Jacques Derrida, kritische Lektüre – 2. Teil.

Jacques Derrida, Grammatologie. 1. Kapitel, 16 – 48. Übers. v. Hans-Jörg Rheinberger und Hanns Zischler, © Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1974, 13. Auflage 2016.

Bekanntlich hat J. DERRIDA in seiner „Grammatologie“ und in „Die Schrift und die Differenz“ das Ende der Herrschaft des Logos über die Schrift prophezeit. Ich möchte nur aus den Anfangsstellen des Buches „Grammatologie“, Kapitel 1, „Das Ende des Buches und der Anfang der Schrift“ zitieren und mir erlauben, transzendentale Kritik zu üben. Es war für mich ein sehr inspirierendes Buch – und gerade deshalb auch sehr zum Widerspruch reizend. Meiner Lektüre füge ich kurze Anfragen an, was mir als ein Problem erscheint und m. E. fraglich ist. In der Literaturkritik wurde seine Methode der Dekonstruktion der Zeichen m. E. fruchtbar weitergeführt, und ausdrücklich möchte hervorheben, dass ich sie im literarischen Raum als hilfreich und positiv empfinde. Was die systematische und philosophische Einschätzung des Gramma-Denkens und des Schriftgebrauchs betrifft, da bin ich allerdings anderer Meinung und möchte das kurz begründen. Derrida hat eine Aversion gegen jedes Präsenz- und Transzendenz-Denken, kommt aber gerade mittels seines Dekonstruierens und mittels seiner begrifflichen Dialektik nicht darum herum!

Im Gegenteil, er muss erst recht in seinem Verfahren Unterschiede, Markierungen, Zeichen, Spuren setzen, die etwas voraussetzen, ohne es aber genügend begründen zu können. Er ist hier einfach schlecht beraten von Husserl, Heidegger und Hegel.

Auf die Enthüllung eines Ursprungs jenseits der phonetischen Sprache und der alltäglichen Schriftsprache will er hinaus, auf eine Kritik der idealisierten Herrschaft des Bezeichnens und auf eine größere Auslegungsform des Menschseins überhaupt jenseits logozentrischer Wissenschaftlichkeit. Aber kann er mit „Spur“, „Aufschub“,  „differance“ diese Fülle der Auslegungsmöglichkeiten des Menschseins erreichen? Seine immense Philosophiekenntnis von der Antike bis heute, sein Kenntnis der Linguistik und sämtlicher Sprachforschungen, seine dialektische Kunst und Belesenheit, das alles verlangt eine Bewunderung ab, aber dann fällt dieses Denken plötzlich ab in einen undenkbaren Sensualismus des Erkennens (siehe z. B. den Abschnitt in „Die Brisur“, S 115-116), oder es werden die Anschauungsformen von Zeit und Raum selbst zu Formen der Artikulation (der Begriffe) (ebd. S 114), oder es bekommt die „differance“ einen psychoanalytisch-psychologischen Einschlag (I Hauptteil, S 157f).

Systematisch falsch finde ich a) dass er den Differenzbegriff letztlich bestimmt aus dem Problembewusstsein einer nur über die via negationis bestimmbaren Wahrheit1 und b) den damit verbundenen Charakter der Unverbindlichkeit aller Zeichen. Alles ist ein unendliches Spiel der Auslegungsmöglichkeiten. Es müsste gerade umgekehrt sein: Das Denken über Sprache und Schrift offenbart zwar eine analoge Fülle von differentiellen Bestimmungen der Zeichen, muss es auch, wenn es Freiheit gibt, aber deshalb ist und bleibt die Genese der Zeichen, sei es im flüchtigen Zeichen der Sprache oder in den persistenten Zeichen der Schrift, einer praktischen Handlungsverpflichtung geschuldet, die ebenfalls aufgedeckt und eingestanden werden müsste. Die im Schweben der ursprünglich produzierende Einbildungskraft zutage tretenden, erscheinenden materialen Bedingungen der Zeichen beruhen auf analytisch-synthetischen, theoretischen und praktischen Bestrebungen, die mir aber nicht überall klar ausgesprochen scheinen! Ich kann weder den materialen Sinn der dem Schweben der Einbildungskraft zugrundeliegenden unmittelbaren Anschauung total begrifflich vereinnahmen (idealistisch), noch einfach blind realistisch voraussetzen.

Der Reflexionsakt des Fragens nach den Bedingungen der Möglichkeit des Wissens ist nicht eine bloß unendliche Möglichkeit des Denkens, sondern bereits eine modal bestimmte, existentiell „angehobene“ Möglichkeit des Denkens und setzt ipso facto sowohl a) auf Seiten des unendlichen Vermögens zu teilen und des quantitativen Hinausgehens eine endliche Totalität der Wissensformen voraus, mittels derer Wahrgenommenes und Sinnliches verarbeitet werden und b) auf Seiten des Wahrgenommenen und Gefühlten eine Seinsqualität, die ebenfalls einen Totalsinn voraussetzt, und als Wahrgenommenes, Gefühltes, sinnlich Erfahrenes oder auch intellektuell Werthaftes unmittelbar gesehen werden kann – nicht unendlich differenziert und geteilt.

Das unendliche Vermögen zu teilen oder, wie Derrida sagen täte, zu differenzieren, verdankt sich dem Schweben der ursprünglich produzierende Einbildungskraft und der schöpferischen Denkkraft des Verstandes (des Begriffes), das mittels darin liegender materialer Sinn-Erscheinung (Sinn-Erfahrung) zu vielfältigen phonetischen und graphischen Zeichen weitergebildet werden kann. (zur genaueren Analyse der Bildlichkeit, siehe Link zu M. J. SIEMEK)
Unendlich ist das Vermögen zu teilen
und zu differenzieren, aber nicht die qualitativ erfahrene Hemmung oder der Aufruf, und sowohl Schweben und Anschauung der Einbildungskraft wie Begriff verarbeiten die Hemmung (oder einen interpersonalen Aufruf) zu einer sinnhaften und sinnvollen Vorstellung und qualitativen Wert (oder Unwert). Ein Denken, das angeblich auf die aus der Genese des Schwebens und des Verstandes gebildete Zeichen reflektiert und es hinterfrägt und dekonstruiert, bezieht sich nicht auf das gebildete Zeichen selbst – das für sich genommen widerspruchsfrei ist – sondern nur auf die Epistemologie ihrer Bildung. Der eigene Denkakt des Erkennens und Differenzierens müsste ein selbstbezügliches Wissen und Sich-Wissen werden, ein Erkennen der Genese von Sein und Denken, um die mittels Zeichen ausgesprochene Sinnbedeutung in ihrer Werthaftigkeit und Relevanz zu bestimmen (zu dekonstruieren). Derridas Differenzieren bezieht sich auf die schon verobjektivierten Zeichen, die, wie alles Vorgestellte, für sich unendlich teilbar sind, aber nicht von ungefähr so gebildet und zeitlich geworden sind. Dekonstruiert müsste die Generierung der zeichenhaften und sprachlichen Figurationen werden, nicht die Zeichen selbst. Sie sind manchmal gut analysiert, aber das verdankt sich einer zufälligen Belesenheit des Autors und einer hermeneutischen Interpretation. Ich möchte sagen:
Das Nachdenken und Dekonstruieren der gebildeten Zeichen dekonstruiere nicht die Zeichen selbst, sondern die dahinterliegenden, genetischen und zeitlich gewordenen Sinnbestimmungen. Verfällt Derrida, so scheint mir, letztlich nicht doch einem Positivismus der Zeichen (der „Spur“), anstatt die Epistemologie der epistemischen Zeichen zu durchschauen?

Wenn Derrida sagen kann: „Die Exteriorität des Signifikanten ist die Exteriorität der Schrift im allgemeinen.“ (ebd. S 29), d. h., dass also Sprachzeichen oder Schriftzeichen Verlagerungen (Exteriorisierungen) nach außen sind, durch irgendwelche? (evolutionistische?) anthropologische Notwendigkeiten geschaffen, so stimmt das von der zeitlichen Erscheinungsweise her, bleibt aber transzendental gesehen eine faktische Denkweise ohne Erklärung der Bedingungen der Wissbarkeit nach.  Der Weg zur Bildung dieser Zeichen mit ihrem ursprünglich zugrundeliegenden Sinn, das wäre gefragt und platonisch erkannt! Derrida macht es wie Aristoteles: in der differentia specifica einer Abstraktion möchte er das Wesen dechiffrieren und de-konstruieren.  

Es kann nach der „Spur“, nach der „Brisur“ oder nach der „differance“ in einer infiniten Mannigfaltigkeit des Differenzierens der Vorstellungen gefragt werden, aber das ist nicht der qualitative Sinn-Gehalt der Vorstellungen selbst, weil einerseits a) die Totalität der endlichen Wissensformen vorausgesetzt werden muss, sobald in der Zeit und Endlichkeit begonnen wird und andererseits b) ein Totalsinn der begegnenden Hemmung/des Aufrufes.  In dieser endlichen Totalität der Wissensformen  und des Totalsinns der auftretenden Hemmungen bzw. Aufrufe, ist der Vollzug des Wissens geschlossen, was umgekehrt heißt, dass diese Geschlossenheit die Möglichkeit lässt zu  einem offenen System der begegnenden  Hemmungen und Aufrufe. (Siehe meine Blogs zum Sinnbegriff in den  „Thatsachen des Bewusstseins“).

Woher will Derrida wissen, dass es erst jenseits der Zeichen einen, bei ihm irgendwie magisch klingenden Ursprung der „Spur“, der „differance“, der „Urschrift“ geben soll? Ganz seiner Meinung, doch nur innerhalb einer geschlossenen Totalität des Wissens gibt es das unendlich offene System der Sinnerfahrung.  

Ich kann mich im Rahmen eines kurzen Blogs nur auf das 1. Kapitel, I. Hauptabschnitt beschränken.

Weil Derrida einerseits mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der phono- und logozentristischen Verstehensweise auftritt, verspricht er sich andererseits von der Struktur der „Spur“, der „differance“, der „Urschrift“ eine größere Bedeutungsvielfalt und Freiheit des Denkens und Handelns bzw. in der ganzen Erkenntnis. 2

Ja, eine Freiheit liegt zweifellos im Dekonstruieren, aber das Resultat der Übertragungen des differentiellen Vermögens auf eine Fülle der Zeichen offenbart nicht selbst wieder eine unendliche Fülle der Wissensformen oder einen unendlichen Totalsinn, denn dann wäre dieses Dekonstruieren nicht möglich, sondern erst auf der Basis einer geschlossenen Totalität der Wissensformen und einer qualitativen Erfahrung des Sinns ist ein quantifizierendes Dekonstruieren möglich. Der Ursprung jenseits aller Differenzierungen von Signifikant und Signifikat, wie es Derrida gerne will, ist nicht wieder unendlich, was ein Widerspruch wäre, 3sondern Vermögen der Freiheit dank materialer, unerschöpflicher Sinn- und Werterfahrung.

1) „Mit einer behutsamen Bewegung, deren Notwendigkeit kaum wahrzunehmen ist, beginnt alles, was seit wenigstens zwei Jahrtausenden sich unter dem Namen der Sprache zu versammeln trachtete und damit schließlich auch Erfolg hatte, sich nun in den Namen der Schrift zu verlagern, zumindest darunter sich zusammenfassen zu lassen. Mit einer Notwendigkeit, die kaum wahrzunehmen ist, scheint der Begriff der Schrift zusehends die Extension der Sprache zu überschreiten; er hört auf, eine besondere und abgeleitete, eine Hilfsform der Sprache im allgemeinen (ob als Kommunikation, Relation, Ausdruck, Bezeichnung oder Konstitution von Sinn oder Denken usw. verstanden), die Hülle, das inkonsistente Doppel eines höheren Signifikanten, den Signifikanten des Signifikanten zu bezeichnen. Es hat den Anschein, als ob die Schrift die Sprache begreifen würde (in allen Bedeutungen dieses Wortes). Nicht daß das Wort »Schrift« aufhörte, den Signifikanten des Signifikanten zu bezeichnen; in einem ungewohnten Licht aber wird deutlich, daß »Signifikant des Signifikanten« nicht länger eine akzidentelle Verdopplung und abgefallene Sekundarität definiert.“ (Grammatologie, ebd. S 17.)

Die Absicht ist: Die transzendentale Vorgeordnetheit und Prävalenz der Schrift vor der Sprache soll herausgearbeitet werden. Matthias Agethen schreibt in „Texturen“ – siehe Internet Link: „Das philosophische Hauptanliegen Derridas besteht deshalb darin, die traditionelle Dominanz der phone gegenüber der geschriebenen Sprache zu neutralisieren. Derrida versucht dies über einen neuen und universalen Schriftbegriff zu erreichen, der in und mit der Grammatologie entstehen soll und – weit darüber hinaus – Auswirkungen haben wird nicht nur auf den Bereich graphischer Signifikation, sondern vielmehr eine starke Kritik bzw. Korrektur sprachphilosophisch-semiologischer und letztlich auch ontologisch-metaphysischer Annahmen (….) bedeuten wird.“ 4

Die Geschichte der abendländischen Philosophie seit Platon ist für Derrida daher eine Geschichte der Herrschaft der Stimme (Phonozentrismus) und des Logos (Logozentrismus) über die Schrift: Die abendländische Metaphysik sei „immer schon Erniedrigung [und] Verdrängung der Schrift“ (GR 12) gewesen.“ 5

Derrida meldet, wie gesagt, seine Skepsis gegenüber dem phonozentrische und logozentrischen Denken an. Er muss dafür den Zeichenbegriff skeptisieren.6 Die Differenz Signifikant/Signifikat, wie er sie von Saussure übernimmt, ist nach ihm selber relativ und entspringt einer noch unbekannten Einheit, in der und aus der diese Unterscheidung abgeleitet werden können soll, oder zumindest phänomenologisch hervorgeht. Soweit, so gut, nichts auszusetzen! Stillschweigend setzt Derrida dabei aber ebenfalls eine Fülle des Materials der differentiellen Denkmöglichkeiten an, auf die er die Transkriptionen der Zeichen übertragen kann, aber woher kennt er, wie gesagt, diesen Ursprung – und wie ist diese Fülle dann geformt? Ist sie materielle Fülle, zwischenmenschliche, psychologische, wirtschaftliche, politische, religiöse Fülle?

Am Ende des 1. Hauptteils bezieht er vieles in die Dekonstruktion der Zeichen ein: die Diplomatie, die Agrikultur, das Steuerwesen, die Aufteilung der politischen Gewalt, die Struktur der Familie, die Ökonomie usw. (vgl. ebd. S 168f)

»Signifikant des Signifikanten« beschreibt im Gegenteil die Bewegung der Sprache – in ihrem Ursprung; aber man ahnt bereits, daß ein Ursprung, dessen Struktur als Signifikant des Signifikanten zu entziffern ist, sich mit seiner eigenen Hervorbringung selbst hinwegrafft und auslöscht. Das Signifikat fungiert darin seit je als ein Signifikant. Die Sekundarität, die man glaubte der Schrift vorbehalten zu können, affiziert jedes Signifikat im allgemeinen, affiziert es immer schon, das heißt, von Anfang, von Beginn des Spieles an. Es gibt kein Signifikat, das dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten entkäme, welches die Sprache konstituiert, und sei es nur, um ihm letzten Endes wieder anheimzufallen. Die Heraufkunft der Schrift ist die Heraufkunft des Spiels; heute kommt das Spiel zu sich selbst, indem es die Grenze auslöscht, von der aus man die Zirkulation der Zeichen meinte regeln zu können, indem es alle noch Sicherheit gewährenden Signifikate mit sich reißt, alle vom Spiel noch nicht erfaßten Schlupfwinkel aufstöbert und alle Festen schleift, die bis dahin den Bereich der Sprache kontrolliert hatten. Strenggenommen läuft dies auf die Destruktion des Begriffs »Zeichen« und seiner ganzen Logik hinaus.“ (Grammatologie, ebd. S 17)

Meine 1. Anfrage deshalb: Derrida erntet mit seiner Kritik an der Sprachform die Aporie, dass er die vorgängigen Zeichen- und Schriftformen zwecks Verständigung und Mitteilung selber voraussetzen muss; umgekehrt aber möchte er nicht von den „logoszentrierten“ und sinnzentrierten Regeln der Verständigung abhängig sein. Er greift deshalb zu für ihn noch unverbraucht scheinenden Begriffen wie „Spur“, „differance“, aus der die Bestimmung des Zeichens erfolgen soll. Aber auch diese Begriffe sind aus der herkömmlichen Sprache oder Schrift genommen.7 Sein Denkakt oder Sprechakt (und poetisch-literarisches Finden der Begriffe) muss sich selbst der verobjektivierenden Sprach- und Satzstrukturen anpassen. Sein Suchen nach dem „Ursprung“ bleibt verobjektivierend, narrativ, metaphorisch, literarisch-suchend. Die Anschauung dieser Formen wird nicht abgeleitet, sie wird gefunden. Aber das verstehe ich nicht unter „Kritik“. Unter „Kritik“ verstehe ich das begründete Aufzeigen einer Erkenntnis innerhalb der Grenzen der Vernunft, wieweit etwas in den Grenzen der Vernunft und mittels Werkzeug der Vernunft begründet erkannt werden kann.

Meine 2. Anfrage: Derrida entkommt nicht der mannigfaltigen phonetischen Regeln der Sprache und der Syntaktik und Semantik der Schrift. Spätestens Austin und Wittgenstein haben aber durch die Sprechakttheorie bzw. Gebrauchstheorie der Sprache gezeigt, dass von einem geschlossenen Hör- und Verstehenszusammenhang bei Sprache und lesbarer Schrift, d. h. von einer geschlossenen Erkenntnis, ausgegangen werden muss, ansonsten nicht gehandelt werden könnte. Indem Derrida skeptisierend eine Differenz einbringt, setzt er im Handeln diese Differenz doch für geschlossen und implizit erkannt voraus! Die Handlung allerdings des Differenzierens kann nicht total in Erkenntnis aufgehen, sonst könnte ja gar nicht frei gehandelt werden. Im zweiten Schritt des Handels muss stets eine unbewusst, vertraute Möglichkeit des Weiterhandelns und Transzendierens möglich sein. (Umgekehrt könnte auch gesagt werden, das Erkennen geht nicht ganz im Handeln auf.)
Das Gesagte oder in einer Art „Urschrift“ zu Lesende ist natürlich  nie eine totale, begriffliche
Identität zwischen Handeln und Erkennen, weil das Andere im Handeln  nachrangig dem primär projizierten Erkannten sein muss, sonst könnte ja nicht frei gehandelt werden; aber das begründet noch nicht eine skeptisierende Differenz, als wären Handeln und Erkennen total auseinandergerissen.

Erst das verobjektivierte Zeichen kann skeptisiert werden.  Oder anders formuliert: das von Derrida präferierte Differenzierte (und Skeptisierte) im Zeichen ist weder total identisch noch total differierend, sondern ein bildhaft gesetztes Anderes innerhalb eines geschlossenen Erkenntniszusammenhangs des Setzens – und zu weiterer Differenzierung offen. Das Zeichen zu skeptisieren ist aber gar nicht gefragt; die dem Zeichen zugrundeliegende Sinnbestimmung aus dem logoszentrierten Denken wäre die genetische Fragestellung.

2) Derrida strebt eine „Urschrift“ an, die der phonetischen Schrift transzendental vorgeordnet sein soll. Für mich ein spannender Gedanke, insofern die Sinnhaftigkeit der mannigfaltigen Schrifttypen besser hervortreten kann. Aber gibt es zwischen (gesprochener) Sprache und Schrift nicht ein Ableitungsgefälle? Und ist nicht beides durch das Vermögen der Freiheit bedingt und werden nicht beide Typen von Lauten und/oder Schrift-Zeichen auf die Anschauungsformen von Zeit und Raum übertragen? „Die Differenz ist die Artikulation“ (ebd. S 115), ja, weil Differenz die Möglichkeit des Transzendierens ist – und die Artikulation die Möglichkeit, dieses Transzendieren darzustellen.

Die Behauptung, der Begriff der Schrift gehe über den der Sprache hinaus und begreife ihn mit ein, setzt selbstverständlich eine bestimmte Definition der Sprache und der Schrift voraus; ohne den Nachweis ihrer Berechtigung würde man der eben angedeuteten inflationären Bewegung nachgeben, die sich nicht zufällig auch des Wortes »Schrift« bemächtigt hat.“ (Grammatologie, ebd. S 20)

Noch bevor man es als human (mit allen dem Menschen seit je zugesprochenen Unterscheidungsmerkmalen und dem ganzen System von Bedeutungen, das sie implizieren) oder als a-human bestimmte, wäre Gramma – oder Graphem – der Name für das Element. Dieses · Element wäre kein einfaches: wäre, ob als Mittelpunkt oder unteilbares Atom verstanden, Element der Ur-Synthese im allgemeinen, dessen, was innerhalb des metaphysischen Systems von Gegensätzen zu definieren man sich untersagen müßte, was man folglich nicht einmal Erfahrung im allgemeinen, geschweige denn Ursprung des Sinns im allgemeinen nennen dürfte.“ (Grammatologie, ebd. S 21.22)

Es geht nach Derrida um einen Ursprung jenseits sprachlich und teilweise auch schriftlich fixierter Sinneinheiten und Logoseinheiten. D’accord, aber wie wird er genetisiert? Die von Ferdinand de Saussure eingeführte Trennung Signifikant und Signifikat ist wahrlich relativ wie z. B. die Zeichenschrift der Mathematik ja belegt:

Aber jenseits der theoretischen Mathematik vergrößert die Entwicklung der Informationspraktiken auch die Möglichkeiten dessen, was man »message« nennt, so daß diese nicht mehr die »geschriebene« Übersetzung einer Sprache darstellt, die Übertragung eines Signifikates, das als Gesprochenes vollständig erhalten bleiben könnte. Hinzu kommt die Ausweitung der Phonographie (….)“ (ebd. S 23).

Die »Rationalität« – aber vielleicht müßte auf dieses Wort aus dem Grunde, der am Ende dieses Satzes sichtbar wird, verzichtet werden -, die eine derart erweiterte und radikalisierte Schrift beherrscht, stammt nicht mehr aus einem Logos.“ (ebd. S 23)

Die Phone der Sprache mit dem dahinterliegenden Denken des Logos – und später dekonstruiert Derrida den Begriff der „Präsenz“, ebd. S 26 – ist philosophiegeschichtlich gewachsen und deshalb relativierbar. Aber kann man deshalb das Zeichen, sei es der Sprache oder der Schrift, also eine mediatisierte Form der Anschauung und des Denkens, selbst für diese Relativität und Einseitigkeit verantwortlich machen?

 Der Begriff des Zeichens impliziert immer schon die Unterscheidung zwischen Signifikat und Signifikant, selbst wo diese (Saussure zufolge) letzten Endes nichts anderes sind als die zwei Seiten ein und desselben Blattes. Unangetastet bleibt somit ihre Herkunft aus jenem Logozentrismus, der zugleich ein Phonozentrismus ist: absolute Nähe der Stimme zum Sein, der Stimme zum Sinn des Seins, der Stimme zur Idealität des Sinns. […]“ (ebd. S 25)

Die Epoche des Logos erniedrigt also die Schrift, die als Vermittlung der Vermittlung und als Herausfallen aus der Innerlichkeit des Sinns gedacht wird. In diese Epoche gehört die Differenz zwischen Signifikat und Signifikant, zumindest aber der befremdende Abstand ihres » Parallelismus« und ihre wie immer verhaltene gegenseitige Außerlichkeit. Die besagte Zugehörigkeit findet ihre Organisation und Abstufung in einer Geschichte. Die Differenz zwischen Signifikat und Signifikant gehört zutiefst in die Totalität jener großen, von der Geschichte der Metaphysik eingenommenen Epoche; ausdrücklicher und systematischer artikuliert sie sich in der begrenzteren Epoche des christlichen Schöpfungs- und Unendlichkeitsglaubens, der sich die Mittel der griechischen Begrifflichkeit zunutze macht.“ (ebd. S 27)

Meine 3. Anfrage. Die von Derrida konstatierte, angebliche Phonozentriertheit und die zugrundeliegende Logoszentriertheit ist  m. E. nur eine Sicht der Wirklichkeit unter anderen.

Eine Dekonstruktion muss m. E. nicht  zuerst die Zeichen, sondern den die Zeichen schematisierenden Gebrauch und Missbrauch kritisieren, einen Gebrauch und Missbrauch, der die Zeichen instrumentalisiert  und zur „idealen Herrschaft“ des Sinns (ebd. S 165f) emporhebt.
In der Dekonstruktion einen „Ursprung“ zu entdecken und frei zu legen, in einer „positiven Grammatologie“ (siehe ab S 130ff) eine neue Freiheit zu erstreben – dem könnte ich nur zustimmen, aber wie soll das ohne impliziten Totalsinn des Erstrebten und ohne explizit erörterte Handlungen des Bewusstseins möglich sein (einer Totalität von Wissensformen)? Dass die Phantasie der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft in der Mannigfaltigkeit des unendlich ablaufenden Bewusstseins uns nie verlässt und unendlich viele Zeichen zu setzen vermag, ist ja gerade umgekehrt die Gewissheit,  dass es eine analytisch-synthetische Einheit des Wissens gibt, die
sowohl geschlossen wie offen ist, eine transzendente, unerschöpfliche Quelle und Einheit des Wissens wie der Möglichkeit des Differenzierens.

Derrida wird m. E. seltsam ungenau, wenn er von der Verräumlichung der Sprache durch die Schrift spricht oder von der Temporalisierung des linearen Denkens in die Zeichen hinein. Er holt dann gerne zu einem Rundumschlag gegenüber einer über 2000 jährigen Geschichte des Zeichens aus – und beschreibt in geraffter Form dieses göttlich-christliche Denken von Sprache und Natur. (ebd. S 28 – 30); die Schriftskepsis eines Platon (ebd. S 30), die Metaphorik zum Begriff des „Buches“ (ebd. S 31 – 35) u. a. m.

Spätestens ab dem Abschnitt „Das geschriebene Sein“ (ebd. S 35), das mit den Begriffen der Linguistik nach F. d. Saussure beginnt, kommt er dann  in das Zeitdenken Heideggers hinein, wo ich aber aussteige. Das ist nach den Gesetzen der streng gebundenen Einbildungskraft nicht denkbar.  

Schon die Hinarbeitung auf diesen Abschnitt „Das geschriebene Sein“ (S 35 – 48) mit den viel zu hoch bewertenden Vorstellungen eines geschichtlichen Prozesses an sich, lässt mich stutzig werden:

Wir können auf diese Begriffe um so weniger verzichten, als wir ihrer bedürfen, um die Erbschaft aufzulassen, zu der auch sie gehören. Mit versteckten, beständig gefährlichen Bewegungen, die immer wieder dem zu verfallen drohen, was sie dekonstruieren möchten, müssen, im Rahmen der Vollendung, die kritischen Begriffe in einen vorsichtigen und minuziösen Diskurs eingebettet werden, müssen die Bedingungen, die Mitte und die Grenzen ihrer Wirksamkeit markiert, muß mit äußerster Sorgfalt ihre Zugehörigkeit zu jener Maschine bezeichnet werden, die mit diesen Begriffen zerlegt werden kann. Zugleich gilt es, die Spalte ausfindig zu machen, durch die, noch unnennbar, durchschimmert, was nach der Vollendung (outre-clôture) kommt. Dem Zeichenbegriff kommt hier exemplarische Bedeutung zu. Wir haben seine Zugehörigkeit zur Metaphysik herausgestellt. Dennoch wissen wir, daß die Thematik des Zeichens seit nahezu einem Jahrhundert den Todeskampf einer Tradition darstellt, die vorgab, den Sinn, die Wahrheit, die Präsenz, das Sein usw. der Bewegung der Bedeutung zu entziehen. Unser bereits angedeutetes Mißtrauen gegenüber der Differenz zwischen Signifikat und Signifikant oder gegenüber der Idee des Zeichens im allgemeinen zwingt uns sogleich zu einer Präzisierung: wir mißtrauen ihm nicht von einer Instanz der anwesenden, dem Zeichen vorgängigen, äußerlichen oder übergeordneten Wahrheit, nicht von dem Ort aus, an dem es die Differenz nicht mehr gibt. Ganz im Gegenteil. Uns beschäftigt das, was im Zeichenbegriff – der außerhalb der Geschichte der Philosophie (der Präsenz) weder existiert noch je funktioniert hat – von dieser Geschichte systematisch und genealogisch bestimmt bleibt.“ (ebd. S 28.29)

Derrida bezichtigt den Zeichenbegriff als „von der Geschichte systematisch und genealogisch“ bestimmt und gebraucht, um kritisch eine relativierende Sicht auf die transzendentallogische Struktur von Sprache und Schrift zu gewinnen. Aber ein geschichtliches Sein als metaphysischen Ursprung der Zeichen und als Ursprung der Syntax und Semantik der Sätze zu unterstellen – das vermischt wieder das Denken der Vorstellungen von den Zeichen mit den Zeichen selbst (mit den Objekten), die allesamt, als Natur, als Gesellschaft, aus dem Vermögen der Freiheit und der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft gebildet sind.

Die mediatisierte Form der Sprache und der Schrift ist ein geschichtliches Resultat, klar, wie alles Geschichtliche, wenn ich mich phänomenologisch auf die zeitliche Einheit mit dem Mediatisierten stelle bzw. bereits die Anwendung des Mediatisierten bedenke, aber der Rückbezug des Mediatisierten auf einen absoluten Bestimmungsgrund der Entstehung offenbart einen vor-zeitlichen, transzendentalen Grund. Derrida baut das Feindbild des geschichtlichen Zeichens auf, um es dann zu dekonstruieren, aber das war nicht die Frage nach dem Grund. 8

Deshalb meine 4. Anfrage: Sobald das Sein zeitlich gedacht wird, wie bei Heidegger, oder eine Bewegung der Geschichte wird, wie bei Hegel, ist die Basis der Vernunft und des Denkens verlassen. Da wird es irrational und letztlich ist die Wahrheit selbst damit zeitlich geworden. Wohin ist der Geltungsgrund des Bezeichnens bei Derrida entschwunden?

Derrida bekennt sich geradezu zu einem geschichtlichen Werden der Zeichen:

Die Exteriorität des Signifikanten ist die Exteriorität der Schrift im allgemeinen. Wir werden zu zeigen versuchen, daß es kein sprachliches Zeichen gibt, das der Schrift vorherginge. Ohne diese Exteriorität bricht selbst die Idee des Zeichens zusammen. Da ihr Zusammenbruch den unserer ganzen Welt und unserer ganzen Sprache bedeutete, da ihre Evidenz und ihr Wert bis zu einem bestimmten Derivationspunkt eine unzerstörbare Festigkeit bewahren, wäre es geradezu lächerlich, aus ihrer Zugehörigkeit zu einer Epoche zu schließen, man müsse »zu etwas anderem übergehen« und sich des Zeichens, sowohl dieses Ausdrucks als auch dieses Begriffs entledigen. Um den hier skizzierten Gestus angemessen zu erfassen, ist ein neues Verständnis der Ausdrücke » Epoche«, »Abschluß einer Epoche« und »historische Genealogie« erforderlich; vor allem müssen sie jeglichem Relativismus entzogen werden.“ (ebd. S 29.30)

Die Ausführungen zur „Exteriorität des Signifikanten“, die nach Derrida zur Schrift geführt hat bzw. die Schrift in ihrem Wesen sein soll, tragen leider alle diese Behaftung eines objektivistisch vorgestellten, zeitlichen Seins an sich. Es sind mediatisierte Quanta und verobjektivierte Zeichen und verobjektivierte Bilder, ja, aber das wäre ja die Frage, wie sie zu dieser Mediatisierung kommen konnten?  

3) Die Ausführungen zum „Das geschriebene Sein“ (S 35 – 48) sind braves Nachsagen von Heidegger und Hegel. Derrida weist eine transzendentale Identität von Bezeichnendem und Bezeichneten zurück, muss aber dafür selber eine subjektivistische/materialistische Identität supponieren in einem bloßen Begriff der Differenz bzw. in einem bloßen Begriff des Zeichens. Der Begriff ist der Form nach  immer unabweisbar, weil das schematisierende Verfahren der ursprünglich produzierenden Einbildungskraft für die eigene Einsicht ihn notwendig setzt und aus dem unendlichen Vermögen der Freiheit einen setzen kann. Die Frage ist, ob dieses schematisierte Bild eines Begriffes sich zu bewahrheiten und zu bewähren vermag? Der Lauf der Geschichte („Kultur als objektivierte Vernunft“ etc…) nach Hegel bewährt nichts, aber auch nicht ein zeitlicher Seinsbegriff nach Heidegger.

Ein J. G. Fichte argumentiert hier viel höher, aber das kann ich hier nur mehr andeuten: Der Begriff ist der Grund der Welt, er ist es in der lebendigen Beziehung zum Licht. 
.„Es war daher in dieser Einsicht überhaupt nicht das Licht unmittelbar, und die Einsicht ging nicht in ihm auf und fiel mit ihm zusammen, sondern es war nur eine Einsicht in Beziehung auf das Licht, eine dasselbe objektivirende ( )“ (Wissenschaftslehre 1804, 2. Vortrag, GA II, 8, 62).

Das ist nur ein Zitat von Fichte – und natürlich müsste das viel breiter entfaltet werden. Es geht gerade um einen Einheitspunkt zwischen disjunktionsloser Wahrheits- und Vernunfterkenntnis in intuitiver und intellgierender  Weise – und dem diskursiven Übergehen in ein Generieren der Gegensatzglieder Sein und Denken, Sinngehalt und Bedeutung des Zeichens, gebildeter Sinn aus dem Unbildbaren der ERSCHEINUNG. Durch die Gegensatzglieder ist der Zeichenbegriff genetisiert – und kann dann auf seine Voraussetzungen hin hinterfragt werden. Die Wissenschaftslehre Fichtes steht genau in diesem Einheitspunkt zwischen dem Unbildbaren der Erscheinung des Absoluten und dem Sich-Wissen des Wissens, der durch Freiheit initiierten Aktivität der Generierung von Zeichen. Sobald im Urteilen und Wollen übergegangen wird, tritt eine Disjunktion ein zwischen entgegengesetztem Sein und dem dieses Sein wissenden Wissen, die Generierung eines bildhaften Seins bzw. eines Zeichens.
Dies wäre anhand der WL 1804/2 – aber auch zahlreiche andere WL oder „Thatsachen des Bewusstseins“ von 1811 und 1812 schön zu zeigen; oder siehe auch „Transzendentale Logik“ von 1811 und 1812.

So ist z. B. die im 8. Vortrag der WL 1804/2 hervorgehobene „Vernichtung des Begriffes“ hinsichtlich seiner Gültigkeit in einer tieferen Erkenntnisweise doch wieder rehabilitiert im 9. Vortrag, weil der „Begriff“ der „Sicherzeugung der Unbegreiflichkeit“ (GA II, 8, 58) genetisch begründet werden kann.

Es geht nicht um ein bloßes Aufweisen des Zeichens und ein dekonstruierendes Zurückweisen des Begriffs, sondern um die Einsicht in die Entstehung des Zeichens und des Begriffes, ob das begründet ist oder ideologieverdächtig. Weil das Begreifende begrenzt ist, kann es seine Grenzen nicht erfassen. Im Hinblick auf Derrida gesprochen: weil die Differenz als solche ist, kann sie sich nicht selbst erfassen. Derrida spricht von „Spur“, „differance; die Frage wäre im Anschluss an das analytisch-synthetische Vorgehen nach FICHTE: ob Derrida diese Begründung der Differenz durch die Lichtform akzeptieren würde? Es ließen sich zahlreiche, fruchtbare Verknüpfungen zwischen Fichte und Derrida aufbauen, aber das Verständnis des Differenzierens müsste m. E. erweitert werden. Fichte kennt dafür ein prädispositionales Setzen und den Begriff des Bildens. Im Bilden ist mehr ausgesagt als ein bloß urteilstheoretisches Prädizieren bzw. urteilstheoretisches Differenzieren. Die Formbestimmung des Begreifens wird als „sonderndes Prinzip“ gefasst. Dies beginnt bereits mit den Vorarbeiten zur WL in den „EIGNE MEDITATIONEN“ und in der „PRACTISCHEN PHILOSOPHIE“ von 1793/94, wenn vorab zu einer Begriffsbestimmung eines Gegenstandes das Verschiedene und Entgegengesetzte  aus einem Einheitspunkt des Wissens abgeleitet werden. Begreifen ist ein „sonderndes Prinzip“, ist eine Überführung des Ursprünglich-Einen in den Blickpunkt der Differenzierung. Der Form und dem Gehalt nach ist das Setzen und Bilden auf das Eine als Eines bezogen. Das Begreifen des Seins wird in seiner Erkenntnisweise durchdrungen und eine faktische Seinsberechtigung zugesprochen, die aber nicht unbegründet bleibt, sondern aus der Genese der Erscheinung des Absoluten kommt. Die faktische Evidenz des Begriffes ist so nicht trügerisch. Wenn der Bezugspunkt zum Ursprünglich-Einen und die Einsicht in dasselbe gewahrt bleibt, so erscheint dessen Begreifen in einer alternativlosen Weise des Unbedingten, bleibt begründet und gerechtfertigt – und ist doch geöffnet zu einer unendlichen Fülle der quantifizierenden Bestimmbarkeit und zeichenhafter Bestimmtheit.

Der Bezugspunkt zum Licht legt das Bilden fest – also sind Intuition und Begriff wechselseitig durch das Eine bestimmt. Die Ebene des Differenzierens ist dann bereits eine sekundäre, abgeleitete Ebene aus der Ur-Erscheinung des Absoluten. Sie spielt sich bereits auf der Ebene der Wechselbestimmung ab, die für sich nicht unbedingt sein kann, sonst wird sie verabsolutiert, idealistisch oder realistisch-dogmatisch. Unbedingt ist nur der im Differenzieren erscheinende Grund.

© Dr. Franz Strasser, 11. 6. 2019

1So meine ich es zumindest in der „Grammatologie“ erkennen zu können. Es gibt spätere Werke Derridas, die z. B: von der Bejahung erzählen, da würde ich diesen nihilistischen Zug nicht erkennen. Zur Einführung des Begriffes „differance“ siehe bereits im Kap. 1, S 44.

2Über den Zusammenhang Stimme und Schrift, siehe S 77ff.

3Zur Spur siehe auch S 123 f – die geschriebene Spur.

4Matthias Agethen, Derrida oder das „Ende der Herrschaft des Logos über die Schrift“, 1. Teil. Gefunden im Internet – https://texturen-online.jimdo.com/campus/campustexte/derrida-i/ Ein ausgezeichneter Kommentar zum Denken Derridas!

5Matthias Agethen, ebd. S 1.

6So z. B.: „Die Brisur markiert, dass es für ein Zeichen, für die Einheit eins Signifikaten und eines Signifikats unmöglich ist, in der Fülle einer Gegenwart und einer absoluten Präsenz zu entstehen.“ Ebd. S 122. Derrida trägt einen Begriff von qualitativer Präsenz an die Vorstellung einer Identität heran, die natürlich die Form und Kraft des Zeichens übersteigt. Das ist aber gar nicht gefragt. Die Kritik am Zeichen ist hier weit überzogen. Die theoretische Vorstellung ist Bild eines Gebildeten, nicht schon totale, praktische Realisierung.

7Zum Begriff der „Urschrift“ siehe z. B. S 99.

8Siehe C. Stetter, zur Medialität der Schrift. In: Spuren, Lektionen. Praktiken des Symbolischen. Hrsg. v. Cornelia Epping-Jäger, Gisela Fehrmann, Erika Linz , München 2005, 183 – 209.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser