Fichtes Sittenlehre 1798, 1. Teil

Johann Gottlieb Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre (1798), Ausgabe Phil. Bibliothek Meiner, Hamburg, 1995.

1) In der Kennzeichnung der Moral- und Ethiklehren haben sich verschiedenen Charakteristika eingebürgert wie „Tugendethik“, „Deontologische Ethik“, „Teleologische Ethik“, „Utilitaristische Ethik“ u. s. w.

Ich dachte zuerst, als ich die ersten Hauptteile von J. G. FICHTES „Sittenlehre“ von 1798 las, es handle sich um eine reine „deontologische“ Ethik in den Spuren KANTS, insofern das Prinzip eines Sollens herausgearbeitet wird 1, aber auffallend war mir bereits, dass nie nur formal etwas als sittlich gut oder böse aus dem Willen und der Freiheit beschrieben wird, sondern stets rückbezüglich – im Wissen und Gewissen gewusstwird zugleich auf die realen Anwendungsbedingungen der Freiheit und des Wollens geachtet. Die Moralprinzipien werden in ihrer konkreten Anwendung gesehen, mit-gesehen, mit-gewusst, wie das lateinische con-scienta (Gewissen) sagt.

FICHTES Pflicht- und Sollensbegriff horcht sich vielleicht am Anfang so an, als gehe er wie KANT von einem Prinzip der Autonomie aus: Das Prinzip der Selbstständigkeit (siehe unten) wird um alles hervorgehoben, aber diese Selbstständigkeit ist eine Selbstbestimmung mittels Bestimmtheit des Triebes und des Gefühls.

Das fehlt bei KANT total, vielmehr läuft es ja dort auf eine Konfusion hinaus, dass ein sinnliches Gefühl gerade nicht Triebfeder des Sollens sein kann und sein darf.

KANT glaubt, durch den kategorischen Imperativs ein logisches Kriterium (der Urteilskraft) gefunden zu haben, eine Handlung als gut oder verwerflich zu charakterisieren. Die Urteilskraft bei FICHTE, die sonst eine ganz scharfsinnige Rolle spielt – denken wir nur an die Umkehrung der Erfahrungskategorien in Reflexionskategorien – findet hingegen das, was Pflicht ist, und legt es nicht durch Urteilskraft und Verstand fest. Die Materie in einer sittlichen Entscheidung bleibt der Urteilskraft entzogen, vielmehr autorisiert erst das Sittengesetz eine Handlung oder Absicht, indem sich ein Gefühl der Zustimmung (oder der Ablehnung, des schlechten Gewissens) einstellt.

So träfe die Kennzeichnung „deontologische“ Ethik überhaupt nicht die Sittenlehre FICHTES, vielmehr müsste sogar umgekehrt gesagt werden, erst durch die Bildung einer Überzeugung, in einem Prozess des Lernens über das, was Pflicht ist, man könnte sagen, im Einlernen und Praktizieren von Tugend, wächst die Einsicht in das, was das Handeln nach dem Sittengesetz bestimmen soll. Die Erkenntnis des Guten – so die wichtige weitere Erkenntnis nach den Anwendungsbedingungen des Triebes und des Gefühls – wird dabei vom Gewissen vollzogen – siehe dazu später. 2

Es ist für mich geradezu unvorstellbar, welche große Seelenkenntnis und allgemeine Menschen- und Weltkenntnis („Tugendlehre“) FICHTE in der SITTENLEHRE von 1798 an den Tag legt, wie erfahren, pädagogisch, liebevoll und empathisch er auf die Verbesserung der Menschengeschlechtes hinzuwirken trachtet. Die „Tugendethik“ sollte sich noch steigern, wenn ab Mitte des III Hauptstücks (ebd. S 251 bis Ende S 362) die Pflichten material beschrieben werden: Was es heißt, in dem jeweiligen Stand und Beruf sittlich zu sein, für Gerechtigkeit, Schutz des Lebens und des Leibes einzutreten, allgemeine und besondere Pflichten zu übernehmen usw. Die Pflichten im „eigentlichen Verstande“ (ebd. S 251) sind materiale Tugenden dessen, was „Pflicht“ heißen kann. 3

Zur Definition „deontologische Ethik“ siehe – Wikipedia; zur Definition „Tugendethik“ würde ich nicht wikipedia empfehlen; eher das Stichwort „Tugend“ – Wikipedia.

Um nochmals die Sache zu problematisieren: Ethik nach „Prinzipien der Wissenschaftslehre“ ist eine prinzipielle Durchdringung des Ethischen, d. h. eine begriffliche Begründung und Rechtfertigung  und systematische Aufstellung des material Sittlichen als Grundbestimmung des Ich-Bewusstseins. Die Tugenden werden einerseits wie bei ARISTOTELES aufgesucht und gefunden durch die Urteilskraft im sich einstellenden Gefühl des Billigung oder Missbilligung, andererseits transzendental abgeleitet von einem Begriff des Solls, das dem Willen und dem Trieb die Begründung gibt.

2) J. Widmann stellt die Frage nach der Ethik bei FICHTE so: „ Das wesentliche Problem aller konkreten Rechtskonstitution war, dass die gleichwertige Freiheitsverwirklichung aller nur dann bestehen und gedeihen kann, wenn der einzelne seine Handlungen entsprechend entwirft und ausführt. Wie aber kommt der einzelne überhaupt zu Handlungszielen und insbesondere zum Ziel selbsttätiger Freiheitsverwirklichung? Mit dieser Frage betreten wir jenen Bereich, den Fichte in seiner Sittenlehre untersucht.“4

2. 1) In der Selbstbeobachtung des Wollens fällt auf, dass im Begriff des Wollens nicht vom Sein des Wollens abstrahiert werden kann. Das Wollen ist eine ursprünglich objektivierte Äußerung des Bewusstseins. Es ist die vermittels des Denkens bewusst gemachte Selbsttätigkeit des Bewusstseins.5

Wie schon oft ausgeführt und reflektiert: FICHTE denkt sich nicht reduktiv irgendwelche Bedingungen des freien Wollens aus, sondern beginnt mit der Erfahrung, mit einem synthetischen Begriff – und wie diese Erfahrung und dieser zugrundeliegende Begriff den Bedingungen der Möglichkeit nach wissbar sein kann. Jeder Begriff muss anschaulich und in Bezug auf eine Idee hin wissbar gesetzt und bewährt werden können.

Das Wesen des Ichs – nach der GRUNDLAGE von 1794/95, der WLnm von 1796/99 und der GNR 1796 und diversen anderen Schriften und Vorträgen dieser Zeit –  ist Tätigkeit und Bilden. Von dieser Tätigkeit muss ausgegangen werden – und wie könnte es bei FICHTE nicht anders sein, als von der Freiheit  zur Selbstbestimmung und Selbstständigkeit ausgehend. 

Wieder J. Widmann: „Vor jedem bestimmten Wollen, das sich in einer realen Handlung manifestiert, liegt somit die reine Tendenz zur absoluten Tätigkeit. Schaut das Ich diese Tendenz an und identifiziert sich mit ihr, so setzt es sich als frei, d. h. es setzt sich als ursprüngliche Potenz zu einer ,,Kausalität“. Und zwar zu einer schöpferischen Kausalität, deren Wirkungsform nicht als Glied einer vorausgehenden Kausalkette bestimmt ist, sondern die allein und ursprünglich durch ein Begriffsbild des Ich in Gang gesetzt – also „angefangen“ – und geprägt wird. Die spezielle Frage in der Grundlegung der Sittenlehre ist nun, wie das Ich sich seiner Tendenz zur Selbsttätigkeit begrifflich bewusst wird.
Die Tendenz zur Selbsttätigkeit äußert sich zunächst als
Trieb. Doch nicht als ein Trieb, der auf einen Teil des Ich, sondern der auf das ganze Ich gerichtet ist. Diese Gesamtausrichtung hat zur Folge, dass aus dem Trieb nicht ein Gefühl erfolgt, wie nach der in der ,,Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“ dargelegten allgemeinen Regel zu erwarten wäre. Die Existenz eines Gefühls setzt Abhängigkeit des Subjektiven von einem Objektiven voraus. Im Trieb zur unabhängigen Selbsttätigkeit ist jedoch der Sonderfall gegeben, dass eine solche Abhängigkeit gerade nicht statt hat. Was erscheint dann als Folge dieses besonderen Triebes? Ein „reiner Gedanke, dem nicht das geringste von Gefühl oder sinnlicher Anschauung beigemischt sein kann“. 6

FICHTE kommt in § 3  (SL 1798, ebd. S 38ff) mit dem „reinen Gedanken“ zu einem kategorischen und unbedingten Begriff einer freien Konsequenz, zum Begriff des reinen Soll – wie er ihn später in den Vorträgen 15. – 17. der WL 1804/2 hervorragend noch herausarbeiten wird. Das wäre vorerst als erstes Ziel angestrebt. Da aber in jedem Absatz und Paragraphen eine Fülle von transzendentalen Wahrheiten deduziert sind, im ganzen I und II Hauptstück, möchte ich detaillierter die SL noch paraphrasieren:

2. 2) Nach einer für sich stehenden, absolut starken Einleitung, die für sich einer breiten Würdigung wert wäre, bereitet FICHTE im 1. Hauptstück in einer „Vorerinnerung“ eine Deduktion vor. „De-duzieren“ heißt ableiten aus der Idealform einer Idee zu einem konkreten Begriff derselben.

Vorerinnerung“ (ebd. S 13 ff)7

Für den moralischen Menschen kann und darf es keine Nötigung von außen geben. Es muss vielmehr eine genetische Erkenntnis aus dem Wesen des endlichen Vernunftwesens selbst  geben, wie er frei handeln kann  – und warum.  

FICHTE beginnt, ähnlich wie in der WLnm, die zeitgleich vorgetragen wurde: Denke dich selbst und siehe dir dabei zu, wie du es machst.

§ 1. Aufgabe. Sich selbst, bloß als sich selbst, d. i. abgesondert von allem, was nicht wir selbst ist, zu denken“  Auflösung 1. Lehrsatz. Ich finde mich selbst, als mich selbst, nur wollend.“ (ebd. S 18) Was heißt eigentlich, ich finde mich?

Das Gefundene soll so sein, wie es ist. Der Findende erscheint sich hier passiv. (ebd. S 19)  Ferner, was kann das heißen, ich finde mich wollend?

Der Beweis gründet sich auf den Begriff des Ichs. Der Charakter des Ichs ist, dass es ein Handelndes ist und zugleich das, worauf gehandelt wird, ein und dasselbe. (S 22)  Der Begriff der Ichheit, oder anderes gesagt, der Begriff der Gewissheit, der Sittenlehre, der gesamten Philosophie – sie haben im (absoluten) Ich ihren Grund.

Das Wollen ist unter Voraussetzung eines vom Ich Verschiedenen denkbar.  Das bestimme Wollen und ein abstraktes Wollen muss dabei unterschieden werden.  Ein bestimmtes Wollen heißt Etwas wollen.  Die Möglichkeit des Wollens setzt dabei den Begriff eines „außer uns“ (in intellektueller Anschauung).

Um das wahre Wesen des Wollens zu finden muss ich jenes „außer uns“ und Fremdartige im bestimmten Wollen wegdenken. Übrig bleibt das reine Sein. (ebd. S 24)  Nach der Abstraktion von jedem bestimmten Wollen entsteht ein Wollen als solches. Das ist eigentlich nur negativ fassbar; d. h. es soll nicht abhängig sein von etwas, sondern durch sich selbst begründet sein, ein Erstes.

Das Wollen soll sein ein Absolutes und Erstes und durch kein Etwas außer dem Ich bedingt, sondern nur aus dem Ich selbst sein. (S 25)  Das Wollen erscheint als absolut, aber diese Erscheinung kann trotzdem erklärt werden:  Die Erklärung meint das, was der Begriff der Wahrheit ausdrücken will: Die Wahrheit ist hier selbst ihre Begründung und ihr Kriterium. Dahinter steht ein praktisches Interesse. (ebd. Anmerkung S 25.26)

Hierzu möchte ich wiederum mithilfe von J. Widmann weiter ausholen: 8

J. Widmann macht darauf aufmerksam, dass im 3. Hauptteil § 14 (ebd. S 154ff), wenn FICHTE von den formalen Bedingungen der Moralität spricht, der Wille vom bestimmten Wollen unterschieden werden muss.  FICHTE distinguiert:

a) das actuale Wollen ist zwar faktische Bedingung für das distinkte Erscheinen des Willens, aber nicht unmittelbar Bedingung für den Begriff des Willens.

b) Die primäre Willensentscheidung geht auf einen umfassenden Begriff von Sinn und Inhalt aus, der aber im bestimmten Wollen, das „ein absolut freies Uebergehen von Unbestimmtheit zur Bestimmtheit, mit dem Bewusstseyn desselben“ (S 154) ist, nicht gefasst werden kann. Das bestimmte Wollen ist im Rückgriff auf das faktische Resultat bereits relativ erscheinend, nicht mehr absolut.

M. a. W., der genetische Ursprungsmoment des Wollens und die eigentliche Intention des Ichs wird im bestimmten Wollen nicht mehr greifbar und sichtbar, sondern das Ich zieht hier seinen Blick vom primär Gewollten ab, vom genetischen Ursprungsmoment, um ein sekundär Gewolltes zu realisieren, nämlich das Mittel, das es zum Erreichen des primären Zweckes – der umfassenden Zweck- und Sinnbildung – braucht. „Dies Mittel überhaupt ist der Wille: er ist nicht um seiner selbst willen, sondern um des im absoluten Soll gesetzten Zweckes willen.“ 9

Der Begriff des Willens resultiert so nicht aus dem Wollen überhaupt, sondern aus einem bestimmten Wollen: dem Willen zur Sich-Erkenntnis. „Der Begriff des Willens entsteht aus der Abstraktion vom konkreten Zielinhalt des Wollens. Als Ziel bleibt hierbei dem essentiell zielgerichteten Wollen nur seine eigene prinzipielle Form. Sie gibt den Inhalt des reinen Begriffs vom Willen.“ 10

c) Wenn sich faktisches Wollen und Willen disjungieren, so bedeutet das, wie gesagt, für alle je mögliche Willenssetzung eines endlichen Ichs innerhalb des absoluten Ichs, dass jede faktische Wollenssetzung (im Bewusstseins) nur ein Teil der überhaupt möglichen Erkenntnis und womöglichen Erfüllung bieten kann –  verglichen mit der faktisch uneingeschränkten Potenz des Wollens. Die ursprünglich angestrebte Wollenssetzung im Resultat fällt faktisch relativ, nicht absolut, aus.

Dies ist der genetische Ort der Entstehung des Triebes. Gehemmtsein im angestrebten Bewirken einer vollkommenen Erfüllung, aber deshalb auch unsichtbare Bedingung der Möglichkeit der Öffnung des Sehens auf möglich Begreifbares und Erfüllbares hin.

Der unmittelbar unbestimmbare und unsichtbare Trieb des Sehens wird in seiner Ausrichtung rein bestimmbar durch die Synthesis, die er zwischen Sehen und möglichem Begreifen schafft.“ 11

In der Kraft dieser Synthesis, der Relation auf etwas unsichtbar Gewolltes und um seiner selbst willen Gerechtfertigtes und Gutes, wird der Trieb zur notwendigen Voraussetzung der Freiheit, dass letztere sich konkret entscheiden und realisieren kann.

© Franz Strasser, 26. 1. 2021

————–

1Vgl. SL 1798: I Hauptstück: Deduktion des Prinzips der Sittlichkeit (ebd. S 13 – 58); zugleich mit der Herausarbeitung eines Begriffes einer Idee von Sittlichkeit Reflexion auf die Anwendungsbedingungen dieser Idee (ebd. S 58 – 154), Begriff des Sollens (ebd. S 152) III Hauptstück über die weitere Begrifflichkeit eines Willens, formaler Bedingungen der Moralität, Begriff des Gewissens (154 – 202).

2Vgl. dazu: Wolfgang H. Schrader, Gewissen und Realität. In: Transzendenz und Existenz. (…) Hrsg. v. Manfred Baum und Klaus Hammacher, Amsterdam-Atlanta, GA 2001, S 239- 255.

3Ähnlich könnte auch KANTS Ethik als bloße „Pflichtenethik“ in ein falsches Licht gerückt werden, als ginge es KANT nur um ein Selbstverhältnis des Willens und einem daraus abgeleiteten Gesetz eines Kategorischen Imperativs ohne materialen Inhalt. Die Bezeichnung „deontische“ Moralbegründung in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“( AA IV, 432. 434, 437, 444. 447) und in der KpV sagt nicht viel. Ausdrücklich schrieb KANT ebenso  eine „Tugendethik“ in „Metaphysik der Sitten“. „Tugend ist die Stärke der Maxime des Menschen in Befolgung seiner Pflicht.“ (Tugendlehre, Metaphysik der Sitten, AA VI, 394). Eine Tugendethik widerspricht nicht einer deontologischen Ethik, sie erscheint „nach einem Prinzip der inneren Freiheit“, und das heißt, „durch die bloße Vorstellung seiner Pflicht, nach dem formalen Gesetz derselben.“ (ebd).

4J. Widmann, J. G. Fichte, Berlin 1982, S 178.

5Vgl. J. Widmann, J. G. Fichte, Berlin 1982, S 179.

6J. Widmann, ebd. S 180.181

7Ich zitiere nach der Meiner-Ausgabe, Hamburg 1995.

8Vgl. J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, Hamburg 1977, S 115f.

9J. Widmann, Die Grundstruktur des transzendentalen Wissens, Hamburg 1977, S 115.

10J. Widmann: ebd. S 115. „Ein solches Absehen vom ursprünglich gesetzten und verwirklichten Zweck des Wollens – der Erkenntnis des Selbstseins – wäre nicht möglich, wenn die Verwirklichung dieser Erkenntnis dem Ich schon absolute Erfüllung gebracht hätte. Die Rückbesinnung auf den reinen Willensbegriff, d. h. auf die faktisch uneingeschränkte Potenz des Wollens, enthüllt, dass die ursprünglich verwirklichte Wollenssetzung im Resultat nur relativ, nicht absolut war. Das bedeutet, dass das Ich noch anderer „Mittel“ bedarf, um die absolut mögliche Intention seines Wollens verwirklichen zu können.“

11J. Widmann,  ebd. S 189.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser