich ist[-] Was stellt nun diese Reflexion, in seinem als, oder Form hin? d. h. was ist es an sich, u. in seinem Wesen: Antw[ort], die Ausfüllung des absoluten hiatus. Diese aber ist das absolute Wissen selbst . W[as]. D[as]. E[rste].“ (ebd. S 58 Z 17ff)

„Das Ich wird vorausgesezt, wie aus der objektivirenden Anschauung hervorgeht: es wird vorausgesezt, als ein solches, aus dem die Reflexion auf das absolute Intelligiren, als absolutes – Bewußtseyn nicht folgt, d. h. welches in Beziehung darauf indifferent, und frei ist. -. Die Freiheit läßt sich daher hier ebenso wohl als ein Faktum ansehen[,] Phänomen, oder auch als Noumen; freilich wieder aus absoluter Fakticität.
Nun weiter:
Das im absoluten Bewußtseyn vom Ich unabtrennliche qualitative, u. materiale ist das absolute als der Ausfüllung, die Form, eben der construirende Ausdruk; und Bild dieses Füllens – dieses aufhebens des Nichtseyns, und der Kluft. Bild einer absolut in sich selbst lebendigen Linie. (So bilden dürfen wir hier nicht nur, sondern wir müssen: denn wir sind in der Quelle des reinen u. absoluten Bildes.)“(ebd. S 59 Z 22ff)

Es sind dies hier wichtige Stellen, wie ich meine, weil hier von der wesentlichen Einheit im Intelligieren und im absoluten Wissen zur Reflexion im faktischen Bewusstsein übergegangen wird – in der Art und Weise, dass das Licht der Geltungsform in der Reflexion nicht verloren gehen kann. Der materiale Wert und Sinn eines Gehaltes ist in der Licht- und Reflexionsform mitgenommen und erhalten, m. a. W., der Geltungs- und Wahrheitsanspruch der Erscheinung des Absoluten und aller damit zusammenhängenden Wissensinhalte ist so fortgeführt und geltend gemacht. (Es gibt keine sittlich-neutralen Handlungen – so ähnlich einmal in der SL-1798.)

Dazu kommt jetzt die Anschauung der Zeit-Form.

Dieser Punkt ist relativ kurz hier beschrieben – ausführlicher in § 12 der WLnm, dafür aber sehr gut! FICHTE spricht hier stets vom „Ausfüllen“ des hiatus.

Siehe nochmals Zitat von S 58 „Offenbar dieses Ausfüllen, als solches, absolute: in seiner Form, abgesondert, nicht im Wesen wie dort… Nach Art aller Reflexion, die absolute als hinstellt, was in dem Intelligiren innerlich ist[-] Was stellt nun diese Reflexion, in seinem als, oder Form hin? d. h. was ist es an sich, u. in seinem Wesen: Antw[ort], die Ausfüllung des absoluten hiatus. Diese aber ist das absolute Wissen selbst. W[as]. D[as]. E[rste].“ (ebd. S 58 Z 17ff)

Wenn es dann heißt: Die Reflexion oder das Als stellt das absoute Wissens „hin im Bewußtseyn und seiner Form“ (ebd Z 30) „Sie ist daher das absolute Bewußtseyn selbst der Form nach“ – so übersetze ich das: die Geltungsform des Ich (der Ichheit), der Reflexion, muss infolge der geschlossenen Evidenz des Lichtes eine  Totalität sein,   da aber die Form des Bewusstseins nicht totaliter und nur per hiatum begriffen werden kann, wie oben das Intelligieren sehr wohl den Sinn und den Zweck der Geltungsform des absoluten Wissens begriffen hat, muss sich die Form des Bewußtseins rein faktisch die Aufklärung ihres Geltungsgehaltes von der Zukunft und der Zeit erwarten. 4

Die Ausfüllung der Form des Bewußtseins ist die Zeit und Geschichte – siehe gleich später. Die Form des Bewusstseins erreicht nicht ohne Zeit und Geschichte den intelligierten Gehalt der Geltung, wiewohl er überzeitlich feststeht. Ex positivo kann aber gesagt werden, der Gehalt der Geltung geht als übergehendes Licht des Sinns und des Wertes in die Geltungsform des Bewußtseins ein, sonst wäre überhaupt kein Bewusstsein und keine Faktizität und in Folge keine sittliche Wertung möglich. (Ich füge hier ein,  dass die Sittlichkeit ebenso die Erwartung einer geschenkten, wirklichen Sittlichkeit weckt, d. h. eine umfassende Sinnidee von Satisfaktion verlangt.)  

M. a. W., wenn die Freiheit nach ihren inneren Gesetzes des Vollzuges sich auf den Geltungsgrund rück-bezieht, fließt der Sinn- und Wertgehalt der Geltung in die „Ausfüllung“ des hiatus (zwischen intelligierter Materie des absoluten Wissens und zeitlich sich vollziehendem Werden im Bewusstsein) ein. Vorausgesetzt natürlich, die Freiheit vollzieht sich nach der Gesetzlichkeit des Lichtes und des im Lichte erscheinenden Seins.5

Die „Ausfüllung“ des hiatus und die „Zeitform“ kommt  noch deutlicher zum Ausdruck – siehe unten. Zuerst noch zur Form des absoluten Bewusstsein:

„Nun weiter: Das im absoluten Bewußtseyn vom Ich unabtrennliche qualitative, u. materiale ist das absolute als der Ausfüllung, die Form, eben der construirende Ausdruk; und Bild dieses Füllens – dieses aufhebens des Nichtseyns, und der Kluft. Bild einer absolut in sich selbst lebendigen Linie. (So bilden dürfen wir hier nicht nur, sondern wir müssen: denn wir sind in der Quelle des reinen u. absoluten Bildes.)“ (ebd. S 59, Z 29ff)

Die Geltungsform des Ich, des absoluten Bewusstseins, ist „frei und indifferent“, „in Beziehung auf dieses Umfassen (sc. der idealen und realen Reihe des Bewusstseins) gegen über gestellt. Weder das Eine noch das andere pp sondern in den Mittelpunkt der wirklichen That hinein.(…)“ (ebd. S 60 Z 6) „(…) ohne alle Reflexion u. Bewußtseyn, drum auch unbegrenzt es seyn“ (ebd. S 60, Z 8)

Die Zeitform wird jetzt entscheidend in der Deduktion der wesentlichen Wissensprinzipien von Gottes-, Sitten-, Rechts- und Naturlehre. Es kommen jetzt geniale Aussagen:

„Dieser Mittelpunkt ist das absolut Eine, unveränderliche Bewußtseyn; was daher in ihm ist, ist wirklich, u real: drum auch jenes.. ZeitForm – eine unbegrenzte Linie, durchdrungen, vom frei seyenden, absolut objektiven Ich der Anschauung, u. dieses von ihm, beide unabtrennlich; Kommend mit ihm aus der Anschauung als formalem Ausdruke des absoluten Wissens, in Beziehung auf welche das Ich, als frei erscheint, durch ihren absoluten Wesens Begriff sich über sie zu erheben, u. so sie genetisch abzuleiten.“ (ebd. S 60 Z 10ff;) (Ich lese das so: Der Sehakt der Anschauung spaltet sich je nach objektivem oder subjektivem Ende geschaut in ein Vierfaches der Bestimmtheit und Bestimmbarkeit – Natur, Rechtslehre, Morallehre, Religionslehre). 

Durch das Eintreten der Zeitform spaltet sich die reine Geltungsform in vier Bereiche spezifischer Geltungsformen des Wissens, sodass umgekehrt gesagt werden muss: alle vier Bereiche des Entfaltung der Geltungsform des Ichs haben positiv zeitliche und räumliche, oder umgekehrt durch Negation gewonnene unzeitliche und unräumliche Vorstellungswelten zur Folge.

FICHTE thematisiert das hier (leider) wieder sehr kurz. Er spricht nur die äußersten Möglichkeiten der Bestimmbarkeit überhaupt an, die Bestimmbarkeit der Moral als Form der Anschauung – und die Bestimmbarkeit der Gotteslehre als Form des Intelligierens:

„1.). Da ist nun schon für den Standpunkt der Moral gewonnen. Diese bedarf der Zeit… dagegen Gott schlechthin ausser aller Zeit liegt.-. Mithin für beide im Mittelpunkte. Freilich bedürfen wir noch eines anderen HauptIngrediens, der realen Thatkraft.“ (ebd. S 60, Z 19)

Die Freiheit erscheint dabei als „Nichtfolge“ (ebd. S 60, Z 32), auf dem Standpunkt der Moral bzw. in ihrer „Qualität“ . Sie kann und darf nicht als implikative Folge aus vorhergehenden Bedingungen abgeleitet sein, dann wäre es ja keine Freiheit mehr und gäbe es keine Moral.

„Intelligirt sie sich aber, wie dies so eben bei uns geschehen, so wird die Freiheit, als absolutes aufgehoben, indem sie selbst als Folge aus der nothwendigen, dem Wesen des Wissens, eingesehen wird (sc. in die Gotteslehre).“ (ebd. S 60, Z 32f). Die Freiheit auf dem Standpunkt der Gotteslehre ist eine sich hingebende, aktiv-passiv sich ergreifen lassende Freiheit. Freiheit folgt aus der Erscheinung des Daseins des Absoluten notwendig, als „modus des Seins“ und als „substantielles Accidens“ (siehe oben 7. Stunde, S 31 Z 8). Freiheit wird hier zweifach gesehen, in zweifacher Funktion: als Verantwortung und Zurechenbarkeit in der Moral und Rechtslehre – und als Gottesliebe in der Gotteslehre.

„Es läßt sich daher schon hier recht klar verstehen, daß die Verschiedenheit der Standpunkte zwischen der Gottes, u. Sittenlehre zunächst nur darauf sich gründen werde, ob im Anschauen = Erscheinung, oder im Intelligiren geruht werde, daß nur durch absolute Intelligenz sich zur Gottheit erhoben werde, oder vielmehr, daß nur die ab solute Intelligenz selber der absolute Rükblik der Gottheit auf sich selbst, und so ihr Daseyn selber sey, u. alles übrige d. h. die Anschauung nur die Bedingung dieses – in sich lebendigen Daseyns.“ (ebd. S 60.61 Z 1ff) (Ich frage  hier an, ob das Intelligieren durch seine Wesensverwandtschaft mit der Anschauung nicht selbst einer Perzeption einer Offenbarung Gottes bedarf, weil sonst der Religionsbegriff kaum vom Moralbegriff zu unterscheiden ist? Die Perzeption einer positiven Offenbarung liegt im Begriff der Freiheit selbst, wenn sie nach einem realen Gesetz des erscheinenden Solls ja handeln soll, nicht  muss.)  

Was wird die nächstfolgende Aufgabe sein: FICHTE beschreibt sie als nähere Analyse des „per hiatum“ des absoluten Wissens mit dem Bewusstsein zusammenhängenden Faktums, als „die absolute Anschauung“(ebd. S 61 Z 10.)
M. a. W. die Faktizität als solche in ihrer Synthese als Intellektion in die Geschlossenheit der Lichtform (der Wissensform, Geltungsform) und in ihrer faktischen Anschauung einer idealen wie realen Reihe der Bestimmung und Selbstbestimmung soll begrifflich den Bedingungen der Wissbarkeit nach genauer gefasst werden.

Durch die Einführung der „ZeitForm“ als unmittelbarer erster Ausdruck und Anschauungsform des Intelligierens des Ichs, als formaler Ausdruck (Anschauungs-Form) des absoluten Wissens, kann eine weitere Analyse des Wissens und der Tätigkeiten des Ichs erfolgen: Der spezifizierte Gehalt in der Geltungsform Ich/absolutes Wissen offenbart a) einen idealen und b) einen realen Gehalt der Selbstbestimmung und Bestimmung.

„3.). Diese absolute Intelligenz wird nun selbst nur durch ihren Gegensatz, die absolute Anschauung, zu bestimmen seyn.. Wir haben daher zunächst diese gründlich durchzuführen: uns haltend an Fakticität, oder Freiheit. Zweierlei Bestimmungen: durch das absolute mitgebrachte, wie soeben die Zeit war: durch die absoluten Bestimmungen des absoluten mittelbar mitgebracht, wechselwirkend, die Synthetik der W.L. – soweit wir derselben für unsern Zwek bedürfen werden.“ (ebd. S 61 Z 9ff)

© Franz Strasser, Jänner 2022

1Ich möchte diese Stelle der Herausarbeitung eines „absoluten Wissens“ und der Stellung des späteren Ich-Begriffes mit M. Gerten wieder kommentieren: Er beschreibt eine „reine Geltung“, abstrahiert vom Inhalt der Geltung, als überrelationale, absolute Geltung in zweierlei Hinsicht: „1) Sie liegt jeder Unterscheidung in Geltungsformen, deren Maßstab sie bildet, voraus: auch die Differenzierung von Geltungsformen gilt ja eben; 2) sie ist als solche rein immanent, „verdankt ihren Geltungscharakter weder einem Objekt (Gehalt) noch dem Gedachtsein oder Gewolltsein durch ein Subjekt: sie gilt ,durch sich selbst‘.“ (ebd., Sein und Geltung, S 215)

2„(Ja keine Handlung, sondern dieses stehende Seyn:)“ Ich interpretiere das so: Eine Handlung könnte als solche keinen Gegenstand aus dem Begriff hervorbringen – wie m. E. in Handlungstheorien abkürzend oft gesprochen wird. Handlung ist nicht Erkenntnis. Erkenntnis ist Hervorbringung eines Begriffes gemäß und entsprechend dem Transzendental des wahren Seins. Darum geht es FICHTE hier spezifisch im 2. Teil, um das stehende Sein einer reinen Geltungsform des „absoluten Wissen“, spezifiziert als Geltungseinheit, beginnend mit dem Gefühl. Das Gefühl ist das erreichte vollendete Außen, das innere Wesen des Außen, ist ein  Intelligieren und  Intuieren, eine innere Geltungseinheit. 

3Siehe wiederum M. Gelten, Sein oder Geltung, ebd. , S 214.

4Ich verweise hier auf andere Blogs zur Ableitung der Zeit – siehe z. B. Kommentar zur WLnm 4. Teil. Die Einheit des Bewusstsein (die Form, die Geltungsform) muss sich im theoretischen und praktischen Hinausgehen und Wollen über die Appositionsreihe selbst verteilen und über die Mannigfaltigkeit der Gefühle hinweg ein Nacheinander setzen. Die Mannigfaltigkeit der Gefühle – nicht bloß die ideale Form des Fortgehens – wird durch die Appositionfähigkeit des Bewusstseins als zusammenhängend gedacht, als reale Reihe der Dependenz (GA, IV, 2, WLnm § 11, S 119). Die Einbildungskraft macht die Apperzeption zur dauernden Apperzeption, substantialisiert sie zur Dauer der Einheit des Ichs – und es entsteht die Erscheinungszeit im Unterschied zur Entscheidungszeit im intelligiblen Ich. Erscheinungssubjektiv und erscheinungsobjektiv liegt in der Erscheinungszeit eine empfindbare, reale Materie, weil ja auf der Ebene der Gefühle und ihrer Verknüpfung gehandelt wird. So ist Zeit ein ideal-reales Phänomen, je nach Standpunkt. In der Diktion zu Beginn § 10, WLnm, kommt die Fähigkeit des Linienziehens „nach allen möglichen Directionen hin“ (ebd. S 101) dem Handeln des Ichs in seiner Potenz der freien Intelligenz zu, dass also etwas nur sein kann, wenn es der Möglichkeit nach im Sich-Bilden der Intelligenz angelegt ist, auch die Möglichkeit der Anschauung des Linienziehens und des Raumes. Ergo liegt selbst der Anschauungsform Raum, später der Anschauungsform Zeit, eine intentionale Bewegung zugrunde, eine Modifikation der Freiheit, mithin, wenn schon nicht ein bestimmter Zweckbegriff im Linienziehen selber gefunden werden kann – und das zu einer Geometrie und Physik führt – so doch eine prinzipielle Intention: Das in der Intelligenz auf die Idee hin Angeschaute und mittels Raum- und Zeitanschauung Begriffene – Zeit und Raum werden gleichzeitig mit dem Angeschauten erzeugt – soll so vollständig und vollkommen wie möglich vorgestellt und praktisch-logisch angepasst werden.

5J. Widmann arbeitet anhand der WL 1804 zuerst vier Stufen der Phänomenologie des Erkennens heraus, Natur, Logos, Geschichte, Sinn, man könnte auch sagen, grundlegende Reflexionsformen, um auf einer fünften Stufe die Evidenzformen (oder Lichtformen, Reflexionsformen) benennen zu können – vgl. ebd., S 182ff. FICHTE springt hier an dieser Stellte GSRL sozusagen mit dem Wort „Ausfüllen“ und zeitliches Linienziehen sogleich auf diese fünfte Stufe der Evidenzform von Geschichte und Sinn auf.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser