Evolutionstheorie – und was dahinter steckt. 1. Anfrage. Zum Begriff des Zufalls. Der mexikanische Kärpfling

Gleinker Weltchronik, Mitte d. 14. Jhd., Landesbibliothek Linz.

1) Ich übertreibe wohl nicht, dass zum Begriff der „Evolution“ eine heillose Verwirrung herrscht.1 Eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung in einem Realsystem in der Zeit zu denken, sei es in einem System der anorganischen Materie oder im System eines Organismus (Pflanze, Tier), oder sei es im sprachlich-kulturellen Bereich der Geschichte des Menschen, immer fließen apriorische Begriffe (z. B. die Zeit, der Raum, die Identität ) in die Beurteilung und Erkenntnis mit ein, die als solche von der Natur- oder Geschichtswissenschaft nur blind vorausgesetzt werden. Wenn aber das Realsystem Zeit und Raum schon vorausgesetzt wird, übersehen wir bereits die hochkomplexen, geistigen Gebilde der Anschauungsformen von Zeit und Raum und supponieren bereits einen realistischen Begriff von „Evolution“, wo es doch nur erscheinungsweise! eine Evolution gibt, abgeleitet aus dem zeitlichen Werden des Ichs. Wenn ich in weiterer Folge den Begriff „Evolution“ ohne Anführungszeichen weiter verwende, so meine ich es im Sinne des Sprachgebrauchs (dem Worte nach). Dem Begriffe nach gibt es keine Evolution, denn unter Begriff verstehe ich das Wesen einer Sache und  eine unwandelbare Idee. Das Sein zeitlich zu denken, d. h. begrifflich aus und durch Zeit zu bestimmen, das führt zu einem Widerspruch.  Begrifflich lässt sich eine Evolution nicht denken,  weder in der sinnlichen Natur, noch im geschichtlich-gesellschaftlichen Sein, nur erscheinungsweise in der ideal-realen Reihe des Bewusstseins gibt es eine Form einer vorgestellten Entwicklung. Ex concessis kann dann von Evolution gesprochen werden: Wir übertragen aus dem ideal-realen Werden des Ichs die Zeit auf die Erscheinungswelt der sinnlichen Natur bzw. auf die geschichtlich-kulturelle Natur, und verknüpfen Wahrnehmungen zu einer evolutiven Reihe. (Siehe dann spätere Blogs). 

Zweck meiner Anfragen oder Bedenken soll hier sein,  die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit der naturwissenschaftlichen und  auch gesellschaftlichen Voraussetzungen aufzudecken,  sobald der Evolutionsbegriff in Anwendung kommen sollte.  Gemäß meiner Sicht der Philosophie muss der Grund einer Sache so verständlich und einsichtig werden, dass er den Bedingungen der Wissbarkeit nach vollständig und rechtsgültig eingesehen und gewusst werden kann. Dies verlangt letztlich ein analytisches und synthetisches Vorgehen im Erkennen gleichzeitig, d. h. bei jedem Schritt der erkenntniskritischen Analyse  wollen zugleich die synthetische Anwendungsbedingung mitbedacht sein, damit es zu keiner sophistischen Täuschung kommt. Wenn die Zeit aber aus der Einheit des Bewusstseins abgeleitet werden können muss – was alleiniger Ansatz der Philosophie sein kann –  so bedeutet eine Übertragung eines Werdens auf die naturwissenschaftliche oder geschichtliche Realität eine übertragene Form von Evolution, ein spezifisches Handeln der Vernunft, das in seiner Gesetzmäßigkeit, warum es evolutiv vorstellt, eine Absicht verfolgt. Dem Sein nach gibt es keine Evolution. 

Es ist die transzendentale Methode des Hinterfragens, die Bedingungen der Wissbarkeit freizulegen, wie es explizit DESCARTES, KANT, FICHTE getan haben, und zurückzugehen auf die Bedingungen dieser Wissbarkeit. Gerade gegenüber der scheinbar alles dominierenden Evolutionstheorie ist dies dringendst geboten! 

Grundannahme des transzendentalen Erkennens muss sein:  Es kann nichts außerhalb des Sich-Setzen des Geistes angenommen werden, was nicht durch den Geist selbst gesetzt ist. Alles Gesetzte und Vorgestellte muss in irgendeiner Art und Weise innerhalb des Bewusstseins und innerhalb des Sich-Setzens als einschränkende Bedingung und als kategorial-begriffliche Anschauung gesetzt sein. Im Sich-Bilden und Sich-Zuschauen des Geistes in seinem Erkennen, Wollen und Handeln – FICHTE sagt dazu „intellektuelle Anschauung“ – sind alle grundsätzlichen Vorstellungsweisen der sinnlich anschaubaren wie der intelligibel gedachten Natur (Geschichte) gesetzt – und können nur zugestandener! Weise als übertragene Formen von evolutiven Prozessen angesehen werden, erscheinungsmäßig!

Eine vor der Vorstellungsart des Sich-Setzens unabhängige, teleonomische oder sogar teleologische Struktur – manche Evolutionisten sprechen unreflektiert sogar  von „zufälligen“, „ziellosen“, „ursachelosen“ Prozessen – vorauszusetzen, oder eine nachhaltige Entwicklung wie sie z. B. die „allgemeine Evolutionstheorie“ z. B. nach Gerhard SCHURZ (Anm. 1) darlegt,  anzunehmen, das ist für mich alles  ideologisch besetzt. Ein Faktum der Natur (oder Faktum der gesellschaftlichen Geschichte) kann nicht von sich her eine Auskunft geben über seine Entstehungsart, sondern  erst  kraft geistiger Investitionen kommt es zu einer Entstehungsart und zu einer „evolutiven“ Erklärungsart.   Jeder Erfahrungsgegebenheit setzt apriorische Gesetzlichkeiten voraus, die per se gerade nicht aus der Natur oder Geschichte selber kommen.  Es gibt keinen objektivistisch angesetzten Prozess, keinen  evolutiven Prozess an sich – oder wie die Realisten den evolutiven Prozess dann wie ein Selbstläufer „evolutionären“ Prozess nennen. 

Als naturwissenschaftlicher Laie möchte ich nicht auf Gedeih und Verderb den jährlichen Entdeckungen der Naturwissenschaften ausgesetzt sein, um mich und das Leben stets  neu zu erklären. Der Prüfstein des Wissens und der Wahrheit sind die apriorischen Prinzipien der Erkenntnis und danach werde ich die naturwissenschaftlichen oder historischen Erklärungen messen – inklusiv meine Person und mein Selbstverständnis in dieser Sache.  

Ich möchte mich zuerst konzentrieren auf den Bereich der sinnlichen Natur, aber ipso facto spielt der gesellschaftliche und geschichtliche Bereich der Wirklichkeit stets mit herein –  gemäß Fünffachheit des reflexiven Wissens. Zum gesellschaftlich-geschichtlichen Bereich siehe dann die späteren „Anfragen an die Evolutionstheorie“. 

2) Eigentlich dürfte es in der Erklärung der Wirkursachen in der Natur nur kausal-notwendige und nach Wahrscheinlichkeiten ausgerichtete Gesetze geben, wie kann dann plötzlich, wie im untenstehenden Artikel behauptet, von einer „zufälligen“ Artenentstehung in der Evolutionsgeschichte gesprochen werden?

Sowie gefordert wird, dass etwas aus der Natur erklärt werde, wird gefordert, dass es durch und aus einem Gesetze der physischen, keinesweges aber moralischen Nothwendigkeit erklärt werde. Es wird sonach durch die blosse Behauptung einer solchen Erklärbarkeit behauptet, dass es der Natur nothwendig sey, und in den ihr absolut zukommenden Eigenschaften liege, sich in reelle Ganze zu organisiren, und dass das vernünftige Wesen die Natur so, und schlechthin nicht anders zu denken genöthigt sey.“(FICHTE, Sittenlehre 1798, SW IV, 119)

Bei Darwin lag die Betonung einer evolutiven Sicht der Entstehung der Arten auf der Selektion, um eine zeitliche Reihe des Zusammenhangs herstellen zu können. War er sich der apriorischen Erkenntnisbedingungen bewusst, wie eine zeitliche Reihe überhaupt denkbar ist, ehe zur Selektion geschritten werden konnte?

Das Endergebnis (der natürlichen Selektion) ist, dass jedes Wesen nach immer vorteilhafterer Abänderung im Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen strebt. Diese Veränderung führt unausbleiblich bei der Mehrheit aller Lebewesen zu einem stufenweisen Fortschritt der Organisation.“ (Darwin, Entstehung der Arten, (1859) S 175f)

In Büchern zur Evolution (z. B. REINHARD JUNKER, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, 2013) liest man von der äußeren Anpassung, von genetischen Veränderungen, von makromolekularen und mikromolekularen Veränderungen, von Populationsgenetik (d. h. nach mathematischen Berechnungen wird die „schwache“ oder „starke“ Selektion durch die Population einer Art vorangetrieben bei vorausgesetzter Normalität der Fortpflanzung, ohne besonders stark sich verändernde, auftretende Umweltbedingungen und ohne richtungsloses Gendrift), man liest von Mutation und Epigenetik usw. Was fällt nicht alles unter den Begriff der Evolution! Man hat anscheinend eine alles erklärende Kategorie des Verstehens gefunden und schematisiert sie auf eine quasi selbstredende Realität an sich – ohne die ursprüngliche, apriorische Anschauungsweise des zeitlichen (und räumlichen) Werdens selbst mitzureflektieren.

3) Muss ich als Nicht-Naturwissenschafter untenstehende Deutung ungesehen übernehmen? Weil die Mutationen in den DNA-Basen in einem gegenwärtigen Falle verschieden ausgefallen sind, ist die ganze Entwicklung und Evolution  des Lebens (der organischen Segmente) „zufällig“ verlaufen? Siehe folgenden Link, abgerufen am 26. 11. 2015. Das Folgende ist  alles Zitat aus dieser Homepagestelle: 

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02.11.2015 – EVOLUTION: ZUFALL ODER VORHERSEHBAR?

Frankfurt, den 02.11.2015. Wissenschafter des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt haben einen weiteren Beweis für die Evolutionstheorie der Kontingenz erbracht. Anhand von zwei Populationen des Atlantik-Kärpflings zeigen sie, dass diese sich jeweils durch eine andere zufällige Reihenfolge von Mutationen an ihre lebensfeindlichen Habitate anpassten. Die Fische bevölkern Gewässer mit einem hohen Gehalt des hochgiftigen Schwefelwasserstoffs. Die Studie ist kürzlich online im Fachjournal „Molecular Ecology“ erschienen.

Die kleinen Fische der Art Poecilia mexicana sind ein Beleg für eine große Theorie. © Pfenninger

Schwefelwasserstoff (H2S) ist ein giftiges und übel riechendes Gas, das für den charakteristischen Gestank fauler Eier sorgt und schon in geringen Konzentrationen tödlich sein kann. In den Quellgewässern vulkanischen Ursprungs Tacotalpa und Puyacatengo in Mexiko liegen die Konzentration von Schwefelwasserstoff bei bis zu 190 Mikromol.

Dennoch sind diese Gewässer besiedelt: „Der Atlantik-Kärpfling (Poecilia mexicana) konnte diesen – eigentlich tödlichen – Lebensraum durch eine Veränderung seines Erbgutes für sich beanspruchen“, erklärt Prof. Dr. Markus Pfenninger vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und ergänzt: „Wir haben die Genome von zwei unabhängig voneinander entstandenen Populationen der Süßwasserfische und deren Anpassung an die hochgiftigen Schwefelwasserstoffhabitate analysiert“, erläutert er.

Dabei hatte das internationale Team rund um den Frankfurter Wissenschafter nicht weniger als die Klärung einer der großen Fragen in der Evolutionsforschung im Sinn: Ist die Entwicklung des Lebens zu einem gewissen Grad vorhersagbar oder purer Zufall?

Unsere Ergebnisse stützen sehr stark die Kontingenztheorie, welche besagt, dass der Weg, den das heutige Leben auf der Erde genommen hat, überwiegend durch Zufälle bestimmt wurde und nicht zwangläufig wieder so verlaufen würde, wenn man die Erdgeschichte ‚zurückspulen‘ würde“, legt Pfenninger dar. Die beiden an die schwefelwasserstoffhaltigen Gewässer angepassten Fischpopulationen ähneln sich zwar in ihrem Aussehen und ihrer Ökologie sehr stark, haben aber eine komplett unterschiedliche DNA-Basis. Der Evolutionsforscher erläutert: „Die Anpassung an den Lebensraum hat sich – durch jeweils andere Mutationen des Erbgutes – unabhängig voneinander entwickelt. Die Fähigkeit diesen Lebensraum zu besiedeln, ist demnach kein ableitbares Merkmal dieser Art, sondern jeweils eine einzigartige Anpassung. Die Fische hatten die ‚Wahl‘: Anpassen oder Sterben. Wären die Umstände andere gewesen, hätten sich die Fische auch anders entwickelt.“

Vertreter der Gegenhypothese – der Konvergenztheorie – gehen davon aus, dass bestimmte evolutionäre Entwicklungen, wie beispielsweise Flügel oder Intelligenz, zwangsläufig im Laufe der Evolution auftreten mussten. Dabei gehen sie davon aus, dass man aus bestimmten Anfangsbedingungen auch den „Ausgang“ der Evolution vorsagen kann.

Oberflächlich betrachtet ähneln sich die Atlantik-Kärpflinge sehr. Wir haben mit verschiedenen genetischen Methoden aber gezeigt, dass die Atlantik-Kärpflinge sich immer mehr unterscheiden, je tiefer in deren Erbgut geschaut wird“, fasst Pfenninger zusammen.

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Mein Verständnis des Artikels, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich alles genau verstanden habe – weil mir a) einerseits die genetischen und biologischen Verständnismittel fehlen, andererseits b) sprachphilosophisch Welten zwischen biologischer und transzendentaler Erklärung eines Vorgangs liegen – also mein Verständnis geht dahin: Durch die erzwungene Anpassung an das unwirtliche Habitat haben die zwei Populationen von Kärpflingen jeweils eine verschiedene DNA-Basis hervorgebracht, was anscheinend die Deutung zulässt, dass die Mutationen in den Genen (diese genetische Entwicklung) höchst zufällig verlaufen sind.

Was wird hier wissenschaftlich genau ausgesagt? Erlaubt die Verschiedenheit der Gencodierungen schon die Bezeichnung „Zufall“? Auf der Ebene eines empirischen Denkens ist es eine Frage der Klassifizierung, was ich als Substanz und in notwendiger Entgegensetzung als Akzidens festsetze – aber das erlaubt doch nicht den modalen Begriff „zufällig“ zusätzlich anzubringen?! Die zeitliche Vermittlung zwischen zwei Erscheinungen, dass sich im Laufe von Jahren die DNA-Basen des einen gleichen Phänotyps von Kärpflingen verschiedenen entwickelt haben, geschieht doch nicht durch die verschiedenen akzidentiellen Bestimmungen der Umweltfaktoren selbst, sondern ist reflexiv gedacht! Für den Fall eines natur-notwendigen Gesetzeszusammenhangs in einem empirischen Vererbungsgeschehen, den wir nur noch nicht völlig natur-notwendig erklären können, ist doch der Begriff „zufällig“ viel zu hoch gegriffen und ideologisch besetzt!?

Da die Entstehung der verschiedenen genetischen Codierungen nicht nachvollziehbar sein dürfte – einfach zu rätselhaft, zu chaotisch! – geht man den anderen Weg, dass die chemische Umwelt am Anfang der Entstehung der genetischen Codierung stehen müsse, folglich die Gen-Codierung bei gleichen Bedingungen gleich hätte ausfallen müssen. Da sie aber nicht gleich ausgefallen ist, hat es andere Faktoren, und da man diese nicht genau kennt, fasst man sie pauschal als „zufällig“ zusammen, d. h. nicht eigentlich die Umweltfaktoren selbst, sondern die daraus folgenden Mutationserscheinungen. Diese sind dann „zufällig“ anders geworden.

Da keine andere als eine naturalistische oder natur-kausale Erklärung zugelassen wird, der Ablauf dahinter aber nicht genau bekannt ist und doch eine Änderung eintritt und eine Erklärung geboten werden soll, nennen wir die dahinterliegenden Ursachen „zufällig“ entstandene, evolutionäre Erscheinungen.

Der Determinismus der naturalen Erklärung wird versteckt im Evolutionismus einer für uns nicht erkennbaren Wirkursächlichkeit. Dies führt zur „Kontingenztheorie“ im Gegensatz zur Konvergenztheorie“.

Müssten nicht vorher die Termini selber auf ihre Herkunft befragt werden?

Ich halte es durchaus für möglich, dass genetische Mutationen bis jetzt nicht kausal nachvollziehbar und keiner empirischen Prüfung zugänglich sind, das möchte ich niemanden vorwerfen; und wenn sie es wären, dann könnten sie trotzdem keine Erklärungskraft haben, weil ja offensichtlich auch Kärpflinge mit anderen genetischen Informationen überleben. Welchen Erkenntniswert hätten dann  eigentlich begrifflich erkannte Mutationen, wenn das Ergebnis sowieso von anderen Faktoren bestimmt ist? Eben  vom Zufall, wie die Pauschalerklärung heißt? Aber was ist das für ein Erklärung? Was „erklärt“ der „Zufall“, wenn plötzlich wider Erwarten (und selbst bei völliger Erkenntnis der Mutationen) verschiedene DNA-Basen auftauchen? Was ist mit dieser „Erklärung“ gemeint?  

Ich behaupte hier, die Denker eines Zufalls sind sich ihrer eigenen transzendentalen Bedingungen nicht bewusst. Sie verwenden das Wort Zufall für verschiedene Ebenen, einmal für die Gen-Struktur (naturalistisch), dann für die Umweltfaktoren (natur-kausal), dann dem Phänotyp nach (phänomenal.)

Vom Begriff her lässt sich ein „zufällig“ für eine nicht personale Wirklichkeit nicht denken, geschweige, dass empirisch ein „Zufall“ festgestellt werden könnte.

Wenn der Bedeutung nach ernstlich verstanden werden könnte, dass empirisch alles zufällig sei, könnte dieses „zufällig“ gerade nicht verstanden werden. Wenn alles Zufall wäre, wäre jede Theorie zur Empirie (und im weiterer Folge jede Theorie zur Evolution) auch zufällig, denn es gibt dann keine wissenschaftliche Allgemeinaussagen, nicht einmal Wahrscheinlichkeiten. Es gäbe keine Kausalerklärungen, keine Funktionserklärungen, keine Einheiten des Wissens, denn die Aussagen selbst würden zufällig, bloße historische Bestandsaufnahmen, im nächsten Augenblick nicht mehr wahr.

Wenn wirklich „alles“ – wie so oft die Ausdrucksweise in naturwissenschaftlichen Büchern zur Evolution lautet – Zufall wäre, könnte die Verschiedenheit zweier verschiedener DNA-Basen bei phänotypisch gleich aussehenden Kärpflingen gerade nicht gedacht werden, weil ja die notwendige Allgemeinheit einer Vergleichsebene fehlen würde. Es ist eine transzendentale, platonische Wahrheit: Das apriorische Vorwissen ist Bedingung der Möglichkeit eines bestimmten Wissens, d. h. hier, das apriorische Vorwissen eines festen Wirkungszusammenhangs von Genetik und Umwelt – den man hier nicht hat, aber notwendig vorstellt – ist Basis für die Feststellung eines davon abweichenden, anderen, „zufälligen“ Wirkungszusammenhangs. Aber deshalb darf dieser andere, in seiner Verschiedenheit nur durch den ersten angenommenen Wirkungszusammenhang als solcher herausstellbar, nicht mit wirklich, dem Sein nach als „zufällig“ ausgezeichnet werden! Es ist eine Verlegenheitsantwort, eine phänomenale Bezeichnung.

Die „zufälligen“ Evolutionserscheinungen im Gegensatz zu prognostizierten notwendigen Folgewirkungen (aufgrund des platonischen Vorwissens) sind behelfsmäßige Eingeständnisse des Nicht-Wissens, den kausalnotwendigen Wirkungszusammenhang eines Wesens mit seiner Umwelt nicht zu kennen. Gerade aber in einer naturwissenschaftlichen Erklärungsart erwarte ich mir keine „zufälligen“ Antworten.

 

4) Von der „zufälligen“ Lektüre eines Chemikers andersherum belehrt, siehe, da werde ich in meinem Anspruch nicht enttäuscht. Es kann im chemischen Bereich und generell in der sinnlichen Natur nur den Nachweis geben, dass es, analog zur Einheit des Wissens, nur mit natürlichen Mitteln zugehen kann, d. h. nach kausal-notwendigen Gesetzen: Der Chemiker G. WÄCHTERSHÄUSER beschreibt im angegebenen Artikel in der Debatte der Bayerischen Akademie die Möglichkeitsform, wie es zur Entstehung des Lebens gekommen sein könnte, und resümmiert (Günter Wächtershäuser, Zur Debatte, 6/2015, S 12.

Diese extreme Beschränkung der chemischen Möglichkeiten (sc. dass Leben entstehen kann) nach festen Gesetzen der Chemie führt uns zu einem überraschenden Schluss: Die Ursprungs-Evolution des Lebens ist chemisch einzigartig, vorbestimmt und gerichtet. Damit ist der Gang der frühen Evolution kein Ergebnis des Zufalls, sondern Folge eines ewigen, universellen Gesetzes der Chemie. (Hervorhebung von mir) “

Wenn ich auch nicht die Entstehung der Kohlenstoff-Fixierung verstehe, verstehe ich, dass eine naturale Erklärung nur nach notwendigen und wahrscheinlichen Gesetzmäßigkeiten verlaufen kann, wenn sie denn überhaupt eine naturwissenschaftlich befriedigende Erklärung sein soll. Das ist korrekt! Die Erklärung des Chemikers gibt wenigsten über seinen Standpunkt der Reflexion Auskunft: Es ist a) der Standpunkt der empirischen Beobachtung chemischer Gesetze und Synthese-Möglichkeiten – und da gibt es b) nachweisbar keine „zufälligen“ Erklärungen. Die Erklärung eines Stoffwechsels mit „Produkt-Katalysator-Kopplungen“ (siehe dortige Anm., ebd.) sind empirisch bestätigbar und sind höchst eingeschränkt und empirisch vorbestimmt und gerichtet.

Von den chemisch-physikalischen Gesetzen, die einzigartig und vorbestimmt und gerichtet das Leben entstehen lassen, zur 2. Stufe der genetischen Codierung zu kommen, verlangt wiederum eine anschauliche Einheit des Wissens, wenn auch die Entstehung und Weitergabe der Information in den funktionalen Proteinen und Gene äußerst kompliziert ist. Auf dieser 2. Stufe des Lebens und der genetischen Mechanismen – wohlgemerkt bereits im spezifischen Modus der vorausgesetzten sinnlichen Natur – kann es keinen „Zufall“ geben, denn dann käme es zu keinem Leben und zu keiner distributiven Einheit einer lebendigen Zelle.

Die genetische Maschinerie zeigt sich uns somit als biochemischer Zufallsgenerator, erfunden vom Leben selbst zum Zwecke einer effizienteren Anpassung an die chemische Umwelt.“ (WÄCHTERSHÄUSER, ebd).

Der Chemiker verwendet hier notwendigerweise eine teleonomische Erklärung, um überhaupt eine Erklärung geben zu können: Warum funktioniert der „Zufallsgenerator“? Die aus der Vernunft selbst stammende Antwort kann wohl nur sein: Damit das Leben sich effizient anpassen und überleben kann. Apriorisch wird gesetzt und gewusst, was Leben meint: eine distributive Einheit eines Selbstzweckes, eine Selbstbegründung im Streben und im Trieb. In dieser zweckgesteuerten Einheit einer oder mehrerer lebendiger Zellen kann es selbstverständlich keinen Zufall geben. Was berechtigt mich noch anzunehmen, dass der ganze organische Zusammenhang in der lebendigen Natur trotzdem zufällig ist? Woher die Deutung? Ich muss abstrahieren vom funktionierenden System der ganzen Natur, muss abstrahieren vom System einer einzelnen distributiven Einheit einer lebendigen Zelle und eines ganzen Zellverbandes und einer ganzen Organisationgruppe – ich abstrahiere und zerlege, bis nichts mehr lebt – dann erkläre ich alles für „zufällig.“ ?

Der Chemiker schreibt bezeichnenderweise: „Es muss derzeit offen bleiben, ob und in welchem Maße diese Überleitung (sc. von den chemischen Grundelementen) zu einem indirekten Evolutionsmechanismus Produkt des Zufalls ist oder selbst wieder Folge der ewigen, universellen Gesetzes der Chemie.“ (ebd.)

Es ist mir einleuchtend, in einer naturkausalen Theorie der Chemie mit einer chemischen Evolution des Lebens beginnen zu müssen – natürlich ist es nur eine im Geiste auf die Natur übertragene „Evolution“ -, um dann zur Genetik zu kommen. Von der Chemie zum Leben ist wieder ein geistig investierter Sprung.

Schließlich zieht man auch die Selektionsmechanismen in Betracht (a la WALLACE und DARWIN), aber nirgends finde ich damit einen Erklärungsgrund eines „Zufalls“. KANT war sich der apriorischen Voraussetzungen des Denkens von Zufall nicht mehr ganz sicher. Er lavierte bekanntlich in der KdU zwischen naturkausaler und teleologischer Erklärung mancher Phänomene.

Er löste das Problem eigentlich nicht, denn vernunftapriorisch muss eindeutig gesagt werden können, wann und wie etwas naturkausal und wann und wie etwas teleologisch angesehen wird.

5) Das Wort „Zufall“ und der Gebrauch des „zufällig“ – woher kommt diese Redeweise?

Sie kommt vor a) in einem bestimmten modalen Gebrauch des Denkens (nicht des Seins!): Im existentiellen Denkvollzug werden verschiedene modi gesetzt: Die Substanz wird als notwendig gedacht für ein Akzidenz, das im Gegensatz zur Substanz als zufällig bestimmt ist; die Zufälligkeit der Akzidentien kann in weiterer Folge aber nur gedacht werden, weil bereits mehrere Akzidentien als Erscheinungen gegeneinander abgegrenzt werden. Das Bewusstsein muss qualitativ verschiedene Empfindungen haben, die durcheinander bestimmt werden können, damit Akzidentien von der Substanz abgehoben werden. Erst durch Akzidenzien entstehen Realitäten. Die Eigenrealität eines dem Bewusstsein entgegengesetzten Anderen („Nicht-Ich“) muss unverändert und unveränderlich bleiben, wenn ein wirkliches Bewusstsein existieren und davon unterschieden werden soll.

In Beziehung auf das reflektierende Ich, wenn es die Außenwirklichkeit vorstellt, ist das, was im Denken vorkommen muss, notwendig; was in dieser Reflexion nicht notwendig vorkommen muss, ist zufällig. Wird etwas Notwendiges und Zufälliges kategorial vereinigt, so ergeben sich die Bestimmungen möglich oder unmöglich.

Genau in diesem eingegrenzten Bereich der substantiellen Selbstbeziehung des Bewusstseins kann in einem originären und spezifischen Sinne von „zufällig“ gesprochen werden. Die Substanz der Dauer des Ichs wird im zeitlichen Werden vorausgesetzt, auf die die Akzidenzien der Veränderungen treffen, und für dieses wahrnehmende Ich, als Substanz gedacht, sind diese Akzidentien (Hemmungen) zufällig.

Im spezifischen Modus einer bloß vorgestellten, nicht geistig selbstbewussten Substanz, stehen hingegen die es bestimmenden Akzidentien in einem wirkursächlichen Zusammenhang. Ich kann diesen Zusammenhang oft nicht durchschauen, aber dieses Unwissen mit „Zufall“ zu überdecken, ist eine Selbsttäuschung bzw. eine Vortäuschen falscher Tatsachen eines usurpierten Wissens des An-Sich.

In Beziehung auf das Denken von Substanzen in plurali auf der Objektebene gelten deshalb die Modalitätsbestimmungen (notwendig, zufällig, möglich, unmöglich, wirklich) nur in spezifischer und abgeleiteter Funktion.

Die modalen Begriffe, als terminus a quo ihrer Herkunft, sie stammen ursprünglich aus der basalen Empfindung und einer existentiellen Selbstbestimmung. Sie bekommen einen übertragenen, metaphorischen Sinn, sobald in der Relation der Objekte zueinander eine Modalität hineingetragen wird. Wenn es zu einer naturalen Erklärung kommen soll, so muss im Denken Kausalität übertragen werden. Darf aber deshalb der „Zufall“ als Lückenbüßer-Gott“ (W. BORCHERT) für nicht-kausal erklärbare Phänomene herhalten? Und wer sagt denn, dass Wirkungen im Objekt nicht anders vorgestellt werden können, als dass sie notwendige Manifestationen einer Ursache sind? Könnten nicht viele Faktoren mitspielen? Oder wie ist es bei Voraussetzung von anderer Freiheit?

Müssen wir in der Herleitung und Unterscheidung von „notwendig“ und „zufällig“ nicht noch höher steigen? Ich meine in den interpersonalen Bereich! Könnten nicht Wirkungen eines anderen Objektes auch freie Wirkungen sein, ja muss es sie nicht geben, um im Gegensatz und umgekehrt einen adäquaten Begriff des „zufällig“ von „notwendig“ überhaupt unterscheiden und finden zu können?

Mein Standpunkt ist, wie oben angegeben, ein transzendental-reflexiver Standpunkt: Die Hemmungen erhalten durch das zeitliche Werden des Selbstbewusstseins und durch dessen wirkliches Handeln und Wollen und die daraus folgenden Übertragungen diesen sie bezeichnenden Charakter der „zufälligen“ Hemmungen. Sie sind „zufällig“ auftretende Hemmungen für eine freie Selbstbestimmung in einem selbstbewussten Akt auf der Erscheinungsebene des realen Lebens, und sonst sie sie keine zufälligen Hemmungen. Keine Rede davon, dass sie unabhängig von der Empfindung und unabhängig von einem sie begleitenden Selbstbewusstsein selbst und an sich schon zufällig wären.

M. a. W.: aus der Modalität meiner Existenz und meines Erkenntnisstandpunktes heraus sind  alle Hemmungen, die mich betreffen, „zufällig“, weil sie durch das freie Handeln und Wollen ideal überschritten werden können – aber das ist bereits ein vorgestelltes Erscheinungskriterium.

Die ganze Anschauung der Welt kann als „zufällig“ behauptet werden, weil das praktische-sittliche Hinausgehen über die Hemmung projektiv eine andere Sichtweise erlaubt.

Da ich aber durch die Schnittstelle meines Leibes anwendungsbedingt mit der Welt verbunden bin, ist mein Wollen an die sinnliche angeschaute Welt und an die in ihr liegenden Kausalität gebunden, bin ich selber Teil dieser sinnlichen Natur, und kann existentiell gerade nicht die Welt und alle Gesetze in ihr ausblenden, sondern muss sie als kausal-notwendig für mich ansehen, sollte ich existieren und leben und atmen und mich bewegen und artikulieren können.
Ich handle mit meinem Körper/Leib zweckgerichtet und denke zweckgerichtet, weil ich von einem intentionalen Streben herkomme – und folgedessen übertrage ich meine selbstbewussten Modalitätsbestimmungen auf die Objektebene und auf Substanzen in plurali, auf die ganze sinnliche Natur und den ganzen Kosmos, sonst könnte ich leiblich nicht existieren. Ich zeichne die Objekte als notwendig durch den Trieb aus, weil ich aber kraft Vorstellungstrieb sie auch anders denke könnte, evtl. sogar anders handeln könnte – was sich erweisen wird -, zeichne ich sie auch als „zufällig“ aus. Zufällig passt die äußere sinnliche Natur mit meinem Leib zusammen, und der Erdteil mit dem Meere usw…, aber es ist übertragene Auszeichnung, denn ohne notwendigen Zusammenhang im praktischen Streben und Handeln gäbe es auch diese Erscheinungs-Ordnung nicht und könnte ich nicht überleben.

Wie ich in meinem Wollen und Handeln die prästabilierte Aussenwelt leiblich und denknotwendig einplane  – wobei ich mich manchmal irren kann – so „plant“ analog, als selbstgesteuertes Lebewesen, der Kärpfling ebenfalls nicht eine gänzlich andere, zufällige Welt ein, sondern handelt zweckgerichtet nach seinem Trieb und die unwirtliche Umwelt eines sauren ph-Wertes ist ihm so notwendig wie die für uns angenehmer erscheinende Umwelt seines artverwandten Bruders.

b) Gehen wir tiefer in der Analyse dieses Wortes „zufällig“: Ich verweise hier auf diverse Aufsätze von K. HAMMACHER (siehe unten) Der Begriff „Zufall“ kommt – wie alle kategorialen Bezeichnungen des Verstandes – aus dem praktischen Streben und dem praktischen Bedürfnis der Vernunft. Genau genommen entstammt er dem Bereich des Interpersonalverhältnisses und einer darin zu findenden Unterscheidung. Im Unterschied zu kausalmechanischen Prozessen in der sichtbaren Natur, in der wir Wirkung und Ursache in einem gleichen modalen Gesetz der Notwendigkeit synthetisieren, hinterlegen wir nämlich in einem freien Vernunftverhältnis von Person zu Person keine, oder sagen wir vorsichtiger, nicht nur, notwendige Determination, sondern eine Aufforderung und eine Absicht. Von der Aufforderung und der intentionalen Absicht müssen wir in der höchsten Form der Erkenntnis eines anderen ausgehen, wodurch sich aber eine erkennbare Differenzierung auftut: Die Handlungen des anderen sind nicht so gleich möglich, wie wir die Geschehnisse in der übrigen sinnlichen Natur für möglich halten. Der andere (oder die andere) könnte sich auch zufällig anders verhalten. Hier vergeben wir die Auszeichnung „zufällig“ epistemisch berechtigt. Der andere handelt zufällig so, der Kärpfling nicht. 

 

 

© fr.strasser@eduhi.at. 26. 11. 2015

Literatur: REINHARD LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984.
GÜNTER WÄCHTERHÄUSER, Zur Debatte, 6/2015, S 12.
KLAUS HAMMACHER, Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte (= Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7), Amsterdam, Atlanta, 1996.
GERHARD SCHURZ, Evolution in Natur und Kultur, 2013.
http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution
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1 Gerhard Schurz, Evolution in Natur und Kultur, 2013.„Unter Entwicklung verstehen wir jede nachhaltig gerichtete Veränderung von Realsystemen in der Zeit“. (ebd. S 3).  In der Fussnote erläutert er nochmals den Entwicklungsbegriff: „Veränderung ist somit ein noch allgemeinerer Oberbegriff; nicht jeder Veränderung ist als Entwicklung, d. h. als nachhaltig gerichtet zu bezeichnen.“ (ebd. S 3)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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