Evolutionstheorie – 6. Anfrage; über die Einbildungskraft, von Pflanzen, Tieren und Vernunft, Trieb und Streben.

Gleinker Weltchronik

1) Das Schweben der Einbildungskraft, worin Subjekt und Objekt noch nicht unterschieden sind, ist der Ausgangspunkt allen Wissens und aller reflexiven Einheit des Wissens. Der Weg zur basalen Empfindung und Wahrnehmung über die raum-zeitlichen Dimensionen und Kategorien muss über die ursprünglich produzierende Einbildungskraft in theoretischer wir praktischer Funktion rekonstruiert werden. Ich zeichne diese Rekonstruktion hier soweit nur in den Grundrissen nach, bis das Produkt der Einbildungskraft durch die Anschauungsformen und durch die Verstandesformen a) theoretisch, und in weiterer Folge durch die reflektierende Urteilskraft b) praktisch bestimmt werden kann durch die in der Hemmung liegenden Tendenz („Streben“, aber noch unspezifisch verstanden), sie zu überwinden.

Die theoretischen wir praktischen Konstitutionsmomente der anorganischen oder der später abzuleitenden organischen Welt bleiben dabei stets rückbezogen auf das ursprüngliche Anschauen und Schweben der Einbildungskraft und den notwendigen apriorischen Denkmöglichkeiten der Beziehung und Unterscheidung.

Ad a) Das zeitliche Werden, noch nicht übertragen auf anorganische oder organische Objekte oder auf den eigenen Leib bzw. auf die Geschichte mit anderen Personen, ist eine  Form der übergehenden Imposition von einer Setzung zur anderen, ein primäres Linienziehen, das auch im kleinsten Punkt nicht aufhören darf, ein Übergehen und ein Werden zu sein.1

Diese nach allen Richtungen hin vorstellbare, durch beliebig viele Punkte gehende Linienziehen nennt FICHTE diereine Bestimmbarkeit“ (GRUNDLAGE GA I, 2, 359f). Die auf dieses Linienziehen treffende Hemmung ist der Stoff in der Linie des Werdens und wird als aufgefasste Hemmung mittels Kategorien als Qualitatives und Quantitatives und  in Relations- und Modalitätskategorien weiter bestimmt. Die produzierende Einbildungskraft arbeitet aus Anlass der einzelnen Hemmung an ihr und mit ihr Form und Materie zusammen, veräußert das Konstruierte anschaulich, und verinnerlicht den unkonstruierbaren Gehalt als „Gefühl“. Es kommt zu den Formen der Empfindbarkeit“ (EIGNE MEDITATIONEN), d. h. zur aktuellen Linie der Zeit und zur aktuell-objektiven Fläche des Raumes.
Da kongruierend und parallel zur
realen Reihe des Aufbaus der objektiven Außenwelt die ideale Reihe mitgedacht werden muss (gemäß Fünffachheit der Reflexion nach der Wlnm), kommt notwendig zum  Linienziehen der Zeit und des Denkens von Raum die interpersonale und geschichtliche Wirklichkeit hinzu: Es müssen virtuell unendlich viele Grundpartien des  Linienziehens und des objektiven Veräußerns vorausgesetzt werden, denn nur unter Voraussetzung anderer Personen können wir individuell uns bestimmen. Die Gemeinsamkeit eines Wollens und Handelns geht apriorisch dem Begriff des individuellen Wollens und Handelns voraus. Durch das gemeinsame Wollen und Handeln haben wir auch eine gemeinsame Außenwelt und gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum – und zwecks Sichverstehen und Einanderverstehen erklären wir uns zusätzlich nach einem evolutiven Gesetz als miteinander verwandt und verbunden, genetisch verwandt, biologisch, geographisch verbunden, vielleicht aus Afrika kommend? usw

Es erscheint uns viel plausibler, dass wir durch eine zeitliche und räumliche Übertragung und Entäußerung und Entfremdung (siehe 3. Teil meiner Anfragen) uns besser verstehen als durch eine transzendentale Logik des interpersonalen Seins. Und deshalb meine hier dürftig formulierten (weiter ausbaufähigen) Anfragen und großen Zweifel  an der Evolutionstheorie.

2) Die Zeitform als Linienziehen im inneren Sinn ist ein aktives Schweben der Einbildungskraft, das sich als Kontinuität und als ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit zeigt. Die Raumform fixiert dieses Linienziehen und fixiert die Veränderungen in diesen inhaltlichen Vorstellungen zu einer materiellen Außenform. Der innere Sinn wird durch die Raumform verobjektiviert dargestellt. FICHTE nennt diese Urform einer Verobjektivierung und Veräußerung „reine Bestimmbarkeitoder „Quantitabilität(WL 1801/02), das Virtuelle, das Pluripotentielle. Es wird durch das bestimmte wirkliche Linienziehen der Zeit aktualisiert. (vgl. R. LAUTH, Naturlehre, ebd., S 25)

b) Ein zeitliches Werden an sich (eine „Evolution“) kann somit realistisch und objektivistisch weder in den Dingen der anorganischen Natur – die mit ihren Kräften als Attraktion und Repulsion in Vektoren zu umschreiben versucht wird – noch in den distributiven Einheiten eines organischen Lebens, aber auch nicht in einer geschichtlichen Fortschritts-Reihe, angesetzt  werden.2

Erst durch die prinzipiell erfolgende Imposition (Implikation) und Apposition der Einbildungskraft wird ein kontinuierliches Werden aufgebaut. Die reellen Quanten sind keine Dinge an sich, sondern Sein im Ich, und werden erst im Akt der Bestimmung bestimmt (siehe oben 2. Anfrage, zur Dualität der Materie nach A. MUES) und ergeben eine zeitliche Reihe. Dass sie unkonstruierbar sind, macht ihre Eigenständigkeit aus;  dass sie nicht chaotisch sind, das ist eine Sache der fichteschen Zwecklehre und Sinnlehre, ausgedrückt in der Lehre von der moralischen Weltordnung und der göttlichen Weltregierung. 3

Die Realität der Natur (…) erscheint in der TranscendentalPhilosophie als durchaus gefunden, und zwar fertig und vollendet, und dies zwar (gefunden nemlich) nicht nach eigenen Gesetzen (der Natur), sondern nach immanenten der Intelligenz (als ideal-realem).“ (FICHTE gegenüber Schelling, Briefe, GA III, 4, 360)

3) Absolut verschieden zu den anorganischen Kräften der Attraktion und Repulsion in der Physik tritt dabei die distributive Einheit der Organisation, sprich, das Leben, in den Naturprozess ein. Die Wechselwirkung der beteiligten chemischen Kräfte, die Osmose etc.. bilden nicht eine additive Einheit, sondern sind um einer organisierten Einheit willen gesetzt. Wenn in weiterer Folge die organische Eigenbewegung z. B. einer Pflanze mit verschiedenen sukzessiven Bestimmungen der Veränderung ausgezeichnet wird, so entsteht hier nichts evolutiv Neues, sondern alle Bewegung ist von vornherein als geschlossener Kreislauf gesetzt, ein Ganzes mit einem absoluten Durchdringungspunkt des Lebens. 4 Falls Leben so gedacht werden soll, dass eine zugrundeliegende Substanz sich erbgenetisch (epigenetisch) weitergibt – wie es gang und gäbe in der naturalistischen Betrachtung ist – würde das einen Einblick in den Ursachenzusammenhang der Manifestationen der Wirkungen verlangen, den ich nicht haben kann. Eine realistische Substanz als Grundlage aller Veränderung und Ursache aller weiteren Wirkursachen erkenne ich nicht denknotwendig; ich erschließe nur durch Induktion und Hypothese einen nachträglichen Zusammenhang. Es evolviert oder entwickelt sich aber nicht eine Substanz an sich, sei es eine Substanz der Gene – manche sprechen sogar von Meme -,  oder sei es ein hinterstellter evolutiver Prozess der Akzidentien. Das  Organisationsganze der Pflanze, diese gedachte Substanz, wächst und gedeiht und blüht und verwelkt, um als Gattung in der Frucht zu bleiben. Wenn das zweckgerichtete Streben des Wachsens an sein Ziel gelangt ist, ist das Produkt fertig da. Zum fertigen Produkt, so FICHTE, gibt es kein zu vergleichendes analoges Produkt, keine Homologie und keine Ähnlichkeit. Die Pflanze hat das in ihr liegende Ziel erreicht und das einmalige Produkt erbracht. Sie strebte nicht selbst eine Homologie an oder organisierte sich nicht nach einer Homologie. Was würde schon ein Begriff der Homologie erklären? Dass sukzessive, neue, emergente Bestimmungen in und aus einer Substanz entstanden sind? So verfährt aber die reflektierende Urteilskraft nicht. Auf einen Schlag, im zeitlosen Akt der Vorstellung, setzt die Urteilskraft eine durch den Organismus aktualisierte Wechselwirkung an – und die Pflanze erbringt ihr spezifisches Produkt. Erst in secundo kann die Urteilskraft verschiedene Merkmale und Ähnlichkeiten (Homologien) feststellen, aber das ist ein anderer Zweckbegriff als der einer selbst-organisierten Zweckeinheit einer bestimmten Art.

c) So wie die Pflanze nur als ein organisches Ganzes verstanden werden kann, das Einzelne um des Ganzen willen da ist und umgekehrt, so übertragen wir das Organisationsganze auf den artikulierten Körper eines Tieres, dessen Organisationsmittelpunkt der Trieb ist.5 Es ist ein spezifisch gedachtes Organisationsganzes, ein Streben, das im Handeln durch eine Hemmung gehindert wird, und folglich als Trieb zur Erscheinung kommt. Der Trieb ist erfüllt (befriedigt), sobald die Bedingungen seiner Anwendung zu erfolgreicher Wirksamkeit kommen. Das Wasser weckt nicht den Durst, sondern der Durst erklärt (durch den Trieb) den Sinn des Wassers. Es ist wiederum der in die Organisation hineingelegter Zweckbegriff, der die wechselwirkenden Kräfte durchdringt und zu einer Anziehung und Abstoßung mit gleichzeitigem Angezogen- und Abgestoßenwerden formt. Der Trieb ist Teil dieser organischen Natur, höchster Begriff der erscheinenden Natur, insofern sie sich dadurch selbst bestimmt. Siehe oben 1. Anfrage, das Beispiel des mexikanischen Kärpflings: Dessen Trieb will das Überleben und strebt nach dem Überleben, die Gen-Codierungen sind für ihn als solche substantiell an die wechselnden Umweltfaktoren angepasst, zufällig aber haben sie sich nicht angepasst, sonst hätte der Kärpfling nicht überleben können.

d) Und nochmals weiter nach den transzendentalen Wissensbedingungen dieser triebhaften Bestimmung im Tier  gefragt: Es muss ein zusammenhängendes Ganzes einer abgestimmten sinnlichen Natur geben, die in Motorik und  Sensorik nochmals offen ist für eine  Artikulation und für eine freie und echte Selbstbestimmung des Lebewesens „Mensch“.  Die Welt ist den transzendentalen Wissensbedingungen nach ein organisches, teleologisches Ganzes, weil die Pflanze wachsen kann, das Tier sich bewegen und – was die  dritte Stufe der Organisation betrifft –  die Freiheit des Menschen mechanisierend (nicht organisierend) eingreifen kann. Die Verwirklichung des Organischen im Menschen bleibt dabei an vielfältige Abhängigkeiten und Realisationsmöglichkeiten gebunden, a) an die anorganischen Grundlagen, b) an die organischen Grundlagen und an die Umwelt, aber zugleich c)  kann dieses lebendige Ganze nur als zweckorganisiertes Ganzes um der Freiheit willen gesehen werden, weil in und an den Hemmungen und Aufrufen ein Vorstellen und ein Antworten möglich geworden sind.  

Dabei bleibt die Hemmung aposteriorisch unableitbar und letztlich nicht begreifbar. Wir können weder theoretisch die Abhängigkeit des Ichs vom Nicht-Ich der Hemmung auflösen, noch können wir die Hemmung im praktischen Streben gänzlich in Erkenntnis auflösen und einem willkürliche Zweck unterwerfen, als wüssten wir in jedem Augenblick sicher, was der praktischer Zweck einer Erscheinung ist.  Das zeitliche Werden geht von der produzierenden Einbildungskraft aus und alles zeitliche Werden (und räumliche Vorstellen) ist diese Verwirklichung einer transsubjektiven Objektivität, sei es in der sinnlichen Natur, im eigenen Leib, in der gesellschaftlich-geschichtlichen oder in der religiösen Wirklichkeit, aber immer bleibt eine Wechselwirkung und ein Rest unableitbarer Hemmung bzw. geschichtlicher Erscheinung, woran und wodurch die Freiheit sich bestimmt werdend bestimmen kann.  

4) In der Ableitung der „Formen der Empfindbarkeit“ (3. und 4. Anfrage) wurde betont: Die Vorstellbarkeit der inneren, zeitlichen Empfindung nimmt Gleichzeitigkeit in Anspruch. Es hebt sich im Denken eine Zeitgebundenheit der Empfindung abdie den materiellen Dingen ihre Realität gibt, und  sie räumlich und zeitlich und veränderlich und beweglich erscheinen lässt. Die Zeitform und Raumform können einerseits nicht unabhängig von ihrer materiellen Erscheinungswirklichkeit gesehen werden, andererseits dürfen Zeit und Raumanschauung aber nicht realistisch mit den Dingen gleichgesetzt werden. Die vollständige Bestimmung eines objektiven Seins tritt erst durch den Begriff ein, durch die Kategorien und die Reflexionsformen des Denkens. 

Die Anziehungskraft und Bewegung der Physik erscheint auf anorganischer Ebene total anders wie das Wachsen der organischen Wirklichkeiten;  die Bewegungskraft auf organischer Stufe (das Wachsen) erscheint wiederum höherstufig selbstbewegend;  die Bewegungskraft schließlich auf der Stufe der Freiheit äußert sich als Selbsttätigkeit der Vernunft und primär im Vorstellungstrieb. Nach den Prinzipien der WISSENSCHAFTSLEHRE muss es einen geschlossenen, apriorischen Zusammenhang zwischen Naturstreben und Vernunftstreben geben; ersteres Streben ist die Sphäre der Vernunft in spontaner Aktion; letztere die Sphäre freie Realisierung einer Sinnforderung. Das System der spontanen und der freien Vernunfthandlungen ist in einem apriorischen Sinne geschlossen und vollendet – und ist zugleich ein offenes System, weil konstitutiv die aposteriorischen Bedingungen der Realisierung hinzukommen müssen. M. a. W. der Trieb als Naturtrieb ist einerseits vollendet, weil er die lebendige Natur als selbsttätig und selbstständig erscheinen lässt, andererseits verweist er durch die Vernunft über seine Realisierung hinaus. Er will in seiner Bedingung durch spontanes und! freies Streben begriffen werden. Naturtrieb und Vernunfttrieb sind in letzter Konsequenz nicht entgegengesetzt, sondern beide sind Vernunfttendenz. Auf die Wechselwirkung der beiden Triebe beruht die Erscheinung des empirischen Ichs. (Siehe dazu auch Ausführungen zum Triebbegriff bei S. FREUD und J. G. FICHTE – Link.

5) Das gesamte Naturstreben müsste jetzt viel detaillierter dargestellt werden. R. LAUTH spricht z. B. von verschiedenen Organisationsverbänden innerhalb mehrstufiger Organisationen (Naturlehre, S 113ff) oder von der „Ramifikation“ des Naturstrebens. (Naturlehre, S 119ff). Durch die reflektierende Einbildungskraft kann von der einzigen Dimension des zeitlichen Werdens abgegangen und in andere Dimensionen des Raumes übergegangen werden. In diesem virtuellen Raum wird die Hemmung verbreitet und präsent. Durch mehrere, verschiedenartige Hemmungen wird das Streben nochmals in  entsprechend verschiedenen Trieben fixiert. Wir erhalten eine Verzweigung des Gesamtstrebens in verschiedenen Streben, die aber alle darauf aus sind, die jeweils verschiedenartigen Hemmungen zu überwinden. Durch Umreihung treten dann andere Hemmungskonstellationen auf, die als Wirkenserfolge erlebt werden. Der spontane, naturgetriebenen Akt muss zwar von Anfangspunkten ausgehend gedacht werden, um sich dann mannigfaltig zu verzweigen, wir erhalten dann eine Gesamtorganisation in untergeordneten Organisationen und Organisationsverbänden, aber eine einzige Ursache dieser Wirkungen lässt sich kaum feststellen. Das bestimmende Gesetz diese wechselwirkenden Abhängigkeiten von Streben und nicht-ichlicher Hemmung kann endgültig nicht in Erkenntnis aufgehoben werden, weil uns dann vollkommene theoretische und praktische Erkenntnis geschenkt sein müsste (wie wir uns den göttlichen Verstand vorstellen.) Umgekehrt aber so zu tun und vorzugeben, als könne selbsterklärend durch „Evolution“ das System der Natur verstanden werden, dass es eine dahinterliegende, wenn auch zufällige und unbekannte, anonyme Wirkursache „Evolution“ gäbe, erklärt nicht das mannigfaltige  Naturstreben und geistige Freiheitsstreben. Es wird Erkenntnis vorgetäuscht, die aber keine ist und niemals eine werden kann, weil der ausdrücklicke  Zweckbegriff nicht eingestanden bzw. nicht erkannt wird. Die stufenartige Höherentwicklung eines Naturstrebens von der Pflanze bis zum Tier und bis zur Vernunft des Menschen, mit dem zuletzt angedeuteten verzweigten Naturstreben, offenbart ein Richtungnehmen des zeitlichen Linienziehens (des vorstellenden Aktes der Vernunft) und einer in der Zeit liegenden Sinnlichkeit und aktiven Rezeptivität, offenbart aber keinen evolutiven Prozess an sich. Durch die freie Serie der Imposition der Einbildungskraft und durch Apposition wird eine ideale und reale Zeitbindung der Evolution in der Erscheinung! aufgebaut.  Es entsteht eine ideale Entscheidungszeit und reale Erscheinungszeit, sei es für den sinnlichen Bereich der äußeren Natur oder den geistigen Bereich der gesellschaftlichen Natur. Aber eine Evolution an sich ist nicht denkbar.  Kraft der sinnlichen Natur wird nichts.

6) Von der anorganischen Wirklichkeit der Bewegungs- und Veränderungslehre sind wir ausgegangen; die höhere Möglichkeit zeigte sich in der Erscheinung einer Selbstbewegung im Organismus. Die Pflanze zieht an und stößt ab. Ihr Wirkungskreis, ihre „Bewegungsfreiheit“ bleibt aber trotzdem noch eingeschränkt. Die nochmals höhere Möglichkeit erscheint im Tier. Das Tier vermag sich zu bewegen, zwar nicht total frei, es ist getrieben und instinkthaft geleitet, aber immerhin, es zieht selber an und stößt selber ab und wird angezogen und wird abgestoßen. (Inwiefern die Pflanzen selber die Tendenz haben, sich bewegen zu können und bestens anzupassen – das ist noch ein weites Forschungsgebiet.) Die höchste Stufe der Bewegungsfreiheit und Wirksamkeit – ohne Determination eines zweckentsprechenden (teleonomischen) Agens – zeigt sich schließlich in der freien Darstellbarkeit der Einbildungskraft im ästhetischen und praktisch-moralischen Sinn. Das reflexive Bewusstsein vermag dadurch im Vorstellungstrieb über die Hemmung hinauszugehen und dementsprechend, angepasst an die Hemmung, frei zu wollen und zu handeln.Das Thier ist da, um den freien Geist in der Sinnenwelt zu tragen, und mit ihr zu verbinden.“ (NATURRECHT, GA I, 3, 381).

Jetzt wieder meine Anfrage an die anscheinend alles erklärende Evolutionstheorie in Natur und Kultur: Denkt die Evolutionstheorie das zeitliche Werden auf diese – durch das Streben und die Freiheit ermöglichte – Zukunft hin?   Sicherlich nicht, denn was faktisch ist, ist so geworden, wie es ist.  Es trägt kein Kriterium des Sollseins oder Nichtseinsollens an sich. Sterben ist so sinnvoll wie leben. 6

Das Denken, wie in den ersten Anfragen ausgeführt, unterscheidet die Zeit- und Raumform, letztlich das zeitliche Werden und räumliche Ausdehnen zwecks weiterer begrifflicher Bestimmung des Objektes. Es  überträgt, entäußert, entfremdet: Eine Bewegung, ein Wachsen, ein Streben, ein Trieb und wird in die Natur und in die Gesellschaft hineingelegt. Warum exponiert sich das Denken zur Entwicklung, zur erscheinungsweisen Evolution und Geschichte? Die sogenannte „Evolutionstheorie“ gibt sich den Anschein, diese Fragen lösen zu können, überspringt aber die Denkbarkeit. 

Meine noch mehr auszubauende Antwort wäre: Erscheinungsobjektiv und erscheinungssubjektiv entwickelt sich Natur und Kultur, weil
a) alles unter einem aktuellen Sollensanspruch steht, die gefühlte und vorgestellte Wirklichkeit einem Sollsein der Wahrheit anzupassen. Entspricht die Bestimmung eines Dinges vollkommen der theoretischen Betrachtung, ist die Vorstellung befriedigt und an ihr Ende gelangt.  Das praktische Streben geht dabei in seiner Triebhaftigkeit und freien Realisationsmöglichkeit über dieses Gleichgewicht in der Vorstellung hinaus auf eine volle Vernunftrealisation. Deshalb kann und muss auf der Erscheinungsebene sogar

b) 
aus praktischen Gründen ein Vorgang auch zeitlich und räumlich und evolutiv vorgestellt werden, damit das Hier und Jetzt des Vernunftwesens eine Basis findet, eine weitere, freie  Realisationsmöglichkeit zu finden.
An sich entsteht die Welt nicht (…) in der Zeit; sie ist fertig.“ (PLATNER-VORLESUNG, GA IV, 1, 409.) Für uns aber fällt ihr Fortgang und die Entstehung neuer Produkte in die Zeit, u. wir müssen die Bildung der Welt auch in die Zeit setzen.“ (ebd.)

Aber wird der Begriff Evolution in der sog. Evolutionstheorie zweckhaft, als praktisch-sittliche Verwirklichung einer Intention und einer Sinnidee, verwendet? Dient nicht umgekehrt der Evolutionsbegriff einer großen Entschuldigung,  nicht praktisch und frei handeln zu müssen? (Siehe oben  meine 4. Anfrage  – Link

23. 12. 2015

© Franz Strasser

fr.strasser@eduhi.at

1Wir gehen von Anfang an daraufhin aus, das Vorgestellte so ichlich wie möglich zu bilden. Wenn wir die Außenwelt daraufhin durchforschen, erforschen wir stillschweigend in ständigem Interesse, wie kann ich den Gegenstand ichlich konstituieren, d. h. wie weit kann ich ihn nicht nur anschauen, sondern auch einsehen, dass er so sein soll. Seine Eigenschaften sind a) Übertragungen von Bewusstseinsmomenten in die Außenwelt und b) Übertragungen von Willensmomenten und ichlichen Momenten, dass der Gegenstand bzw. in höchste Stufe die andere Person, so ichlich wie möglich sei. Wir gehen immer schon darauf aus, dass wir uns gegenüber fremden Personen vorfinden. Wenn wir nur Anorganisches oder Organisches fänden, so ist das Weniger als wir im Vorstellen finden wollen. Eine Einschauung ist somit nur im interpersonalen Bereich möglich. In der sinnlichen Natur ist Anschauung angemessen.

2Im Zusammenhang des Wachsens sagt FICHTE einmal: in dynamischer Sicht ist „die Bewegung ein Bild des Werdens einer Anziehung; einer, sage ich; eines bestimmten Accidens derselben; denn die Anziehung selbst ist, wird nicht, wie das System de Empirie, die Natur (in Wahrheit auch) ist, und diese ist, wie die Erscheinung selbst ist.“ (FICHTE, TRANSZENDENTALE LOGIK 1812, S 222). M. a. W.: Es gibt einen Modus von physikalischen Bewegungen (Kräfte der Anziehung und Abstoßung), einen Modus der bloßen Anziehung (im pflanzlichen Bereich), einen Modus von Anziehung und Angezogenwerdens zweier Organisationen (im biologischen Bereich der Tiere) – und einen Modus der Freiheit (der Geschichte).

3Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O. S 165.

4Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 128 – 130.

5Vgl. R. LAUTH, Naturlehre, a. a. O., S 131 – 135.

6Ein zweiter, undenkbarer Begriff, neben einem objektivistisch vorgestellten Werden einer Evolution – wäre der ebenso dunkle Begriff einer „Emergenz“. Von selbst geht aus einer niederen Organisation eine höhere hervor. Ebenfalls ein undenkbarer Begriff – eine Vernebelung und Ablenkung.  

Evolutionstheorie – 5. Anfrage; über Rezeption und Hirnforschung.

Gleinker Weltchronik

1) Es wird meistens ohne terminologische Genauigkeit von einer nachhaltigen Evolution an sich des Anorganischen und des organischen Lebens gesprochen (bis zum sprachlichen und vernünftigen Bereich des Geistes), anstatt umgekehrt die Wissens- und Sichtbarkeitsbedingungen der Bestimmbarkeit von Entwicklung zuerst im Schweben der Einbildungskraft aufzusuchen und daraus eine abgeleitete Theorie der Evolution  des Anorganischen und Organischen und Vernünftigen zu entwickeln.

Wenn es zu einer vernünftigen Durchdringung der Wirklichkeit kommen soll, so bedürfen wir des Zweck-Begriffes: FICHTE definiert den Zweckbegriff einmal in der Wlnm so:„Zweck ist Selbsttätigkeit in Beziehung auf Selbsttätigkeit, wie Ursache auf ihre Wirkung.“ (GA II, 3, 12.13)

Oder in anderer Weise zum Zweckbegriff: G. COGLIANDRO fasst in seiner Analyse der Wlnm das Schweben der Einbildungskraft als der Position der Transzendentalphilosophie und Grundlage allen Bewusstseins treffend so zusammen: „Das Schweben, so wie die Fähigkeit, die Bestimmungstätigkeit anzuschauen (die Gegenteil des Schwebens ist), sind in der Tat auf der intellektuellen Anschauung gegründet, die das Ich als ursprünglich in sich selbst zurückkehrende Tätigkeit erfasst. Das Ich sieht seinem Bestimmen zu, weil es seine Tätigkeit überhaupt sehen kann. Diese Tätigkeit zerfällt ursprünglich in die Fähigkeit, sein eigenes Ziel zu bestimmen (Ursprung der idealen Reihe; sc. des Denkens von Interpersonalität und Religion), und in der Fähigkeit, das Objekt des eigenen Willens zu bestimmen (Anfang der wirklichen Reihe, sc. des Denkens der sinnlichen Natur und der Ethik).2

2) Der Entwicklungsbegriff  und die ideologisch besetzte „Evolutionstheorie“ entspringt m. E.  einer psychischen Verdrängung – so  mein Verdacht oben in der 4. Anfrage. Denn nichts kann aus einem beobachteten Verlauf selbst abgelesen werden. Alle Beobachtung existiert nur in der Realisierung des Begriffes und in der Intention einer Absicht. Das ideale Denken geht dem realen Übertragen und kategorialen Erkennen voraus. Die Realisierung folgt notwendig.

Die naturwissenschaftlichen Daten erreichen uns „stets durch die starken Filter unserer Kultur, ihrer Hoffnungen und Erwartungen“ (Gould 1989, 122). Siehe dazu download 18.12.12  100 Jahre Piltdown-Mensch

Verschiedenes zu denken und genauer gesagt, unterscheiden zu können, heißt entgegensetzen, limitieren. In einschränkender Limitation wird etwas bestimmt, das es das ist, was das andere nicht ist. Das „gleich“ und „entgegengesetzt“ sind transzendentalanalytisch verbunden durch die Denkakte, die ich bereits vollzogen haben muss, wenn ich limitiere. Durch die Unterscheidung setze ich einen Denkakt, durch den ich den Gehalt an Erfahrung „rekonstruieren“ kann. In diesem Sinne werden dann die verschiedenen Empfindungen, die natürlich der Hemmung nach unableitbar sind, entgegengesetzt. Die Mannigfaltigkeit der Empfindungen ist dabei a priori vorausgesetzt, denn sonst könnte eine Empfindung nicht gegen eine andere abgegrenzt und bestimmt werden.3

Der Grund für diesen Denkakt des Unterscheidens und Beziehens liegt in einem Akt der Spontaneität, welcher Akt aber wiederum nicht einfach faktisch vorausgesetzt werden darf als transzendentale Apperzeption des „Ich denke“ – wie KANT das tut – , sondern ist primär ein praktischer Akt der Selbstbestimmung, eine elementare Selbstbestimmung in der Empfindung.

Die Spontaneität ist eine „Kausalität auf sich selbst“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3 43.) Wenn man das kantische „Ich denke“ seiner Intention und seinem Geist nach verstehen will, so kann es nur aus dem Schweben der Einbildungskraft und kategorial bestimmt als Beziehen verstanden werden. (ebd. GA II, 3, 40). Zwecks Präzisierung und Abhebung von KANT müsste man bei FICHTE von einer reinen, überzeitlichen, intelligiblen Apperzeption sprechen.

Allein schon das Verschiedene zu begreifen, verlangt ein Denken der Verschiedenheit, das durch die Kraft der Negation und Affirmation ermöglicht ist. Mit der Negation wird entgegengesetzt, insofern etwas identisch ist. FICHTE exerziert das in den EIGNE MEDITATIONEN und in der PRACTISCHEN PHILOSOPHIE aufs Äußerste durch. Das Entgegensetzen geschieht immer innerhalb des „Ichs“, im Horizont des „absoluten“ Ichs.

Verschiedenheit ist erst setzbar durch den gedanklichen Schritt des Entgegensetzens, durch ein gedanklich gesetztes Nicht-Ich innerhalb einer Sphäre des „absoluten Ichs“.  Mit der Verschiedenheit ist außer der negierten Sphäre die Setzung einer unbestimmten Sphäre vollzogen. Damit ist aber eine (mathematische) Quantitierung innerhalb der Einteilbarkeit überhaupt (innerhalb der Quantitabilität) ermöglicht und  die quantitative Prädikation.

Wiederum ist es aber die Existenz, die sich in der Negation behauptet, wenn letzteres ein bestimmtes Nichtseyn, ein Läugnen einer bestimmten Realität: nicht der Existenz überhaupt.“ (GA II, 3, S 40.) ist. Im Unterscheiden des endlichen Ichs vom (unendlichen) Nicht-Ich fasst das empirische Ich begrifflich seine eigene Existenz. Es kann dabei Realität immer nur von Realität unterscheiden (GA II, 3, 53). Nicht-Ich ist Verneinung des Ichs (GA II, 3, 28), Verneinung des Denkens von bestimmtem Existierenden, nicht des Existierenden überhaupt. Die erwähnte Kategorie der (mathematischen) Quantitierung im Setzen und Gegensetzen ist damit nicht eine abstrakte Einheit, sondern primär eine qualitative Einheit, weil die Wechselbeziehung ja immer angesetzt ist auf der elementaren Ebene der Empfindung (des Gefühls) und der praktischen Ebene der Erfahrung. Die Kategorie der Qualität geht der Kategorie der Quantität voraus – so die Entdeckung FICHTES in den EIGNE MEDITATIONEN.

Beispiel: in der Hirnforschung wird mittels Reiz-Reaktions-Schemata im Gehirn das geistige Erkennen abzuleiten versucht. Durch chemische Aufbau- und Abfall-Ereignisse, neuronische Feuerungen etc. wird der „ReizW weitergeleitet, und dieser wird „Information“ genannt. Die „Information“ wird dann in Graphen anscheinend „gemessen“ und sonstigen bildgebenden Verfahren angezeigt. Aber was zeigen die Graphen oder die Bilder wirklich an? Gibt es ein visuelles Denken? Springen die Graphen als mathematische Quanta heraus und was bedeuten dann diese formalen Anschauungen der Zahlen?  Sind „messbare“Reize, oft noch mit Farben unterlegt zur Unterscheidung,  kongruent und isomorph zur Wirklichkeit der Empfindung/des Gefühls?
Soweit ich dieses visuelle Denken bis jetzt kenne, ist das alles dogmatischer Realismus, überzeugend und nichtssagend und leer – und nennt sich „Kognitionswissenschaft“.  Die Weitergabe der „Information“ in den entgegengesetzten Synapsen und chemischen und energetischen Zuständen ist selbst keine verstehende Rezeptivität, weil ipso facto bloß energetische und chemische Zustände kombiniert werden, punktuelle Empfindungen, falls das Wort „Empfindung“ überhaupt zulässig ist. Es wird durch die Schaltungen selber nichts apperzepiert noch rezipiert, weil nichts bewusst wahrgenommen und  rezipiert und  entgegengesetzt und verglichen wird. Es ist ein an die „Reize“ angepasste Maschinensprache erzeugt, aber diese Sprache versteht sich selber nicht. Die energetischen Zustände, „messbar“,  existieren nicht für sich und werden für sich nicht empfunden. Würden sie für sich existieren, müssten sich die einzelnen Zellen oder Zellverbände mittels der chemischen Reaktionen zuerst voneinander abgrenzen und unterscheiden und dann auf sich zurückkommen, müssten sie andere Zellen aktiv oder passiv aufnehmen, abstoßen, synthetisieren. Aus  einem angeblich  sichtbaren Prozess in den Nervenbahnen und Gehirnzellen lässt sich keine Erkenntnis entwickeln.  Ich leugne nicht die Existenz dieser Milliarden Schaltungen, die im System zusammengeschaltet unvorstellbar und wunderbar funktionieren und kommunizieren, sie sind aber nur innerhalb des Bewusstseins existent und als wunderbar kommunizierend gesetzt. Wir intuieren in jedem Falle die Bestimmung eines Reizes, interpretieren eine Gen-Codierung, konstruieren das Einzelne und verfahren generell nach einem zeitüberhobenen Konstruktionsverfahren. (vgl. dazu R. LAUTH, Naturlehre, S 77-79)
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© Franz Strasser, 20. 12. 2015

2Dankenswerterweise ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download: https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

3Der Grund für den Unterschied der Empfindungen der Form nach ist a priori – nicht wie die Sensualisten sagen, dass die Rezeption mit der Mannigfaltigkeit der Sinneswahrnehmungen beginnt. KANT ist hier ebenfalls noch dogmatisch, weil er die Mannigfaltigkeit der Empfindungen für die Synthesis der Erkenntnis blind voraussetzt. Der Grund für den Unterschied ist bereits ein „Vermögen“ (schön bei Platon nachzulesen im „Sophistes“) der Rezeptivität des Ichs. Ein LOCKE u. a. erklären formal den Übergang von der Materie zum Geist überhaupt nicht, sondern spielen nur mit Worten.

Evolutionstheorie – 4. Anfrage; Zeit, Raum, Zukunft und Streben.

Gleinker Weltchronik

Die Evolutionstheorie ist für mich mit zahlreichen Ideologien und Interessen behaftet. Deshalb hier eine eher grundsätzliche Erläuterung, wie ich Zeit und Raum  –  d. h. mit Berufung auf FICHTE und berufenere Leute als meine Wenigkeit – , und Bewegung und Veränderung denke – und wie schließlich die sogenannte „Evolutionstheorie“ selbst ohne ideelle Zwecksetzung nicht auskommt. Ich frage mich nur,  welche ideelle Zwecksetzung verbirgt sich hinter den vielfältigen Formen des evolutionären Denkens?
Mir kommt das so vor: Das naturalistisch geprägte Bewusstsein will durch den Evolutions- und
Entwicklungsgedanken nolens volens eine Zukunft haben, die sie aber selbst nicht verantworten will, denn es ist ja alles evolutionär begründet, d. h. unverantwortet entstanden.  Es wird eine dauernde zeitliche Entwicklung und Veränderung angesetzt, eine ständige räumliche Ausdehnung, ein ständiger Wandel der anorganischen und organischen Lebensformen, aber wohin die Entwicklung geht, dafür können wir nichts. Psychologisch müsste ich die Evolutionstheorie dann als Verdrängungstheorie unbewusster Ängste und Triebe beschreiben.  Ein anonymer Prozess läuft ab, der uns für alles entschuldigt, was ist und was war und was kommen wird.
Oder sollte ich es nicht so pessimistisch sehen, gerade umgekehrt:  Der Freiheitsgewinn ist der einzige Sinn und Zweck einer evolutionären Erklärungsart?! 

Jetzt zur Ableitung von Zeit und Raum: 1.)  Die vorreflexive Anschauung (im Schweben der Einbildungskraft) bestimmt sich durch Freiheit zur begrifflichen Anschauung.  Das Schweben der Einbildungskraft zeigt sich nach der WISSENSCHAFTSLEHRE nova methodo (1796-97) in fünffacher Weise: Indem das Ich seinen Zweckbegriff entwirft und seine Tätigkeit vom ursprünglichen Schweben aus mit einer praktischen Wahl beginnt, setzt es einen Grenzpunkt der idealen Reihe mit dem Sichherausgreifen aus der vernünftigen „Masse“ (ebd.). Es bildet das ursprüngliche, zum Selbstbewusstsein beauftragte, frei sich bestimmbare, bestimmte Ich – innerhalb einer interpersonalen Aufruf-Antwort-Sphäre. Es ist der Begriff der Gesellschaft und des Rechts. Warum diese Sphäre der Interpersonalität nochmals eine reine Sphäre der möglichen Bestimmtheit voraussetzen muss, im allgemeinen wie im konkreten, wäre eine weitere begriffliche Folgerung. Es ist das der Begriff der Religion.  

Die auf der Gegenseite der Wechselbestimmung liegende reale Reihe führt zur Anschauung der sinnlichen Natur und zur intelligiblen Anschauung einer durchbestimmten Realität in einem Leib und in der Moralität.
Mit G. COGLIANDRO gesprochen: „ Wir untersuchen zuerst die ideale Reihe, die psychologisch als die Reihe der Beobachtungen des Philosophen der wirklichen Reihe betrachtet werden kann, die aber in Wirklichkeit die Konkretisierung der ursprünglichen Selbstsetzung ist und deshalb genetisch gesehen vor der wirklichen Reihe liegt, denn nur dadurch, dass das Subjekt sich aus der Masse der vernünftigen Bestimmbarkeit herausgreift, kann es zur Selbstbestimmung als wirkender Leiblichkeit kommen.“ 1

Das nachvollziehende Denken ahmt das Schweben der Einbildungskraft nach und bestimmt konform zur idealen Reihe (des Aufruf-Antwort-Geschehens) die sinnliche Natur und moralische Welt auf der realen Seite. Das Mögliche ist das immer Denkbare – und beginnt damit, dass von jeder sinnlichen Empfindung auch das Gegenteil gedacht werden kann. Das Denkbare wird dabei in den Horizont des unendlich Vorstellbaren gestellt, in Raum und Zeit. Raum und Zeit sind selbst „Formen der Empfindbarkeit“ (FICHTE, EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3, 130.)

In der Empfindung liegt gehemmte Kraft. Das Ich fühlt die gehemmte Kraft und verinnerlicht sie im inneren Sinn. Dies muss eine gleichzeitige Raumanschauung zur Folge haben. Es wird etwas gefunden, etwas Verschiedenes, das in weiterer Folge unterschieden und entgegengesetzt wird, um weiter begrifflich gefasst zu werden. “Die Verschiedenheit ist aber bereits ein eigener Denkakt, den wir mit jeder Vorstellung vollziehen müssen, spontan  und rezeptiv vollziehen müssen, insofern wir etwas entgegensetzen.“2

Das Beziehen des Ichs auf sich selbst (nach einem Zweckbegriff in der idealen Reihe) und dem dabei zuschauenden Denken (in der realen Reihe) entlässt aus sich (genetisiert) die Anschauungsformen („Formen der Empfindbarkeit“) Zeit und Raum und Kategorien der Qualität, Quantität, der Erfahrung und der Modalität – wodurch umgekehrt die ganze sinnliche und intelligible Erfahrung nur durch diese Anschauungsformen und kategorialen Formen bestimmt und gegeben sein kann.

Die Vorstellbarkeit der inneren Empfindung, die bei weitem nicht nur ein passiver Akt der Rezeption ist, sondern zugleich ein aktiver Akt der Spontaneität, nimmt Gleichzeitigkeit in Anspruch: Im Denken und Bestimmen der Anschauung wird (wieder kraft der Einbildungskraft) die Zeitgebundenheit davon abgehoben –  und den materiellen Dingen wird ihre Realität und ihre Wirklichkeit in Zeit und Raum (begrifflich) zugewiesen.  

2) Die apriorischen Anschauungsformen, von KANT einerseits zwar benannt, aber andererseits nicht begründet, woher sie kommen und wie sie möglich sind, stammen nach FICHTE  aus dem praktischen Bereich der Empfindbarkeit und werden durch das Denken eingebracht. Dies müsste jetzt genauer ausgeführt werden, wie die „unabhängige Tätigkeit“ die Räumlichkeit und Zeitlichkeit eröffnet, was aber hier zu weit führen würde:  Gerade durch die „unabhängige Tätigkeit“ der Freiheit ist das Schweben der Einbildungskraft nicht determiniert, wie es ausgehend durch die Empfindung gänzlich determiniert wäre. Zeit und Raum gewinnen eine praktische Bedeutung und Begründung, vorallem in ihrer gegensätzlichen Einheit: „Zeit und Raum sind sich selbst entgegengesetzt“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3, 101). FICHTE stellt fest: „Dinge können in der Zeit gleich seyn; gleichzeitig, Sie können also nur durch den Raum unterschieden werden. Der Raum ist sich selbst gleich; u. alles ist in dem gleichen Raume.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3, 102)  Das bedeutet, dass die verschiedene Art affiziert zu werden dadurch erst auffassbar wird, dass die Eindrücke gleich und entgegengesetzt sind, insofern der Raum den Bezugsrahmen schafft (vgl. ebd. GA II, 3, 108; u. 96 u. 103). Die Zeitgebundenheit des Denkens, die den Dingen ihre Realität im Sinne von Wirklichkeit verleiht, muss deshalb notwendig ebenso eine räumliche Bestimmung sein.  Dies kann anhand der Bewegung veranschaulicht werden. Eine Bewegung zu denken und mithin auch eine abgeschrittene Zeit zu denken, gelingt nur durch Vorstellung eines räumlich Dauernden.

Der Raum ist aber umgekehrt notwendig auch auf die Zeit bezogen, sofern der menschliche Geist (das Denken) Verschiedenes apprehendieren will. Die Vorstellung ist durch die Darstellungskraft darin genötigt, die Erscheinungen in einer bestimmten zeitlichen Sukzession zu denken – und mit einer unterlegten Substanz im Raume, die gleich bleibt im Vergleich zu dem, was sich verändert. Die gegensätzlichen Bestimmungen eines Sich-Bewegenden sind denknotwendig in eine Zeit-Raum-Relation aufgeschlüsselt, sollte eine Vereinigung gegensätzlicher Bestimmungen dialektisch gelingen. Ein bekanntes Bild dafür ist: Das fahrende Schiff kann als solches nur gegenüber dem dauernden Ufer als fahrend prädiziert werden. Die Vereinigung (des fahrenden Schiffes) geschieht durch das Denken – und ist keine Anschauung (GA II, 3, 114)  Aber nicht nur zwecks Bestimmung einer Bewegung ist die Raumanschauung notwendig. Das Übertragen von Realität (durch Einbildungskraft/Darstellungskraft) ist ebenfalls nur durch Denken möglich. Die Empfindungen könnten nicht auf verschiedene Raumteile übertragen werden, wenn sie nicht durch das Denken an etwas Dauerndem vorgestellt würden. Sie sind ja nicht zu jeder Zeit wirkliche Vorstellungen, „und so bedarf es immer ein zu jeder Zeit möglichen Darstellung, und diese ist auf die Materie zu übertragen, die den Raum erfüllt.“3 Die Materie wird nicht empfunden, sondern gedacht. Sie ist ein Noumenon.

3) Die Beziehung der Zeit auf den Raum ergibt noch weitere Konsequenzen: Durch die produktive Einbildungskraft, wodurch die Empfindung und Wahrnehmung in den inneren Sinn eingebracht werden, geschieht a) eine Vergegenwärtigung einer vollzogenen Vorstellung innerhalb der Dauer des Ichs. Diese Vorstellung ist nicht die Vorstellung vorhergegangener Zeitmomente, sondern Vorstellung von deren Inhalten. Es entsteht die Dauer der Zeit, vorgestellt mittels abgeleiteter Kategorie der Substanz und ihrer Akzidentien. Die Vorstellung anderer Inhalte können aber nicht selbst Bestandteile des inneren Zeitbewusstseins sein. Die Inhalte machen sich bemerkbar

b) durch „Veränderung“ (GA II, 3, 105). Die Zeitform soll nicht bloß eine innere, psychische Assoziation von Veränderung sein oder ein subjektiver Zustandswechsel in der Apprehension, sondern muss denknotwendig durch den Raum weiterbestimmt werden. 4

Diese Denknotwendigkeit ist begründet in einem praktischen Bedürfnis (PRACTISCHE PHILOSOPHIE, GA II, 3, 189). Das wird erkannt in der Analyse des Strebens. Streben ist ein Handeln, das keine Kausalität hat (GA II, 3, 183). Das Streben wird gefühlt. Wir sehen und erkennen nur die Wirkung des Strebens, nicht die Ursache. Der Wille ist letztlich diese Vorstellung jenes Strebens durch die inneren Empfindung. Wir erkennen die Wirkung aus dem Zweck, den wir uns gesetzt haben. „Zweck ist Selbsttätigkeit in Beziehung auf Selbsttätigkeit, wie Ursache auf ihre Wirkung.“ (GA II, 3, 12.13)

Die erkannte Welt besteht nur in Bezug auf jenes Streben, und umgekehrt erfahren wir das Streben erst, weil wir uns notwendig Zwecke setzen. Dadurch wird uns, durch das gehemmte Streben und dem gleichzeitigen Hinausgehen über dieses Geschäft des Erkennens durch den Zweckbegriff die Dimension der Zukunft eröffnet.

4) Der Entwicklungsbegriff oder Evolutionsgedanken – worauf ich ja hier hinaus will – enthält somit eine notwendige Kombination von Raumanschauung und Zeitanschauung – und enthält vorallem eine notwendige bestimmte, ideelle Zwecksetzung,  sonst könnte eine Veränderung und eine Bewegung und eine  Entwicklung mit einem  stillschweigenden Zukunftsbegriff nicht gedacht werden. Die zur verselbstständigten „Evolutionstheorie“ ausgebaute Entwicklung will  projektiv  eine begriffliche Durchdringung („Erklärung“) der Veränderung und Bewegung leisten. Inwieweit diese begriffliche Durchdringung wiederum in seiner Intention und Absicht gerechtfertigt werden kann, kann aber gar nicht aus den anscheinend beobachteten Entwicklungen selbst abgelesen werden, denn – wie die Punkte oben gezeigt haben sollen – zeitliche Erstreckung, Ausdehnung, Veränderung, Bewegung, Zukunft existiert ja nur in der Realisierung des Begriffes und in der Intention einer Absicht. Ein ideelles Denken geht notwendig dem realen Übertragen und dem realen Nachvollzug der Erfahrung voraus. Welches ideelle Denken soll die Grundlage und der Grund der sog. „Evolutionstheorie“ sein? Welche Intention und welcher Zukunftsgedanke verstecken sich dahinter? Ist sie psychologische Verdrängung? Ist sie ein positiver Freiheitsgewinn? 

In der WISSENSCHAFTSLEHRE NOVA METHODO bringt es FICHTE so auf den Punkt: „ Das Ich findet sich nur, weil es sich selbst konstruiert. Es entwirft, vom besonderen Objekt abstrahierend, seinen Zweckbegriff und wendet ihn an auf ein besonderes Objekt, zugleich dieses wie auch sich selbst konkret verwirklichend. Das Denken denkt zugleich seine gesamte Erfahrung und sein Bewußtsein: „mit der Selbst PRODUCTION PRODUCIRT es zugleich seine Erfahrung. Also das INTELLIGIBLE Ich und das EMPIRISCHE der gesammten Erfahrung, oder das A PRIORI nach dem Kantischen Sinn u. das A POSTERIORI sind ganz daßelbe nur angesehen von verschiedenen Seiten.“5 (Wlnm, GA IV, 2, 197)

5) Es ist ja paradox, dass gerade in der Rede von der Zufälligkeit der Entstehung des Weltalls, des Lebens, der Arten, des Menschen, worin anscheinend keine Intention und Absicht erkennbar ist, projektiv eine ideale Zeitreihe und ideale Zwecksetzung mitgedacht werden muss, sonst könnte eine Entwicklung  oder Evolution  oder Entstehung  auf diesen Punkt hin nicht  gedacht werden. Nachträglich wird dann alles  zu einer „Evolution“ an sich uminterpretiert, zu einem „zufälligen“ Prozess.  Wenn z. B. im mikrobiologischen Bereich von Mutationen in den Gen-Codierungen die Rede ist, so muss eine Substanz postuliert werden, die sich verändert, aber auch dauernd ist. Der Zweck des Überleben-Wollens und die verschiedenen Anpassungsleistungen verlangen projektiv eine Zukunftsvorstellung, sonst könnte Selektion und Mutation nicht gedacht werden. 

Weiteres muss aber gefolgert werden, selbst wenn die sog. „Evolutionstheorie“ so etwas wie eine Substanz des Überlebens-Willen zugäbe, durch einen Trieb vielleicht, durch ein vitalistisches Begnadetseins: Kann der Überlebens-Zweck als solcher  Grund genug sein, eine Zielgerichtetheit und Nachhaltigkeit des Lebens, mithin eine Zukunft,  zu begründen? Natürlich nicht, denn warum sollte Überleben besser sein als Sterben?  Nolens volens muss doch ein ideeller Zweck apriorisch angesetzt werden, selbst wenn von einer ziellosen und zufälligen „Evolution“  gesprochen wird und Leben gleich viel bedeutet wie Sterben. 

Würde ich für die Erfassung einer genetischen Mutation oder für die Erfassung der Selektion den Zeit- und Raumbegriff streichen, könnte ich gedanklich keine Erklärung mehr geben, was sich substantiell und akzidentiell  verändert und wohin sich alles verändert. Leben ohne Zweckbegriff und Hemmung und ohne triebhaftes Streben ist nicht denkbar. Ein kybernetischer Kreis selbstregulierender Systeme, das enthebt nicht der begrifflichen Aufgabe und Durchdringung, Selbstregulierung und Zweckgerichtetheit zu denken. Sie ist nur geistig denkbar,  wertintentional und auf Zukunft ausgerichtet. 

Transzendental ist eine  regulative Zwecksetzung in der anorganischen Natur, eine intentionale Zwecksetzung in der organischen Natur, und eine ideelle Zwecksetzung in der denkenden Natur einsichtig und ableitbar – aus der transzendentalen Möglichkeit des Zweckbegriffes.  Die anorganische Stufe bildet die Grundlage für Möglichkeiten von Leben, einzelne Zellen des Lebendigen werden vom höheren Begriffen der Zellverbände überlagert, die Zellverbände wiederum sind zusammengehalten von einer Einheit einer lebendigen Art, diese Art wieder von einem System einer ganzen Gattung, und das ganze System des Lebens von einer universalen Einheit des Kosmos. Evolutionär an sich, quasi systemtheoretisch und kybernetisch an sich, kann diese Kommen und Gehen nicht gedacht werden. Es wird scheinbar gedacht, aber der Denkprozess wird irgendwann willkürlich abgebrochen. 

Generell gesagt: Die Erklärung der Ursachen werden im anorganischen Bereich  durch regulative Zweckideen bestimmt, im organischen Bereich durch notwendige und konstitutive Zweckideen.  Naturwissenschaft wäre ohne diese regulativen und apodiktisch-apriorischen (und im interpersonalen Bereich kategorischen) Begriffe nicht möglich.   Es gäbe keine „Entwicklung“ im anorganischen Bereich, keine Genetik und Mutation auf der mikromolekularen Ebene des Lebens, keine Biologie,  keine Entwicklung in Sprache und Geschichte, würden nicht die apriorischen Anschauungsformen und apriorischen Begriffe und Reflexionsideen diese ideellen Zweckgedanken ermöglichen. 

Ob wir von einer Evolution der anorganischen Materie, oder von einer Evolution des biologischen Lebens, oder von einer kulturellen Evolution ausgehen, immer ist eine höhere Denkmöglichkeit im Spiel, um das System des Weltalls, der Organisation des Lebens und die Ausdrucksfähigkeit des Menschen,  zu erklären und verständlich zu machen. Gegen einen solchen Evolutionsbegriff, der letztlich geistig begründet und gebildet  wird, ist nichts einzuwenden. Nur naturalistisch ist Evolution nicht denkbar. 

19. 12. 2015 © Franz Strasser
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1Giovanni Cogliandro, Die Dynamik der Fünffachheit in der Wissenschaftslehre nova methodo, in: in: Der transzendentalphilosophische Zugang zur Wirklichkeit. Beitrage aus der aktuellen Fichte-Forschung. (Hrsg von E. Fuchs, M. Ivaldo, G. Moretto). Frommann-Holzboog 2001, pp. 167-198. Dankenswerterweise auch ins Internet gestellt – abgerufen am 11. 12. 2015. – siehe pdf-download: https://www.academia.edu/8239773/Die_Dynamik_der_Fünffachheit_in_der_Wissenschaftslehre_nova_methodo

2K. HAMMACHER, Kategorien der Existenz. In: Festschrift f. Wolfgang Janke zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. Klaus Held u. Jochen Hennigfeld, 1993, 87- 106, S 93.

3K. Hammacher, ebd. S 103.

4Ich halte ein Fossil einer versteinerten Schnecke in Händen. Es wird auf die Zeit im Molassemeer vor ca. 40 Mill. Jahren geschätzt. Warum ist diese Zeitschätzung möglich? Weil zusätzlich die räumliche Erstreckung der Versteinerung hinzukommt. Die Vorstellung einer zwar schwer vorstellbaren vergangenen,  aber einmal gegenwärtigen Zeit, wird in Beziehung gesetzt zur Versteinerung und der vorgestellten Erdgeschichte.

5FICHTE grenzt sich in der Einleitung bereits von der einseitigen Sichtweise des Realismus und Idealismus ab [Wlnm, GA IV, 2, 17 – 27] und betont in der „vorläufigen Anmerkung“ [GA IV, 2, 28 – 32] diese Einheit, um im restlichen Teil das hauptsächlichste Ziel zu erreichen: die Ableitung des empirischen Bewusstseins [GA IV, 2, 32 – 266].

Evolutionstheorie – 3. Anfrage; über Kategorien und Verhaltensforschung.

Gemäß transzendentallogischem Erkenntnisanspruch müssen alle Wissensbedingungen der Erfahrung aufgesucht werden. Im Unterschied zu KANT betreffen die gnoseologischen Wissensbedingungen der Erfahrung aber nicht nur die sinnlich äußeren Anschauungsbedingungen, vielmehr bedingen die transzendentalen Begriffe a priori genauso die sittlich-praktischen,  interpersonal-kulturellen, religiösen und geschichtlichen  Anschauungs- und  Verstehensmuster, so FICHTE. 

Die basale Empfindung (bei Fichte Gefühl) (in der sinnlichen Erfahrung, wozu ich auch die interpersonale Aufforderung zähle) und das gehemmte Streben sind der existentielle Sitz der Kategorien und der Anschauungsformen. Selbst das Nicht-Denken eines Verneinten durch Negation, verdankt sich einem eigenen Setzungsakt und einer gedachten seienden Nicht-Realität.(Siehe schon „Sophistes“ bei PLATON) „Wir stehen unter dem Gesetz der Existenz, wenn wir irgend etwas unterscheidend auffassen.“ 1

Das Beziehen wie das Unterscheiden nehmen ihre elementare Kraft vom Schweben der Einbildungskraft, das als primäre Erkenntniskraft durch Unterscheiden und Beziehen  eine Hemmung/eine Aufforderung als ein Gefühl/eine Empfindung näher bestimmt. Nur innerhalb des Ichs (der Ichheit) wird unterschieden und bezogen. Selbst das Nicht-Ich, das ich vom Ich unterscheide, ist nur in diesem Gegensatz über ein Ich (oder im Vergleich mit dem Ich) mit dem Ich vereinbar zu denken.

Im Unterschied zu KANT werden bei FICHTE die Kategorien nicht in ihrer Realisierung in der Anschauung stehen gelassen oder bloß faktisch aufgenommen, sondern ebenfalls aus dem Denken abgeleitet. Evolution dem Begriffe nach zu denken, ohne metaphysischen Beigeschmack eine „Evolution“ an sich, Evolution als eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklungslinie, als eine Linie von identischen und differenten Elementen (in der sinnlichen Natur oder in der menschlichen Geschichte), verlangt deshalb a) eine Ableitung und Begründung aus dem Denken überhaupt und b) in concreto bereits die reflexiven Bestimmungen der Kategorie der Substantialität, der Kategorie des geistiges Kausieren in einer zeitlicher Apposition, und die vereinte Wechselwirkung in einer Synthesis der distributiv verbundenen Zwecke. 

Angenommen jetzt für den biologischen Bereich: Eine lebendige  Substanz ändert sich im Laufe der Geschichte dahingehend, dass z. B. eine Tierart jetzt so aussieht im Vergleich zu ihrer Vorgängersubstanz vor Tausenden von Jahren. Woher haben wir kategorial den Begriff der Substanz, und den Begriff der Dauer, und der Veränderung? Die basalen Ursprünge der Kategorien liegen im Unterscheidungs- und Beziehungsgrund des Ichs, im existentiellen Schweben der Einbildungskraft und ihrem implikativen und appositionellen Kausieren. Die biologische Welt  wird aufgebaut durch Übertragung, Entäußerung und Entfremdung – und so wird sie zu einer objektiven Anschauung des zeitlichen Werdens, oder anders ausgedrückt, zu einer evolutiven Anschauung des Lebens. Die zeitliche Entwicklung des Lebens ist aber zuerst im Werden des Ichs (der Ichheit, der Denkbarkeit und Bestimmbarkeit) angesiedelt. Nur im übertragenen Sinn spreche ich von einer evolutiven Entwicklung auf der Objektseite des Lebens (bzw. des ganzen objektiven Seins.) Die sogenannte „Evolutionstheorie“ reflektiert nicht mehr diese mehrfachen Übertragungen auf das Nicht-Ich und nimmt sie objektivistisch-evolutionär an,  als Prozess an sich.

Aber Entwicklungen, organisch oder anorganisch, kulturell oder geistig genommen, sind doch unleugbar?! Wie kommt es zu diesen Übertragungen und Entäußerungen und Entfremdungen einer zeitlichen Linie und räumlichen Ausdehnung  – hin zur Vorstellung einer „evolutionären“ Entwicklung?

Man unterscheidet in sich die verschiedenen Gefühle/Empfindungen, die man hat, und unterscheidet sie letztlich an dem Vergleich seines Ichs, dessen man sich jetzt bewusst ist, mit dem Ich, das etwa vor zwei Stunden bestimmte Vorstellungen hatte und das somit als das gleiche Ich gedacht wird, indem es einen Zeitpunkt früher gedacht wird – und in reproduzierender Einbildungskraft erinnert man sich an das frühere Ich und vergleicht damit die Gefühle/Empfindungen des gegenwärtigen Ichs. Das Ich ist sich gleich geblieben, obwohl es früher andere Vorstellungen hatte, also muss es durch die Zeit hindurch so geworden sein, wie es jetzt ist – durch die gleichbleibende  Dauer des Ichs.   

Wie finden z. B. ein Fossil eines versteinerten Fisches. Durch Entäußerung, Übertragung und Entfremdung vom Ich auf das Nicht-Ich sehen wir in diesem Fossil eine Jahrmillionen Jahre alte Spezies, die als Vorgängerspezies eines heutigen Fisches gedeutet werden kann. Es wird eine Beziehung hergestellt zwischen dem Fossil und dem lebenden Tier heute. Beziehen ist ein Akt des Ichs, ein Denkakt, der auf der subjektiven Ebene der ichlich-sinnlichen Natur mit der sinnlichen Rezeptivität des Ichs beginnt, genötigt durch eine Hemmung, und durch Anschauungsformen, Verstand, Reflexionsideen, Vernunft,  wird zugleich auf die objektiven Ebene der sinnlichen Natur (des Nicht-Ichs) die Vorstellung übertragen, bis der Vorstellungstrieb zur Befriedigung der hinreichenden Bestimmung des Objektes gelangt ist. Der Vorstellungstrieb wird eigentlich immer erfüllt. Eine theoretische Vorstellung ist mit der Erklärung der heutigen Spezies eines Fisches zufrieden, wenn sie dessen Vorgängerversion als versteinertes Fossil gefunden hat.

Woher aber das Interesse an diesem paläontologischen Eros? Woher der Glaube an dieses evolutionäre Gewordensein? Das über die Vorstellung hinausgehende Streben und Wollen baut  eine zeitliche Reihe und räumliche Kette möglicher Erfüllung auf, eine verobjektivierte Welt und supponierte Personenwelt, damit eine freie Selbstbestimmung möglich werde stets möglich bleibe.  Es liegt ein praktisches Interesse dahinter, durch Übertragung, Entäußerung und Entfremdung zu einer evolutiven Weltsicht und evolutiven Selbstanschauung überzugehen.

Woher kommt z. B.  das Interesse,  eine gegenwärtige Tier-Spezies durch eine  alte,  frühere Spezies zu erklären? Wenn ich eine ausgestorbene Tierspezies in einem evolutiven Prozess zu einer verwandten, gegenwärtigen Tierspezies in Beziehung setzen kann, dass die spätere Tierart einerseits in der früheren implizit als möglich angelegt war – eine Homologie“ also zu finden sei 2  – ein Vergleich, so befriedigt dies den Vorstellungstrieb dahingehend, dass dem Postulat nach das Spätere so eingetreten ist, wie es im Vorgängertypus schon grundgelegt war. Aber kann tatsächlich, notwendig, aus der zeitlich früheren Spezies die spätere Spezies erklärt werden? Die Dunkelheit des zeitlichen Nacheinanders wird durch Mutation und Selektion aufgefüllt und in eine „evolutionäre“ Entwicklungslinie umgedeutet, weil dahinter eine, dem Naturforscher vielleicht selbst nicht ganz klare und bewusste,  praktische Intention steckt: Aus dem post hoc eines zeitlichen Nebeneinanders soll das propter hoc eines zeitlichen Aufeinanders werden, weil, ja warum?, das praktische Sinnbedürfnis über das theoretische hinaus befriedigt werden will: Die Bestimmung einer gegenwärtigen Tierspezies ist „evolutionär“  „besser“ erkannt und weiterbestimmt (neben sonstigen klassenspezifischen  Kriterien) –  als in früheren Erkenntnisweisen, in denen z. B. die Vielfalt und Schönheit der Arten auf die Schöpfung aller Arten von allem Anfang an durch Gott zurückgeführt wurde.

Wie sind aber „Homologien“ (=Ähnlichkeiten) denkbar? Sie sind a) nur in einer grundsätzlichen Beziehung des Denkens zum Objekt feststellbar und ableitbar, und ferner b) müssen die Anschauungsformen und Denkformen auf die Objekte in plurali und untereinander übertragen werden. Es bleibt dabei notwendig ein Rückbezug auf das zeitliche Werden und Beziehen im Ich erhalten, sonst könnten sie als solche nicht bezogen und unterschieden werden. Es sind Übertragungen ichlicher Momente, aber es ändert sich nicht in der sinnlichen Natur selbst etwas, an sich, als sei die sinnliche Natur oder das organische Leben (die Materie, die Gene) vitalistisch begnadet, dass sie von selbst zu einer neuen geologischen Formation oder einer neuen Tier- oder Pflanzenspezies übergehen könnten. 

Dazu eine Stelle aus der SITTENLEHRE Fichtes von 1798, worin es um die diskursiv-begriffliche Bestimmtheit der anschauungsmäßig gegebenen, sinnlichen Natur geht:

Der Natur überhaupt, als solcher, ist eine Kraft der Trägheit (vis inertiae) zuzuschreiben. Es geht dies aus dem Begriffe der Wirksamkeit eines freien Wesens hervor, die nothwendig in die Zeit fallen muss, wenn sie wahrnehmbar seyn soll; und dies nicht könnte, wenn sie nicht gesetzt würde, als durch die Objecte aufgehalten. Zwar scheint der Begriff einer Kraft der Trägheit widersprechend, aber er ist nichtsdestoweniger reell; es kommt nur darauf an, dass wir ihn richtig fassen. — Die Natur als solche, als Nicht-Ich und Object überhaupt, hat nur Ruhe, nur Seyn: sie ist, was sie ist, und insofern ist ihr gar keine thätige Kraft zuzuschreiben.“ (SW IV, 199, Hervorhebung von mir)

Die Ähnlichkeiten und Anpassungen z. B. einer Tierart, sind nicht in aus ihrem Phänotyp (und evtl. ihrem Genotyp) ablesbar, sondern sind gedachte Ähnlichkeiten, gedachte Abhängigkeiten und Kausalitäten, um die Unterscheidung zu erklären und zu rechtfertigen – solange, bis ein annähernd vollständiger Begriff der Sache gewonnen ist. Es sind evolutionistische Hypothesen  einer natur-kausalen Erklärung, aber nur Hypothesen. Nie erklärt sich die Natur  evolutionär sich selbst seinen Vorgang. Wir als Vernunftwesen beziehen im Schweben der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft, in Anschauungsformen, Kategorien, Denkakten – existentiell geboren aus einem gehemmten Streben – ein Werden auf das formal unableitbare Nicht-Ich und im Rückbezug auf unsere Selbsterklärung übertragen wir die Vorstellung auf das Nicht-Ich.  

Wie kommt es dann trotzdem zu den so scheinbar untrüglichen Vorstellungen der Bewegungen der Dinge und zu einem objektiv vorgestellten, „evolutionären“ Bewegungs- und Lebenszusammenhang der anorganischen oder organischen Wirklichkeit ? Woher kommen die Gebirge, die Fossilien, die Relikte menschlicher Kultur? 

Ich möchte dazu verweisen z. B. auf R. LAUTH, Naturlehre, 1984, nach Prinzipien der fichteschen WL. Siehe  dort z. B.  zur räumlichen Verbreiterung und der Deklinationsmöglichkeiten als „Formen der Empfindungen“ (ebd. S 60ff), oder siehe dort zu den Kräften im objektiven Raum und die Substanzen in plurali (ebd. S 64ff) Von den ersten Relations- und Modalitätsbestimmungen im Aufbau einer anorganischen Außenwelt bis zum Wechsel von idealer und realer Tätigkeit des Anschauens und Denkens. Erst durch Übertragung, Entäußerung, Entfremdung kommt es zu den speziellen Relations- und Modalitätsbestimmungen im Nicht-Ich selbst.  (Siehe dazu R. LAUTH, Naturlehre, ebd. S 68-74.)
Kleine polemische Nebenbemerkung: In Österreich erfreut sich seit den Tagen von KONRAD LORENZ die Verhaltensforschung großer Beliebtheit. Ich schrieb kürzlich einmal einen Leserbrief zu drei Artikel in der Furche: Worum es genau ging, siehe dort Furche Nr. 44. v. 29. 10. 2015, Menschen denken, Tiere auch“, zu „Rabenpolitik und Wolfsgeschichten“ und zu dem intelligenten Papagei.
Es liegt in solchen Geschichten schlicht und einfach ein Kategorienfehler. Wir als Vernunftwesen übertragen unsere geistigen Fähigkeiten als evolutionäre Erklärungsschritte auf die Tiere – und natürlich müssen wir dann Homologien (Ähnlichkeiten) des Verhaltens auf verschiedenen Ebenen finden. 

Selbst bei sinnlichen Erscheinungformen sind die evolutionären Erklärungen nicht feststellbar (siehe oben 1. Anfrage zum mexikanischen Kärpfling), a fortiori sind  bei Verhaltensähnlichkeiten noch weniger die Homologien erkennbar.
Erstens werden den Verhaltensäußerungen notwendige Akzidentien einer unterstellten, bio-physischen Kraftäußerung unterstellt – sonst könnten ja rein biophysisch Mensch und Tier gar nicht verglichen werden – und zweitens, sollten dann Tier und Mensch durch diese determinierte  bio-physische Einheit auch ähnlich sich verhalten. 
Aber unterstelle ich der Wahrnehmung eines Selbstbewusstseins nicht doch eine ganz andere intentionale Absicht als einem Tier? Wie kann ich rücksichtslos und unbedacht eine Abstraktion der spezifischen Wahrnehmung Mensch und der spezifischen Wahrnehmung Tier vornehmen – und beiderlei Wahrnehmung zu einer bio-physischen Einheit zusammenfassen, um sie späterhin vergleichen zu können?  Ich abstrahiere ein Verhalten – und supponiere es als gleiches Verhalten bei Mensch und beim Tier.  Das ist ein klassischer Zirkelschluss. 

In diesen drei Artikeln der Furche ging  es explizit um (abstrakte) Konstruktionen von  Ähnlichkeiten: Sogar im Denken, im Fühlen (nicht stark ausgeführt), im Überlegen, und sogar auf sprachlicher Ebene entdecken wir Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier?
Analog hat z. B. der Hund gegenüber dem Wolf das Rudelverhalten evolutionär verlernt, deshalb kann er dieses oder jenes nicht mehr, aber er hat andere Fähigkeiten dazugelernt? Und was bedeutet das? Dass wir Menschen auch etwas dazulernen können in unserem Verhalten? Der Papagei hat ein von anderen Sprachzentren der Tiere unterschiedenes Merkmal, deshalb kann er ansatzweise „sprechen“. Er hat sich entwickelt im Hinblick auf mögliche Sprachfähigkeit –  was man eigentlich nur den Menschen zubilligt – aber immerhin, evolutive Entstehungsmuster von Sprache sind erkennbar.  Der biologische Organismus, das Verhalten des Tieres, das Verhalten des  Menschen, alles kann im Schema der Evolution zu Homologien und Ähnlichkeiten umgedeutet werden.  
Erklären ist  nichts anderes als Bestimmen, Denken, solange, bis die Vernunft mit ihrer Bestimmung zufrieden ist. Bestimmung ist aber aus unserer Selbstbezüglichkeit abgeleitet. Wir übertragen diese oder jene Ähnlichkeit z. B.  auf eine Amöbe oder auf eine Taufliege oder auf den Wolf, den Papagei – und „fühlen“ uns da und dort mit diesen Tieren verwandt, weil wir selber uns leiblich und organisch und vom Verhalten her so verstehen wollen. Wir setzen dazu (implizit) a) ein Ganzes der Natur voraus und b) erklären uns als Teil derselben – und c) je nach weiteren Erklärungsgründen gestehen wir dem Wolf, dem Hund, dem Papagei „ähnliche“ Verhaltensweisen zu – und umgekehrt, gestehen wir uns ähnliche Verhaltensmuster zu wie dem Wolf, dem Hund, dem Papagei. Welch großartige evolutionäre Verwandtschaft, mindestens im Verhalten! 

Ist es nicht eigentlich seltsam und wunderbar, dass es eine Wechselwirkung des Lebendigen im Ganzen der Natur gibt – und seltsam, dass es eine jeweils so spezifische Wechselwirksamkeit gibt, wonach wir ähnlich handeln wie manche Tiere, und die Tiere ähnlich wie die Menschen!? Der Grund dieses ernsthaften Staunens und Verwunderns, liegt der in der evolutionären, unvorstellbar langen Zeitreihe?   

Das Pantoffeltierchen weiß eigentlich nicht, warum es einem Hindernis ausweicht, noch weiß der Wolf oder der Papagei, warum er so jagt oder warum die geduldige Lehrerin ihm das beibringen will, aber in diesen besagten Fällen eines evolutionistischen Denkens gestehen wir ihnen diese Art und Weise einer Art   „Selbstbezüglichkeit“ zu. Natürlich bei den Tieren geschieht das spontan, instinkthaft, sagen wir, aber warum begaben wir die Tiere mit diesen staunenswerten Fähigkeiten?  Die Ursache des Ausweichens, Jagens, „Nachsagens“ ist nicht durch Freiheit bedingt, dann wäre das vielleicht noch leichter zu verstehen, sondern der ganze  Mechanismus und Organismus „funktioniert“ staunenswert von selbst? Woher diese Steuerung und Zweckgerichtetheit? Warum definieren wir die Tiere in ihrem Verhalten als rudimentäre Formen unseres menschlichen Verhaltens, oder besser formuliert, warum definieren wir uns aus dem Verhalten der Tiere?  Ist es nicht umgekehrt leichter zu verstehen: Aus der distributiven Zweckhaftigkeit unseres eigenen Lebens und des eigenen Leibes übertragen wir analoge Formen auf die Tiere. Sie wollen in ähnlicher Weise leben, sich verständigen, jagen  – und deshalb diese staunenswerte Ähnlichkeit und Verwandtschaft im Verhalten. Diese Übertragung ist berechtigt, befriedigt unseren Vorstellungstrieb, erklärt uns vieles – und man erschrickt oft, wie abnormal der Mensch sich noch entwickeln konnte, denken wir an dieses Wort: „Er nennt’s Vernunft und gebraucht’s allein…..“    3

Woher das Funktionieren? Gerade weil wir als Vernunftwesen den Zweckbegriff haben, übertragen wir, mehr noch, unterscheiden wir uns von den „Denkleistungen“ der Wölfe, der Papageien und sämtlicher Reiz-Reaktionsschemata in der Tierwelt (oder Pflanzenwelt) – und beschreiben ihr Tun und Lassen als funktionsfähig, angepasst, ja, oft viel besser angepasst als das Tun des Menschen. Soweit wir uns als Naturwesen begreifen (ebenfalls dank der Vernunft), schreiben wir unserem Leib notwendig eine der Natur angepasste Konstitution zu, d. h. in dem Sinne, dass der Leib sich an die Vorgaben der Natur anpassen wird müssen, sonst könnte er nicht existieren. Der höchste Begriff der an die sinnliche Natur angepasste Vernunft ist dabei der Trieb. Im und durch den Trieb (des Willens ohne Kausalität)  erfährt der Mensch sich gebunden an die sinnliche Natur, umgekehrt ist er die Vorstufe der zu realisierenden Freiheit.
Unser Leib, unser Nervensystem etc., sie sind eingebunden in einen regulativen,  anorganischen und konstitutiv, organischen Zweckzusammenhang, den wir nicht beliebig verändern können, weil wir (auch) triebhafte Wesen sind. Aber die Erkenntnis dieser Triebhaftigkeit liegt nicht wieder in der sinnlichen Natur oder im ähnlichen Verhalten mit den Tieren, sondern liegt in einem höheren Erkenntniszusammenhangs der Zweckhaftigkeit und Zweckgerichtetheit, die wir gerade nicht in der sinnlichen Natur finden. 

In der Verhaltensforschung, so scheint mir, geschehen permanent Kategorienfehler: Welche begriffliche Möglichkeit (Zweckhaftigkeit) sollte aus einem experimentellen Postulat entspringen, wenn gesagt wird,  dass Papageien eine Vorform der Sprache haben, oder dass die Hunde dieses und jenes Verhalten der Wölfe verlernt, dafür aber Dressuren der Menschen übernommen haben? Dass also alles irgendwie anerzogen und angelernt und nachgeahmt ist? Wenn ich eine realistische Projektion der Sprache in den Papagei hineinlege, erkenne ich die Analogien. Aber ist nicht die Ausgangsbasis und Definition des Postulates schon verkehrt? Was soll aus den Analogien abgeleitet werden? Dass alles in langen Zeiträumen biologisch und ethologisch erklärbar ist,  dass Sprache und Verhalten konditionierte Dinge sind, Tier und Mensch sich in  vielen Dingen ähnlich verhalten?  Dass die Grußformen des Menschen eine erste Stufe der Domestizierung sind usw?
Es sind für mich von vornherein falsche Sinnbestimmungen von Sprache, von Verhalten, von Grußformen…….  Wenn ich den Sinn von vornherein so bestimme, werde ich ihn andersherum im Verhalten der Tiere ablesen können.
 Es wird herausgelesen, was vorher an (intellektuellen) Verstandesmustern  in das ganze Interpretament der „natürlichen Zusammenhänge“ und des „natürlichen Verhaltens“  hineingelegt wurde. 

© Franz Strasser, 16. 12. 2015

1KLAUS HAMMACHER, Kategorien der Existenz in Fichtes Eigne Meditationen über Elementarphilosophie. In: Kategorien der Existenz. Festschrift für W. Janke, hrsg. v. Klaus Held, u. Jochen Hennigfeld, Würzburg 1993, S 96.

2Siehe dazu: Adalbert Mayer, Ähnlichkeit als Prinzip der Biologie und des Bewusstseins, in: Philosophie als Denkwerkzeug, Würzburg 1998

3Warum Konvergenzen so auffallend sind – siehe download.23.10.13  Molekulare Konvergenzen in unerwartetem Ausmaß

Evolutionstheorie 2. Anfrage. Der Bestimmungsakt und die Anschauungsformen Zeit und Raum

Barnett Newman, Stockholm

1) Gemäß dem höchsten Standpunkt der Transzendentalphilosophie kann nur von der Position der Einheit des Wissens ausgegangen werden. Diese Einheit ist „Mutter aller Differenz“, Einheit im Wechsel, „Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich, und unendlich zugleich sezt“ (FICHTE, GRUNDLAGE, GA I, 2, 359). Es ist ein Schweben der Einbildungskraft zwischen Unvereinbaren (ebd., S 360) Die Einbildungskraft ist das Vermögen des Vereinens und Unterscheidens – und eigentlich sind die unvereinbaren Gegensätze vor dem Einsatz der Einbildungskraft nicht einmal als unvereinbare denkbar, denn Denken richtet sich bereits auf Vorgestelltes. Vorstellen und Vorgestelltes, Wollen und Gewolltes, Bild und Sein, Erscheinung und Absolutes, sind vor diesem Schweben nicht vorauszusetzen. „So wie sie durch das Denkvermögen vereinigt werden sollen, und nicht können, bekommen sie (erst) durch das Schweben des Gemüths, welches in dieser Funktion Einbildungskraft genennt wird, Realität (d. h. Geltung), weil sie dadurch anschaubar werden.“ (Ebd. S 368)

Genau das, was die Einbildungskraft denkend nicht vereinigen kann, wird als Anschauung exponiert. Die geltende, zutreffende Einbildungskraft erscheint als eine gegebene Einbildungskraft, und gerade diese ist anschaubar. „Anschauung ist also nichts anderes als eine unleugbar waltende, eine zutreffende Leistung der Einbildungskraft. Zutreffendes begegnet als „so ist es“, begegnet in der Gestalt des Gefundenen, ist gefunden.“ 1

Die Einheit des Wissens ist begründet und gerechtfertigt in der intelligierten Einheit des Ichs, des Lichts, der Evidenz – und kein Subjekt- oder Objektzuschreibung darf hier geschehen, woraus eine metaphysizierende Subjekt-Objektphilosophie entstünde. Die Vorstellung wäre ohne intelligierende Einsicht nicht mehr ableitbar, sondern perpetuiere sich in einen unendlichen Regress eines immer wieder erneut vorstellenden Vorstellens.

In und aus der absoluten Einheit des Wissens ist der Wechsel einer späteren Wechselbeziehung auf der sinnlichen und sittlichen Ebene des empirischen Ichs gesetzt, der Wechsel, wie FICHTE in der Wlnm von 1796/97 ausführen wird, zwischen einer idealen und einer realen Reihe des Bestimmens. Die Wechselbeziehung (Beziehung und Unterscheidung) ist für sich nicht absolut, wiewohl sie die höchste Kategorie des Verstandes ist.

Dies würde für sich natürlich jetzt genauere Ableitungen verlangen, aber darauf möchte ich nur verweisen bei R. LAUTH, Naturlehre, 1984, S 31 ff. Das Produkt der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft wird durch reine Anschauungsformen (Vorformen der späteren Zeit- und Raumanschauungen) in die  Anschauung (ebd. S 31- 33), ferner ins Denken durch die Verstandesformen von Qualität, Quantität, Relation und Modalität (ebd. S 34 – 47) aufgenommen, und schließlich nochmals durch Schematisierung praktisch bestimmt (ebd. S 47- 56).  

Speziell für den Bereich der  Vorstellung einer objektiven Außenwelt kommt es zur appositionellen Reihe der Zeitanschauung, (ebd. S 57 – 58) und der Verbreitung der Empfindung zu einer flächigen Anschauung mittels reflektierende Einbildungskraft (ebd. S 58 – 61) und schließlicher Raumanschauung (ebd. S 61 – 64).

Ist es einer sogenannten „Evolutionstheorie“ bewusst, sei es für den anorganischen Bereich oder sei es für den organischen und gesellschaftlichen Bereich, welche Denkleistungen in den selbstverständlichen Vorstellungen von Entwicklungen stecken, damit ein Bewusstsein überhaupt theoretisch und praktisch möglich sein kann?  Welche „Darstellungskraft“ des Bewusstseins! (Siehe z. B. bei FICHTE, EIGNEN MEDITATIONEN. )2

Wenn im kleinsten Bereich des Mikrokosmus die Position eines Elektrons weder rational noch real angegeben werden kann, weil es durch den Akt des Bestimmens erst bestimmt wird, wie könnte die Zeit und der Raum ohne Reflexion auf den Akt des Bestimmens objektivistisch vorausgesetzt werden als gäbe es ein Werden und eine Evolution an sich?  Eine Evolution  der anorganischen oder der organischen Welt des Lebens, der gesellschaftlichen Wirklichkeit,  sie müsste streng begrifflich unter Anführungszeichen stehen, denn sie erscheint nur so! Ich verweise hier auf zwei Aufsätze von A. MUES.3

Zeit und Raum sind hochkomplexe Gebilde der Einbildungskraft und des Denkens, sodass sie weder idealistisch an sich, oder realistisch an sich an Materie gebunden, einfachhin abgelesen werden könnten. Ein DEMOKRIT und LEUKIPP gingen von fixen Elementar- und Materieteilchen der Natur aus. Die Reduktion auf materialistische Verhältnisse oder materielle Disponibilitäten in der Natur sind in einem transzendentalphilosophischen Erklärungsmodell aber ausgeschlossen, wie das Young 2-Spalt-Experiment zeigt. Es geht  um die Unmessbarkeit der Lozierung von Elektronen. Erst im Akt des Bestimmens (im Schweben der Einbildungskraft) werden sie festgelegt – und folgedessen kann erst von einer Messbarkeit ausgegangen werden. KANT hat diese Antinomien schon benannt – und auf seine Weise (halbherzig) gelöst. Es gibt nur Einfaches, es gibt nur Teilbares.4

Wenn, gemäß dem Artikel von A. MUES nur in einer transzendentalphilosophischen Besinnung auf den Akt des Bestimmens quantenphysikalische Rätsel sich lösen lassen, bräuchte es keine weltanschaulichen Grabenkämpfe zwischen Materialismus und einer wie immer gearteten idealistisch-rationalistischen Form des Naturverständnisses – und viel Ideologie könnte aus der sogenannten, paradigmatisch den Ton angebenden  „Evolutionstheorie“ herausgenommen werden. Dass a) das Elementarteilchen wechselwirkend bestimmt ist und einen Raum real ausfüllend gedacht wird, oder dass es b) quantitativ nicht bestimmbar ist, nicht räumlich und nicht begrenzt, überall und nirgends ist. Diese Antinomie kann nur transzendental, d. h. im Rückgang auf die Bedingungen der Wissbarkeit gelöst werden.

Der antinomisch erscheinende Charakter der Materie, wobei Raum und Zeit einmal objektivistisch vorausgesetzt, dann wieder total relativistisch angesetzt werden, liegt nicht an den Elementarteilchen selbst, sondern ist als solcher transzendental abgeleitet: Er ist Folge der Kategorie der Wechselwirkung. Die Wechselwirkung wird notwendig im Akt des Bestimmens durch das Schweben der Einbildungskraft begrifflich gesetzt. Die Einbildungskraft überträgt notwendig auf  den Stoff, die sinnlich empfundene Materie, auf ein objektives Sein  – und dies impliziert in weiterer Folge die zeitliche und räumliche Anschauungsformen des Stoffes/der Empfindung/der Materie, und, wenn man so will, die bedingte Vorstellungsweise (Erscheinungsweise) einer evolutiven Weiterentwicklung und Wechselwirkung.

Die Wirkungsweise eines Elementarteilchens ist durch die geistige Entscheidung, wie ich es wechselwirkend setze, realistisch oder idealistischrational vorbestimmt. Wenn ich die Modalität meines existentiellen Erkennens dahin bestimme, dass ich mittels (aposteriorischer) Erfahrung Auskünfte erhalten will, so erhalte ich eine realistische Auskunft; wenn ich mich im Akt des Bestimmens dahingehend bestimme, die apriorische Denkmöglichkeit jetzt zu fassen, ohne elementare Anschauungsbasis, so erhalte ich eine rationalistische Antwort. Wenn es aber keine objektiv feststellbare Position eines Elementarteilchens gibt, wie kann ich dann von einer realistisch vorgestellten Zeit- und Raumanschauung der Materie sprechen oder umgekehrt: von einer  idealistische gedachten „Materie“  mittels  Anschauungsformen und Kategorien? Wie könnte der Urknall in einer Zeit gesetzt sein, wenn mangels Materie (die ja vor dem Urknall noch nicht gewesen sein soll?) Zeit und Raum nicht existiert haben, oder umgekehrt, wie könnte „Materie“ bloß aus gedachter Zeit und gedachtem Raum bestehen? 

2) Der transzendentalphilosophische Akt des Bestimmens kann nicht selbst zeitlich oder räumlich sein, weil die Vorstellungen des Denkens die Anschauungsformen (Empfindungsformen) in gleichzeitiger Weise mit den Objekten des Denkens (hier der Elementarteilchen) schon voraussetzen. Wäre der Akt selbst zeitlich und räumlich, per impossibile dictum, könnte das Denken selber nichts begrifflich und verständlich erfassen, weil der jeweilige Akt des Bestimmens im nächsten Augenblick selber zeitlich überholt und räumlich gefasst werden müsste. Zeit und Raum können nicht als Behälter vor der Materie existieren,  müssen von ihr  unterschieden, können aber auch nicht getrennt von ihr gedacht werden, sollte es zu einem finalen Akt des Bestimmens und zu empirischen Empfindungen und Begriffen kommen.

Eine Evolution von Materie und Weltall im Sinne eines zeitlichen objektivierten und räumlich objektivierten Ausdehnens vergisst die transzendentalen Wissensbedingungen und den hochkomplexen Aufbau des Zusammenspiels von Zeit/Raumanschauung  und Materie, wie es allein das Bewusstsein zu bilden vermag. Es wird entweder eine zeitliche und räumliche  Materie realistisch voraus-gedacht, so, als wüsste man im vorhinein, was ist die Substanz, was sind die wechselnden Akzidenzien in diesem Raum-Zeit-Geschehen von Weltall und Kosmos, oder es wird Zeit und Raum idealistisch von der Materie abgehoben und letztere bloß rational gedacht, als sei mit dem „Urknall“ des absoluten Anfangs  die Materie selbst ins Leben getreten. Der „Urknall“ von Zeit und Raum schafft noch keine Materie und umgekehrt, dem „Ur“ muss ein zeitliches und räumliches Vorher einer Materie vorausgegangen sein,  damit dieser Ur-Anfang vorgestellt werden könnte. M. a. W., es muss vorausgehend schon materiell „geknallt“ haben und etwas da gewesen sein, damit der „Urknall“ in der Zeit und im Raum gehört und angeschaut werden konnte.  

Das durch den Verstand und das Denken schlussendlich abgeschlossene Erfassen von Zeit und Raum – und damit denknotwendig verbunden die Materie (als „Noumen“; EIGNE MEDITATIONEN)-,  führt uns immer wieder zurück auf den Akt des Bestimmens selbst, der weder realistisch noch idealistisch vorgegeben ist, sondern den Gebrauch einer Regel darstellt, wie das Schweben der Einbildungskraft aus höheren Gründen der Selbstbestimmung ursprünglich (durch Anschauung und Denkbestimmungen) die Hemmung frei weiterbestimmt. 

Es ist von vornherein realistischer Dogmatismus, von einer an sich seienden, nachhaltigen „Evolution“, sei es im Bereich der anorganischen oder der organischen oder der kulturellen Welt zu sprechen, als entstünden Zeit und Raum und Bewegung durch die Materie, oder umgekehrt ist es idealistische Schwärmerei, Materie und Kraftvorstellung durch das bloße Denken von Zeit und Raum entstehen zu lassen, ohne sich dieser Vorstellungsweise in und durch die Einbildungskraft bewusst zu sein. 

Wie Zeit und Raum mit dem Übergang zur Materie wirklich abgeleitet werden können – dazu verweise ich wieder im Detail auf R. LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1984, S 57ff.

© Franz Strasser, 18.12. 2015

1A. MUES, Die Position der Anschauung im Wissen oder die Position der Anschauung in der Welt. Der Unsinn der Subjektphilosophie. In: Fichte-Studien, Bd. 31, 2007, S 32.

2„Discursiv- Was ist denn eigentlich, die reine Einbildungskraft? Das Subjekt bestimmt sein eignes Seyn in einem Accidens seiner selbst. Nur ist die Frage was heißt bestimmen? – Das Subjekt ist thätig; es ist selbstständig: es hat also Kraft. – Das Subjekt ist (für sich) vermöge seines Seyns: es ist sich selbst Ursache, u. Wirkung seines Seyns: – Dies geschieht durch ein Thätig seyn, dieses Thätig seyn ist Ursache des Seyns, von welchen es doch auch Wirkung ist; dieses Handlung heißt (Darstellen) sich selbst als selbst im Daseyn setzen; u. Die Kraft: Darstellungskraft.“ (EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 89).

3A. MUES, Der Grund der Dualität der Materie und des Indeterminismus in der physikalischen Natur. Die Lösung des quantenphysikalischen Rätsels. In: Fichte-Studien, Bd. 6, S 277 – 302, 1994. A. MUES, der Grund der Dualität der Materie. 2. Teil. Der Wellencharakter. In: Fichte-Studien Bd. 22, 107 – 120, 2003.

4a) Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache, oder das, was aus diesem zusammengesetzt ist.

b) Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben.