Evolutionstheorie – 6. Anfrage; über die Einbildungskraft, von Pflanzen, Tieren und Vernunft, Trieb und Streben.

Gleinker Weltchronik

1) Das Schweben der Einbildungskraft, worin Subjekt und Objekt noch nicht unterschieden sind, ist der Ausgangspunkt allen Wissens und aller reflexiven Einheit des Wissens. Der Weg zur basalen Empfindung und Wahrnehmung über die raum-zeitlichen Dimensionen und Kategorien muss durch die ursprünglich produzierende Einbildungskraft in theoretischer wir praktischer Funktion rekonstruiert werden. Ich zeichne diese Rekonstruktion hier soweit nur in den Grundrissen nach, bis das Produkt der Einbildungskraft durch die Anschauungsformen und durch die Verstandesformen a) theoretisch, und in weiterer Folge durch die reflektierende Urteilskraft b) praktisch bestimmt werden kann durch die in der Hemmung liegenden Tendenz („Streben“, aber noch unspezifisch verstanden), sie zu überwinden.

Die theoretischen wir praktischen Konstitutionsmomente der anorganischen oder der später abzuleitenden organischen Welt bleiben dabei stets rückbezogen auf das ursprüngliche Anschauen und Schweben der Einbildungskraft und den notwendigen apriorischen Denkmöglichkeiten der Beziehung und Unterscheidung.

Ad a) Das zeitliche Werden, noch nicht übertragen auf anorganische oder organische Objekte oder auf den eigenen Leib bzw. auf die Geschichte mit anderen Personen, ist eine  Form der übergehenden Imposition von einer Setzung zur anderen, ein primäres Linienziehen, das auch im kleinsten Punkt nicht aufhören darf, ein Übergehen und ein Werden zu sein.1

Diese nach allen Richtungen hin vorstellbare, durch beliebig viele Punkte gehende Linienziehen nennt FICHTE diereine Bestimmbarkeit“ (GRUNDLAGE GA I, 2, 359f). Die auf dieses Linienziehen treffende Hemmung ist der Stoff in der Linie des Werdens, und wird als aufgefasste Hemmung mittels Kategorien als Qualitatives und Quantitatives und und in Relations- und Modalitätskategorien weiter bestimmt. Die produzierende Einbildungskraft arbeitet auf die einzelne Hemmung hin (an ihr und mit ihr) Form und Materie zusammen, veräußert das Konstruierte anschaulich, und verinnerlicht den unkonstruierbaren Gehalt als „Gefühl“. Es kommt zu den „Formen der Empfindbarkeit“ (siehe oben, EIGNE MEDITATIONEN), d. h. zur aktuellen Linie der Zeit und zur aktuell-objektiven Linie und Fläche des Raumes. Da kongruierend und parallel zur realen Reihe des Aufbaues der objektiven Außenwelt die ideale Reihe mitgedacht werden muss (gemäß Fünffachheit der Reflexion nach der Wlnm), kommt notwendig zum  Linienziehen der Zeit und des Denkens von Raum die interpersonale und geschichtliche Wirklichkeit hinzu: Es müssen virtuell unendlich viele Grundpartien des  Linienziehens und des objektiven Veräußerns vorausgesetzt werden, denn nur unter Voraussetzung anderer Personen können wir individuell uns bestimmen. Die Gemeinsamkeit eines Wollens und Handelns geht apriorisch dem Begriff des individuellen Wollens und Handelns voraus. Durch das gemeinsame Wollen und Handeln haben wir auch eine gemeinsame Außenwelt und gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum – unbeschadet auch der Möglichkeit, eine individuelle Geschichte zu schreiben und einen individuellen Raum im körperlichen Ausdruck erst bilden zu müssen. 

Die Zeitform als Linienziehen im inneren Sinn ist ein aktives Schweben der Einbildungskraft, das sich als Kontinuität und als ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit zeigt. Die Raumform fixiert dieses Linienziehen und fixiert die Veränderungen in diesen inhaltlichen Vorstellungen zu einer materiellen Außenform. Der innere Sinn wird durch die Raumform verobjektiviert dargestellt. FICHTE nennt diese Urform einer Verobjektivierung und Veräußerung, „reine Bestimmbarkeit“ oder „Quantitabilität(WL 1801/02), das Virtuelle, das Pluripotentielle. Es wird durch das bestimmte wirkliche Linienziehen der Zeit aktualisiert. (vgl. R. LAUTH, Naturlehre, ebd., S 25)

b) Ein zeitliches Werden an sich (eine „Evolution“) kann somit realistisch und objektivistisch weder in den Dingen der anorganischen Natur – die mit ihren Kräften als Attraktion und Repulsion in Vektoren beschrieben werden könnte – noch in den distributiven Einheiten eines organischen Lebens, aber auch nicht in einer geschichtlichen Fortschritts-Reihe  angesetzt  werden  – außer man überträgt aus dem Bewusstsein in die sinnliche oder kulturelle Natur hinein dieses zeitliche und räumliche Linienziehen.2

Erst durch die erfolgende Imposition und Apposition der Einbildungskraft wird ein kontinuierliches Werden aufgebaut. Die reellen Quanten sind keine Dinge an sich, sondern Sein im Ich, und werden erst im Akt der Bestimmung bestimmt (siehe oben 2. Anfrage, zur Dualität der Materie nach A. MUES). Dass sie unkonstruierbar sind, macht ihre Eigenständigkeit aus;  dass sie nicht chaotisch sind, das ist eine Sache der fichteschen Sinnlehre, ausgedrückt in der Lehre von der moralischen Weltordnung und der göttlichen Weltregierung. 3

Die Realität der Natur (…) erscheint in der TranscendentalPhilosophie als durchaus gefunden, und zwar fertig und vollendet, und dies zwar (gefunden nemlich) nicht nach eigenen Gesetzen (der Natur), sondern nach immanenten der Intelligenz (als ideal-realem).“ (FICHTE gegenüber Schelling, Briefe, GA III, 4, 360)

Absolut verschieden zu den anorganischen Kräften der Attraktion und Repulsion in der Physik tritt dabei die distributive Einheit der Organisation, sprich, das Leben, in den Naturprozess ein. Die Wechselwirkung der beteiligten chemischen Kräfte, die Osmose etc.. bilden nicht eine additive Einheit, sondern sind um einer organisierten Einheit willen gesetzt. Wenn in weiterer Folge die organische Eigenbewegung z. B. einer Pflanze mit verschiedenen sukzessiven Bestimmungen der Veränderung ausgezeichnet wird, so entsteht hier nichts evolutiv Neues, sondern alle Bewegung ist von vornherein als geschlossener Kreislauf gesetzt, ein Ganzes mit einem absoluten Durchdringungspunkt des Lebens. 4 Falls Leben so gedacht werden soll, dass eine zugrundeliegende Substanz sich erbgenetisch (epigenetisch) weitergibt – wie es gang und gäbe in der naturalistischen Betrachtung ist – würde das einen Einblick in den Ursachenzusammenhang der Manifestationen der Wirkungen verlangen, den ich nicht haben kann. Eine realistische Substanz als Grundlage aller Veränderung und Ursache aller weiteren Wirkursachen erkenne ich nicht denknotwendig; ich erschließe nur durch Induktion und Hypothese einen nachträglichen Zusammenhang. Es evolviert oder entwickelt sich aber nicht eine Substanz an sich, seien es die Gene, oder sei es ein hinterstellter evolutiver Prozess der Akzidentien,  sondern das Organisationsganze der Pflanze wächst und gedeiht und blüht und verwelkt, um als Gattung in der Frucht zu bleiben. Wenn das zweckgerichtete Streben des Wachsens an sein Ziel gelangt ist, ist das Produkt fertig da. Zum fertigen Produkt, so FICHTE, gibt es kein zu vergleichendes analoges Produkt, keine Homologie und keine Ähnlichkeit. Die Pflanze hat das in ihr liegende Ziel erreicht und das einmalige Produkt erbracht – und strebte nicht selbst eine Homologie an. Was würde schon ein Begriff der Homologie erklären? Dass sukzessive, neue, emergente Bestimmungen in und aus einer Substanz entstanden sind? So verfährt aber die reflektierende Urteilskraft nicht. Auf einen Schlag, im zeitlosen Akt der Vorstellung, setzt die Urteilskraft eine durch den Organismus aktualisierte Wechselwirkung an – und die Pflanze erbringt ihr spezifisches Produkt. Erst in secundo kann die Urteilskraft verschiedene Merkmale und Ähnlichkeiten (Homologien) feststellen, aber das ist ein anderer Zweckbegriff als der einer selbst-organisierten Zweckeinheit einer bestimmten Art.

c) So wie die Pflanze nur als ein organisches Ganzes verstanden werden kann, das Einzelne um des Ganzen willen da ist und umgekehrt, so übertragen wir das Organisationsganze auf den artikulierten Körper eines Tieres, dessen Organisationsmittelpunkt der Trieb ist.5 Es ist ein spezifisch gedachtes Organisationsganzes, ein Streben, das im Handeln durch eine Hemmung gehindert wird, und folglich als Trieb zur Erscheinung kommt. Der Trieb ist erfüllt (befriedigt), sobald die Bedingungen seiner Anwendung zu erfolgreicher Wirksamkeit kommen. Das Wasser weckt nicht den Durst, sondern der Durst erklärt (durch den Trieb) den Sinn von Wasser für den auf das Wasser abgestimmten Organismus. Es ist wiederum ein in die Organisation hineingelegter Zweckbegriff, der die wechselwirkenden Kräfte durchdringt und zu einer Anziehung und Abstoßung mit gleichzeitigem Angezogen- und Abgestoßenwerden formt. Der Trieb ist Teil dieser organischen Natur, höchster Begriff der erscheinenden Natur, insofern sie sich dadurch selbst bestimmt. Siehe oben 1. Anfrage, das Beispiel des mexikanischen Kärpflings: Dessen Trieb will das Überleben und strebt nach dem Überleben, die Gen-Codierungen sind für ihn als solche substantiell an die wechselnden Umweltfaktoren angepasst, zufällig können  sie nicht geworden sein, sonst hätte der Kärpfling nicht überleben können.

d) Und nochmals weiter nach den transzendentalen Wissensbedingungen dieser triebhaften Bestimmung des Tieres gefragt, so muss es ein zusammenhängendes Ganzes einer abgestimmten sinnlichen Natur geben, die in Motorik und  Sensorik nochmals offen ist für eine höhere Artikulation und für eine freie und echte Selbstbestimmung des Lebewesens „Mensch“.  Die Welt ist den transzendentalen Wissensbedingungen nach ein organisches, teleologisches Ganzes – und muss es sein, damit die Pflanze wächst, das Tier sich bewegen und, was die dritte Stufe der Organisation betrifft, die Freiheit des Menschen mechanisierend (nicht selber organisierend) eingreifen kann. Die Verwirklichung des Organischen bleibt dabei an vielfältige Abhängigkeiten und Realisationsmöglichkeiten gebunden, a) an die anorganischen Grundlagen, b) an die Gene, an die Umwelt, aber zugleich c)  kann dieses lebendige Ganze nur als sich von Stufe zu Stufe aufbauendes, zweckorganisiertes Ganzes gesehen werden, damit das in und an diesen Hemmungen angesprochene freie Linienziehen der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft schlussendlich im Lebewesen Mensch heraustreten kann.

Dabei bleibt die Hemmung aposteriorisch unableitbar und letztlich nicht begreifbar. Wir können weder theoretisch die Abhängigkeit des Ichs vom Nicht-Ich der Hemmung auflösen, noch können wir die Hemmung im praktischen Streben gänzlich in Erkenntnis auflösen, als wüssten wir in jedem Augenblick sicher, was wir tun sollten oder tun wollten. Das zeitliche Werden geht von der produzierenden Einbildungskraft aus und alles zeitliche Werden ist diese Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität, sei es in der sinnlichen Natur, im eigenen Leib, in der gesellschaftlich-geschichtlichen oder in der religiösen Wirklichkeit.

2) In der Ableitung der „Formen der Empfindbarkeit“ (3. und 4. Anfrage) wurde betont: Die Vorstellbarkeit der inneren, zeitlichen Empfindung nimmt Gleichzeitigkeit in Anspruch. Es hebt sich im Denken eine Zeitgebundenheit der Empfindung abdie den materiellen Dingen ihre Realität gibt, und  sie räumlich und zeitlich und veränderlich und beweglich erscheinen lässt. Die Zeitform und Raumform können damit nicht unabhängig von ihrer materiellen Erscheinungswirklichkeit gesehen werden, aber beiden Formen realistisch mit den Dingen gleichzusetzen, vermengt wieder alles und führt zu keiner Erklärung. Die Kategorien fielen dann realistisch mit den Dingen zusammen, wo sie doch umgekehrt die Realität  derselben erst begründen.

Die Anziehungskraft und Bewegung der Physik erscheint auf anorganischer Ebene total anders wie das Wachsen der organischen Wirklichkeiten;  die Bewegungskraft auf organischer Stufe (das Wachsen) erscheint wiederum höherstufig selbstbewegend;  die Bewegungskraft schließlich auf der Stufe der Freiheit äußert sich als Selbsttätigkeit der Vernunft und primär im Vorstellungstrieb. Nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE muss es einen geschlossenen, apriorischen Zusammenhang zwischen Naturstreben und Vernunftstreben geben; ersteres Streben ist die Sphäre der Vernunft in spontaner Aktion; letztere die Sphäre freie Realisierung einer Sinnforderung. Das System der spontanen und der freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil konstitutiv die aposteriorischen Bedingungen der Realisierung hinzukommen müssen. M. a. W. der Trieb als Naturtrieb ist einerseits vollendet, andererseits verweist er durch die Vernunft über seine Realisierung hinaus. Er will in seiner Bedingung durch spontanes und! freies Streben begriffen werden. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs. (Siehe dazu auch Ausführungen zum Triebbegriff bei S. FREUD und J. G. FICHTE – Link.

3) Das gesamte Naturstreben müsste jetzt viel detaillierter dargestellt werden. R. LAUTH spricht z. B. von verschiedenen Organisationsverbänden innerhalb mehrstufiger Organisationen (Naturlehre, S 113ff) oder von der „Ramifikation“ des Naturstrebens. (Naturlehre, S 119ff). Durch die reflektierende Einbildungskraft kann von der einzigen Dimension des zeitlichen Werdens abgegangen und in andere Dimensionen des Raumes übergegangen werden. In diesem virtuellen Raum wird die Hemmung verbreitet und präsent. Durch mehrere, verschiedenartige Hemmungen wird das Streben nochmals in mehreren entsprechend verschiedenen Trieben fixiert. Wir erhalten eine Verzweigung des Gesamtstrebens in verschiedenen Streben, die aber alle darauf aus sind, die jeweils verschiedenartigen Hemmungen zu überwinden. Durch Umreihung treten dann andere Hemmungskonstellationen auf, die als Wirkenserfolge erlebt werden. Der spontane, naturgetriebenen Akt muss zwar von Anfangspunkten ausgehend gedacht werden, um sich dann mannigfaltig zu verzweigen, wir erhalten dann eine Gesamtorganisation in untergeordneten Organisationen und Organisationsverbänden, aber eine einzige Ursache dieser Wirkungen lässt sich kaum feststellen. Das bestimmende Gesetz diese wechselwirkenden Abhängigkeiten von Streben und nicht-ichlicher Hemmung kann endgültig nicht in Erkenntnis aufgehoben werden, weil uns dann vollkommene theoretische und praktische Erkenntnis geschenkt sein müsste (wie wir uns den göttlichen Verstand vorstellen.) Umgekehrt aber so zu tun und vorzugeben, als könne selbsterklärend durch „Evolution“ das System der Natur verstanden werden, dass es eine dahinterliegende, wenn auch zufällige und unbekannte, anonyme Wirkursache „Evolution“ gäbe, erklärt nicht das mannigfaltige  Naturstreben und geistige Freiheitsstreben. Es wird Erkenntnis vorgetäuscht, die aber keine ist und niemals eine werden kann, weil der ausdrücklicke  Zweckbegriff nicht eingestanden wird bzw. nicht erkannt wird. Die stufenartige Höherentwicklung eines Naturstrebens von der Pflanze bis zum Tier und bis zur Vernunft des Menschen, mit dem zuletzt angedeuteten verzweigten Naturstreben, offenbart ein Richtungnehmen des zeitlichen Linienziehens (des vorstellenden Aktes der Vernunft) und einer in der Zeit liegenden Sinnlichkeit und aktiven Rezeptivität, offenbart aber keinen evolutiven Prozess an sich. Durch die freie Serie der Imposition der Einbildungskraft und durch Apposition wird eine ideale und reale Zeitbindung der Evolution in der Erscheinung! aufgebaut.  Es entsteht eine ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit, sei es für den sinnlichen Bereich der äußeren Natur oder den geistigen Bereich der gesellschaftlichen Natur. Aber eine Evolution an sich ist nicht denkbar.  Kraft der sinnlichen Natur wird nichts.

4) Von der anorganischen Wirklichkeit der Bewegungs- und Veränderungslehre sind wir ausgegangen; die höhere Möglichkeit zeigte sich in der Erscheinung einer Selbstbewegung im Organismus. Die Pflanze zieht an und stößt ab. Ihr Wirkungskreis, ihre „Bewegungsfreiheit“ bleibt aber trotzdem noch eingeschränkt. Die nochmals höhere Möglichkeit erscheint im Tier. Das Tier vermag sich zu bewegen, zwar nicht total frei, es ist getrieben und instinkthaft geleitet, aber immerhin, es zieht selber an und stößt selber ab und wird angezogen und wird abgestoßen. (Inwiefern die Pflanzen selber die Tendenz haben, sich bewegen zu können und bestens anzupassen – das ist noch ein weites Forschungsgebiet.) Die höchste Stufe der Bewegungsfreiheit und Wirksamkeit – ohne Determination eines zweckentsprechenden (teleonomischen) Agens – zeigt sich schließlich in der freien Darstellbarkeit der Einbildungskraft im ästhetischen und praktisch-moralischen Sinn. Das reflexive Bewusstsein vermag dadurch im Vorstellungstrieb über die Hemmung hinauszugehen und dementsprechend, angepasst an die Hemmung, frei zu wollen und zu handeln.Das Thier ist da, um den freien Geist in der Sinnenwelt zu tragen, und mit ihr zu verbinden.“ (NATURRECHT, GA I, 3, 381).

Jetzt wieder meine Anfrage an die anscheinend alles erklärende Evolutionstheorie in Natur und Kultur: Denkt die Evolutionstheorie das zeitliche Werden auf diese – durch das Streben und die Freiheit ermöglichte – Zukunft hin?   Sicherlich nicht, denn was faktisch ist, ist so geworden, wie es ist.  Es trägt kein Kriterium des Sollseins oder Nicht-sein-Sollens in sich!? 6

Das Denken, wie in den ersten Anfragen ausgeführt, unterscheidet die Zeit- und Raumform, letztlich das zeitliche Werden, zwecks weiterer begrifflicher Bestimmung des Objektes. Es  überträgt, entäußert, entfremdet: Eine Bewegung, ein Wachsen, ein Streben, ein Trieb und wird in die Natur und in die Gesellschaft hineingelegt. Warum exponiert sich das Denken zur Entwicklung, zur erscheinungsweisen Evolution und Geschichte? 

Meine etwas verkürzte und noch mehr auszubauende Antwort wäre: Erscheinungsobjektiv und erscheinungssubjektiv entwickelt sich Natur und Kultur – weil alles unter einem aktuellen Sollensanspruch steht, die gefühlte und vorgestellte Wirklichkeit einem Sollsein der Wahrheit anzupassen. Entspricht die Bestimmung eines Dinges vollkommen der theoretischen Betrachtung, ist die Vorstellung befriedigt und an ihr Ende gelangt. Das praktische Streben geht aber in seiner Triebhaftigkeit und freien Realisationsmöglichkeit über dieses Gleichgewicht in der Vorstellung hinaus auf eine volle Vernunftrealisation. Deshalb kann, und auf der Erscheinungsebene sogar muss! aus praktischen Gründen ein Vorgang auch zeitlich und räumlich und evolutiv gesehen werden, damit im Hier und Jetzt eine freie Realisationsmöglichkeit der Vernunft hervortreten kann. An sich entsteht die Welt nicht (…) in der Zeit; sie ist fertig.“ (PLATNER-VORLESUNG, GA IV, 1, 409.) Für uns aber fällt ihr Fortgang und die Entstehung neuer Produkte in die Zeit, u. wir müssen die Bildung der Welt auch in die Zeit setzen.“ (ebd.)

Aber wird der Begriff Evolution in der sog. Evolutionstheorie zweckhaft, als praktisch-sittliche Verwirklichung einer Intention und einer Sinnidee, verwendet? Dient nicht umgekehrt der Evolutionsbegriff einer großen Entschuldigung,  nicht praktisch und frei handeln zu können? (Siehe oben  meine 4. Anfrage  – Link

 23. 12. 2015

© Dr. Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

1Wir gehen von Anfang an daraufhin aus, das Vorgestellte so ichlich wie möglich zu bilden. Wenn wir die Außenwelt daraufhin durchforschen, erforschen wir stillschweigend in ständigem Interesse, wie kann ich den Gegenstand ichlich konstituieren, d. h. wie weit kann ich ihn nicht nur anschauen, sondern auch einsehen, dass er so sein soll. Seine Eigenschaften sind a) Übertragungen von Bewusstseinsmomenten in die Außenwelt und b) Übertragungen von Willensmomenten und ichlichen Momenten, dass der Gegenstand bzw. in höchste Stufe die andere Person, so ichlich wie möglich sei. Wir gehen immer schon darauf aus, dass wir uns gegenüber fremden Personen vorfinden. Wenn wir nur Anorganisches oder Organisches fänden, so ist das Weniger als wir im Vorstellen finden wollen. Eine Einschauung ist somit nur im interpersonalen Bereich möglich. In der sinnlichen Natur ist Anschauung angemessen.

2 Im Zusammenhang des Wachsens sagt FICHTE einmal: in dynamischer Sicht ist „die Bewegung ein Bild des Werdens einer Anziehung; einer, sage ich; eines bestimmten Accidens derselben; denn die Anziehung selbst ist, wird nicht, wie das System de Empirie, die Natur (in Wahrheit auch) ist, und diese ist, wie die Erscheinung selbst ist.“ (FICHTE, TRANSZENDENTALE LOGIK 1812, S 222). M. a. W.: Es gibt einen Modus von physikalischen Bewegungen (Kräfte der Anziehung und Abstoßung), einen Modus der bloßen Anziehung (im pflanzlichen Bereich), einen Modus von Anziehung und Angezogenwerdens zweier Organisationen (im biologischen Bereich der Tiere) – und einen Modus der Freiheit (der Geschichte).

3Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O. S 165.

4Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 128 – 130.

5Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 131 – 135.

6 Ein zweiter, undenkbarer Begriff, neben einem objektivistisch vorgestellten Werden einer Evolution – wäre der ebenso dunkle Begriff einer „Emergenz“. Von selbst geht aus einer niederen Organisation eine höhere hervor. Ebenfalls ein undenkbarer Begriff – eine Vernebelung und Ablenkung.  

Evolutionstheorie – 5. Anfrage; über Rezeption und Hirnforschung.

Gleinker Weltchronik

1) Es wird meistens ohne terminologische Genauigkeit von einer nachhaltigen Evolution an sich des Anorganischen und des organischen Lebens gesprochen (bis zum sprachlichen und vernünftigen Bereich des Geistes), anstatt umgekehrt die Wissens- und Sichtbarkeitsbedingungen der Bestimmbarkeit von Entwicklung zuerst im Schweben der Einbildungskraft aufzusuchen und daraus eine abgeleitete Theorie der Evolution des Anorganischen und Organischen und Vernünftigen zu entwickeln.

Wenn es zu einer vernünftigen Durchdringung der Wirklichkeit kommen soll, so bedürfen wir des Zweck-Begriffes: FICHTE definiert den Zweckbegriff einmal in der Wlnm so:„Zweck ist Selbsttätigkeit in Beziehung auf Selbsttätigkeit, wie Ursache auf ihre Wirkung.“ (GA II, 3, 12.13)

Oder in anderer Weise zum Zweckbegriff: G. COGLIANDRO fasst in seiner Analyse der Wlnm das Schweben der Einbildungskraft als der Position der Transzendentalphilosophie und Grundlage allen Bewusstseins treffend so zusammen: „Das Schweben, so wie die Fähigkeit, die Bestimmungstätigkeit anzuschauen (die Gegenteil des Schwebens ist), sind in der Tat auf der intellektuellen Anschauung gegründet, die das Ich als ursprünglich in sich selbst zurückkehrende Tätigkeit erfasst. Das Ich sieht seinem Bestimmen zu, weil es seine Tätigkeit überhaupt sehen kann. Diese Tätigkeit zerfällt ursprünglich in die Fähigkeit, sein eigenes Ziel zu bestimmen (Ursprung der idealen Reihe; sc. des Denkens von Interpersonalität und Religion), und in der Fähigkeit, das Objekt des eigenen Willens zu bestimmen (Anfang der wirklichen Reihe, sc. des Denkens der sinnlichen Natur und der Ethik).2

2) Der Entwicklungsbegriff oder die Evolutionstheorie entspringt einer gewissen Verdrängungssituation – so  mein Verdacht oben in der 4. Anfrage. Nichts kann aus einem beobachteten Verlauf selbst abgelesen werden, denn diese Beobachtung existiert nur in der Realisierung des Begriffes und in der Intention einer Absicht. Das ideale Denken geht dem realen Übertragen und der Regulation der Kategorien im Objektiven voraus. Die Realisierung folgt notwendig.

Die naturwissenschaftlichen Daten erreichen uns „stets durch die starken Filter unserer Kultur, ihrer Hoffnungen und Erwartungen“ (Gould 1989, 122). Siehe dazu download 18.12.12  100 Jahre Piltdown-Mensch

Verschiedenes zu denken und genauer gesagt, unterscheiden zu können, heißt entgegensetzen, limitieren. In einschränkender Limitation wird etwas bestimmt, das es das ist, was das andere nicht ist. Das „gleich“ und „entgegengesetzt“ sind transzendentalanalytisch verbunden durch die Denkakte, die ich bereits vollzogen haben muss, wenn ich limitiere. Durch die Unterscheidung setze ich einen Denkakt, durch den ich den Gehalt an Erfahrung „rekonstruieren“ kann. In diesem Sinne werden dann die verschiedenen Empfindungen, die natürlich der Hemmung nach unableitbar sind, entgegengesetzt. Die Mannigfaltigkeit der Empfindungen ist dabei a priori vorausgesetzt, denn sonst könnte eine Empfindung nicht gegen eine andere abgegrenzt und bestimmt werden.3

Der Grund für diesen Denkakt des Unterscheidens und rezeptiven Beziehens liegt in einem Akt der Spontaneität, welcher Akt aber wiederum nicht einfach faktisch vorausgesetzt werden darf als transzendentale Apperzeption des „Ich denke“ – wie KANT das tut – , sondern ist primär ein praktischer Akt der Selbstbestimmung, eine elementare Selbstbestimmung in der Empfindung.

Die Spontaneität ist eine „Kausalität auf sich selbst“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3 43.) Wenn man das kantische „Ich denke“ seiner Intention und seinem Geist nach verstehen will, so kann es nur aus dem Schweben der Einbildungskraft und kategorial bestimmt als Beziehen verstanden werden. (ebd. GA II, 3, 40). Zwecks Präzisierung und Abhebung von KANT müsste man bei FICHTE von einer reinen, überzeitlichen, intelligiblen Apperzeption sprechen.

Allein schon das Verschiedene zu begreifen, verlangt ein Denken der Verschiedenheit, das durch die Kraft der Negation und Affirmation ermöglicht ist. Mit der Negation wird entgegengesetzt, insofern etwas identisch ist. FICHTE exerziert das in den EIGNE MEDITATIONEN und in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE aufs Äußerste durch. Das Entgegensetzen geschieht immer innerhalb des „Ichs“, im Horizont des „absoluten“ Ichs.

Verschiedenheit ist erst setzbar durch den gedanklichen Schritt des Entgegensetzens, durch ein gedanklich gesetztes Nicht-Ich innerhalb einer Sphäre des „absoluten Ichs“.  Mit der Verschiedenheit ist außer der negierten Sphäre die Setzung einer unbestimmten Sphäre vollzogen. Damit ist aber die mathematische Quantitierung ermöglicht und  die quantitative Prädikation. Wiederum ist es aber die Existenz, die sich in der Negation behauptet, wenn letzteres ein bestimmtes Nichtseyn, ein Läugnen einer bestimmten Realität: nicht der Existenz überhaupt.“ (GA II, 3, S 40.) ist. Im Unterscheiden des endlichen Ichs vom (unendlichen) Nicht-Ich fasst das empirische Ich begrifflich seine eigene Existenz. Es kann dabei Realität immer nur von Realität unterscheiden (GA II, 3, 53). Nicht-Ich ist Verneinung des Ichs (GA II, 3, 28), Verneinung des Denkens von bestimmtem Existierenden, nicht des Existierenden überhaupt. Die erwähnte Kategorie der mathematischen Quantitierung im Setzen und Gegensetzen ist damit nicht eine abstrakte Einheit, sondern primär eine qualitative Einheit, weil die Wechselbeziehung ja immer angesetzt ist auf der elementaren Ebene der Empfindung (des Gefühls) und der praktischen Ebene der Erfahrung. Die Kategorie der Qualität geht der Kategorie der Quantität voraus – so die Entdeckung FICHTES in den EIGNE MEDITATIONEN.

Beispiel: in der Hirnforschung wird mittels Reiz-Reaktions-Schemata im Gehirn das geistige Erkennen abzuleiten versucht. Durch chemische Aufbau- und Abfall-Ereignisse, neuronische Feuerungen etc. wird der Reiz weitergeleitet, und dieser wird „Information“ genannt. Die „Information“ kann dann in Graphen gemessen oder vielleicht in einem bildgebenden Verfahren angezeigt werden. Aber sind die Graphen oder die Bilder von sich her ein visuelles Denken? Sind die Bytes und die Graphen und künstlich implementieren Farben von sich her  kongruent und isomorph zur Wirklichkeit der Empfindung/des Gefühls? Wie sollte das bewiesen werden?
Soweit ich dieses visuelle Denken bis jetzt kenne, ist das alles dogmatischer Realismus, „überzeugend“ („Kognitionswissenschaft“ nennt sich das) und nichtssagend und leer. Die Weitergabe der „Information“ in den entgegengesetzten Synapsen und chemischen und energetischen Zuständen ist selbst keine verstehende Rezeptivität, weil ipso facto bloß energetische und chemische Zustände kombiniert werden, punktuelle Empfindungen, falls das Wort „Empfindung“ überhaupt zulässig ist. Es wird durch die Schaltungen selber nichts „rezipiert“, weil nicht bewusst rezipiert und bewusst etwas entgegengesetzt und verglichen wird. Es ist ein für Maschinen  messbarer Fluss vorhanden, aber der Fluss versteht sich selber nicht. Die energetischen Zustände existieren nicht für sich und werden für sich nicht empfunden. Würden sie für sich existieren, müssten sich die einzelnen Zellen oder Zellverbände mittels der chemischen Reaktionen zuerst voneinander abgrenzen und unterscheiden und dann auf sich zurückkommen können, indem sie andere Zellen und Zellverbände rezeptiv-aktiv aufnehmen. Aus oder in einem Realismus der Vorgänge im Gehirn lässt sich nichts erklären. Ich leugne nicht die Existenz dieser Milliarden Schaltungen, die im System zusammengeschaltet unvorstellbar und wunderbar funktionieren und kommunizieren, sie sind aber nur innerhalb des Bewusstseins existent und als wunderbar kommunizierend gesetzt. Wir intuieren in jedem Falle die Bestimmung eines Reizes, interpretieren eine Gen-Codierung, konstruieren das Einzelne und verfahren generell nach einem zeitüberhobenen Konstruktionsverfahren. Das aposteriorische Materiale existiert nur in der Form eines Re-Konstruierens. (vgl. dazu R. LAUTH, Naturlehre, S 77-79)
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© Dr. Franz Strasser, 20. 12. 2015

2Dankenswerterweise ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download: https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

3Der Grund für den Unterschied der Empfindungen der Form nach ist a priori – nicht wie die Sensualisten sagen, dass die Rezeption mit der Mannigfaltigkeit der Sinneswahrnehmungen beginnt. KANT ist hier ebenfalls noch dogmatisch, weil er die Mannigfaltigkeit der Empfindungen für die Synthesis der Erkenntnis blind voraussetzt. Der Grund für den Unterschied ist bereits ein „Vermögen“ (schön bei Platon nachzulesen im „Sophistes“) der Rezeptivität des Ichs. Ein LOCKE u. a. erklären formal den Übergang von der Materie zum Geist überhaupt nicht, sondern spielen nur mit Worten.