Zum Sinnbegriff bei NIKLAS LUHMANN – 1. Teil

Ich las ein paar (spätere) Werke von NIKLAS LUHMANN (abk.=N. L.): Theorie zum Recht, zur Religion, zur Kommunikation, zur Gesellschaft, und war fürs erste recht angetan. Sagenhaft, wie ein Mensch sich so umfangreich zu allen Bereichen unserer Wirklichkeit philosophisch äußern kann!

Dann fiel mir (2016) zufällig ein Werk von DIRK MARTIN in die Hände. Dirk Martin, Überkomplexe Gesellschaft. Eine Kritik der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster 2010. Seitdem bin ich skeptisch geworden.

Geradezu unfehlbar und gigantisch kommen mir die  Analysen von N. L. daher, so, als könne man unmöglich etwas dagegen sagen. An einem kleinen Detail des Sinn-Begriffes, der in die Gesellschaftsanalyse von N. L. Einzug gehalten hat, möchte ich hier aber meine transzendental-kritische Skepsis anbringen.

1) D. MARTIN arbeitet auf den Seiten 78ff die historische Entwicklung zum Sinn-Begriff im Werk N. L.‘s heraus. Er nahm nach einer gewissen Zeit, so D. Martin, die phänomenologische Sinnanalyse eines HUSSERL in seine Theorie auf, um fortan die sozialen Systeme als Sinnsysteme zu beschreiben..

Der Kürze halber darf ich zum Sinnbegriff auf ein Glossar im Internet zurückgreifen (leider nicht mehr abrufbar) : „Sinn ist der Operationsmodus des Bewußtseins bzw. der Gesellschaft und kommt außerhalb dieser Systeme nicht vor. In ihnen wird Komplexität und Selbstreferenz in der Form von Sinn verarbeitet, also ist Erleben und Handeln immer eine Selektion nach Sinnkriterien. Doch auch in der Interdependenz sozialer und psychischer Systeme ist Sinn unerläßlich. Sinn ermöglicht die strukturelle Kopplung psychischer und sozialer Systembildungen bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Gedanken in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewußtsein der Beteiligten.“

N. L. unterscheidet in seiner Analyse des sinnhaften Erlebens
a) psychische Systeme (eine Umschreibung für den Begriff des Menschen. Das ist natürlich verdächtig, denn prädisjunktiv ist der Mensch nur mehr als ein Aggregat von sozialen und psychischen Differenzierungen festgelegt?)
und b)
sinnhaft bestimmte, soziale Systeme.

M. E. ist hier, wie im gesamten Werk N. L. wiederkehrend, eine starke Prädisjunktion dahingehend getroffen, dass der Formbegriff des Wissens als Differenz gesehen wird, als Differenz von System und Umwelt, von Kommunikation und sozialer Evolution – und von diesem Formbegriff geleitet gelingt ihm (oder einem seiner Nachfolger A. NASSEHI) eine reichhaltige empirische Theorie zur modernen Gesellschaft. Deren Wesensmerkmal ist die funktionale Differenzierung, wie sie seit der Renaissance im Gange ist.

Die „Beobachterrolle“ wird im gesamten Werk von N. L. auch unumwunden stets zugegeben und scheint begründet in der unumgänglichen Tatsache und Notwendigkeit, dass in jedem Denkakt eine neue Form gebildet wird. Es wird stets unterschieden, die Gesellschaft, die Welt, und ob Familie oder Politik, Religion oder Wirtschaft, Wissenschaft oder Kunst, Recht oder Moral, überall laufen verschiedene Funktionszuweisungen und Sprachspiele, und so vielfältig und komplex verläuft unsere Welt. Die „psychischen Systeme“ (der „Mensch“) werden in weiterer Folge den „sozialen Systemen“ subsumiert bzw. eingegliedert. Aber ist wirklich alles erst durch Differenzierung erzeugt und bestimmt? Ist die Differenzierung nicht erst die nachträgliche, begriffliche und denkerisch gesetzte Form einer ihr durch die produktive Einbildungskraft erzeugten, unmittelbaren Anschauung und eines apriorischen Vernunftbegriffes, mittels dessen wir Wert und Realität aufeinander beziehen? Wenn schlussendlich, sozusagen nach Analyse aller gesellschaftlichen Determinanten, das „psychische System“ in einem vielfältige, funktionellen Kontext eingebettet ist, worin liegt eigentlich noch die Freiheit des „psychischen Systems“ bzw. worin liegt überhaupt noch ein Sinnbegriff als Synthese von Wert und Realität?  Wenn alles systemhaft determiniert ist, wird dann die Sinn-Erfahrung nicht selbst eine empirische Determinante, eine kausal-mechanische und biologische und psychologische Form des bloßen Funktionierens des „psychischen Systems“ innerhalb des Ganzen eines „sozialen Systems“? Trägt dieser Sinnbegriff, bei aller faktischen und gekonnten, weil sehr belesenen Anwendung auf die Realität, noch einen Wertbegriff in sich? 

Die Kategorie des Sinns vertieftnach der historischen Darstellung von D. MARTIN – N. L‘s frühere Unterscheidung System/Umwelt. Ein System konstituiert sich mittels kategorialem Sinnbegriff durch seine damit selektiv gewonnenen Ordnungen gegenüber den unendlichen Möglichkeiten der Welt. Der Sinn ist das wechselseitige Verhältnis von System und Welt (Umwelt) und das Verhältnis selbst ist ein sinnhaft gegebenes (konstituiertes) System. Es folgen aus dem Sinnbegriff die bei N. L. so zentralen Begriffe wie „Selbstreferenz eines Systems“, oderAutopoiesis(siehe oben Glossar).

Das sinnhafte Erleben ist ein wechselseitiges, dynamisches Spannungsverhältnis von System und Welt. Es werden Erwartungshaltungen, Intentionalitäten, Risiken usw., auf den Gegensatz System/Welt übertragen und kreieren (produzieren) jeweils neue Sinn-Einheiten.

Bei N. L. hört sich das so an: Die Einbildungskraft fasst mittels beobachteter Verhältnisse – die im Grunde schon quantitativ logische Vorzeichnungen sind – den Unterscheidungsgrund und den Begriff „Sinn“, und dieser wird dann klassifikatorisch und phänomenologisch in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft festgestellt und abgelesen. Transzendental-reflexiv gesehen ist das rein dogmatisch: die Einbildungskraft schafft nur ein Bild, eine Voraus-Bild, eine Schematisierung;  der Begriff entsteht durch das Denken, aber woher die Synthese im Sinnbegriff?
Aus der Fähigkeit des Geistes zu unterscheiden und zu beziehen wird durch funktionelle Bestimmung ein funktioneller Sinnbegriff, ein durch die arbeitsteilige, differenzierte Gesellschaft in Familie, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Moral abgeleiteter Sinnbegriff.  Aus der Form und Methode der Differenzierung wird auf die Realität übertragen, und das funktionelle Interpretament der arbeitsteiligen Gesellschaft gibt den „Wert“ und den „Sinn“ aller Handlungen und Erkenntnisweisen vor.
 Mittels funktionellem Sinn-Begriff werden die Beobachtungen der „Realität“ unter eine bestimmte funktionelle Begrifflichkeit subsumiert, und die ganze Vernunft bildet dann dieses funktionelle System eines psychischen und sozialen Systems.  Der philosophische Anspruch N. L. ist so hoch, wie die Ansprüche seit DESCARTES liegen: ein geschlossenes, begründetes System des Wissens zu schaffen, das einerseits offen ist für unendlich viele Erfahrungen, aber andererseits geschlossen sein muss hinsichtlich der Operationalisierung und Funktionalisierung aller eingehenden Erfahrungen. T. KISSER schreibt in einem außerordentlich interessanten Artikel das Vorgehen N. L. so:Vorausgesetzt ist (…) für Luhmann die Geschlossenheit des Systems in einem operativen Sinne, sei es nun im Sinne der Theorie der Subjektivität, sei es im Sinne der Idee der Reduktion von Komplexität. Sinnbezug und Erkennen gibt es nicht außen, Systemaufbau ist Funktion einer Grenzziehung und einer spezifischen Operationsweise.“1

Transzendental-kritisch möchte ich sagen, m. a. W.:  das methodische Denken wird in der Phänomenalität der Beobachtung zu einer objektiv gültigen Seinskategorie umgewandelt, die Idealität der Funktion und der funktionierenden Kommunikation stimmt mit der „Realität“ überein, das System der Sinngebung ist geschlossen wie offen gleichzeitig.  Die Vereinigung der festgestellten Mannigfaltigkeit der Gegensätze System/Welt liegt in einer Wechselwirkung der intentionalen, differentiellen Sinnkonstruktionen einerseits, und den mannigfaltigen Welt-Phänomenen andererseits, und von dieser nach funktionellen Kriterien beobachteten Wechselwirkung erwartet man sich sowohl Produktion wie Reproduktion eines Sinnbegriffes, geltend für das ganze System, geltend für einzelne Subsysteme wie Familie, Politik etc…

Das ist m. E. bloße begriffliche Dialektik, noch immer herumspukender hegelscher Geist. Die Methode der phänomenalen (differenzierenden) Anschauung wird zur materiellen Dialektik in den Dingen selbst.

Aus den Phänomenen der Wechselwirkung soll der Sinn abgelesen und gewonnen werden – anstatt aus der Einheit des Wissens  den Begriff des Sinns verstandlich und denkerisch zu finden  und als transzendentale, apriorische Idee allen anderen Sinnerfahrungen vorhergehen zu lassen.

Die angebliche „Selbstbeweglichkeit“ des sinnhaften Erlebens manifestiert sich im weiteren bei N. L. so, dass der aktuelle Inhalt des Erlebens über sich selbst hinausweist. Das „hinausweist“ liegt in der permanenten Sinnerschließung, die das psychische System und das soziale System in der Integration und Auseinandersetzung mit der Weltkomplexität leisten. Die Sinnsysteme verkörpern sich dann z. B. als Sprache, als Rechtssystem, als Religion, als Wirtschaft, als Gesellschaft usw.

Die sinnverarbeitende Form (nach HUSSERL in einem intentionalen Akt) produziert das psychisch-einzelne wie das soziale System als sinnstiftendes Erleben. In der Wechselwirkung baut sich die Sinnkonstitution auf, in einem Wechselverhältnis von Problemreduktion und erneuter Komplexität – und gerade durch diesen Aufbau von Sinn wird jedesmal auf eine „unendliche“ Möglichkeit anderer, negativ ausgeschlossener Sinnrealisierungen verwiesen.
Wie gesagt, es ist für mich schlechthin unbegreiflich, wie ein Mensch so belesen und zu allen Beobachtungen der Gesellschaft und der Welt abstrakte Sinnbestimmungen und Sinnbeschreibungen leisten kann. (Es gibt irgendwo den berühmten „Zettelkasten“ von N. L.). Aber ich möchte diesen Sinnbegriff – tlw. von mir unter Apostroph gesetzt, weil er oft nicht als apriorische Idee gesehen wird – stark hinterfragen: Die unendliche Möglichkeit der Sinnerschließung wird allein dem begrifflichen Denken zugetraut, dem immer höheren Abstrahieren und Formieren und funktionellen Bestimmen, aber die Qualität und Ausdehnung einer Sinneserfahrung (sinnlich, interpersonal, geistig), kann sie überhaupt, ausschließlich,  begrifflich gefasst werden? Wird in der permanenten Sinnerschließung (in den verschiedenen Systemen) nur eine ideale, quantitative Größe des Hinausgehens und eine quantitative Funktion behauptet, gibt es dann noch einen eigenständigen, qualitativen bis zur Letztbegründung gehenden Wert einer Sinnerfahrung? 

In der Beobachtung ergibt sich logisch und anschauungsmäßig eine unendliche Teilbarkeit der Welt auf stets neue Sinnerschließungen hin, d’accord, aber der Grund dieser nie endenden Wechselwirkung zwischen Sinnerschließung (in einem psychischen oder sozialen System) und Welt kann doch nicht bloß funktionell und empirisch gesetzt sein? 

Bei N. L. hört sich das so an, dass durch und in der Wechselwirkung von System und Welt der Sinn über das dialektische Verfahren der Negation gefunden wird. (D. Martin, siehe dort, S 83ff) Die geforderte Selektionen im Sinnaufbau schafft eine Reduktion in der Komplexität der Welt, aber durch die mitvollzogene Negation wird die Komplexität der Welt zugleich wieder aufgebaut.

Meine Kritik: Die Negation wird objektiv-faktisch der Erklärung der Phänomene der Welt zugrunde gelegt und wird als realer Prozess verstanden. Dieser Negation kommt sogar ein Primat im Wechsel von Sinnaufbau in einem psychischen und sozialen System einerseits und Welt andererseits zu, weil die in-aktuellen Potentialitäten der Welt größer sind als die aktuellen Sinnkonstruktionen. Der Negation ist eine eigene, spezifische Potenz, die als Reflexivität (und manchmal noch kombiniert mit einer Generalisierung) existiert und funktioniert. Durch die Negation wird der sinnhafte, selbstreferentielle Verweisungszusammenhang System/Welt produziert und aufgebaut.

Es ginge jetzt in der logischen Funktion der Negation noch endlos weiter, aber es bleibt m. E. eine unzulässige Hypostasierung eines bloßen begrifflichen Denkens. Es fehlt m. E. die praktisch-existentielle, qualitative Sinnerfahrung und deren Einsicht in die transzendentale Möglichkeit als apriorischer Vernunftbegriff!? Nur per negationem sollen die Gegensätze System und Welt vermittelt werden, was logisch natürlich nicht geht, aber  dann sollen doch, automatisch, auf der empirischen Ebene, Sinnerklärungen und Sinnerfahrungen herausspringen, je nach funktionalem Vorwissen?  Der Sinn des Rechtes ist die formelle Klärung von Erwartungen, der Sinn von Politik ist …… der Sinn von Religion ist……  Kann man sich über diesen Sinn hinsichtlich seiner Werthaftigkeit jemals ganz im klaren sein, wenn die Funktion die Synthese des Sinns bestimmt?  

Es ist die Crux der hegelschen Philosophie, nur eine vermittelte Erkenntnis zuzulassen und keine unmittelbare, qualitative Sinn-Erfahrung und unmittelbare Erkenntnis zu akzeptieren. Die Methode der begrifflichen Negation ist eine Schein-Dialektik: Ich möchte das anhand von S. MAIMON aufzeigen: Er hat herausgearbeitet – und davon ist FICHTE abhängig – „Die Setzung des einen (hier z. B. einer Negation) ist nicht bloß die Hebung des anderen, sondern ein von derselben verschiedene Setzung“ (S. MAIMON, Versuch, 115). Eine Unterscheidung und Gegensetzung (sc. als Negation irreführend bezeichnet) ist zugleich eine Neu-Setzung eines erkannten Zusammenhangs. Die Möglichkeit von Unterscheidung und Gegensetzung ist ein höheres Bedingungsverhältnis, das nicht selbst in der Dialektik einer wechselseitigen Bestimmungen aufgeht, sondern in jeder Unterscheidung als Grund zur Folge implikativ und appositionell als Ursache-Wirkung vorausgesetzt werden muss. (Wie dieses wechselseitige Bedingungsverhältnis im Sinne eines integrativen Denkens überstiegen werden kann, siehe andere Blogs von mir.)

In einem transzendentalen Ansatz – im Gegensatz zu einem phänomenologische Zugang wie bei HUSSERL, oder im Gegensatz zu einem systemtheoretischen Ansatz wie bei N. L – wird nie usurpiert, einen Einblick in die Mannigfaltigkeit der Qualitäten bzw. Empfindungen, „Hemmungen“ selbst (an sich) haben zu können  (oder in einen anderen Menschen). Vielmehr leitet von sich her primär eine Qualität bzw. Empfindung (oder Aufruf, oder Sinnidee) zu den transzendentalen Sehweisen, die die Bedingung der Möglichkeit einer Sinnes-Erfahrung verständlich machen können. Zu diesen transzendentalen Sehweisen gehört wesentlich z. B. die Ausdehnung, die aus einem Sich-Setzen des Wissens abgeleitet werden kann, ebenso die Bildung der Zeit; für die soziale Erfahrung sind darüber hinaus andere transzendentale Sehweisen notwendig; für Ethik und Religion wiederum andere. Die transzendentalen Sehweisen sind  bezogen auf eine Qualität, sei es sinnlicher Natur, interpersonaler Natur oder geistiger Natur, und könnten von sich her, allein als begrifflich-formale Sehweisen nie allein eine Sinnkonstitution erzeugen. Das ist nur begriffliche Vorstellung, leere Begriffsphilosophie, idealistischer Geist, ohne Bezug auf die sinnliche oder intellektuelle Anschauung. (Zum Begriff der Ausdehnung bzw. Sinnbegriff siehe  meine Serie zu Fichtes „Thatsachen des Bewusstseins“  – interner Link.) 

Wenn von unendlichen Möglichkeiten der Sinnrealisationen per negationem gesprochen werden soll, wie oben bei N. L., so können wahrlich unendlich viele Widersprüche konstruiert und wieder aufgelöst werden, aber diese Widersprüche liegen nie in den Dingen selbst und die Phänomene offenbaren nie die Dinge bzw. Sinnkonstitutionen selbst. Im geistigen Akt kann die unerschöpfliche Quelle des Sinns entdeckt werden, wodurch jede Begrenzung auf ihre Sinntauglichkeit oder Sinnwidrigkeit apriorisch geprüft werden kann – wie es N. L. bestens versteht – aber nicht durch den geistigen Akt der Reflexion (als bloße Reflexion) kann die Sinnkonstitution erzeugt und empirisch beobachtet werden. M. a. W., die Notwendigkeit des Hinausgehens über eine erfahrene Begrenzung ist a) nicht in der realistischen Begrenzung selbst zu finden, was totaler Widerspruch wäre, sie ist aber auch nicht b) in den idealistischen Schematas oder Bilder einer Einbildungskraft zu finden. N. L. ist hier zweifellos ein guter Beschreiber und Beobachter der sozialen Anschauungsformen, aber die Schemata  – bzw. sind sie bei N. L. bereits als Begriffe genommen – selbst offenbaren noch keine Sinnkonstitution und Sinnerfahrung.

2) Das grundsätzliche Ansetzen einer Wechselwirkung zwischen System/Welt, wie es Schelling oder Hegel angenommen haben, und leider N. L. übernimmt, ist von vornherein zu kurz gegriffen und falsch. Von diese hypostasierten Wechselwirkung zwecks Erklärung von Sinnkonstitution kommt es zu einem „überschwenglichen“ (KANT) Gebrauch der Begriffe wie Negation, doppelte Negation, Dialektik, Reflexivität durch Negation usw. und der dialektische Schein entsteht.2

Alle logischen Begriffe wie Entgegensetzung, Identität, Widerspruch, Satz vom Grunde, sie können in ihrer Konstitutionsgenese nicht aus der Wechselwirkung selbst abgeleitet werden, weil sie so nicht denkbar sind und nicht denkbar wären. Nur eine Erklärung aus der transzendentalen Einheit des Wissens kann die logischen Formen in ihrer epistemologischen Herkunft zu klären verhelfen. M. a. W., das Verfahren der Negation ist bloße eine Methode, bloß ein hypothetisches Hilfsmittel, den schon existierenden, aber noch nicht klar zum Bewusstsein erhobenen, spezifischen Sinn-Begriff zu finden. Nie erzeugt die Negation den Sinn-Begriff oder den Sinnzusammenhang selbst. Das bloße Denken von Gegensatzglieder wie psychisches und soziales System einerseits, die Komplexität der Welt andererseits, das verlangt zwar hohes analytisches Auffassungsvermögen und glückhafte Anwendung auf empirische Anschauung, aber das beweist gerade nicht, wie die Gegensatzglieder zusammenkommen.

Dass die apriorischen Begriffe auf die Anschauung passen, das muss aus der logischen Bestimmbarkeit und Sichtbarkeit des Wissensverhältnisses selbst abgeleitet werden, oder kantisch gesprochen, das muss durch eine transzendentale Deduktion der apriorischen Begriffe auf die Gegenstände der Erfahrung bewiesen werden. M. a.W. die Schematisierung der grundlegenden Begriffe der Systemtheorie wie Sinn, Kommunikation, Selbstreferenz u. a., das setzt ein apriorisches Vorwissen voraus, ehe dann die Begriffe auf die Anschauungsformen und ihre Erscheinungen übertragen werden können.

Die „auf die Gegenstände der Erfahrung“ (=Welt) von N. L. bezogenen Sinn-Begriffe sind ohne transzendentale Deduktion dogmatisch und bezweifelbar. Ohne Einschaubarkeit in die Wissensbedingungen des Sinn-Begriffes kommt man bloß zu einer begrifflichen, gedachten und funktionellen Vorstellung der Einheit von System und Welt/Umwelt, zu einem gedachten, vorgestellten „Sinn“, ohne Gewissheit, ob diesem „Sinn“ tatsächlich ein wahres Sein entspricht.

Der Fehler der hegelschen Dialektik liegt im schlampigen Gebrauch der Negation und deren Verwechslung mit der Realität. Man ist sich nicht der in jeder Entgegensetzung und Verneinung liegenden erneuten, geistigen Setzung bewusst – um nochmals S.MAIMON zitieren zu dürfen. Der Satz vom Grunde, der in jeder Synthese einer Relation oder einer Unterscheidung mitgedacht werden muss, wird nicht in den Vergleich miteinbezogen, wenn Position und Negation gegeneinander gestellt werden. Man tut so, als ob eine Aussage durch einen externalisierten Ausschluss ihrer anderen Realität näher bestimmt werden könnte, es ist aber immer nur eine verglichene Realität einer supponierten gemeinsamen Realität.
(Die Identität von Identität und Nichtidentität ist immer wieder bloß eine verglichene Identität.) Die Realität einer Aussage wie ihrer Verneinung – wobei der Negation, wie oben gesagt, nach N. L. sogar der Primat zukommt, – wird leider in den dogmatischen Systemen dialektisch-material angesetzt, ohne sich der transzendentalen Wissensbedingungen im Wissen bewusst zu sein. 

(c) Franz Strasser, Dez. 2016

Literatur:

Dirk Martin, Überkomplexe Gesellschaft. Eine Kritik der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Münster 2010.

Klaus Hammacher, Fichte und das Problem der Dialektik. In: Christoph Asmuth, Sein, Reflexion, Freiheit, Amsterdam/Philadelphia 1997, 115-141.

1 D. Martin weist darauf hin, dass, aus der Diskrepanz herkommend zwischen einzelnem psychischen System und sozialen System, sich eine Aporie ergeben muss, denn wenn einerseits der Sinnbegriff doch von der psychischen Intentionalität eines einzelnen herkommt, aber andererseits der Sinnbegriff im sozialen System liegt, so widersprechen sich psychisches System und Seinssystem des Sozialen in der Herleitung (ebd. S 79).

2 Bei N. L. gehört auch das Entstehen und Sein der Sprache zu dieser sinnhaften Erfahrung, wobei, so die Erklärung, die abstrakte „Reflexivität der Negation“ das Begründungsprinzip abgibt. „Sinnhaftes Erleben und Handeln beruht auf der Fähigkeit des Negierens und Virtualisieren, die vorsprachliche Wurzeln haben und in aller Zeichenbildung bereits vorausgesetzt sind.“ (Nach D. Martin, ebd. S 84)

 

1Thomas Kisser, Zur Paradoxie der Zeit bei Lauth und Luhmann. In: Vergegenwärtigung der Transzendentalphilosophie. Das philosophische Vermächtnis Reinhard Lauths, hrsg. v. Marco Ivaldo, Hans Georg von Manz, Ives Radrizzani, Würzburg 2017, 185 – 234, S 194.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser