Zur Sprache und Geschichte – WLnm 7. Teil

Ganz wesentlich geht FICHTE in der Wlnm auf die Konstitution der Interpersonalität ein. Dort spielt der Zweckbegriff wiederum eine konstitutive Rolle – aber dazu später.

Innerhalb dieser Konstitution scheinen mir zwei Äußerungsformen von Interpersonalität besonders hervorzuleuchten: Die Formen der symbolischen Versinnlichungen und Veräußerungen in der Sprache und die Objektivierungen in Kultur und Geschichte. Sie sind, wenn ich das richtig sehe, in ihrer primärreflexiven Funktion ebenfalls nur denkbar und reflexiv getragen durch die reelle Wirksamkeit in und aus dem REINEN WILLEN.

a) Die Vermittlung von Personen mittels Sprache wird von FICHTE transzendental gedacht als „Aufforderung zu einem freyen Handeln“.1

Vorher war von einem Handeln die Rede als Vereinigungsglied zwischen dem Zweckbegrif und der Sinnenwelt, diese giebt eine physische Kraft. Wie nun eine Auffoderung an mich ergeht, also ein Handeln eintritt, so wird von mir auf ein Handeln das außer mir ist geschlossen, es wird hier von er sinnlichen Krafft als einer bestimmten auf ein ihr homogenes Bestimmendes geschloßen.“ (§ 18, ebd. S 255)

Wenn schon in der empirischen Empfindungs- und Gefühlswelt darauf gerechnet wird, dass wir spontan auf die Hemmungen reagieren und eine sinnliche Innen- und Außenwelt aufbauen, wieviel mehr wird uns im Sprech-Akt – und so können wir das sinnliche Sollen der Aufforderung transzendental wahrnehmen, als Einheit von Zeichensetzung und Bezeichnung angemutet, ihn reflexiv zu verstehen und als Aufforderung anzunehmen, um uns überhaupt als Individuum zu konstituieren? 2

In dieser Einheit einer „Aufforderung zu einem freien Handeln“ ist noch keine Trennung von Performation und Proposition, von Referenz und Prädikation in einem theoretischen Sprachpositivismus vorausgesetzt, sondern projektiv-zweckhaft, virtuell ist vorweggenommen, was den Sprech-Akt und das Verstehen ermöglicht – die performative Kraft des REINEN WILLENS. 3

Nicht die objektivierte Sprache oder die objektivierenden Prädikationsformen und die sie umgebenden Lebensformen tragen den verständigen Dialog oder bewirken oder beurteilen etwas, vielmehr ist auch die Sprache (in einem weitesten Sinne) ein repräsentativer Ausdruck des REINEN WILLENS – zumindest in ihrer primären Reflexionsform -, damit ein freies und emotional-persönliches Handeln aufeinander und miteinander ermöglicht werden kann.

Die zugegebene Eigenständigkeit und Mächtigkeit der Sprachformen und Sprachregeln (und deren Gebrauchsformen) – was nicht zuletzt FICHTE in den „REDEN“ von 1808 herausgearbeitet hat – leitet sich von einer höheren Einsicht eines Wissens ab, das schon intentional und zweckhaft in jeder Person angelegt und grundgelegt ist und sich im Zeichen (zuerst emotional) veräußert und symbolisiert.

Es ist mir leider noch keine ausführliche Literatur dazu bekannt, außer K. HAMMACHER, der die dialogische und praxologische Seite der Dialektik FICHTES herausgestellt hat. 4 Alle Handlungen des Menschen sind interpersonal und zweckhaft geprägt und bestimmt. Von einem eigentlichen Handeln, wie H. ARENDT sagt, kann man nur im zwischenmenschlichen Bereich sprechen5.

b) Aber ebenso liegt in dieser Wahrnehmung eines sinnlichen Sollen das sittliche Denken von Geschichte enthalten, gleichfalls ein großes Thema. FICHTE deutet es in § 18 im Zusammenhang der Stelle der Erschließung anderer Personen an:

„Das Handeln des freyen Wesens außer mir, auf das geschloßen ist, verhällt sich zu dem mir angemutheten Handeln wie der angefangene Weg zur Fortsetzung deßselben. Durch die Aufforderung ist mir eine Reyhe vonGleidern gegeben durchwelhe das Ziel gesetzt ist. Eine Reyhe zu deer das noch mangelnde Ich hinzusetzen soll.“ (Wlnm, § 18, S 253)

Die Aufforderung eines anderen freien Wesen stellt sich durch die Versinnlichungsformen der Einbildungskraft so dar, dass das einzelne Individuum selbst in „eine Reihe des Mannigfaltigen“ gesetzt wird, „um das von ihm (sc. dem anderen freien Wesen) angefangene Handeln zu vollenden.“ (ebd. S 253)

© Dr. Franz Strasser, Altheim 14. 12. 2014

1 Die Sprache – ein transzendentallogische Pendant zum Begriff des Leibes und der Kraft.

2Vgl. dazu P. Baumanns, ebd., S 184. Ich möchte hier nur auf Baumanns verweisen und möchte ihn nicht für meine Begründung verwenden. Sein Artikel ist natürlich viel genauer und umfangreicher.

3P. BAUMANNS analysiert kritisch mit transzendentalem Hintergrund der WL diese Sprechakttheorie von SEARLE und AUSTIN und legt zugleich Vorschläge vor, wie die Vermittlung von Sprache im Sprechakt transzendental zu denken sei. (Ab S 184 – 186)

4K. HAMMACHER z. B. in dem Artikel: Fichtes und Husserls transzendentale Begründung der Intersubjektivität, in: Transzendentale Theorie und Praxis, Amsterdam 1996, 99 – 116; ebd., Dialektik und Dialog, S 79-98. u. a. Aufsätze von ihm.

5H. Arendt, Vita activa. Vom tätigen Leben, München 1960. Die in der Analytischen Philosophie hervorgehobenen sprachanalytischen Bestimmungen von Handeln, soweit ich sie spärlich kenne, sind mir zu dogmatisch und transzendental ungenau. Es wird die transzendentale Synthese von Zweckbegriff und reellem Handeln objektivistisch in Lebensformen, in Sprechweisen, in Konventionen u. a. strukturellen Instanzen festgemacht, ohne deren genetische Entstehung im transzendentalen Akt einsehen zu wollen oder zuzugeben.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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