Evolutionstheorie – und was dahinter steckt. 1. Anfrage. Zum Begriff des Zufalls. Der mexikanische Kärpfling

Gleinker Weltchronik, Mitte d. 14. Jhd., Landesbibliothek Linz.

1) Ich übertreibe wohl nicht, dass zum Begriff der „Evolution“ eine heillose Verwirrung herrscht.1 Eine kontinuierliche, nachhaltige Entwicklung in einem Realsystem in der Zeit zu denken, sei es in einem System der anorganischen Materie oder im System eines Organismus (Pflanze, Tier), oder sei es im sprachlich-kulturellen Bereich der Geschichte des Menschen, immer fließen apriorische Begriffe (z. B. die Zeit, der Raum, die Identität ) in die Beurteilung und Erkenntnis mit ein, die als solche von der Natur- oder Geschichtswissenschaft nur blind vorausgesetzt werden. Wenn aber das Realsystem Zeit und Raum schon vorausgesetzt wird, übersehen wir bereits die hochkomplexen, geistigen Gebilde der Anschauungsformen von Zeit und Raum und supponieren bereits einen realistischen Begriff von „Evolution“, wo es doch nur erscheinungsweise! eine Evolution gibt, abgeleitet aus dem zeitlichen Werden des Ichs. Wenn ich in weiterer Folge den Begriff „Evolution“ ohne Anführungszeichen weiter verwende, so meine ich es im Sinne des Sprachgebrauchs (dem Worte nach). Dem Begriffe nach gibt es keine Evolution, denn unter Begriff verstehe ich das Wesen einer Sache und  eine unwandelbare Idee. Das Sein zeitlich zu denken, d. h. begrifflich aus und durch Zeit zu bestimmen, das führt zu einem Widerspruch.  Begrifflich lässt sich eine Evolution nicht denken,  weder in der sinnlichen Natur, noch im geschichtlich-gesellschaftlichen Sein, nur erscheinungsweise in der ideal-realen Reihe des Bewusstseins gibt es eine Form einer vorgestellten Entwicklung. Ex concessis kann dann von Evolution gesprochen werden: Wir übertragen aus dem ideal-realen Werden des Ichs die Zeit auf die Erscheinungswelt der sinnlichen Natur bzw. auf die geschichtlich-kulturelle Natur, und verknüpfen Wahrnehmungen zu einer evolutiven Reihe. (Siehe dann spätere Blogs). 

Zweck meiner Anfragen oder Bedenken soll hier sein,  die transzendentalen Bedingungen der Wissbarkeit der naturwissenschaftlichen und  auch gesellschaftlichen Voraussetzungen aufzudecken,  sobald der Evolutionsbegriff in Anwendung kommen sollte.  Gemäß meiner Sicht der Philosophie muss der Grund einer Sache so verständlich und einsichtig werden, dass er den Bedingungen der Wissbarkeit nach vollständig und rechtsgültig eingesehen und gewusst werden kann. Dies verlangt letztlich ein analytisches und synthetisches Vorgehen im Erkennen gleichzeitig, d. h. bei jedem Schritt der erkenntniskritischen Analyse  wollen zugleich die synthetische Anwendungsbedingung mitbedacht sein, damit es zu keiner sophistischen Täuschung kommt. Wenn die Zeit aber aus der Einheit des Bewusstseins abgeleitet werden können muss – was alleiniger Ansatz der Philosophie sein kann –  so bedeutet eine Übertragung eines Werdens auf die naturwissenschaftliche oder geschichtliche Realität eine übertragene Form von Evolution, ein spezifisches Handeln der Vernunft, das in seiner Gesetzmäßigkeit, warum es evolutiv vorstellt, eine Absicht verfolgt: frei handeln zu können. Das Erkennen geht dem Handeln zuvor und bereitet es für die begriffliche Anschauung. Das angeschaute Sein selbst ist aber nicht evolutiv, es wird nur so vorgestellt.  

Es ist die transzendentale Methode des Hinterfragens, die Bedingungen der Wissbarkeit freizulegen, wie es explizit PLATON, DESCARTES, KANT, FICHTE getan haben, und zurückzugehen auf die Bedingungen dieser Wissbarkeit. Gerade gegenüber der scheinbar alles dominierenden Evolutionstheorie ist dies dringendst geboten! Grundannahme des transzendentalen Erkennens muss sein:  Es kann nichts außerhalb des Sich-Setzen des Geistes angenommen werden, was nicht durch den Geist selbst gesetzt ist. Alles Gesetzte und Vorgestellte muss in irgendeiner Art und Weise innerhalb des Bewusstseins und innerhalb des Sich-Setzens als einschränkende Bedingung und als kategorial-begriffliche Anschauung gesetzt sein. Im Sich-Bilden und Sich-Zuschauen des Geistes in seinem Erkennen, Wollen und Handeln – FICHTE sagt dazu „intellektuelle Anschauung“ – sind alle grundsätzlichen Vorstellungsweisen der sinnlich anschaubaren wie der intelligibel gedachten Natur- und Gesellschafts-Geschichte gesetzt – und können nur zugestandener! Weise als übertragene Formen von evolutiven Prozessen angesehen werden, erscheinungsweise!

Eine vor der Vorstellungsart des Sich-Setzens unabhängige „zufällige“, „ziellose“, „ursachelose“ Evolution  kann nicht gedacht werden. Z. B. spricht G. SCHURZ, dessen Übersichtlichkeit ich nur positiv erwähnen will, von einer „allgemeinen Evolutionstheorie“ (Anm. 1) in Parallele zur allgemeinen Relativitätstheorie,  aber es sind alles nur geistige Investitionen von Zeiterscheinungen in natürliche oder gesellschaftliche Vorgänge.   Jede Erfahrungsgegebenheit setzt apriorische Gesetzlichkeiten voraus wie Raum- und Zeitanschauung,  die per se gerade nicht aus der Natur oder Geschichte selbst stammen können. 

Als naturwissenschaftlicher Laie möchte ich nicht auf Gedeih und Verderb den jährlichen Entdeckungen der Naturwissenschaften ausgesetzt sein, um mich und das Leben stets  neu aus der Evolution  zu erklären. Der Prüfstein des Wissens und der Wahrheit sind die apriorischen Prinzipien der Erkenntnis und danach werde ich die naturwissenschaftlichen oder historischen Erklärungen messen. 

Ich möchte mich zuerst konzentrieren auf den Bereich der sinnlichen Natur, aber ipso facto spielt der gesellschaftliche und geschichtliche Bereich der Wirklichkeit stets mit herein –  gemäß Fünffachheit des reflexiven Wissens. Zum gesellschaftlich-geschichtlichen Bereich siehe dann die späteren „Anfragen an die Evolutionstheorie“. 

2) Eigentlich dürfte es in der Erklärung der Wirkursachen in der Natur nur kausal-notwendige und nach Wahrscheinlichkeiten ausgerichtete Gesetze geben, wie kann dann plötzlich, wie im untenstehenden Artikel behauptet, von einer „zufälligen“ Artenentstehung in der Evolutionsgeschichte gesprochen werden? Ist diese Redeweise nicht ideologisch besetzt?! 

Sowie gefordert wird, dass etwas aus der Natur erklärt werde, wird gefordert, dass es durch und aus einem Gesetze der physischen, keinesweges aber moralischen Nothwendigkeit erklärt werde. Es wird sonach durch die blosse Behauptung einer solchen Erklärbarkeit behauptet, dass es der Natur nothwendig sey, und in den ihr absolut zukommenden Eigenschaften liege, sich in reelle Ganze zu organisiren, und dass das vernünftige Wesen die Natur so, und schlechthin nicht anders zu denken genöthigt sey.“(FICHTE, Sittenlehre 1798, SW IV, 119)

Bei Darwin lag die Betonung einer evolutiven Sicht der Entstehung der Arten auf dem Begriff der Selektion, um in einer zeitlichen Reihe einen Zusammenhang in der Entstehung der Arten aufstellen zu können. Die Mutationsbasis war noch nicht so bekannt.  War er sich der apriorischen Erkenntnisbedingungen bewusst, wie eine zeitliche Reihe überhaupt aufgebaut wird, ehe er zu „Vorteilsgründen“ in der Selektion schreiten konnte? Und wie wird der „Vorteil“ definiert? 

Das Endergebnis (der natürlichen Selektion) ist, dass jedes Wesen nach immer vorteilhafterer Abänderung im Verhältnis zu seinen Lebensbedingungen strebt. Diese Veränderung führt unausbleiblich bei der Mehrheit aller Lebewesen zu einem stufenweisen Fortschritt der Organisation.“ (Darwin, Entstehung der Arten, (1859) S 175f)

In Büchern zur Evolution (z. B. REINHARD JUNKER, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, 2013) liest man von der äußeren Anpassung, von genetischen Veränderungen, von makromolekularen und mikromolekularen Veränderungen, von Populationsgenetik (d. h. nach mathematischen Berechnungen wird die „schwache“ oder „starke“ Selektion durch die Population einer Art vorangetrieben bei vorausgesetzter Normalität der Fortpflanzung, ohne besonders stark sich verändernde, auftretende Umweltbedingungen und ohne richtungsloses Gendrift), man liest von Mutation und Epigenetik usw. Was fällt nicht alles unter den Begriff des evolutionären Gewordenseins?!  

3) Muss ich als Nicht-Naturwissenschafter untenstehende Deutung ungesehen übernehmen? Weil die Mutationen in den DNA-Basen in einem gegenwärtigen Falle verschieden ausgefallen sind, ist die ganze Entwicklung und Evolution  des Lebens (der organischen Segmente) „zufällig“ verlaufen? Warum kann nicht die viel einfachere und logischere Erklärung gewählt werden, dass jeder Organismus ein zweckgerichtetes Überlebensprogramm fährt, welcher Zweckbegriff natürlich nicht empirisch ist, aber in seiner Wirksamkeit erkannt werden kann!? Siehe folgenden Link, abgerufen am 26. 11. 2015. Das Folgende ist  alles Zitat aus dieser Homepagestelle: 

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02.11.2015 – EVOLUTION: ZUFALL ODER VORHERSEHBAR?

Frankfurt, den 02.11.2015. Wissenschafter des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt haben einen weiteren Beweis für die Evolutionstheorie der Kontingenz erbracht. Anhand von zwei Populationen des Atlantik-Kärpflings zeigen sie, dass diese sich jeweils durch eine andere zufällige Reihenfolge von Mutationen an ihre lebensfeindlichen Habitate anpassten. Die Fische bevölkern Gewässer mit einem hohen Gehalt des hochgiftigen Schwefelwasserstoffs. Die Studie ist kürzlich online im Fachjournal „Molecular Ecology“ erschienen.

Die kleinen Fische der Art Poecilia mexicana sind ein Beleg für eine große Theorie. © Pfenninger

Schwefelwasserstoff (H2S) ist ein giftiges und übel riechendes Gas, das für den charakteristischen Gestank fauler Eier sorgt und schon in geringen Konzentrationen tödlich sein kann. In den Quellgewässern vulkanischen Ursprungs Tacotalpa und Puyacatengo in Mexiko liegen die Konzentration von Schwefelwasserstoff bei bis zu 190 Mikromol.

Dennoch sind diese Gewässer besiedelt: „Der Atlantik-Kärpfling (Poecilia mexicana) konnte diesen – eigentlich tödlichen – Lebensraum durch eine Veränderung seines Erbgutes für sich beanspruchen“, erklärt Prof. Dr. Markus Pfenninger vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und ergänzt: „Wir haben die Genome von zwei unabhängig voneinander entstandenen Populationen der Süßwasserfische und deren Anpassung an die hochgiftigen Schwefelwasserstoffhabitate analysiert“, erläutert er.

Dabei hatte das internationale Team rund um den Frankfurter Wissenschafter nicht weniger als die Klärung einer der großen Fragen in der Evolutionsforschung im Sinn: Ist die Entwicklung des Lebens zu einem gewissen Grad vorhersagbar oder purer Zufall?

Unsere Ergebnisse stützen sehr stark die Kontingenztheorie, welche besagt, dass der Weg, den das heutige Leben auf der Erde genommen hat, überwiegend durch Zufälle bestimmt wurde und nicht zwangläufig wieder so verlaufen würde, wenn man die Erdgeschichte ‚zurückspulen‘ würde“, legt Pfenninger dar. Die beiden an die schwefelwasserstoffhaltigen Gewässer angepassten Fischpopulationen ähneln sich zwar in ihrem Aussehen und ihrer Ökologie sehr stark, haben aber eine komplett unterschiedliche DNA-Basis. Der Evolutionsforscher erläutert: „Die Anpassung an den Lebensraum hat sich – durch jeweils andere Mutationen des Erbgutes – unabhängig voneinander entwickelt. Die Fähigkeit diesen Lebensraum zu besiedeln, ist demnach kein ableitbares Merkmal dieser Art, sondern jeweils eine einzigartige Anpassung. Die Fische hatten die ‚Wahl‘: Anpassen oder Sterben. Wären die Umstände andere gewesen, hätten sich die Fische auch anders entwickelt.“

Vertreter der Gegenhypothese – der Konvergenztheorie – gehen davon aus, dass bestimmte evolutionäre Entwicklungen, wie beispielsweise Flügel oder Intelligenz, zwangsläufig im Laufe der Evolution auftreten mussten. Dabei gehen sie davon aus, dass man aus bestimmten Anfangsbedingungen auch den „Ausgang“ der Evolution vorsagen kann.

Oberflächlich betrachtet ähneln sich die Atlantik-Kärpflinge sehr. Wir haben mit verschiedenen genetischen Methoden aber gezeigt, dass die Atlantik-Kärpflinge sich immer mehr unterscheiden, je tiefer in deren Erbgut geschaut wird“, fasst Pfenninger zusammen.

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Mein Verständnis des Artikels, wobei ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich alles genau verstanden habe – weil mir a) einerseits die genetischen und biologischen Verständnismittel fehlen, andererseits b) sprachphilosophisch Welten zwischen biologischer und transzendentaler Erklärung eines Vorganges liegen – also mein Verständnis geht dahin: Durch die erzwungene Anpassung an das unwirtliche Habitat haben die zwei Populationen von Kärpflingen jeweils eine verschiedene DNA-Basis hervorgebracht, was anscheinend die Deutung zulässt, dass die Mutationen in den Genen (diese genetische Entwicklung) höchst zufällig verlaufen sind. („Kontingenztheorie“ – wie immer das jetzt genau aussehen mag.) 

Was wird hier wissenschaftlich genau ausgesagt? Erlaubt die Verschiedenheit der Gencodierungen schon die Bezeichnung „Zufall“? Auf der Ebene eines empirischen Denkens ist es eine Frage der Klassifizierung, was ich als Substanz und in notwendiger Entgegensetzung als Akzidens festsetze. Wollen die Wissenschafter jetzt die genetische Basis als Substanz ansehen, während die Umweltfaktoren akzidentiell sind? Sind die Gene vitalistisch begnadet? Das wohl nicht, eher umgekehrt:  Da die Umweltfaktoren die Gen-Substanz verändern, diese aber zufällig sind, ist der hinterstellte, substantieller Träger – und einen solchen braucht es, wenn man Akzidentien denken will – ein anonymer, zielloser, „evolutionärer“ Prozess. Er trägt alle Veränderungen und alle Akzidenzien.  

Die zeitliche Vermittlung zwischen zwei Erscheinungen (die Kärpflinge A und die Kärpflinge B)  lässt nach D. Hume kein propter hoc zu,  sondern nur ein post hoc.   Die Veränderungen geschehen in der Zeit, aber nicht durch die Zeit. Wie kann ich sagen, durch die Umweltfaktoren und im Laufe der Zeit sind die Gen-Veränderungen eingetreten? Ich unterstelle eine fingierte Substanz, die sich im Laufe der Zeit verändert hat, d. h. objektiv und realistisch im Zeitprozess sind die Veränderungen eingetreten. Dass die Veränderungen nur anhand einer gleichbleibenden Dauer einer Substanz abgelesen werden können, woher aber diese Dauer (der Zeit) kommt, das interessiert wohl eine „Kontingenztheorie“ nicht!? 

Ich halte es durchaus für möglich, dass genetische Mutationen  kausal nicht nachvollziehbar und keiner empirischen Prüfung zugänglich sind, das möchte ich niemanden vorwerfen. Und wenn sie natur-kausal erklärbar wären, würde das einen Evolutionisten überzeugen, der die Veränderungen letztlich doch durch einen akzidentiellen, unbewussten, evolutionären Prozess bewirkt sehen will? Es kann doch nicht ein teleonomischer,  geschweige teleologischen Plan hinter diesem evolutionären Prozess stehen!?
Trotzdem ist mir das Eingeständnis der Nicht-Erklärbarkeit einer Veränderung, wie sie nach kausaler Naturwissenschaft notwendig ist, lieber, als den „Lückerbüßer-Gott“ des Zufalls einzusetzen! 

Das Wort „Zufall“ ist höchst mehrdeutig und widersprüchlich: Wenn alles zufällig wäre, könnte dieses „zufällig“ gerade nicht verstanden werden. Es gäbe keine Theorie zur Natur oder zur Gesellschaft, zur Empirie oder zur Geschichte,  denn es gibt ja kein unwandelbares Wissen darüber, keine substantielle Basis wissenschaftliche Allgemeinaussagen oder Wahrscheinlichkeiten über die wechselnden Zustände und Erfahrungen. Wenn alles „zufällig“ wäre, gibt es keine Zufälligkeiten mehr! 

Wenn „alles“  Zufall wäre, auch die modalen Denkbestimmungen, könnte die Verschiedenheit zweier verschiedener DNA-Basen bei phänotypisch gleich aussehenden Kärpflingen gerade nicht gedacht werden, weil ja die modal vorauszusetzende notwendige Allgemeinheit einer Kärpflingsart  gar  nicht mehr gegeben wäre. Wodurch würde Kärpflingsart A von Kärpflingsart B unterschieden?  Ein Vergleich wäre nicht mehr möglich.  Es ist eine transzendentale, platonische Wahrheit: Das apriorische Vorwissen ist Bedingung der Möglichkeit eines bestimmten, differentiellen Wissens, d. h. hier das apriorische Vorwissen einer Gattung. Im konkreten Fall und bei diesen Beobachtungsbedingungen: Wenn ein fester Wirkungszusammenhangs von Genetik und Umwelt nach wie vor geglaubt und behauptet wird,  sozusagen ein empirischer Wirkungszusammenhang, muss auch (apriorisch) die substantielle Vergleichsbasis von Kärpflingsart A und Kärpflingsart B bleibend vorausgesetzt werden, sonst kann gar nicht gemessen und der genetische Code  gar nicht analysiert und verglichen werden. Wie kann aber plötzlich von einer  naturkausalen Erklärungsart eines Wirkungszusammenhangs von Genetik und Umwelt auf eine  hermeneutische Ebene  des Zufalls  gewechselt werden, wenn es doch substantielles, apriorisches Vorwissen ist?

Aufgrund des platonischen Vorwissens tragen die evolutionären Naturforscher die notwendigen Allgemeinheit  in sich, springen aber dann auf eine andere Begriffsebene, um zwanghaft  zu einem Abschluss ihrer Erklärungen zu kommen.  Die genetischen  Veränderungen, wie oben das Beispiel mit den  Kärpflingen im giftigen Habitat anscheinend beweisen sollen, legen Zeugnis ab, dass es keine feste, substantielle Struktur gibt, die zur Gattung der  Kärpflinge führt, sondern zufällig ist deren Struktur – und mit  Struktur meinen sie die materielle Basis.  Die Art des Kärpflings besteht aus einer materiellen Substanz – und im Laufe der Jahrmillionen würde  nicht mehr von zwei verwandten Arten von Kärpflingen gesprochen werden,  sondern von gänzlich verschiedenen Fischen, wenn die Entwicklung in den verschiedenen Habitaten so lange beobachtet werden könnte und so weiterginge. Die substantielle Art des Kärpflings – wie alle Arten! – sind evolutionär entstanden, zeitlich variabel – und eine von Anfang an festgesetzte Wesenheit eines Kärpflings, die aber apriorisch vorausgesetzt wird, um vergleichen und bestimmen zu können, gibt es nicht.  Das ist Trickserei!

4) Von der „zufälligen“ Lektüre eines Chemikers andersherum belehrt, siehe, da werde ich in meinem Anspruch, dass es in Sachen Naturvorgänge nur natur-kausale Erklärungen geben kann, nicht hermeneutisch-zufällige Deutungen,  nicht enttäuscht.  Der Chemiker G. WÄCHTERSHÄUSER beschreibt im angegebenen Artikel in der Debatte der Bayerischen Akademie, die Möglichkeitsform, wie es zur Entstehung des Lebens gekommen sein könnte, und resümiert (Günter Wächtershäuser, Zur Debatte, 6/2015, S 12. Diese extreme Beschränkung der chemischen Möglichkeiten (sc. dass Leben entstehen kann) nach festen Gesetzen der Chemie führt uns zu einem überraschenden Schluss: Die Ursprungs-Evolution des Lebens ist chemisch einzigartig, vorbestimmt und gerichtet. Damit ist der Gang der frühen Evolution kein Ergebnis des Zufalls, sondern Folge eines ewigen, universellen Gesetzes der Chemie. (Hervorhebung von mir) “

Wenn ich auch nicht die Entstehung der Kohlenstoff-Fixierung verstehe, verstehe ich, dass eine naturale Erklärung nur nach notwendigen und wahrscheinlichen Gesetzmäßigkeiten verlaufen kann, wenn sie denn überhaupt eine naturwissenschaftlich befriedigende Erklärung sein soll. Das ist korrekt! Die Erklärung des Chemikers gibt wenigsten über seinen Standpunkt der Reflexion Auskunft: Es ist a) der Standpunkt der empirischen Beobachtung chemischer Gesetze und Synthese-Möglichkeiten – und da gibt es b) nachweisbar keine „zufälligen“ Erklärungen. Die Erklärung eines Stoffwechsels mit „Produkt-Katalysator-Kopplungen“ (siehe dortige Anm., ebd.) sind empirisch bestätigbar und sind höchst eingeschränkt und empirisch vorbestimmt und gerichtet.

Von den chemisch-physikalischen Gesetzen, die einzigartig und vorbestimmt und gerichtet das Leben entstehen lassen, zur 2. Stufe der genetischen Codierung zu kommen, verlangt wiederum eine anschauliche Einheit des Wissens, wenn auch die Entstehung und Weitergabe der Information in den funktionalen Proteinen und Genen äußerst kompliziert ist. Auch auf dieser 2. Stufe des Lebens und der genetischen Mechanismen – wohlgemerkt bereits im spezifischen Modus der vorausgesetzten sinnlichen Natur – kann es keinen „Zufall“ geben, denn dann käme es zu keinem Leben und zu keiner distributiven Einheit einer lebendigen Zelle.

Die genetische Maschinerie zeigt sich uns somit als biochemischer Zufallsgenerator, erfunden vom Leben selbst zum Zwecke einer effizienteren Anpassung an die chemische Umwelt.“ (WÄCHTERSHÄUSER, ebd).

Der Chemiker verwendet hier notwendigerweise eine teleonomische Erklärung, um überhaupt eine Erklärung geben zu können: Warum funktioniert der „Zufallsgenerator“? Die aus der Vernunft selbst stammende Antwort kann wohl nur sein: Damit das Leben sich effizient anpassen und überleben kann. Apriorisch wird gesetzt und gewusst, was Leben meint: eine distributive Einheit eines Selbstzweckes, eine Selbstbegründung im Streben und im Trieb. In dieser zweckgesteuerten Einheit einer oder mehrerer lebendiger Zellen kann es selbstverständlich keinen Zufall geben, weil sonst der Begriff Leben selbst hinfällig wäre. Wie könnte ich  noch anzunehmen, dass ein organischer Zusammenhang und ein organisches Funktionieren in der lebendigen Natur plötzlich zufällig sein soll? Ich müsste den Begriff des Lebens völlig missverstehen! Ich müsste  abstrahieren vom funktionierenden System der ganzen Natur, müsste abstrahieren vom System einer einzelnen distributiven Einheit einer lebendigen Zelle und eines ganzen Zellverbandes und einer ganzen Organisationgruppe – ich müsste abstrahieren von jeder begriffenen Anschauung, bis überhaupt keine Lebenseinheit mehr besteht – dann kann ich aus analysierten Eigenschaften, die zufällig sich einstellen, das Leben wieder zusammenbauen mittels zeitlichem Prozess? Der zeitliche Prozess haucht aber kein Leben ein, wenn es nicht schon vorher drinnen ist.  

Der Chemiker schreibt bezeichnenderweise: „Es muss derzeit offen bleiben, ob und in welchem Maße diese Überleitung (sc. von den chemischen Grundelementen) zu einem indirekten Evolutionsmechanismus Produkt des Zufalls ist oder selbst wieder Folge der ewigen, universellen Gesetzes der Chemie.“ (ebd.)

Es ist mir einleuchtend, in einer naturkausalen Theorie der Fortentwicklung des Lebens nicht zu einer letzten Erklärung des Warums dieser Erklärung zu kommen, deshalb drückt der Chemiker sich etwas ungenau aus („es muss offen bleiben….), aber er bekennt wenigstens seine Nicht-Erklärbarkeit, weil er eben nur auf empirischen Basiselementen aufbauen will. Dass er aber dem „Zufall“ das Wort redet, das kann ich nicht herauslesen.  

5) Das Wort „Zufall“ und der Gebrauch des „zufällig“ – wie kann diese Redeweise dem reflexiven Denken nach verstanden werden?

a) Sie kommt notwendig vor  im modalen Gebrauch des Denkens. Im existentiellen Denkvollzug werden verschiedene Modi gesetzt: Die Substanz wird als notwendig gedacht für ein Akzidenz, das im Gegensatz zur Substanz als zufällig bestimmt ist. Die Zufälligkeit der Akzidentien kann in weiterer Folge aber nur gedacht werden, weil bereits mehrere Akzidentien als Erscheinungen gegeneinander abgegrenzt werden. Das Bewusstsein muss qualitativ verschiedene Empfindungen haben, die durcheinander bestimmt werden können, damit Akzidentien von der Substanz abgehoben werden. Erst durch Akzidenzien entstehen Realitäten.
Wird das auf die Anschauungsform der Zeit umgelegt, so muss als Substanz die Dauer des Ichs  vorausgesetzt werden,
auf die die Akzidenzien der Veränderungen treffen. Für dieses wahrnehmende Ich, als Substanz gedacht, sind die Akzidentien (Hemmungen) zufällig. Wie möchte an sich, unabhängig vom Bewusstsein, ein „zufälliger “ Prozess erkannt werden? Nur In Beziehung auf das reflektierende Ich kann semantisch korrekt von „zufällig“ gesprochen werden, in einem abgeleiteten Sinne, dass Objekte angenommen werden, die als Substanz mit Akzidenzien in Verbindung gebracht werden (grundbestimmt, weiterbestimmt) werden.  Es gibt dann apriorisch gesetzte  Denkinhalte, die als notwendig oder als zufällig in ihrer Realität angesetzt werden. Noch weiter gedacht: Wird etwas Notwendiges und Zufälliges kategorial vereinigt gedacht, so ergeben sich weiteres die Bestimmungen möglich oder unmöglich.

Im spezifischen Modus einer vorgestellten und verobjektivierten,  sinnlichen Natur, will ich zu einem wirkursächlichen Zusammenhang und zu einer natur-wissenschaftlichen Erklärung kommen, wirken notwendige Substanzen und zufällige Akzidenzien aufeinander. Ich kann diesen Zusammenhang oft nicht durchschauen, notwendig ist die Substanz von zufälligen Akzidenzien bestimmt, aber deshalb ist der ganze Wirkungszusammenhang nicht selber „zufällig“. Nur in Beziehung und in der Vorstellung von Substanzen in plurali auf der Objektebene gelten  die Modalitätsbestimmungen notwendig, zufällig, möglich, unmöglich; sie gelten in abgeleiteter, spezifischer Form, aber nicht metaphysisch, an sich.

Wir haben keinen Einblick in das „Ding an sich“ und ihren wirkursächlichen Substanz-Akzidenz-Zusammenhang. Wir haben die Denkkategorien der Modalität bloß übertragen – und in weiterer Folge durch die Reflexionskategorien schematisieren wir die Begriffe auf die Anschauungsformen von Zeit und Raum. Eine Veränderung und Bewegung und  eine vorgestellte Entwicklung („Evolution“) auf der Objektebene entsteht. Im Ganzen gesehen – was natürlich eine genauere transzendentale Ausführung dieser Erkenntnislehre verlangen täte! – wird die  basale Empfindung (Gefühl) in einer existentiellen Selbstbestimmung durch die Einbildungskraft und durch das Denken weiterverarbeitet.
Die Modalitätskategorien dienen zum Begreifen und Beschreiben der Objektebene und der Objekte in plurali auf sinnlicher Ebene; aber auch auf der Subjektebene der existentiellen Selbstbestimmung wiederholen sich die Modalitäten wirklich, notwendig, zufällig, möglich und unmöglich. 

Die Hemmungen, die auf das lebendige, substantielle Bewusstsein treffen,  erhalten durch das zeitliche Werden im Bewusstsein und durch dessen wirkliches Handeln und Wollen  selbst den  bezeichnenden Charakter der „zufälligen“ Hemmungen. Sie sind „zufällig“ auftretende Hemmungen für eine freie Selbstbestimmung in einem selbstbewussten Akt auf der Erscheinungsebene des realen Lebens, und sonst wären  sie keine zufälligen Hemmungen.
Die als „zufällig“  apostrophierten Hemmungen sind damit nicht irrelevant:  Für das praktische Wollen und Handeln (im engeren Sinne) sind sie sogar notwendig und regulativ bis konstitutiv zweckhaft. Sie sind (durch Übertragung und Veräußerung) selbst Träger eines intentionalen Wertes und lebensrelevant und notwendig. Durch die Schnittstelle meines Leibes bin ich anwendungsbedingt notwendig mit der sinnlichen Welt verbunden. Ich  bin selber Teil dieser sinnlichen Natur, und kann existentiell gerade nicht die Welt und alle Gesetze in ihr ausblenden, und alles relativieren und als nebensächlich erklären. Wie ich nun die Welt in ihrem Dasein und ihrem Entstehen und Vergehen erkläre, bin ich selber in dieses Dasein und Entstehen und Vergehen eingebunden. Ich interpretiere eine Entwicklung und eine „Evolution“ hinein, und erkläre mich deshalb, was meine physische Natur betrifft, ebenso als durch diese und jene Entwicklungsmerkmale bestimmt. 

b) Zurück zum Kärpfling: Wie ich in meinem Wollen und Handeln die prästabilierte Aussenwelt leiblich (und letztlich transzendental notwendig aus dem universalen Lebensbegriff bzw. Vernunftbegriff)  einplane  – wobei ich mich manchmal irren kann – so kann ich das funktionierende Leben eines anderen Lebewesens (wie mich)  analog nur so ansehen, dass dieses auch die Aussenwelt einplant und sich als Substanz an die Umweltfaktoren notwendig anpasst zwecks Überleben. Dass die äußere Anpassung auch genetisch durchschlägt, warum nicht, wenn auch bio-chemisch nicht einsehbar? Und ist diese organisierte Leiblichkeit (ohne der menschlichen Artikulationsfähigkeit) von außen her als „zufällig“ geworden erkennbar und bestimmbar? Zufällig ist in diesem Anpassungsprozess wohl nichts! 

c) Ich möchte über die Modalität des Denkens hinaus schlussendlich  zu einer  epistemologischen Herleitung des Wortes „zufällig“ kommen.  Ich verweise hier auf diverse Aufsätze von K. HAMMACHER (siehe Anmerkung). Der Begriff „Zufall“ kommt – wie alle kategorialen Bezeichnungen des Verstandes – aus dem praktischen Streben und dem praktischen Bedürfnis der Vernunft. Genau genommen entstammt er dem Bereich des Interpersonalverhältnisses und einer darin zu findenden Unterscheidung. Im Unterschied zu kausalmechanischen Prozessen in der sichtbaren Natur, in der wir Wirkung und Ursache in einem gleichen modalen Gesetz der Notwendigkeit synthetisieren, hinterlegen wir nämlich in einem freien Vernunftverhältnis von Person zu Person keine, oder sagen wir vorsichtiger, nicht nur, notwendige Determination, sondern eine Aufforderung und eine Absicht. Von der Aufforderung und der intentionalen Absicht müssen wir in der höchsten Form der Erkenntnis eines anderen ausgehen, wodurch sich aber eine erkennbare Differenzierung auftut: Die Handlungen des anderen sind nicht so gleich möglich, wie wir die Geschehnisse in der übrigen sinnlichen Natur für möglich halten. Der andere/die andere  könnte sich auch zufällig anders verhalten. Hier vergeben wir die Auszeichnung „zufällig“ epistemisch berechtigt. Der andere handelt zufällig so, begründet in seiner Freiheit; der Kärpfling und die ganze sinnliche Natur handelt nicht zufällig so, sondern teleonomisch. Da wie dort ist aber der „Zufall“ nur eine Erklärungshilfe für einen modalen Denkzusammenhang bzw. für ein teleologisches Handeln. 

© fr.strasser@eduhi.at. 26. 11. 2015

Literatur: REINHARD LAUTH, Naturlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg 1984.
GÜNTER WÄCHTERHÄUSER, Zur Debatte, 6/2015, S 12.
KLAUS HAMMACHER, Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte (= Fichte-Studien-Supplementa, Bd. 7), Amsterdam, Atlanta, 1996.
GERHARD SCHURZ, Evolution in Natur und Kultur, 2013.
http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution
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1 Gerhard Schurz, Evolution in Natur und Kultur, 2013.„Unter Entwicklung verstehen wir jede nachhaltig gerichtete Veränderung von Realsystemen in der Zeit“. (ebd. S 3).  In der Fussnote erläutert er nochmals den Entwicklungsbegriff: „Veränderung ist somit ein noch allgemeinerer Oberbegriff; nicht jeder Veränderung ist als Entwicklung, d. h. als nachhaltig gerichtet zu bezeichnen.“ (ebd. S 3)

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

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