Die Frage nach der Priesterweihe der Frauen – Methoden der Textanalyse

Die Frage nach der Priesterweihe der Frauen – und die vielen Methoden der Interpretation antiker Texte. Vorwort.

Bekanntlich rechtfertigt das 2. Vatikanische Konzil die männliche Hierarchie und die drei kirchlichen Ämter „Bischof“, „Priester“, „Diakon“ mit dem Verweis auf die Hl. Schrift und auf apostolische Väter und weitere Traditionen. Siehe z. B. Lumen Gentium 20, 2. Dort wird z. B. der Hl. Ignatius zitiert (mit entsprechenden Fußnoten).

So wird nach dem Zeugnis des heiligen Irenäus durch die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe und deren Nachfolger bis zu uns hin die apostolische Überlieferung in der ganzen Welt kundgemacht (45) und bewahrt (46)“ – Link

Ich las daraufhin diese Briefe in der Hoffnung, dort klare Begründung zu finden, doch sehe ich mich jetzt angesichts dieser Texte großen Verständnisschwierigkeiten gegenüber. Sie können wohl nicht unmittelbar wörtlich gelesen werden!? Es scheinen mir sämtliche sieben Briefe wie absichtlich verschlüsselt und symbolisch.  Es kommen Phantasien von grausamen Opfern und wilden Tieren vor, vielleicht überhaupt nicht wörtlich zu lesen, sondern verschlüsselte Botschaften an wirklich verfolgte Mitchristen ? Oder ist das  narzistische Selbstbemitleidung? Im Gegensatz zu diesen gewalttätigen Szenen finden sich wieder viele  Aufforderungen zur Liebe, zur Eintracht und zum Frieden. Sind das Folgerungen eines wirklich gütigen Menschen – oder vielleicht auch verdeckte Rede gegenüber dem Staat, um nicht Ärgernis zu erregen, um jemanden zu schützen? Oder sind diese mannigfaltigen Beschreibungen der Liebe nicht versteckt gehaltene weibliche Eigenschaften? Eine feministische Leseart würde wahrscheinlich etwas finden, denn auffallend gegen Null werden die Frauen erwähnt. Zwar liebevoll oft am Schluss der Briefe, doch warum nicht in den Diskussionen?

Was sollte man daraus wieder schließen? War die „katholische“ Kirche (ein Kennzeichen, dass nach J. Hübner damals zum qualitativen Markenzeichen eines universalen Heiles im Gegensatz zu den elitären Kreisen der Gnostiker wurde) schon damals dominant patriarchalisch geprägt, wie es für heutige Zeiten nicht mehr in Frage kommen darf, ergo geben diese Briefe ein schlechtes Zeugnis einer männerdominierten Hierarchie? Aber könnte es nicht umgekehrt gedeutet werden, dass die schmerzlichen Verfolgungsszenen – wie immer das auch gelesen wird – gerade für Frauen und Familien ein indirektes Zeugnis ausstellen? Der dahinterstehende Autor wird mir als reelle Person immer unbekannter, kollektiver, eine theologisch gebildete Erzählfigur innerhalb eines Themas? Er pflegt auch einen eigenartigen Redestil – wobei ich hier nicht viel mitreden kann! – sehr performativ, kurz, intersubjektiv. Deutet das auf vor-sprachliche Formen der Alltagskommunikation hin, was eher wiederum einem weiblichen Milieu zuzuschreiben ist? Einen Redestil wie bei PLATON – den kann ich hier nicht finden. Der  anonyme Autor, wer war er? Warum schreibt er einmal mehr lehrhaft, dann wieder empathisch am Schicksal der Verfolgten interessiert, dann wieder aggressiv und deutlich gegen die Irrlehrer gerichtet? Was verbirgt sich hinter dieser hohen Positionierung eines Bischofs? Soll ich überhaupt einer diskursanalytischen Methode den Vorrang geben, da es oft um den Machtanspruch der christlichen Botschaft gegenüber den Gnostikern, Doketisten und Judaisten geht? Seltsamerweise wird der römische Staat in seinen Beamten und seiner Verfolgungsmaschinerie gar nicht direkt angesprochen? Ist das alles verschlüsselte Rede? Welcher Machtanspruch an religiösem und gesellschaftlichem Wissen soll erhoben werden?  

Ich versuchte mich schlau zu machen bei Kirchenhistorikern der frühen Stunde – und bin teilweise fündig geworden bei J. Hübner. Er datiert diese Briefe um ca. 170/175 n. Chr., von einem anonymen Autor verfasst – und begründet das. Das macht mir historisch schon einiges plausibler. Die Verfasserschaft ist geliehen, was aber den inhaltlichen Wert natürlich nicht mindert. Eine pseudoepigraphische Schrift – wie viele Pastoralbriefen.

Wie sind diese Briefe wirklich zu verstehen? Die Adressierung, die Aufforderungen und Ermahnungen, die Ermutigungen und Danksagungen, die Ortsangaben – und schließlich die theologischen Inhalte? Taugen sie für die Legitimierung eines bloß männlichen Priestertums?
Da beschreibt jemand seine Todessehnsucht, um die wirklich Leidenden zu trösten und zu stärken? 1 Bei Allen Brent liest man, abgesehen von der Frühdatierung um 110 n. Chr., Spekulationen um die Nachahmung heidnischer Versöhnungsrituale, um Praktiken der Zeit der Zweiten Sophistik u. a. m. Diese kulturgeschichtlich orientierter Deutungsversuch, der dann auch die Frühdatierung der Briefe belegen soll, das scheint mir aber weit hergeholt und unbewiesen zu sein. Die häufig vorkommende männliche Hierarchie von Bischof-Priester-Diakon – sollen das symbolische Repräsentationen und Nachahmungen eines dionysischen Kultes der Römerzeit im 2. Jhd. gewesen?

Generell: Eine Textkritik und Literarkritik findet in diesen Briefen eine Menge Arbeit.

Da ich fernab der Bibliotheken oder theologischer Seminare mein Dasein friste, kann ich mich der weiteren historischen Text- und Literarkritik nicht widmen. Ich halte die Argumente von J. Hübner u. T. Lechner, was die Datierung betrifft, für richtig. (Literatur siehe Anmerkung). In der „Bibliothek für Kirchenväter“ findet man entweder ganz traditionelle, unkritische Kommentare, oder gar nichts. Aber man findet wenigstens den griechisch-deutschen Text! Danke! Siehe Link https://bkv.unifr.ch/de/works/105/compare/122/35258/121

Ein anonymer Autor, ca. 170/ 175 n. Chr, ja, ein fiktiven Märtyrerbischof – hinter dem ein reelle Person wohl gestanden haben mag, das ist mir keine Frage und kein Problem! – die zeitlichen und geographischen Angaben, die Grüße und Boten, die hin und her geschickt werden, das mag alles eine gewisse historische Realität haben, mag evtl. rekonstruierbar sein – aber was besagt das dann noch für die Frage nach dem Geltungsgrund der kirchlichen Ämter Bischof-Priester-Diakon? Hier gelangt die historische Kritik, was die Verbindlichkeit solche Aussagen betrifft, an ein gewisses Ende. Deshalb braucht es eine darüber hinausgehende Gesamtdeutung dieser Texte.

Angenommen, es kommen noch historische Quellen zum Vorschein, es gäbe eine ziemlich genaue historische Erklärung der Entstehung dieser Texte – was wäre jetzt damit gewonnen?

Die Auseinandersetzungen mit den anti-gnostischen Tendenzen sind hinlänglich von J. Hübner u. a. gut herausgearbeitet worden. Aber eine Gesamtinterpretation dieser Texte, vor allem im Hinblick auf die kirchlichen Ämter und die spätere Wirkungsgeschichte, ist damit doch nicht möglich, denn warum ist doch diese auffallende Hierarchisierung entstanden? Der Geltungsgrund dieser hierarchischen Ansichten – wo ist er zu suchen?

Es braucht darüber hinaus, wenn ich großspurig sagen darf, eine transzendental-kritische Lektüre, wie sie leider im Methodenkanon der Literaturwissenschaft noch nicht ausgearbeitet ist. Eine gewisse dekonstruktive Methode in der Prüfung der Begriffe und Zeichen halte ich zusätzlich für sinnvoll und nützlich.

Hinter der nicht mehr nach allen Regeln der Literarkritik aufdeckbaren Historie – von A. Brent kulturwissenschaftlich interpretiert – hält sich nämlich eine seltsam konstante Einsicht und Erkenntnis durch, die ich „genetische“ Erkenntnis nennen möchte. So jetzt meine Deutung. Siehe dann unten Anmerkung. 2

Diese Hypothese scheint mir tragbar zu sein, eine Gesamtinterpretation anzustreben, ohne dass ich von den historischen Details und Vermutungen hin und her gerissen werde bzw. ohne sie zu vernachlässigen. Die „genetische“ Erkenntnis macht für mich die Lektüre jetzt sehr wertvoll – und die Methode dazu ist eine Art Methode der analytischen Literaturwissenschaft (siehe ebenfalls unten).

Denn es ziehen sich gewisse Themen und inhaltliche Bezüge durch. Ich charakterisiere und deute jetzt: Es ist die Zeit eines entstehenden Kirchenbildes, einer, so möchte ich es nennen, sakramentalen Kirchenordnung, wie sie bis heute gültig ist, die aber einen prä-skriptiven, paränetischen und theologisch-philosophischen Grund hat, wenn auch nicht so explizit.

Was kommt immer wieder vor? Die seltsam starke Betonung der Rolle des Bischofs – vielleicht verbirgt sich dahinter nur eine Chiffre des Zusammenhalts? – die Betonung der Presbyter und Diakone, die Abgrenzung gegen gnostischen Strömungen, die Betonung der kirchlichen und „katholischen“ Organisation – siehe dann die transzendentalen Gründe, die für eine erste rechtliche Verfassung sprechen – , die positive Betonung mancher alttestamentlichen Schriften, die Qualität eines universalen Heils (das „katholisch“), gewisse feste Glaubenssätze von JESUS CHRISTUS, sehr viele indirekte Zitate zum Apostel Paulus, zu den Pastoralbriefen, die starke Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben, die Bedeutung der Sakramente der Eucharistie und der Taufe. Vor allem die Nächstenliebe findet sich immer wieder, dazu der Glaube, die Hoffnung. Wie wollte man diese diversen Inhalten zusammenfassen?

Wie diese, ich deute wiederum, Einsichten und Erkenntnisse würdigen? Historisch? Bloß rhetorisch-poetisch? Die Liebe kommt sehr oft vor – man könnte anhand des griechischen Textes eine Wortzählung durchführen – kombiniert jetzt mit den Mahnungen zur Eintracht, mit der Hierarchie, mit der Leidensbereitschaft, mit einer trotz der prekären Situation erlösten Lebenssituation – wie könnte das unter einen Begriff gebracht werden?

Die Frage, warum die Hierarchie bloß männlich besetzt sein sollte, so meine These, stand noch außerhalb des Frage- und Denkhorizontes, besagt aber indirekt überhaupt nicht, dass die kirchliche Hierarchie mit dem Geschlecht zusammenhängt!
(Man könnte bösartig sagen, dass die Frauen nicht einmal erwähnt werden, besagt bereits den aufkommenden Patriarchalismus, wie er heute in der kath. Kirche oder noch stärker im Islam ausgeprägt ist? Das ist eine für mich zu einfache, wörtliche Leseart, die uns in wichtigen Erkenntnisfragen nicht weiterhilft.)

Meine Erklärung ist ziemlich einfach: Zu stark war offensichtlich die Bedrohung und die Verfolgung durch den römischen Staat und der Kampf mit den Irrlehren  – wiederum, eine bloß kulturwissenschaftliche Erklärung der Aussagen als typisch pagane Nachahmung von Riten und Aussagen der 2. Sophistik entwertet m. E. die sachlogischen Hintergründe einer notwendigen Hierarchie -,  als dass sich der Heilige/der anonyme Autor noch diese Diskussion hätte leisten können. Die Themen der Beschwörung von Einheit (ὁμονοίᾳ), die Bewahrung des einen Glaubens, das Praktizieren der Liebe, der Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde, die Anerkennung und der Gehorsam gegenüber den Hierarchen Bischof-Priester-Diakon, das kehrt immer wieder. Geradezu flehend, bittend, dankend, performativ ist die Rede des Heiligen/des anonymen Autors. Ich mache eine rein subjektive, sehr spärliche Auslese:

Ignatius an die Epheser 6. Kap. Den Bischof muss man achten wie den, der ihn gesandt hat; Einigkeit der Epheser.

1. Und je mehr einer sieht, dass der Bischof schweigt (nicht tadelt), um so mehr Achtung soll er vor ihm haben; jeden nämlich, den der Herr des Hauses schickt zur Verwaltung seines Hauses, den müssen wir so aufnehmen wie den Sendenden selbst. Daher ist es klar, dass wir den Bischof so ansehen müssen wie den Herrn selbst.

Ignatius an die Magnesier 6. Kap. Mahnung zur Eintracht.

1. Da ich nun in den genannten Personen die ganze Gemeinde im Glauben sah und lieb gewann, ermahne ich euch: Befleißiget euch, alles zu tun in der Eintracht Gottes, da der Bischof den Vorsitz führt an Stelle Gottes, die Presbyter an Stelle des Apostelkollegiums, und die Diakonen, die ich gar sehr liebe, mit dem Dienste Jesu Christi betraut sind. (…)

Oder: Ignatius an die Trallianer 3. Kap. Weitere Mahnung zur Unterordnung.

1. Gleicherweise sollen alle die Diakonen achten wie Jesus Christus, wie auch den Bischof als das Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie einen Bund von Aposteln. Getrennt von diesen kann man von keiner Kirche reden. (….) „

Ignatius an die Smyrnäer 8. Kap. Seid eins mit dem Bischof!

1. Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen wie Jesus Christus dem Vater, und auch dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakonen aber ehret wie Gottes Anordnung. Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte als die gesetzmäßige, die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten. 2. Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man nicht taufen noch das Liebesmahl feiern; (…)
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Unter den vielen hermeneutischen Zugängen zu solchen Texten der Antike wähle ich also eine Art analytische Theorie, weil ich damit zwar nur Hypothesen behaupte, aber der Text in sich schlüssig und zusammenhängend wird – und vor allem einen Geltungsgrund gewinnt der für heutige Diskussionen eine Entscheidungshilfe sein kann3

  1. Welche Fragestellung versuchen die Briefe zu beantworten?
  2. Welche Hypothesen – von mir „genetischen Erkenntnisse“ und „sakramentale Heils- oder Sinnordnung“ genannt – beantwortet die Fragestellung?
  3. Welche Zusatzannahmen sind erforderlich?
  4. Wie gut sind diese Zusatzannahmen begründet?
  5. Was ist aus diesen Annahmen für die weitere Entwicklung, hier von mir eingegrenzt auf die Frage der kirchlichen Ämter, ableitbar? Im orthodoxen und katholischen Raum hat sich bis heute die männliche Hierarchie durchgesetzt? Ist das transzendental von den Begriffen her gerechtfertigt? Welche Text-Implikationen sind aus den Hypothesen ableitbar?
  6. Stimmt die lange nachfolgende Entwicklung einer männlichen Hierarchie mit dem ursprünglichen „Sitz im Leben“ (Gunkel) bei IGNATIUS/dem anonymen Autor um 175 n. Chr. noch überein, oder wurden andere Begründungen relevant, sodass sich die männliche Hierarchie durchzusetzen begann? Wie spezifisch sind die Begründungen bei dem Heiligen/dem Autor, wie bei den nachfolgenden Generationen?
  7. Lässt sich die Hypothese – die sakramentale Heils- und Sinnordnung – modifizieren, damit die Auslegungen der späteren Jahrhunderte (einer männlichen Hierarchie) ebenfalls darunter subsumiert werden können? Offensichtlich gab es im 2. Jhd. die starken Diskurse um die Wahrheit der Lehre, die dahinterstehende Angst vor Verfolgung und Leiden, die Frage nach der kirchlichen Organisation und der Gültigkeit der Sakramente. Wenn dann historisch der christliche Glaube als Staatsreligion ab dem 4. Jhd. erlaubt und etabliert wurde, warum sollte die Lehre und das märtyrerhafte Zeugnis und die Gültigkeit der Sakramente von einer männlichen Hierarchie abhängen?
  8. Ist die spätere Entwicklungsgeschichte der männlichen Hierarchie anders zu lesen? Vielleicht ideologiekritisch auf einen sich verfestigt habenden Patriarchalismus, währende der Patriarchalismus des 2. Jhd. durch die prekäre Situation noch pragmatisch zu akzeptieren ist?
  9. Wie wir das männliche Amt heute im Zeitalter geschlechtlicher Gleichberechtigung gelesen?
  10. Meine sehr weit zu nehmende Hypothese der Errichtung einer sakramentalen Sinn- und Zweckordnung inklusiv männlicher Hierarchie – lässt das eine akzeptable Gesamtinterpretation aller sieben Briefe zu, auch der Textstellen, wo es nicht explizit um ein kirchliches Amt geht? Es gibt natürlich unterschiedliche Bezugstheorien und Rahmenannahmen, z. B. die oft explizit antignostischen und antijudäistischen Bezugnahmen, sodass eine Gesamtrekonstruktion und Gesamtinterpretation nochmals anders ausfallen würde, würde man die Frage der kirchlichen Ämter ausblenden? Aber das wäre doch wieder ein starke Abstraktion. Also gehört für eine Gesamtinterpretation der sakramentalen und kirchlichen Heils- und Sinnordnung das kirchliche Amt notwendig hinzu. Warum? Welche transzendental-kritische Geltungsbegründung gibt es dafür?
  11. Spricht die Gattungsform „Brief“ überhaupt von einer intentionalen Aussageabsicht des Autors, oder geht es prinzipiell gar nicht um einen Autor, sondern um die Form einer theologischen Auseinandersetzung mit den gnostischen Irrlehren? Ich finde viele inhaltliche Bezugsnahmen zur Gnosis, zum Judentum. Allerdings würde ich trotzdem ehe bei einer Alltagskultur der Kommunikation bleiben, weil sehr starke emotionale, fürbittende, flehende, dankende, performative Rede vorkommt, sodass mir die Gattungseinteilung z. B. es ist eine allgemeine, kulturtheoretische Auseinandersetzung des 2. Jhd. nicht zutreffend scheint. Es steht wohl eine leidenschaftliche, theologisch hoch gebildete, durch Auseinandersetzung und vielleicht durch Leiden geprüfte Persönlichkeit hinter den Briefen. Die emotionale Kommunikation ist dann mit vielen inhaltlichen, theologischen Bezügen kombinierbar. Die Intention eines Autors ist deutlich, aber die sachlogische Ebene ist rational erkennbar.
  12. Inwieweit kommen auch die sozial- und gesellschaftsgeschichtlichen Bezüge vor? Wo kommen genderspezifische Aussagen vor? Wo soziale Fragen? Inwiefern werden Bezüge zum römischen Staat und zur Politik angesprochen? Wo finden sich die dekonstruierbaren Bezüge zur hellenistischen Kultur und zur religiösen Alltagswelt im Raum von Antiochia in Syrien, im Raum von Smyrna in Klein-Asien?
  13. Was besagen die verschiedenen kirchlichen Adressaten und Gemeinden? Geht es um ein erstes Netzwerk katholischer Verflochtenheit, um eine erste juristische Einheit in Vielfalt verschiedener Gemeinden?
  14. Gäbe es alternative Hypothesen, warum der Heilige/der Autor die Briefe geschrieben hat, nicht nur die intentionale Absicht des Autors, der wahrscheinlich bewusst sich einen symbolischen Namen gab bzw. anonym bleiben wollte?
  15. Generell müssten noch viele dekonstruktive Unterscheidungen eingezogen werden, um eine halbwegs analytisch vertretbare Gesamtinterpretation zu erhalten. Eine neutrale historische Sicht gibt es nicht und erklärt nichts und führt zu keiner Verbindlichkeit und Wertschätzung. Irgendeine Gesamtsicht bringt jeder Rezipient/jede Rezipientin ein, auch der Historiker, der an der textkritischen Wahrheit orientiert ist. Jeder Text trägt die Spuren vieler anderer Texte in sich. Welche Intertextualität ist in den Briefen zu finden?

So lese ich jetzt den Text auf seine rationalen Argumente hin. Wie wohlbegründet sind die historischen, biblischen, theologischen und erkenntniskritischen Aussagen des Heiligen/des Autors? Wie wohlbegründet (rational) ist die Etablierung einer kirchlichen Ordnung und einer kirchlichen Hierarchie in einer transzendental-kritischen Fragestellung?

Hier stellen sich aber wiederum viele Fragen eine analytischen Ästhetik, die ich bei weitem nicht beantworten kann und nolens volens wieder den Historikern überlassen muss:

a) Wie kam es zu den Begriffsbildungen „Bischof“, „Priester“, „Diakon“?

b) Welche stillschweigenden Fiktionen, Erwartungen, Hoffnungen, eschatologischen Konsequenzen sind mit den kirchlichen Ständen verbunden?

c) Welche Geltungsgründe schwingen im Hintergrund mit? Welche Probleme stellten sich dem Heiligen/dem Autor und welche Hypothesen der Lösung propagiert er?

Die Gottesauffassung, die soteriologischen Anschauungen im Unterschied zu privilegierten, gnostischen „Erkenntnissen“ (Pneumatikern) und doketischen Irrlehren, die Erkenntnis der Wahrheit, die ganze Hl. Schrift und die apostolische Verkündigung, der universale und qualitativ „katholische“ Heilsanspruch, die eschatologische Hoffnung,  das alles, so scheint mir, ist rational und wissenschaftstheoretisch gut haltbar: Der Heilige/der anonyme Autor ist im traditionellen Sinne – mag er noch Bischof und guter Hirte ebenfalls gewesen sein –  ein typischer Prophet und Lehrer (und Märtyrer): Alles, was er schreibt, ist reproduzierbar in seiner Erkenntnis, intersubjektiv kontrollierbar, vollständig in allen wesentlichen Parameter der Sinnfrage menschlicher Existenz. Das ist eine wissenschaftstheoretisch hohe Auszeichnung und Bewährung, an alle gerichtet, gleich welchen Alters, welcher Sprache, welchen Geschlechts.

Es kann eine Art deduktiv-nomologische Ableitung aus den „genetischen“ Erkenntnissen und Lehren gebildet werden – wie oben in den Hypothesen formuliert – die dem Heiligen/dem anonymen Autor dieser Zeit, generell den christlichen Gemeinden dieser Zeit, zuerkannt werden muss, will ich den Text in seinem apostolischen Anspruch und seinem Geltungsgrund ernst nehmen – und will ich vor allem für heute Entscheidungshilfen finden in der Frage nach dem Priestertum, ob es nur Männern vorbehalten sein muss, weil es immer schon so war, oder liegt der Geltungsgrund in einer ganz anderen Begründung? Eine bloß „historische“ Antwort kann es nicht geben.  3

© Franz Strasser, August 2019

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1REINHARD M. HÜBNER, Überlegungen zur ursprünglichen Bedeutung des Ausrucks „Katholische Kirche“ bei den frühen Kirchenvätern, in: Väter der Kirche, ekklesiales Denken von den Anfängen bis in die Neuzeit“, hrsg. Von J. Arnold, R. Berndt, R.W. Stammberger, Paderborn 2004. Siehe dort den Artikel, S 31 – 71.

Reinhard M. Hübner, „Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche“, Albert Rauch u. Paul Imhof (Hgg.), Das Priestertum in der Einen Kirche. Diakonat, Presbyterat und Episkopat (Regensburger Ökumenisches Symposion 1985). Koin. 4, Aschaffenburg, 45–89, 1987.

Thomas Lechner, Ignatius adversus Valentinianos? Chronologische und theologiegeschichtliche Studien zu den Briefen des Ignatius von Antiochien. SVigChr 47, Leiden u. a., 1999.

Konkret zu den Briefen des Hl. Ignatius – siehe z. B. die kulturgeschichtliche Deutung von Allen Brent, Ignatius of Antioch and the Second Sophistic A Study of an Early Christian Transformation of Pagan Culture, 2006. ‚
Dazu die entsprechende Kritik z. B. v. Thomas Lechner, Ignatios von Antiochia und die Zweite Sophistik. Kritische Anmerkungen zu den Thesen von Allen Brent. In: Die Briefe des Ignatios von Antiochia. Motive, Strategien, Kontexte, hg. von Thomas Johann Bauer u. Peter von Möllendorff = Millennium Studien 72 (2018)
Als Download angeboten – siehe Internet. (2020) – Link

Blickt man etwas in die Historie der Entstehung der christlichen Ämter „Episkopus – Presbyter/sacerdos – Diakon“ hinein, erhält man natürlich viele hermeneutische Erklärungen. Weiterführende Literatur zum christlichen Amt in der frühen Kirche siehe z. B.:
Hartmut Leppin, Die frühen Christen, 2. Aufl., München 2019.
Andreas Thier, Hierarchie und Autonomie. Regelungstraditionen der Bischofsbestellung in der Geschichte des kirchlichen Wahlrechts bis 1140. (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 257
, Recht im ersten Jahrtausend) Frankfurt/Main 2011.
Heidi Wendt, At the Temple Gates. The Religion of Freelance Experts in the Roman Empire, Oxford 2016.
Ferdinand R. Prostmeier: Konflikte um das Amt in frühchristlicher Zeit; in Neutestamentliche Ämtermodelle im Kontext, 207-235.
Ernst Dassmann: Die Bedeutung des Alten Testaments für das Verständnis des kirchlichen Amtes; in Ämter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden, 96-113
E. Dassmann, Die frühchristliche Tradition über den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, in: ders., Amter und Dienste in den frühchristlichen Gemeinden (Hereditas 8), Bonn 1994, 212–224.
J. G. Mueller, Art. „Presbyter“, in: Reallexikon für  Antike und Christentum 28 (2017) 86–112.
G. Predel, Vom Presbyter zum Sacerdos. Historische und theologische Aspekte der Entwicklung der Leitungsverantwortung und Sacerdotalisierung des Presbyterates im spätantiken Gallien (Dogma und Geschichte 4), Münster 2005.

2Beispiele von Aussagen, die das Neue betonen, die „genetische Erkenntnis“ als Prinzip der Errichtung einer sakramentalen, kirchlichen Heils- und Sinnordnung.

An die Epheser

4. Kap …auf dass er euch höre und aus euren guten Werken erkenne, dass ihr Glieder seid seines Sohnes. Es ist also gut, dass ihr in vollendeter Eintracht lebet, damit ihr auch an Gott allezeit Anteil habet…..

7. Kap ..Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben,

9. Kap. ….Ihr seid also alle Weggenossen, Gottesträger und Tempelträger, Christusträger, Heiligenträger, in allen Stücken geschmückt mit den Geboten Jesu Christi; ….

14. Kap. …Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott!..

19. Kap. ….Infolgedessen löste jegliche Zauberei sich auf, und jede Fessel der Bosheit ward vernichtet; die Unwissenheit ward weggenommen, das alte Reich ward zerstört, da Gott in Menschengestalt sich offenbarte zur Neuschaffung ewigen Lebens; da nahm seinen Anfang, was bei Gott zubereitet war. Deshalb kam alles in Bewegung, weil die Vernichtung des Todes betrieben wurde…….

20. Kap. ……was ich begonnen habe über den Heilsplan in Beziehung auf den neuen Menschen Jesus Christus, in seinem Glauben und in seiner Liebe, in seinem Leiden und seiner Auferstehung. ……..

An die Magnesier

5. Kap …..die Ungläubigen das Gepräge dieser Welt, die Gläubigen aber in Liebe das Gepräge Gottes des Vaters durch Jesus Christus, dessen Leben nicht in uns ist, wenn wir nicht selbst durch ihn bereit sind, auf sein Leiden hin zu sterben …….

8. Kap …..Denn die gotterleuchtetsten Propheten haben nach Christus Jesus gelebt. Deshalb wurden sie auch verfolgt, begeistert von seiner Gnade, auf dass die Ungläubigen volle Gewissheit bekämen, dass es einen Gott gibt, der sich geoffenbart hat durch Jesus Christus, seinen Sohn,…….

An die Trallianer

9. Kap ..1. Verstopfet daher eure Ohren, sobald euch einer Lehren bringt ohne Jesus Christus, der aus dem Geschlechte Davids, der aus Maria stammt, der wahrhaft geboren wurde, aß und trank, wahrhaft verfolgt wurde unter Pontius Pilatus, wahrhaft gekreuzigt wurde und starb vor den Augen derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, 2. der auch wahrhaft auferweckt wurde von den Toten……….

An die Römer

Ignatius, der auch Theophorus (heißt), an die Kirche, die Gottes Barmherzigkeit erfahren in der Herrlichkeit des höchsten Vaters und Jesu Christi, seines einzigen Sohnes, die geliebt und erleuchtet ist im Willen dessen, der alles Seiende gewollt hat, gemäß der Liebe Jesu Christi, unseres Gottes, die auch den Vorsitz führt am Orte des römischen Bezirkes, …….

An die Philadelphia

2. Kap…….1. Als Kinder des Lichtes der Wahrheit fliehet die Spaltung und die schlimmen Lehren; wo immer der Hirte ist, dorthin folget wie die Schafe…….

6. Kap…..1. Wenn aber bei euch einer judaistische Lehren verkündigt, so höret nicht auf ihn! Denn es ist besser, von einem Beschnittenen das Christentum zu hören, als von einem Unbeschnittenen judaistische Lehren. Wenn aber beide nichts von Jesus Christus reden,…..

8. Kap…..Mir aber ist Urkunde Jesus Christus; mir sind die unversehrten Urkunden sein Kreuz, sein Tod, seine Auferstehung und der durch ihn begründete Glaube; in diesen will ich durch euer Gebet gerechtfertigt werden……

9. Kap…….1. Gut waren auch die Priester (des Alten Bundes), besser ist der Hohepriester (= Jesus Christus), der das Allerheiligste erhalten hat, dem allein die Geheimnisse Gottes anvertraut sind; er ist der Zugang zum Vater, durch den Abraham, Isaak, Jakob, die Propheten, die Apostel und die Kirche Zutritt haben. All das dient zur Vereinigung (der Menschen) mit Gott……..

An die Smyrnäer

1. Kap…….1. Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat;…….

4. Kap……..1. Ich gebe euch hierüber Mahnungen, Geliebte, obwohl ich weiß, dass auch ihr so denket (wie ich es dargelegt habe). Ich warne euch aber vor den Tieren in Menschengestalt, diese dürft ihr nicht nur nicht aufnehmen,……

5. Kap (das Unglück der Doketen) ….1. Ihn verleugnen einige aus Unkenntnis, oder besser sie wurden von ihm verleugnet, da sie eher Anwälte des Todes als der Wahrheit sind; diese konnten die Prophezeiungen nicht überzeugen, noch das Gesetz Mosis, ja nicht einmal bis zum heutigen Tage das Evangelium und die Leiden der einzelnen aus uns…..

6. Kap………lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht,…..

7. Kap………1. Von der Eucharistie und dem Gebete halten sie sich ferne, weit sie nicht bekennen, dass die Eucharistie das Fleisch unseres Erlösers Jesus Christus ist,….

An Polykarp

6. Kap……..Mühet euch miteinander, kämpfet, laufet, leidet, ruhet, wachet miteinander als Verwalter, Genossen und Diener Gottes. 2. Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig….

3Zu literarkritschen Methoden siehe z. B. den Überblick bei Vera Nünning und Ansgar Nünning (Hrsg.), Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse, Stuttgart 2010. Zur Methode einer analytischen Literaturwissenschaft, siehe ebd. S 133 – 200.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser