Fichte zur Logik Bardilis

Um 1800 hat Fichte kurze Rezensionen zu erschienenen Büchern und „Heften“ der Philosophie von C. G. Bardili und C. L. Reinhold verfasst, die nichts an Aktualität verloren haben.

Die Kritik Fichtes an Bardili betrifft die nicht eingestandenen und gesehenen Verobjektivierungen des Gedachten. Bardili meinte, die Wirklichkeit mit logischen Elementen aufbauen und verstehen zu können. Dies ergibt aber nur, wie Fichte hinterfragen wird, einen höheren Realismus der Logik bzw. einen überheblichen Idealismus, der den transzendentalen Grund der Objektivierung nicht kennt und sich jeder sittlichen Rechtfertigung entzieht.

Die Verobjektivierung des Gedachten, die den Setzungsakt der Anschauung und des Begriffes vergisst, ist bis heute ein Hauptproblem der Wissenschaft. Sei es in einer empirischen Erkenntnistheorie, wie z. B. in der Hirnforschung, oder in logifizierenden, digitalen Verstehensmustern der Gesellschaft, die von Einschluss und Ausschluss ausgeht, aber den Grund der Differenzierung und den Setzungsakt der Differenzierung nicht mehr angibt.
Mit den Zeichentheorien der Sprache, sprich Analytischer Philosophie, die einem sprachlichen Gebilde bzw. dem Gebrauch der Sprache eine zu beobachtende Objektivität unterstellt, ist es m. E. nicht besser bestellt. Die Bedeutung einer Aussage liegt dann, nach meiner spärlichen Kenntnis der Analytischen Philosophie, in einem objektivierten Zeichen bzw. einer gedachten, verobjektivierten Handlung. Die  Begriffssprache wird erklärt durch die Alltagssprache, die Alltagssprache durch die Sprachspiele, die Sprachspiele durch die Lebensform usw.  Es bleibt ein Zirkel des Verstehens, solange der Setzungsakt des Bewusstseins selbst nicht durchschaut und abgeleitet ist.
Fichtes Kritik an Bardilis Logifizierung der Wirklichkeit hat nichts an Bedeutung eingebüßt.  Was ist der Grund des Wissens? Das Gedachte der Logik, wie es Bardili verstanden hat, ist nach Fichte eine beliebige Abstraktion, die gemacht werden kann, aber die Rechtfertigungsinstanz dieser logischen Gebilde liegt weder im Realismus der Dinge, noch in der idealistischen Phantasie, sondern im theoretisch und praktisch gerechtfertigten sich-wissenden Wissen.

Zufällig fiel mir ein Buch von MANFRED ZAHN in die Hände: Manfred Zahn, Selbstvergewisserungen. Studien zur klassischen Epoche der Transzendentalphilosophie. Hrsg. v. Martin Scherer, Würzburg 1998.

Er schildert ganz präzise und systematisch die transzendental-kritische Haltung Fichtes gegenüber Bardili, Reinhold, Schelling und Hegel. Mithilfe dieses Buches las ich nochmals in den SW II und GA II, 5 die Position Fichtes nach.

1. Frage: Was heißt Denken?

2) Insbesondere: sollte denn Bardili nicht innegeworden seyn, dass sein Denken nie würde gedacht worden seyn, wenn er nicht durch eine freie Reflexion sich selbst zum Denken desselben bestimmt, dass erst durch diese freie Reflexion es ihm zum Objecte geworden; dass sonach das Den|ken allerdings wiederum gedacht werden könne, nicht aber müsse?] Hier das intellectuelle oder reine Seyn. (SW II, 493.494)

SW II, 496 spricht Fichte davon, dass Bardili das ganze Buch hindurch nicht inne wird, dass es ja auch nur sein Denken ist, wodurch er sein System zu Stande bringt.

Aus blosser Empirie hat er das reine Denken und seine Gesetze, wie er sich denn auch, ganz nach Reinholds Weise, dabei auf die Thatsache des Bewusstseyns beruft. Transscendent, ausser allem Bewusstseyn liegend, und nach den Gesetzen, die nur innerhalb des Bewusstseyns selbst gültig sind, erschlossen, sind die beiden Endpuncte seines Systemes: das Etwas, das den Impuls macht, und das Seyn des reinen Denkens. Transscendent ist sein ganzes Denken, indem er das ganze Buch hindurch nicht innewird, dass es ja auch nur sein Denken ist, wodurch er sein System zu Stande bringt.

In Fichtes kurzer Rezension kommt wenige Seiten später (S. 502) diesen Einwand noch einmal und mit sehr ähnlichen Worten formuliert.

Bei habituell | gewordenem transscendentalen Sinne müsste ihnen aufgefallen seyn, dass Bardili sein ganzes Buch hindurch nicht einmal sich besinnt, dass er ja selbst denke, indem er sein System zu Stande bringt, welche Besinnung ihn sogleich von aller seiner Transscendenz geheilt haben würde. (SW II, 502)

Auch in den Handschriften kehrt dieser Vorwurf selbstvergessenen Denkens und Abstrahierens mehrfach wieder. In der Hs. II, 4, 9r bezeichnet Fichte es als die Hauptsache der Kritik an Bardili, dass das Denken, die Identität und die Denkgesetze „nicht unbedingt seien“, sondern „erst, inwiefern Du auf Dich selbst reflectirst“. (M. Zahn, ebd. S 140. Anm. 87)

Gerade indem Bardili sein eigenen Denken nicht reflektiert, kann er das Denken nicht als Akt, sondern nur als Begebenheit, als reines Gedachtsein auffassen (Hs. II, 5, 6v; vgl. auch SW. II, S. 501). ( M. Zahn, ebd., S 140, Anm. 87)

(….) so würden wir sie erinnern, dass, wenn sie ja auch nur die ersten Blätter der Wissenschaftslehre mit transscendentalem Sinne gefasst hätten, ihnen sogleich bei Bardili’s A=A der ganz andere Gebrauch eingefallen seyn würde, der in jenen ersten Blättern von dieser Formel gemacht wird; sie würden schon gewusst haben, dass in derselben nicht ein blosses Wiederholen des A (als Denkacts) — welches nimmermehr Einen zusammenhängenden Faden des Bewusstseyns, sondern für jeden Moment ein neues für sich selbst bestehendes Bewusstseyn gäbe — sondern, dass in der Copula eine Reflexion auf das Gesetztseyn des ersten A im Bewusstseyn, also ein zurückgehendes Bewusstseyn in sich selbst, also Selbstbewusstseyn, also ganz eigentlich der Act, durch den das Ich zu Stande kommt, liege. Sie würden gewusst haben, dass man mit dem reinsten Denken doch nicht auf den Grund alles Bewusstseyns kommt, dass das reine Denken gar nicht über dem Ich steht, dass das letztere — dass ich mich so ausdrücke — das Intelligiren kat exochen bedeutet, von welchem Denken, Anschauen, Wollen u.s.w. nur Unterarten sind, die nicht schlechthin gesetzt, sondern aus jenem abgeleitet werden müssen. Sie würden gemerkt haben, dass es Bardili nicht einmal gelingt, das reine Denken als Act aufzufassen, sondern lediglich als Begebenheit, als reines Gedachtseyn. (SW II, 501)

Da die Herausgabe der Manuskripte Fichtes in den SW seines Sohnes Immanuel Hermann (bei aller Achtung, was wir ihm sonst verdanken!) sehr dürftig ausgefallen ist, blätterte ich in der „Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften“ (=GA) nach:

(…) Diese Bemerkungen sind gut. Es ist im Denken überall nur ein Aneinanderhalten, u. dies ist stets positiv. (Eine Bemerkung die ich in meinen Vorlesungen über die Logik stets gemacht habe. — auf Veranlassung Platners.
S. 11,5. heißt A. auch die Copula. So ist’s: u. ich habe oben ganz richtig verstanden. – Dies macht noch klärer, was ich in der W.L. gesagt habe.
S. 13.21 Die Copula ist das Denken selbst. — Richtig. S. d. W.L.
S. 14..22 wie verhält es sich mit dem Unterschiede zwischen Endlichen, u. Unendlichen Urtheilen. 1.). A = A. Der Rok ist – nicht roth – Der Triangel ist – nicht roth -. Es ist in Absicht der Copula ganz einerlei. Die Unendlichen aber sind gleichsam ein Aufhören, u. Negiren des Denkens überhaupt: des Co[n]vertirens der Bestimmbarkeit durch einander. Der Rok ist durch die rothe Farbe negativ bestimmbar: Der Triangel gar nicht.“ (ebd. GA II, 246.247)

Die realistische Auffassung des Denkens bei Bardili ist der Hauptfehler nach Fichte.
Er deutet kurz seine eigene Sicht an.

1.). Denken als Denken überhaupt: zusammenhalten, vereinigen, allerdings durch A. (ausserdem könnten sie in einem Bewußtseyn nicht vorkommen()] Dieses Denken ist in allem Urtheilen, dasselbe “, beziehend, kategorisch. Es ist die Copula. u. wird nie ausgesprochen. A. ist B. A ist nicht C. – – Ist A so ist B. – oder so ist B nicht. . A ist entweder x oder y. nun ist es nicht x. folglich y. Hier ist allenthalben die Zusammenhaltbarkeit, u. diese liegt in der Denkbarkeit überhaupt. (in der Auffassbarkeit vom Denken: die selbst wieder in etwas an derem, in der Anschauung gegründet ist = E [.] „ (GA II, 5, 247)

2). Dieses blosse Zusammenhalten ist nun noch gar kein Denken: es gehört zu allem auch ein Unterscheiden; in Absicht des Unterscheidens nun [()= I.) exerciert sich das Urtheil überhaupt. (Also durch blosses A. kann gar nicht gedacht werden.[)]
Das ist nun entweder gleich, oder nicht gleich – im categorischen Urtheil. — Folgen directe, im hypothetischen. gegenseitig ausschliessende im disjunctiven. —.

Die Form des disjunctiven Urtheils ist stets Folge. Das categorische Urtheil ist eines des unmittelbaren Anschauens. Das hypothetische — des nothwendigen Denkflusses. (der wiederum ganz wo anders, als in der Logik erläutert werden muß.[)]“ (GA II, 5, 247)

Eine Deutung von Kant durch Bardili weist Fichte anschließend so zurück:

17. „K“ lasse den Menschen erst urtheilen, u. erkennen, dann erst denken“. Ich antworte: Da hätte er freilich denn Unrecht, eben so wie B(ardili). Keines zuerst: beides unzertrennlich vereinigt.“ (GA II, 5, 248)

Schließlich schätzt Fichte das „Denken“ Bardilis so ein:

Er sezt blosse Vorstellung, u. Denken entgegen: – Das Denken ist ihm also zulezt doch wohl nur ein Abstrahiren.“ (GA II, 5, 257)

Fichte kommt nochmals zur eigenen Sichtweise, was „Denken“ heißt:

Eigne Untersuchung. Was ist Denken eigentlich? Was will B.? Was mag sein unendlichemahl Wiederholbares A. seyn?
Denken möchte wohl seyn eine Unterart von vorstellig machen überhaupt? Vorstellen heißt Objectives vor sich hinstellen. Dies geschieht unmittelbar: Anschauung: wiederholend, u. in Verbindung mit anderm setzend: Denken: Das Denken ist stets das
begreifen, zusammengreifen des Mannigfaltigen, aus dem umgeben den Mannigfaltigen. / Jenes A. (als objectives überhaupt) wäre sonach nicht eigentlich das Denken im Denken, sondern das Anschauen darin. (ebd, S 257)

2) Was heißt Materie (Stoff)?

Im Zusammenhang von Denken und einer supponierten, entgegengesetzten Instanz der „Materie“ oder des „Stoffes“ bringt Fichte eine weitere Hinterfragung und Kritik an:

(sc. In der Sicht Bardilis) 1.). Das Denken als Denken, muss die Materie als Materie im Denken zernichten; sonnt kommt es mit der Materie nicht zu einem Etwas, als Etwas Gedachtem.

(1.) ist dies Denken als Denken die obige Wiederholbarkeit. 2) was ist Materie; und woher weißt Du, dass welche ist (…)“ (GA II, 5, 252)

M. Zahn formuliert es so: „Fichte stellt Bardili des weiteren die heikle Frage, wie denn auf der Grundlage seiner absoluten Entgegensetzung überhaupt ein Wissen vom Dass und Was der Materie möglich sein soll. Zudem ergibt sich hier die unbequeme Frage des Übergehens der Materie in Geist, des Seins in Denken“. Wenn Bardili schließlich sagt, dass das Erkennen nur unter Vorgabe eines Stoffes, worauf das Denken angewandt werden kann, möglich sei, so muss man ihn fragen, woher er denn dies nun wieder weiß“. (M. Zahn, ebd., S 141)

C. G. Bardili geht diesen seltsamen Weg der „Zernichtung“ der Materie, weil er nicht weiß, wie er Denken und Materie/Stoff verbinden soll, wenn sie doch radikal einander entgegengesetzt sind.

Die anscheinend totale Entgegensetzung von Denken und Sein projiziert aber das Wissen nur als vorausgesetzte Dualität von Denken und Sein. Woher weiß Bardili – und die heutigen Realisten und empirischen Erkenntnistheoretiker diese Dualität?

M. Zahn: „Als Realist betont Bardili nach Fichte die Transzendenz des Stoffes zum Denken, während er als Logiker und Rationalist zugleich die Denkimmanenz eben dieses Stoffes behauptet, insofern dieser nämlich überhaupt als durch das Denken „zernichtbar“ und in es aufzugehen da ist. Die Materie wird einerseits zu einem An-sich verabsolutiert und soll andererseits doch erfahren werden. Bardili stützt sich einerseits auf Tatsache und Gegebenheit. also auf die Empirie, und behauptet andererseits doch die Bewusstseinstranszendenz dieses Gegebenen. Beide Pole des Systems“ sind nach Gesetzen erschlossen, die innerhalb des Bewusstseins gelten, und doch wird die Transzendenz des einen Pols – genauer gesehen sogar beider – behauptet. Die Annahme eines außerhalb des Bewussseins befindlichen Stoffes auf der einen und der für sich seienden Identität des reinen Denkens auf der anderen Seite bedeutet damit auch einen unversöhnlichen Dualismus von Empirismus und Logik.“ (M. Zahn, ebd., S 141)

Fichte hat mit seiner WL die denkmöglichst, höchste Standpunktreflexion gefunden, sodass ihm sozusagen mit Leichtigkeit die disjunktiven Standpunkte der Dogmatismen der damaligen Zeit sofort aufgefallen sind. (Man lese z. B. in der „Sittenlehre“ 1812 die Bezugnahme auf die Logik Hegels.1)

Ich repliziere auf die Anfänge der WL in den EIGNEN MEDITATIONEN: In einer nur logischen Vermittlung der größtmöglichen Gegensätze von Ich und Nicht-Ich, von Realität und Negation, wobei die Negation selbst eine partialisierte Realität sein muss, da sie ja eine Handlung des Entgegensetzens ist, mithin eine neue Setzung darstellt, kann von vornherein die Einheit des Ichs in seiner Selbstbeziehung nur mehr abstrakt dargestellt werden. Realität und Negation sind eine Teilbestimmung des Ichs (der Ichheit), das Ich befindet sich aber damit schon in einer disjunktiven Position gegenüber dem Nicht-Ich. Das Ich müsste höherwertig gefasst werden, disjunktionslos, nur im Ich und dank des Ichs können Ich-Bewusstsein und „Nicht-Ich- Bewusstsein“, d. h. Bewusstsein von einem Nicht-Ich, einander entgegengesetzt und synthetisiert werden. Das Ich müsste einerseits ganz selbstbezüglich bleiben, andererseits zugleich partialisierend in sich eine Einheit der Ichheit erkennen lassen, die aber höherwertig vom „absoluten Ich“ in seinem Gehalt her selbst gesetzt ist. Gerade wegen dieses, mit KANT gesprochen, „noumenalen“ Charakter des Nicht-Ichs, kann aber auch alle praktische Wirklichkeit des Ichs als adäquater Strebensgegenstand und Strebensqualität erkannt werden (in seinen Prinzipien).

Durch die, in den Anfängen der WL noch etwas ungenau formulierte Intuitionserkenntnis eines ersten, absoluten Prinzips – in den EIGNEN MEDITATIONEN von 1793 schon klar ausgesprochen als „absolutes Ich“, später als „Tathandlung“ bezeichnet -, können alle Wesenseigentümlichkeiten des theoretischen und praktischen Philosophie (Zeit, Raum, Bewegung, Substanz, Kausalität usw.) abgeleitet (analysiert) werden, aber ebenso existenzentdeckende Prinzipien wie Gefühl, Streben bestimmt werden. Durch ein höchstes Prinzip werden die Bedingungen der Möglichkeit der Wissbarkeit so abgeleitet, dass sie sowohl zum wissenden Subjekte wie zum gewussten Objekt führen, in einem theoretischen und praktischen Geltungsbezug zueinander.
Da ein Bardili oder Reinhold bei weitem nicht diese Einheit von Intelligenz und Materie/Stoff erreicht haben, kommt es dann zu so eigenartigen Ausdrücken der Vermittlung wie „Zernichtung“ der Materie.

Wenn Wissen auf Wahrheit und auf Geltung der im Wissen gesetzten Erkenntnisbedingungen ausgeht, und alle Behauptungen schlechthin unter dem Geltungsbezug des Wahrheit stehen, ist die philosophische Analyse und Aufgabe der Tradition seit den Griechen die Entdeckung der Prinzipien der Totalität aller Realität, d. h. der Wahrheit.

Philosophie ist als eingeschränkter Akt des Geistes selbst ein eingeschränktes Wissen, aber uneingeschränkt geht sie auf das Ganze des Wissens der Prinzipien nach – und will sie darstellen.

Formale Logik und logischer Monismus des „Denkens“

Muss einerseits Bardili von einem nackten, empirischen Materialismus (Empirismus) ausgehen, weil der den Sinn der Materie/des Stoffes nicht kennt und sie nur faktisch ansetzen kann, so verfällt er andererseits in einen überheblichen Rationalismus, der die bereits existierende formale Logik als bedauerliche Urteilslogik, ohne Quantität und Qualität, abtut, weil er meint, eine höhere, metaphysische Logik gefunden zu haben. Für Fichte hat die traditionelle, formale Logik allerdings Qualität, eine apriorische, vor aller Erfahrung und vor allem zeitlichen Vorher, wenn sie, und das zeigt auch ihre transzendentale Bedingtheit, in ihrem objektivierenden Erkenntnisakt und in ihrer Rechtfertigung zurückbezogen bleibt auf den transzendentalen Erkenntnisakt.

Die » Hauptresultate des B.w Systems u. seines Tadels der Logiker sind: – die categorischen u.sw. Urtheile, haben keine Qualität, Quantität, u.s.f. als Urtheile überhaupt. – – Daran haben die armen Logiker vor ihm nicht gedacht. (…) Sie sagen nur: sie haben dieselben als categorische Urtheile, u. s.f. u. Dies ist freilich etwas anders: eben als eine besondere Hineinbildung in die Welt. (Darauf aber sagt B: dies eben ist nicht rein, u. logisch: – Was darauf zu antworten ist, müssen wir sehen – Qualität haben sie allerdings: u. Ich denke a priori.[)] (Anmerkung, GA II, 5, 251)

Fichte meint das wohl ironisch, dass die „armen Logiker“ die metaphysische Begründung eines kategorischen Urteiles nicht gekannt haben, aber Bardili erkannte das. Die Sicht Fichtes wäre so zu schildern, dass die Kategorizität eines Urteils tatsächlich nicht von der Logik herkommt, aber ein abstrahierendes Denken alleine genügt ebenfalls nicht, um ein Urteil oder eine Kategorizität in einem Urteil erzeugen zu können. „Qualität haben sie allerdings: u. Ich denke a priori.[)]“

Die Qualität bei Bardili – und dann die Anfrage Fichtes:

[»]Die Qualität selbst kann nur durch Gewahrnehmungen bestimmt werden“ = C. – . Was soll das heissen? Es soll heissen: ob ja, od.‘ nein A. mit dem Objecte verknüpft wird, das wird durch die Gewahrnehmung vermittelt. Nun bitte ich, woher denn das Prädicat das da beigelegt wird. Ist dies nicht auch nur durch Gewahrnehmungen bestimmt.? (…) [*] (GA II, 251)

Dazu M. Zahn: „ Aber auch mit dem ihm nebengeordneten logischen Monismus kommt Bardili, wie Fichte nachzuweisen versucht, nicht nur nicht über die klassische Logik hinaus, sondern bleibt im Gegenteil hinter ihr noch zurück. Zur klassischen formalen Logik als der Lehre von den Begriffen, Urteilen und Schlüssen ist mehr erforderlich als nur das Postulat der Unveränderlichkeit und unendlichen Wiederholbarkeit des reinen Denkens. Vielmehr ist dieses Postulat selbst schon ein Gedanke, eine Abstraktion, deren Legitimität Fichte zwar nicht bestreitet, die aber nach ihm unfruchtbar und im übrigen auch nicht neu ist.“ (M. Zahn, ebd., S 142)

Mangels höchsten transzendentalen Standpunktes und mangels fehlender Deduktion der apriorischen Verstandesbegriffe (von Qualität, Quantität, Erfahrung, Modalität) kann Bardili nicht das Wesen der formalen Logik erkennen, geschweige den Sinn einer Transzendentalphilosophie, in der die Logik (und wohl auch Mathematik) als besondere Form einer formalen Anschauung abgeleitet wird.

Bardili fällt hinter die klassische Logik zurück, weil er die reine Identität in seiner Abstraktion ihrerseits und von ihm unbemerkt wie ein Gegebenes, Vorhandenes behandelt und dabei ihren Geschehenscharakter in seinem eigenen Denken unterschlägt. So gesehen bekommt die Identität als Gegebenheit ebenfalls einen empirischen Charakter. (…)“ . (M. Zahn, ebd., S 142)

© Franz Strasser, 23. 1. 2020

1J. G. Fichte, Vorlesungen über die Bestimmungen des Gelehrten 1811. Rechtslehre 1812. Sittenlehre 1812, fhs-Studienausgabe, Bd. 3, S 273f.

Dieter Mersch, Epistemologien des Ästhetischen – ein Kommentar.

Dieter Mersch, Epistemologien des Ästhetischen, Diaphanes-Verlag, Zürich-Berlin, 2015.1

Eine inspirierende Lektüre. Ein Kommentar meinerseits. 

Meine Frage ist jetzt: Kann ich die Kunst, die ich hier synonym mit Ästhetik gleichsetzen möchte (D. Mersch differenziert, ebd. S 17), tatsächlich als eine eigenständige Erkenntnisform im Unterschied zum begrifflichen Denken betrachten? Kunst (Ästhetik) und Denken sind in einem sicher gleich: im Gedachten ihrer Vorstellung. Beide handeln vom Vorgestellt-Gedachten. Wie kann dieses Gedachtsein berechtigt unterschieden und wieder aufeinander bezogen werden?

1) Den apriorischen Kategorien und Bedingungen des Bildens entkommt niemand, nicht das ästhetische Zeigen, nicht das begriffliche Denken.

Ein Fehler in der spontanen Vorstellung der Einbildungskraft und in der ursprünglichen Empfindung ist in den apriorischen Gesetzen nicht möglich, aber das begriffliche Verstehen und Deuten einer Anschauung oder einer Wahrnehmung bzw. eines Kunstwerkes ist relativ, irrtumsanfällig und von Vorurteilen besetzt.

Ästhetisches Tun (Vorstellen) und gedankliches Tun sind aufeinander bezogen, wechselseitig, und die Wechselseitigkeit verläuft so lange, bis sowohl der Vorstellungstrieb eine befriedigende Anschauung erreicht hat, als auch das Denken einen zureichenden Grund.

Ich suchte hier nach einer Erklärung dieser Wechselseitigkeit und fand sie in einer für mich sehr scharfsinnigen Analyse bei K. Hammacher. 1

Der Handlungszusammenhang des Vorstellens, der von einer streng gebundenen Einbildungskraft geleitet und bestimmt wird, und der Gedankenzusammenhang eines begrifflichen Erkennens, ein erneutes Vorstellen, ist ein Wechselspiel der Kräfte, epistemologisch ableitbar durch eine unabhängige Tätigkeit eines höheren Wissens, des Gewissens.

Ich möchte wieder Fichte einbringen, hier einmal anhand von Aussagen zu „Bardilis Logik“ aus dem Jahre 1800 (GA II, 5).

2) Fichte hat den Idealisten oder Materialisten seiner Zeit – oder der Logik eines Bardili (ca. 1800) – oft nachgewiesen, dass z. B. fälschlich eine Objekt gedacht werde ohne ein zweites Objekt im ästhetischen Nebeneinander zu denken. Leicht irrt hier das nur begriffliche Denken. Umgekehrt irrt ein nur ästhetisches Denken, wenn es meint, es könnte z. B. die Bewegung anschauen, ohne die Bewegung in der Vorstellung auf ihre Bedingung der Wissbarkeit hin zu begreifen, sprich ohne die apriorischen Anschauungsformen von Zeit und Raum und die Mannigfaltigkeit der Objekte.

Bei genauerer Selbstbeobachtung des Vorstellens und Denkens kann auffallen (frei nach K. Hammacher, ebd. S 243 – 246):

a) Vorstellen und Denken gehören beide zum Bereich des Gedachten. Das begriffliche Denken, das in seiner eigenen Reflexion das Vorstellen analysieren will, um zu einem zureichenden Grund zu gelangen, vergisst dabei den Tatcharakter des eigenen Vorstellens, den das lebendige Schweben der Einbildungskraft erzeugt.

Das Denken holt nicht die reine Tat des Vorstellens und den Modus des Vorgestelltwerdens ein, vielmehr deutet es das auf das Schweben der Einbildungskraft sich  immer beziehende Reflektieren in einen neuen Erkenntniszusammenhang um. Es hebt die implizite Bedeutung der ursprüngliche Vorstellung auf (nicht der Existenz nach), um eine erneute Reflexion anzustellen und einen zureichenden Grund anzugeben. Im Denken verhüllt sich das eigene Tun der Reflexion. Es holt aber das ursprüngliche, es selbst tragende und ermöglichende Vorstellen der Einbildungskraft der Wirklichkeit nach nie ein, oder umgekehrt gesagt: das ermöglichende Vorstellen geht nicht vollständig im Gedanken auf. Fichte hat es oft so ausgedrückt: Es gibt einen absoluten Widerspruch zwischen Sagen und Tun.

Die Beobachtung unseres Begreifens, wenn wir eine Erkenntnis gewinnen, bestätigt, daß dies gerade geschieht im gedanklichen Zusammenschluß, wobei hingegen die Tätigkeit unseres Denkens nicht beachtet wird und das Bewußtsein von ihr auch kein Moment in der Richtigkeit einer Einsicht darstellt. Es ist vielmehr für die Richtigkeit einer Erkenntnis völlig gleichgültig, daß beim Denken dieser Richtigkeit etwas in mir vorging.“ (K. Hammacher, ebd. S 244)

b) Das Umgekehrte gilt aber auch, zumindest teilweise: Die Tat kann nicht das Ganze, das Wesentliche des Gedankens, fassen. Und selbst wenn, hypothetisch formuliert, eingeräumt würde, dass die Tat das Wesentliche des Gedankens fasst, so ist es unzulässig anzunehmen und leicht erkennbar, dass eine angesetzte Veränderung schon eine begriffene Erkenntnis herbeiführen müsste. K. Hammacher bringt das Beispiel:

Wenn ich z. B. jetzt den Gedanken fasse, in diesem Raum sitzen so und so viele Personen, und frage mich nach diesem Fassen des Gedankens, so finde ich nicht nur, daß die Tätigkeit meines Erfassens für die Erkenntnis der Anzahl der Personen unwichtig ist, sondern zugleich, daß ich diese Tätigkeit im Fassen des Gedankens gar nicht erkennen kann. Wende ich mich nämlich jetzt in einer ausdrücklichen Reflexion auf dieses Fassen des Gedankens zurück, so liegt die gesuchte Tätigkeit, die den Gedanken trägt, im Vollzug dieses neuen Gedankens, dieser Reflexion, denn es soll ja die Tätigkeit im Gedanken gefaßt werden, allgemein, nicht aber ein vergangener Denkvorgang.“ (ebd., S 245)

Eine Erkenntnis oder ein geistiger Erkenntniszusammenhang stellt sich ein, wenn  de facto die Tätigkeit des eigenen Vorstellens auch nicht ganz gefasst wird.
Es muss, selbst bei Verhülltsein des eigenen Handlungscharakters des Denkens und Erkennens, eine unabhängige Tätigkeit des Erkennens geben, die einen gedanklichen Zusammenschluss zwischen Tun einer Vorstellung und Gedanken zu dieser Vorstellung erlaubt, und die gegenseitige Wechseltätigkeit ermöglicht und begründet. K. Hammacher nennt es, wie gesagt, das Gewissen.

Die Handlung des Vorstellens und Vorgestelltwerdens ist bleibend vorhanden, aber es ist auch, wie K. Hammacher sagt, ein „Spielraum“ (ebd. S 245) gedanklicher Möglichkeiten gleichfalls vorhanden. Ein geistiges Vernunftwesen erklärt sich gerade so, dass es einen gedanklichen Zusammenhang setzt, obwohl es nicht um das eigene Tun des Vorstellens direkt und vollständig weiß und das Erscheinen eines Zusammenhangs sich gar nicht erklären kann.

Wir wollen das nachzuweisen suchen, indem wir die uns oben aufgefallene Entbundenheit des gedanklichen Zusammenhanges von der Rücksicht auf die Tätigkeit in ihm, den Spielraum, den er damit hat, näher betrachten. Der Gedanke findet sich dabei in bestimmter Weise herausgenommen aus der Wirksamkeit eines Tuns. Das zeigt sich daran, daß er um sich als „bloßer“ oder „reiner“ Gedanke weiß. Trotz der Lückenlosigkeit der Motive, in der sich uns bei genauer Untersuchung alle Handlungen darstellen, wissen wir sie aber doch von der Lückenlosigkeit einer bloß gedanklichen Kette von Folgerungen zu unterscheiden.“ (ebd. S 245)

Der Handlungscharakter, das ganze Gewordensein und geschichtliche Verhalten einerseits, der Spielraum des Gedankenzusammenhangs und des Denkens andererseits, beides wird zusammengehalten und geleitet von der unabhängigen Tätigkeit des Gewissens, das diesen Wechsel trägt und ermöglicht.

Die Frage ist nun – die durch ein Buch wie „Epistemologien des Ästhetischen“ aufgeworfen wird -, wie die Handlung des Vorstellens und Vorgestelltwerdens, worauf in spezifischen Sinne die Kunst und die Ästhetik reflektieren, mithin die Anschauung, aber auch das reflektierende Denken (der Gedanke), so unterschieden und verglichen werden können, dass sowohl eine Art Sich-Zeigen des ästhetischen Vermögens, als auch ein diskursives, gerechtfertigtes, gewissenhaftes Denken möglich sind. M. a. W., die Handlung des Vorstellens und des Vorgestelltwerdens, sozusagen die Stärke und Domäne der Kunst und der Ästhetik, und die gedankliche Erkenntnis durch zureichende, gewissenhafte Gründe, wie hängen sie zusammen? Ergänzen sie sich, korrigieren sie sich, ersetzen sie sich?

Vorläufig kann die Antwort gegeben werden: Das Gewissen ist die Instanz, die das kritische Verhältnis ästhetisches Vorstellen und Vorgestelltwerden einerseits, denkerisches/begriffliches Vorstellen andererseits, auf einen bestimmten Erfahrungs- und Lebenszusammenhang, mithin auf einen Sinnzusammenhang, eröffnet.

3) Das Schweben der Einbildungkraft (Fichte, GWL, § 4) verarbeitet die sinnlichen und interpersonalen Momente der auf sie treffenden Hemmungen bzw. Aufrufe zu einer Subjekt-Objekteinheit der Anschauung, sodass die Vorstellung und generell das das Vernunftwesen beherrschende Werden einen selbständigen, unabänderlichen, starken Charakter bekommen, eine Größe und einen unwandelbaren Modus des Vorgestelltwerdens, in dem und auf den die gedankliche Beurteilung und Bedeutungsgebung übertragen werden.

Der eigenständige Tatzusammenhang der Einbildungskraft ist bereits vorbestimmt und triebhaft vorgegeben, bestimmt im Gefühl, sobald auf etwas bezogen wird, das nicht schlechthin durch uns selbst bestimmt und dargestellt wird. (=Trieb). 

Der Gedankenzusammenhang in der Erkenntnis ist aber gleichfalls möglich. Beide zusammen ergeben eine Epistemologie des Ästhetischen (in seinen vorgegebenen Formen der streng gebundenen Einbildungskraft) und zugleich des Denkens.

Eine gedankliche, dialektisch gedachte Bedeutungsgebung des ursprünglichen Vorstellens (der spontanen, ästhetischen Vorstellung) wäre nicht möglich, würde nicht  erneut das Vorstellen auf ein unwandelbares Was, auf einen pertinenten Bestimmungsgrund unseres Wollens sich zurückbeziehen. So entsteht, was uns hier zu weit führen täte in der genauen Analyse, die Vorstellung der Zeitlichkeit. Die gedankliche Durchdringung (und zeitliche Zerlegung) des sich zurückbeziehenden Vorstellens (effiziert durch einen Willen, der auf einen höchsten Wert geht und diesen auch existentiell verwirklichen will) ist und bleibt aber nur möglich in und aus der Gebundenheit der Einbildungskraft in ihrem Auf-sich-Zurückkommen der Vorstellung. Die gedankliche Durchdringung kommt wesentlich zur Anschauung (und aller zeitlichen Gebilde) hinzu, ist eine eigene Leistung des Bewussteins, verfügt über ein freies Vorstellen und freies Einbilden, ist aber nicht absolut ungebunden.

Hier in dieser streng gebundenen Einbildungskraft liegt also die eigentliche Sphäre für die intellektuelle Verantwortung bei ihrer Erstellung der Gründe. Die Spannung wird hierbei immer größer mit der wachsenden Vielfalt der gesehenen Möglichkeiten und die Gewissenserfahrung genauer. (…)“2

4) Das bloß begriffliche Denken holt das es selbst tragende Vorstellen in der Reflexion nicht ein, wie oben gesagt wurde. Es bleibt ein  Gegensatz zwischen Handeln und Denken, zwischen Tun und Sagen. Durch das erneute Denken und begriffliche Erkennen mittels Gewissen kann die gedankliche Freiheit aber das Vorstellen und Vorgestelltwerden mit allen ihren bindenden Gesetzen neu ordnen und neu bestimmen, d. h. eine neue Bedeutung und einen neuen Sinn geben.

Die Bedeutungsgebung hängt dabei von einem zweckgerichteten Denken ab, das notwendig im Reflektieren gesetzt sein muss.3

Es bezieht sich nolens volens auf eine befriedigende Vorstellung und letztlich auf ein vorschwebendes Bild von Wahrheit, wenn es die spontan und frei entstandene Vorstellung der Einbildungskraft der Wahrheit nach adäquat einordnen und verstehen und erkennen will.

Umgekehrt kann das tathafte, spontane Vorstellen der Einbildungskraft nicht bloß im Schweben und in einer blinden, nicht begriffenen Anschauung verharren, sondern bedarf des einordnenden, verstandesmäßigen und reflektierenden Denkens. Aus dem Schweben der Einbildungskraft will begriffene Anschauung und begriffene Erkenntnis werden, d. h. sie will auch spezifisch gedacht werden. Das gedachte Vorgestelltwerden im Schweben der Einbildungskraft, das, was sich zeigt, soll gedacht werden, in seinem originären Sich-Zeigen, und würde es nicht gedacht und wäre es nicht denkbar, könnte es auch nicht erscheinen.

Wird mit einem gedanklichen (begrifflichen) Vorstellen nicht die Bedeutung des originären Sich-Zeigens von etwas, das Was des in der gebundenen Einbildungskraft zurückbeziehenden Vorstellens, ungerechtfertigt zugedeckt und übersehen und beschränkt – sozusagen die kritische Anfrage des ganzen Buches? 4

Eine Epistemologie des Nur-Ästhetischen scheint mir nicht möglich: Eine bereits im ersten Vorstellen und Schweben der Einbildungskraft angeschaute Bedeutung von etwas will offensichtlich zu einer gedanklichen Klarheit und gedanklichen Endbestimmung gelangen. Das anschauende Vorstellen will in einen höheren Erkenntniszusammenhang des praktischen Strebens eingeordnet und von der unabhängigen Tätigkeit des Gewissens, die wiederum an einem Bild von Wahrheit partizipiert, erklärt und bestimmt werden. Nicht, als ob das anschauende Vorstellen im Vorstellen noch unvollkommen wäre, im Gegenteil: das Vorstellen kommt immer an ihr immanentes Ende und der Vorstellungstrieb wird in der Vorstellung befriedigt und erfüllt. Aber der höhere Sinnzusammenhang, warum überhaupt ein Vorstellen und ein Vorstellungstrieb sein soll, was schließlich der Sinngehalt des Strebens ist,  das kann nur durch das Denken und Gewissen erkannt werden. Deshalb, kein Anschauen ohne Denken, kein Denken ohne Anschauen – beide bedingen sich wechselseitig in einem unwandelbaren Modus des Bildens und der Bildlichkeit überhaupt. Ich würde weder von einer Epistemologie des (nur) Ästhetischen, noch einer (nur) des Begriffes und des Verstandes sprechen, sondern von einer Epistemologie der Bildlichkeit überhaupt, worin die sinnbildenden Formen des Verstandes mit den Anschauungsformen der Ästhetik  zugleich gebildet werden.  

Ein Irrtum oder ein Widerspruch kann eigentlich nur im Denken vorkommen, nicht im ursprünglichen Vorstellen der produzierenden Einbildungskraft selbst.  Das begreifende Denken, zum freien Vorstellen und Einbilden befähigt, bedarf irgendwann der Angleichung und Abgleichung mit der durch das Schweben der Einbildungskraft erzeugten Anschauung, um einen wahren Geltungs-Anspruch zu erheben und einen Erkenntniszusammenhang herzustellen, und umgekehrt,  das Vorstellen bedarf irgendwann in und aus dem Denken eines wahren Bestimmungsgrundes, um sich sein Rückbeziehen und zeitliches Werden erklären zu können. Vorstellen, zeitliches Werden und Denken sind Darstellungsverhältnisse der Bildlichkeit und Darstellungsprozesse des Bildens.

Die gedachte Notwendigkeit des Schwebens der Einbildungskraft geschieht nach transzendentalen Gesetzen des Bewusstseins: Damit die Freiheit und der Wille übergehend bestimmt werden kann.

Gedacht wird immer nur das Vorgestellte in der Handlung, Nicht-Vorgestelltes wird auch nicht gedacht. Es ist dann bereits eine erkenntniskritische (nicht phänomenologische) Frage, ob das Gedacht-Vorgestellte tatsächlich übereinstimmt mit dem Was des Vorgestellten? D. h. eigentlich nur im Denken taucht diese Frage auf – und taucht als verantwortungsbewusste oder verantwortungslose Deutung auf. Eine korrekte Vorstellung einer Sache ist durch die gebundene Einbildungskraft triebhaft zufrieden an ihr Ende gekommen. Das Warum dieser Anschauung und der sich im Schweben haltenden Anschauung kann sich die Vorstellung aber nicht mehr erklären. Dazu bedarf es das praktischen Strebens und des Gewissens. Letzteres geht zurück auf die Wahrheitsgerichtetheit aller Erkenntnis, auf Wahrheit als solche. Das Streben will „erhöht“ werden, der Bestimmungsgrund des Wollens ist absolut pertinent und geht in seiner dynamischen Bestimmtheit (durch den Widerstand) auf eine ständige Wertrealisierung und Wertbehauptung. Deshalb auch das transzendierende Schweben der Einbildungskraft, das über alles momentane Erfülltsein (und Empfinden und Fühlen) stets hinaus ist.5

5) Das Vorstellen und das Vorgestelltwerden analysieren und auf die Bedingungen der Wissbarkeit hin denken, das gehört zur immanenten Kraft der Intelligenz. Die Empfindungsformen mehrerer Empfindungen (Gefühle) zu denken und denkend in eine Zeitanschauung und Raumanschauung überzuführen und zu verobjektivieren, das gehört zur Kraft der Triebe und des Willens und setzt eine Mannigfaltigkeit der Hemmungen und Aufrufe voraus. Die Zeit und der Raum, sie werden nicht vorgestellt, sie werden gedacht; in den Raum und in die Zeit hinein werden die Objekte schematisiert.

Eine Reihe der Veränderungen wird als Reihe, als Zeit, gedacht, indem das Denken sich selbst in der Zeit beschreibt. „Die Zeit ist bloß – die Vernichtung der Materiatur oder Veränderungen…. Ob denn das Denken nicht selbst auch nach einander geschieht? Es muss doch wohl.“ (Fichte, Zu Bardilis Grundriß der Logik, in: GA II, 5, 283.) Mit dem Raum wäre es ähnlich, das Denken schematisiert sich in die leibliche Anschauung hinein. Es gibt eine innere Entscheidungszeit und eine äußere Erscheinungszeit; eine innere Raumanschauung im Leibe und eine äußere in der Bewegung und Artikulation und Organisation.

Das Denken versetzt sich notwendig in eine Zeitreihe, will es eine logische Erklärung für einen Ablauf bieten, und versetzt sich notwendig in eine räumliche Ausdehnung, will es sich körperlich artikulieren und mechanisierend im Empfindungsraum darstellen und dort eingreifen.

6) Im unveränderlichen Modus des Vorgestelltwerdens wird ein A nicht schon als „Was es ist“ gedacht mit dem, „dass es ist“, ganz und vollkommen, sondern wird erst nach-einander und außer-einander gedacht und vorgestellt und zum bestimmten „Was-es ist“ weiter-gedacht. (Fichte, Zu Bardilis Logik, GA II, 5, 280)

Die ganze Möglichkeit des diskursiven Denkens (hier im Rahmen der Möglichkeit einer Logik) beruht darauf, dass das bestimmt Gesetzte (z. B. A) gesetzt sei und bleibe was es ist (ebd. GAII, 5, S 274). Das Gesetzte wird weiter bestimmt. Das Vermögen zu halten und zu fixieren ist das Denkvermögen, der Verstand. Das Ruhende in diesem Verstehen ist das Denken.

Eine mögliche formale Logik  beruht auf dieser Möglichkeit a) der Fixierung des Schwebens der Einbildungskraft  – und b) zugleich auf der Möglichkeit, ein logisches Glied zu abstrahieren. M. a. W., die formale Logik besteht kraft Einbildungskraft in diesem abstrahierten Schweben des logischen Gegensatzes und dessen Denkbarkeit. Sie muss sich aber selbst in der intellektuellen Anschauung wiederum (dank der schwebenden Einbildungskraft) auf ihre vorstellbare Denkbarkeit und widerspruchsfreie Logizität hin prüfen lassen. In die Logik, ermöglicht durch das Schweben der Einbildungskraft, ist noch keine Metaphysik gesetzt (Fichte, Zu Bardilis Logik, GA II, 5, 269), weil das Denken der Logik (die Identität, der Widerspruch, der Satz vom Grunde, das formal Abstrakte) nur kraft synthetischen Bestimmungen des Denkens  zustande kommt innerhalb des Gesetztseins des Bewusstseins überhaupt. Was nicht gedacht und intellektuell angeschaut werden kann, kann auch nicht abstrahiert und als logische Synthesis oder logisches Glied oder logischer Schluss  behauptet werden.  Es kann ein C geben im Sinne eines widerspruchsfreien Gedachtseins einer logischen oder  mathematischen Realität, aber damit ist z. B. die Mathematik nicht auf logische Begründungen zurückzuführen (wie FREGE das wollte), sondern ebenfalls nur durch  Anschaubarkeit begründbar.  

Sollte zudem in Raum und Zeit etwas als Empfindung (Gefühl) oder als Aufruf gedacht werden, muss es ein einsehendes Übergehen von a nach b nach c geben – in der Sphäre der Quantitabilität, der Teilbarkeit überhaupt.  (Alles hier nach „Bardilis Logik.“) 

7) Da die gebundene Einbildungskraft in ihrem Schweben die Existenzgrundlage des Denkens ist, wird es jetzt eine Gewissensfrage, im Denken und durch das Denken Rechenschaft abzulegen über das Schweben und noch unbestimmt gefasste Was des Rückbezugs des Vorstellens. Es gibt, so höre ich den Grundtenor des Aufsatzes von K. Hammacher, eine Rechenschaftspflicht des Denkens, über den gnoseologischen und ontologischen Status von C (oder eines empfindbaren c) zu urteilen und zu entscheiden, d. h. dessen Sinn zu erkennen.

Das diskursive Denken, d. h. dass in allem Denken nur ein Gedachtes (ein Vorgestellt-Gedachtes) liegt, und alles Gedachte darin gleich ist, dass es ein (vorgestellt) Gedachtes ist, kann nicht ein bloß phantasiert Gedachtes sein, denn es würde sich bald des Widerspruchs überführen; umgekehrt gilt aber auch, dass ein ästhetisches Kunstwerk (sei es auf Seiten des Produzenten oder auf Seiten des Rezipienten) nicht bloßes Phantasieprodukt, bloße unverantwortete Form auf Dauer sein kann oder sein will, sondern durch die Gesetze der Einbildungskraft und durch das begreifende Denken wird eine gebundene zeitliche Reihe aufgebaut und zeigt sich, nolens volens, der absolute Bestimmungsgrund des Wollens und dessen realisierte Existenz.

Dass mit dem Dass eines Sich-Zeigens noch kein Was des Sich-Zeigens gesetzt sein kann, ist nicht denkbar, weil den Bedingungen der Wissbarkeit nach muss das Sich-Zeigen selbst bereits eine wissbare Bestimmbarkeit sein, ein implizites Wissen. Das reflektierende Denken vermag dann in weiterer Folge das Sich-Zeigen – im unwandelbaren Modus des Schwebens der Einbildungskraft – zu einer begriffenen Anschauung und zu einem zeitlichen Werden und einem bestimmten relevanten Wert weiterzubilden und zu konkretisieren.6
Einen Modus des Sich-Zeigens für sich zu abstrahieren und gesondert herauszustellen, eine „Epistemologie“ des Ästhetischen zu leisten, ist abstrakt möglich, aber die konkrete Bedeutung dieser herausgehobenen „Epistemologie“ des Ästhetischen ist selbst schon wieder ein begrifflicher Zusammenhang und ein Gedachtes
und eine relevante Wertsetzung.

Ipso facto ist jedes Sich-Zeigen und jede Anschauung implizit bereits ein begriffliches und gewusstes Gelöstsein der gebundenen Anschauung an die Mannigfaltigkeit der Hemmungen und Aufrufe. Dies beginnt bereits in jeder gefühlshaften Empfindung. Die Wahrnehmung ist schon begriffliche Wahrnehmung, spontane Reaktion und Widerstandsleistung und implizite Sinngebung. Eine Empfindung ist nicht ein bloßes Dass einer gebundenen Einbildungskraft, sondern eine bestimmte Auseinandersetzung und Aufbau einer intentionalen Hemmung bzw. Aufbau eines interpersonalen Aufrufes. Es liegt eine existentielle und intensive und extensive Auseinandersetzung in der Wahrnehmung, eine Triebbefriedigung in jeder Vorstellung, und eine höhere Werterfüllung und Sinngebung in jedem praktischen Streben (Wollen).

8) Der Trieb der Vorstellung im Bereich des Anschauens geht so lange fort, bis die Vorstellung in Übereinstimmung mit dem Vorgestellten zufrieden ist.

In der Kunst und im Kunstwerk ist die Abstraktion auf die Anschauung und Wahrnehmung vielleicht freier, weiter, vielfältiger, aber sollte eine Aussage getroffen, das Was mit dem Dass einer Vorstellung gezeigt werden, so muss sich diese Ästhetik und Kunst der Gesetze der Logik und des Denkens bedienen, ferner aller Formen des triebbestimmten Lebens und des Leibes.

Von einer eigenen Erkenntnisform des Ästhetischen zu sprechen, wie es vielleicht? Dieter Mersch will, beruht auf einer zwar möglichen Abstraktion, aber in Wirklichkeit ist auch diese Abstraktion von gedanklichen Formen und verstandlichen Fixierungen und urteilsmäßigen Begriffen durchsetzt.

Eine gewisse Eigen-Berechtigung des ästhetischen Denkens möchte ich aber insofern begrüßen, da ja das Denken im Gewissen Rechenschaft zu geben genötigt ist, ob es das Schweben der Einbildungskraft und die Formen der Anschauung wirklich gut und richtig getroffen hat und wiedergibt. Die Hybris sogenannter „Wissenschaft“ bekommen wir oft deutlich und schmerzlich zu spüren! Diese Hybris durch anschauliche Kunstobjekte und durch eine Form ästhetischen Wissens zu korrigieren, ist sittlich-praktisch zu begrüßen. D. Mersch bringt ein paar Beispiele – siehe dort, z. B. S 41, „Say it isn‘t so“ v. John Isaac, oder „3 stoppages étalon“ v. Marcel Duchamp.

9) Hypothetisch herausgehobene, ästhetische Formen und hypothetisch davon unterschiedene Formen des Denken teilen sich die gleiche Gattungsart der Vorstellung. Es ist die Teilbarkeit im Gedachten des Sich-Zeigens und des weiterbestimmenden Denkens. Das weiterbestimmende Denken in der Teilbarkeit des Gedachten kann eine vielfältige, unendliche Weise der Interpretation annehmen. D. Mersch beschreibt den „Stierkopf“ von Pablo Picasso, 1942,(ebd. S 187 – 191), und endet in einer großen Vielfalt formaler und mythologischer und geschichtlicher Konnotationen und Ideen. Die schlichte ästhetische Form (des Stierkopfes) vermag sich durch Denken zu einer assoziativen, breit ausladenden Idee heranzubilden, zu einer weit über die schlichte Form hinausgehenden zeitlichen und räumlichen Begrifflichkeit, die mir geradezu die Einheit von Anschauung und Denken im unwandelbaren Modus des Schwebens der Einbildungskraft förmlich aufzwingt. Denn eins ohne das andere wäre nicht möglich, die Anschauung nicht ohne das Denken, und das Denken nicht ohne der Anschauung. Das Kunstwerk wird zu einem Symbol, zu einem Impetus, zu einer Performanz vieler Ideen, weil es in der gebundenen Einheit der Einbildungskraft und der Bezogenheit der Vorstellung auf das Schweben derselben einerseits, das freie Vorstellen und Denken andererseits, ermöglicht. Deshalb ist aber das anschauliche Bilden und Gebildetsein nicht unabhängig vom Denken oder eine Epistemologie der Bildlichkeit zu denken.

Kunst denkt anders, ja, wenn es ein eingefahrenes, stures Denken aufbricht zu neuen Vorstellungen, zu neuen Sinngehalten, zu freien Vorstellungen, zu neuen Zusammenhängen; D. Mersch ist für diese Herausarbeitung des Gegensatzes wie ich den Schlusssatz interpretiere: „Nichts ersetzt darum die unmittelbare Konfrontation und die Auseinandersetzung mit der Praxis der Künste und der ihr innewohnenden Epistemik, der Alterität ihres <Denkens>.“ (ebd. S 200)

Kunst denkt gleich, möchte ich aber ebenfalls sagen, wenn ich die transzendentallogischen Gesetze von Anschauung, Verstand, Denken, Aufbau von Zeitlichkeit, übergehenden Willen, bedenke, denn das Zeigen der Kunst, diese ganze beschriebene Alterität derselben, ist ebenfalls nur im Denken möglich. Kunst und Denken kommen im Gedachten der Vorstellung überein, müssen überein kommen, wenn sie einen Geltungsanspruch ihrer Aussagen behaupten.

Zum höchsten Begriff einer Epistemologie, einer Epistemologie aller Bildlichkeit, dazu möchte ich verweisen auf M. J. Siemek. 7

(c) Altheim. 11.12. 2019,  Franz Strasser

1K. Hammacher, Das Fundament der Ethik. Zur Bestimmung des Gewissens. Philosophisches Jahrbuch, 76. Jahrgang, 243 – 256, 1968/69.

2K. Hammacher, ebd., S 255.

3Eine anschauliche Demonstration dieses Zueinanders von Objekthaftigkeit des Denkens und notwendiger Zweckgerichtetheit des Denkens wären die §§ 2- 13 der Wlnm.

4D. Mersch fragt in diesem Zusammenhang an, ob die denkerische Bewältigung der Vorstellung und der ästhetischen Anschauung in der Rezeptionsgeschichte von Kunst und Ästhetik nicht stets überbewertet worden ist. Kunst und Ästhetik musste gegenüber der denkerischen Einordnung und Bedeutungsgebung zurücktreten.(?) (ebd. S 13)

5Zur Unerklärbarkeit des Schwebens rein aus dem Vorstellen – siehe z. B. GWL, SW I, 127; S 156. Von allem Anfang des dortigen § 4 der GWL ist klar, dass es nur eine synthetische Lösung geben kann von theoretischer (intelligenter) und praktischer Tätigkeit der Vernunft. Die Vorstellung wäre ohne Streben nicht möglich, und das Streben ohne Vorstellung nicht denkbar.

6Der sonst gerne „allgemein“ apostrophierte und alles zur Verallgemeinerung neigende Begriff ist somit auch konkretisierende, theoretisch-praktische Bestimmung der allgemeinen Anschauung im Schweben der Einbildungskraft.

7MAREK J. SIEMEK, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: Erich Fuchs (Hrsg.), Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, 41-63. M. J. Siemek unterscheidet drei Stufen: der Begriff des Bildes, das Bild als Begriff und die Bildlichkeit selbst. Das Wissen als Bild erkennt sich auf dieser epistemologischen Stufe in seiner sinnstiftenden und sinnverstehenden Bildlichkeit, die sich selbst bildet. Die epistemische Relation wird eine epistemologische, das Wissen wird zum Bild des Bildes.