Zur Frage der Priesterweihe von Frauen – 5. Teil. Der Begriff der Repräsentation.

In der WL 1804/4, die FICHTE 1805 in Erlangen gehalten hat, 1 kommt sehr oft das Verhältnis Absolutes und Wissen, Absolutes und Existentialform, Absolutes und Ich-Form, zur Sprache. Hochinteressant! Ich suche jetzt in diesem Zusammenhang nach dem Gebrauch des Wortes „Repräsentation“, ob dieser Begriff tauglich wäre, ein gefragtes Verhältnis Gott und Mensch auszudrücken – sei es für ein säkulares oder ein kirchliches Amt.

Für das Verhältnis Gott/Mensch, ganz allgemein gesagt, stimmt wohl der Begriff der „Repräsentation“ gemäß Gen 1, 26a. „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Als „Bild Gottes“ in genetischem Rückbezug „repräsentiert“ jeder Mensch kraft seiner Vernunftnatur eine Teilwirklichkeit der apriorischen Vernunftoffenbarung. Gilt das ebenfalls, wenn der Mensch ein säkulares oder kirchliches Amt bekleidet, sodass gerechtfertigt gesagt werden kann, er repräsentiere eine Gesetzesordnung oder einen Gehalt der positiven Offenbarung?

1) Es lassen sich viele Stellen späterer WLn Fichtes als ein scharfsinniges Fragen nach dem Verhältnis Absolutes und Ich-Begriff (Wissensbegriff) finden – und eindeutig wird, soweit ich das bisher verstanden habe, vom reflexiven Wissen her eine Beziehung zum Absoluten für nicht möglich gehalten. Wir haben keinen Begriff vom Absoluten und können von Seiten des reflexiven Wissens das Wesen Gottes nicht einholen. Ich nehme nur fünf Passagen aus der WL 1804/4 (in Erlangen 1805 gehalten) heraus, in der das reflektierende Wissen auf eine Negationsdialektik der Einsicht in das Wesen Gottes hinausläuft. Was wir von Gott wissen können, ist nur der Begriff eines ausgeschlossenen Negativen, das, was Gott nicht ist und der Begriff nicht erreicht.

Ergo, so jetzt meine Schlussfolgerung, kann nicht unbedarft von einer „Repräsentation“ Gottes gesprochen werden, so geradehin, einfach metaphysisch.

Allerdings ist es anders, wenn der Begriff der Repräsentation rückbezogen wird auf eine positive Offenbarung, die ja in praktischer und geschichtlicher Weise schematisiert werden soll. Eine schematisierte Bildordnung einer sakramentalen Heils- und Sinnordnung bleibt zwar ebenfalls nur Bild vom Bild des göttlichen Seins, ist aber begründet im Soll einer Aufgabe, die positive Offenbarung in ihrem Sinn- und Wertgehalt zeitlich zu realisieren und zu schematisieren.
Anders gesagt: Das in und aus der pos
itiven Offenbarung Gottes in Jesus Christus abgeleitete reflexive, gebildete Sein ist ipso facto ebenfalls nicht direkt eine Einsicht in das göttliche Sein und Wesen JESU. Eine Repräsentation“ des göttlichen Seins JESU CHRISTI kann es so wenig geben wie in der apriorischen Vernunftoffenbarung, weil ipso facto im Vollzug des Sich-Wissens und Sich-Bildens eine Bild des Bildes vom göttlichen Sein geschaffen wird, nicht das Bild des göttlichen Seins selbst.

Der Grund der erscheinenden und begegnenden Faktizität, sei es in Form der Natur oder des Rechts oder der Ethik oder der faktischen Religion, vermag nicht in der apriorischen Vernunftoffenbarung eingesehen zu werden, ebenso nicht der Grund der positiven Offenbarung in ihrer Erscheinung von Vergebung und Erlösung. Allerdings gibt es sowohl in der apriorischen Vernunftoffenbarung einen praktisch zu realisierenden Vernunfteffekt des göttlichen Seins – wie in der positiven Offenbarung eine praktisch zu realisierende Heils- und Sinnordnung in ihrer Schematisierung.

Die Freiheit würde sich in ihrem Handeln und Wollen widersprechen, wollte sie nicht a) die internen Gesetze der apriorischen Vernunftoffenbarung nachvollziehen, ferner b) die geschichtlichen Gesetze einer positiven Offenbarung nachvollziehen. Prioritär und zeitlich zuerst im Glauben und in der Begründung kommt dabei der Nachvollzug der positiven Offenbarung, insofern die Erkenntnis des göttlichen Seins hier von einem Ur-Bild der Vernunftoffenbarung ausgeht. Die positive Offenbarung begründet und rechtfertigt den Religionsbegriff – und nicht umgekehrt.

In eigenen Begriffen und Bildern soll die Freiheit nach dem Soll und Maß der apriorischen und positiven Offenbarung eine Heil- und Sinnordnung schaffen, so wie sie am besten verstanden werden kann. Die zu fassende, sakramentale Ordnung „wiederholt“ dabei nicht die apriorische oder positive Offenbarung, weil de facto die Freiheit die ihr vorgegebenen und sich wandelnden Tatsachen der geschichtlichen Stunde in das Verstehen und in die genetische Einsicht der positiven Offenbarung jeweils neu einarbeiten muss. Es entstehen neue Bilder und Begriffe, neue Ideen der göttlichen Sinnidee, immer aufbauend auf alten, schon bekannten Bildern und Begriffen und Schriften.

Diese neue Erschauung von Sinnbildern und Sinnideen verlangt eine große Gedächtnis- und Erinnerungskultur, Schriftkultur, die Einarbeitung gewisser anthropologischer Bedingungen, rechtliche und politische Erfahrung usw. Wir bewundern hier das Schrifttum der Propheten oder der Priester des Ersten Testamentes oder die Evangelien und die Briefe. Ebenso solche Texte wie die IGNATIANEN.

2) Die folgenden Passagen aus der WL 1804/4 sind für mich lehrhaft, insofern negativ festgestellt wird, die reflexive Wissensform („Ich“, „Ichheit“) erreicht nicht das Absolute. Einzig eine Selbst-Repräsentation Gottes gibt es in der positiven Offenbarung (siehe dann unten)

2. 1) In der 11. Stunde der WL 1804/4 GA II, 9, ebd., S 228 ff beschäftigt sich FICHTE intensiv mit der Frage, ob das Licht und die Existenz und das Wesen des Wissens Ausdrucksweisen, oder anders gesagt, „Repräsentationen“ des Absoluten sein können.

Das Licht ist die göttliche Existenz selbst, – wie wir vom Lichte aufsteigend <erkennen»; vielmehr aber, wie wir nun einsehen: die göttliche Existenz ist das Licht: und dies zwar also: das Licht ist nicht an sich, die «göttl».” Existenz selber, insofern wir eine solche Existenz noch späterhin zugeben werden; sondern es ist nur die Form, deri absolut nothwendige modus existendi der göttl. Existenz: erwiesen aus dem als. Eine Theorie des Wissens oder des Lichts wäre daher, dak hier die Folge eintritt[,] möglich, u. sie enthielte 1.). was aus dem Lichte als solchem folge 2) was daraus, daß es <nicht‘ an> sich Licht, sondern die göttliche Existenzfolge. 3.). da im wirklichen Seyn beides schlechthin unabtrennlich ist, in einer organischen Einheit des Daseyns, müste das wirkl. Seyn aus dem Begriffe dieser organischen Einheit beider abgeleitet werden. – . Beides daher zu vereinen“, beides auch rein abzusondern. Da standen wir: ich erkläre jetzo bestimmt, wie ich in der lezten Stunde schon andeutete, daß wir noch immer nicht bei’m reinen Grundbegriffe des Wissens angekommen sind; noch aufzusteigen haben. Dies zeigte sich in der lezten Stunde also: Das absolute war selbst Glied einer Relation, mithin gar nicht absolutes: —

(…) für eine Ergründung des Wissens in seinem wahren Wesen muß das Licht nicht in sich selber bleiben, sondern es muß ein Mittel finden aus sich selbst herauszugehen. — . Wir unseres Ortes wollen zunächst sehen, ob wir dieses Herausgehen faktisch vollziehen können, (….) das absolute als absolutes (nicht freilich material, sondern formal zu verstehen,) wollen wir ergreifen: u. zwar keinesweges in seinem innern Seyn, was uns wohl durchaus unmöglich seyn dürfte ohne es selbst zu werden“, sondern in seiner Existenz. Nun ist es offenbar also nur anzutreffen unmittelbar im Existiren, als kräftigem Leben, denn nur in dem ist es noch selber; in der Existenz, als abgeschloßenem Akte, ist es schon erloschen und lediglich noch in seinem Repräsentanten; es selber [-] u. in“ seiner unmittelbaren Anwesenheit“ [-] ist ruhend, u. tod – .(…)“(Alle Hervorhebungen hier und in folgenden Passagen von mir.)

Ebd. S 229.230

(….) Sonach ist das unmittelbare Existiren Gottes, in welchem allein wir ihn erfassen können, keinesweges das Licht in seinem Seyn; (…) denn in dieser Wechselbestimmung hört das Existiren auf Existiren zu seyn, und wird Existenz – sondern Gott existirt als Licht; u. Zwar als absolutes, sich selbst schlechthin erzeugendes Licht. . Nicht in, sondern als — Sein Existiren ist erzeugen des Lichtes. — . Absolute, sage ich; nicht in ihm selber, welche[s] ja das Licht? voraussezt. Bisher, vernichtet sich, erzeugt sich; ja oben drüber stehend, u. unvermerkt aus sich selbst das Gesez welches es ausspricht, hergebend, z. B. die Relation, das durch, wodurch uns eben, als ein nicht aufgegebnes Gesez, über dessen Nichtaufgeben wir uns hinterher historisch ergriffen, das absolute seine Absolutheit verlohr: – Daß wir sagten, wir könnten nicht anders sehen, kam in der That daher, daß wir eben nichts andres sahen, Drum war die Folge klar. — . Dort war Täuschung mit der Genesis.

Ebd. S 230-231

(…) Einsehen wollen wir ja das Absolute, schlechthin als solches; dies aber können wir nicht ohne zu sehen;“ ohne sehend zu seyn, u ohne eben daß wir Sehen seyen: Sehen aber bleibt absolut sehen, bestimmt durch seines Wesens Gesetze, welche eben geben, was sich soeben ergeben hat. — So verhält es sich hier. Wir kommen auf diese Weise schlechthin zu keinem absoluten.“

2. 2.) In der 12. Stunde wird dieses Verhältnis Absolutes/Wissen weitergeführt – und vernunftkritisch notwendig muss der Glauben hinzukommen. Ebd. S 233

(…) damit mir fernerhin die Sprache nicht ausgehe, lassen Sie die aufgezeigte absoute Reflektirbarkeit des Lichtes gelten als bloß faktisches Licht, d. h. welches wirklich ist, aber in Beziehung auf Wahrheit und Wesen durchaus Nichtig ist und nichts> gilt, – [/] u. setzen Sie dieses rein faktische Licht als Mittelpunkt zwischen der Anfoderung des Scheines, zu gelten, gegen die Wahrheit, u. der Wahrheit, zu gelten gegen den Schein; so wäre die Bestimmung dieses faktischen Lichts dem Schein zuwider die Wahrheit gelten zu lassen, ein absolutes, u reines Machen seines innern Wesens, schlechthin aus nichts, von nichts, und seinem eignen Wesen zuwider. Ein rein praktisches, reelles Machen, u anfangen aller Wahrheit durchaus per hiatum. Schlechthin frei,Ansicht nehmen, u Maxime machen, sich machen zu einem so sehen: aus keinem Sehen: indem alles andere Sehen das Gegentheil <aus> sagt“ – Nicht‘ gelten lassen: Wie nennen wirs? Glaube: sezt faktisches Licht durchaus leer», u. <nichtig: absolut aus u. von sich selber machend, das formale Quale (nicht das materiale, denn darüber wäre wohl noch mehr zu sprechen) (…)

Der Glaubes erschafft nicht das absolute: wäre wieder der erste Irrthum, dereinen neuen Glauben vernichtet werden müste, daß daher der erste Glaube nicht der absolute Glaube gewesen wäre ; sondern ihm, als dem lezten u. absoluten Fakto giebt sich das absolute: Er hebt in sich an vom Unglauben an sich selber; diese<m> giebt sich das Absolute, u. so erst wird er positiver Glaube. 2.). Der Glaube“ ist Unglaube an die absolute Reflektirbarkeit: er ist daher bedingt dadurch daß man diese, als absolut faktisch, erkenne, und als solche sie gelten lasse. (…)

2. 3) In der 13. Stunde kommt dann explizit der Begriff der „Repräsentation“ vor. Es hat zuerst den Anschein, als ob das Absolute im Als-Begriff zu fassen wäre. Dies wird aber abgewiesen. Sehr interessant ist, dass der Begriff der „Genesis“ aber eine „Repräsentation in ihm selber“ erlaubt. Ist nicht das das Urbekenntnis des christlichen Glaubens, dass nur die positive Offenbarung in JESUS CHRISTUS das Urbild und das wahre Bild vom Bilde des Seins repräsentiere? Die anderen Formen der „Repräsentation“ lassen sich somit nur durch und aus der Begründungsform der Ur-Repräsentation JESUS CHRISTUS ableiten?

Ebd. S 240, 241.

(….) also in absoluter Einheit des Intuirens, u Intelligirens, welche hier erst erzeugt werden; drum objectiv, u. eben drum in der Form des als; oder in der Form des als, u. drum objectiv. Das hier erscheinende Absolute, ist daher wirklich nicht unmittelbar das absolute, sondern es ist nur in seiner Repräsentation; u. es ist wirklich objektivirt; u. wir bedürfen es nicht weiter, die Gültigkeit” davon durch einen Glauben niederzuschlagen, sondern wir können es gestehen, u. anerkennen, denn wir haben es erklärt: – es ist repräsentirt, u. objectivirt, nicht weil das absolute repräsentirt pp sondern weil das Licht sich selber repräsentirt u. objektivirt werden muß, u. vermittelst pp. Das wahre Absolute <in  seiner Unmittelbarkeit haben wir jezt wo anders, in A. – u. zwar in der reinen absoluten Genesis, Genesis sage ich von A. –. Wie nun* aber A. zu einem selbst ständigen Seyn in sich selber komme, aus welchem doch allein erst seine Repräsentation in ihm selber, u. aus dieser die des Absoluten folgt, wissen wir dermalen selbst noch nicht. — Es ist hier noch eine Lüke zu deren Anerkenntniß ich Ihnen oben, durch die Nachweisung einer unvermerkten Erschleichung geholfen habe. (….)

Vorbereitende Aussichten, damit ich Sie doch nicht ohne neues entlasse: Das Selbständige Seyn des A. giebt ihm offenbar die objective ExistentialForm in die es aufgenommen ist. Wie ist es denn zu dieser Form gekommen? Ist wohl einerlei mit der Frage: wie sind wir denn zu demselben gekommen; denn so wir zu demselben  kommen, kommt es eben‘ Uns gegenüber in diese Form. Antw.: Durch den Glauben. Er giebt diese Form, unmittelbar durch sein faktisches seyn, durch sich selber, als Faktum; ohnerachtet er freilich an das Produkt“ dieser Form als solcher nicht glaubt, weil er sodann eben nicht Glaube wäre, u. das Absolute gar nicht hätte. Er giebt diese Form, diese Form aber giebt selbstständiges Seyn, mithin ist er es der pp. Er hält sich,‘ nicht glaubend an das wirkl.” Seyn dieser Form, an das Resultat seines Formgebens, und giebt über demselben sich selbst sein Seyn, als das wahre, u. höchste Seyn; wovon das andere nur das vermittelte, an welches er daher ohne Zweifel nicht glaubt, da er an den Grund desselben, die Form, nicht glaubt: Ferner: was ist, das dieses Formgeben unabtrennlich, als sein Neben, u. Wechselglied mitbringt, oder von ihm mitgebracht wird? Antw. Die absolute Reflektirbarkeit, das Wir, oder Ich: und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/]” W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten  werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten. Gegen diese glänzende Aussicht kann bloß folgender Umstand uns verdächtig machen. Bis jezt erscheint der Glaube noch immer als etwas, das seyn kann, oder auch  nicht: mithin auch das Ich, <in> soferne: Zwischen ihm, u. dem absoluten ist selber noch eine Lüke. (….)

Es ist m. E. bemerkenswert, dass FICHTE die Geltungsform des „Ich/der Ichheit“
a) als Wir-Reflektierbarkeit einer universellen Vernunft sieht, ergo erst in einem Interpersonalverhältnis die Frage der Repräsentationsmöglichkeit des Absoluten überhaupt auftauchen kann. Eine direkte, individuelle Repräsentation kann nur dem Offenbarungsträger selbst zukommen. Einem einzelnen, für sich stehenden Individuum, dass angeblich prophetisch das Wort Gottes empfängt und dann weitergibt, kann es nur insofern zukommen, als die größere Idee einer Interpersonalität darin liegt. Ein „Prophet“, der diese universale Perspektive der Rettung nicht kennt, ist ein Lügenprophet.

b) Die Einheit von Intuieren und Intelligieren, die Lichtform selber, ist in ihrem Inhalt selbst nur durch „Glauben“ fassbar. Der Glaube „(…) giebt diese Form, unmittelbar durch sein faktisches seyn, durch sich selber, als Faktum; ohnerachtet er freilich an das Produkt“ dieser Form als solcher nicht glaubt, weil er sodann eben nicht Glaube wäre, (…)“.

Prinzipiell c) kann die Geltungs-Form „Ich/Ichheit“ als Form nicht selbst den transzendenten Geltungsinhalt des Geltungsgrundes offenbaren – „ und so würde denn das Ich, u. zwar das absolute des Glaubens, oder der [/]” W. L. zum unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten  werden; u. die Anschauung u. das Intelligiren des Absoluten als Absoluten nur zu seinem, des Ich, Repräsentanten, freilich in Beziehung auf ihn zum absoluten Repräsentanten. Gegen diese glänzende Aussicht (…)

2. 4) Der 14. Vortrag steigert das Problem einer Repräsentierbarkeit des Absoluten im Ich-Begriff. Die Geltungsform „Ich“ , die als aussichtsreichster Kandidatin übrig geblieben ist, ist eine unsichtbare, reine Form.

In Begriffen der christlichen Trinitätslehre drücken wir bildlich das als Kraft und als Licht und Wirken des HEILIGES GEISTES aus. Aber weit gefehlt, dass wir mit der Geltungsform „Ich“ schon eine Repräsentation des Absoluten oder des Hl. GEISTES gefunden hätten. Die Geltungsform zeigt sich, das ist jetzt neu und deutlicher zu sehen, als Leben, als Tätigkeit. Das Absolute ist „es lebt in uns“ – aber ist nicht Begriff.

Ebd. S 243:

Unsere überhaupt höchste, u. dermalen uns auch am nächsten liegende Aufgabe ist so gefaßt: den unmittelbaren Repräsentanten des Absoluten, eben als Absolut, in seiner wahren, nie sich wieder auflösenden Absolutheit zu finden: – auch, den unmittelbaren Berührungspunkt des absolut existirenden, mit der Existenz, in der Existenz selber. Das Ich, das durch Glauben vermittelst des Nichtglaubens an seine Form, das absolute ergreift. — . Erfodert nur noch den Beweiß, daß das absolute als absolutes, schlechthin nothwendig in dem göttlichen Exisieren vorkommen müsse. (…)“

Ebd. S 244

[* am Seitenende unter einem durchgehenden Strich:] NB. E«r» existiret nicht  ei[nmal] alsLicht, sondern er existiret als Ich, u. erst vermittelst des Ich im Lichte. Das Ich erst, als absolut u. rein praktisches Princip projiciret alles Licht. Das Ich ist der <unmittelbare Repräsentant der Urrealität, u. selbst die absolute Realität. – . Selbst unser dermaliges Absolutes wird als ein Begriff anerkannt wer den; denn das absolute ist nicht als Begriff, sondern als unmittelbare Realität im Ich, als seiner Form: Es lebt in uns.

Ebd. S 245

-. Kommt (sc. das Wesen des Wissens, eine dem Intelligieren mögliche Intuition) als solches schlechthin in keinem anderen Wissen, Repräsentation, intelligirendem Bilde vor: = unbegreiflich, unerforschlich: real, oder praktisch. . . Sich Projektion, absolute in seinem Wesen = Ich: also, ein absolut unerforschliches, reales  Ich. -. Sie sehen wohl, daß hier, wo die Sprache sehr zu Rathe gehalten werden muß, die treffenden Ausdrüke die nicht treffenden corrigiren sollen: reales, die Sich  Projection, nicht «etwa> Akt, den eben die Repräsentation sezt, u. nur in ihr ist, sondern Stand, u. Seyn: projicirtseyn, u. nur in diesem Projicirtseyn seyn. – . Helfen Sie mit einem andern.: absolute Inversion, Rükkehr; auch nicht <als Akt, oder Veränderung von einem terminus a quo: Sondern seyn, nur in diesem Gekehrtseyn in sich selber, u. ausserdem gar nicht. in diesem formalen Wohnen in sich selber; nicht etwa daß es nur kein Ausserhalb seiner selbst, negative, sondern daß es durchaus u. energisch gefaßt sein> In[n]er halb seiner selbst sey – u, ausserdem ganz u. gar nichts.“ Der Begriff, u. seine nervi sind scharf ausgedrükt u. er ist zu fassen„: reales, reines Ich. (…)“

Es folgt der Begriff der Existenz, der notwendig aus dem Sein des Absoluten hervorgeht (ebd. S 246), aber sobald die Existenz in der Reflexionsform gefasst ist, ist es nicht mehr die Existenz des Absoluten, folglich kann „Existenz“ als solche nicht bloß theoretisch gefasst werden, sondern beruht auf ihrem praktischen Bezogensein zum Absoluten (zum Geltungsgrund).

2. 5) In der 15. Stunde (ebd. S 248 – 250) wird der enge Zusammenhang zwischen Existenz und deren Abhängigkeit vom Absoluten nochmals tiefer reflektiert.

Für den Begriff der „Repräsentation bleibt m. E. nur die Negation einer Erkenntnis Gottes bzw. eine behelfsmäßige Bildform des reflektierenden Wissens übrig. Das Wissen selbst oder die Ich-Form kann gerade nicht das Absolute repräsentieren!

Der Begriff „Repräsentation“ wird als solcher nicht abgelehnt, ja sogar nochmals hervorgehoben, aber in einem anderen Sinne: Repräsentieren kann sich das Absolute nur für sich selbst, nicht für uns. Aus dem Begriff einer „Repräsentation“, wie er im alltäglichen Leben z. B. der „Repräsentation“ eines allgemeinen Willens in einer „repräsentativen“ Demokratie vorkommt, oder wie er im kirchlichen Raume gebraucht wird, ein Bischof/Priester/Diakon repräsentiert „in persona“ die Gestalt Christi – das ist wohl immer mit einem großen Vorbehalt belastet, sofern die genetische Begründung und Bewährung nicht in einer entsprechenden Gedächtnis- und Erinnerungskultur und generell in einer Sinn- und Heilsordnung praktisch geleistet werden kann.

Es sind sehr schöne Stellen, wenn FICHTE von der Existenz spricht, vom Licht – aber das Absolute ist jenseits davon.

Ebd. S 248.249

(…) Anders: das Existiren ist nothwendig Existenz, hat seinen geschloßnen Modus; u. dies zwar ist es absolut durch sich selbst: ohne Vermittelung irgend eines andern Gliedes. – Dies ist dies an sich, selbst gebunden durch sich selbst. Existenz, nude et simpliciter ohne als. — . Jenseits tritt nun die Existenz, als solche, in der Relation ihres qualitativen Seyn, mit der Absolutheit, die dadurch selbst ein qualitatives Seyn bekommt, unter das Gesez des als überhaupt, das wir oben bewiesen haben. Diese Form ist nun die der Inversion, also des «o>ben beschrieben[en] reinen, u. realen Ich. Das göttliche Existiren, schlechthin unmittelbar, ohne als, ist zugleich Existenz; u. diese Existenz ist das absolut reale, unsichtbare, über alles Licht hinaus liegende, u. zwar in der Form des Ich: Das als ist die Exposition des innern Wesens durch das Ich, d«e>s in sich wohnen selber; hier erst beginnt das Licht, u. die Sichtbarkeit. —.. 

Oder fassen Sie dies von einer anderen, manchem vielleicht deutlicheren Seite, weil sie weniger unmittelbar ist, was aber hier nichts verschlägt: 1.). Durch das Existiren (welches gar kein anderes als das des absoluten seyn kann) ist das als desselben gesezt; u. dieses ist der Ursprung des Lichts; dieses als sezt voraus das sich fassen, u. da als selbst Ursprung des Lichts ist, ausserhalb allem Licht. Dies sezt nun freilich das stehende Seyn des Existirens voraus, u. damit nicht, wie vorher, nach dem Grunde dieses wieder gefragt werde, setze ich hinzu: dieses Seyn ist durch das schlechthin nothwendige als gleichfals nothwendig (Nachconstruktion, Vorconstruktion) <u zwar vor dem Lichte, u. ausserhalb alles Lichtes, nothwendig. Nun treten Sie in den Mittelpunkt dieses Processes, der von der Nothwendigkeit des als ausgeht: ich frage[:] ist das seyn durch das intelligiren, oder das intelligiren durch das Seyn? Offenbar keins von beiden, sondern das Ich ist das erste, u. dies ist selbst das  erste Produkt des Als, in freier Realisation gefaßt. Die Form des unmittelbaren göttlichen Existirens ist die Existenz, u. diese ist Ich. Das reine praktische Ich. Scharf gefaßt, (ebd. S 249) wie die Worte lauten. — . Es existiret <also nur in der Existenz[.] Sein (mittel bares[)] Existiren“ wird, als Existenz zu einem Faktum.

Es ist entscheidend für das Künftige, daß dieser Satz richtig gefaßt wird‘. Ich bediene mich darum aller Mittel, ihn auseinander [zu] setzen. Gehen Sie jezt also mit mir zu Werke: Unterscheiden Sie im göttlichen Existiren die innere bloße Form das <von>, daß er existire, u. damit gut: von dem Wesen des Existirens”, daß es eben ein Existiren ist, also ein quale, welches es ist nur im Gegensatze mit dem NichtExistiren, dem innern Seyn, und drum in Relation damit. Aus dem erstern folgt nichts,  u. es läßt damit sich nichts machen. Aus dem zweiten folgt das als, als die innere u. absolute Relation selbst, absolute in sich selbst, Intelligiren des absoluten Seyns, absoluten Existirens, im stehenden Verhältnisse beider. . Aus der Beziehung nun jenes Existirens, schlechthin: u. dieses seines Wesens aufeinander folgt das Ich, als rein” reales, schlechthin unerforschliches u, in keinem Lichte eintretendes; die Rükkehr in sich selber zuförderst des Existirens. – es ist ein. Ich dieses Existirens; sodann die Rükkehr des Absoluten selbst, unabhängig von seinem Existiren, in sich selber; es [/] ist ein Ich des absoluten. Dies leztere aber folgt aus dem erst«er»n dadurch, daß durch die erste Rükkehr, dem stehenden terminus a quo zur zweiten, das Existiren selbst ein stehender terminus a quo, also Existenz wird. 

Was ist diesem zufolge das Ich, an u. für sich, in seinem innern Wesen? es ist die Rükkehr des göttlichen Existirens in sich selber, rein u. allein. Vermittelst dieses  seines Seyns, unmittelbar, u. ohne daß noch irgend ein Mittelglied dazwischen ein treten könne, ist es das als Gottes, u. seiner Existenz, ist Intelligiren: also im eigent lichen Sinne d<a>s unmittelbare repraesentans, u. die Repräsentation Gottes. Wiederum ist es nur diese Repräsentation Gottes, keinesweges aber Gott selbst.

Es kann in ihm schlechthin weder das Existiren, noch das Existirende, sondern nur die Repräsentation vorkommen; u. was in ihm vorkommt, ist bloße Repräsentation, eben darum, weil es in ihm vorkommt. Es ist der selbstständige Grund der Repräsen tation [-] So ist es an u. für sich in seinem innern Wesen[,] seine«r> Qualität: u. es ist Qualität, denn es ist selber die Qualität des Existirens‘. Seinem eignen Seyn! nach aber ist es das göttliche Existiren selbst, als quale: u“ es ist in dieser Rüksicht  nicht der selb<stständiges Grund seiner selber, sondern Gott ist sein Grund: u es läßt sich drum nun auch sagen; Gott ist in ihm, vermittelst seines Seyns, dessen absoluter Grund er ist, <mi>ttelbar Grund des Repräsentirens: nicht, wie vorher, das Ich repräsentirt ihn, sondern er selber repräsentirt sich im Ich. In Summa: Gott

3) Es ließen sich jetzt noch mehr schöne Passagen der WL 1804/4 bringen, in denen der Begriff der „Repräsentation“ folgt, aber nie als Begründungsform einer Begriffsfolge aus dem Absoluten in einem faktischen Wissen. Das würde auf eine zirkelhafte Begründung und Anthropomorphisierung des Gottesbegriffes hinauslaufen. Die einzige „Repräsentation“ Gottes ist sein Existieren selbst, sein Leben – aufzufinden und zu suchen im real-praktischen Leben – und im Offenbarungsträger.

Der Begriff „Repräsentation“ ist so einerseits Negationsdialektik; andererseits von hoher Bedeutung und von hohem Wert, insofern Göttliches in ihm genetisch aufzuleuchten vermag, aber nur in dieser Funktion und mit diesem Sinngehalt einer differenten, praktischen Sinn- und Heilsordnung.

Ein Amt in einem Staate oder ein kirchliches Amt ist nicht schon durch bloße Beauftragung oder einen administrativen Akt (oder erblich) gerechtfertigt, sondern nur, wenn in diesem Akt eine genetische Geltungsbegründung mit entsprechenden inhaltlichen Vorgaben aufleuchtet und mitschwingt. Das wird ausgedrückt mit dem Begriff der „Weihe“. Ein Akt, der in seiner Evidenz dem Zugriff reflexiven Wissens entzogen ist.

Das „geweihte“ Amtsverständnis geht a) vom implikativen Sinn der positiven Offenbarung und b) vom appositionellen Zweck dieser Heils- und Sinnordnung aus. Wie und warum aber könnte ein absoluter, pertinenter Bestimmungsgrund einer ideellen Heils- und Sinnordnung nur durch das männliche Geschlecht repräsentiert werden?

Dem Hl. Ignatius/dem anonymen Autor/der damaligen christlichen Gemeinde ist wegen der männerspezifischen Hierarchie kein Vorwurf zu machen. Sie überlegten sehr gut, wie eine überirdische Sinnidee mit der damaligen Gegenwart und Situation zu vereinbaren wäre. Sie (oder der Autor) entschieden sich für diese Geltungsform, wie beschrieben, ziemlich einzigartig und unvergleichlich zur übrigen Umwelt – zu einer kirchlichen Hierarchie mit einem Bischof Priestern, Diakonen, noch dazu alle männlich!

Jetzt im Jahre 2022 die Heils- und Sinnidee neu auf die praktischen Voraussetzungen der Geltungsbegründung und auf die Ordination der interpersonalen und individuellen Wirklichkeit zu beziehen, relativiert nicht die unwandelbare Wahrheit der positiven Offenbarung, ist aber eine notwendige Fragestellung, die genetische Begründung der kirchlichen Hierarchie stets neu vernünftig zu durchdringen. „Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“ Röm 13, 11 – die Verbreitung der Evidenz und Entfaltung dieser Heils- und Sinnordnung ist eine Frage der Klugheit, der politischen Erfahrung, der appositionellen Entfaltung der positiven Offenbarung.

4) Die Intention der zu realisierenden Sinnidee von Erlösung (Vergebung) bietet im religiösen Bereich, wie gesagt, zugleich die Leistung,  weil Intention und Leistung von Gott kommen und in Gott garantiert sind. Das unterscheidet eine kirchliche Repräsentation wohltuend von der säkularen, staatlichen Repräsentation in einer Demokratie. M. a. W. der Geltungsgrund der intendierten Hoffnung und die Erfüllung dieser Geltung sind in Gott eins. Es kann von einer Rückbezüglichkeit des intentionalen Zweckbegriffes auf die Leistung ausgegangen werden, sprich, die Erfüllung von Glauben und Hoffnung ist in einer prinzipiellen göttlichen Liebe und Erlösung garantiert – während die Garantie in einer rein säkularen Demokratie notwendig prekär bleiben muss durch den defizienten Modus fehlerhafter Vernunftwesen.

Gerade diese Sinn-Idee einer geschenkten Erlösung muss in genetischer Erkenntnis dem Heiligen/dem anonymen Autor/der christlichen Gemeinde besonders vorgeschwebt sein, weil er/sie so stark von Rettung und Erlösung, von Einheit und Eintracht spricht – und von der Gefahr elitärer Gnostiker und anderer gefährlicher Situationen. Anders gesagt: Die Vernunft vergleicht im notwendigen Bezug auf die transzendentale Sinnidee jede Gefühls- und Werterfahrung in concreto nach einem sinnkritischen Maßstab, vergleicht jede Hemmung und Aufforderung auf ihre Qualität und Gewissheit und ihre bestimmte Wahrheit hin. Nur theoretisch eine Sinnidee zu entwerfen ist zwar unabsehbar möglich, aber damit wächst die Gefahr fehlender Bewährung, wächst die Einseitigkeit einer bloß theoretischen Behauptung und Ideologisierung von Meinung. Der Autor muss sinn-praktisch gedacht haben, weil er so auf die kirchliche Hierarchie pochte, und sinn-praktisch verstand er die Ämter „Bischof“, „Priester“, „Diakon“, die er so überschwenglich mit göttliche Begriffen überzog. Sie schienen ihm das beste Mittel, die neue Heils- und Sinnordnung zu etablieren. Die Genese ihrer Begründung aus der positiven Offenbarung stand für ihn fest – und deshalb die Metaphorik ihrer Beschreibung, obwohl sie doch schwache Menschen blieben.

5) Eigentlich besteht auch in einer „repräsentative Demokratie“ ein verborgener Transzendenzbezug und eine genetische Erkenntnis, andernfalls wäre sie unbegründet. Die juridisch angestrebte Idee eines Freiheitsrechtes jedes Bürgers („Urrecht“), weiters eines Eigentumsrechts, eines Schutzrechtes, eines Vereinigungsrechtes, kann vertraglich nur insoweit gesichert werden, als zugleich auch ein transzendenter, beständiger Wille vorausgesetzt wird, den aber die säkulare Rechtsordnung selber nicht bieten kann.

Anders gesagt: Der Geltungsgrund einer vertraglichen Einheit ist nur in und aus einer materiellen Einheit eines göttlichen Willens gesichert, ob das ausdrücklich bewusst ist oder nicht. Der Willensentschluss eines einzelnen oder eines parlamentarischen Beschlusses bliebe ohne diese (implizite) transzendente Garantie immer kontingent und prekär.

© Franz Strasser

  1. 1. 2022

1In: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Nachgelassene Schriften 1805-1807, Band 9. (abk.=GA II, 9)
Hrsg. von Reinhard Lauth und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Josef Beeler, Erich Fuchs, Ives Radrizzani und Peter K. Schneider. 1993.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser