Der Weg zur Transzendentalphilosophie – 1. Teil

Fragen der heutigen Leib-Seele-Forschung, Fragen nach dem Anfang der Welt, Fragen nach der Welterklärung (Stichwort: „Intelligent Design“), Fragen nach der Würde des Menschen angesichts vieler naturalistischer Theorien etc. lassen sich meines Erachtens nur von einem grundlegend transzendentalen Standpunkt aus lösen. DESCARTES, KANT und FICHTE stellen hier eine Wende dar. Wie kam es zur Transzendentalphilosophie?

„Hinter den großen spekulativen Systemen des 17. (17./18.) Jahrhunderts bleiben die metaphysischen Leistungen des 18. Jhd. weit zurück“, so die Sicht von Heinz HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967, 79.

Es hat sich in der Schule CHRISTIAN WOLFFS und seiner Schüler ein rationalistischer Begriff des Seins und des Wissens durchgesetzt, wodurch es allein genüge, die widerspruchsfreie Möglichkeit eines Begriffes zu denken, um sein Sein zu erkennen. Metaphysik, und damit die höchsten Dinge des Seins wie Gott, Welt, Seele, schienen als deduktiv-logische Systeme ausführbar und hatten ihre apodiktische Evidenz.

Die Frage, wie sich Begriffe auf Seiendes beziehen und wie Begriffe es in seinen Wesenszügen fassen, wurde nicht aufgeworfen. Jedes Moment inhaltgebender Anschauung wurde mehr und mehr aus dem Erkenntnisbegriff entfernt.

Die ontologischen Fundamentalprinzipien sind identisch mit denen der Logik, dem Satz vom Widerspruch und dem Satz vom Grunde. Sogar der Satz vom Grunde und in ihm das Kausalgesetz lassen sich noch vom Satz des Widerspruchs herleiten. Die Ontologie vermag den Grund des Seinssystems zu legen, es folgen die abgeleiteten Disziplinen: 1) Kosmologie als rationale, sich ablösend von aller empirisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis einzelner Naturerscheinungen ausgeführte Wissenschaft; 2) natürliche Theologie, vom Offenbarungswissen sich ablösende Wissenschaft und 3) rationale Psychologie, vom empirischen Beobachten des Psychischen sich ablösende Wissenschaft von der Seele.

In demonstrativer Form konnte das Dasein und Wesen Gottes, die immaterielle Substanz und Unsterblichkeit der Seele und die Erkenntnis der Welt dargelegt werden. Die Metaphysik, so schien es, ist in den gesicherten Zustand eines vollendeten oder doch leicht vollendbaren Wissenschaftssystem übergegangen.

Entwicklungsgeschichtlich sollte sich aber ab den 50-er Jahren des 18. Jhd. die Situation schlagartig ändern: Es treten CRUSIUS und KANT auf die Bühne.

HEIMSOETH stellt in den Mittelpunkt des Interesses der beiden Denker die Realität der menschlichen Willensfreiheit. Wo bleibt die Individualität und die Freiheit des Menschen, wenn alle Monaden religiös-teleologisch im Sinne einer prästabilierten Harmonie wirken bzw. alles, was geschieht, nach der Theodizee aufgelöst werden kann, wie LEIBNIZ lehrte? Und wo bleibt die einzelne endliche Substanz, wenn sie nur ein modus der einen göttlichen Substanz ist (SPINOZA)?

(Zu LEIBNIZ und SPINOZA siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz

http://de.wikipedia.org/wiki/Baruch_Spinoza )

Freiheit ist nach der rationalistischen Metaphysik etwas ganz und gar Irrationales. Ebenso tauchten andere Fragen auf, die unter dem Problem der Antinomien bei KANT später subsumiert werden konnten. Eine neue Forderung auf Kritik der erkennenden Vernunft, d. h. auf Festlegung der Grenzen menschlicher Erkenntnis und auf Sichtung ihrer Kriterien, stand im Raume. Die Erkenntnis der Wirklichkeit kann nicht auf eine logisch-deduktive Zusammenfügung von Begriffen reduziert werden?!  Was widerspruchslos gedacht werden kann, muss darum noch nicht wirklich oder auch nur real-möglich in der Weltwirklichkeit sein. Und was (momentan) nicht begriffen wird, muss deshalb noch nicht unmöglich sein. Wenn uns etwas undenkbar erscheint, so kann die Ursache in den Schranken des Verstandes oder in der Natur der Sache selbst liegen?!

Es ist m. E. HEIMSOETHS Verdienst, bei KANT sowohl den Unterschied zur rationalistischen Metaphysik wie die kritische Renaissance der Metaphysik herausgearbeitet zu haben.

Literatur: HEINZ HEIMSOETH, Metaphysik der Neuzeit, 1967.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.