Was ist Religion?

Ich will hier nichts Historisches oder Psychologisches zum Begriff der „Religion“ bringen, vielmehr einerseits recht allgemein „Religion“ definieren, andererseits doch mit entsprechenden transzendentalen Beweisen eines apriorischen Vorwissens im Hintergrund agieren, warum es zum spezifischen Wissen der Religion und einer positiven Offenbarung notwendig kommen muss. (Fichte-Zitate sind wieder rot hervorgehoben.) 

Ich könnte dem Verhältnis Wissen/Absolutes in vielen WLn nachgehen, ich wähle subjektiv-beliebig etwas aus.

1) Alles, was ist, ist Erscheinung des Absoluten. Die Frage ist nur, wie das zu denken und zu begrĂĽnden und zu rechtfertigen sei.

Eine Theorie zum absolutum/Absoluten findet sich bei Fichte spätestens ab der WL 1801/02, und viele WLn der späteren Jahre kreisen um dieses Thema des Verhältnisses der Begründung des Wissens in und aus dem Absoluten.

Ohne Zweifel ist das Thema Erscheinung/Hypothese einer Erscheinung/Sein und Denken …. (oder ähnlich ausgedrĂĽckt)  von allem Anfang an in den Schriften Fichtes enthalten. Bereits seit den EIGNEN MEDITATIONEN [1793] kommen Prinzipien der Gotteslehre in das Denken hinein, die freilich als solche noch nicht gekennzeichnet und entfaltet sind. Transzendental-methodisch muss sogar eindeutig z. B.  beim Begriff des  „absoluten Ichs“ von der Gottesidee ausgegangen werden, sonst ist weder die GWL von 1974/95 noch die WLnm von 1796/97 vollständig zu begreifen. Fichte war noch befangen im Vernunftbegriff Kants; die unabhängige Tätigkeit Gottes schien ihm nicht fassbar.1

Da die transzendentalphilosophische Begründungs- und Denkform eine ausdrückliche Bildtheorie ist, muss prinzipientheoretisch das Verhältnis des Ich-Begriffes zum Absoluten mitlaufend immer gesetzt sein, d. h. das einzelne Vernunftwesen ist „Bild Gottes“ und das ausgegliedert gesehen in einer Universalität aller Vernunftwesen.2

Es ist gerade die Interpersonallehre, die von Fichte als eigenständiges Konstitutionsprinzip in das philosophische Erkennen eingeführt wurde, und darauf baut die weitere Erkenntnistheorie auf.3

Die transzendentalphilosophische Bildtheorie fĂĽhrt uns zum Sollensprinzip, und dieses wiederum in seiner Einschränkungsform zu einer bestimmten Differenz von ErfĂĽllung und Noch-nicht-ErfĂĽllung.  Das  Sollensprinzip kann als „Geltungsform“ einer Ich-Reflexion oder Wissens-Reflexion begriffen werden, getragen und ermöglicht durch einen absoluten Geltungsgrund, der sich in egologischer Form der Reflexion und der Liebe zu Bedingungen der Freiheit realisieren will. Der absolute Geltungsgrund/das absolutum/das Absolute/Gott tritt so in seiner äuĂźeren Form – nicht seiner inneren Konstitution nach – als quantitiert hervor. 4

In der WL 1801/02, auf die ich hier rekurrieren möchte,  kommt diese Selbst-Quantitierung des absolutum/des Absoluten/Gott bereits deutlich zur Sprache, weil die Reflexion des Wissens zwischen absolutum und seiner Erscheinung schwebt.
Der Überstieg zum Geltungsgrund der Erscheinung des Absoluten ist durch das Sollensgesetz transzendental-reflexiv bestimmt – und der weite, unendliche Bereich einer Bestimmtheit der Natur und des Rechts und einer Bestimmbarkeit von Moral und Religion ist eröffnet.
Das Individuum kann sich durch Aufforderung und Antwort aus der Wir-Form der sittlichen Gemeinde ausgrenzen und sich selbst bestimmen – gerade dank des Rückbezugs auf einen absoluten Geltungsgrund und auf absolute Einheit.  Das Sehen oder Sich-Wissen rekurriert auf absolute Einheit,  bringt aber ebenso die Prinzipien der Mannigfaltigkeit der intelligiblen wie der Sinnen-Welt  hervor. 

In der begrifflich genau zu evidierenden Genesis des Wissens – die ich hier aber nicht darlegen kann – liegt sowohl eine ĂĽberdisjunktive Wahrheit wie die Spaltung von Sein und Denken, primär hervortretend und wahrzunehmen im interpersonalen Austausch ĂĽber das Sittengesetz.

Es gibt eine schöne Stelle in der WL 1804/2 zum „Grund der Wahrheit“:
[…] der Grund der Wahrheit als Wahrheit, liegt doch wohl nicht in dem BewuĂźtseyn sondern durchaus in der Wahrheit selber; von der Wahrheit muĂźt Du also immer das BewuĂźtseyn abziehen, als derselben durchaus nicht[s] verschlagend. Es bleibt dieses nur die äuĂźere Erscheinung der Wahrheit, aus der Du wohl nicht herauskommen magst, und worĂĽber Dir auch der Grund angegeben werden soll[. W]enn Du aber glaubtest in diesem BewuĂźtseyn liege der Grund, daĂź Wahrheit Wahrheit sei, so verfielest Du in den Schein, und allenthalben, wo etwas darum wahr seyn soll, weil Du Dir dessen bewuĂźt bist, bist Du in der Wurzel eitel Schein und Irrthum.“ WL-1804/2, GA II/8, 205f.

2) Interessant ist ebenfalls bereits eine Stelle aus der WL 1801/02: Im Zusammenhang vom „Weltenplan“ und „geistigen Schöpfertum“ des „Zweiten Teils“ § 8 wird expliziert:  a) das Verhältnis der Individuen zueinander in Wechselbestimmung als auch b) deren Ableitung aus der Einheit der intelligiblen Welt, die wiederum c) Äußerung/Erscheinung des Absoluten ist:
„Die allgemeine Wahrnehmung hat zu ihrem Grundstoffe | durchaus nichts Anderes, als das Verhältniss des wahrnehmenden Individuum zu andern Individuen in einer rein intelligibeln Welt; denn nur inwiefern sie dies hat, ist sie, und ist ĂĽberhaupt ein Wissen. Ohne dies zu haben, käme sie ĂĽberall nirgends zu sich selbst, sondern zerflösse in das unendliche Leere, wenn es dann ĂĽberhaupt einen Menschenverstand hätte, sie dann auch nur insofern zu setzen, um sie zerfliessen zu lassen.“ (SW II, S 150)

Die im apriorischen Denken erfasste intelligible Einheit spaltet sich ins Individuelle und ins individuierte Interpersonalverhältnis – und ermöglicht von dorther den Begriff der Wahrnehmung. Wahrnehmung im gewöhnlichen Sinne hier verstanden, d. h. Perzeption des Sinnlichen, dann aber auch Perzeption des anderen und schlieĂźlich Perzeption des einen, reinen, heiligen Willens Gottes.

Die Schritte wären etwa wie folgt zu gehen:
a) Wenn alle Erkenntnis und Wahrnehmung zuerst interpersonal konstituiert ist, so wird die BegrĂĽndungs- und Rechtfertigungsform des Sich-Wissens aus dem Absoluten ebenfalls interpersonale Formen annehmen. 5

b) Das Verhältnis zum Absoluten ist durch die reflexive Evidenz des Sich-Wissens als kritische Grenze zum Absoluten festgelegt.  Es kann weder ein realistisch, dogmatisches Wissen von Gott aufgestellt, noch ein bloß idealistisches Gedachtsein von Gott behauptet werden. Beides wären Verabsolutierungen.6 Die Formulierung der Grenze der Evidenz zum Absoluten ergibt sich reflexiv-vernünftig, aber erreicht nicht das Absolute von sich her. Z. B. mit der WL 1804/2 erläutert:

„Es ist wahr, daß Erscheinung ist, wenn sie gedacht wird, als absolutes Erscheinen und sich Aeussern der absoluten Vernunft, und ohne den letztern Zusatz ist es nicht wahr. Es ist wahr, daß die Vernunft erscheint so und so, z. B, als innerlich frei, nur inwiefern sie auch erscheint, als innerlich nothwendig, und als wirklich daseiend, und ohne diese Zusätze ist es nicht wahr u.s.w (WL-1804-II, GA II/8, 27. Vortrag, S 407, Z 26f)

c) Wenn es eine Grenze zum Absoluten von Seiten des Wissens gibt, umgekehrt aber alles Wissen nur Erscheinung des Absoluten sein kann, so muss in einer Geltungsform der Reflexivität des Ichs  der absolute Geltungsgrund stets als Maßstab vorausliegen und einbezogen bleiben. Die WL 1804/2 bringt das auf eine geniale Formel: „1) Nämlich, ich sage: Sehen, als Sehen gesetzt, folgt, dass wirklich gesehen werde, oder das Sehen sieht nothwendig.“ (27. Vortrag, 1. Abschnitt, ebd. 397, Z 21)

Das  „nothwendige Sehen“ erfasst sowohl das innere, reale Vernunftgesetz, als auch das freie, reflexive Sich-Wissen und Sich-Bilden. Es ist real gebunden durch das „decretierende Licht“, aber natĂĽrlich auch bewusstes, reflektierendes Sehen.  Es ist eine neue Sicht des sogenannten ontologischen Gottesbeweises: Im Denken des Sehens ist das Sehen wirklich und existentiell vorausgesetzt.7

3) Daraus ergibt sich eine spezifisch fichtesche Einteilung und Besonderheit: Je nachdem, wie auf der Erscheinungsebene der wirkliche Seh-Akt gesehen und reflektiert wird, ergeben sich folgende Alternativen: a) Sieht man bloß auf das actuale Sehen für sich, ergibt sich für und in der Reflexivität des Ichs eine unendliche Dreifachheit des Sehens, d. h. ein Ich- und Du- und Wir-Sehen des Ganzen, oder b) es werden die genetischen Punkte von Grund (als Anfang) und Folge (als bestimmtes Ende) hinzugezählt, so ergibt sich eine Fünffachheit des Sich-Bestimmens des Wissens: Natur, Recht, Moralität, Religion und die Geltungsform des Wissens selbst.  

Ich möchte hier, wie gesagt, nur diesen Endpunkt des Begriffes „Religion“ ins Auge fassen.

Der Begriff Religion ist offensichtlich eine notwendige Bestimmung und Projektion einer vorgegebenen Idee mit spezifischer Bedeutung. Wie kann diese Projektion und unendliche Bestimmbarkeit der Idee „Religion“ charakterisiert werden?
Auf jeden Fall muss „Religion“ einerseits in dem systematischen Ganzen des Sich-Wissens situiert bleiben,  also im Zusammenhang des einen Sehaktes, wozu ebenso Natur, Recht und Moralität gehören, andererseits ist das Wissen der Religion ein spezifisches Wissen. Welches Wissen?

In den „Anweisungen zum seligen Leben“ von 18068 beschreibt Fichte die Religion als vierten „Standpunkt“ des Wissens:

„Die vierte Ansicht der Welt ist die, aus dem Standpunkte der Religion; welche, falls sie hervorgehet aus der dritten so eben beschriebenen Ansicht, und mit ihr vereinigt ist, beschrieben werden mĂĽĂźte, als die klare ErkenntniĂź, daĂź jenes Heilige, Gute und Schöne, keinesweges unsre Ausgeburt, oder die Ausgeburt eines an sich nichtigen Geistes, Lichtes, Denkens, – sondern, daĂź es die Erscheinung des innern Wesens Gottes, in Uns, als dem Lichte, unmittelbar sey […].” (Die Anweisung …, Akad.-Ausg. I,9, S. 110,11; SW V, S. 470)

4) Zu dieser Stelle von AsL las ich allerdings eine m. E. zutreffende Kritik von A. Mues: „Aber dieser (sc. Fichtes Standpunkt der Religion), garantiert nur die „klare Erkenntniß” in das praktische Leben des dritten Standes, in seiner moralischen Praxis ist er ununterschieden vom dritten Stand. Religion ist Fichte vollkommene Evidenz in die Moralität und in diesem Sinne Liebe zur Moralität, darin erschöpft sie sich. Das ist ja auch stringent. Und deswegen kann Fichtes neuer Standpunkt der Religion nur einer der Erkenntnis, nicht aber einer des Praktischen sein. Aber eine tiefere Versenkung in den eigenen, den moralischen Stand berechtigt nicht zu einer neuen Weltsicht. Sie wäre auch vom sittlich Heiligen zu erwarten. Und damit hat Fichte den Sinn von Religion verkannt. Denn ihr geht es viel mehr um Schuldabwendung, das ist ihre dringlichste Intention.“ 9

Der Begriff der Religion entspringt zwar einem transzendental-methodisch Verfahren und ist denknotwendig und apodiktisch nach Gesetzen der Reflexion abgeleitet als objektive Form des notwendigen Sehens – evtl. in den kantischen Begriffen einer unbedingten Bedingung einer Ausgeglichenheit von Glückseligkeit und Glückswürdigkeit noch weiter auszuformulieren?- aber offensichtlich ist damit noch nichts gesagt, ob diese Projektion tatsächlich ist und gelten soll.  Religion ist methodisch gesehen ein projiziertes Postulat  in und aus dem Sittengesetz, eine objektive Form gesellschaftlichen Selbstverständnisses, ein religiös-sittliches Verhältnis des einzelnen zur übrigen Gesellschaft der Moralität.

Religion ist von Seiten des reflexiven Verstandes her behauptet notwendig. Aber irgendetwas gefällt uns daran nicht!? Es regt sich in uns Widerstand gegen diese bloß verstandliche Form?!
NatĂĽrlich kommen durchaus emotionale Aussagen zur Religion in den AsL vor, Aussagen zur Liebe Gottes, zur Person JESU CHRISTI u. a. m. Es hat aber alles einen seltsamen, prekären Charakter der bloĂźen Reflexion und des bloĂźen Postulates. Dazu wieder A. Mues.  „Die Moralität, das Sittengesetz, grĂĽndet in sich selbst. Ihm folgend tritt zugleich auch die Einsicht ein, dass nur so zu handeln gerechtfertigt ist. Ein solches Handeln ist begleitet von der zustimmenden Einwilligung, dass nur es selbst der Wert ist. Dennoch wird dieses Wert allgemein nach auĂźen gesetzt, transzendiert und stiftet dadurch Religionen. Er heiĂźt dann gewöhnlich „Gott”. Wird allerdings Gott als objektive Person, als Substanz, als dann ein uns Ă„uĂźeres gedacht (und hier nennt Fichte als konsequentestes System das Spinozas), schwindet er zu einem nur entfernt ihn meinen könnenden Abbild. Hier finden sich dann berechtigterweise Fichtes kritische Ă„uĂźerungen an unserer ĂĽberkommenen Gottesvorstellung: Gott als Ursache der Welt, als Schöpfer der Natur, Gott dann als rechtlicher und schlieĂźlich als moralischer Gesetzgeber (…) wir als geschaffene Naturwesen, dann als Rechtsempfänger und schlieĂźlich stehend unter seinem Moralgesetz – (so kann) letztlich ein Gottesbild zutreffend nicht gelingen. Der Theismus ist diejenige philosophische und weltanschauliche Position, die in den Begriffen des Realismus vom reinen Willen und vom Absoluten reden will.10 Trotz der vielen Jahrhunderte – es kann so nicht glĂĽcken. Gott wird ĂĽber den Verstand, ĂĽber die Theorie zur transzendenten Gestalt.“ 11

Religion – die „nach außen gesetzte“ Projektion des Sittengesetzes.

(Die späteren religionskritischen Aussagen eines Feuerbachs oder S. Freuds lassen sich wohl leicht ergänzen.)

5) Die Reflexivform des Gottespostulates soll aus dem Sollensgesetz begründet und als Liebe/Gutes/Schönes gerechtfertigt sein,  aber es bleibt momentan nur eine Reflexivform, ein verstandliches Denken des Unbedingten zu den Bedingungen des Endlichen. Mit dem notwendigen Gefordertsein, akzeptiert,  stellen sich aber unwillkürlich dialektische Projektionen ein: Mit der ratio cognoscendi des Postulates soll die ratio essendi des Begriffes „Gott“ bewiesen sein? Kann dieser Zirkel nicht aufgelöst werden?

Die Frage und Suche nach Gott muss von einem idealen Zweckbegriff der Sinnidee ausgehen, wie sie apriorisch unserem Triebe und unserem Willen zugrundeliegt: Das Postulat einer universalen und totalen Sinn-Einlösung (im Sittengesetz) ist  a)  in und durch die Disjunktionseinheit der Erscheinung Gottes begründet; dies  führt im Resultat aber damit b) zum Begriff einer notwendigen, positiven Offenbarung, in dem das Postulat in persona und in individuo eingelöst ist, zu Bedingungen der Freiheit eines endlichen Vernunftwesens, noch unabhängig vom Denkens einer Sinn-Wiedergutmachung und einer Satisfaktion bei unleugbaren Widersinnigkeiten, aber c) auch aus dem subjektiven Bedürfnis nach Satisfaktion und Restitution zu logoshaften  und geschichtlichen Bedingungen.  

Ich blende nochmals zurück zur WL 1801/02: Aus der apriorischen Vernunfttotalität (des absoluten Wissens) kann zu den Formen des intelligiblen und empirischen Wissens nach bestimmten Gesetzen übergegangen werden, d. h. zu Formen der Wahrnehmungen des quantitierten Wissens. 

„ 2) Nun ist dieses also beschriebene Denken nicht möglich ohne eine ihr gegenüberstehende quantitirende Anschauung — zufolge der sattsam uns geläufig gewordenen Synthesis. In ihr quantitirt eben das absolute Wissen oder das reine Ich sich selbst, d.i. es wiederholt sich schematisirend. (…)“ (SW II, 148)

Primär sind diese Wissensformen zuerst interpersonal und logoshaft geprägt, und  in weiterer Folge  zeitlich und geschichtlich und sinnlich zu verifizieren und einzulösen.

6) Die Dreifachheit oder FĂĽnffachheit des Sehens durchzieht die ganze WL. Die obige Stelle in der AsL (SW V, S. 470) (als Beispiel) mit ihrer Spezifikation der Religion (als höhere Moralität) kann innerhalb einer quantitierten VeräuĂźerungs- und Erscheinungsform der Absoluten gelesen werden – allerdings mit dem Bedenken, dass hier religiöses Wissen nur Projektion und höhere Moral sei. Umgekehrt gesagt  kann aber diese Denkform der Religion selbst zu einem kritischen MaĂźstab alles anderen Wissens von Natur, Recht und Moralität werden, weil sie deren Sinnhaftigkeit (oder Unsinnigkeit) durch die absolute MaĂźstäblichkeit der quantitierten Erscheinungsform des Absoluten einfordern kann. 

R. Lauth ergänzt deshalb zurecht zur Schilderung des vierten Standpunktes der Religionslehre in den AsL mit den „Fünf Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten“, 1811. Der Begriff der „Religion“ offenbart sich als „Freiheit Aller“, als eine apriorische Vernunftoffenbarung, die konstitutiv allem Erkennen vorhergeht:

„Die Erscheinung ist Erscheinung des Absoluten, denn sie ist Geist und Freiheit, und nicht Natur und Notwendigkeit. „Gott bedient sich der Freiheit.“ (FĂĽnf Vorlesungen, 1811, NW III, 194.)

„Insbesondere beginnt die göttliche Schöpfung der Welt damit, daĂź sie erst diese Freiheit Aller […] zur Wirklichkeit erhebt, indem dieses die Bedingung ist alles weitern Erschaffens.“ „Die gesammte Geisterwelt […] liegt, als frei, zwischen einem doppelten Sein; zuvörderst demjenigen, welches in ihr unmittelbar wirkt: Gott; sodann demjenigen, welches sie selbst hervorbringen soll als das Nachbild jenes ersten Seins.“ (ebd.)

„Die Erscheinung (und in ihr alle Individuen) ist aufgerufen, und dadurch frei; ihr ist aufgegeben diese ihre Freiheit; sie ist aufgefordert, das sittlich Gesollte zu realisieren, d.i. zu vollkommener Liebe. Vollkommen wird die Liebe aber erst, wenn das Du absolut liebend ist und dadurch dem Ich ermöglicht, absolut zu lieben. D.h. die vollkommene Liebe ist die Liebe Gottes.“ 12

„Das Ich ist Leben des absoluten [sittlichen In-]Begriffes, das wahrhafte Ich muĂź darum durchaus nur als solches erscheinen, und als nichts Anderes; als der objektivirte, in einem Dasein dargestellte Begriff, wie es die Bibel ausdrĂĽckt: das Wort wird Fleisch.“ (Das System der Sittenlehre, 1812, NW III, 36. )

7) Durch diese Generierung und Schematisierung des absoluten Sollens in die Zeit hinein, d. h . durch seine Versinnlichung und Vergeschichtlichung, gewinnt die Religion eine eigenständige, apriorisch maĂźgebliche  Bedeutung gegenĂĽber einseitigen Modellen einer bloĂźen Naturerkenntnis oder gegenĂĽber Rechtslehre und Morallehre: sie wird Erkenntnis a priori einer Sinnerkenntnis, sei es als ErfĂĽllung verstanden, oder als Negativerfahrung einer Differenz zur SinnerfĂĽllung, indirekt wirksam bereits im Bereich der Natur, der Rechtslehre oder der Moralität – und als direkte Erfahrung des reinen, heiligen Willens .13

Anders gesagt, mit RĂĽckgriff auf die „Vorlesungen zur Bestimmung des Gelehrten“ von 1811 14gesagt: Im Erkennen von „Gesichten“ und Vernunftideen des apriorischen Gehaltes der Sollensidee werden neue Gehalte der Freiheit gefunden – sei es fĂĽr den Naturbereich, als auch fĂĽr die Rechtslehre wie fĂĽr die Moralität und fĂĽr die Bestimmbarkeit der Religion. Der Gottesbegriff, a priori schon wissbar, wird durch neue „Gesichte“ apriorisch weitergebildet – und bleibt indirekt ein ständiges Korrektiv zur Einseitigkeit der anderen Standpunkte.

Die Bestimmbarkeit der Religion setzt dabei  beständige, wachsame synthetische Erkenntnis zwischen Moralität und Sinnlichkeit voraus. Durch bloĂźe „Trägheit“ – immer die HauptsĂĽnde bei Fichte – werden keine neuen Gottesbegriffe geschaut. Unmoralische Begriffe verdunkeln und verhindern von vornherein jede weitere Gotteserkenntnis und Gotteserfahrung.  

Damit haben wir aber nicht nur einen theoretischen Teil der Religion erreicht,  Projektion des Gottespostulates aus dem Sittengesetz heraus zu sein, sondern ebenso eine zeitliche und geschichtliche und praktische Realisierungsforderung  zu sein: Religion ist evidente Sinnerkenntnis in Zeit und Geschichte.

Das führt, wie aber schon angedeutet,  notwendig zum Begriff einer positiven Offenbarungs-Religion. Die positive Offenbarung enthält in sich a) notwendig die apriorische Vernunftoffenbarung, d. h. die  notwendige Projektion eines Gottespostulates, doch begründet wird dieses Postulat  ebenso b) geschichtlich-praktisch als absolute Sinnforderung und c) gelebt und als Kult praktiziert in Rekursion auf den Inhalt der positiven Offenbarung. 15

8) Nicht, dass Gott selbst sich notwendig offenbaren mĂĽsste wegen der gefallenen Schöpfung, dass sozusagen die positiven Offenbarung aus einem subjektiven BedĂĽrfnis gefolgert wĂĽrde –  wie z .B. in „Cur deus homo“ von Anselm stark beschrieben –  Gott hätte sich, apriorisch gesehen, auch geoffenbart ohne SĂĽndenfall,  aber ohne evident erfĂĽllte Sinnidee eines reinen, heiligen Willens in der sinnlichen Wirklichkeit und Zeit und Geschichte und in persona, angesichts von Schuld und erfahrenem Bösen, wĂĽrde a) der apriorische Gottesbegriff selbst prekär und b) entfremdet sich die geistige Natur des Menschen zunehmend von den (berechtigten) Postulaten eines transzendenten Gottes. Die Religion und ihre Projektionen wĂĽrden immer schwächer in der Vorstellung der apriorischen Gottesidee, falls das Urbild einer vollgĂĽltigen Offenbarung fehlte. 

Die positive Offenbarung, wie sie der christliche Glaube verkĂĽndet, ist deshalb, – ebenfalls nach diesem Manuskript v. A. Mues – die systematisch gĂĽltige Antwort der Projektion eines persönlichen Gottes. Der Ursprung des reinen, heiligen Willens, der absolut transzendente Geltungsgrund der Wirklichkeit, in den projizierenden Religionen mit ihren Kulten beschworen, ist durch die positive Offenbarung nicht nur als projizierte und personifizierte Vorstellung „Gott“ gebildet und ergänzt, sondern vermag sich mit „Gesicht“ und in persona zu vollenden, in wirklicher Perzipierkeit eines reinen, heiligen Willens.16
Die Offenbarung begrĂĽndet und rechtfertigt das projizierende, religiöse Denken der einzelnen Religionen und ihrer Kulte –  nicht umgekehrt.17

A. Mues: „Das bleibt die Schwäche jedes Kultes, der sich auf eine Transzendenz berufen muss. Seinem gĂĽltigen Anspruch, den allgemeinen und dauernden „Druck” des Sittlichen einen berechtigten Ausdruck zu geben, steht erstens entgegen sein eigenes, ihm inneres, unermĂĽdliches Sichberufen auf eine prinzipiell unerreichbare Transzendenz und zweitens das ihm äuĂźere, aufklärende Argument, er sei letztlich nicht nötig, wird endlich und allein die Kraft des – unsichtbaren und frei machenden – Sittengesetzes anerkannt. (….) Obwohl der Kult sich seines eigenen, inneren Arguments wegen nicht dem äuĂźeren taub stellen kann und darf, er kann, darf und soll sich dennoch berechtigt sehen, auf ein absolut Gebietendes angewiesen zu sein und ihm gottesdienstlichen Ausdruck zu geben, zumal wenn ihn jenes äuĂźere Argument nicht erreicht. Er bleibt sich selbst darin allerdings stets Ausdruck seiner Vorläufigkeit, und so stellt er sich ja auch dar. Erst dort, wo dieses Angewiesensein nicht ausschlieĂźlich im Angesicht einer Transzendenz Ausdruck verliehen wird, bekommt der Kult ein neues Gesicht. – Wem es entgegenkommt, der mag daher auch der Religion erst hier, im Christlichen, ihren systematisch gĂĽltigen Stand zuerkennen.“

9) Der Begriff der „Religion“ ist notwendige Deduktionsform aus dem Sehakt der Vernunft,  einerseits transzendental notwendig in der Vernunft angelegt und reflexiv begrĂĽndet, aber andererseits zu stetiger Anpassung an das Soll des Sittengesetzes gebunden und stets rechtfertigungsbedĂĽrftig durch eine positive Offenbarung. Denn gerade die Geltungsform des Ichs – verkörpert im Bild der Freiheit auf Vernunftbasis – ist ja ein beständiges Erscheinen und Hervortreten des Absoluten auf der Basis der Wahrnehmung – und irgendwann muss vom apriorischen Vernunftbegriff Gottes her die Idee Gottes selbst in concreto und in individuo wahrzunehmen sein.

Hier wären jetzt viele wunderbaren Stellen der Erscheinung des Absoluten zu bringen aus den AsL oder diversen WLn  – trotz mangelnder Explikation der methodischen Notwendigkeit einer  positiven Offenbarung.

Ich möchte hier nochmals die WL 1801/02 vom ewigen Schöpfertum zitieren: 

„Das reine Ich wird in einer endlichen Zahl wiederholt, und dies folgt durchaus aus dem Denken seiner formalen Absolutheit. (Wohlgemerkt: dem widerspricht nicht, dass dieses System, wie es in die sinnliche Wahrnehmung eintritt, unendlich, d.i. für diese Wahrnehmung factisch unerreichbar und nicht zu vollenden sey: denn zwischen Denken und Wahrnehmung tritt hier eben dazwischen die Eine der Grundformen des Quantitirens, die unendliche Zeit. Aber dies folgt, dass in jedem Momente, wo es zur Wahrnehmung kommen soll, das Ich als für die Wahrnehmung geschlossen gesetzt werde, obgleich der unendliche Fortgang der Wahrnehmung im künftigen Momente es wieder öfnet.“ (SW II, S 148.)

Aus der überzeitlichen Gegenwart tritt das Absolute in zeitlicher und individueller Realisierung heraus, und bleibt doch vollendet und geschlossen in diesem Heraustreten. Diese Form der Religionsausübung durch alle Zeit und individuell und universell kann als Integrieren bezeichnet werden. Die zeitlichen Projektionen Gottes werden integriert in die überzeitliche Gegenwart eines transzendent erscheinenden (vorgestellten) Gottes – und hoffentlich mit Erkenntnis eines immer tieferen Sinns dieser Gottesvorstellung, schließlich systematisch begründet in der bestmöglichen positiven Offenbarung.

© Franz Strasser, 26. 6. 2024

1Siehe z. B. WLnm: „“Die Gottheit ist auch solche reine Thätigkeit wie die Intelligenz, nur ist die Gottheit [/] etwas nicht aufzufassendes, die Intelligenz aber ist bestimmt, […]“ [GA, IV, 2, 240]

2Zur Bildtheorie – siehe dazu z. B. die zwei neueren Bände der Fichte-Studien Bd. 47 und Bd. 48: Fichtes Bildtheorie im Kontext. Systematische Funktionen des Bildbegriffes. Hg. v. Christian Klotz und Matteo Vincenzo d’Alfonso. (Fichte-Tagung 2015 in Madrid), Amsterdam-New York, Bd. 47 2019, Bd. 48 2020.

3Generell zu Interpersonalität siehe z. b. bei Reinhard Lauth, Das Problem der Interpersonalität. In: Transzendentale Entwicklungslinien von Descartes bis zu Marx und Dostojewski, Meiner Verlag, Hamburg 1989, S. 180- 195.

4Zum Begriff der „Geltungsform“ und des „Geltungsgrundes“ als Herausstellung der Beziehung Wissens/Absolutes – siehe Michael Gerten, Transzendentalphilosophie als fundamentale Geltungsreflexion.

Historische und systematische Überlegungen mit besonderem Blick auf den späten Fichte, Festschrift für Albert Mues, hrsg. v. Michael Gerten, Leonhard Möckl, Matthias Scherbaum, Würzburg 2018.

Ders., Sein oder Geltung? Eine Deutungsperspektive zu Fichtes Lehre vom Absoluten und seiner Erscheinung. In: Fichte-Studien, Bd, 47, 2019, S 204-228.

5Einerseits besteht besteht Fichte immer wieder auf eine reflexive Unerreichbarkeit des Absoluten und auf der absoluten Differenz zwischen Bild/Begriff (als Bild des Bildes) und dem Absoluten, andererseits ist der Geltungsgrund des Absoluten fĂĽr die Geltungsform „Ich/Ichheit“ nicht zu leugnen und unumgänglich. „ „Keine ErkenntniĂź auĂźer durch ein Gesez: Die wahre Erscheinung Gottes; Warum reine Begriffe, die nur sind, inwiefern sie gedacht werden: Das absolute erscheint ĂĽberhaupt nicht in einem Bilde, das ein Seyn sezt Reine Erhebung ĂĽber die Natur. ist unmöglich. Nur das sinnl[iche). Leben hält aus. – Ich denke die Worte klar, u. vernehmlich.“ Diarium I, GA II, 15, S 254, Anm.Z 27f

6Die Religions- und Offenbarungsauffassung Fichtes ist dabei abgrundtief von Hegels Religionsauffassung unterschieden. Letzterer geht von vornherein von einer panlogistischen Idee Gottes ausgeht, die sich dann in der Anstrengung des Begriffes zum göttlichen Bewusstsein im Selbstbewusstsein entwickelt. Hegel plaudert im Grunde irgendetwas von Religion daher, hat aber keinen systematisch abgeleiteten Begriff. Er liest entweder historisch-empirisch etwas aus der Bibel auf, oder er bringt etwas Luther, eigenwillige Thesen zur Satisfaktion und Restitution, vom Gefühl und vom Kult, von der Versöhnung mit Gott im Geiste usw.. Alles sehr verworren und absurd.
„Das Sein, womit die Philosophie anzufangen hat, erweist sich zuerst als “Idee” oder absolute Vernunft. Die Idee wiederum gebiert die Natur, die als die “Idee in ihrem Andersseyn” oder als
verkörperte Vernunft zu begreifen ist. Diese Vernunft erlangt dann im Menschen das Selbstbewusstsein und wird dadurch Geist. Die Idee oder die absolute Vernunft ist auf diese Weise als Prozess des Zusichkommens aufzufassen, worin sie sich selber zum Geist entwickelt.“ (Handout kürzlich eines Vortrages auf der KU in Linz, S. Houlgate, 29. 5. 2024)

7Fichte spricht es explizit an: „(…) Daß das Absolute nicht außer dem Absoluten gesucht werden müsse, und insbesondere, daß wir das Absolute wohl nie erfassen werden, wenn wir es nicht einmal leben und treiben, ist von Zeit zu Zeit zur Genüge erinnert und deutlich gemacht worden“ (WL 1804-II, 27. Vortrag, ebd. S 404, Z 11f)

8J. G. Fichte, Die Anweisung  zum seligen Leben oder auch die Religionslehre. Berlin 1806, SW Bd. V, S 397 – 580 bzw. GA I, 9.)

9A. Mues, Manuskript „Christologie“.

10A. Mues, ebd. „ Eine Philosophie, die aus dialektischen Gliedern, also aus jeweils sich ausschließenden Bestimmtheiten und daher allein aus Begriffen (vgl. Spinoza: „omnis determinatio est negatio”) sich eine Welt aufbauen will, kann kein festes Gebäude errichten. Dies hat mit Recht Friedrich Heinrich Jacobi moniert. Auch die Scholastik, die eines obersten Begriffs bedarf, ist dieser Begriffsphilosophie erlegen.“

11A. Mues, ebd. Hervorhebung von mir.

12R. Lauth, Das Problem der Interpersonalität, siehe Anm. 2, S. 193

13Wiederum ganz anders die kraftlosen Spekulationen zur Religion bei Hegel. Dort kommt es gerade auf die Versenkung und Passivität an, auf die Sich-Ergebung in die absolute Vernunftidee, damit von selbst der Begriff derselben sichtbar werde.
Siehe Vorrede zur Phänomenologie des Geistes: Es muss unsere Aktivität oder Anstrengung darin bestehen, uns in den Inhalt des Glaubens zu versenken, diesen Inhalt selber sich bewegen zu lassen und uns des eigenen Einfallens in den immanenten Rhythmus der Begriffe zu entschlagen. (…) Auf diese Weise lassen wir die Vernunft selber in uns werden. Und unser Denken bleibt nicht bloĂź unser Denken, sondern wird eben das Denken der Vernunft selber sowohl im objektiven als auch im subjektiven Sinne. (…) Die Vernunft ist das Göttliche im Menschen (…). (Vortrag v. St. Houlgate, 29. 5. 2024, KU-Linz.)

15A. Mues, Manuskript Christologie: „(…) Der unbeugsame Anspruch des Sittengesetzes wird sich ausgestalten in Religionen mit ihren Kulten und eben auch in den herkömmlich sogenannten Offenbarungsreligionen, denn auch das Sittengesetz bedarf eines Angesichtes. Es ist das, wie gesagt, legitime Bedürfnis, praktisch und in Postulatgestalt zu veranschaulichen, was allerdings schon in seiner Unsichtbarkeit vollkommen berechtigt wirkt. Diesem legitimen Bedürfnis verdanken sich die Religionen. Aber aus dieser Bedürftigkeit heraus eine transzendente Wirklichkeit theoretisch und praktisch zu behaupten, ist vorläufig, ad hominem, nicht aber systematisch endgültig erlaubt.“

16Nach meiner Auffassung ist die Offenbarungsreligion des Islam nicht die evidente Sinnerkenntnis des transzendenten Gottes, sofern der Prophet Mohammed sich nur als Vermittler der Offenbarung sah, nicht als Offenbarungsträger selbst. Siehe Blog von mir – Link.

17Bei Reimarus und Lessing verlief ja die Diskussion dahingehend, dass die zufälligen Geschichtswahrheiten nicht notwendige Vernunftwahrheiten werden können. Die Offenbarungsreligion ist Teilbereich des allgemeinen Denkens von Religion. Transzendental gesehen ist es gerade umgekehrt: Die  positive Offenbarung begründet inhaltlich die apriorische, allgemeine Vernunftoffenbarung.  

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Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser