Die nun folgenden Überlegungen sind noch sehr fragmentarisch und gewisse Begriffen gehörten viel weiter ausgebaut!
1) Die Vermittlung von Personen mittels Sprache wird von FICHTE transzendental gedacht als „Aufforderung zu einem freyen Handeln“.1
„Vorher war von einem Handeln die Rede als Vereinigungsglied zwischen dem Zweckbegrif und der Sinnenwelt, diese giebt eine physische Kraft. Wie nun eine Auffoderung an mich ergeht, also ein Handeln eintritt, so wird von mir auf ein Handeln das außer mir ist geschlossen, es wird hier von der sinnlichen Krafft als einer bestimmten auf ein ihr homogenes Bestimmendes geschloßen.“ (WLnm, § 18, ebd. S 255)
Wenn schon in der empirischen Empfindungs- und Gefühlswelt darauf gerechnet wird, dass wir spontan auf die Hemmungen reagieren und eine sinnliche Innen- und Außenwelt aufbauen, wieviel mehr wird uns im Sprech-Akt – und so können wir das transzendentale Sollen sinnlich wahrnehmen – angemutet, dies als Einheit von Zeichensetzung und Bezeichnung zwecks freier Wechselwirkung und zwecks Konstitution von Interpersonalität zu sehen!
Die Grundlage des interpersonalen Denkens wird gemeinhin Fichtes Schrift „Grundlage des Naturrechts“ (1796) zugeschrieben, doch dieses interpersonale Zweckdenken findet sich bereits sehr präzise und schlicht im Sprachaufsatz 1795: Eine Wechselwirkung zwischen Vernunftwesen kann nur zu Bedingungen der Freiheit geschehen – deshalb die Erfindung der Sprache.
„Aber woran soll er diese Vernunftmäßigkeit des gefundnen Gegenstandes erkennen? An nichts anderm, als woran er seine eigne Vernunftmäßigkeit erkennt – am Handeln nach Zwecken. – Die bloße Zweckmäßigkeit des Handelns aber an sich allein, würde zu einer solchen Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch die Idee des Handelns nach veränderter Zweckmäßigkeit, und zwar von einem Handeln, das verändert ist nach unsrer eignen Zweckmäßig- keit. Gesetzt der Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen Regeln aufwächst, Früchte trägt, u.s.w., oder einen, der nach einem gewissen Instinct auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u.s.w., und den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemäß gehandelt hat, seinen Gang fortgeht, ohne nach Maßgabe jener Einwirkung eine Veränderung in seinem Zweck anzu- nehmen, so erkennt er ihn nicht für vernünftig. Als zweckmäßig und freihandelnd werde ich nur das Wesen ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe anwende, auch ändert. Z.B. Ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so ist immer Veränderung des Zwecks nach dem Zwecke, den ich für dasselbe habe: mit andern Worten, es ist eine Wechselwirkung zwischen mir und die[/]sem Wesen. (…)“ („Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprung der Sprache, GA I, 3, S. 101).
In dieser Einheit einer, in der GNR auf den Begriff gebrachten „Aufforderung zu einem freien Handeln“, (siehe Blog z. B. nach Manz – „Zur Deduktion des Rechtsbegriffs bei Fichte in der GNR – 1. Teil“ – Link) ist noch keine Trennung von Performation und Proposition, von Referenz und Prädikation in einem theoretischen Sprachpositivismus vorausgesetzt, sondern projektiv-zweckhaft, virtuell ist vorweggenommen, was den Sprech-Akt und das Verstehen ermöglicht – eine prospektive Form gemeinsamen Wollens. 2
Nicht die objektivierte Sprache oder die objektivierenden Prädikationsformen oder die sie umgebenden Lebensformen, die den Gebrauchswert definieren, tragen m. E. den verständigen Dialog, vielmehr ist die Sprache (in einem weitesten Sinne) ein repräsentativer Ausdruck von Gedanken und Absichten (Intentionen), damit ein freies und dialogisches, intersubjektives Handeln aufeinander und miteinander möglich werden.
2) Die dialogische und praxologische Seite der Dialektik FICHTES wurde von K. Hammacher oftmals herausgestellt. 3 Alle Handlungen des Menschen sind interpersonal und zweckhaft geprägt und bestimmt – deshalb auch das Mittel der Sprache.
Von einem eigentlichen Handeln, wie Hanna ARENDT sehr schön sagt, kann man eigentlich nur im zwischenmenschlichen Bereich sprechen. 4
Noch ein interessanter transzendentale Idee liegt der intendierten Sprechabsicht und dem Sprech-Akt zugrunde: der Begriff der „Richtung“. Eine „Richtung“ wird objektiviert zwischen Natur und möglichem Sehen als gemeinsame „Reyhe“ der Zeit.
Wenn es heißt, dass durch eine Aufforderung „der angefangene Weg zur Fortsetzung“ begonnen wird, so meint das primär zuerst der Aufbau und die Anknüpfung einer gemeinsamen, inneren Richtung von Zeit und Geschichte und Absicht und Wollen mittels Sprache, Kultur, Ideen, Idealen.
„Das Handeln des freyen Wesens außer mir, auf das geschloßen ist, verhällt sich zu dem mir angemutheten Handeln wie der angefangene Weg zur Fortsetzung deßselben. Durch die Aufforderung ist mir eine Reyhe von Gliedern gegeben durch welche das Ziel gesetzt ist. Eine Reyhe zu der das noch mangelnde Ich hinzusetzen soll.“ (Wlnm, § 18, S 253)
Das einzelne Individuum wird selbst in „eine Reihe des Mannigfaltigen“ gesetzt, um das von ihm (sc. vom anderen freien Wesen Perzipierte) angefangene Handeln zu vollenden.“ (ebd. S 253)
Verglichen mit dem Sprachaufsatz von 1795 gewinnt im Laufe der Ausarbeitungen der Reflexion der WL die Sprache und ihre Gesetze immer mehr an formender Größe und Bedeutung, sodass Fichte z. B. in den REDEN (1808) feststellt, die Sprache formt mehr das Denken als umgekehrt das Denken die Sprache. Im Gesamten gilt – siehe Blog zur Philosophie der Sprache – , sie ist dreifach abzuleiten: Durch göttlichen „Aufruf“ geschenkt, angeboren und schöpferische Denkkraft erfunden und gebildet.
Die Sprache ist dieses primäre geistige Band einer überindividuellen Geschichte, des Wollens, der intersubjektiven Mitteilung, ist eröffnete individuelle Freiheit wie sittlich-verantwortete gemeinsame Freiheit.
3) Zur ethischen Teleologie zum Denken von Zeit und Geschichte siehe dazu Blogs von mir zu den GRUNDZÜGE (von 1806). In Gegensätzen eines apriorischen „Weltplans“ (1. Vorlesung, GdgZ, SW VII, S. 6) und durch das faktisch nicht ableitbare „Unbegriffene“ setzt sich Geschichte zusammen (vgl. ebd. 9. Vorlesung, S 139), das, was „die Menschheit wirklich ihrem Zwecke entgegen (förderlich ist)“ (9. Vorlesung, ebd. S. 140) – im Unterschied zum „Annalist“ (ebd.). Siehe z. B. Link zur 9. Vorlesung.
Zu Bild und Bildlichkeit des Werdens siehe bei M. Siemek.
© Franz Strasser, Altheim 14. 12. 2014
1Fichte schrieb bereits 1795 eine (einzig zusammenhängende) sprachphilosophische Abhandlung „Von der Sprachfähigkeit und vom Ursprung der Sprache.“ Sehr schön ist dort die Idee der Sprache auf den Nenner gebracht: zwecks intersubjektiver Vermittlung von Gedanken auf Basis der Freiheit. (Vgl. dort besonders GA I,3, 101ff) Fichte unterscheidet die Gedanken von den Zeichen, in den REDEN von 1808 wird hingegen der Sprache gegenüber dem Denken größere Bedeutung gegeben.
„Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir andern unsere Gedanken mittheilen können. Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der Ausdruck unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzürnt bin, so zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber da ist die Absicht bloß, meine Gedanken auszuführen, nicht aber, ihm ein Zeichen davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die Bezeichnung Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche, wie so eben bemerkt wurde, eine unserm Triebe angemessene Wechselwirkung der Handlungen nicht bestehen kann. Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt, unsere Gedanken einander durch willkürliche Zeichen anzudeuten mit Einem Worte: die Idee der Sprache.“ (GA I, 3, ebd. S. 102.103)
2P. BAUMANNS analysiert kritisch mit transzendentalem Hintergrund der WL diese Sprechakttheorie von SEARLE und AUSTIN und legt zugleich Vorschläge vor, wie die Vermittlung von Sprache im Sprechakt transzendental gedacht werden könnte. (Ab S 184 – 186)
3K. HAMMACHER z. B. in dem Artikel: Fichtes und Husserls transzendentale Begründung der Intersubjektivität, in: Transzendentale Theorie und Praxis, Amsterdam 1996, 99 – 116; ebd., Dialektik und Dialog, S 79-98. u. a. Aufsätze von ihm.
4H. Arendt, Vita activa. Vom tätigen Leben, München 1960.
Vgl. z. B. M. J. SIEMEK, Blog zu Bild und Bildlickeit. Oder siehe ders., Unendlichkeit und Schranke. Zum Fichteschen Entwurf einer transzendentalen Ontologie des Wissens. In: Fichte-Studien, Bd. 31, NY 2007, S 65. „Das Bild ist nur dadurch, dass es wird und sich im Werden präsentiert. Durch das Faktum des Werdens entsteht also das Bild, als gesetzt in der Äußerung dessen, was Fichte als Urbild bezeichnet. Es ist das sich im Bilde äußernde Leben, das allein dem Bild seinen Gehalt geben kann. Dieser unendliche Gehalt – die Qualität, die im Bild hingeschaut wird – schöpft sein Sosein aus dem unmittelbaren Erscheinen des Seins und erscheint insofern als die Wahrheit im Wissen, oder die unmittelbare Offenbarung, die das Sein von sich gibt. Zugleich ist aber diese unendliche Wahrheit nur in der einschränkenden Form der Anschauung, im bildlichen Medium der Sichtbarkeit überhaupt zugänglich. Denn es ist die Form und das Medium des Werdens, der unmittelbaren Genesis: ein Sich-Machen der Einheit vermittelst des lebendigen Durch, das den Fluss der Mannigfaltigkeit aufhält und in die Einheit des Bildes verwandelt. Der absolute Gehalt der Erscheinung muss diese Form annehmen, wenn er anschaubar sein soll; denn sie ist die Grundform der Bildlichkeit, in der die Erscheinung sich selbst als äußernd anschaut.“